Woher stammt die “Quarantäne”? Wie entsteht ein Schwarzes Loch? Warum fallen Wolken nicht vom Himmel? SWR Redakteur Gábor Paál und Gäste aus der Wissenschaft erklären im Wechsel jeden Tag ein kleines Stückchen Welt. Texte unter http://1000-antworten.de
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Warum beherrscht man etwas "aus dem Effeff"?
Jan 28, 2025
Show notes
Bezug zur Kaufmannssprache?
Im Duden-Band über Redewendungen heißt es: Das Wort stammt aus der Kaufmannssprache. Dort steht der Buchstabe f für fein, ff für sehr fein. Früher war es bei Abkürzungen üblich, dass die Steigerung durch eine Verdoppelung der Buchstaben angedeutet wurde. Das kennen wir auch von piano – p oder pianissimo – pp.
Das "ff" im Ausdruck "etwas aus dem Effeff können" stünde dann für finissimo – also sehr fein. Dieses Kürzel ist seit dem 17. Jahrhundert belegt. So weit die Duden-Erklärung.
Es gibt aber ernst zu nehmende Stimmen, die das anzweifeln: Der Ausdruck "etwas aus dem Effeff können" ist offenbar älter als dieses Kaufmannskürzel.
... oder doch zur Musik?
Lutz Röhrich stellt in seinem "Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten" tatsächlich einen Bezug her zum Fortissimo der Musik. Fortissimo heißt ja nicht nur sehr laut, sondern auch "sehr stark". Als Beleg dafür, dass der Ausdruck "aus dem Effeff" daher rühren könnte, führt Röhrich ein paar schwäbische Redensarten an. So soll es im Schwäbischen Ausdrücke geben wie: jemandem aus dem Effeff eine Ohrfeige verpassen. Oder einen Ausdruck wie: Man wird’s dir aus dem ff geigen.
Ich muss zugeben, dass mir diese Ausdrücke in meiner Stuttgarter Zeit nie zu Ohren gekommen sind. Aber vielleicht kennt der ein oder andere unserer Hörer diese Redensarten.
Fiat: Es geschehe! – Fiat Fiat: Es geschehe ohne Verzögerung!
Der Sprachwissenschaftler Christoph Gutknecht hat in seinem Buch "Blühender Unsinn" zwei weitere mögliche Quellen zusammengetragen. Nämlich zum einen ein Kürzel aus der italienischen Stadtverwaltung.
Nehmen wir an, dort haben Bürger beim Magistrat etwas beantragt oder eine Petition eingereicht. Diese Petition wurde dann begutachtet und wenn die Beamten fanden, ja, dieses Begehren ist berechtigt, dann schrieben sie auf das Papier ein F. Dieses F stand dann für fiat; lateinisch: Es geschehe. Wenn im Magistrat wiederum wirklich die einhellige Auffassung bestand, dass dem Gesuch stattzugeben sei, hängte man ein weiteres f an, also ff: fiat fiat: Soll heißen: Es geschehe ohne weitere Verzögerung. Der Antrag wurde sozusagen durchgewunken. Wenn nun jemand etwas aus dem Effeff beherrscht, dann muss er ja auch nicht lang nachdenken, sondern winkt sein Wissen sozusagen durch.
Noch eine Theorie: Ursprung in der römischen Rechtsgeschichte
Nach einer weiteren Erklärungsvariante geht das ff aufs Mittelalter zurück bzw. auf die Rechtswissenschaftler der damaligen Zeit. Diese Juristen haben in ihren gelehrten Schriften immer wieder auf römische Rechtssprüche Bezug genommen – unser Recht geht ja in vielerlei Hinsicht auf das römische Recht zurück. Es gibt eine Sammlung oströmischer Rechtssprüche, die sich Pandekten nannten. Wenn die mittelalterlichen Juristen diese römischen Pandekten zitiert haben, haben sie sie mit einem griechischen Pi abgekürzt – Pi für "Pandekten". Ein Pi, das kennen wir alle aus dem Matheunterricht, besteht aus zwei senkrechten Strichen mit einem flachen Dach drüber. Wenn man das aber schnell mit der Hand schreibt, kann es passieren, dass dieses Dach vom Pi nach unten rutscht, und schon hat man etwas, das aussieht wie ein ff.
Nun hatte das römische Recht eine starke Autorität. Das heißt, was aus dem ff abgeleitet werden konnte, das galt als wirklich fundiert. Es gibt eine Reihe von Sprachwissenschaftlern, die halten diese, zugegebenermaßen etwas umständliche Erklärung, für die wahrscheinlichste.
Ist Kreidestaub gesundheitsschädlich?
Jan 27, 2025
Show notes
Kaum Studien zur Verträglichkeit von Kreidestaub
Diese Frage betrifft wohl viele Millionen Lehrer weltweit. Und die Zahl der potenziell betroffenen Schüler ist noch viel größer – allerdings sind die Lehrer naturgemäß stärker exponiert, weil sie oft einen Großteil der Unterrichtszeit mit Kreide etwas an die Tafel schreiben. Doch obwohl so viele Menschen betroffen sind, gibt es doch vergleichsweise wenig Studien zu genau dieser Frage: Ist das Einatmen von Kreidestaub bedenklich?
Ein paar Untersuchungen habe ich immerhin gefunden. Eine stammt aus Indien und hat die simple Frage gestellt: Wie viel Kreide ist normalerweise überhaupt in der Luft? – Die typische Situation ist ja: Man schreibt etwas an die Tafel. Der meiste Teil der Kreide bleibt an der Tafel. Ein Teil wird aber beim Schreiben zerrieben und fällt früher oder später zu Boden. Bevor der Staub zu Boden fällt, schwebt er in der Luft.
Die Forscher konnten zeigen, dass der Staub sich immerhin lange genug in der Luft hält, dass die Person, die unmittelbar an der Tafel steht, einiges davon einatmet. Vor allem wenn er oder sie zusätzlich beim Schreiben den Mund offen hat.
Schulkreide besteht aus Gips
"Kreide" ist im geologischen Sinn keine Kreide, wie man sie an den Kreidefelsen von Dover oder Rügen findet – die besteht aus Calcit, also feinem Kalkstein. Schulkreide dagegen besteht in erster Linie aus Gips. Gips ist Kalziumsulfat – ein gesundheitlich unbedenkliches Material. Giftig in dem Sinn, dass es Langzeitschäden verursacht, ist es nicht. In der Regel nimmt man auch nicht solche Mengen auf, dass die Lunge damit nicht fertig wird. Es sei denn, sie ist ohnehin schon angeschlagen, zum Beispiel, weil man eine Erkältung hat oder die Bronchien entzündet sind.
Staubfreie Produktion mittels Kasein
Um auch das zu vermeiden – und weil der Kreidestaub lästig ist – sind die Kreidehersteller schon vor einiger Zeit dazu übergegangen, Kreide möglichst staubfrei zu produzieren. Um das zu erreichen, wird der Kreide oft ein anderer Stoff beigemischt, nämlich Kasein. Kasein ist ein Milcheiweiß.
Eine Studie hat gezeigt, dass dieses Kasein wiederum ein Problem für Allergiker darstellen könnte. Eine Studie mit Schülern unterschiedlichen Alters kam zu dem Ergebnis: Bei Kindern, die eine Milchallergie haben, könnte das Einatmen von Kreidestaub allergische Reaktionen hervorrufen, unter Umständen sogar Asthma begünstigen. Zumindest sind einzelne Fälle belegt. Die Zahl der untersuchten Kinder ist allerdings noch zu gering, um sagen zu können, welche Rolle die Kreide dabei wirklich gespielt hat.
Vorsicht bei Milchallergie
Trotzdem könnte man daraus den Ratschlag ableiten: Wer eine Milchallergie hat, sollte vielleicht dem Staub möglichst aus dem Weg und beim Schreiben nicht extra nah an die Tafel gehen.
Inzwischen gehen ja auch immer mehr Schulen von den klassischen Tafeln zum Whiteboard über – wo sich das Problem nicht mehr stellt.
"Wenn es dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis" – Was bedeutet das?
Jan 26, 2025
Show notes
Übermütig und dumm
Manche sagen sogar: "... dann geht er aufs Eis tanzen". Und manche steigern es noch: "... und bricht ein". Das ist typischerweise für übermütige Leute verwendet worden. Es geht darum, dass ein Huftier wie der Esel auf dem Eis natürlich keinen Spaß hat. Denn die harten Hufe finden auf dem Eis keinen Halt – und dann liegt er auf dem Bauch.
Er tut also etwas, was widersinnig dumm, gleichzeitig aber typisch für einen Esel ist. Es bedeutet also, dass man nichts tun sollte, was einem überhaupt nicht guttut. Und wenn es jemand doch macht, kommt dieser Spruch.
Warum gibt es keine "Menschenrassen" – Tierrassen gibt es doch auch?
Jan 25, 2025
Show notes
"Rassen" gibt es nur bei gezüchteten Haustieren
Auf die Frage nach den Rassen gibt es mehrere Antworten. Die erste ist: Auch Tierrassen gibt es in dem Sinn nur bei Haustieren – also etwa bei Hunden, Rindern oder Pferden. Das hat nichts mit natürlicher Evolution zu tun, sondern diese Tiere wurden vom Menschen gezielt auf bestimmte Eigenschaften hin gezüchtet. Bei Wildtieren gibt es das praktisch nicht. Es gibt keine Rassen bei Bären, Wölfen, Thunfischen oder Rotkehlchen.
Arten sind keine Rassen
Was es gibt, sind Arten: Beispielsweise gibt es den Indischen und den Afrikanischen Elefanten. Und für die Abgrenzung von Arten gibt es klare Kriterien: Tiere zweier Arten können keine zeugungsfähigen Kinder bekommen. Es gibt aber nur eine Menschenart: Homo sapiens. Und es gibt kein sinnvolles Kriterium, um zwischen Unterarten oder eben Rassen zu unterscheiden. Der Vergleich mit der Tierwelt geht also schon mal ins Leere.
An der Stelle kommt gelegentlich der Einwand: Und was ist mit Homo sapiens und Neandertalern? Oder mit Braunbären und Eisbären? Das sind tatsächlich Sonderfälle. Eis- und Braunbären werden aufgrund ihrer starken genetischen Unterschiede als verschiedene Arten betrachtet, obwohl sie gemeinsam fruchtbare Nachkommen zeugen können. Und auch die Erkenntnis, dass sich Vorfahren des heutigen Menschen mit dem Neandertaler gepaart haben, wirft die Frage auf, ob es sich bei ihnen wirklich um zwei verschiedene Arten handelt - und wenn nicht, worum dann?
Es gibt begrifflich derzeit zwei Wege, mit solchen Fällen umzugehen. Die eine ist zu sagen: In diesen Fällen ist die Artbildung "nicht abgeschlossen". Es sind zwar Arten, weil sie sich in räumlicher Isolation auseinander entwickelt haben, aber noch nicht weit genug, als dass es nicht einen "Genfluss" oder eine "Hybridisierung" geben kann. Folgt man dieser Lesart, muss die strenge Art-Definition also etwas aufgeweicht werden. Die Alternative ist, in solchen Fällen von "Unterarten" zu sprechen - oder schlicht von unterschiedlichen "Populationen" innerhalb einer Art.
Entscheidend ist aber: Das hat nichts zu tun mit dem Konzept der "Rasse", das auf gezielten Züchtungen beruht, die sich an einigen wenigen Merkmalen orientieren. In den genannten Fällen dagegen lebten Neandertaler und Homo sapiens jahrhunderttausende, im Fall der Bären mehr als eine Million Jahre, isoliert voneinander. Das war bei Homo sapiens nie der Fall. Dass Vorfahren des Homo sapiens aus Afrika ausgewandert sind, ist keine 100.000 Jahre her - und es gab danach keine klar abgrenzbaren "Populationen", die sich über einen längeren Zeitraum auseinander entwickelt hätten.
Unterschiede? Ja! – Rassen? Nein!
Das zweite Gegenargument zu angeblichen Menschenrassen liefert die Genetik. Die alte Rassenlehre vor 100 Jahren konzentrierte sich auf willkürlich herausgegriffene, ins Auge stechende Merkmale wie Hautfarbe, Haarstruktur oder Schädelform. Und sie bildete daraus, ebenso willkürlich, verschiedene Gruppen.
Nun weiß aber jeder, der mal ein bisschen durch die Welt gereist ist, dass die Hautfarben der Bevölkerung nicht an irgendeiner Grenze plötzlich umschlagen. Sondern zwischen hellhäutig und dunkelhäutig gibt es unendlich viele Schattierungen, zwischen glatten und lockigen Haaren ebenfalls. Das ist bei vielen anderen Merkmalen ebenso. Es ergibt keinen Sinn, bei einem bestimmten Dunkelwert der Haut eine Linie zu ziehen und zu sagen: Alle Menschen, die dunkler sind, bilden eine eigene Rasse.
Genetik widerlegt Rassenlehre
Die Genetik bestätigt genau das: Natürlich gibt es genetische Unterschiede zwischen den Durchschnitts-Europäern und Durchschnitts-Afrikanern. Aber wir haben ja nicht nur Gene für Haut und Haare, sondern auch Gene, die beeinflussen, wie groß wir werden, ob wir anfällig sind für Fettleibigkeit, Herzinfarkte oder Depressionen und viele andere Erbanlagen. Unterm Strich unterscheiden sich die Menschen innerhalb Europas genetisch viel stärker als sie sich insgesamt etwa von den Menschen in Afrika unterscheiden. Auch deshalb ergibt es keinen Sinn, von Rassen zu sprechen.
Übrigens sind nirgendwo die genetischen Unterschiede so groß wie innerhalb Afrikas. Einfach, weil unsere Vorfahren bis vor etwa 80.000 Jahren dort gelebt haben. Man kann ja über Gene durchaus Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Bevölkerungsgruppen ermitteln. Dann zeigt sich, dass weiße Europäer mit Ostafrikanern wesentlich enger verwandt sind, als Ostafrikaner mit indigenen Südafrikanern. Also: Alle Afrikaner in einen Topf zu werfen – auf die Idee kann nur jemand Weißes kommen.
Rassismus führte zu Rassenlehre – nicht umgekehrt
Und genauso war es auch: Der Rassismus ist nicht etwa Ergebnis einer wissenschaftlichen Rassenlehre, sondern es war umgekehrt. Die Rassentheorie ist ein Produkt des Kolonialismus, entstanden aus dem Bedürfnis, eine Begründung zu liefern, um zwischen angeblich höher- und niederwertigen Menschen zu unterscheiden. So steht es auch in der Jenaer Erklärung, die Zoologen und Evolutionsforscher 2019 veröffentlicht haben. Dort heißt es über die Idee der Menschenrassen:
Es gibt hierfür keine biologische Begründung und tatsächlich hat es diese auch nie gegeben.
Quelle: Aus der "Jenaer Erklärung", 2019
Wenn es keine Rassen bei Menschen gibt, kann es dann "Rassismus" geben?
Selbstverständlich. Solche Wörter auf "-ismus" beschreiben ja immer das Weltbild der jeweiligen Person. Ein "Animist" glaubt an die Beseeltheit der gesamten Welt, ein "Monotheist" an genau einen Gott, ein "Atheist" an keinen. Genauso ist es mit Buddhismus, Kapitalismus, Kommunismus. Das, was vor dem "-ismus" steht, sagt also nichts darüber, was wirklich ist, sondern nur, woran die Menschen, die diese "Lehre" vertreten, glauben. Jemand, der – wissenschaftswidrig – glaubt, dass es sinnvoll ist, Menschen nach äußeren Merkmalen in Schubladen stecken zu können, kann deshalb weiter als "Rassist" bezeichnet werden.
Warum sind jüdische Nachnamen oft so wohlklingend?
Jan 24, 2025
Show notes
Rechtliche Gleichstellung der Juden durch Emanzipationsgesetze
In Mitteleuropa haben die Juden erst sehr spät Familiennamen angenommen. Das hängt mit den sogenannten Emanzipationsgesetzen zusammen: Sie wurden rechtlich gleichgestellt, mussten dieselben Pflichten übernehmen und dazu gehörte das Führen eines festen Familiennamens. Die Juden durften ihre Familiennamen selbst wählen.
In Preußen hat der Freiherr vom Stein den Juden empfohlen, ganz unauffällige deutsche Namen wie Müller, Schmidt, Weber usw. anzunehmen, damit man nicht merkt, dass sie Juden sind. Im Land Baden sagten sehr viele: Wir nehmen Ortsnamen – Offenburger, Karlsruher usw. In Frankfurt, auch ein berühmter Fall, nannten sie sich gerne nach ihren Häusern: das Haus zum roten Schild – da nannte sich die Familie entsprechend Rothschild.
Zeit der Romantik
Es war die Zeit der Romantik, der Naturentdeckung, der Naturschwärmerei. So entschlossen sich viele Juden, einen schönen, blumigen Naturnamen anzunehmen: Lilienthal, Blumenfeld, Rosenthal. Das sind romantische Namen, die wunderbar in die Zeit passten.
Naturschwärmerei prägt auch jüdische Familiennamen in Schweden
In Schweden gab es einen Parallelvorgang. Auch in Schweden nahmen viele Juden in dieser Zeit ihre Namen an und nannten sich Sjöstrand – Seestrand bzw. Meeresufer usw. Dahinter steckt die gleiche Naturschwärmerei, die zu diesen Familiennamen führte.
Warum hat man es "faustdick hinter den Ohren"?
Jan 24, 2025
Show notes
Früher hat man versucht, am Schädel beziehungsweise am Gesicht eines Menschen sein Wesen zu erkennen. Sie kennen das vielleicht von der Physiognomie, dass man also an der Art, wie jemandes Nase oder Mund ist, zu erkennen versucht, was für ein Charakter er ist.
Phrenologie: der Versuch, den Charakter am Schädel abzulesen
Es gab aber auch eine richtige Schädelforschung, die Phrenologie. Die glaubte, dass man an ganz vielen Dingen des Kopfes rausfinden könnte, wes Geistes Kind jemand wäre.
Volksglaube im Spiel
Dazu gehört der alte Volksglaube, dass man hinter den Ohren so eine Art Verdickung haben könnte. Und wenn man die erfühlt, dann merkte man: Das ist jemand, der den Schalk im Nacken hat; das ist ein Schelm. Der muss nicht böse sein, aber er ist durchtrieben.
Deswegen hat man tatsächlich, etwa beim Tanzen, wie von ungefähr mal das Ohr gekrault und gefühlt: "Na, ist da was?" Und wenn da eine Verdickung war, dann wusste man: "Oh, der hat’s faustdick hinter den Ohren, da muss ich ein bisschen aufpassen. Das kann ein ganz toller Schieber sein, aber vielleicht ist mit ihm nicht so gut Kirschen essen."
Wie viele Geschlechter gibt es – und was folgt daraus?
Jan 24, 2025
Show notes
Biologie: Definition des Geschlechts über die Rolle bei der Fortpflanzung
Die Frage, wie viele Geschlechter es gibt, hängt davon ab, wie man Geschlecht definiert. Die Biologie ist da sehr klar. Sie macht das Geschlecht an der Rolle in der Fortpflanzung fest. Bei der geschlechtlichen Fortpflanzung treffen immer kleine Samenzellen auf wesentlich größere Eizellen. Diejenigen Lebewesen, die die kleinen Samenzellen produzieren, heißen männlich. Und die, die die großen Eizellen produzieren, heißen weiblich. Dabei ist es völlig egal, ob sie den Nachwuchs im Bauch tragen, im Ei ausbrüten oder, wie bei Pflanzen, aus einer Blüte eine Frucht entsteht. Das ist die biologische Definition – nach der gibt es diese zwei Geschlechter und sonst keins.
Zwitter sind in der Biologie kein drittes Geschlecht
Lebewesen, die keine Ei- oder Samenzellen produzieren, haben nach dieser Definition kein drittes, sondern gar kein Geschlecht. Lebewesen wiederum, die beides produzieren – die gibt es vor allem im Reich der Pflanzen – heißen Zwitter. Aber auch sie definieren kein drittes Geschlecht.
X- und Y-Chromosomen sind wichtig, definieren aber nicht das Geschlecht
Mit diesem biologischen Geschlecht gehen bei vielen Tieren und speziell auch beim Menschen in der Regel andere Merkmale einher. Die Männer haben Penisse und Hoden und bekommen Bärte. Die Frauen haben eine Gebärmutter, eine Vagina und bekommen Brüste. Diese Merkmale sind wiederum in der Regel darauf zurückzuführen, dass die Körperzellen der Männer ein Y-Chromosom haben, die der Frauen dagegen nicht; die haben dafür ein zweites X-Chromosom. Allerdings gilt das nur für Säugetiere – bei anderen Tieren sieht das mit den Chromosomen wieder anders aus. Wichtig ist deshalb: Die Chromosomen bestimmen zwar in der Regel das Geschlecht, aber sie definieren es nicht.
Intersexualität hat die verschiedensten Ausprägungen
Nun hab ich bereits in drei Sätzen hintereinander den Ausdruck "in der Regel" verwendet – denn es gibt da auch viele Ausnahmen. Es gibt Menschen mit einem Y-Chromosom, die trotzdem weibliche Genitalien haben, weil ihnen ein bestimmter Rezeptor fehlt und ihre Zellen auf die männlichen Hormone nicht reagieren. Es gibt Menschen, die gleichzeitig Eierstock- und Hodengewebe haben. Das sind nur zwei von vielen Beispielen für intersexuelle Menschen, bei denen der Satz: "Männer haben …" oder "Frauen haben …" so nicht zutrifft.
Ob man für jede Art von Intersexualität ein eigenes physiologisches Geschlecht definiert oder sagt, das sind Ausprägungen, die sich irgendwo zwischen den zwei Geschlechtern bewegt, ist letztlich eine begriffliche Frage, keine wissenschaftliche.
Sex und Gender: Es kommt nicht nur auf das biologische Geschlecht an
Vor allem aber: Die biologischen Begriffe sind nicht die einzigen, auf die es ankommt. Biologisch gibt es zwei Geschlechter – männlich und weiblich. Das ist oft, aber eben nicht zwingend identisch mit dem, was wir als "Mann" oder "Frau" bezeichnen. Die biologische Definition hängt nur von der Keimzellenproduktion ab – produziere ich Ei- oder Samenzellen? Wenn wir im Alltag aber von Männern oder Frauen reden, meinen wir viel mehr damit. Es fängt an bei: Welche Chromosomen hat die Person? Welche Genitalien sind bei ihr ausgeprägt? Hat sie einen Penis oder eine Klitoris?
Sobald wir diese Fragen heranziehen, um zu sagen, ob jemand ein "Mann" oder eine "Frau" ist, haben wir uns schon von der biologischen Lehrbuchdefinition entfernt. Wenn wir dann noch fragen: Wie verhält sich die Person? Oder eben: Als was fühlt sie sich selbst? – dann reden wir nicht mehr über das biologische Geschlecht – englisch: Sex – sondern über Geschlechter im sozial-kulturellen Kontext, kurz: Gender. Wie viele Geschlechter es im Sinne von "Gender" gibt – darüber zu diskutieren ist ziemlich müßig, weil es sich kaum an eindeutigen objektiven Merkmalen festmachen lässt.
Biologische Definition hilft beim Umgang mit Transidentität nicht weiter
Anders gesagt: Festzustellen, dass es nur zwei biologische Geschlechter gibt, hilft überhaupt nicht weiter, um politisch-gesellschaftliche Entscheidungen zu treffen, etwa wie wir mit den verschiedenen Formen von Transidentität umgehen, also mit Menschen, die bei der Geburt als "weiblich" erkannt wurden, sich selbst aber als Junge oder Mann fühlen. Ab welchem Alter und unter welchen Voraussetzungen sollen junge Menschen das Recht haben dürfen, auch körperlich ein anderes Geschlecht anzunehmen als das, das ihnen zugeschrieben wurde? Welche Freiheiten sollte jemand haben, offiziell seinen Geschlechtseintrag bei den Behörden zu ändern?
Chancen und Risiken durch die Zuordnung zu einem bestimmten Geschlecht
Bei den Antworten auf diese Fragen kommt es nicht darauf an, wie die Biologie Geschlecht definiert und ob jemand Ei- oder Samenzellen produziert, sondern auf ganz andere Fragen – etwa um das Abwägen von Risiken und Chancen für die jeweilige Person.
Nehmen wir die Diskussion um den Geschlechtseintrag: Warum genau definieren wir bei der Geburt, ob jemand männlich oder weiblich ist? Früher war das recht klar: Männer durften wählen, Frauen nicht. Männer mussten zum Bund, Frauen nicht. Wozu aber dient der Geschlechtereintrag heute? Der Statistik? Um zu klären, auf welches Klo die Person später geht? Um zu entscheiden, ob jemand in einer Frauenmannschaft mitspielen darf? Oder auf Platz 1 oder 2 der Grünen Landesliste stehen darf? Je nachdem, worum es geht, könnten unterschiedliche Geschlechterdefinition maßgeblich sein. Die Behörden kennen aber nur eine: männlich, weiblich und "divers" – für alle, die sich nicht eindeutig zuordnen können oder wollen.
Biologische Definition beantwortet nicht die gesellschaftlichen Fragen
Dass es zwei Geschlechter gibt, ist eine biologische Definition. Definitionen lassen sich aber wissenschaftlich nicht "beweisen" – denn in der Natur gibt es keine Begriffe. Definitionen sind immer Konventionen – und nur dann sinnvoll, wenn aus ihnen etwas Sinnvolles folgt. Die biologische Definition hat ihre Berechtigung in bestimmten Zusammenhängen – etwa um geschlechtliche Fortpflanzung in der Natur zu beschreiben. In anderen hilft sie dagegen nicht weiter.
Geben Teebeutel Mikroplastik ab?
Jan 23, 2025
Show notes
Trend: Tee in Kunststoffbeuteln
Seit Jahren wird Tee verstärkt in Kunststoffbeuteln angeboten. Die neuen Kunststoff-Teebeutel sind meist pyramidenförmig. Einer der Gründe für ihre Einführung: Tee, der in diesen Beuteln aufgebrüht wird, entfaltet ein besseres Aroma als Tee aus Papierfaserbeuteln. Es handelt sich bei dem Material nicht, wie viele glauben, um Nylon, sondern um Polylactid – chemisch gesehen sind das polymerisierte, also verkettete Milchsäuremoleküle. Das gilt zumindest in Europa. Dieses Material wird aus Maisstärke hergestellt, ist also auch kein Erdölprodukt. Weichmacher (Phtalate), wie man sie von manch anderen Kunststoffen kennt, sind auch keine drin, vielmehr werden diese Polyactide bei höheren Temperaturen und im heißen Wasser von sich aus weich.
Teebeutel aus Kunststoff geben Mikro- und Nanoplastik ins Wasser ab
Doch auch wenn der Ausgangsstoff Maisstärke ist, bleibt es ein Kunststoff. Deshalb verrotten diese Teebeutel auch nicht im normalen Kompost und in der Umwelt, sondern nur unter höheren Temperaturen, wie sie in Industriekompostanlagen entstehen. Und, was sich inzwischen auch herausgestellt hat: Die Kunststoff-Teebeutel geben Mikro- bzw. Nanoplastik ins Wasser ab.
Da kommen Studien auf Millionen Teilchen pro Beutel, die in der Kanne bzw. Tasse landen. Um das mal einzuordnen: Mikroplastik ist heute ja in vielen Lebensmitteln – in Fisch, in Kochsalz und auch im Mineralwasser. Trotzdem: Selbst Mineralwasser aus Einweg-Plastikflaschen enthält nicht so viel Mikroplastik wie eine Tasse Tee, in der der Tee im Plastikbeutel aufgebrüht wurde.
Bei den Teebeuteln aus Polylactid sind die Plastikteilchen im Tee besonders klein, es ist eigentlich vor allem Nano-Plastik. Ob das dem Körper schadet, ist noch kaum geklärt, den Zellen schadet der offenbar nicht, aber die Nanoteilchen können sehr wohl die Darmwand durchdringen und so im Körper bleiben – was immer das dann ausmacht. Und wenn sie nicht im Körper bleiben, dann scheiden wir sie wieder aus – wodurch Mikroplastik in der Umwelt landet. Das ist natürlich auch nicht so gut.
Zellulosebeutel enthalten ebenfalls Plastik
Sollte man also besser Tee aus Zellulosebeuteln trinken? Da muss man genauer hinschauen. Denn auch sie enthalten häufig Plastikanteile, entweder in der Naht oder zum Verkleben des Tütchens. In der Regel sollten auch diese Teebeutel deshalb nicht im Kompost landen. Aber es gibt ein paar Faustregeln: Teebeutel, die an einer Schnur hängen, enthalten meist kein Plastik. Auch Teebeutel, die man an den Tassenrand klemmt, haben den Vorteil, dass nur der Zelluloseanteil im Wasser hängt – die anderen Materialien, mit denen der Beutel verschlossen ist, befinden sich außerhalb des Wassers und geben somit auch nichts ab.
Im Zweifel zu losem Tee greifen und den richtigen Filter verwenden
Von der Ökobilanz am besten ist aber ohne Zweifel loser Tee – ohne Beutel, aufgebrüht in einem wiederverwendbaren Sieb oder Filter – oder eben in einem wirklich umweltfreundlichen, echten Zellulosebeutel, den man selbst befüllt. Bei Tee-Sieben aus Plastik dagegen stellen sich die gleichen Probleme wie bei den Plastik-Teebeuteln. Auch sie geben Mikroplastik ab.
Woher kommt der Ausdruck "blau machen"?
Jan 23, 2025
Show notes
Vom Färberwaid und den Färbergesellen
Blaumachen ist ein sehr umstrittenes Terrain, denn es gibt für den Ausdruck unterschiedliche Erklärungen. Die schönste ist die von den Färbergesellen, die beim Färben mit Färberwaid warten mussten, bis die Tuche, die durch Oxidation erst mal gelb werden, sich blau färbten. Dann erst können sie weiterverarbeitet werden. Diese freie Wartezeit hätten sich die Gesellen dann unter anderem mit Trinken vertrieben. Und so habe sich dann der "blaue Montag" herausgebildet.
Feiernde Gesellen am freien Montag im blauen Gewand
Es gibt noch einen älteren Ausdruck: der "gute Montag". Dabei handelt es sich um einen Tag, der den Gesellen von den Meistern zugestanden werden sollte zur Fortbildung, aber auch, um sich um eigene Dinge kümmern zu können. Angeblich jedoch – jedenfalls haben das viele Stadtobere behauptet – hätten Gesellen das ausgenutzt, um zu trinken und zu feiern, und sie haben so den Werktag zu einem Feiertag gemacht. Die Feiertagskleidung war im Gegensatz zu dem braunen oder grauen Alltagskleid das blaue Kleid.
Was passiert bei einem Blackout im Gehirn und was kann man dagegen tun?
Jan 22, 2025
Show notes
Stresshormone treten auf den Plan
Einen Blackout hat man häufig in Situationen, die man als stressbehaftet erlebt. Dabei werden enorme Mengen von Glukokortikoiden, dazu gehört zum Beispiel das Cortisol, ausgeschüttet. So wird dem Gehirn und der Muskulatur viel Energie zur Verfügung gestellt. Daneben wirkt es aber auch aufs Gehirn, unter anderem auf den Hippocampus. Der Hippocampus ist eine der Strukturen, die wir für das Abspeichern von Informationen brauchen, aber auch um Erinnerungen zum Leben zu erwecken.
Wenn der Hippocampus offline geht
Der Hippocampus reagiert zunächst mit einer Leistungssteigerung, wenn wenig von diesen Glukokortikoiden, diesen Stresshormonen im Blut sind. Steigt der Level aber stark an, ist es zellschädigend. Das heißt, Zellen im Hippocampus sterben ab, werden irreversibel geschädigt.
Um das zu verhindern, schaltet sich der Hippocampus komplett aus. Man kann richtig sehen, wie der offline geht. Die Nervenzellen reagieren überhaupt nicht mehr, leiten keine Informationen mehr weiter, rufen auch keine ab. Und dies ist genau die Blackout-Situation. Wenn die assoziative Kraft des Hippocampus nicht mehr funktioniert ist es extrem schwierig, sich noch an Informationen zu erinnern.
Erinnerung zurückspulen, atmen und entspannen
Was man in einer solchen Situation tun kann, ist zum einen ein Stück selber wieder zurückzuspulen – bis zu einer Erinnerung, was man erzählen wollte, was man schreiben wollte, was man rechnen wollte, um dort wieder anzufangen.
Das nächste ist, dass man sich noch mal klar macht: Ich kann die Situation beeinflussen, ich bin einer Situation nicht ausgeliefert, ich kann etwa Atemtechniken machen. Manchmal ist es ein simpler Yogatrick, der darin besteht, dass man unter Anspannung die Zunge nach oben gegen den Gaumen drückt. Und dass man sich beim Atmen richtig Zeit nimmt, die Zunge wieder nach unten zu bewegen.
Schon eine solche Übung erleben das Gehirn und der Körper eines Menschen als Entspannung. Das kann bereits helfen, den Level der Stresshormone, der sich im Blut befindet, wieder zu reduzieren, sodass der Hippocampus eben wieder normal arbeiten und dabei helfen kann, die gewünschte Information wieder zu finden.