Woher stammt die “Quarantäne”? Wie entsteht ein Schwarzes Loch? Warum fallen Wolken nicht vom Himmel? SWR Redakteur Gábor Paál und Gäste aus der Wissenschaft erklären im Wechsel jeden Tag ein kleines Stückchen Welt. Texte unter http://1000-antworten.de
Viele Episoden dieses Podcasts stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz. Ihr könnt diese Episoden unter Angabe der Quelle und der Lizenz unverändert in Eurem eigenen Digitalangebot dauerhaft veröffentlichen. Die Episoden dürfen dabei nicht verändert oder kommerziell genutzt werden. Die Lizenz lautet CC BY-NC-ND 4.0.
Wie schlafen Fische im Fluss, ohne von der Strömung abgetrieben zu werden?
Aug 15, 2025
Show notes
Fische ruhen an ruhigen Stellen mit geringer Strömung
Wenn Forellen schlafen, suchen sie im Fluss ruhige Stellen auf – Unterstände, wo die Strömung nahezu null ist. Das kann in kleinen Nischen sein oder auch nahe am Boden des Flusses, wo die Strömung sehr viel geringer ist als nahe an der Oberfläche.
Deshalb ist es wichtig, dass bei der Renaturierung von Flüssen dafür gesorgt wird, dass solche ruhigen Unterstände vorhanden bleiben. Die Fische können dort ruhen, ohne weggetrieben zu werden.
Zebrafische: Sekundenschlaf schützt vor weitem Abdriften
Es gibt aber offenbar noch einen anderen Mechanismus, auf den mich der Fischwissenschaftler Robert Arlinghaus vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie aufmerksam gemacht hat: Man hat bei Zebrafischen festgestellt, dass die nicht nur nachts schlafen, sondern auch tagsüber kurze Schlafphasen haben, die oft nur ein paar Sekunden dauern und dann abgelöst werden von Phasen mit sehr hoher Aktivität. Der Schlaf ist also ein Sekundenschlaf und so kurz, dass die Fische nicht weit verdriftet werden können.
Bei Zebrafischen sind die Brustflossen auch im Schlaf aktiv
Außerdem hat man beim Zebrafisch festgestellt, dass die Brustflossen auch im Schlaf aktiv sind – zumindest aktiv genug, dass die Fische die Stellung halten können.
Bei den Forellen ist das weniger gut erforscht, aber der Zebrafisch wird in der Wissenschaft sehr häufig benutzt, um allgemeine Mechanismen bei Fischen zu erforschen. Insofern ist zu vermuten, dass es bei der Forelle ähnlich sein wird.
Wie schaffen es die Fische, sich zu orientieren und ihre Position zu halten?
Fische haben ganz andere Sinnesorgane als wir. Sie können sich optisch sehr gut orientieren und verfügen über ein eigenes Sinnesorgan, das sogenannte Seitenlinienorgan. Das heißt so, weil es wie ein Kanal ist, der sich an der Seite des Fisches entlang zieht und mit dem sie extrem gut feinste Strömungsunterschiede erfassen können.
Was bedeutet es, wenn eine Briefmarke schräg auf dem Umschlag klebt?
Aug 14, 2025
Show notes
Das kann vieles bedeuten – oder gar nichts. Richtig ist: Briefmarken wurden, vor allem früher, für mehr oder weniger geheime Liebesbotschaften verwendet. Es gibt auch Anleitungen, welche Briefmarkenposition was zu bedeuten hat.
Briefmarkensprachen-"Übersetzungshilfen" sind nicht einheitlich
In der einen Anleitung bedeutet die schräge Briefmarke: "Komm bald", nach einer anderen bedeutet sie "Treffpunkt wie immer". Bei manchen kommt es darauf an, ob die Briefmarke rechtsrum schräg ist oder linksrum schräg. Oder ob das Motiv auf dem Kopf steht – das kann dann auch eine negative Bedeutung haben wie: "Warum schreibst Du nicht?"
Diese Briefmarkensprachen entwickelten sich Anfang des 20. Jahrhunderts. Das erste Heftchen mit Deutungshilfen erschien um das Jahr 1900, später wurden sie ersetzt durch einfache Karten, auf denen für alle erdenklichen Briefmarkenpositionen die "Übersetzung" stand.
Die Frage ist, inwieweit diese Briefmarkensprache in der Praxis wirklich genutzt wurde, oder ob das einfach nur ein Verkaufs-Gag war. Denn letztlich nützte diese Briefmarkensprache ja nur dann etwas, wenn das Gegenüber wusste, was damit gemeint war. Und das war nun mal nicht einheitlich geregelt.
Falls Sie heute einen Brief mit schräger Briefmarke bekommen, ist es wohl das Beste, sich nicht den Kopf darüber zu zerbrechen – vermutlich bedeutet es einfach nur: "Ich hatte es eilig".
Warum wachsen im Alter Haare in Ohr und Nase, während sie auf dem Kopf eher ausfallen?
Aug 13, 2025
Show notes
Mal mehr, mal weniger: Testosteron steuert Haarwuchs je nach Körperstelle
Das Thema betrifft vor allem Männer. Viele wundern sich über den Widerspruch, dass auf dem Kopf die Haare weniger werden und an anderen Körperstellen der Haarwuchs zunimmt.
Der Hautarzt Gerhard-Alfons Lutz erklärt, dass zwei Faktoren eine Rolle spielen: der Hormonhaushalt und die genetische Programmierung der Haarfollikelzellen. Mit Hormonen ist vor allem Testosteron gemeint, denn es wirkt an unterschiedlichen Stellen der Haut verschieden: Auf dem Kopf sind die Hautzellen so programmiert, dass Testosteron die Haare ausfallen lässt, während im übrigen Körper das Testosteron zu verstärktem Haarwachstum führt. Das heißt, auf dem Kopf hat das Testosteron eine wachstumshemmende, in der Nase, zwischen den Augenbrauen oder auch auf der Brust, dem Rücken und dem Bauch dagegen eine wachstumsfördernde Funktion.
Erblich bedingt: Reaktion der Haarwurzeln auf das Testosteron
So kommen Jungs in der Pubertät zu ihrer Körper- und Schambehaarung, weil das Testosteron das Haarwachstum am ganzen Körper anregt. Gleichzeitig fängt bei manchen jungen Männern das Haar schon mit Anfang 20 an, sich zu lichten – es klingt widersprüchlich, aber beides ist eine Folge von Testosteron. Wie stark die Haarwurzel aber – in die eine oder andere Richtung – auf Testosteron reagieren, ist sehr stark erblich bedingt.
Glatze: Wenn die Haare nicht mehr nachwachsen
Es gibt eine US-Studie, die gezeigt hat, wie Glatzen entstehen. Zu einer Glatze kommt es ja nicht deshalb, weil Haare ausfallen – das tun sie ohnehin regelmäßig – sondern weil sie nicht mehr nachwachsen. Und das wiederum liegt offenbar daran – zumindest ergab das die Studie – dass die entsprechenden Stammzellen in der Kopfhaut sich nicht weiterentwickeln. Das heißt, in der Kopfhaut gibt es Stammzellen, die sich normalerweise weiterentwickeln und zu Haarfollikelzellen spezialisieren. Manchmal tun sie das aber nicht; dann bleiben die Zellen in ihrem unreifen Stammzellstadium und entwickeln sich nicht weiter. Warum das aber so ist, dass Stammzellen nicht weiter reifen, ist noch nicht geklärt.
Evolution: Nicht jede Entwicklung bringt einen Überlebensvorteil
Warum aber hat es die Natur so eingerichtet, dass Männer einerseits Glatzen bekommen, andererseits sich die Körperbehaarung jedoch verdichtet? Das konnte mir niemand sagen, auch beim Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie hatten sie keine Erklärung dafür. Vermutlich ist der zunehmende Körperhaarwuchs eher eine Begleiterscheinung. Also einfach die Fortsetzung dessen, was in der Pubertät unter dem Einfluss von Testosteron sehr schnell geht – nämlich dass überall am Körper plötzlich verstärkt Haare wachsen. Das hört nicht auf, sondern geht einfach verlangsamt weiter und stört ansonsten nicht.
Es ist ja häufig so in der Evolution, dass man bestimmte Phänomene nicht damit erklären muss, dass sie einen unmittelbaren Überlebensvorteil bringen. Sondern in der Evolution kann sich auch manches entwickeln, was als Nebeneffekt von etwas anderem entsteht, solange es nicht weiter stört bzw. das Überleben und die Fortpflanzung nicht beeinträchtigt. Dazu gehören eben auch Haare auf dem Rücken oder auf den Ohren ebenso wie die berühmten dichten Augenbrauen von Theo Waigel – sie haben noch keinen Mann umgebracht geschweige denn davon abgehalten, Kinder in die Welt zu setzen. Und das ist das, worauf es in der Evolution ankommt.
Wie entwickelt sich Humor bei Kindern?
Aug 10, 2025
Show notes
Schon Humor oder noch Reflex?
Entwicklungspsychologen konnten zeigen: Das geht schon im ersten Lebensjahr los. Wobei man genau hingucken muss: Wenn ein Baby lacht, wenn man es kitzelt – und das tut es schon mit vier Monaten – ist das wirklich schon Humor? Oder nur ein Reflex oder einfach soziales Lachen?
Das ist nicht so ganz klar. Aber dann kommen schon im frühen Alter auch andere Situationen, in denen es eindeutiger ist. Eltern kennen das, wenn sie zum Beispiel gegenüber ihren Kleinkindern eine pseudo-fiese Grimasse ziehen oder sie es zum Schein durchs Zimmer jagen. Das finden Kinder in der Regel ja auch schon lustig – solange es die eigenen Eltern sind, erkennen sie: Die wollen mir jetzt nicht wirklich was böses, sondern das ist nur Spaß.
Humor durch Beobachtung erlernen
Wenn dagegen ein Fremder eine fiese Grimasse zieht, macht ihnen das eher Angst. Und das deutet auch auf die soziale Bedeutung von Humor hin. Gemeinsames Lachen verbindet ja auch. Und da konnte man zeigen, dass diese Art von Humor tatsächlich schon im Säuglingsalter beginnen kann, bei etwa sechs bis acht Monaten. Dass es da aber auch sehr darauf ankommt, was sie an Humor bei ihren Eltern beobachten können. Das heißt, sie lernen Humor am Anfang vor allem auch durch Nachahmung: Sie machen die Erfahrung, dass Eltern in bestimmten Situationen lachen. Oder die Augen aufreißen und so tun, als würden sie dem Kind die Rassel wegnehmen wollen, wo aber offensichtlich ist: Sie wollen es nicht wirklich, sie machen nur einen Spaß.
Humor ist der Bruch mit Erwartungen
Grundsätzlich gibt es sehr viele Arten von Humor, auch bei Kindern. Aber wenn man nach einem gemeinsamen Nenner sucht, dann ist es vielleicht der: Humor bricht immer mit irgendeiner Form von Erwartung. Psychologen nennen das das "Inkongruenzprinzip". Das gilt für den Slapstick-Humor bis zum Sprachwitz.
Ob sich das Kind einen Topf über den Kopf zieht und damit lachend durchs Zimmer läuft oder ob es, wenn es ein bisschen älter ist, ein Wortspiel macht oder eine ironische Bemerkung – jede humorvolle Situation beinhaltet irgendeinen Bruch mit Erwartungen, irgendwas fällt aus dem Rahmen. Das gilt auch, wenn sich ein Kind darüber königlich amüsieren, wenn es mit kleinen Tabus bricht – also zum Beispiel böse Wörter wie "Kacka" in den Mund nimmt oder seine Eltern sonst wie veralbert.
Dieses Brechen von Erwartungen, das Umdeuten eines Kontextes, ist eine kognitive Leistung, die ein Kind erst mal lernen muss. Auf einer kognitiven Ebene bedeutet Humor haben also: zu verstehen, dass eine Handlung auch mal nicht ernst gemeint ist.
Das ist ja das Wesen der Ironie: Ich sage etwas, meine aber das Gegenteil, und das zu verstehen, ist eine Voraussetzung von Humor. Sofern es sich um sprachliche Äußerungen handelt, können Kinder das etwa im Alter von 2 bis 3 Jahren lernen. Aber andere Formen von Humor, wo es einfach darum geht, unernste Situationen als solche zu erkennen, das geht schon im ersten Lebensjahr los. So verfeinert und erweitert sich der Humor im Lauf der weiteren Entwicklung.
Warum befindet sich die Kommandobrücke bei Schiffen mal hinten, mal vorne, mal in der Mitte?
Aug 09, 2025
Show notes
Vertikalbeschleunigung ist hinten am geringsten
Wenn sich Schiffsbauer fragen, wohin die Brücke soll, gibt es mehrere Kriterien. Wichtigstes Kriterium: Wo steuert es sich am angenehmsten? Das ist ganz klar: hinten. Denn dort ist die sogenannte Vertikalbeschleunigung am geringsten, dort müssen die Kapitäne also die geringsten Auf- und Abbewegung verkraften – das ist nicht nur magenfreundlich, sondern erleichtert bei starkem Seegang auch die Steuerung.
Warum ist es hinten am angenehmsten?
Schiffe bewegen sich im Seegang auf und ab – diese Bewegung setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen. Zum einen kippt ein Schiff vor und zurück: Der Bug geht hoch, das Heck geht runter und umgekehrt. Diese Kipp-Bewegung ist das so genannte "Stampfen". Daneben bewegen sich Schiffe aber auch als Ganzes auf und ab – das bezeichnet man als "Tauchen". Diese beiden Bewegungen überlagern sich – und im Ergebnis führt das dazu, dass sie sich vorne addieren, also verstärken – und hinten subtrahieren, also sich eher gegenseitig aufheben.
Stellen Sie sich ein Schiff vor: Es fährt vorwärts gegen eine Welle. Die Welle hebt nun zum einen das Schiff als Ganzes an, aber den Bug ganz besonders. Deshalb addieren sich vorne beide Aufwärtsbewegungen – während das Heck zum selben Zeitpunkt eher nach unten kippt und dadurch die Aufwärtsbewegung des Schiffes ein wenig ausgleicht. Deshalb ist es hinten grundsätzlich angenehmer, denn das Auf und Ab ist gedämpfter.
Sinnvolle Raumnutzung spielt eine Rolle
Vor allem Fracht- und Containerschiffe haben das Führerhaus hinten. Bei anderen Schiffen geht das aber nicht immer, denn da kommen weitere Kriterien ins Spiel, etwa die Raumnutzung. Es bringt nämlich auch Vorteile, wenn die Brücke möglichst nah am Maschinenraum ist. Wenn Schiffe aber schnell sein sollen, brauchen sie einen umso größeren Maschinenraum. Dafür reicht dann oft hinten der Platz nicht. Also werden Maschinenraum und Brücke dann in der Mitte des Schiffes angeordnet, wo es am breitesten ist.
Und es gibt Schiffe, die einen großen Maschinenraum brauchen und außerdem eine große, freie Decksfläche. Das sind zum einen Passagierschiffe, zum anderen Schwergutfrachter, wo die Deckfläche auch für Kräne benötigt wird. In diesen Fällen wird die Brücke, trotz der ungünstigeren Vertikalbeschleunigung, nach vorne gelegt.
Danke an: Prof. Dr.-Ing. Stefan Krüger, Naval Architect, Head of Institute, TU Hamburg-Harburg, Institute of Ship Design and Ship Safety / Lisa Hofmann
Wie entstand der Gazastreifen als politisches Gebilde?
Aug 08, 2025
Show notes
Gaza: schmaler Küstenstreifen zwischen Israel und Ägypten
Schon beim Blick auf die Landkarte wirkt der Gazastreifen merkwürdig. Ein kleiner schmaler Küstenstreifen, eingekapselt zwischen Israel und Ägypten. Der Gazastreifen ist 40 km lang – das ist weniger als die Strecke von Heidelberg bis Karlsruhe. Im Norden ist er nur 6 km breit, im Süden 14 km. Doch in diesem schmalen Streifen leben 2 Millionen Menschen – er ist somit dichter bevölkert als eine deutsche Großstadt.
Balfour-Erklärung 1917: "Heimstätte" für das jüdische Volk soll in Palästina errichtet werden
Die Geschichte im Schnelldurchlauf: Bis zum Ersten Weltkrieg gehörte Palästina zum Osmanischen Reich. Das Osmanische Reich gehörte aber zu den Kriegs-Verlierern und hat sich aufgelöst. Palästina wurde Mandatsgebiet von Großbritannien. In dieser Zeit, aber auch schon vorher, wanderten viele Juden nach Palästina aus. Großbritannien hatte schließlich den Juden schon 1917 versprochen, in Palästina eine Heimstätte für das jüdische Volk zu schaffen. Das war die berühmte Balfour-Erklärung.
Das führte allerdings zu schweren Konflikten mit den dort ebenfalls lebenden Arabern und führte auch zu Aufständen. Speziell aus Gaza zum Beispiel wurden 1929 alle Juden vertrieben. Großbritannien war mit den wachsenden Spannungen überfordert und stand unter Druck, das Mandat für Palästina an die Bevölkerung zurückzugeben, also Palästina in die Unabhängigkeit zu entlassen. Aber die Bevölkerung bestand zu diesem Zeitpunkt aus Arabern und Juden, und die hatten sehr unterschiedliche Vorstellungen. Also übergab Großbritannien das Problem an die Vereinten Nationen; diese verabschiedeten einen Teilungsplan.
Teilung Palästinas in einen arabischen und einen jüdischen Staat
Palästina wurde also auf dem Papier in einen jüdischen und einen arabischen Staat geteilt. In diesem Teilungsplan zerfiel übrigens auch der jüdische Staat in einen nördlichen und einen südlichen Teil. Jerusalem gehörte in diesem Plan nicht zum jüdischen Staatsgebiet, sondern sollte unter internationale Kontrolle gestellt werden. Bei diesem Teilungsplan wurde auch berücksichtigt, wo die Juden damals hauptsächlich lebten. In Gaza lebten sie nicht, denn von dort waren sie ja 1929 bei arabischen Aufständen vertrieben worden. Deshalb wurde das Gebiet des heutigen Gazastreifens dem palästinensischen Staat zugeschlagen – aber der Gazastreifen war in diesem Teilungsplan noch nicht isoliert, sondern Teil eines etwas größeren zusammenhängenden Gebietes, das zu einem künftigen arabischen Staat gehören sollte.
Israel wird 1948 unabhängig
1948 erklärte Israel seine Unabhängigkeit. Kurz darauf wurde es von seinen Nachbarn angegriffen und konnte sich behaupten. Das war der israelische Unabhängigkeitskrieg oder auch Palästinakrieg. In der Folge dieses ersten Krieges wurde die Landkarte nochmal neu gezeichnet – und der Gazastreifen ist ein Ergebnis davon. Denn Israel vereinbarte einen Waffenstillstand mit Ägypten. Israel konnte sein Gebiet zwar ausdehnen, aber Ägypten bekam die Kontrolle über den Gazastreifen. Das bedeutet nicht, dass die Menschen im Gazastreifen dort zu Ägyptern wurden. Sie wurden zwar von Ägypten verwaltet, hatten aber keine staatsbürgerlichen Rechte. Ebenfalls infolge des Palästinakriegs flohen Hunderttausende Palästinenser aus dem Staatsgebiet Israels oder wurden vertrieben ("Nakba"). Etwa ein Drittel von ihnen ging in dieses kleine, von Ägypten verwaltete Gebiet, das seitdem auch als "Gazastreifen" bezeichnet wird.
Palästinensische Autonomiegebiete nach Osloer Friedensabkommen
Aber er blieb nicht bei Ägypten: Im Sechs-Tage-Krieg 1967besetzt Israel den Sinai, den Gazastreifen und das Westjordanland. 1979 schließen Ägypten und Israel Frieden, der Sinai geht an Ägypten zurück, der Gazastreifen bleibt unter israelischer Besatzung, die dort auch jüdische Siedlungen zulässt. Mitte der 1990er schließen Israel und die Palästinenser einen formalen Frieden im Osloer Friedensabkommen. Dabei entsteht das, was heute als "palästinensische Autonomiegebiete" bekannt ist. Der größte Teil des Gazastreifens und Teile des Westjordanlands kommen unter die Verwaltung der palästinensischen Autonomiebehörde.
Der Gazastreifen ist zwar das kleinere der beiden Gebiete, besteht aber aus einer zusammenhängenden Fläche – im Gegensatz zum administrativ zersplitterten Westjordanland. Im Westjordanland bleiben die israelischen Sicherheitskräfte und Verwaltung präsent. Dort entstehen immer neue illegale israelische Siedlungen.
Aus dem Gazastreifen dagegen zieht sich Israel bis 2005 zurück und räumt dort auch die jüdischen Siedlungen. Auch politisch entwickeln sich beide Gebiete auseinander. Im Westjordanland dominiert die gemäßigte Fatah, im Gazastreifen wächst die Macht der radikalislamischen Hamas.
2006 fanden in den palästinensischen Gebieten Wahlen statt. Die Hamas gewann diese Wahlen. Weil sie aber Israel nicht anerkennt und bekämpft, wird sie international isoliert. Kurzfristig gibt es eine gemeinsame Regierung mit der gemäßigten Fatah, die im Westjordanland stark ist. Aber die scheitert, die Hamas wirft die Fatah aus dem Gazastreifen raus, herrscht seitdem faktisch alleine, beschießt Israel mit Raketen und erntet Gegenschläge.
Das alles hat dazu geführt, dass der Gazastreifen weitgehend abgeschnitten ist, sowohl nach Israel als auch nach Ägypten. Entsprecht kritisch ist die Versorgungslage. Die Bevölkerung ist auf humanitäre Hilfslieferungen angewiesen.
Wenn man also fragt, wann das alles begonnen hat, ist die Antworten: Mit den Ereignissen nach der Staatsgründung und dem Palästinakrieg. Seitdem ist der Gazastreifen das, was er bei allem politischen Hin und Her heute noch ist: Ein kleiner, schmaler, eingekastelter Flecken Erde mit misstrauischen Nachbarn, von denen er aber gleichzeitig extrem abhängig ist.
Warum gilt der ausgestreckte Mittelfinger als Beleidigung und Stinkefinger?
Aug 07, 2025
Show notes
"Schamloser Finger" schon bei den Römern der Antike
Das geht auf die Antike zurück. Die Römer kannten den Finger als digitus impudicus, also digitus: Finger; und impudicus heißt im wahrsten Sinne des Wortes schamlos oder "unverschämt" – der unverschämte Finger.
Das war er nicht nur im Volksmund, sondern auch in der Literatur. Der Dichter Martial erwähnt den Finger gleich mehrfach: Eines seiner Epigramme handelt z.B. von einem Menschen, der so kerngesund war, dass er seinem Arzt den Stinkefinger gezeigt hat: Ostendit digitum sed inpudicum. Und da wusste offenbar jeder, was damit gemeint war.
Erfinder der Geste ist unbekannt
Wer diese Geste genau erfunden hat, weiß man nicht, das war wohl eine Volksgeste. Es hat wohl auch damit zu tun, dass die Gesamtkonstellation aus ausgestrecktem Mittelfinger und den angewinkelten Nachbarfingern eine "phalloide Anmutung" hat.
Dass der Finger schon bei den Römern ganz klar eine sexuell aufgeladene Bedeutung hatte, wird an einer anderen Stelle bei Martial ebenfalls deutlich: Rideto multum, qui te, Sextille, cinaedum dixerit: Lache jeden aus, Sextilus, der dich weibisch oder verweichlich genannt hat – et digitum porrigito medium – und strecke ihm den Mittelfinger entgegen. Und was in dem Text danach kommt, ist wirklich nicht mehr jugendfrei.
Erkennungszeichen für männliche Prostituierte
Manche Quellen berichten auch davon, dass römische Strichjungen sich auf den Straßen zu erkennen gaben, indem sie den Mittelfinger in ihr Kopfhaar schoben. Der Mittelfinger hatte also schon damals eine anstößige Bedeutung.
Das hat sich übers Mittelalter bis heute durchgezogen – auch mit der Folge übrigens, dass man an diesem Finger eher keinen Ring trägt. Heute hat sich das zwar etwas gelockert und Menschen tragen Ringe überall. Aber man sieht nur wenige Leute, die nur einen Ring tragen und diesen dann an den Mittelfinger stecken. Die Aufmerksamkeit auf diesen Finger zu lenken wäre für das Empfinden der meisten Menschen noch immer etwas merkwürdig.
Können Organspender bei der Entnahme Schmerzen empfinden?
Aug 06, 2025
Show notes
Man hat solche Schauergeschichten vielleicht schon einmal gehört, dass irgendwelche Bewegungen während einer Organentnahme plötzlich aufgetaucht sind. Der Hintergrund ist aber recht einfach: Wenn man einen Menschen kräftiger berührt, dann kann es sein, dass der Körperstamm – Arme und Beine sind da eingeschlossen – reflexartige Bewegungen zeigt.
Jeder Mensch hat Reflexe, und das Rückenmark an sich schließt den Reflexbogen. Das heißt, wenn man eine Sehne am Arm ein bisschen kräftiger berührt oder wenn man auch am Bauch eine Berührung kräftiger Art durchführt, dann kann es sein, dass Muskeln, die diesem Reflexbogen zugeordnet sind, eine Zuckung zeigen.
Gehirntoter Mensch kann keine Schmerzen empfinden
Aber das ist keine bewusste Bewegung des Patienten, sondern ist eher mit einer Reflexsituation zu vergleichen, wie sie auch Insekten zeigen können. Das Hirn ist trotzdem tot und der Patient kann Schmerzen, wenn man ihn jetzt schneidet, nicht realisieren.
Die Wahrnehmung von Schmerz findet ja nicht auf der Ebene des Reflexbogens und auf der Rückenmarksebene statt, sondern die Wahrnehmung von Schmerz findet eindeutig im Gehirn statt. Und da das Gehirn in allen Arealen funktionsuntüchtig ist, kann der tote Mensch keine Schmerzen empfinden.
Sind leere Batterien leichter als volle?
Aug 05, 2025
Show notes
Batterie ist geschlossenes System
Das Wörtchen "leer" führt an dieser Stelle auf eine falsche Fährte. Wir sprechen von "vollen" und "leeren" Batterien, dabei sind "leere" Batterien nicht wirklich "leer" in dem Sinn, dass weniger "drin" ist als vorher. Die Batterie ist ein geschlossenes System – da tritt im Normalfall nichts aus.
Wenn Batterien in Betrieb sind, findet nur eine elektrochemische Reaktion statt, bei der Elektronen von einem Ende der Batterie zum anderen wandern. Aber die Masse, also die Zahl der Atome in der Batterie, bleibt erhalten. So gesehen verlieren die Batterie nicht an Gewicht.
Einstein und die Relativitätstheorie
Eine winzige Einschränkung kommt aber durch Albert Einsteins Relativitätstheorie und seine berühmte Gleichung E = mc². Das E in der Gleichung ist die Energie eines Systems im Ruhezustand. Einstein sagt mit der Gleichung: Je größer die Masse eines Körpers, desto größer ist seine Ruheenergie. Im Umkehrschluss heißt das: Wenn ein Körper – in dem Fall die Batterie – Energie verliert, also in Form von Strom an die Umgebung abgibt, verliert sie Masse.
Das ist jedoch so wenig, dass man das praktisch nicht messen kann; es bewegt sich im Bereich von Milliardstel Gewichtsprozenten. Insofern müsste die ganz korrekte Antwort lauten: Ja, eine verbrauchte Batterie ist laut Relativitätstheorie um einen winzigen Bruchteil leichter, aber damit kann man im Alltag nichts anfangen. Es hilft leider nicht, volle und leere Batterien durch Abwiegen voneinander zu unterscheiden.
Warum verändert sich die Stimme im Alter?
Aug 04, 2025
Show notes
Immer im Wandel – die menschliche Stimme
Wenn wir Leute im Radio oder am Telefon hören, machen wir uns schnell ein Bild, insbesondere über ihr Alter. Wir hören eine "junge" oder eine "alte" Stimme – aber woran machen wir das fest? Und wir reden hier nicht über den Stimmbruch in der Pubertät – das ist ein Thema für sich – sondern über Stimmen von eben jüngeren oder älteren Erwachsenen.
Es gibt mehrere Eigenschaften, die sich im Alter verändern. Oft klingen die Stimmen leiser und rauer. Manchmal brechen sie beim Sprechen auch einfach weg, zumindest bei sehr alten Menschen werden die Stimmen oft schwächer.
Auch die Tonhöhe kann sich im Alter verändern. Ältere Frauen klingen häufig tiefer als junge. Bei den Männern ist es hingegen oft umgekehrt, sie klingen eher höher und manchmal ein bisschen fistelig. Man bezeichnet diese stimmliche Veränderung als Alters-, gelegentlich auch als "Greisenstimme".
Herausströmende Luft bringt Stimmbänder in Schwingung
Aber wodurch kommt das alles? Die entscheidenden Veränderungen passieren an den Stimmlippen. Die sitzen im Kehlkopf am oberen Ende der Luftröhre.
Die Stimmlippen bestehen aus kleinen Knorpeln, Muskeln und den beiden Stimmbändern. Sie sind sehr elastisch und mit Schleimhaut bedeckt. Wenn wir still sind und nur ein- und atmen, bleiben die Stimmbänder locker. Wenn wir einen Ton erzeugen, spannen wir sie an. Die Luft wird dann gebremst, die Stimmlippen fangen an zu vibrieren – sie gehen auf und zu – und diese Schwingungen erzeugen den Ton.
Regulation der Stimmhöhe über Spannung und Länge der Stimmbänder
Wie hoch ein Ton ist, hängt davon ab, wie schnell die Stimmbänder auf und zu flattern. Das wiederum hängt von zwei Faktoren ab: Wie lang die Stimmbänder sind und wie gespannt sie sind.
Generell gilt: Ein Mensch mit kürzeren und schmaleren Stimmlippen hat eine höhere Stimme als jemand mit langen und dicken. Denn hier schwingen die Stimmlippen mit einer größeren Frequenz. Bei Männern sind die Stimmbänder ein paar Millimeter länger als bei Frauen, deshalb ist ihre natürliche Stimme tiefer. Manchmal bis zu einer Oktave.
Über die Spannung wiederum beeinflussen wir die Tonhöhe beim Sprechen und Singen. Das regulieren vor allem zwei Knorpel, die sogenannten Stellknorpel. Über Muskeln und Bänder miteinander verbunden, verändern die beiden Stellknorpel die Spannung und Position der Stimmbänder. Wir können das bewusst steuern. Sind die Stimmbänder entspannt, schwingen sie langsamer und erzeugen tiefere Töne. Gestraffte Stimmbänder schwingen in einer höheren Frequenz. Dann erklingen höhere Töne.
Diese bisher beschriebenen Mechanismen beziehen sich vorwiegend auf die Tonhöhe. Es gibt aber noch weitere Faktoren, die die Eigenschaften unserer Stimme beeinflussen. So prägen Resonanzräume – also die Hohlräume im Kopf- und Rachenraum – maßgeblich die Klangfarbe. Die Artikulation betrifft die konkrete Lautbildung, etwa bei Vokalen und Konsonanten, und bezeichnet die gezielte Formung von Lauten durch Bewegungen der Sprechorgane, was sich direkt auf Verständlichkeit und Klangfarbe der Stimme auswirkt.
Muskelschwund und Hormone verändern die alternde Stimme
Im jungen Alter sind unsere Stimmbänder sehr elastisch, unser Tonumfang ist entsprechend groß, und die Stimme klarer, weil wir die Stimmbänder wirklich gut anspannen können. Werden Menschen älter, verhärten die beiden Knorpel allmählich und die Muskeln im Kehlkopf bauen ab. Wir können die Stimmlippen nicht mehr so stark anspannen – dadurch verringert sich der Tonumfang insgesamt, und die Stimme wird tendenziell tiefer. Und auch die Schleimdrüsen der Stimmlippen lassen nach. Das führt dazu, dass die Stimmbänder trockener werden und immer starrer. Sie können schlechter auf- und zu-schwingen und schließen sich nicht mehr vollständig. Deshalb klingen ältere Menschen oftmals brüchiger oder belegt, ihre Stimmen ermüden schneller.
Es kommt aber noch etwas hinzu: Mit dem Alter verändert sich der Hormonhaushalt. Das wirkt sich bei Frauen und Männern unterschiedlich stark aus. Bei Frauen sinkt insbesondere in den Wechseljahren der Östrogen- und Progesteronspiegel und ihre Stimmen werden hörbar tiefer. Diese Hormone helfen eigentlich dabei, den Stimmapparat geschmeidig zu halten. Fehlen sie, werden die Stimmlippen härter und rauer.
Hinzu kommt, dass auch der Frauenkörper immer eine kleine Menge Testosteron bildet. Bei niedrigem Östrogen- und Progesteronspiegels hat stattdessen das Testosteron einen stärkeren Einfluss auf die Stimmlippen. Es macht diese tendenziell dicker – die Stimme wird tiefer, – im Schnitt um 14 Hz, das entspricht ungefähr einem Ganztonschritt.
Analog produziert der männliche Körper im Alter weniger Testosteron. Weniger Testosteron geht mit einer Verringerung der Stimmbandmuskulatur einher. In der Folge wird die Stimme etwas höher. Der Effekt ist allerdings deutlich geringer als bei den Frauen, und macht sich erst in ganz hohem Alter klanglich bemerkbar, wenn die Stimmlippen bereits sehr verknöchert und starr sind. Sie können dann weniger weit auf und zu schwingen. Die Stimme klingt dann fistelig und höher – man spricht vom sogenannten "Greisendiskant".
Die Stimme als Altersindikator
Dass wir eine Stimme oft recht schnell als jung oder alt wahrnehmen, hängt übrigens nicht nur von ihrem Klang ab. Ältere Menschen sprechen im Schnitt auch langsamer und neigen zu längeren Pausen. Auch das nehmen wir unbewusst als Hinweis aufs Alter wahr. Interessanterweise ist unser Gehör da recht zuverlässig: nur um etwa plus/minus 5 Jahre vertippen wir uns, wenn wir das Alter anhand der Stimme ausmachen wollen – das konnte eine Studie der TU Berlin zeigen.
Ein herzliches Dankeschön an Walter Sendlmeier, Professor für Sprach- und Kommunikationswissenschaft an der TU Berlin, für die Hilfe bei der Beantwortung der Frage.