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    Natural Sciences

    1000 Antworten

    Woher stammt die “Quarantäne”? Wie entsteht ein Schwarzes Loch? Warum fallen Wolken nicht vom Himmel? SWR Redakteur Gábor Paál und Gäste aus der Wissenschaft erklären im Wechsel jeden Tag ein kleines Stückchen Welt. Texte unter http://1000-antworten.de
    Viele Episoden dieses Podcasts stehen unter einer Creative-Commons-Lizenz. Ihr könnt diese Episoden unter Angabe der Quelle und der Lizenz unverändert in Eurem eigenen Digitalangebot dauerhaft veröffentlichen. Die Episoden dürfen dabei nicht verändert oder kommerziell genutzt werden. Die Lizenz lautet CC BY-NC-ND 4.0.

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    Latest Episodes:
    Kann man das Immunsystem trainieren? Feb 05, 2026
    Show notes

    Die Frage klingt einfach, und viele würden intuitiv sagen: Na klar! Man kann sich "abhärten", wie es so schön heißt. Wenn man häufig an die frische Luft gehe oder sich immer wieder mal Erregern aussetze, stärke das das Immunsystem. Doch so einfach ist es nicht, denn man muss zwei Sachen unterscheiden:

    Kontakt mit Erregern stärkt Immunabwehr

    Unstrittig ist, dass der Kontakt mit einem Erreger – wenn man ihn übersteht – die Immunabwehr gegen diesen speziellen Erreger stärkt. Wer eine Maserninfektion überlebt hat, ist in der Regel ein Leben lang gegen das Masernvirus immun. Und wenn man sich im Alltag einer Vielzahl schwacher Erreger aussetzt, die das Immunsystem immer ein bisschen herausfordern, aber nicht wirklich krank machen, dann entwickelt das Immunsystem gegen diese Erreger eine Abwehrroutine. Auch Impfungen beruhen auf diesem Prinzip. Sie stimulieren das Immunsystem, ohne es zu überfordern, nur eben immer gegen bestimmte Erreger.

    Immungedächtnis ist erregerspezifisch

    Aber schon die jährliche Grippeimpfung zeigt das Problem: Man muss sie jedes Jahr erneuern lassen, weil sich der Erreger verändert. Die Immunität, die mir die Impfung letztes Jahr verschafft hat, ist also nächstes Jahr schon wieder hinfällig, weil der Erreger sich bis dahin verändert und mein Immungedächtnis dann nicht mehr greift. Dieses Immungedächtnis ist also immer erregerspezifisch. Weder eine Masern-Infektion, noch eine Grippeschutzimpfung führt zu einer allgemeinen Stärkung meines Immunsystems. Beide schützen mich nur vor dem speziellen Erreger, dem ich ausgesetzt war. Der Mechanismus dahinter ist schon lange bekannt. Er funktioniert über die adaptiven – also anpassungsfähigen – Immunzellen: die sogenannten B-Zellen und T-Zellen. Diese Zellen passen sich der Oberfläche des speziellen Erregers an und wehren ihn ab. Die B-Zellen produzieren bei Kontakt mit einem Erreger die geeigneten Antikörper.

    Angeborene kurzlebige Immunzellen reagieren auf breites Erregerspektrum

    Die Frage ist nun: Gibt es neben dieser erregerspezifischen Abwehr auch so etwas wie einen allgemeinen "Trainingseffekt" der Immunabwehr? Was man bisher weiß: Irgendwelche Effekte dieser Art gibt es. Das bestätigt der Immunologe Andreas Wack vom Francis Crick Institute in London. Die ersten Hinweise habe es im Zusammenhang mit dem Tuberkulose-Impfstoff BCG gegeben.
    Es wurde schon vor Jahrzehnten gezeigt, dass Kinder, die mit diesem Impfstoff geimpft worden sind und damit nur spezifisch einen Schutz gegen Tuberkulose haben sollten, auch andere Infektionskrankheiten weniger bekommen haben. Und man versteht bisher noch nicht so richtig, wie das funktioniert.

    Quelle: Andreas Wack, Francis Crick Institute, London

    Ein Erklärungsansatz ist: Es gibt neben den anpassungsfähigen und damit erregerspezifischen Immunzellen – also den B- und T-Zellen – auch angeborene Immunzellen, die nicht spezialisiert sind und auf ein breites Erregerspektrum reagieren. Die produzieren zum Beispiel Botenstoffe wie die Interleukine, die auf sehr unterschiedliche Erreger reagieren. Wenn eine solche Immunzelle einen Erreger abwehrt, werden in ihrem Erbgut, bildhaft gesprochen, bestimmte Schalter aktiviert: Die DNA wird also epigenetisch verändert und produziert deshalb mehr von diesen Interleukinen, so die Idee. Der Haken an dieser Vorstellung ist, dass diese angeborenen Immunzellen sehr kurzlebig sind. Sie erneuern sich alle ein bis Tage. Diese Art der verstärkten Immunabwehr kann deshalb nicht lange anhalten. Ein nachhaltiger Trainingseffekt lässt sich mit diesen Zellen also nicht erklären.

    Training des Immunsystems durch epigenetisch geprägte Zellen

    Wenn die Zelle zwei Tage später nicht mehr im Blut ist, ist das natürlich relativ hinfällig. Deshalb war der nächste Schritt zu sagen: Vielleicht ist diese Prägung nicht in den Zellen selbst, sondern in ihren Vorläuferzellen? All diese Zellen werden im Knochenmark gebildet, und die Annahme war und ist, dass es Prägungen schon im Knochenmark gibt, die dann dafür sorgen, dass alle neuen Zellen, die von diesen Vorläuferzellen erzeugt werden, diese epigenetische Prägung mitbringen und deshalb stärker reagieren.

    Quelle: Andreas Wack, Francis Crick Institute, London

    Das ist der Mechanismus, der in der Wissenschaft tatsächlich als Training des Immunsystems bezeichnet wird. Studien aus den vergangenen Jahren konnten ihn auch belegen.

    Forschung untersucht die Rolle der Makrophagen

    Es gibt aber auch andere Erklärungsansätze. Andreas Wack etwa erforscht die Rolle von Makrophagen in der Lunge. Makrophagen sind körpereigene Zellen, die Bakterien vernichten können. Auch sie werden dem angeborenen Immunsystem zugerechnet.
    Diese Zellen sind nicht kurzlebig, sondern wenn sie einmal in der Lunge sind, sind sie relativ langlebig.

    Quelle: Andreas Wack, Francis Crick Institute, London

    Wacks Experimente mit Mäusen ergaben Folgendes: Werden die Mäuse mit einem Grippevirus infiziert und machen die Grippe durch, haben sich die Makrophagen in der Lunge hinterher verändert. Anstelle der ursprünglichen, für Erreger harmlosen Makrophagen, finden sich Makrophagen, die von weißen Blutkörperchen aus dem Blut abstammen. Und diese neuen Zellen reagieren viel stärker auf Erreger aller Art als ihre Vorgänger. "Das führte dazu, dass für Monate nach der Grippeinfektion diese Mäuse eine hochreaktive Population von Makrophagen hatten, die besser geschützt hat gegen Pathogene, die nichts zu tun hatten mit dem ursprünglichen Grippevirus." So hatten die Mäuse einen Monat nach ihrer Grippe eine deutlich bessere Immunabwehr gegen Streptokokken. Und das sind wirklich zwei komplett verschiedene Erregertypen: Auslöser der Grippe sind Viren. Streptokokken dagegen sind Bakterien. Trotzdem hat die eine Infektion zu einer besseren Abwehr gegen die andere geführt. Das klingt merkwürdig, denn im Alltag passiert ja oft das Gegenteil: Man hat eine Virusinfektion – eine Erkältung – und dann setzt sich noch eine hartnäckige Bakterieninfektion obendrauf – sei es eine Nebenhöhlen- oder gar eine Lungenentzündung. Deshalb ist eine Grippe gerade für ältere Menschen oft so gefährlich. Wie kann dann aber in den Experimenten eine Grippeinfektion vor Bakterien schützen?
    Das hat damit zu tun, dass der Zeitraum, von dem wir hier sprechen, völlig verschieden ist.

    Quelle: Andreas Wack, Francis Crick Institute, London

    Bei den Mäusen im Experiment kam die Bakterieninfektion nicht sofort dazu, im Gegenteil. Die Mäuse haben sich erst gründlich von der Grippeinfektion erholt. Dann aber ist die Situation eine ganz andere und ihr Immunsystem ging tatsächlich gestärkt daraus hervor – sowohl gegen andere Viren als auch gegen Bakterien. Die Erklärung hierfür waren in dem Fall die neu gebildeten Makrophagen in der Lunge.

    Erklärungen zum "Training des Immunssystems" sind wissenschaftlich komplex

    Es gibt mittlerweile noch eine ganze Menge mehr Vorschläge, wie dieses Training des Immunsystems funktionieren könnte. Und es wird sicher noch ein paar Jahre wenn nicht Jahrzehnte dauern, bis da ein bisschen Klarheit in die Geschichte kommt, welche dieser Mechanismen wirklich relevant sind und welche nicht so sehr.

    Quelle: Andreas Wack, Francis Crick Institute, London

    Das zeigt: "Das Immunsystem trainieren" sagt sich leicht und klingt plausibel – doch zu erklären, was da genau passiert, ist wissenschaftlich eine harte Nuss. Und das Bild vom "Training" kann auch in die Irre führen. Denn das Wort ist in unserem Sprachgebrauch positiv besetzt, Training ist etwas Gutes. Das ist es aber in dem Fall nicht unbedingt. Wenn das Immunsystem dazu gebracht wird, stärker auf Erreger zu reagieren, kann das auch zu Überreaktionen führen. Angenommen, in der Lunge sind schon chronisch entzündliche Prozesse im Gang, dann kann eine Infektion und der dadurch ausgelöste "Trainingseffekt" solche chronischen Erkrankungen noch verschlimmern.
    Das kennt jeder Asthmatiker, dass virale Infektionen der Atemwege das Asthma ganz massiv verschlimmern können. Und wir gehen davon aus, dass es nicht nur die akute Antwort auf diese Infektion ist, sondern auch dieser Zufluss von hochreaktiven Zellen, die dann langfristig in der Lunge bleiben.

    Quelle: Andreas Wack, Francis Crick Institute, London


    Wird unsere Gesundheit von Wasseradern beeinflusst? Feb 02, 2026
    Show notes

    Keinerlei Belege für geheimnisvolle Erdstrahlen

    Die Behauptung ist das Geschäftsmodell von Wünschelrutengängern. Angeblich reagieren ihre Wünschelruten auf geheimnisvolle Erdstrahlen, die von Wasseradern ausgehen. Dafür gibt es aber keinerlei Belege. Und zwar auf allen Ebenen. Weder wurden die behaupteten Strahlen physikalisch nachgewiesen, noch gibt es einen wissenschaftlichen Erklärungsmechanismus, wie sie überhaupt zustande kommen sollen: Warum sollte fließendes Wasser eine Strahlung aussenden – noch dazu eine, die einerseits so stark ist, dass sie unseren Körper nachhaltig beeinträchtigen würde, andererseits aber von keinem noch so sensiblen Messgerät erfasst wird.

    Wasser bewegt sich fast überall flächenhaft – nicht in "Adern" oder "Gittern"

    Man kann spekulieren, dass es Phänomene gibt, die die Wissenschaft nicht messen kann. Doch die Wissenschaft kann eindeutig feststellen, wo im Boden Wasser fließt. Und Wasser bewegt sich nun mal in der Regel nicht in Form von "Adern" oder "Gittern" durch den Untergrund, sondern fast überall flächenhaft. Deshalb ist es auch kein Wunder, wenn Wünschelrutengänger im Untergrund Wasser finden – es ist nun mal da. Wenn Sie auf einer großen Wiese stehen und ein Loch graben, werden Sie früher oder später immer auf Wasser stoßen, das auch überall mehr oder weniger gleich tief fließt – das beschränkt sich nicht auf eine Linie. Es gibt keine Striche in der Landschaft, wo Wasser fließt und drum herum nicht.

    Geologische Ausnahmefälle in Karstgebieten

    Das kann mal in geologischen Ausnahmefällen vorkommen, etwa in Karstgebieten, wo es unterirdische Flüsse gibt, die in unterirdischen Höhlen und Hohlräumen fließen. Aber die existieren nur in Gebieten, wo der Untergrund aus Kalkstein besteht oder aufgrund von Verwerfungen extrem zerklüftet ist. Doch selbst an solchen Stellen fließt das Wasser recht tief unter der Erdoberfläche. Wenn es wirklich so wäre, dass von solchen Flüssen eine Gesundheitsgefahr ausgehen würde, müssten die Strahlen extrem intensiv sein. Dann müsste man gleich alle Tropfsteinhöhlen schließen, die von solchen Bächen durchflossen werden. Macht man aber nicht – eben weil niemand über solchen Flüssen irgendwelche besonderen Strahlen oder Felder gemessen hat. Wenn es sie wirklich gäbe, würden sie übrigens auch nicht nur senkrecht nach oben "strahlen", sondern radial in alle Richtungen – dann könnte man gleich weite Teile der Schwäbischen Alb evakuieren. Aber wie gesagt, solche Strahlen oder Felder wurden nie gemessen oder beobachtet.

    Jemandem "was vom Pferd erzählen" – Woher kommt das? Feb 02, 2026
    Show notes

    Griechen greifen im Trojanischen Krieg zu einer List

    Die Redensart geht zurück auf eine der berühmtesten Geschichten des Altertums, nämlich den Trojanischen Krieg und das Trojanische Pferd, Stichwort: Odysseus. Die Griechen kämpften damals gegen Troja und lange sieht es gar nicht gut für sie aus. 10 Jahre lang mühen sie sich ab und verschleißen ihre Krieger. Dann fällt ihnen ein: Wir sind ja nicht nur stark, sondern auch listig! Und so denkt sich einer von ihnen die Sache mit dem Pferd aus. Vielleicht war’s auch Odysseus selbst – da gehen die Zeugenberichte aber auseinander. Jedenfalls bauen sie das große Holzpferd, stellen es vor Troja am Strand ab und tun so, als machten sie sich mit einem lauten "Wir sind dann mal weg!" endgültig aus dem Staub.

    Sinon veräppelt die Troer

    Ein Grieche bleibt jedoch zurück, nämlich Sinon. Und als die Troer an den Strand kommen, verlangt das natürlich nach einer Erklärung: Was soll denn dieses komisches riesige Holztier? Daraufhin stellt sich Sinon hin und erzählt ihnen was vom Pferd. – Ja, die Redewendung kommt genau aus dieser Geschichte. Er erzählt ihnen also: Das ist ein Opfergeschenk für die Göttin Athene, damit die ihnen eine sichere Heimfahrt gewährt. Aber, fügt Sinon hinzu, aufpassen! Wer das Pferd zerstört, wird mit großem Unglück bestraft. – Aber warum ist das Pferd so groß, wollen die Troer wissen. – Ist doch klar, erklärt Sinon: Wer das Pferd besitzt, wird von Athene beschützt. Die Griechen hätten es deshalb so groß gebaut, damit es nicht durch die trojanischen Stadttore passe. – So, so, sagen die Troer. Das wollen wir doch mal sehen. – Und komisch: Es passt doch durch das Stadttor.

    Nicht mal Kassandras Warnung kann die Troer retten

    Die Troer sind jetzt so scharf auf dieses Pferd, dass sie alle Warnungen in den Wind schlagen. Selbst die Warnung von Prinzessin Kassandra. Die hat kein gutes Gefühl und ruft ihnen zu:
    Lasst es! Das Pferd stürzt uns ins Verderben!

    Quelle: Ruf der Kassandra

    Doch dieser Kassandraruf – ja, auch der stammt aus dieser Geschichte – verhallt ungehört.

    Troer lassen sich hereinlegen – das bedeutet Trojas Ende

    Und dann kommt es, wie es kommen muss: Nachts brechen die im Pferd versteckten Griechen aus und öffnen die Stadttore für ihre Kampfgenossen. Die sind heimlich zurückgekommen und dieser heimtückische Überraschungsangriff bedeutet schließlich das Ende von Troja. Die Geschichte hätte nicht funktioniert, wenn es nicht diesen einen Griechen, Sinon, gegeben hätte, der auf die Bewohner Trojas gewartet und ihnen etwas vom Pferd erzählt hat.

    Woher wusste der Polarforscher Roald Amundsen, dass er am Südpol ist? Feb 01, 2026
    Show notes

    Sonnenstand beobachten

    Gar nicht so einfach: Man stapft da durch die Antarktis, überall ist Eis, überall ist es kalt, es gibt keine Landkarten und ein GPS hatte der gute Mann auch noch nicht. Und dann gibt es nicht mal wie am Nordpol so etwas wie einen Polarstern. Einen deutlichen Stern, der ziemlich genau über dem Pol steht, gibt es am Südpol nicht. Das einzige, was man hat, ist die Sonne. Was kann man mit der Sonne anfangen? Bei uns in Mitteleuropa ist es relativ einfach: Man misst einfach mittags um 12 Uhr den Sonnenstand. Wenn man weiß, was für ein Tag ist, kann man in Tabellen nachschauen und zumindest schnell feststellen, auf welchem Breitengrad man sich befindet. Das war für Amundsen nicht so einfach, denn die Tabellen gab es zwar. Allerdings ist der Begriff "Uhrzeit" am Südpol ziemlich sinnlos, weil an den Polen alle Längengrade zusammenlaufen und damit auch alle Zeitzonen zusammenfallen. Das macht sich auch ganz praktisch bemerkbar: Die Sonne bleibt den ganzen Tag auf gleicher Höhe. Die Pole sind ja die Punkte, durch die die Erdachse geht. Und wenn sich die Erde um die Achse dreht, sind die Pole die einzigen Punkte, die an der gleichen Stelle bleiben. Sie drehen sich um sich selbst, aber sie verändern ihre Position gegenüber der Sonne nicht. Deshalb steht die Sonne während eines Tages die ganze Zeit weitgehend auf gleicher Höhe. Ein bisschen geht sie aber doch rauf oder runter, und zwar abhängig davon, ob es gerade Winter wird oder Sommer. Das ist wie bei uns: Bei Sommerbeginn steht die Sonne am höchsten, bei Winteranfang am niedrigsten. Das ist am Südpol auch so – nur eben mit dem Unterschied, dass bei uns die Tagesschwankungen dazu kommen, während es am Südpol, was den Sonnenstand betrifft, nur das Auf und Ab von Sommer und Winter gibt und sonst nichts. Das bedeutet: Im Winter ist die Sonne am Südpol ein halbes Jahr lang gar nicht zu sehen, weil sie gar nicht erst aufgeht.

    Roald Amundsen brauchte einen Sextanten

    Die Ausgangslage macht deutlich: Amundsen musste den Sonnenstand messen. Das macht man mit einem Sextanten. Das ist ein Gerät, mit dem man messen kann, in welchem Winkel die Sonne über dem Horizont steht. Das hat Amundsen immer wieder gemacht um festzustellen, wo die Sonne insgesamt am niedrigsten steht. Dorthin ist er gegangen, um an diesem Punkt noch mal festzustellen, dass sich dort die Sonne tatsächlich im Lauf eines Tages kaum bewegt bzw. nur unmerklich auf oder ab, aber eben nicht innerhalb eines Tages sowohl rauf als auch runter. Da hat er dann tatsächlich drei Tage gemessen, rund um die Uhr. Die Messergebnisse kann man heute übrigens noch nachlesen in Amundsens Reisebericht. Wenn man sich die Ergebnisse anschaut, dann sieht es so aus, dass sich Amundsen zumindest in einem Radius von 2 Kilometern vom exakten Südpol aufgehalten hat. Bei seinen Teamkollegen Olav Bjaaland und Helmer Hansen kann man den Radius sogar auf 100 Meter um den Südpol eingrenzen. Das geht aber alles nur über den Sextanten.

    Was war das Milgram-Experiment? Jan 31, 2026
    Show notes

    Das Milgram-Experiment räumte auf mit unseren klassischen Vorstellungen von Gut und Böse. Es hat gezeigt, dass selbst normale Menschen leicht ihre Hemmungen abstreifen, was die Anwendung von Gewalt betrifft. Dazu müssen sie noch nicht einmal angegriffen werden oder in einer außergewöhnlichen Zwangslage sein. Es genügt manchmal, wenn jemand freundlich, aber bestimmt den Ton angibt. Die Ergebnisse des Experiments erschienen 1963 in einer Studie unter dem Titel "Eine Verhaltensstudie über Gehorsam".

    Warum waren die Verbrechen des Nationalsozialismus möglich?

    "Der Anlass des Experiments waren die schrecklichen Vorkommnisse in Deutschland, wo viele Menschen im Nationalsozialismus unglückselige Verbrechen begangen haben. Man fragte sich: Hat das etwas zu tun mit der Persönlichkeit der Menschen? Sind die Deutschen viel schlechtere Menschen als andere Menschen? Oder hat es zum Teil auch mit der Situation zu tun?" ... erläutert die Mannheimer Sozialpsychologin Dagmar Stahlberg. 40 Versuchspersonen wurden von Stanley Milgram ausgewählt, normale Menschen. Ihnen wurde gesagt, es gehe um ein Lernexperiment. Und sie seien der Lehrer, der einer anderen Person – dem Schüler – etwas beibringen müsse. Es gehe um ein Gedächtnisexperiment mithilfe von Elektroschocks. Die Schüler sollten sich Wortpaare einprägen und dann wiedergeben. Wenn sie sie falsch wiedergeben, sollten sie mit Elektroschocks bestraft werden. Alles klar?
    Alright Teacher, will you take the test and be seated in front of the shock generator in the next room?

    Quelle: Milgram-Experiment (nachgestellte Szene)

    60 Prozent der "Lehrer" verpassen Elektroschocks von bis zu 450 Volt

    Mit jeder falschen Antwort wurde die Stromspannung um 15 Volt erhöht. Das heißt, sie wurde fiktiv erhöht. In Wirklichkeit war der Schüler nämlich gar kein Schüler, sondern ein Schauspieler, der sich so verhielt, wie man es nun mal tut, wenn man Elektroschocks verpasst bekommt: Piep 75 Volt: kurzes Stöhnen. Piep 120 Volt: Schreien Piep 150 Volt: Bitte um Abbruch des Experiments. Die sogenannten Lehrer beginnen, unsicher zu werden.
    I’m not gonna hurt. I’m not gonna be responsible for this.

    Quelle: "Lehrer" im Milgram-Experiment (nachgestellte Szene)

    Aber der Experimentator weist sie ruhig, jedoch bestimmt an, weiter zu machen.
    I’m responsible. Now, teacher, continue.

    Quelle: Experimentator im Milgram-Experiment (nachgestellte Szene)

    Piep 200 Volt: Die "Schüler" schreien entsetzlich.
    Teacher, continue please, the experiment requires that you go on. Now go on, please.

    Quelle: Experimentator im Milgram-Experiment (nachgestellte Szene)

    Und dann: Piep 300 Volt: Stille Dagmar Stahlberg: "Das überraschende Ergebnis der Studie war, dass über 60 Prozent der Teilnehmer an diesem Experiment bereit waren, bis zu 450 Volt zu gehen und zu diesem Zeitpunkt zum Teil annehmen mussten, dass die andere Person gar nicht mehr am Leben war oder zumindest ohnmächtig war. Und viele der Versuchspersonen sagten dann auch: "Ja, ich hätte mir vorstellen können, dass der wirklich ohnmächtig war oder sogar Schlimmeres.""

    Kaum Unterschiede zwischen Geschlechtern und Nationen

    Es gab bei den Versuchen keine wesentlichen Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Das Experiment wurde später in anderen Kulturen wiederholt. Mit überall ähnlichem Ergebnis. Auch 1970 in München. Hier war die Zahl derer, die dem Versuchsleiter bis zuletzt gehorchten, sogar noch etwas größer. Dagmar Stahlberg: "Diese Experimente zeigen: Wir sind alle gefährdet. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht ist, dass es immer auch Menschen gegeben hat, die nein gesagt haben. Die sich nicht haben anstecken lassen, die keinen Gehorsam gezeigt haben. Die Herausforderung ist zu sehen, wie man Menschen in den richtigen Situationen dazu bringen kann, nein zu sagen und ihnen das entsprechende Selbstbewusstsein und aber auch die Ideen mitzugeben."

    Variationen des Experiments

    Es gab Unterschiede im Versuchsaufbau: Wenn der sogenannte "Schüler" unsichtbar hinter einer Wand saß, war die Bereitschaft, bis zum Äußersten zu gehen größer, als wenn er im gleichen Raum war. Manchmal wurden auch zwei weitere angeblicher Co-Trainer hinzugezogen, die ab einem bestimmten Punkt Widerstand geleistet haben. Dies wiederum führte dazu, dass die Versuchsperson sich sehr viel stärker den Anweisungen des Versuchsleiters widersetzte. Nur noch 10 Prozent zogen dann die Qualen bis zu Ende durch.

    Widerstand wächst, wenn andere sich beteiligen

    Eine Erkenntnis, die heute genutzt wird, wenn es darum geht, Zivilcourage zu trainieren. Denn ob sexuelle Belästigung in der U-Bahn oder Übergriffe auf Ausländer – hier verhalten sich viele nicht anders als die Versuchspersonen bei Milgram. Dagmar Stahlberg: "Alle sagen: "Da würde ich sofort was tun!" Aber wenn Sie die Leute wirklich in die Situation bringen, haben Sie oft die Situation, dass keiner irgendwas tut." So lange, bis ein Erster kommt, der doch einschreitet. Dann wächst die Bereitschaft zum Widerstand. Auch das: wie bei Milgram. Die englischen Originaltöne stammen von einer US-amerikanischen Dokumentation zu Schulzwecken, in der das Experiment nachgestellt wurde.

    Ist der "Goldene Schnitt" ästhetisch das Maß aller Dinge? Jan 30, 2026
    Show notes

    Goldener Schnitt lange Ideal in Kunst und Architektur

    Das wurde oft behauptet, aber das kann man so nicht sagen. Der Goldene Schnitt ist ein Zahlenverhältnis oder anders gesagt, eine Proportion, die eine Zeitlang als Ideal in der Architektur, aber auch in der Malerei galt. Diese Proportion gilt dann als golden, wenn sie eine ganz bestimmte Bedingung erfüllt. Dazu stellen wir uns eine Linie vor mit einem Anfangs- und einem Endpunkt. Diese Linie teilen wir in zwei Teile – nicht in der Mitte, sondern in einen längeren Abschnitt a und einen kürzeren Abschnitt b. Und zwar so, dass sich das Verhältnis von b zu a so verhält wie der längere Abschnitt a zur gesamten Linie: kurz zu lang gleich lang zu ganz. Es gibt nur eine Möglichkeit, das so zu teilen, nämlich wenn das Verhältnis 1:1,618 ist. In Wirklichkeit ist die Zahl unendlich lang, aber das ignorieren wir hier.

    Goldenes Rechteck

    Man kann das von einer Linie auch auf ein Rechteck übertragen: Bei einem Goldenen Rechteck haben Länge und Breite dieses Verhältnis. Um eine Vorstellung davon zu geben: Angenommen, wir haben eine quadratische Tafel Schokolade von vier Riegeln à vier Stückchen. Wir schneiden ungefähr zweieinhalb Riegel ab – ein kleines bisschen weniger – dann hat dieses Stück mit zweieinhalb Riegeln ungefähr das Format eines Goldenen Rechtecks. Und wenn ich dieses "Beinahe-zweieinhalb-Riegel"-Stück an eine intakte quadratische Schokolade dranhänge – dann hat das Gesamtgebilde wieder die gleiche Proportion. Diese Zahl 1,618… heißt auch ϕ – wie der griechische Buchstabe Phi.

    Mathematisch faszinierende Eigenschaften

    Warum wird um diese Zahl, den Goldenen Schnitt, so ein Hype gemacht? Das hat verschiedene Gründe: Die Zahl ist zwar krumm, aber sie hat faszinierend viele besondere mathematische Eigenschaften. Es geht mit Zahlenspielereien los. ϕ ist zum Beispiel die einzige Zahl, für die gilt: ϕ + 1 = ϕ² oder 1:ϕ = ϕ - 1. Und es gibt noch jede Menge mehr. Die Zahl ϕ kommt aber auch in Fünfecken oder im Pentagramm vor – also dem fünfzackigen Stern. Das Verhältnis von kurzen zu langen Linien entspricht hier ebenfalls dem Goldenen Schnitt. Man kann den Goldenen Schnitt sogar in natürlichen Formen finden, in Sonnenblumen oder manchen Kristallen. Und so gibt es noch viele weitere mathematischen Besonderheiten dieser Zahl.

    Spätes Mittelalter: "göttliche Proportionen"

    Im späten Mittelalter wurde der Goldene Schnitt zum ästhetischen Ideal erhoben; von der göttlichen Proportion war die Rede. Leonardo da Vinci hat da eine Rolle gespielt, aber auch andere. Auf jeden Fall wurde postuliert, dass Rechtecke, die dem Goldenen Schnitt entsprechen, dem menschlichen Auge besonders gefallen. In der Architektur war es vor allem Le Corbusier, der bei seinen Bauten dieses Zahlenverhältnis berücksichtigte. Allerdings war das reine Ideologie. Die Zahl hat zwar mathematisch faszinierende Eigenschaften – sie ist sozusagen mathematisch hochästhetisch. Aber das erschließt sich eben nur Leuten, die Spaß an Zahlen und Mathematik haben. Es gibt aber keinerlei Beleg, dass unser Auge beim Anblick golden geschnittener Rechtecke besonders entzückt wäre oder sie besser findet als andere.

    Gustav Theodor Fechner hielt Goldenen Schnitt für überschätzt

    Zu diesem Ergebnis kam übrigens schon der Vater der experimentellen Ästhetik, Gustav Theodor Fechner, im 19. Jahrhundert. Er hat das mit Versuchspersonen getestet und sein Ergebnis fasste er in den Worten zusammen, er könne "nicht umhin, den ästhetischen Wert des Goldenen Schnittes … überschätzt zu finden."

    Warum sind die Blätter an Jungtrieben heller? Jan 29, 2026
    Show notes

    Weil in den Blättern der jungen Triebe die Zellen noch nicht voll ausgebildet sind. Das gilt vor allem für die grünen Zellbestandteile, die Chloroplasten, in denen das Chlorophyll eingelagert ist. Das wiederum liegt daran, dass die Zellen zum Aufbau der Chloroplasten Nährstoffe brauchen, vor allem Eisen und Mangan.

    Nährstoffe aus dem Wasser bleiben in den Blättern zurück

    Doch woher bekommen die Zellen in den Blättern die Nährstoffe? Sie bekommen sie vom Wasser – und zwar dem Wasser, das die Blätter ausdünsten. Das heißt, sie transpirieren das Wasser und die Nährstoffe bleiben in den Blättern zurück. Wenn Blätter jung und klein sind, verdunsten sie nicht so viel Wasser, also bleibt auch weniger Eisen und Mangan zurück. Diese Nährstoffe werden aber gebraucht, um die Chloroplasten auszubilden. Das bedeutet, dass die Blätter zunächst mit wenig Chlorophyll starten, entsprechend heller sind und nur wenig Photosynthese, also Stoffwechsel, betreiben können. Erst, wenn der Stoffwechsel in Gang kommt, wird mehr Wasser transpiriert. Es bildet sich mehr Eisen und Mangan und das Chlorophyll nimmt zu – und dann erst werden die Blätter dunkler.

    Bei einer Gürtelrose ist immer nur eine Hautpartie befallen – warum? Jan 28, 2026
    Show notes

    Versteckte Windpocken-Viren

    Auslöser der Gürtelrose ist das Windpocken-Virus. Bei normalen Windpocken hat man Pusteln und Jucken auf der ganzen Haut, am ganzen Körper. Irgendwann gehen die Beschwerden zurück, aber die Viren bleiben weiter im Körper, ohne dass wir es merken. Sie gelangen von der Haut über Nervenfasern bis in die Ganglien – das sind Stellen, in denen sich Nervenzellkörper bündeln.
    Die Windpockenviren schlummern dann sozusagen in den Ganglien, ohne dass wir es merken.

    Das Rückenmark hat eine verblüffende Ordnung

    Einige wichtige Ganglien befinden sich direkt neben dem Rückenmark. Das ist die große Nerven-Leitungsbahn zwischen Gehirn und Körper-Peripherie. Das Rückenmark ist wiederum in Abschnitte unterteilt – jedem Wirbel kann man einen Abschnitt zuordnen. Zu jedem Abschnitt gehören zwei Ganglien, eins links und eins rechts. Aus jedem Ganglion wiederum kommen Nervenfasern, die die Muskeln steuern oder Reize von der Haut zum Rückenmark leiten. Und auch da gilt: Zu jedem Abschnitt im Rückenmark gehört ein bestimmter Hautbereich. Das heißt, man kann die komplette Haut des Körpers in ca. 30 Flächen unterteilen – die haben in der Regel die Form von dicken Streifen, und jeder dieser Streifen ist einem bestimmten Ganglion im Rückenmark zugeordnet.

    Die Viren nutzen ein schwaches Immunsystem aus

    Normalerweise spüren wir von den Viren nichts mehr. Aber manchmal werden sie eben doch wieder aktiv. Das passiert, wenn das Immunsystem geschwächt ist: bei Stress, wenn der Körper mit anderen Krankheiten beschäftigt ist oder auch bei einer AIDS-Erkrankung. Dann wandern die Viren vom Ganglion über die die Nervenfasern zurück zur Haut. Und weil ja jedem Ganglion ein Hautbereich zugeordnet wird, ist eben nur dieser eine Bereich voller Pusteln. Und weil es ein je Ganglion rechts und links gibt, ist auch nur eine Seite gürtelförmig betroffen.

    6 Millionen ermordete Juden – Woher stammt diese Zahl? Jan 27, 2026
    Show notes

    Sechs Millionen Juden haben die Nationalsozialisten ermordet. Auch wenn Holocaust-Verharmloser diese Zahl immer wieder infage stellen, sie ist wissenschaftlich ziemlich gut gesichert. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sie zu ermitteln. Doch alle führen zu dieser Größenordnung: Sechs Millionen. Davon rund vier Millionen in Konzentrations- und Vernichtungslagern wie Auschwitz oder Bergen-Belsen, zwei weitere Millionen durch Massaker in den von der Wehrmacht eroberten Gebieten, vor allem im Russlandfeldzug.

    Adolf Eichmann prahlte mit hohen Zahlen

    Quelle Nr. 1 für diese Zahlen sind die eigenen Angaben des Hitler-Regimes. SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, der die Deportationen organisierte, hat mehreren unabhängigen Zeugen zufolge mit diesen Zahlen geprahlt. Sie decken sich auch mit Zahlen aus Unterlagen der Gestapo. Und 1944 schrieben Zeitungen unter Berufung auf offizielle Zahlen, dass 5 Millionen Juden "ausgeschaltet" worden seien. Und das war noch ein Jahr vor Kriegsende! Wenn es nur die Nazis wären, auf die sich die Zahlen stützen, wäre natürlich Skepsis angebracht. Es könnte ja theoretisch sein, dass die Nazi-Propaganda die Zahlen übertrieben hat. Doch es gibt noch andere Quellen.

    Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten 11 Millionen Juden in Europa

    Aus amtlichen Bevölkerungsstatistiken geht hervor, dass bis zum Krieg in Europa etwa 11 Millionen Juden lebten. Mit dieser Zahl rechneten übrigens auch die Organisatoren des Massenmords auf der Wannseekonferenz 1942, auf der die systematische Vernichtung der Juden geplant wurde. Spätere Zahlen nach dem Krieg ergaben, dass 5 Millionen europäische Juden den Holocaust überlebt haben. 11 Millionen hatte es gegeben, 5 Millionen überlebten – die Differenz auch hier: 6 Millionen.

    Forschungsprojekt bestätigt 1991 die Zahlen

    Diese Größenordnung bestätigte sich 1991. Damals, nach dem Fall der Mauer, begann das größte Forschungsprojekt zu dieser Frage. Unter der Leitung des Historikers Wolfgang Benz wurden gründlich die Volkszählungsdaten auch der osteuropäischen Länder ausgewertet. Benz errechnete auf diese Weise, dass mindestens 5,3 Millionen Juden ermordet wurden. Mindestens heißt: Das sind nur die absolut gesicherten Fälle. Doch viele Opfer sind dabei nicht berücksichtigt, und es bleibt eine Dunkelziffer. Zum Beispiel deshalb, weil viele Juden gar nicht registriert waren – etwa, weil sie sich nicht zum Judentum bekannten. Die aber den Rassegesetzen zufolge trotzdem als Juden galten und deshalb von den Nazis ermordet wurden. Auch in Polen und der Sowjetunion waren viele Juden nicht registriert. Wolfgang Benz schätzte in seiner Studie, dass man aufgrund dieser Umstände noch einmal bis zu 800.000 zusätzliche Opfer hinzurechnen muss. So kommt er auf eine Höchstzahl von 6,1 Millionen. Weil die Daten all dieser verschiedenen Quellen zumindest in der Größenordnung übereinstimmen, gilt die gerundete Zahl von 6 Millionen nicht nur als symbolisch, sondern auch als ziemlich verlässlich.

    Woher stammt das Wort "Vakzin"? Jan 27, 2026
    Show notes

    Vacca: die Kuh

    "Vacca" ist das lateinische Wort für "die Kuh". Vaccinus bedeutet so viel wie "zur Kuh gehörig" oder "von der Kuh stammend". Das Wort "Vakzin" ist über 200 Jahre alt, als das heutige Prinzip der Impfung erfunden wurde. Damals ging es um die Pocken. Ende des 19. Jahrhunderts kamen britische Ärzte darauf, dass der Körper sich effektiv gegen Pocken wappnen lässt, wenn man ihm Kuhpocken-Viren verabreicht, die sich wiederum in der Kuhlymphe befanden.

    Erste Impfversuche gegen Pocken waren zu unsicher

    Vorher gab es andere Impfmethoden: Man hat Leute, die mit einem milden Verlauf von den Pocken genesen waren, mit gesunden zusammengebracht, gerade auch mit Kindern. Heute würde man das vielleicht als "Pockenpartys" bezeichnen ... Oder man hat gesunden Menschen Sekret aus den Pusteln der Erkrankten aufgetragen. Aber das war alles recht unsicher: Es konnte passieren, dass gerade dadurch die Krankheit erst ausgelöst wurde. Und umgekehrt kam es vor, dass die Behandlung nicht zu einer ausreichenden Immunisierung führte, sodass sie bei einer Pockenepidemie nicht half.

    Impfung mit dem Kuhpocken-Virus war verlässlicher

    Die Impfung mit der Kuhpockenlymphe war verlässlicher. Auch deshalb, weil das Kuhpocken-Virus zwar den menschlichen Pocken ähnlich genug war, um eine Immunreaktion auszulösen, aber doch unterschiedlich genug, um die Infizierten nicht krank zu machen. Und weil der Impfstoff damals von Kühen stammte, nannte man das "Vaccination" im Gegensatz zu "Variolation" – das war das Konfrontieren mit menschlichen Pockenviren. So wurde der Begriff "Vakzin" auf alle Impfstoffe allgemein übertragen, die den Menschen verabreicht wurden. Ob die von Kühen stammen oder nicht, spielt dabei keine Rolle mehr.

    Kein neuzeitliches Phänomen: Angst vor Impfschäden

    Kuhpocken statt menschliche Pockenviren – das löste damals aber auch Ängste aus. Die Gegner der Vakzination hatten die Sorge, dass durch das Verabreichen von Kuhpockenlymphe die Menschen Merkmale von Rindern bekommen würden. Es gibt aus der Zeit schöne Karikaturen mit Abbildungen, bei denen den Impflingen Hörner wachsen und die geimpften Frauen plötzlich Kälber gebären. Die Angst vor Impfungen ist kein neuzeitliches Phänomen.

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