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    Jakob Wassermann - Der fast vergessene „Weltstar des Romans“ Feb 25, 2025
    Show notes

    Mit Romanen wie "Caspar Hauser" oder "Der Fall Mauritius" schuf Jakob Wassermann internationale Bestseller. Der deutsche Erzähler jüdischer Herkunft war einer der populärsten Autoren seiner Zeit. Doch dann verbrannten die Nazis seine Bücher. Von Dirk Kruse (BR 2023) CreditsAutor dieser Folge: Dirk KruseRegie: Christiane KlenzEs sprachen: Annette Wunsch, Heiko Ruprecht, Florian Schwarz, Jenny GüzelTechnik: Fabian ZweckRedaktion: Thomas Morawetz Im Interview: Professor Dr. Gunnar Och (Literaturwissenschaftler, Nürnberg);Dr. Alexander Mayer (ehemaliger Stadtheimatpfleger, Fürth); Dr. Dierk Rodewald (Literaturwissenschaftler, Berlin) Literaturtipps: Beatrix Müller-Kampel, „Jakob Wassermann. Eine biographische Collage“ – Der Grundstein für die noch zu schreibende große literaturwissenschaftliche Wassermann-Biographie mit vielen Zitaten aus Wassermanns Umfeld. Dierk Niefanger, Gunnar Och und Daniela F. Eisenstein, „Jakob Wassermann. Deutscher, Jude, Literat“ – reich bebilderte Sammlung mit Aufsätzen und Essays zu Leben und Werk Wassermanns. Jakob Wassermann, „Mein Weg als Deutscher und Jude“ – die noch erhältliche Ausgabe im Jüdischen Verlag hat ein kluges Nachwort von Marcel Reich-Ranicki. Wassermann maßgebliches autobiographisches Werk. Jakob Wassermann, „Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens“ – dieser schöne Roman, der auch historische Quellen auswertet, die aber im Wassermann-Erzählton präsentiert werden, ist noch im Cadolzburger Ars Vivendi Verlag erhältlich mit einem erhellenden Nachwort von Gunnar och lieferbar. Jakob Wassermann, „Der Fall Maurizius“ – Wassermanns größter Erfolg von 1928. Die Geschichte eines Justizirrtums, die sich spannend wie ein Krimi liest. Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wild Wild Web - Geschichten aus dem InternetWild Wild Web erzählt Geschichten aus dem Internet. Mal Wissenschaft, mal Tech, mal Investigativ-Recherche und mal Tier-Doku.ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das Manuskript zur Folge gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Zitator Jakob Wassermann ist der Romancier von Geblüt. Hätte es vor ihm den Roman nicht gegeben, er wäre der Mann gewesen, ihn zu erfinden… Sprecherin Diese Eloge veröffentlichte Heinrich Mann anlässlich des 60. Geburtstags von Jakob Wassermann am 10. März 1933 in der „Neuen Rundschau“. Zitator … Für seinesgleichen setzt das Leben sich in Bewegung, um wunderbare Verwicklungen hervorzubringen. Der Roman behauptet bei ihm seinen volkstümlichen Sinn, Spannung, Geheimnis, Enthüllung, großer Aufbau, die Befriedigung durch deutliche Handlungen… Sprecherin Auch die Freunde und Kollegen Thomas Mann, Stefan Zweig, Hermann Hesse und Alfred Döblin gratulierten dort feierlich. Zitator … - und in dem allen schlägt fortwährend ein Herz, wacht immer ein menschlich bemühter Geist und offenbart sich ein herrlicher Dichter. Sprecherin Nur zwei Monate später wurden die Bücher Jakob Wassermanns, und die der meisten Glückwünschenden, von den Nationalsozialisten auf öffentlichen Scheiterhaufen verbrannt. Doch während viele der damals verfemten und verfolgten Autoren heute immer noch gelesen werden, ist das Werk Jakob Wassermanns trotz einiger Wiederbelebungsversuche kaum noch präsent. Dabei war Wassermann im ausgehenden Kaiserreich und in der Weimarer Republik einer der meistgelesenen, deutschsprachigen Erzähler. Ein internationaler Bestsellerautor, der unterhaltsam schrieb, ohne ein Unterhaltungsschriftsteller zu sein. Mit dem Schlachtruf "Der neue Wassermann ist eingetroffen!" stürzten die Leser damals in die Buchhandlungen und schnappten sich den neusten Roman des fränkischen Autors gegenseitig aus den Händen, versicherte ein Rezensent 1931. Sein Freund Thomas Mann bezeichnete ihn sogar als „Weltstar des Romans“. Wer war dieser Autor, der sich in die Herzen seiner Leserinnen und Leser schrieb, und der heute nur noch wenigen etwas sagt? MUSIK 2 ( Fiona Brice: And You Know I Care 0‘55) Sprecherin Jakob Wassermann wird am 10. März 1873 in Fürth geboren. Zitator Wassermann Erstickend in ihrer Engigkeit und Öde die gartenlose Stadt, Stadt des Rußes, der tausend Schlöte, des Maschinen- und Hammergestampfes, der Bierwirtschaften, der verbissenen Betriebs- und Erwerbsgier, des Dichtbeieinander kleiner und kleinlicher Leute, der Luft der Armut und Lieblosigkeit im väterlichen Haus. (Jakob Wassermann: Mein Weg als Deutscher und Jude) Sprecherin Wassermann wächst in kleinbürgerlichen, ärmlichen Verhältnissen auf. Sein kühler Vater, ein jüdischer Kurzwarenhändler, hat geschäftlich Pech, so dass die Familie innerhalb Fürths mehrfach die Wohnung wechseln muss. Am längsten lebt der kleine Jakob in der Theaterstraße 17, in der jetzt der ehemalige Fürther Stadtheimatpfleger Alexander Mayer wohnt. Heute ein schmuckes Gründerzeithaus mit renovierter Sandsteinfassade. Damals steht es inmitten rußgeschwärzter Häuser im Herzen der fränkischen Industrie- und Handwerksstadt, so Mayer. O-Ton 1 Alexander Mayer Er hat über Fürth ja meistens sehr negativ geredet. Fürth war die „Stadt der tausend Schlöte“, so wie er es beschrieben hat. In jedem Hinterhof war ein Schlot. Hier war ein Gehämmer und Gestampfe und die Häuser waren schwarz. Das war für ihn nichts als sensiblen Jungen, vor allem auch, weil hier in der Wohnung seine Mutter mit 32 Jahren an Mittelohreiterung tragisch starb. Und er beschreibt auch den Leichenzug rüber zum jüdischen Friedhof, wie also die Goldschläger und Messingschläger vor die Tür treten und den Leichenzug begleitet haben mit Tränen in den Augen. Das beschreibt er in seinem Roman „Engelbert Rathgeber“ und in seiner ersten Novelle „Schläfst du Mutter?“. Sprecherin Der Tod der geliebten Mutter bedeutet für den Neunjährigen das Ende der behüteten Kindheit. Der Vater heiratet schnell wieder, doch Jakobs Stiefmutter benimmt sich ähnlich böse wie die im Märchen. Zitator Wassermann Die zweite Frau meines Vaters war uns Kindern aus erster Ehe nicht wohlgesinnt und ließ uns ihre Abneigung auf jede Weise spüren. Abgesehen von ungerechten und überharten Züchtigungen, steten Klagen, die sie vor dem Vater führte, schränkte sie die Nahrung aufs äußerste ein, versah die Brotlaibe mit Zeichen, so dass sie erkennen konnte, wenn einer von uns sich zu Unrecht ein Stück abgeschnitten hatte, und trug Sorge, dass das Vergehen schwer bestraft wurde. (Jakob Wassermann: Mein Weg als Deutscher und Jude) Sprecherin Der phantasiebegabte Junge erzählt und schreibt gerne Geschichten. Doch statt ihn zu fördern, wird sein Talent mit Gewalt unterdrückt. O-Ton 2 Alexander Mayer Er ging ja um die Ecke in die Schule, in die Königliche Realschule, später Hardenberg-Gymnasium. Da hat er ja sein erstes literarisches Werk in einer Zeitung veröffentlicht. Dafür hat er aber gleich Karzer bekommen, weil das für einen Schüler ungehörig war. Und auch der Vater war, wie Wassermann schreibt, im ersten Moment stolz auf ihn und dann zuckt er und sagt das ist ungehörig. Und ab da gab es nur Ärger. Und er hat immer Angst gehabt, dass eine Stiefmutter ihm seine Manuskripte verbrennt. Angeblich hat er deshalb so klein geschrieben, damit er sie gut verstecken kann überall. MUSIK 3 (Fie Schouten: Press Release 0‘50) Sprecherin Mit 17 Jahren entflieht Jakob Wassermann seiner Heimatstadt Fürth, bricht eine Kaufmannslehre in Wien ab und träumt davon Schriftsteller zu werden. Er erlebt üblen Antisemitismus beim Militärdienst in Würzburg und vagabundiert, verstoßen von der Familie, in Hunger und Armut als Bohemien durch Süddeutschland, bis er schließlich Sekretär des Münchener Autors Ernst von Wolzogen wird. Dem legt er schließlich schüchtern das Manuskript eines Romans zur Begutachtung vor. Zitator Ein echter Dichter sprach daraus. Merken Sie sich den Namen: Jakob Wassermann! Er wird berühmt. Und ist er es, dann denken Sie daran, dass ich es Ihnen heute sagte. Sprecherin Ernst von Wolzogen fördert den Jungautor und stellt ihn seinem Verleger Albert Langen vor, wo 1896 Wassermanns erster, noch unbedeutender Roman „Melusine“ erscheint. Aber Wassermann hat Talent, so der Nürnberger Germanist Gunnar Och. O-Ton 3 Gunnar Och Er ist ein Erzähler von Geblüt. Das sagt auch Thomas Mann. Er ist tatsächlich einer, sagt Thomas Mann, der könnte auf dem Markt sitzen und die Leute würden ihm zuhören. Da liegt sein Talent. Er selber sagt ja, er hätte schon seinen Geschwistern die Ängste vertrieben. Da wäre das Scheherazade-Motiv. Er hat immer aufgehört und am nächsten Tag weitererzählt. Er ist schon einer, der gerne fabuliert. MUSIK 4 ( Gustav Mahler / Chimaera Trio: Ablösung im Sommer 1‘10) Sprecherin Wassermann veröffentlicht Novellen, Theaterstücke und mit „Die Juden von Zirndorf“ einen beeindruckenden zweiten Roman. Wegen einer unglücklichen Liebegeschichte verlässt er München und geht nach Wien. Dort stößt er in die Literatenkreise vor und befreundet sich eng mit Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler. Über die neuen Freunde lernt er Samuel Fischer, den berühmtesten und erfolgreichsten Verleger der damaligen Zeit kennen. Natürlich hat Wassermann ein fertiges Manuskript dabei, wie sich die Verlegergattin Hedwig Fischer erinnert. Zitatorin Der dunkle Jüngling, der aussah wie ein Savoyardenknabe, war ein Franke aus Fürth. Seine früh verstorbene Mutter muss eine besondere Schönheit gewesen sein, und sicher hatte Wassermann seine funkelnden schwarzen Augen und sein zigeunerhaftes Wesen von ihr. Das Buch gefiel uns so gut wie sein Autor, mein Mann nahm das Werk an, und das bedeutete bei ihm immer die Gesamtveröffentlichung des Verfassers. Jakob Wassermann wurde einer unserer erfolgreichsten Schriftsteller. Sprecherin Dieser erste Roman bei S. Fischer „Die Geschichte der jungen Renate Fuchs“ erscheint 1901 und wird ein schöner Verkaufserfolg. Endlich geht es für den ewig klammen Autor auch finanziell bergauf, was mehr noch an der stattlichen Mitgift liegt, die Fabrikantentochter Julie Speyer mit in die Ehe bringt. Doch mit Geld umgehen können beide nicht. Sie leben über ihre Verhältnisse und werfen sich gegenseitig Verschwendung vor, so der Literaturwissenschaftler Dierk Rodewald, der seit Jahren an einer kommentierten Edition der Tagebücher Wassermanns arbeitet. O-Ton 4 Dierk Rodewald Wenn Wassermann wandern ging, was er sehr gerne tat, weil er dann die Romane, wie er immer wieder betonte, träumte, dann bemisst sie das Reisegeld. Und er muss dann Rechenschaft ablegen, dass er die teure Fahrkarte genommen hat. Nein, schreibt er, er habe die billige Fahrkarte genommen. Und dass er ganz karg lebt. Also sie hält ihn kurz. Sie ist der Finanzminister. Sprecherin Es ist keine einfache Ehe mit der fordernden und kontrollwütigen Julie. Doch ist sie nicht ohne Grund misstrauisch. Der sensible Autor mit dem melancholischen Blick wird von Leserinnen umschwärmt. O-Ton 5 Dierk Rodewald Er verliebte sich dauernd. Und die Frauen verliebten sich in ihn. Und die sind auch alle irgendwie in einem Roman vorgekommen. Er hatte ziemlich viele Beziehungen zu Frauen nebenher neben der Ehe. Dass hat seine Ehefrau Julie aber gefördert, damit er bei ihr bleibe. Sie hat damit sogar angegeben hin und wieder. Gegenüber Schnitzler hat sie mal gesagt: Und er hat jetzt sogar eine Gräfin. Sprecherin Doch nicht die Frauen, sondern das Schreiben hat für Wassermann höchste Priorität. Mit einem Bein im 19. Jahrhundert stehend, aber die literarische Moderne begierig aufsaugend, sucht er seinen Erzählton. Zitator Wassermann Kunst machen heißt: verzehrt werden. All mein Geschaffenes der letzten Jahre müsste verbrannt werden, - doch wer kann auf den Berg kommen, ohne von unten angefangen zu haben! Ich will erschüttert sein und Andere erschüttern! MUSIK 5 (Django Reinhardt Trio: I’ll See You In My Dreams 1‘15) Sprecherin Literarisch ambitionierte Romane wie „Der Moloch“ oder „Alexander in Babylon“ floppen beim Publikum und Wassermann sorgt sich nicht zu Unrecht um seine Finanzen. Doch dann findet er in seiner fränkischen Heimat den Stoff zu einem neuen Erfolgsroman. Er recherchiert über das wohl berühmteste Findelkind Europas und schreibt 1908 mit „Caspar Hauser oder Die Trägheit des Herzens“ einen echten Longseller. Spätestens mit dem Nürnberger Künstlerroman „Das Gänsemännchen“ von 1915 kommt die Wassermannsche Bestsellerproduktion dann so richtig in Fahrt. Dabei hilft ihm auch, dass er zu seiner eigenen großen Enttäuschung wehruntauglich ist. Die Jahre des Ersten Weltkriegs erlebt er nicht an der Front. Stattdessen publiziert Wassermann unermüdlich im Jahrestakt und schreibt einen gut verkauften Roman nach dem anderen: „Christian Wahnschaffe“, „Faber oder die verlorenen Jahre“, „Laudin und die Seinen“ bis hin zum größten seiner Erfolge „Der Fall Maurizius“ im Jahr 1928. Bücher, die auch heute noch zur Lektüre taugen, so Dierk Rodewald. O-Ton 6 Dierk Rodewald Weil er gut erzählen kann. Es ist so interessant, wenn ein Roman von Wassermann anfängt, dann fängt der mit etwas scheinbar ganz Nebensächlichem an, das aber direkt in die Mitte des Problems führt. Das ist technisch großartig gemacht. Und außerdem, das ist ja ein billiges Vergnügen von mir, sind die Sachen spannend. Und dann hat mich immer interessiert, dass er schriftstellerisch und stilistisch so wandelbar war. Der hat nicht einen eigenen Ton entwickelt. Er hat mit jedem neuen Buch eine neue Erzählform gefunden. Sprecherin Mit dem großen Erfolg kommt der Neid der Kollegen. Auch die Freunde sind nicht ganz frei davon. Selbst Thomas Mann schielte mitunter neidisch auf Wassermanns hohe Auflagen und witterte Konkurrenz, weiß der Germanist Gunnar Och. O-Ton 7 Gunnar Och Als der „Christian Wahnschaffe“ entstanden war, ist das ganz spannend in den Thomas Mann‘schen Tagebüchern nachzulesen. Thomas Mann arbeitet am Zauberberg und sieht dann den „Christian Wahnschaffe“ erscheinen und hat wirklich Angst, dass ihm jetzt das Wasser abgegraben wird. Das kommt einem völlig absurd vor, weil „Wahnschaffe“ kein guter Roman ist. Aber es sind verwandte Bestrebungen erkennbar. Und auf den ersten Seiten ist Thomas Mann ganz betroffen. Dann liest er weiter und steigert er sich rein: das taugt nichts. Am Schluss sagt er: was für ein Mist. Aber am Anfang ist die Angst groß, dass ihm da einer die Show stiehlt. MUSIK 6 (Fiona Brice: Retreat 1‘10) Sprecherin Die Literatenfreunde nehmen den sozialen Aufsteiger aus der bayerischen Provinz nicht immer ganz für voll. Man mokiert sich über seine fränkische Aussprache, die Seitensprünge und Ehekräche, das ständige Notizenmachen auf der Suche nach neuen Erzählstoffen, die ewigen Geldsorgen. Im Grunde genommen bleibt Wassermann ein Außenseiter. Auch unterschwelliger Antisemitismus spielt da womöglich eine Rolle. Wassermann hat sensible Antennen dafür. In seinem autobiographischen Essay „Mein Weg als Deutscher und Jude“, seinem heute vielleicht wichtigsten Buch, beschreibt er schon Anfang der 20er Jahre sehr hellsichtig den täglichen Judenhass und die Unmöglichkeit trotz aller Integrationsanstrengungen als Deutscher akzeptiert zu werden. Zitator Wassermann Am Rand der Gesellschaft stehend, haarbreit neben dem Abgrund, galt ihr meine Sehnsucht. Das Verlangen, von ihr aufgenommen und anerkannt zu werden, als Gleicher unter Gleichen, überwog jedes andere. Sprecherin „Mein Weg als Deutscher und Jude“ ist ein ergreifendes Zeitdokument. Eine Anklage an die Gesellschaft und bekenntnishaft, weil der Autor sich selbst nicht schont. O-Ton 8 Gunnar Och Was ihn immer interessiert hat, ist die Psychologie des Antisemitismus, vor allem in der Rückwirkung auf Juden. Und dieses Thema schildert er an der eigenen Person. Wie es ihn etwa gekränkt hat als er in Würzburg beim Militär mit dem Antisemitismus der einfachen Leute in Kontakt gekommen ist. Oder im literarisch-kulturellen Bereich mit dem Antisemitismus der Literaturkritik konfrontiert wurde. Und dann hinterfragt er, was das für die eig…

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    Urgetreide - Dinkel, Emmer, Einkorn Feb 25, 2025
    Show notes

    Dinkel liegt schon länger im Trend, auch Emmer und Einkorn machen Karriere - alle drei sind nahe Verwandte des Weizens. "Urgetreide" sorgt für mehr Vielfalt auf dem Acker und auf dem Tisch. Von Renate Ell (BR 2023)

    Credits
    Autorin dieser Folge: Renate Ell
    Regie: Sabine Kienhöfer
    Es sprach: Christian Schuler
    Technik: Roland Böhm
    Redaktion: Iska Schreglmann

    Im Interview:
    Prof. Dr. Friedrich Longin, Leiter der Arbeits¬gruppe Weizen, Landessaatzuchtanstalt, Universität Hohenheim, Stuttgart
    Susanne Geisenhofer, Bio-Landwirtin, Reichertshausen an der Ilm
    Andreas Karl, Backstubenleiter, Bäckerei Breitner, Pfaffenhofen an der Ilm
    Prof. Dr. Dr. Detlef Schuppan, Direktor des Insti¬tuts für Translationale Immunologie und Leiter der Ambulanz für Zöliakie, Dünndarmerkrankun¬gen und Autoimmunität, Universität Mainz


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    Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

    Die Blaue Couch - mit Rosina Ostler, Küchenchefin im Restaurant "Alois - Dallmayr Fine Dining " in München
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    Linktipps:

    Prof. Friedrich Longin hat Backrezepte für Dinkel, Emmer und Einkorn veröffentlicht, kostenlos im Internet.
    Friedrich Longin, Charlotte Grill: "Mein Brot. Einfach. Gut." HIER

    Link zur Uni Hohenheim HIER

    Link zum Institut für Translationale Immunologie HIER

    Urgetreide in der Weihnachtsbäckerei HIER

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    Streik! Arbeitskampf für mehr Geld Feb 24, 2025
    Show notes

    Der historisch erste Streik ereignete sich im alten Ägypten. Doch in welchen Epochen wurde am härtesten um Verbesserungen der Arbeitsbedingungen gekämpft? In welchen Ländern wird besonders viel gestreikt? Und welche Streiks waren am erfolgreichsten? Klar ist: Streiks sind ein wichtiger Faktor des sozialen Fortschritts. Von Georg Gruber (BR 2023)

    Credits
    Autor dieser Folge: Georg Gruber
    Regie: Irene Schuck
    Es sprachen: Berenike Beschle, Inka Kübel, Andreas Neumann
    Technik: Tim Höfer
    Redaktion: Nicole Ruchlak

    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

    Linktipps:

    Zu den Streikkosten von Lufthansa September 2022:
    tagesschau.de | BEITRAG JETZT LESEN

    Streikkosten gesamtwirtschaftlich pro Streiktag sind schwer zu errechnen:
    mdr.de | BEITRAG JETZT LESEN

    Literaturtipps:

    Michael Kittner, Arbeitskampf. Geschichte, Recht, Gegenwart, Verlag C.H.Beck, 2005
    Umfangreiches Buch, eine Gesamtdarstellung über Arbeitskämpfe und Streikgeschehen, vom alten Ägypten bis zur Gegenwart.

    Streik. Realität und Mythos, herausgegeben im Auftrag des Deutschen Historischen Museums von Agnete von Specht, Argon Verlag, 1992.
    Nur noch antiquarisch, interessant wegen der Darstellung von Streiks und Arbeitskonflikte in Gemälden und Zeugnissen aus verschiedenen Jahrhunderten.

    Alexander Gallas, Exiting the Factory. Strikes and Class Formation Beyond the Industrial Sector, Bristol University Press 2024.
    Habilitationsschrift von Alexander Gallas über Streiks in postindustriellen Gesellschaften.

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    Judentum in NS-Deutschland - Entrechtet, deportiert, ermordet Feb 24, 2025
    Show notes

    Es begann mit Diskriminierungen und endete in der Ermordung. Über Jahre hinweg betrieb das NS Regime die Ausgrenzung der jüdischen Deutschen, isolierte sie gesellschaftlich, vernichtete sie wirtschaftlich, deportierte sie dann während des Zweiten Weltkrieges in den besetzten Osten und ermordete sie dort.

    Credits
    Autorin dieser Folge: Renate Eichmeier
    Regie: Susi Weichselbaumer
    Es sprachen: Katja Amberger, Burchard Dabinnus
    Technik: Daniela Röder
    Redaktion: Thomas Morawetz

    Im Interview:
    Ernst Grube, Zeitzeuge
    Dr. Edith Raim, Historikerin, Privatdozentin, Universität Augsburg


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    Literatur:

    Stadtarchiv München (Hsg): "…verzogen, unbekannt wohin" Die erste Deportation von Münchner Juden im November 1941. Zürich, 2000. Detaillierte Darstellung mit Fotos und Dokumenten

    Maximilian Strnad: Zwischenstation Judensiedlung. Verfolgung und Deportation der jüdischen Münchner 1941-45. München 1941
    Akribisch recherchierter Überblick über das Barackenlager Milbertshofen: Bau, Nutzung, Ablauf der Deportationen

    Götz Aly: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. Frankfurt 2005.
    Umfassende Darstellung des Zusammenspiels zwischen Judenverfolgung und Bereicherung des NS Staates bzw. der nichtjüdischen Bevölkerung

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    Allmächd! Geschichte des fränkischen Dialekts Feb 21, 2025
    Show notes

    Was ist überhaupt ”das Fränkische"? Die Frage bewegt Linguisten und Gemüter in Ober-, Mittel- und Unterfranken. Denn was umgangssprachlich als "Fränkisch" bezeichnet wird, meint nur die ostfränkischen Dialekte - also alles, was im Norden Bayerns ”gefrängglt" wird. Doch das ist zu kurz gegriffen, wettern viele. Von Markus Mähner (BR 2022)

    Credits
    Autor dieser Folge: Markus Mähner
    Regie: Martin Trauner
    Es sprachen: Rahel Comtesse und Andreas Neumann
    Technik: Andreas Lucke
    Redaktion: Nicole Ruchlak und Thomas Morawetz

    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER


    Weitere Linktipps:
    Der Sprechende Dialektatlas Bayerns:
    EXTERNER LINK | www.dialekte.schule.bayern.de
    Das Unterfränkische Dialektinstitut:
    EXTERNER LINK | unterfraenkisches-dialektinstitut-wue.de

    Fränkisches Wörterbuch der Bayerischen Akademie der Wissenschaften:
    EXTERNER LINK | wbf.badw.de
    Bayerns Dialekte Online:
    EXTERNER LINK | bdo.badw.de

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    Homo Sovieticus – Utopie und Alltag Feb 21, 2025
    Show notes

    Einen neuen sowjetischen Menschen wollte die junge UdSSR erschaffen, durch Wissenschaft, Bildung und - Umerziehung. Das Ergebnis ist jedoch umstritten: Kritiker sagen dem sogenannten Homo Sovieticus oft nach, politisch desinteressiert zu sein und nur noch Dienst nach Vorschrift zu machen. Wer war der Homo Sovieticus - und gibt es ihn noch heute? Von Fiona Rachel Fischer CreditsAutorin dieser Folge: Fiona Rachel FischerRegie: Martin TraunerEs sprachen: Hemma Michel, Christian Baumann, Sebastian FischerTechnik: Redaktion: Thomas Morawetz Im Interview:Maja Soboleva, Professorin am Institut für Philosophie an der Philipps-Universität MarburgKlaus Gestwa, Direktor des Instituts für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde an der Universität Tübingen Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Die Russische Welt aus Sicht des Kremls - Ruskij MirJETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir:ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Literatur:Klaus Gestwa: „Der Sowjetmensch. Geschichte eines Kollektivsingulars“, in: Nackte Seelen. 68 (2018), S. 55-82. Ein informativer Artikel, der sowohl die Begriffsgeschichte des „Homo Sovieticus“ in historischen Kontext setzt, als auch den Begriff selbst kritisch beleuchtet. Maja Soboleva: “The Concept of the ‘New Soviet Man’ and Its Short History”, in: Canadian-American Slavic Studies 51 (2017), S. 64-85. Soboleva diskutiert hier das sowjetische Moralverständnis hinter dem Neuen Sowjetischen Menschen. Zitate aus Alexander Sinowjew: Homo sovieticus. Roman. Aus dem Russischen von G. von Halle. Zürich 1984. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadiowissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN: Man nehme: einen starken Körper, Sportlichkeit …. dazu einige Schöpfer Loyalität … und jetzt noch eine gute Handvoll Bildung …. Ahh, und eine Prise Leidenschaft. Dann ist er fertig – SPRECHER: – der Neue Mensch. O-TON 1 – Klaus Gestwa Die Idee dass sich der Mensch neu erfinden kann, dass er sich selbst transformiert, ist ja in der Menschheitsgeschichte wiederholt vorgekommen. Und die Vision vom neuen Menschen gehört, glaube ich, ganz zentral zu den sozialen und politischen Obsessionen des zwanzigsten Jahrhunderts. SPRECHERIN: - sagt Klaus Gestwa, Direktor des Instituts für Osteuropäische Geschichte und Landeskunde an der Universität Tübingen. Spätestens seit der Verbreitung von Darwins Evolutionstheorie weiß man, dass sich der Mensch entwickelt und nicht gottgegeben ist. Also müsste man doch in diese Entwicklung eingreifen können. SPRECHER: Die junge Sowjetunion belässt es jedoch nicht nur beim Träumen; die kommunistische Partei macht sich ans Werk, einen Neuen Sozialistischen Menschen zu erschaffen. Denn damit das mit dem Kommunismus klappen kann, da ist man sich unter den Revolutionären sicher, braucht es im ehemaligen Zarenreich eigentlich eine ganz andere Art von Mensch. SPRECHERIN: Für eine Herrschaft des Proletariats, die nach der Marxschen Theorie der Revolution folgen soll, benötigt man erst einmal eine Arbeiterklasse. Die gibt es per Definition aber nur in einer Industriegesellschaft. Und das Zarenreich war keine. O-TON 2 – Klaus Gestwa Die neuen Moskauer Machthaber sahen sich natürlich auch vor die Herausforderung gestellt, dass sie einen Staat übernahmen, der im Wesentlichen bäuerlich geprägt gewesen ist, also im Januar 1917, stellten über 80 Prozent der Bevölkerung des Sowjetrusslands damals noch Bauern und Nomaden dar. Und dann ging es jetzt eben darum, auch eine soziale Machtbasis zu schaffen. Und diese soziale Machtbasis sollte ebenso durch die Formung eines neuen Menschen tatsächlich auch an Stabilität und auch an Festigkeit und Dauerhaftigkeit gewinnen. SPRECHER: Die Bewohner der Sowjetunion sollen eine schnelle Entwicklung durchlaufen und zu Menschen werden, die den Kommunismus errichten können. O-TON 3 – Klaus Gestwa: Und da gehört eben die Aufopferung für dieses sowjetische System ganz zentral dazu das Enthusiastische, das Kämpferische, was damit verbunden gewesen ist, auch immer wieder das Aufopferungsvolle. Dass man als Asket lebt, um eben seine ganze Kraft und seine ganze Energie einbringen zu können in diesen Aufbau des Sozialismus, der ja in den 20er und in den 30er-Jahren ganz oben auf der politischen Agenda stand. SPRECHERIN: Es geht also um einen Typus Mensch, den man bislang noch nicht in ausreichender Zahl und Ausprägung vorgefunden hatte. Es geht um die Utopie eines sozialen, moralischen und weltoffenen Menschtyps, die jetzt Wirklichkeit werden soll. SPRECHER: Lenin und anderen führenden Parteimitglieder wollen den Neuen Menschen so bald wie möglich und nötigenfalls auch künstlich erschaffen, um mit den Zielen der Revolution vorankommen. Die Methoden, mit denen sie diese gezielte Beeinflussung der Menschen, Social Engineering, betreiben, sind sowohl produktiv als auch repressiv. Ganz vorne bei den produktiven Maßnahmen stehen die Alphabetisierung der breiten Bevölkerungsmasse und enge Bildungswege für junge Menschen an neu eingerichteten Arbeiter- und Bauernfakultäten. O-TON 4 Klaus Gestwa Ende der 30er-Jahre gab es tatsächlich schon mehrere Millionen Industriearbeiter, die tatsächlich diesem neuen sowjetischen Regime eine feste soziale Basis gegeben haben und auch Hunderttausende von Spezialisten, die über diese stalinistischen Bildungsprogramme dann auch in Führungspositionen aufgestiegen sind. SPRECHERIN Auch die Kultur steht im Dienst der Erschaffung eines neuen Menschen. In Literatur, bildender Kunst und Theater stellt die neu erfundene Strömung des sozialistischen Realismus die Sowjetgesellschaft und ihre Bürger so dar, wie sie werden sollen. O-TON 5 – Maja Soboleva Und sozialistische Propaganda war omnipräsent. […] Auch die öffentlichen Organisationen einschließlich der Organisationen für die Jugend, das waren so jugendliche kommunistische Organisationen wie Pioniere, Komsomol, und so weiter gab es auch für kleine Kinder eine Organisation für Kinder von sieben bis zehn Jahre. Das waren die sogenannten Oktjabrjate, die Kinder des Oktobers, also ganz junge Leninisten. SPRECHER: Maja Soboleva, außerplanmäßige Professorin am Institut für Philosophie an der Philipps-Universität Marburg, ist in den späten Jahren der Sowjetunion aufgewachsen und forscht seit ca. 20 Jahren in Deutschland. SPRECHERIN: Der sozialistischen Umformung kann niemand entrinnen. Auch nicht die, die die Partei eigentlich aus der neuen Gesellschaft ausschließt. Denn während sich die Sowjetbürger mit sozialistischer Literatur bilden und Massensportfeste auf dem roten Platz feiern, werden diese Ausgestoßenen in Arbeitslagern „umerzogen“ – den Gulags. SPRECHER: „Perekovka“, „Umschmiedung“ nennt die Propaganda euphemistisch diesen Prozess, der aus ehemaligen Großbauern, „Kulaken“, Verbrechern oder ganzen unerwünschten Ethnien neue Menschen, also rechtschaffene sowjetische Bürgerinnen und Bürger machen soll. Neben Zwangsarbeit sollen Bildungsmaßnahmen und Kulturprogramm die Umerziehung abrunden. Die Häftlinge verfassen Berichte oder veranstalten Theaterstücke, nachdem sie stundenlang schwerste körperliche Arbeit unter unmenschlichen Bedingungen verrichtet haben. SPRECHERIN: Ein Vorzeigeprojekt der Sowjetunion in den frühen 30er-Jahren ist der Bau des Belomor, ein 227 km langer Kanal von der baltischen zur weißen See, der tausende Todesopfer fordert und in nur 20 Monaten fertiggestellt wird. SPRECHER: Im Jahr 1933 reist eine Gruppe sowjetischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller unter der Leitung des Autors Maxim Gorkij in das Arbeitslager, um die Insassen zu befragen und über ihr Leben vor und in dem Lager zu schreiben. Der Sammelband, der sich in englischer Übersetzung auch an das Ausland richtet, schildert glühend die erstaunliche Umformung der Zwangsarbeiter zu guten Sozialisten: der Kulaken, Diebe und Prostituierten, die in der Arbeit und der Gemeinschaft einen neuen Sinn finden und zu Höchstleistungen beflügelt werden. Die literarische Gruppe zeichnet ein glänzendes Bild davon, was wir heute als ein System des Schreckens kennen. O-TON 6 – Klaus Gestwa Ich bezeichne des Gulag-System als den Hades der stalinistischen Industriezivilisation. Von 1928 bis 1956 mussten etwa 18 Millionen Menschen diesen Hades durchlaufen. Wir wissen anhand der Statistiken, dass vermutlich zwei Millionen Menschen ihre Zeit im Gulag nicht überlebt haben. Viele andere waren gesundheitlich und auch psychisch dauerhaft geschädigt durch ihre brutalen Lagererfahrungen. Und das ist etwas, was natürlich ganz massiv auf die weitere Sowjetgeschichte sich ausgewirkt hat. SPRECHERIN: Die Angst, als Klassenfeind gemeldet und in ein Arbeitslager deportiert zu werden, ist ebenso gegenwärtig wie es die Denunzianten sind. Denn die oberste Loyalität der Menschen soll nicht mehr den Freunden und Verwandten gehören, sondern dem sowjetischen Staat und – bald nach Lenins Tod – speziell Stalin, der sich als Übervater der UdSSR inszeniert. SPRECHER: Das berühmteste Beispiel ist wahrscheinlich das Leben des Pavlik Moroz, ein Bauernjunge, der im Jahr 1932 seinen Vater anzeigt, weil dieser Getreide vor den Behörden versteckt. Während der Vater also inhaftiert, und später, wie man heute weiß, bei einer Massenerschießung hingerichtet wird, erschlagen Pavliks Verwandte den Jungen für seine Denunziation. Dieses Schicksal macht ihn zu einer Art Märtyrer und zum Helden einiger Büchern und später auch Filme. Erst in den 80er Jahren wird im gelockerten politischen Diskurs offengelegt, wie sehr sich die Kinder der Sowjetunion von dieser Geschichte unter Druck gesetzt fühlen. SPRECHERIN: Doch haben all diese Maßnahmen den gewünschten Effekt und produzieren tatsächlich eine neue Art von Mensch? Das beschäftigt auch den Westen, der noch vor der Sowjetgesellschaft untersucht, wie der tatsächlich existierende Sowjetmensch nun tickt. 1958 analysiert der Osteuropaforscher Klaus Mehnert erstmals auf einer Reise die Einwohner der UdSSR und konstatiert in seinem Buch „Der Sowjetmensch“: SPRECHER: Die sowjetische Umerziehung der Menschen habe schon angesetzt, doch wenn man am glänzenden sowjetischen Lack kratzt, so Mehnert, stecke darunter immer noch der biedere Russe von früher. Also – die ganze sozialistische Umerziehung fruchtlos? SPRECHERIN: Eine Forschergruppe aus Harvard sieht das anders. Sie hat seit 1945 Migrantinnen und Migranten aus der UdSSR befragt und stellt fest, dass nicht einmal an denen, die die Sowjetunion aus politischer Überzeugung heraus verlassen haben, die ideologische Erziehung spurlos vorbeigegangen ist. O-Ton 7 Klaus Gestwa: Also da hatte man schon die Idee, dass aufgrund dieses propagandistischen Trommelfeuers, dieser Vereinnahmung in den sozialen Praktiken es für die Sowjetmenschen unheimlich schwierig gewesen war, sich dem zu entziehen. Also diese Formierung des Sowjetmenschen hatte tatsächlich eine gesellschaftliche Tiefenwirkung, die wir nicht unterschätzen sollten. SPRECHER: Das Jahr 1961: 22. Kongress der Kommunistischen Partei. Nikita Chruschtschow verkündet, dass die UdSSR erfolgreich einen neuen Menschen, den sowjetischen Menschen geschaffen habe. Dieser neue Mensch, in den 1930er Jahren ein mutiger und aufopfernder Revolutionär, ist nun der Erbauer des Kommunismus. Ist die Utopie also Wirklichkeit geworden? Die Sowjetunion beantwortet diese Frage mit „Ja“. O-TON 8 Maja Soboleva Und dann 1976 berichtete Breschnew auf dem fünfundzwanzigsten Parteitag, dass der sowjetische Mensch das wichtigste Ereignis oder Ergebnis der letzten 60 Jahre sei, also das heißt, das wurde per Dekret festgestellt. SPRECHERIN: Als sich die Versprechungen nicht erfüllen, dass bald der ersehnte Zustand des Kommunismus erreicht ist, tritt die Sowjetgesellschaft in den 70er Jahren in ihre konsumistische Phase ein: Politische Apathie wird mit steigendem Lebensstandard belohnt. O-TON 9 Klaus Gestwa: Es gab dann seit den 60er-Jahren die Massenmobilisierung, der private Pkw erlaubte Möglichkeiten, sein Umfeld zu erweitern. Es gab Urlaubsreisen, es gab Konsum, und damit wurde der neue Sowjetmensch nicht immer nur als Asket, als Arbeiter und als Enthusiast dargestellt, sondern eben auch als Konsument, als jemand, der sein Freizeitleben genießt und der sich aus den Zumutungen des sowjetischen Alltags immer wieder zurückzieht in sein eigenes Privatleben SPRECHER: Mit dieser neuen Lebensrealität wandelt sich das, was unter „Sowjetmensch“ verstanden wird. Aus dem glänzenden, moralisch überlegenen Sozialisten wird zunehmend ein politischer Mitläufer. SPRECHERIN: In den 80er Jahren beantworten einige sowjetische Schriftsteller die Frage nach der Existenz des Sowjetmenschen mit „Ja, leider“. Der Autor und Dissident Alexander Sinowjew macht den Begriff des „Homo Sovieticus“, und die Abkürzung „Homosos“, mit seinem gleichnamigen Roman populär. ZITATOR: „Mein Verhältnis zu diesem Wesen ist zwiespältig: ich liebe und hasse, achte und verachte es gleichzeitig, bin von ihm entzückt und entsetzt zugleich. Selbst ein Homosos, bin ich schonungs- und mitleidlos in seiner Darstellung. Richtet uns, denn ihr selbst werdet von uns gerichtet werden!“ SPRECHERIN: – so übersetzt G. von Halle Sinowjews Vorwort. Der Homo Sovieticus ist dem Roman nach ein Opportunist und Zyniker, der nach außen hin ideologiekonform und autoritätstreu ist, aber das System für seine egoistischen Bedürfnisse ausnutzt und sich ansonsten ins Private und ins Nichtstun zurückzieht. SPRECHER: Die Verniedlichungsform „Homosos“, die auch „Menschensauger“ bedeutet, zeigt, dass Sinowjew die Utopie eines neuen sozialistischen Menschen, der eine bessere Welt aufbauen sollte, als gescheitert erachtet. ZITATOR: „Der Homosos ist ein ziemlich widerliches Geschöpf. Das weiß ich von mir selbst. Als ich noch in der Sowjetunion lebte, träumte ich davon, in einem demokratischen Staat zu leben. Trittst in irgendeine Partei ein oder gründest eine eigene, gehst auf Demonstrationen, nimmst an Streiks teil, prangerst an! Kein Leben – eine Pracht! Nachdem ich einige Zeit im Westen gelebt hatte, änderte ich die Richtung meiner Träume um hundertachtzig Grad. Jetzt träumte ich davon, in einem gut funktionierenden Parteistaat zu leben, in dem linke Parteien verboten sind, Demonstrationen auseinandergetrieben und Streiks niedergeschlagen werden. Mit einem Wort, nieder mit der Demokratie! Warum ich davon träumte? Eben weil ich – ein Homosos bin.” O-TON 10 Maja Soboleva: Und würde ich sagen, dieser Definition liegt die Annahme zugrunde, dass sich das fehlerhafte soziale kanonisches System des realen Sozialismus in der mangelhaften Struktur des Charakters und der Mentalität des sowjetischen Menschen reproduzieren. […]Also wir haben so wir sehen, dass der Homo Sovieticus ein äußerlich ambivalenter Begriff ist, ja, je nach Blickwinkel und was denke ich, glaube beide Versionen diesen Menschentypus haben, existiert sowohl die positive Reaktionen als auch die negativer und ist ein gelungenes, würde ich sagen. Und die zweite ist ein misslungenes Ergebnis dieses Social Engineering. SPRECHER: In den späten 80er Jahren beginnt dieses politische System zu bröckeln. Es ist die Zeit von Glasnost und Perestroika, in der der starre Diskurs aufweicht und zunehmend Platz macht für politische Diskussionen und das Gefühl von Enttäuschung über die Entwicklung der Sowjetunion. SPRECHERIN: In der Sowjetunion spricht man nun von „Sowok“ eine weitere Verniedlichungsform von „Homo Sovieticus“, die aber im Russischen auch „Kehrschaufel“ heißt, also das, was es braucht, um Dreck aufzukehren. Die sowjetische Identität wird mit diesem Wortspiel buchstäblich zu etwas Schmutzigem. O-TON 11 Klaus Gestwa Es wird tatsächlich auf die Menschen selbst bezogen. Das hat auch etwas mit einem masochistischen Selbsterniedrigungsdiskurs zu tun, der in der Perestroika-…

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    Henry Ford - Von Hitlers Held zum Idol der Welt Feb 20, 2025
    Show notes

    Automagnat und Antisemit, US-Unternehmergenie und Nazi-Sympathisant, Wohltäter und Hitlers Vorbild: Henry Ford gilt als Mann mit zwei Gesichtern. Forschungen rücken das in ein neues Licht. Von Sebastian Kirschner (BR 2021)

    Credits
    Autor dieser Folge: Sebastian Kirschner
    Regie: Eva Demmelhuber
    Es sprachen: Rahel Comtesse, Carsten Fabian, Jerzy May, Andreas Dirscherl
    Technik: Robin Auld
    Redaktion: Nicole Ruchlak

    Im Interview:
    Prof. Dr. Stefan Link (Wirtschaftshistoriker, Dartmouth College, Hanover/USA)
    Prof. Dr. Rüdiger Hachtmann (Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam)

    Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

    Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir:
    ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN
    Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks.
    DAS KALENDERBLATT
    Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte

    Zitierte Literatur:
    Henry Ford / Samuel Crowther, My life and work (1922)
    Samuel S. Marquis, Henry Ford: An interpretation (1923)

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    Vulkanausbruch - Und was kommt danach? Feb 18, 2025
    Show notes

    Vulkanausbrüche auf La Palma (2021) und Heimaey (1973) zeigen, welch umgreifenden Folgen solche Naturkatastrophen auf die Bewohner und die Landschaft haben. Doch nicht alles ist katastrophal: Landgewinnung, geothermale Energie, Lava-Tourismus und neue fruchtbare Erde bringen auch Vorteile. Von Brigitte Kramer (BR 2022)

    Credits
    Autorin dieser Folge: Brigitte Kramer
    Regie: Sabine Kienhöfer
    Es sprachen: Andreas Neumann, Julia Fischer, Peter Lersch
    Technik: Winfried Messmer
    Redaktion: Matthias Eggert
    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

    Im Interview:
    Juana Vegas (Geologin, Spanisches Institut für Geologie und Bergbau, Madrid);
    Azucuhae del Rosario Martín (Vorsitzender Bürgerverein, La Palma);
    Kristín Johannsdótir (Leiterin Vulkanmuseum Insel Heimaey, Island);
    Andreas Klügel (Geologe, Universität Bremen)

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    BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG

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    Weltweite Lieferketten - Wer verbindet, wer hält, wer bedroht Feb 17, 2025
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    Credits
    Autorin dieser Folge: Brigitte Kramer
    Regie: Anja Scheifinger
    Es sprach: Rahel Comtesse
    Technik: Klemens Kamp
    Redaktion: Yvonne Maier

    Im Interview:
    Lisandra Flach, Leiterin des ifo Zentrums für Außenwirtschaft und Professorin für Volkswirtschaftslehre an der LMU München
    Axel Schulte, Ingenieur und Wirtschaftswissenschaftler, Fraunhofer Institut in Dortmund
    Florian Sachs, Wirtschaftsmathematiker an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität in Köln

    Linktipps: Lieferengpassdatenbank des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte HIER
    Deutsches Gesetz über die unternehmerische Sorgfaltspflichten zur Vermeidung von Menschenrechtsverletzungen in Lieferketten, kurz: Lieferkettengesetz HIER
    Europäische Lieferkettenrichtlinie HIER

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