Woher stammt die “Quarantäne”? Wie entsteht ein Schwarzes Loch? Warum fallen Wolken nicht vom Himmel? SWR Redakteur Gábor Paál und Gäste aus der Wissenschaft erklären im Wechsel jeden Tag ein kleines Stückchen Welt. Texte unter http://1000-antworten.de
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Warum frieren manche schneller als andere?
Jan 14, 2025
Show notes
Kälteempfinden: Muskeln, Haut und Fett spielen eine Rolle
Das Kälteempfinden hängt von vielen Faktoren ab. Einer ist der Körperbau. Wer kräftige Muskeln hat, friert nicht so schnell, weil die Muskeln, auch wenn sie nicht stark beansprucht sind, Wärme produzieren. Das ist auch ein Grund, weshalb tendenziell Frauen schneller frieren als Männer – sie haben im Schnitt nicht so viel Muskelmasse. Männer haben tendenziell auch eine dickere Haut – auch dadurch kühlen sie nicht so schnell aus. Ein anderer Faktor ist Fett: Ein Fettpolster hat eine isolierende Wirkung. Dickere Menschen haben bei Kälte also einen kleinen Vorteil.
Abhärtung: Kann man sich das Frieren abtrainieren?
Bis zu einem gewissen Grad schon. In Skandinavien oder Schottland sieht man häufiger Menschen mit kurzen Hosen und T-Shirts bei Temperaturen, bei denen das hierzulande eher unüblich ist. Wenn wir regelmäßig kalten Temperaturen ausgesetzt sind, bildet sich mehr Unterhautfettgewebe, dadurch werden wir weniger empfindlich. Auch regelmäßige kalte Duschen können einen solchen Effekt auslösen.
Hilft Bewegung gegen Frieren?
Auf jeden Fall. Bewegung hält warm. Also wer lange am Schreibtisch sitzt und anfängt zu frösteln, könnte mal die Treppe rauf- und runterlaufen oder einmal um den Block, das kann dann schon kurzfristig helfen. Ein bisschen Gymnastik oder Yoga helfen übrigens auch, wenn man abends im Bett kalte Füße hat – im Zweifel sogar besser als warme Socken.
Natürlich sollte man sich nicht verausgaben, denn die Muskeln produzieren bei Bewegung zwar Wärme, dadurch hört das Frieren auf. Aber der Körper gibt dann ja auch diese Wärme ab. Deshalb ist es auch hilfreich, wenn man sich mit Bewegung warmhält, darauf zu achten, dass die Wärme am Körper bleibt – also keine kurzen Sachen tragen oder sich, wenn man sich wieder an den Schreibtisch setzt, eine Decke über den Schoß legen. Aber grundsätzlich schützt Bewegung vorm Frieren – und das ist übrigens auch ein Grund, weshalb jüngere Menschen – vor allem Männer – oft nicht so schnell frieren wie ältere. Das klingt jetzt etwas klischeehaft, aber sie sind tendenziell „hibbeliger“, was die Muskeln eben auch aktiv hält.
Frieren wir mehr, wenn wir müde sind?
Ja, das ist so. Das liegt daran, dass der Körper dann auch etwas erschöpft ist und die Temperatur nicht mehr so gut reguliert. Zum anderen, dass er den Stoffwechsel insgesamt etwas runterfährt und dadurch eben auch weniger Wärme produziert.
Was kann man noch machen gegen das Frieren?
Die richtigen Stellen warmhalten. Die richtigen Stellen, das sind eben zum einen Rumpf und Oberschenkel – deshalb hilft die warme Decke auf dem Schoß. Zum anderen Kopf und vor allem Hals und Nacken: Denn dort haben wir die meisten Kälterezeptoren. Deshalb kann ein Schal oder Rollkragenpullover wirklich gegen das Frieren helfen. So wie umgekehrt bei sehr heißen Tagen ein nasses Tuch um den Hals eine kühlende Wirkung hat.
Warum warme Socken nur bedingt gegen kalte Füße helfen
Natürlich schützen warme Socken vor Kälte. Aber sie helfen meist nur wenig gegen die typisch kalten Füße, die man hat, wenn man friert. Denn kalte Füße kommen nicht nur daher, dass es speziell an den Füßen kalt ist. Sondern daher, dass der Körper, wenn es insgesamt kalt ist, die Extremitäten weniger durchblutet, um Energie zu sparen. Davon lässt er sich auch durch warme Socken im Zweifel nicht abbringen.
Wo und wann gab es die ersten Kalender?
Jan 14, 2025
Show notes
Kein Hinweisschild "Kalender" auf Monumenten oder Felszeichnungen
Wie es bei solchen Fragen nach dem "ältesten" Irgendwas ist, muss man sie alle paar Jahre neu beantworten, weil die Forschung etwas findet, was noch älter ist. Und so ist das auch bei den Kalendern. Wenn es um frühe Kalender geht, denken viele Menschen an steinerne Monumente wie Stonehenge und England. Stonehenge ist ungefähr 5.000 Jahre alt. Dass die Menschen, die Stonehenge errichtet haben, sich an Sonne und Mond orientierten, gilt heute als unstrittig. Doch es gibst längst noch viel ältere Kandidaten – andere Monumente oder auch Felszeichnungen in Steinzeithöhlen. Allerdings ist das immer Interpretationssache: Nirgendwo steht dick und fett "Kalender" drauf.
Archäologen legten 12 ungewöhnliche Gruben in Schottland frei
Als ich diese Frage vor ein paar Jahren schon mal beantwortet habe, bin ich bei der Recherche auf eine steinerne Anlage in Schottland gestoßen, in Warren am River Dee. Dort hatten Archäologen ab 2004 etwas Ungewöhnliches freigelegt, nämlich 12 tiefe runde Gruben. Sie verteilen sich über eine Länge von etwa 50 Metern und bilden zusammen einen leichten Bogen. Die größten Gruben befinden sich in der Mitte des Bogens und haben einen Durchmesser von 2 Metern. Wenn man den Bogen entlangläuft, werden die Löcher also erst größer, dann wieder kleiner. Datierungen ergaben, dass die Gruben 10.000 Jahre alt sind.
12 Gruben – 12 Mondzyklen?
2013 ging der britische Landschaftsarchäologe Vincent Gaffney mit der These an die Öffentlichkeit: Bei dieser Struktur handele es sich um den ältesten bisher bekannten Kalender der Welt. Wenn man den Bogen entlanggeht, werden die Löcher erst immer größer, dann wieder kleiner – das steht für die verschiedenen Mondphasen, also den zunehmenden und abnehmenden Mond. Da es 12 Gruben sind, legt nahe, dass es etwas mit den 12 Mondzyklen eines Jahres zu tun hat. Und es gab noch eine Reihe weiterer Hinweise.
Der Mond nimmt im Laufe eines Monats zu und wieder ab. Das ist bekannt und das haben auch schon die Steinzeitmenschen beobachtet. Im Alltag hat sie wohl aber nicht so sehr die Frage interessiert, ob nun gerade Halb- oder Vollmond ist. Relevanter zum Beispiel für die Jagd waren die Jahreszeiten. Auch da kann der Mond helfen. Denn der Mond geht übers Jahr an verschiedenen Stellen am Horizont auf. Der Halbkreis, in dem die Gruben angeordnet sind, könnte das zum Ausdruck bringen.
Vincent Gaffney ist auch deshalb von seiner Interpretation überzeugt, weil die Erbauer der Gruben anscheinend auch gleich ein Problem berücksichtigt haben. Denn die Rechnung 12 Mondzyklen = 1 Jahr geht nicht ganz auf. Das Kalenderjahr ist in Wahrheit 11 Tage länger. Also mussten sie in ihren Mond-Kalender einen Korrekturfaktor einbauen. Hier weist die Struktur der Gruben eine interessante Linie auf, die genau auf den Sonnenaufgang zur Wintersonnenwende zeigt. Vermutlich haben die Menschen also immer im Winter ihren Mondkalender quasi auf Null gestellt, damit er mit dem Sonnenjahr wieder im Einklang ist.
Altsteinzeitliche Kalender in den Höhlen von Lascaux und Altamira?
Wie gesagt, diese schottische Anlage ist etwa 10.000 Jahre alt. Möglicherweise gab es die ersten Kalender aber schon viel früher. Die neuesten heißen Kandidaten sind nämlich mehr als dreimal so alt – und zwar handelt es sich um Höhlenmalereien in Frankreich und Spanien. Die Malereien zum Beispiel in den berühmten Höhlen von Lascaux oder Altamira kennt man schon lange, aber sie enthalten einige Elemente, die man früher nicht recht deuten konnte und die einige Forscher jetzt als Kalender interpretieren.
Die Steinzeitmenschen haben in den Höhlen bekanntlich viele Tiere gemalt: Auerochsen, Pferde, Rotwild, Fische. Wenn man aber genau hinguckt, sind diese Tiere zusätzlich oft mit einer Reihe von Punkten oder kurzen Strichen markiert oder auch mal mit einer Figur, die an ein Y erinnert. Darauf konnte sich die Forschung früher keinen Reim machen. bzw. man hat gedacht, die Punkte zeigen z.B. die Zahl der erlegten Tiere an – aber das konnte nicht recht stimmen.
Forscher vermuten Paarungszeit von Tieren als Orientierung
2023 aber haben Forschende aus Cambridge einen Artikel veröffentlicht, in der sie diese Punkte und Y glauben erklären zu können. Die Punkte, sagen sie, stehen für den Monat, in dem sich die entsprechenden Tiere paaren. Das Y wiederum ist das häufigste Zeichen in diesen altsteinzeitlichen Bildern überhaupt. Und manchmal taucht es in solchen Punkt- oder Strichreihen auf. Die Vermutung ist nun, dass das Y den Monat anzeigt, an dem die jeweiligen Tiere ihren Nachwuchs bekommen.
Mit "Monat" sind dabei immer Mond-Monate gemeint, also 28 Tage. Die Forschenden haben geschaut, ob das stimmen kann. Wann paaren sich die Bisons? Im September/Oktober. Wann bekommen sie Nachwuchs? Im Juli – das haben sie Tier für Tier ermittelt. Das passte gut mit der Zahl der Punkte bzw. der Platzierung des entsprechenden Y zusammen, unter der Voraussetzung, dass die Steinzeitmenschen mit der Zählung im späten Frühjahr beginnen – also um den heutigen Mai herum. Das macht durchaus Sinn, denn aus der Sicht eines Steinzeitmenschen fängt im Frühjahr gefühlt alles an – es sprießt und blüht.
Wenn diese Interpretation stimmt, waren also die ersten Kalender bereits in den berühmten Höhlenmalereien von Frankreich und Spanien enthalten. Eins wird die Archäologie vermutlich aber nie endgültig klären können: Hatten die frühen Kalender eine praktische Funktion – also benutzte man in dem Fall das Wissen über die Paarungszeiten, weil es bei der Jagd geholfen hat? Oder hatten das Ganze in erster Linie eine spirituelle Funktion? Brachten die Menschen dadurch ihre Verbundenheit mit der natürlichen Umwelt zum Ausdruck?
Dieselbe Frage stellt sich auch bei den späteren Kalendern, den Anlagen, die nach bestimmten Sonnen- und Mondständen ausgerichtet sind. Diente das nur der zeitlichen Orientierung oder brachten die Menschen ihre Verbundenheit mit dem Gang der Gestirne zum Ausdruck?
Da sie ihre Motive nicht aufgeschrieben haben, wird man das nie endgültig sagen können.
Warum werden Bäume viel älter als Menschen?
Jan 13, 2025
Show notes
Old Tjikko: ältester Klonbaum der Welt steht in Schweden
Bäume, die ein paar Jahrhunderte auf dem Buckel haben, sind keine Seltenheit. Eine Fichte im schwedischen Nationalpark Fulufjället bringt es sogar auf knapp 10.000 Jahre. Allerdings bezieht sich dieses Alter nicht auf einen einzelnen Stamm, der heute aus dem Boden ragt, sondern auf das ganze Wurzelsystem, aus dem immer wieder neue Bäume sprießen. Das sind lauter Klone, die zusammenhängen und einen großen Organismus bilden.
Grannenkiefern sind älteste Einzelbäume
Die ältesten bekannten Einzelbäume sind Exemplare der langlebigen Grannenkiefer, heimisch im Hochgebirge der kalifornischen White Mountains. Sie schaffen es sogar auf 5.000 Jahre und mehr. Davon können wir Menschen nur träumen. Und das hat mehrere Gründe.
Mensch ist komplexer und hat viele Organe
Menschen, aber auch Wale und Riesenschildkröten sind viel komplexer und damit anfälliger als ein Baum. Wir besitzen viele Organe: Herz, Lunge, Blutgefäße, ein Gehirn – und die müssen alle funktionieren. Eine halbe Minute kein Sauerstoff im Gehirn und es ist vorbei. Unsere Zellen altern. Sie erneuern sich zwar ständig, aber bei jeder Zellteilung verkürzt sich die DNA. Die Zellen alter Menschen teilen sich langsamer und sind insgesamt nicht mehr so leistungsfähig.
Baum: am Ende hohl, aber noch nicht tot
Bei Bäumen ist es anders. Denn der größte Teil eines Baumstamms lebt gar nicht. Die Rinde ist totes Material und das Innere des Stamms besteht aus leblosem Holzgewebe. Die Zellen betreiben keinen Stoffwechsel mehr, sie lassen nur noch passiv Wasser durch. Was an einem Baum lebt, sind die Blätter und vor allem die dünne Schicht unterhalb der Rinde, also zwischen Borke und Stamm. Hier bildet sich das neue Holz, hier wächst der Baum in die Breite. Und hier entstehen durch den Wechsel von Sommer und Winter die Jahresringe.
Dieses neue Gewebe, das sich da bildet, besteht aus jungen, embryonalen Zellen, denen man das Alter des Baums praktisch nicht ansieht. Die alten Zellen eines Baums wiederum befinden sich in der Mitte des Stamms und sind dort vor Pilzen und anderen Schadorganismen gut geschützt. Selbst wenn sie angegriffen und von Pilzen verschmaust werden, dann ist der Stamm am Ende vielleicht hohl – aber der Baum noch lange nicht tot.
Vorteil Konifere: Nadelbäume werden älter als Laubbäume
Es fällt auch auf, dass Nadelbäume potenziell ein höheres Alter erreichen als Laubbäume. Die Mammutbäume der Gattung Sequoia oder die 5.000 Jahre alten Grannenkiefern in Kalifornien sind Koniferen, also Nadelbäume. Der Grund fürs Älterwerden ist, dass Nadelbäume ein etwas anderes Wasserleitsystem haben als Laubbäume. Das Wasser bewegt sich langsam durch relativ enge Zellwände. Dadurch sind die Nadelbäume auch gut geschützt gegen Trockenperioden und können Wasserverbrauch gut regulieren.
Wie funktioniert ein Touchscreen?
Jan 12, 2025
Show notes
Strom leitende Schicht aus Metalloxid auf der Glasplatte
Was ich wissen muss: Der Bildschirm auf meinem Smartphone ist das, was die Bilder erzeugt. Wenn ich aber mit meinem Finger die Oberfläche berühre, dann berühre ich streng genommen nicht den Bildschirm selbst, sondern eine transparente Schicht über dem Bildschirm. Das heißt, ich habe zwar den Eindruck, dass ich auf ein Symbol drücke, aber in Wirklichkeit berühre ich eine berührungsempfindliche Glasplatte über dem Bildschirm.
Das ist eine besondere Glasplatte. Nicht nur, weil sie sehr hart ist, sondern weil auf ihr eine hauchdünne, Strom leitende Schicht aus einem Metalloxid aufgetragen ist. Die ist so dünn, dass sie ebenfalls durchsichtig ist. An den vier Ecken dieser Schicht ist eine elektrische Spannung angelegt, sodass die Oberfläche elektrisch geladen ist.
Blitzschnelles Errechnen, wo sich der Finger befindet
Angenommen, ich habe das Gerät nur in der Hand, mache aber noch nichts, dann ist die Bildschirmoberfläche an jeder Stelle gleichmäßig elektrisch aufgeladen. In dem Moment, wo ich sie mit dem Finger berühre, wandert ein Teil der Ladung über den Finger in meinen Körper. Der Finger "saugt" sozusagen Ladung auf. Das wiederum erzeugt ein "Ladungsloch" auf der obersten Schicht des Bildschirms. Gleichzeitig liegt ja nach wie vor eine Spannung an. Die sorgt dafür, dass dieses Ladungsloch mit neuer Ladung aufgefüllt wird. Je nachdem, an welcher Position mein Finger auf dem Bildschirm liegt, bekommen das die vier Ecken unterschiedlich stark zu spüren. So rechnet der interne Rechner blitzschnell aus, wo sich der Finger befindet.
Resistive Touchscreens: In Kaffeemaschinen kommt andere Technik zum Einsatz
So ist es zumindest bei Smartphones. Es gibt aber noch eine andere Technik, die beim Smartphone inzwischen nicht mehr zum Einsatz kommt, jedoch z.B. bei Kaffeemaschinen oder anderen Geräten; lange Zeit auch bei Fahrkartenautomaten. Bei diesen Touchscreens spürt man, dass man ein bisschen drücken muss, da die auf Druck reagieren. Bei Smartphones spielt der Druck keine Rolle; die reagieren schon auf leichteste Berührungen. Das liegt daran, dass die Touchscreens von Kaffeemaschinen usw. eine andere Technik verwenden. Da sind meist zwei elektrisch leitende Platten in einem winzigen Abstand übereinander montiert. Wenn man die mit dem Finger berührt, drückt man die Platten genau an der Stelle zusammen. So kommt es zum Kontakt zwischen den Platten und es fließt Strom. Das ist das Signal, um die entsprechende Funktion auszulösen. Nachteil dieses Verfahrens ist, dass diese Touchscreens den Punkt der Berührung nur grob erkennen.
Was bei diesen einfachen Touchscreens ("resistive Touchscreens") auch nicht geht: Ich kann den Bildschirm nicht mit mehreren Fingern so berühren, dass sich daraus neue Funktionen ergeben – etwa dass ich ein Bild größer machen oder verschieben kann. Das funktioniert nur mit der Technik, die bei Smartphones eingesetzt wird ("oberflächen-kapazitive Touchscreens"). Die heißen deshalb auch Multitouchscreens.
Großväter vererben ihre Glatze an die Enkel – stimmt das?
Jan 10, 2025
Show notes
Glatze bei Männern: Verantwortliches Gen liegt auf dem X-Chromosom
Diesen Effekt kann es geben, und man kann es sogar noch genauer sagen: Es geht in diesen Fällen immer um die Opas mütterlicherseits. Anders gesagt: Wenn jungen Männern schon relativ früh die Haare ausfallen und man sich fragt, woher sie das haben, lohnt es sich, einen Blick auf den Vater der Mutter zu werfen, bei dem das möglicherweise auch schon so war.
Dieser Zusammenhang ist als Erfahrungswert seit Jahrzehnten bekannt. Eine Studie von 2005 liefert die Erklärung. Denn es drängen sich ja Fragen auf:
Warum hat der Opa eine Glatze, die Mutter aber nicht, ihr Sohn aber dann doch wieder?
Warum muss eine Generation übersprungen werden
Warum tritt dieser Effekt nicht auch beim Opa väterlicherseits auf?
Die kurze Antwort ist: Weil das verantwortliche Gen auf dem X-Chromosom liegt.
Frühzeitiger Haarausfall ist meist hormonell bedingt
Der Zusammenhang ist folgender: Der frühzeitige Haarausfall ist in der Regel hormonell bedingt und wird durch Androgene ausgelöst – eine bestimmte Sorte von männlichen Sexualhormonen. Das besagte Gen fördert die Rezeptoren für diese Hormone in der Kopfhaut. Es sorgt also dafür, dass diese Hormone dort eine besonders starke Wirkung entfalten und die Haare früher ausfallen als bei anderen biologischen Männern.
Ich habe schon gesagt, dass dieses Gen auf dem X-Chromosom liegt. Wir erinnern uns: Das X-Chromosom ist das, wovon biologische Frauen zwei haben. Männer dagegen haben nur ein X-Chromosom, dafür noch ein Y-Chromosom.
Wenn Opa das Glatzen-Gen hat
Nehmen wir also an, Opa hat dieses Glatzen-Gen. Jetzt können wir mehrere Szenarien durchspielen:
Szenario 1: Opa zeugt mit Oma einen Sohn. Der Sohn hat typischerweise ein Y- und ein X-Chromosom in seinen Zellen. Das X-Chromosom bekommt er von der Mutter, vom Vater bekommt er das Y-Chromosom. Damit ist er fein raus, denn das Glatzen-Gen sitzt ja bei Opa auf dem X-Chromosom, das wird aber eben nicht vererbt und bleibt somit auf der Strecke.
Opas Sohn, nennen wir ihn "Papa", bekommt dieses Glatzen-Gen also gar nicht erst und kann es entsprechend auch nicht an seine eigenen Kinder weitervererben. Deshalb spielt die väterliche Linie bei der Vererbung des Glatzen-Gens keine Rolle.
Szenario 2: Opa zeugt mit Oma eine Tochter. Die Tochter, nennen wir sie Mama, bekommt zwei X-Chromosomen vererbt – eins von Oma und eins von Opa. Auf dem X-Chromosom von Opa sitzt nun das Glatzen-Gen. Das macht sich aber bei Mama nicht bemerkbar, weil Mama gar nicht so viel von diesen männlichen Sexualhormonen produziert, die für den Haarausfall verantwortlich sind. Mama hat also das Gen in ihrem Erbgut, aber es schlummert bei ihr nur und hat keinen sichtbaren Effekt.
Bekommt Mama aber einen Sohn, vererbt sie eins ihrer beiden X-Chromosomen. Auf einem davon sitzt das Glatzen-Gen. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 50:50 vererbt Mama dieses Chromosom an ihren Sohn, also an Opas Enkel. Dort entfaltet das Gen dann seine Wirkung und macht sich in Form von verfrühtem Haarausfall bemerkbar. Aber es ist eine Lotterie, denn genauso groß ist die Chance, dass der Enkel von Mama das andere X-Chromosom abbekommt.
Was aber, wenn Mama eine Tochter bekommt und die dann erst in der nächsten Generation einen Sohn? Auch bei diesem Urenkel kann sich die genetische Veranlagung zu frühzeitigem Haarausfall durchschlagen - dann aber nur noch mit einer Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent. Und so geht es weiter. Über eine konsequent mütterliche Linie kann Opa das Gen noch über viele Generationen an irgendeinen Urururenkel vererben - nur halbiert sich die Wahrscheinlichkeit dafür mit jeder "Tochter"-Generation.
Jetzt muss man sagen: Dieses Gen ist zwar ein wichtiger, aber nicht der einzige Faktor, der für vorzeitigen Haarausfall verantwortlich ist. Insofern bleibt als Fazit: Die Wahrscheinlichkeit, dass Opa mütterlicherseits seine Glatze an den Enkel vererbt, ist deutlich erhöht, aber es ist kein Automatismus.
Warum sind Pilze keine Pflanzen?
Jan 10, 2025
Show notes
Eigentlich sagen Biologen sogar, Pilze sind den Tieren ähnlicher als den Pflanzen. Wenn man im Wald unterwegs ist, sieht man Bäume, Sträucher, Gräser und dazwischen auch Pilze. Die wachsen so schön nach oben wie ein Baum. Daher könnte man denken, dass die Pilze zu den Pflanzen gehören. Allerdings fallen doch ein paar Unterschiede auf.
Keine Blätter, keine Nadeln – Pilze machen keine Photosynthese
Pilze haben nichts Grünes. Keine Blätter, keine Nadeln. Das ist keine belanglose Äußerlichkeit, sondern das liegt daran, dass Pilze einen völlig anderen Stoffwechsel haben und auch ihre Energie ganz anders gewinnen. Pflanzen haben grüne Blätter, weil sie mit dem Chlorophyll in den Blättern Sonnenlicht in Energie umwandeln. Und sie bauen aus dem Kohlendioxid in der Luft ihre Biomasse auf. Sie wachsen sozusagen mit Sonnenlicht und Luft.
Pilze sind Schmarotzer – sie bauen fremde Biomasse ab
Pilze können das nicht. Sie sind, wenn man es negativ sagen will, Schmarotzer – genau wie Tiere und Menschen auch. Wir beziehen unsere Energie eben nicht aus Sonnenlicht, sondern wir müssen essen. Wir gewinnen Energie, indem wir bereits vorhandene Biomasse chemisch abbauen. Und so geht auch der Pilz vor: Auch er ernährt sich, indem er fremde Biomasse abbaut und verstoffwechselt. Das sind entweder abgestorbene Pflanzenreste, die er sich aus dem Boden holt. Oder er hängt sich an eine lebende Pflanze und geht mit ihr eine Art Partnerschaft ein, eine Symbiose. Aber entscheidend ist, er baut fremde Biomasse ab, genau wie Tiere.
Zellaufbau unterscheidet Pilz vom Tier
Ein Tier ist der Pilz aber auch nicht. Denn er bewegt sich nicht von der Stelle. Aber das ist nicht das ausschlaggebende Kriterium – Korallen zählt man auch zu den Tieren, obwohl sie sich nicht fortbewegen. Der entscheidende Unterschied zu den Tieren ist der Zellaufbau. Hier wiederum sind die Pilze den Pflanzen ähnlicher, denn sie haben zusätzlich zur Zellmembran noch eine feste Zellwand. Das haben tierische Zellen nicht.
Pilze bilden ein eigenes Reich
Außerdem vermehren sich Pilze auch ganz anders als Tiere. Deshalb bilden sie eine Gruppe für sich; ein, wie Biologen sagen, eigenständiges Reich – parallel zum Reich der Tiere und dem Reich der Pflanzen.
Was passiert beim Schlafwandeln im Gehirn?
Jan 09, 2025
Show notes
Die Hirnforschung hat in den letzten Jahren ein paar interessante Dinge über das Schlafwandeln herausgefunden. Zum einen: Schlafwandeln ist kein "gelebter Traum". Es gibt im Schlaf ja die Tiefschlaf- und die REM-Phasen (Rapid eye movement), wenn sich die Augen schnell bewegen. In der REM-Phase träumen wir. Aber: Schlafwandeln passiert, wenn, dann in der Tiefschlafphase oder allenfalls im Übergang vom Tiefschlaf zum Aufwachen. Nur deshalb ist Schlafwandeln überhaupt möglich.
Wenn wir träumen, sind fast alle Muskeln (bis auf die Augenmuskeln) gelähmt. Dadurch verhindert der Körper, dass wir Traumbewegungen in der Wirklichkeit umsetzen. In der Tiefschlafphase dagegen sind die Muskeln nicht gelähmt – deshalb können Leute dann auch aufstehen und schlafwandeln.
Auslöser des Schlafwandelns
Schlafforscher haben ein paar Auffälligkeiten im Gehirn von Schlafwandlern beobachtet. Schließt man Menschen an ein EEG an und misst die Hirnströme, dann ist der normale Tiefschlaf durch sogenannte "Deltawellen" geprägt. Das sind gleichmäßige, langsame Frequenzen. Bei Schlafwandlern werden diese Deltawellen etwas unruhig und es mischen sich schnelle Frequenzen dazwischen. Einfach gesagt, geraten die Gehirnströme etwas aus dem Takt.
Zweite Auffälligkeit: Es gibt einige Regionen im Inneren des Gehirns, die im Tiefschlaf normalerweise nicht benötigt werden und deshalb relativ wenig aktiv sind. Dazu gehört auch der Thalamus, der bei der Verarbeitung von äußeren Reizen eine wichtige Rolle spielt. Und bei Schlafwandlern ist der eben doch aktiv.
Diese Befunde kann man etwa so deuten, dass Schlafwandeln ein Phänomen an der Grenze zwischen Tiefschlaf und Wachbewusstsein ist. Man kann es als ein unvollständiges Aufwachen interpretieren. Und tatsächlich verhalten sich die Betroffenen oberflächlich, als wären sie wach. Meist fängt es damit an, dass sie sich im Bett aufrichten. Sie können sinnvolle Sätze sagen. Sie können zum Kühlschrank gehen und sich etwas zu essen machen. Oder das Haus verlassen, was ja gefährlich sein kann. Bei Menschen, die gefährdet sind, ist es deshalb durchaus sinnvoll, Haus- und vor allem Balkontüren abzuschließen und den Schlüssel zu verstecken.
Phänomen triff am häufigsten bei Kindern auf
Nach Angaben des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie tritt das Phänomen übrigens am häufigsten bei Kindern zwischen dem 4. und 8. Lebensjahr auf, gar nicht so oft im Erwachsenenalter. Aber etwa jedes sechste Kind, heißt es, ist bis zum Alter von acht Jahren wenigstens einmal geschlafwandelt. Möglicherweise hängt das damit zusammen, dass sich in dieser Phase das Gehirn noch stark entwickelt.
Schlafstörungen: zwischen schlafen und wach sein
Es gibt auch andere, schwächere Varianten von Schlafstörungen, die ähnliche Ursachen haben. Das bekannteste ist das Zähneknirschen. Manche Leute schlagen auch um sich oder schrecken nachts auf und schreien. Das sind alles Schlafstörungen an dieser Grenze zwischen Schlafen und Wachsein, die Schlafforscher als Parasomnien bezeichnen. Und wenn es da gefährliche Formen annimmt, sollte man auch wirklich einen Arzt aufsuchen.
Dank an: Jürgen Zulley und Imke Franzmeier
Wer hat wann den Teebeutel erfunden?
Jan 08, 2025
Show notes
Missverständnis in England: Teebeutel gedacht als leichte Verpackung
Die Idee, Tee in Beutel zu packen, entstand eher zufällig. Anfang des 20. Jahrhunderts verschickten Teehändler ihren Tee meist in Blechdosen. Die waren aber schwer und teuer. Und so kam ein gewiefter Teehändler namens Thomas Sullivan auf die Idee, den Tee in kleine Stoffsäckchen zu packen und zu verschicken.
Die Kunden dachten, dass man diesen Tee in Mullsäckchen einfach in Teegläsern mit heißem Wasser aufkochen könnte, ohne daran zu denken, den Tee aus diesen Mullsäckchen rauszunehmen. So entstand die Idee des Teebeutels.
So erzählt es die Leiterin des Ostfriesischen Teemuseums Mirjana Ćulibrk. 1903 wurde schon das erste Patent auf kleine Tee-Baumwollsäckchen in den USA anmeldet.
Heißgetränk für Soldaten: Deutsches Tee-Handelshaus portioniert im Ersten Weltkrieg
Doch zur Industriereife brachte sie nicht etwa die Engländer, sondern das Dresdner Handelshaus Teekanne. Anlass ist diesmal der Erste Weltkrieg. Um den Tee für die Soldaten an der Front zu portionieren, verpackt ihn Teekanne in kleine handgenähte Mullsäckchen. Die Soldaten konnten sie ins heiße Wasser fallen lassen, das sich anschließend rund um den Beutel tiefbraun zu färben begann. Deshalb nannten sie die Beutel auch gerne "Teebombe".
Geschmeckt hat der Tee nicht besonders, weil sich aus den Stoffbeuteln heraus das Aroma nicht gut entfalten konnte, dafür aber die Mullbeutel ihr eigenes Aroma ins Wasser abgaben.
Adolf Rambold erfindet den Doppelkammerbeutel
Doch 1924 kam Adolf Rambold in die Firma. Bis 1929 entwickelte er die erste Teebeutelpackmaschine; seine Teebeutel waren aus geschmacksneutralem Pergament. Schon damals entwickelt er auch die noch heute am meisten verbreiteten zweigeteilten "Doppelkammerbeutel", in denen sich das Aroma besonders gut entfalten kann. Andere Formen wie die tetraederförmigen Pyramidenbeutel kamen erst viel später dazu.
Stimmt es, dass Milch Morphium enthält?
Jan 06, 2025
Show notes
Da ist tatsächlich was dran. Es geht dabei um sogenannte Casomorphine. Das sind Stoffe, die beim Abbau von Kasein – einem Bestandteil von Milcheiweiß – entstehen. Sie gehören zu den Peptiden. Diese Morphine haben eine opiatähnliche Wirkung. Morphin ist die neuere Bezeichnung für Morphium.
Milch trotz Casomorphinen als Rauschmittel ungeeignet
Allerdings sagt die Alltagserfahrung, dass sich Milch als Rauschmittel nicht wirklich eignet – und das deutet ja schon darauf hin, dass die Mengen sich in Grenzen halten. In Käse und Schokolade ist die Konzentration ein bisschen höher, aber natürlich noch immer weit unterhalb dessen, was unter das Betäubungsmittelgesetz fallen würde.
Haben also rein von den Fakten her Veganer-Seiten im Internet recht? Die Aussage: Milch enthält Morphium ist nicht falsch. Nur wäre es etwas schief, daraus ein Argument gegen Milch und für vegane Ernährung zu konstruieren.
Ähnliche Morphine finden sich auch in Getreide
Zum einen gibt es ähnliche Morphine auch in Getreide. Dort sind es die Abbauprodukte vom Gluten; sie heißen entsprechend Gluteomorphine. Wenn man Mehlprodukte isst, nimmt man im Verhältnis mehr Morphin zu sich, als wenn man Milch trinkt.
Muttermilch wirkt beruhigend
Außerdem kommen diese Morphine nicht nur in der Kuhmilch vor, sondern auch in der Muttermilch. Forscher vermuten sogar, dass es unter anderem diese Casomorphine sind, weshalb Muttermilch auf Säuglinge so wirkt, wie sie wirkt: Beruhigend, vielleicht auch ein bisschen beglückend und übrigens auch schmerzlindernd. Dafür wird Morphium ja in der Medizin eingesetzt: zur Bekämpfung unerträglicher Schmerzen. Die winzige Dosis in der Milch bzw. der Muttermilch könnte somit auch ein paar Schmerzen lindern.
Genaue Zusammenhänge bei Schizophrenie und Autismus noch unklar
Allerdings haben diese Morphine in der Milch und im Mehl möglicherweise auf manche Menschen auch negative Wirkungen. Es gibt Hinweise darauf, dass sich bei schizophrenen Patienten der Zustand bessert, wenn sie auf milch- und glutenhaltige Nahrung verzichten. Ähnliches glauben Forscher bei Autisten beobachtet zu haben. Zwar kann man nicht sagen, dass diese Morphine Autismus und Schizophrenie "auslösen" – da spielen auch viele andere Faktoren eine Rolle. Aber sie können anscheinend die Symptome verstärken. So richtig viel weiß die Wissenschaft darüber allerdings noch nicht.
Woher kommt der Ausdruck "hanebüchen"?
Jan 05, 2025
Show notes
Dieser Ausdruck wird oft falsch geschrieben, wenn man nicht weiß, dass der Ausdruck von der Hainbuche kommt und nicht vom Hahn.
"Hanebüchen" kommt von der Hainbuche
Das Holz der Hainbuche fand vielfältige Verwendung. Auch Holzschnitzer bearbeiteten es, aber es ist sehr knorrig und schwer zu bearbeiten. Deswegen gebrauchte man früher den Ausdruck "hanebüchen" von "Hainbuchen" bzw. dem Holz der Hainbuchen herkommend.
Es hat sich dann lautlich ein bisschen verändert. Hanebüchen hieß zunächst knorrig, derb oder grob. Dann sagte man oft: "Das ist hanebüchener Unsinn" – also grober Unfug.
Weil jeder wusste, dass das die typische Kombination war, konnte man das Wort "Unfug", "Unsinn" oder "Blödsinn" weglassen und nur noch sagen: "Das ist hanebüchen."