Woher stammt die “Quarantäne”? Wie entsteht ein Schwarzes Loch? Warum fallen Wolken nicht vom Himmel? SWR Redakteur Gábor Paál und Gäste aus der Wissenschaft erklären im Wechsel jeden Tag ein kleines Stückchen Welt. Texte unter http://1000-antworten.de
Viele Episoden dieses Podcasts stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz. Ihr könnt diese Episoden unter Angabe der Quelle und der Lizenz unverändert in Eurem eigenen Digitalangebot dauerhaft veröffentlichen. Die Episoden dürfen dabei nicht verändert oder kommerziell genutzt werden. Die Lizenz lautet CC BY-NC-ND 4.0.
Innerer Reichsparteitag: Ist das ein Nazi-Ausdruck?
Jan 17, 2026
Show notes
Skandal bei der Fußball-WM 2010
Den Ausdruck hört man noch gelegentlich, und mancher zuckt da zusammen. Das wurde bei der Fußball-WM 2010 deutlich, als die ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein den Ausdruck verwendete: Miroslav Klose, dessen Stürmerleistung vorher umstritten war, hatte ein Tor geschossen, worauf Müller-Hohenstein meinte, das müsse für ihn doch ein "innerer Reichsparteitag" gewesen sein – im Sinne einer großen Genugtuung; Klose müsse also innerlich gejubelt haben.
Das war ein kleiner Skandal. Ein Mitglied des ZDF-Fernsehrats beschwerte sich mit den Worten: "Wir nehmen es nicht hin, wenn extremistische Terminologie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen verbreitet wird." Die Moderatorin musste sich entschuldigen.
Ist es eine "extremistische Terminologie"?
Reichsparteitage waren eine Institution der Nazis und unstrittig ist, dass die Redewendung "das ist mir ein innerer Reichsparteitag" auf die Zeit des Nationalsozialismus zurückgeht. Um den Ausdruck moralisch zu bewerten, lautet die entscheidende Frage aber: Von wem wurde dieser in welcher Form benutzt? Da ist die Quellenlage ambivalent. Klar ist: Es war kein Propagandaausdruck der Nazis, sondern der Ausdruck "innerer Reichsparteitag" entstand offenbar bald nach 1933 in der Studentenszene und wurde eher mit einer ironischen Distanz verwendet.
Pompöse Jubelveranstaltungen: Reichsparteitage der Nazis
Wenn jemand sagt: "Das ist mir ein innerer Reichsparteitag" bringt das ja zum Ausdruck, was die Reichsparteitage faktisch waren: Pompöse Selbstbeweihräucherungs- und Jubelveranstaltungen. In dem Ausdruck klang also eher ein gewisser Spott mit.
Manche Zeitzeugen sagen allerdings, dass dieser Ausdruck auch in der Hitlerjugend verwendet wurde – und da wohl eher unironisch. Insofern ist die Verwendung heute ambivalent.
Brennt mir etwas "auf den Nägeln", "auf die Nägel" oder "unter den Nägeln"?
Jan 16, 2026
Show notes
Das hängt davon ab, ob man lieber die Rolle des Mönchs oder eines mittelalterlichen Folteropfers annehmen möchte. Denn die beiden Versionen haben unterschiedliche Ursprünge.
Brennende Kerze trieb Mönche zum schnelleren Singen und Beten an
Zu der Variante "auf den Nägeln": Es gab in der Tat und durch Holzschnitte belegt bei den Mönchen oder auch bei Priestern kleine Kerzchen, die auf den Daumennägeln befestigt waren. So konnten sie, wenn sie sehr früh Messe in der Messe waren, in ihrem Gebetbuch etwas lesen. Wenn das zu lange dauerte, dann brannte die Kerze immer weiter runter und sie mussten darauf schauen, dass sie schnell genug sangen. Deswegen war das eine unangenehme Situation, wenn einem etwas auf den Nägeln brannte.
Foltermethode: brennender Kienspan unter den Nägeln
"Unter den Nägeln" brennen hängt damit zusammen, dass es entsprechende Foltermethoden gab. Man steckte jemandem einen Kienspan unter die Nägel und zündete den an. Das war natürlich äußerst unangenehm und sehr, sehr widerlich.
Also können Sie sowohl sagen "es brennt mir unter den Nägeln" als auch "das brennt mir auf den Nägeln".
Warum erscheinen Sonne und Mond größer, je mehr sie sich dem Horizont nähern?
Jan 15, 2026
Show notes
Den Mond mal zwischen zwei Finger nehmen
Objektiv betrachtet sehen diese Himmelskörper, die Sonne oder der Mond am Himmel, gar nicht größer oder kleiner aus. Das heißt, sie nehmen praktisch die gleiche Größe im Sichtfeld ein, egal, ob sie jetzt hoch am Himmel stehen oder am Horizont. Wenn man den Arm ausstrecken und den Mond zwischen die Fingern nehmen würde, dann würde es keinen Unterschied machen, ob der jetzt hoch am Himmel steht oder am Horizont; er ist immer sozusagen zwischen den Fingern gleich groß.
Der Mond ist zwar manchmal etwas näher an der Erde und manchmal etwas weiter weg, aber das macht nicht so viel aus und hat nichts mit der "Horizont-Frage" zu tun.
Warum erscheint der Mond unterschiedlich groß?
Da gibt’s zum einen die Erklärung, dass es eine optische Täuschung ist durch den Bezug zu Objekten am Horizont. Das ist aber nur die halbe Wahrheit.
Der wichtigste Grund ist, dass sich unser Gehirn täuschen lässt, was die Entfernung der Sonne oder des Mondes angeht. Wenn wir zum Horizont gucken, dann ist ja meistens eine ganze Menge dazwischen: Häuser, Bäume, Menschen – was auch immer. Und daraus leitet unser Gehirn unbewusst ab: "Dieser Horizont, der ist ja ganz schön weit weg." Wenn wir zum Mond gucken, wenn er hoch am Himmel steht, dann ist sonst nichts dazwischen. Und das interpretiert unser Gehirn so, als wäre er näher dran.
Wenn man irgendwo draußen steht und sich ganz naiv den Himmel als Gewölbe vorstellt, als Käseglocke, dann hat es ja auch nicht den Anschein, als sei diese Käseglocke kugelrund, sondern sie ist eher abgeflacht. Der Zenit der Käseglocke, also oben, was direkt über uns ist, erscheint näher als der Horizont. Das liegt daran, dass beim Blick zum Horizont noch so viel dazwischen ist. Das heißt, der Horizont erscheint weiter weg, subjektiv, als der Zenit.
Teleobjektive gaukeln Betrachter Nähe zu Objekten vor
Umgekehrt: Wenn der Mond Richtung Horizont sinkt, nimmer er zwar im Sichtfeld immer noch die gleich Fläche ein wie wenn er oben steht. Aber unser Gehirn, unser optisches System sagt sich nun unbewusst: "Moment, der ist ja jetzt weit weg, das muss ich berücksichtigen, wenn ich überlege, wie groß ist der." Also meldet es unserem Verstand: "Du, dieser Mond da hinten, der ist so weit weg. Da muss der doch schon ganz schön groß sein". Und genau so entsteht diese Täuschung, dass der Mond bzw. eben auch die Sonne am Horizont so groß erscheinen.
Wenn wiederum auf Fotos der Mond überdimensional groß erscheint, dann handelt es sich meist um Aufnahmen, die mit einem Teleobjektiv gemacht wurden. Was dabei passiert, kann man sich klar machen, wenn man seine Hand zwischen die Augen und einen größeren Gegenstand hält. Wenn wir die Hand dicht vor die Augen halten, verdeckt sie einen größeren Teil des Hintergrunds als wenn wir die Hand weiter wegstrecken.
Wenn wir den Mond am Horizont betrachten, entspricht die "Hand" den Häusern und Bäumen. Was macht nun das Teleobjektiv? Es gaukelt dem Betrachter vor, er sei viel näher an den Häusern als er es in Wirklichkeit ist – ohne dass sich aber das Größenverhältnis zwischen Häusern und Mond ändert. Die Häuser erscheinen im Verhältnis zum Mond viel kleiner als wenn wir wirklich so nah dran wären, wie das Teleobjektiv uns glauben lässt – dadurch wird der Mond auf diesen Fotos so enorm groß. Und dann gibt es natürlich auch Fotomontagen, wo der Mond einfach mit Bildbearbeitung größer gemacht wurde als er ist.
Warum ist Grönland eine Insel und Australien ein Kontinent?
Jan 13, 2026
Show notes
Nach alter Tradition verläuft die Grenze zwischen Australien und Grönland. Grönland gilt gerade noch als Insel, ab Australien spricht man vom Kontinent. Beim Blick auf eine normale Weltkarte hat man manchmal den Eindruck, Australien und Grönland seien fast gleich groß. Das täuscht aber, weil die meisten Weltkarten die Größenverhältnisse verzerrt darstellen und dabei die Polarregionen viel größer erscheinen als gleich große Gebiete in den Tropen.
In Wirklichkeit ist Grönland nur etwa ein Drittel so groß wie Australien, was ja einen deutlichen Unterschied darstellt. Ist es also reine Willkür, die Grenze zwischen Grönland und Australien zu ziehen? Hätte man auch sagen können: Wir zählen Australien noch als Insel und bezeichnen erst die Antarktis als Kontinent? Oder: Wir rechnen Grönland als eigenen Kontinent und die größte Insel wäre dann Neu-Guinea?
Australien liegt auf eigener Kontinentalplatte
Theoretisch wäre das möglich gewesen. Es gibt jedoch einen wesentlichen geologischen Unterschied zwischen Australien und Grönland. Es ist ja bekannt, dass die Erdoberfläche in mehrere große und kleine Kontinentalplatten unterteilt ist, die sich langsam in unterschiedlicher Richtung über den Globus bewegen. Und zu Australien gehört – zusammen mit Neuseeland und Tasmanien – tatsächlich eine eigene Kontinentalplatte. Das kann man für Grönland nicht sagen. Grönland ist geologisch gesehen ein Teil von Nordamerika; es gibt keine "grönländische" Platte. Insofern besteht also ein qualitativer Unterschied. Und da würde man heute die Grenze ziehen.
Trotzdem ist das eine nachgeschobene Begründung, denn als die Kontinente definiert wurden, wusste die Wissenschaft noch nichts von Kontinentalplatten. Andererseits: Wenn man das konsequent zu Ende führen würde, müsste man auch Indien oder die arabische Halbinsel als Kontinente betrachten, denn sie befinden sich ebenfalls auf eigenständigen Platten. Sie sind aber gewissermaßen an den Großkontinent Eurasien "angehängt" und zählen somit nicht als eigene Kontinente.
Wie sind die verschiedenen Blutgruppen entstanden?
Jan 12, 2026
Show notes
Was sind Blutgruppen?
Es geht hier vor allem um die roten Blutkörperchen, genau genommen um deren Zelloberfläche. An den Blutkörperchen haften bestimmte Eiweiße, die sogenannten Antigene. Nach denen sind die Blutgruppen benannt. Hat jemand Blutgruppe A, dann haften an den Blutkörperchen andere Antigene als im Blut von jemandem mit Blutgruppe B. Und Blutgruppe 0 heißt einfach: weder ... noch. An den Blutkörperchen hängen weder Antigene A noch B. Unser Körper wehrt sich allerdings gegen fremde Antigene, die er nicht kennt – deshalb wird bei Blutspenden auf die Blutgruppen geachtet, weil sonst der Körper des Empfängers das Blut des Spenders abstößt.
Wie sind diese verschiedenen Blutgruppen entstanden?
Sieht man sich das Verteilungsmuster der Blutgruppen auf der Welt an, dann kommen zwar heute alle Blutgruppen praktisch überall vor, aber es gibt bestimmte Häufungen:
Blutgruppe 0 tritt gehäuft in Afrika und Amerika auf
Blutgruppe A in Europa
Blutgruppe B in Asien
Das sind grobe Muster. Wie das gekommen ist, wird noch erforscht. Was aber bereits gut untersucht ist, ist der Einfluss von Malaria. An diesem Beispiel kann man deutlich machen, wie sich die Wissenschaft die Evolution der Blutgruppen grundsätzlich vorstellt.
Warum sich in Afrika Blutgruppe 0 stärker durchgesetzt hat
Man kann rekonstruieren, dass die Blutgruppe 0 sich durch einen ursprünglichen Gendefekt aus der Blutgruppe A entwickelt hat. Also: A war zuerst da, dann gab es beim Kopieren des Erbguts an einer bestimmten Stelle einen Fehler, eine Mutation. Das Resultat waren Menschen mit Blutgruppe 0. Das ist alles passiert in einer Zeit, als unsere Vorfahren noch in Afrika gelebt haben. Eigentlich waren es noch keine "Menschen" im heutigen Sinn, sondern allenfalls Vormenschen.
In Afrika gibt es nun bekanntlich Malaria. Man hat herausgefunden, dass Träger der Blutgruppe 0 bei Malaria, insbesondere der gefährlichen Malaria tropica, höhere Überlebenschancen haben. Das liegt daran, dass sich der Erreger im Blut dieser Menschen nicht so schnell vermehren kann. Mit Malaria ist es also ein bisschen wie bei Covid-19 – auch da scheinen Menschen mit Blutgruppe 0 glimpflicher davonzukommen.
Ein Prozess über Jahrmillionen
Der Unterschied ist, dass es Malaria schon seit Jahrmillionen gibt. Wenn nun Menschen mit Blutgruppe 0 eine auch nur leicht erhöhte Überlebenschance in Malariagebieten haben, hat das dazu geführt, dass sich die Blutgruppe in Afrika im Laufe der Zeit immer stärker durchgesetzt hat. Das gilt vor allem für die feucht-tropischen Gebiete: Paradebeispiel ist das Nigerdelta. Dort ist der Anteil von Blutgruppe 0 in der Bevölkerung sehr hoch. In anderen Weltgegenden, wo Malaria nicht so eine große Rolle spielt, haben sich dagegen die Blutgruppen A und B gehalten.
Auch andere Krankheitserreger spielen eine Rolle
Dieser Einfluss des Malariaerregers erklärt die Evolution der Blutgruppen nicht komplett – schon gar nicht die Verteilung von A und B. Aber immerhin ist dieser Effekt so gut untersucht, dass man vermuten kann, dass generell Krankheitserreger der entscheidende Faktor bei der Herausbildung unterschiedlicher Blutgruppen und ihrer Verteilung sind, wenn sie jeweils die Träger der einen oder anderen Blutgruppe begünstigt haben.
Gibt es auch bei Tieren verschiedene Blutgruppen?
Ja, es gibt auch bei Tieren so etwas wie Blutgruppen. Gerade das AB0-System kennt man auch von anderen Primaten – es ist also älter als die Menschheit. Wir unterscheiden ja beim Menschen neben A, B und 0 auch den sogenannten Rhesusfaktor. Der heißt deshalb so, weil er ursprünglich beim Rhesus-Affen gefunden wurde.
Unterschiedliche Blutgruppen sind auch bei Fischen nachgewiesen. Aber das sind dann nicht die Blutgruppen, die wir kennen – A, B und 0 oder der Rhesusfaktor – sondern ganz andere Typen als beim Menschen.
Wovon hängt die Größe von Hühnereiern ab?
Jan 11, 2026
Show notes
Eier gibt es in den Größen S bis XL – also extra groß. Diese Klassifizierung ist nach Gewicht definiert: Ein Ei der Größe S wiegt weniger als 53 g, Größe M geht bis 63 g, L bis 73 und alles, was darüber ist, ist XL.
Alter und Rasse des Huhns entscheiden über Ei-Größe
Die Eiergröße hängt von zwei Faktoren ab: Vom Alter und von der Hühnerrasse. Eier der Größe S stammen fast immer von Junghennen. Und je älter ein Huhn wird, desto größere Eier legt es. Außerdem gibt es Unterschiede zwischen verschiedenen Hühnerrassen. Ähnlich wie die Farbe des Eies eine Frage der Rasse ist, hängt auch die Größe von der Rasse ab. Besonders große Eier legen die braunen Hühner, während Zwerghennen, wie der Name schon vermuten lässt, eher kleine Eier legen.
Hühner empfinden beim Eierlegen vermutlich keine Schmerzen
Zur Frage, ob Hühner beim Eierlegen Schmerzen empfinden und bei großen Eiern gar größere Schmerzen: Es ist grundsätzlich schwierig, das wissenschaftlich herauszufinden, weil Schmerz eine innere Empfindung ist – und Hühner können weder sprechen noch können sie Schmerzen über den Gesichtsausdruck mitteilen. Es gibt deshalb kaum Hinweise darauf, dass ihnen das Eierlegen weh tut. Man kann sagen: Da die Größe vom Alter und der Rasse abhängt, also von natürlichen Faktoren, gibt es keinen Grund, einen Zusammenhang zwischen Eiergröße und Schmerz anzunehmen.
Wenn man beim Eierkauf Tierschutzaspekte berücksichtigen will, spielt die Größe der Eier deshalb keine Rolle. Da sollte man lieber auf die Haltung achten, also Freiland- bzw. Bioeier kaufen.
Woher kommt Seitenstechen?
Jan 10, 2026
Show notes
Milz-Theorie überzeugt nicht
Das ist eine der Fragen, bei der die Wissenschaft heute weniger "schlau" ist als früher. Früher war die Sportmedizin überzeugt, dass die Milz schuld sei. Die Milz spielt eine wichtige Rolle im Blutkreislauf, sie speichert Blut, sie produziert und recycelt weiße Blutkörperchen.
Deshalb hieß es früher: Wenn sich untrainierte Menschen verausgaben, brauchen die Muskeln mehr Blut, also quetscht die Milz ihre letzten Reserven aus, zieht sich zusammen – und das verursacht das schmerzende Stechen. Das Problem dieser Erklärung ist: Die Milz liegt links im Bauch, Seitenstechen kann aber auch von rechts kommen; da stimmt also irgendwas nicht.
Falsches Atmen: Welche Rolle spielt das Zwerchfell beim Seitenstechen?
Inzwischen fällt der Verdacht eher aufs Zwerchfell, aber was genau sollte es zum Stechen bringen? Hier gibt es verschiedene Theorien. Das Zwerchfell ist der wichtigste Atemmuskel und untrainierte Läufer atmen manchmal falsch; sie sind buchstäblich kurzatmig. Sie atmen schnell, achten vor allem aufs Einatmen, zu wenig aufs Ausatmen. Dadurch wird das Zwerchfell schlecht durchblutet, bekommt wenig Sauerstoff und verkrampft – auch das könnte das Seitenstechen verursachen.
Zu viel essen oder trinken vor dem Sport beeinflusst ebenfalls das Zwerchfell
Oder aber – auch die Theorie gibt es – es tut deshalb weh, weil das Zwerchfell von anderen Organen nach unten gezogen wird. Wer vor dem Sport zu viel isst oder trinkt, belastet unter Umständen die Leber, den Darm oder den Magen. "Belasten" ist in dem Fall wörtlich gemeint: Die Organe bekommen zu tun, werden schwerer. Weil sie aber über Muskelgewebe mit dem Zwerchfell verbunden sind, "reißen" sie es ein wenig nach unten, und auch das könnte Auslöser für das Seitenstechen sein – zumindest bei manchen Leuten.
Dreht sich die Erde immer langsamer?
Jan 09, 2026
Show notes
In 50.000 Jahren ist ein Tag eine Sekunde länger als heute
Tatsächlich weiß man schon seit Längerem, dass die Erde im Lauf der Jahrmillionen sich immer langsamer um ihre eigene Achse dreht. Das geht allerdings so langsam, dass wir das in einem Menschenleben nicht zu spüren bekommen. Um mal die Größenordnung zu nennen: Innerhalb von 100 Jahren verlangsamt sich eine Erdumdrehung um etwa zwei Tausendstel Sekunden (genau sind es 1,7). Anders ausgedrückt: Wenn es so weitergeht, wird in 50.000 Jahren eine Erdumdrehung, also ein Tag, eine Sekunde länger dauern als heute.
Das klingt nach nicht viel, aber es heißt natürlich auch, dass wenn man in Milliarden von Jahren rechnet – und die Erde ist ja fast 5 Milliarden Jahre alt – dass da schon etwas zusammenkommt. Wenn man annimmt, dass die Erdrotation gleichmäßig in dieser Größenordnung immer langsamer wird, käme man zum Ergebnis, dass der Tag in der Frühzeit der Erde nur 21 bis 22 Stunden gehabt hat. Und wahrscheinlich war das tatsächlich so.
Geschwabbel an der Erdoberfläche: Einfluss der Gezeitenkräfte
Dass sich die Erde immer langsamer dreht, liegt an den Gezeitenkräften. Also daran, dass wir zweimal am Tag Ebbe und Flut haben. Das führt dazu, dass die Erde durch die Anziehungskraft von Mond und Sonne ständig etwas ihre Form verändert. Das heißt, es bilden sich ständig Flutberge und Ebbetäler. Das erzeugt Reibung und ein allgemeines "Geschwabbel" an der Erdoberfläche. Dadurch wird die Rotation der Erde immer ein bisschen gebremst. Das ist der Haupteffekt.
Diese Abbremsung erfolgt aber nicht gleichmäßig, denn es kommen andere Kräfte ins Spiel. Zum Beispiel Eiszeiten. Wir hatten ja in den letzten 3 Millionen Jahren mehrere Eiszeiten. Eiszeit heißt immer, dass Wasser aus den Weltmeeren verschwindet und sich in Form von Eis und Gletschern auf die Kontinente niederschlägt, vor allem in den Polarregionen. Das heißt bei jedem Wechsel von Eis- zu Warmzeit wird in großem Umfang Masse auf der Erdobefläche umverteilt; auch so etwas beeinflusst die Eigendrehung.
Antike Aufzeichnungen über Sonnenfinsternisse helfen bei Rekonstruktion
Heute kann man das mit Atomuhren und genauer Himmelsbeobachtung ermitteln, aber das sagt ja nur etwas über die Veränderungen heute aus. Es gibt aber noch ein paar andere interessante Hinweise.
Die Leute früher konnten die Zeit nicht so genau messen. Aber das mussten sie auch gar nicht. Sie haben Aufzeichnungen geführt über Sonnenfinsternisse. Eine Sonnenfinsternis ist ein fantastisches Spektakel. Wir können uns das heute erklären, der Mond schiebt sich vor die Sonne. Aber für die Menschen in der Antike war das ein unglaublicher Vorgang. Vor allem wenn es sich um eine totale Sonnenfinsternis handelt. Solche Ereignisse haben sie in ihren Chroniken festgehalten. Das Schöne ist nun: Die Astronomen können auch heute genau ausrechnen, wann an welcher Stelle der Erde eine totale Sonnenfinsternis stattfinden wird oder stattgefunden hat. Und sie können das mit den alten Aufzeichnungen vergleichen.
Es gibt zum Beispiel eine totale Sonnenfinsternis im Jahr 136 v. Christus. Im Kernschatten dieser Sonnenfinsternis lag die Stadt Babylon. Dort gibt es auch Aufzeichnungen darüber. Aber wenn man rein astronomisch rechnet und davon ausgeht, dass die Erdentage heute und damals immer gleich lang gewesen wären, hätte diese Sonnenfinsternis nicht in Babylon zu sehen sein dürfen, sondern in Spanien. War sie aber nicht. Das liegt daran, dass sich die Erdrotation seitdem verlangsamt hat; der Zeitunterschied zwischen Babylon und Spanien beträgt etwa 3 Stunden.
Vor 2000 Jahren war der einzelne Tag 4 Hundertstel Sekunden kürzer als heute. Wenn wir 2000 Jahre zurückgehen, dann sind das über 700.000 Tage – und auch wenn jeder dieser Tage nur Bruchteile einer Sekunde kürzer war, dann hat sich über die letzten 2000 Jahre doch vieles aufsummiert. Solche antiken Quellen sind ein Hinweis, dass sich die Rotation verlangsamt hat. Und sie bestätigen auf diese Weise die heutigen astronomischen Messungen.
Warum ist der "globale Norden" reicher als der "globale Süden"?
Jan 08, 2026
Show notes
Innerhalb Deutschlands ist es eher umgekehrt – wir haben hier ein Süd-Nord-Gefälle. Anders ist es in Italien, wo der Norden reicher ist als der Süden. Ein generelles Nord-Süd-Gefälle gibt es auch innerhalb Europas.
Bessere Bedingungen für Landwirtschaft in gemäßigten Breiten
Allerdings herrschten vor 2.000 Jahren – zur Zeit des römischen Reiches – umgekehrte Verhältnisse. Man kann also nicht sagen, dass es ein Naturgesetz gäbe, wonach nördliche Regionen immer reicher wären als südliche. Im Einzelfall spielen vielfach historische Entwicklungen eine Rolle. So war früher die Landwirtschaft ein entscheidender Wohlstandsfaktor — hierür herrschen in den gemäßigten Breiten einfach die besseren Bedingungen als in den Tropen. Die Böden und die Niederschlagsverhältnisse sind besser. Wir haben zwar auch immer wieder Trockenperioden, leiden aber längst nicht unter Dürreproblemen wie südlichere Länder das tun.
Allerdings war das Mittelmeergebiet in der Antike grüner als heute – bis die Römer ihre Wälder abgeholzt haben, die bis heute nicht nachgewachsen sind. Aber die Frage nach Arm und Reich kann man sicher nicht nur auf solche naturräumlichen Einflüsse zurückführen.
Kolonialgeschichte und Industrialisierung spielen eine Rolle
Der Unterschied zwischen den reichen Industrieländern und den Entwicklungsländern lässt sich einerseits auf die Kolonialgeschichte zurückführen, andererseits auf die Industrialisierung. Aber auch damit verschiebt man die Suche nach der Ursache nur in die Vergangenheit, denn es bleibt ja die Frage: Warum gingen Kolonialisierung und Industrialisierung vom Norden aus?
Warum die Europäer die Welt kolonisieren konnten
An dieser Stelle kommt eine Theorie ins Spiel, die von dem US-Geographen Jared Diamond stammt. 1997 erschien sein Buch "Arm und Reich", im Englischen "Guns, germs and steel" – also Waffen, Krankheitserreger und Stahl. Darin stellt er die einfache Frage: Warum haben einst die Europäer den Rest der Welt kolonisiert und nicht umgekehrt?
Seine Erklärung geht zurück bis in den Beginn der Landwirtschaft vor 10.000 Jahren in Vorderasien. Dass die Landwirtschaft dort ihren Anfang nahm und nicht sonst wo, hatte klare Gründe, denn dort herrschten Bedingungen wie nirgends sonst auf der Welt:
Es gab eine gewisse Anzahl an domestizierbaren Pflanzen – was wir heute als Getreide bezeichnen – und domestizierbaren Tieren.
Weil der eurasische Kontinent eine Ost-West-Achse hat, und weil es – anders als in Amerika – in Ost-West-Richtung keine großen Gebirgsbarrieren gibt, verlaufen auch die Klimazonen in Eurasien in Ost-West-Richtung, also konnte sich die Landwirtschaft leicht ausbreiten. Und damit auch alles, was mit ihr zusammenhing, denn die Landwirtschaft hatte ja Folgen: Sie war ja zugleich der Beginn komplexer Gesellschaften, in denen es so etwas wie Arbeitsteilung gab, Spezialisierungen. Und die Landwirtschaft führte zu weiteren technischen Innovationen: Töpfe aus Keramik, Pflüge und andere Spezial-Werkzeuge aus Metall wurden erfunden – und die Metallverarbeitung führte natürlich auch zu effizienten Waffen.
Ein anderer, eher unbeabsichtigter Effekt der Landwirtschaft und der Tierhaltung waren die Krankheitserreger, die sich dort entwickeln konnten. Diese Krankheitserreger forderten natürlich viele Todesopfer, aber im Lauf der Jahrtausende wurden die Menschen in Europa dadurch auch gegen viele Erreger immun. Als sie sich dann aber anschickten, in der Frühen Neuzeit den Rest der Welt zu erobern, brachten sie viele Erreger auch in die Neue Welt.
Es ist bekannt, dass die Indianer in Amerika nicht nur durch die Waffen der Europäer dezimiert wurden, sondern vor allem durch die Krankheitserreger. Natürlich kann man die Geschichte nicht nur dadurch erklären. Aber zumindest das grobe Muster der Menschheitsgeschichte – das letztlich bis heute nachwirkt.
Ein Kollege von Diamond, Laurence Smith, tätig am gleichen Institut in Los Angeles, führt den Gedanken nun fort und sagt: Durch den Klimawandel werden die nördlichen Regionen, die bisher noch etwas abseits des Weltgeschehens standen – Kanada, Skandinavien, der Norden Russlands – in den nächsten Jahrzehnten einen großen Boom erleben, was natürlich den Begriff "reicher Norden" weiter am Leben halten würde.
Warum führt scharfes Essen zu Schweißausbrüchen?
Jan 08, 2026
Show notes
Im Capsaicin steckt die Schärfe
Scharfes Essen kann tatsächlich zu einem leichten Anstieg der Körpertemperatur führen. Die chemische Verbindung, die Chilis und anderen Paprikagewächsen ihre Schärfe verleiht, ist Capsaicin. Schon kleine Mengen machen viel aus: Würde man ein Gramm Capsaicin in 10.000 Liter Wasser verteilen, könnte man die Schärfe immer noch schmecken. Und je mehr drin ist, desto schärfer wird es. Diese Capsaicin-Moleküle docken genau an jene Nervenrezeptoren im Mundraum an, die uns normalerweise melden, wenn wir uns verletzt oder verbrannt haben.
Nervenrezeptoren melden "Feuer"
Man könnte also sagen: Capsaicin täuscht eine Brandwunde vor, deshalb "brennt" es im Rachen. Der Körper reagiert daraufhin so, wie er auf Wunden reagiert: Er steigert die Durchblutung und erweitert die Blutgefäße. Dadurch steigt die Körpertemperatur – und um den Anstieg in Grenzen zu halten, leitet der Körper gleich die Gegenmaßnahme ein: Er fängt an zu schwitzen. Denn wenn der Schweiß auf der Haut verdunstet, wird dem Körper Wärme entzogen.
Scharfe Speisen in tropischen Ländern: schwitzen kühlt!
Manchmal wundert man sich ja, dass scharfe Speisen ausgerechnet in tropischen Ländern Tradition haben, wo es doch schon heiß genug ist – Indien, Indonesien, Mexiko. Die Erklärung könnte aber genau darin liegen: Das scharfe Essen wirkt zwar kurzfristig schweißtreibend, hat aber – über den ersten Hitzemoment hinaus – auch eine kühlende Funktion.
Aufgrund dieser Zusammenhänge ist es kein Zufall, dass im Englischen das Wort "hot" sowohl "heiß" als auch "scharf" bedeutet. Im Deutschen kennen wir interessanterweise auch "heiß" als Synonym für "scharf" – aber bekanntlich mehr in Zusammenhang mit menschlichem Balzverhalten … Es handelt sich allerdings auch hier jeweils um eine Lehnübersetzung aus dem Englischen "hot", das ebenfalls in diesem Kontext gebraucht wird.