Woher stammt die “Quarantäne”? Wie entsteht ein Schwarzes Loch? Warum fallen Wolken nicht vom Himmel? SWR Redakteur Gábor Paál und Gäste aus der Wissenschaft erklären im Wechsel jeden Tag ein kleines Stückchen Welt. Texte unter http://1000-antworten.de
Viele Episoden dieses Podcasts stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz. Ihr könnt diese Episoden unter Angabe der Quelle und der Lizenz unverändert in Eurem eigenen Digitalangebot dauerhaft veröffentlichen. Die Episoden dürfen dabei nicht verändert oder kommerziell genutzt werden. Die Lizenz lautet CC BY-NC-ND 4.0.
"Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand" – woher kommt das?
Jan 07, 2026
Show notes
Das kenne ich selbst von meinem Vater, der Seemann war und die ganze Welt umsegelt hat. Und der wusste auch genau dieses Problem. Also auf hoher See, da muss man natürlich immer auf Gott vertrauen, weil man in solcher Gefahr ist. Und das hat man verglichen mit dem Gericht. Der normale Mensch, der ist ja da auch völlig verloren. Der kennt sich nicht aus, fühlt sich in lauter Fallstricke gefangen.
Und es gibt ein schönes Sprichwort, das heißt vor Gericht braucht man drei Säcke. Einen mit Papier, einen mit Geld und einen mit Geduld.
Haben Vögel im Frühling mehr Hunger als im Winter?
Jan 01, 2026
Show notes
Aufzucht der Jungen kostet im Frühjahr viel Energie
Auf alle Fälle haben Vögel mehr Hunger, weil sie unter Umständen jetzt Junge betreuen müssen und nicht mehr viel Zeit übrig haben. So ein Weibchen oder auch ein Männchen, je nach Arbeitsteilung, muss den größten Teil des Tages auf dem Gelege zubringen, dem Gelege Wärme spenden, das heißt Energie, von ihren 42°C. Das kostet mehr Energie, das ist klar.
Was ist ein guter Ort, um Vögel zu füttern?
Ich habe im Winter Meisenknödel rausgehängt, die wurden gar nicht angenommen. Und ich glaube, dass da auch die Umgebung eine Rolle spielt. Das heißt, wenn die frei hängen und frei zugänglich sind für die Meise, aber unter Umständen auch für den Sperber, dann mögen die nicht über längere Strecken dort hin fliegen.
Vögel vermeiden solche gefährlichen Flugstrecken, wo sie hin- und herfliegen. Besonders, wenn der Sperber schon ein paar Mal gekommen ist; sie gehen da dann unter Umständen nicht dran. Mehr Deckung und Gebüsch kann helfen. Wenn es irgendwo etwas Tolles gibt mit viel Weichfutter und Haferflocken oder die Nachbarn vielleicht einen Moment früher angefangen haben zu füttern, dann sind die Vögel dahin gebunden, wenn sie leichten Zugang haben.
Woher kommen die Wörter "Katastrophe" und "Desaster"?
Dec 31, 2025
Show notes
Katastrophe: verhängnisvolle Sternenkonstellation
In beiden Wörtern stecken die Sterne drin, lateinisch Astra. Eine Katastrophe ist ein folgenschweres Unglück, etwas, was nach landläufiger Vorstellung über uns hereinbricht ober aber durch menschliches Versagen ausgelöst wird.
Früher wurde die Verantwortung dafür den Sternen zugeschrieben, genauer: den Planeten. Man glaubte, dass sie die Erde umkreisen und dabei manchmal eine verhängnisvolle Konstellation einnehmen, bei der eine bestimmte Umdrehung (griechisch καταστροφή) auf die irdischen Verhältnisse so einwirkt, dass sie sich im Positiven oder Negativen verändern. Schon in der Antike waren die Menschen überzeugt, so wie der Mond Ebbe und Flut auslöst, so würden auch die Planeten den Lauf der Ereignisse bestimmen.
Diese Vorstellungen herrschten schon in Mesopotamien und hielten sich bis in die Neuzeit. 1932 gab es ein schweres Erdbeben in Indien. Damals wurde unter Wissenschaftlern noch diskutiert, ob das durch eine bestimmte Sternenkonstellation ausgelöst wurde.
Desaster: ein "Unstern"
Beim Wort Desaster ist es ganz ähnlich. Auch das hat seinen Ursprung in der frühen Astrologie. Das Wort "disastro" geht auf die Vorstellung zurück, dass eine ungünstige Sternenkonstellation – in der Übersetzung also ein "Unstern", ein "Desaster" – einen negativen Einfluss auf irdische Verhältnisse ausübt.
Warum zerfällt Käsefondue oft in seine Bestandteile und was tue ich dagegen?
Dec 29, 2025
Show notes
Denaturierung im Fonduetopf
Das kann leider immer passieren. Der Käse besteht im Wesentlichen aus Kaseinen; die Kaseine haben eine gewisse Denaturierungstemperatur. Beim Käse oder Rohmilchkäse sind die Kaseine noch nicht denaturiert. Aber sie denaturieren, wenn es ihnen im Fonduetopf zu warm wird. Dann trennt sich das Fett von den Eiweißen.
Ein bisschen Schnaps senkt die Temperatur
Deswegen geben Sie immer ein bisschen Schnaps dazu, weil der Alkohol bei 78 Grad Celsius verdampft. Das heißt, dass die Temperatur nicht ganz so schnell so hoch steigt. Sie können sich immer helfen, wenn Sie ein bisschen Schnaps nachgießen, weil der Alkohol verdunstet und damit die Temperatur wieder etwas gesenkt wird.
Trennung von Fett und Kasein beginnt bei 138 °C
Die kritische Temperatur im Fonduekessel liegt bei 138 bis 140 °C. Da beginnt diese Trennung von Fett und Kasein; diese Temperatur sollten Sie nicht erreichen. Allerdings passiert das an der Wand und am Boden sehr schnell. Deswegen müssen Sie gut umrühren und immer wieder mit etwas Alkohol nachhelfen – dann müsste es eigentlich klappen.
Ansonsten hilft es, die Temperatur etwas zu reduzieren. Also immer mal das Stövchen niedriger setzen oder den Topf vom Feuer nehmen.
Warum bringen Schornsteinfeger Glück?
Dec 28, 2025
Show notes
Kaminkehrer sorgt für Sicherheit, macht mit rußigem Gesicht aber auch Angst
Früher hatten die Leute ein sehr ambivalentes Verhältnis zum Schornsteinfeger. Einerseits bringt er ja faktisch Glück: Er reinigt den Kamin und sorgt dadurch dafür, dass den Hausbewohnern keine Rußbrände, Gasvergiftungen oder Hausbrände drohen. Aber er war halt auch schwarz. Und das muss auf viele Leute furchteinflößend gewirkt haben. Früher glaubten die Leute noch an den Teufel, und da konnte ja schon der Verdacht aufkommen, dieser schwarze Mann könnte mit dem Satan im Bund stecken.
Der Schornstein als geheimnisvoller Ort
Außerdem war der Schornstein ein geheimnisvoller Ort. Noch heute erzählt man Kindern, dass der Nikolaus durch den Schornstein kommt. Und in Gruselgeschichten gehen die Gespenster durch die Kamine ein- und aus oder hausen dort.
Das sind zwar aus heutiger Sicht harmlose Geschichten. Sie gehen aber darauf zurück, dass der Kamin in früheren Zeiten ein dunkler Ort war. Daher war er dafür prädestiniert, dass man dort etwas hineingeheimnissen konnte.
Dunklen Ort von Ruß und bösen Geistern reinigen
Aus all diesen Gründen war der Schornsteinfeger immer eine Respektsperson. Blöd wäre aber gewesen, wenn die Leute so viel Angst vor diesem schwarzen Mann gehabt hätten, dass sie ihn gar nicht mehr in ihre Wohnungen gelassen hätten. Dann hätten am Ende Häuser gebrannt und Menschen wären in ihren Feuerabgasen erstickt.
Insofern hatte das Gerücht, dass Schornsteinfeger Glück bringen, schon Vorteile. Und so erzählten sich die Leute, dass der Schornsteinfeger Glück bringt, weil er in diesen Kamin, diesen dunklen Ort vordringt und ihn von potenziell bösen Geistern reinigt. Und weil er – wenn er wirklich mit dem Teufel in Kontakt steht – mit dessen Hilfe sogar andere Geister bannen könnte.
Ob jemand dieses Gerücht absichtlich in die Welt gesetzt hat, um die Leute zu beruhigen und um die Akzeptanz gegenüber dem Schornsteinfeger zu steigern – das ist nicht überliefert. Genauso gut ist möglich, dass das irgendwann einfach mal aufkam und sich dann verselbständigt hat.
Schornsteinfeger bringt Glück fürs neue Jahr
Der Schornsteinfeger ist auch eine "Neujahrs-Figur": Er taucht zum Jahreswechsel als Kuchen-Dekoration oder aus Marzipan geformt auf. Ein Zusammenhang besteht darin, dass früher der Schornsteinfeger traditionell an Neujahr herum ging und seine Jahresrechnung vorlegte – und bei der Gelegenheit natürlich gleich eine der ersten Personen war, die einem im neuen Jahr begegneten. Insofern war es aus praktischen Gründen gut zu glauben, dass er Glück bringt. Denn hätte er als Unheilsbote gegolten, wäre er als Neujahrsbesucher sicher nicht so willkommen gewesen.
Warum schrumpeln Finger, wenn sie lange im Wasser sind?
Dec 27, 2025
Show notes
Auffallend: nur Finger schrumpeln – Rest des Körpers bleibt glatt
Auffallend ist ja, was alles nicht schrumpelt: Die Haut am Rest des Körpers – den Armen, den Beinen, dem Rücken – bleibt im Wasser glatt. Aber die Finger und die Zehen schrumpeln, werden wellig.
Über die Gründe gibt es verschiedene Ansichten. Die Standard-Lehrmeinung besagt: Das Schrumpeln geschieht passiv: Die Hornhautzellen können viel Wasser aufnehmen und quellen dadurch. Der tiefere Grund ist: Die Hornhautzellen sind zwar biologisch abgestorben, aber sie enthalten noch relativ viele Salze – Wasser strebt, wenn es kann, immer Richtung Salz nach dem Prinzip der Osmose. Also dringt Wasser in die Zellen und die quellen auf.
Warum bildet sich ein Wellenmuster – die Haut könnten ja einfach dicker werden?
Das liegt unter anderem daran, dass wir praktisch überall dort, wo sich viel Hornhaut bildet, auch Papillarlinien haben – die dünnen Rillen, die unseren Fingerabdruck ausmachen. Die gibt es auch an den Zehen. Überall, wo wir diese Papillarlinien haben, sind die oberen Hautschichten eng mit der Unterhaut verbunden. Sie kann sich somit nicht einfach frei ausdehnen. Deshalb schlägt sie, wenn sie aufquillt, dieses Wellenmuster. Das ist jedenfalls die Standarderklärung.
Im Jahr 2011 kamen aber US-Forscher noch mit einer anderen möglichen Erklärung. Sie sagen: Das Schrumpeln ist vielleicht doch ein Vorgang, an dem der Körper aktiv beteiligt ist. Der evolutionäre Sinn könnte sein, dass, wenn die Hände nass sind, ein Gegenstand, den man mit schrumpeligen Fingern hält, nicht so leicht aus der Hand rutscht. Die Furchen im Schrumpelfinger hätten somit die gleiche Funktion wie die Rillen in einem Autoreifen. Wären die Finger nass und trotzdem glatt, wäre immer ein Wasserfilm zwischen Haut und Gegenstand – der würde leicht aus der Hand rutschen. Die Schrumpelfinger dagegen geben der Hand zusätzlich "Profil" und bewirken, dass das überschüssige Wasser abfließen kann – jedenfalls hat der Neurowissenschaftler Mark Changizi diese Möglichkeit ins Spiel gebracht.
Belege für die "Rutsch-Stop-Theorie"
Mark Changizi belegt seine Theorie mit zwei Indizien. Das eine ist ein uralter wissenschaftlicher Aufsatz, der ihn überhaupt erst auf den Gedanken gebracht hat. Viele Forschungen aus früheren Jahrzehnten geraten ja völlig in Vergessenheit, wenn sie nicht weiter verfolgt werden. Und so hat Changizi einen Artikel aus den 1930ern entdeckt, in dem schon mal jemand festgestellt hat, dass Finger nicht schrumpeln, wenn Nerven, die in die Fingerspitze führen, beschädigt oder durchtrennt sind.
Das würde im Umkehrschluss bedeuten, dass das Schrumpeln zumindest auch durch Nervenimpulse ausgelöst wird und nicht nur eine passive Quellreaktion auf das Eindringen von Wasser ist.
Zweiter Hinweis: Bei allen Menschen ähnelt sich das Schrumpeln mehr oder weniger. Es entsteht kein wirres zufälliges Muster, wie man es vielleicht bei einem rein passiven physikalischen Vorgang erwarten würde, sondern es entstehen immer relativ gerade Furchen, die von der Fingerspitze wegführen. Genau dieses Muster wäre zur "Entwässerung" der Finger auch besonders effektiv. Auch das wäre also eine interessante Erklärung, auch wenn sie noch nicht bewiesen ist.
Vielleicht kommt ja auch beides zusammen, in dem Sinn, dass der Körper das Schrumpeln zwar aktiv steuert, dass aber trotzdem das eindringende Wasser erst die Voraussetzungen schafft, dass er das überhaupt kann.
Warum ist Gähnen ansteckend?
Dec 26, 2025
Show notes
Spiegelneuronen zeigen beim "Betrachten" eines Vorgangs Aktivität
Spiegelneuronen sind bestimmte Gehirnstrukturen, die man zumindest bei Affen und Menschen finden kann. Die zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht nur aktiv sind, wenn man selbst eine bestimmte Tätigkeit ausführt, sondern auch wenn man sieht, wie es jemand anderes tut.
Mir selbst ging es zum Beispiel als Schüler immer so, wenn wir im Sportunterricht Hochsprung gemacht haben: Immer wenn einer vor mir in der Reihe abgesprungen ist, hat’s auch in meinem Bein gezuckt und ich musste mich beherrschen, dass mein Bein nicht auch abhebt. Als dann diese Spiegelneuronen entdeckt wurden, hatte ich endlich eine Erklärung, warum das so ist.
Und auf ähnliche Weise bewirken Spiegelneuronen offenbar, dass wenn wir jemanden Gähnen sehen unser Gehirn sozusagen denkt: "Stimmt eigentlich, danach ist mir auch gerade" – und einen entsprechenden Impuls sendet.
Spiegelneuronen bilden Geisteszustände des Gegenübers ab
Diese Spiegelneuronen sind ja nicht nur bei Bewegungen aktiv, sondern sie werden heute auch für ein wesentliches Merkmal des menschlichen Geistes verantwortlich gemach: Wir können uns in andere einfühlen und aus Gesichtern lesen. Und wir können Schlüsse ziehen aus der Art, wie jemand spricht, aus der Stimme. Daraus können wir ablesen, wie es anderen geht. Das können wir, weil die Spiegelneuronen die Geisteszustände des Gegenübers in gewisser Weise abbilden.
Vor einigen Jahren haben britische Forscher Experimente gemacht. Sie haben zum Beispiel in einen Warteraum Testpersonen gesetzt. Jemand aus dem Forschungsteam setzte sich incognito dazu und hat demonstrativ lange und ausgiebig gegähnt. Die Forscher haben beobachtet, wer anfängt mitzugähnen und wer nicht. Dann haben sie mit den gleichen Testpersonen hinterher einen psychologischen Test gemacht, bei dem die Fähigkeit getestet wurde, wie gut sich jemand in den Gemütszustand eines anderen hinein versetzen kann.
Das Ergebnis: Die Leute, die sich vom Gähnen eines Mitmenschen besonders anstecken lassen, haben auch hohe Empathiewerte. Sie besitzen also ein ausgeprägtes Einfühlungsvermögen. Und umgekehrt waren die Leute, die im psychologischen Test ein schlechtes Einfühlungsvermögen gezeigt haben, relativ immun gegen die Gähn-Attacken, ließen sich also nicht anstecken.
Wann und warum löst Musik Gänsehaut aus?
Dec 25, 2025
Show notes
Dicht am Geschehen: Gänsehaut durch Nahaufnahmen und wörtliche Rede
Mindestens die Hälfte der Menschen kennt Gänsehaut, wenn sie bestimmte Musik hört. Häufig setzt die Gänsehaut ein, wenn der Refrain beginnt oder die Musik auf einen Höhepunkt zusteuert. Aber Menschen bekommen auch Gänsehaut bei Filmen. Und zwar bei ganz bestimmten Stellen, sagt Eugen Wassiliwizky. Er erforscht solche Gänsehautmomente am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt:
"Wenn Sie eine Gänsehaut haben in einem Film, dann wird in diesen Momenten überproportional häufig ein Close-up verwendet, also eine nahe Distanz von der Kamera zum Gesicht des Schauspielers. Das kann man objektiv messen."
Menschen bekommen Gänsehaut sogar bei Gedichten, und auch da sind es wieder ganz bestimmte Momente. Eugen Wassiliwizky:
"Was wir erkennen ist, dass die Gänsehautmomente sich häufen zum Ende von Zeilen, zum Ende von Strophen und zum Ende des ganzen Gedichts."
In manchen Gedichten, etwa bei Balladen, kommt auch wörtliche Rede vor. Auch diese Stellen gehören zu den typischen Gänsehaut-Momenten. Eugen Wassiliwizky:
"Wenn in einer Ballade eine Person zu einer anderen spricht, ist es viel wahrscheinlicher, dass Sie in diesen wörtlichen Redeabschnitten Gänsehaut erleben werden als in den narrativen-deskriptiven Teilen der Ballade."
Gänsehaut als Schutzmechanismus
Doch warum bekommen Menschen bei Musik, Gedichten oder Filmen überhaupt Gänsehaut? Eigentlich hat Gänsehaut ja eine Schutzfunktion: Sie bewahrt uns vor Kälte, indem sie die kleinen Muskeln an den Haaransätzen aktiviert und gleichzeitig dafür sorgt, dass sich die Haare aufstellen und ein isolierendes Luftpolster bilden. Aber warum bei Musik, bei Gedichten, bei emotionalen Momenten? Eugen Wassiliwizky:
"Eine Idee ist, dass es ein bestimmter Schutzmechanismus ist. Es ist ja ein Schutzmechanismus für den Körper. Der Körper aktiviert ihn, auch wenn er sich bedroht fühlt emotional. Deswegen auch unser Credo, dass bei der Gänsehaut irgendeine Art von negativer Emotion enthalten sein muss, damit sie in Gang gesetzt wird."
Bedrohung oder Abschied vom Gewohnten
Anders gesagt: Gänsehautmomente entstehen auch bei Filmen, Musik oder Gedichten an Stellen, die sich durch eine besondere Spannung auszeichnen, wo eben nicht alles schön und gut ist, sondern wo auch negative Emotionen mit hineinspielen, die dann besonders bewegend sind. Vielleicht eine Bedrohung oder ein Konflikt oder ein großer Moment, in dem etwas Neues beginnt, was aber mit dem Abschied von etwas Altem verbunden ist. Auch wenn solche Momente schön sind, kann es diese negativen Begleitemotionen geben, auf die der Körper dann mit Gänsehaut reagiert, so die Vermutung. Doch so ganz ist das Phänomen bis heute nicht verstanden.
Waren die Germanen die Ur-Deutschen?
Dec 24, 2025
Show notes
Kein Volk bezeichnete sich als "Germanen"
Das Bild von den "alten Germanen" als den Ur-Deutschen ist aus mehreren Gründen schief. Erstmal gab es nie ein Volk, das sich selbst als "die Germanen" bezeichnet hat. Das Wort war eine Fremdbezeichnung der Römer für verschiedene Stämme in dem Gebiet nördlich der Alpen und östlich des Rheins, erklärt der Frankfurter Historiker Andreas Fahrmeir:
Die Germanen waren es aus der Wahrnehmung der Römer, die sich allerdings auch bewusst sind, dass es ganz viele verschiedene Gruppen gibt, die in dem, was sie Germanien nennen, siedelten. Es gibt aber nicht eine einheitliche Volksgruppe, die sich als Germanen verstehen würde.
Quelle: Andreas Fahrmeir, Historiker
Mit den "Germanen" verhält es sich also ein wenig wie mit den "Indianern" – beides sind kollektive Fremdbezeichnungen, die von außen auf Völker übergestülpt werden, die sich selbst nicht gar als eine gemeinsame Einheit betrachtet haben.
Gründungsmythos Varusschlacht
Das, was die Römer Germanien nannte, hätte Kaiser Augustus sich gerne einverleibt, doch seine Legionen wurden im Jahr 9 n. Chr. in der berühmten Varusschlacht von dem Cherusker Arminius und seinen Verbündeten geschlagen.
Sehr viel später wurde dieses Ereignis zu einer Art deutschem Gründungsmythos verklärt. Auch das zu Unrecht, denn das war kein gesamtgermanischer Befreiungsschlag gegen die Römer, sondern ein regional begrenzter Aufstand.
Arminius, im Deutschen auch Hermann genannt, kämpfte nicht für die Germanen, die es in ihrer Gesamtheit ja gar nicht gab, sondern nur als Cherusker; das war einer von vielen Stämmen.
"Germania" – Schrift des römischen Geschichtsschreibers Tacitus
Es war der römische Historiker Tacitus, der dieses Ereignis festgehalten und auch ein Buch mit dem Titel "Germania" geschrieben hat. – Dieses Buch ist, allerdings erst Jahrhunderte später, der Anlass, die Germanen als die ursprünglichen Deutschen zu betrachten.
"Die Vorstellung kommt im 15. Jahrhundert auf", sagt Fahrmeir – also fast anderthalb tausend Jahre nach der der Varusschlacht – "als Tacitus' Text wiederentdeckt wird und in der Diskussion über den Wert von Kulturen in Europa die Germanen als Stellvertreter für die Deutschen aufkommen und in der Konkurrenz zu Italien und Frankreich diskutiert werden."
Völkerwanderung: Teil der Stämme sucht sich neue Heimat
Die Gleichsetzung der alten germanischen Stämme mit den späteren Deutschen scheitert noch aus einem anderen Grund: Denn nach dem Zerfall des römischen Reichs gab es noch die sogenannte Völkerwanderung. Und mindestens ein Teil der Stämme, die zwischen Alpen und Nord- und Ostsee lebten, haben sich eine neue Heimat gesucht. Franken zogen nach Westen, Angeln und Sachsen auf die britischen Inseln, Westgoten nach Spanien, Ostgoten Richtung Schwarzes Meer. Wobei es heute eher als fraglich gilt, dass wirklich ganze Völker gewandert sind:
Wie groß diese Gruppen sind, ist in der Forschung nicht so klar. Das heißt, es kann sein, dass nur ganz wenige Personen wirklich wandern, aber dass das zur Veränderung von Ortsnamen, zur Veränderung von Sprachen, zur Veränderung von kulturellen Gewohnheiten führt, die dann in der rückblickenden Erklärung als Wanderung eines ganz großen Bevölkerungszuges gedeutet werden.
Quelle: Andreas Fahrmeir, Historiker
Wort "deutsch" kommt in der Zeit des Heiligen Römischen Reichs auf
Das Wort "deutsch" kommt erst Jahrhunderte später auf, in der Zeit des Heiligen Römischen Reichs. Ursprünglich hieß es "theodiscus", was so viel bedeutete wie "volkstümlich" oder "zum Volk gehörig". Der Begriff tauchte zur Zeit Karls des Großen auf, also um das Jahr 800, ohne schon konkret eine deutsche Sprache zu meinen.
Er bedeutet aber einfach nur: Eine Sprache des Volks, nicht: Die Sprache deutsch, sondern einfach eine Sprache, die nicht Latein ist.
Quelle: Andreas Fahrmeir, Historiker
Erst nachdem das Reich Karls des Großen zerfiel, wurde "deutsch" zur Bezeichnung für die Art von Sprache, die das Volk eben im Ostfränkischen Reich vor allem sprach – und das war ja nur eine von vielen germanischen Sprachen, eben eine westgermanische Sprache im Unterschied etwa zu den nordgermanischen, wie sie in Skandinavien gesprochen werden. Doch das Reich hieß noch immer "Heiliges Römisches Reich". Die Bewohner lebten noch lange nicht im Bewusstsein, dass sie "Deutsche" wären.
Bis überhaupt das Heilige Römische Reich den Zusatz "Deutscher Nation" bekam, dauert es bis Ende des 15. Jahrhunderts. Es bedeutet nicht, dass das Reich auf Deutsch verwaltet würde, die Verwaltungssprache bleibt lange Latein. Große Teile des östlichen Frankreichs gehören damals auch zu diesem Reich – Burgund etwa, Norditalien. – Insofern ist das Reich von der Konzeption her alles andere als deutsch.
Quelle: Andreas Fahrmeir, Historiker
Ab dem 19. Jahrhundert: Nation und Identität
Bis zum Selbstverständnis einer gemeinsamen deutschen Identität vergingen noch Jahrhunderte. Erst im 19. Jahrhundert mit dem "Deutschen Bund" und der Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 wurde Deutsch-Sein wirklich zu einem prägenden Teil des Identitätsgefühls seiner Bewohner.
Warum knurrt der Magen?
Dec 24, 2025
Show notes
Borborygmus ist normal
Das Magenknurren – medizinisch auch Borborygmus genannt – ist etwas ganz Normales. Denn der Magen arbeitet "blind" – er weiß nicht, ob er gerade etwas zu verdauen hat oder ob er leer ist, er schafft einfach immer weiter, das heißt, er zieht sich ständig zusammen und versucht, Nahrung in den Darm zu schieben.
Luft wird in den Darm gedrückt
Solange der Magen gut gefüllt ist, gibt es auch keine Geräusche. Sobald aber der Magen seine Mahlzeit bewältigt hat, ist er leer. Weil er aber weiter arbeitet und kein Essen mehr hat, was er umherschieben kann, wirbelt er nur noch Luft herum, Luft in Verbindung mit Magensäften.
Das eigentliche Geräusch entsteht am Ende des Magens, am Übergang zum Darm. Das ist nur eine enge Öffnung. Wenn da der Magen versucht, Luft hineinzupressen, passiert ähnliches wie bei einem Dudelsack oder wie bei einem Luftballon, wenn man die Luft langsam herauslässt: Es gibt ein Geräusch. Und das hören wir von außen als Knurren.