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    Latest Episodes:
    Pessimismus - Die Macht des negativen Denkens Mar 05, 2025
    Show notes

    Negative Erfahrungen speichert unser Gehirn intensiver ab, als positive Erfahrungen. Denn aus schlechten Erfahrungen können wir lernen. Wird Pessimismus aber zu einer Grundstimmung, dann erreicht eine solche Weltsicht eher das Gegenteil: Dann fehlt es an Motivation, etwas daran ändern zu können. Von Daniela Remus (BR 2024) CreditsAutorin dieser Folge: Daniela RemusRegie: Martin TraunerEs sprachen: Hemma MichelTechnik: Roland BöhmRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Dr. Hennig Beck, Neurowissenschaftler, Frankfurt/M.;Dr. Marlies Pinnow, (sprich: Pinnoo) Psychologin, Ruhr Universität Bochum;Prof. Lars Schwabe, Psychologe, Universität Hamburg Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Hoffnung - Die Stille KraftJETZT ANHÖREN Was uns tröstet - Kraft in der KriseJETZT ANHÖREN Der Egoismus - Das Zukunftsmodell?JETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.ZUM PODCAST Pessimistisch sein: Diesen Vorteil haben Pessimisten - ARD alphaDie Prüfung geht sowieso schief, einen Job kriegt ihr nie, alle sind gegen euch. Denkt ihr oft so negativ? Wir erklären, warum manche Menschen eher Pessimisten oder Optimisten sind, was pessimistisch sein bedeutet - und ob das wirklich immer schlecht ist.JETZT ENTDECKEN Literaturtipps: Beck, Hennig: 12 Gesetze der Dummheit. Denkfehler, die vernünftige Entscheidungen in der Politik und bei uns allen verhindern. Ullstein Verlag, Berlin 2023. Forschung von Dr. Marlies Pinnow, Ruhr Universität Bochum: Schlüter, C., Fraenz, C., Pinnow, M., Friedrich, P., Güntürkün, O., & Genç, E. (2018). The structural and Forschung functional signature of action control. Psychological Science, 29(10), 1620-1630. Pinnow, M. (2018). Wünschen, Wählen, Wollen: Individuelles Entscheiden und Handeln im Spiegel der Neurowissenschaft. In C. Gorr und M.C. Bauer (Hrsg.), Was treibt uns an? (pp. 67-81). Springer: Berlin. Forschung von Prof. Lars Schwabe, Universität Hamburg: Rouhani, N., Niv, Y., Frank, M. J., & Schwabe, L. (in press). Multiple routes to enhanced memory for emotionally relevant events. Trends in Cognitive Sciences. Baczkowski, B. M., Haaker, J, & Schwabe, L. (2023). Inferring danger with minimal aversive experience. Trends in Cognitive Sciences, 27, 456-467. Schwabe, L., Hermans, E., Joëls, M., & Roozendaal, B. (2022). Mechanisms of memory under stress. Neuron, 110, 1450-1467. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK SPRECHERIN „Das schaffe ich nie”, „Die denken doch nur an sich” oder „Das wird nie mehr gut”! Nicht wenige Menschen denken so und antworten auch entsprechend negativ. Und sie urteilen dermaßen pessimistisch nicht nur in einzelnen Situationen, sondern bei fast jeder Gelegenheit. Ob es um die Diät nach den Feiertagen geht, die nächste Prüfung, die weltpolitische Lage oder um den Streit in der Familie: „Das kann ja alles gar nicht anders als schlecht enden”! Und mit dieser pessimistischen Grundeinstellung sind sie nicht allein. Weltweit äußern sich in Umfragen zwei Drittel der Menschen düster und negativ über Gegenwart und Zukunft. Das ist für die Bewältigung der aktuellen Krisen kein gutes Zeichen, aber neurobiologisch ist der Pessimismus durchaus zu erklären. TAKE 1 (O-Ton Beck) L: 0, 25 Wir erinnern uns an sehr negative Ereignisse intensiver, als an sehr positive Ereignisse. Das hat einfach auch den Vorteil, dass man dadurch besser lernen kann. Also man stellt sich mal die Alternative vor, wir würden uns an positive Sachen immer erinnern, dann wären die immer präsent und wir hätten gar nicht mehr den Antrieb die nochmal erreichen zu wollen. Wohingegen, wenn ich mich an die negativen Sachen erinnere, dann habe ich die so präsent, dass ich immer weiß, die möchte ich vermeiden. SPRECHERIN Erklärt der Neurowissenschaftler und Sachbuchautor Hennig Beck. Tagein tagaus entscheidet unser Gehirn, was von dem, was wir erleben, als Erinnerung abgespeichert werden soll - und was nicht. Der Streit mit der Chefin, die schlechten Schulnoten, die freundliche Arzthelferin, der heftige Regenschauer und das Laubharken im Garten? Nicht alles, was wir erleben, wird zu einer Erinnerung. Aber negative Erlebnisse haben eine höhere Chance erinnert zu werden als positive. Das begünstigt ganz entscheidend den pessimistischen Blick auf die Welt. TAKE 2 (O-Ton Beck) L: 0, 24 In einem Gehirn liegt Erinnerung nicht irgendwo rum, sondern eine Erfahrung, die Sie machen, etwas, was Sie sehen oder hören, das führt dazu, dass die Nervenzellen sich besser synchronisieren, besser abstimmen in ihrer Aktivität, sie passen ihre Verknüpfungen untereinander an und das führt dazu, dass sie das nächste Mal dieses Aktivitätsmuster, besser auslösen können und das ist das, was man Gedächtnis oder Erinnerung nennt. SPRECHERIN Früher nahmen Forschende an, dass es einen festen Ort im Gehirn gibt, an dem unsere Erinnerungen, ähnlich wie Kleidungsstücke in einer Schublade, aufbewahrt werden. Aber mittlerweile ist klar, diese Erklärung ist zu einfach. An der Gedächtnisbildung sind vielmehr sehr viele und unterschiedliche Bereiche des Gehirns beteiligt: So zum Beispiel die Nervenzellen im sogenannten Hippocampus und im sogenannten Enthorialen Cortex. Was im Einzelnen im Gehirn und speziell in diesen Bereichen passieren muss, damit ein Erlebnis zu einer Erinnerung verarbeitet wird, das haben die Forschenden aber trotz aller Forschungen bisher immer noch nicht in allen Details verstanden. TAKE 3 (O-Ton Schwabe) L: 0, 10 Es ist natürlich so, dass die Relevanz und die emotionale Wertigkeit von Erfahrungen einen maßgeblichen Einfluss darauf haben, wie gut Sachen später erinnert werden. SPRECHERIN Erklärt Lars Schwabe, Professor für Psychologie an der Universität Hamburg. TAKE 4 (O-Ton Schwabe) L: 0, 15 Wir wissen aus Verhaltensstudien auch sehr gut, dass emotional negative Ereignisse aber auch emotional positive Ereignisse tendenziell besser erinnert werden als die neutralen, alltäglichen Ereignisse. Das ist ein relativ robuster Befund in der Literatur. SPRECHERIN Ein relativ robuster Befund in der Literatur, das heißt, dieses Ergebnis hat sich in vielen unterschiedlichen Experimenten immer wieder bestätigt: Die emotionale Betroffenheit in einer Situation führt also dazu, dass sie intensiver im Gehirn verankert wird. Und das macht es wahrscheinlicher, dass sie im Gedächtnis als Erinnerung abgelegt wird, betont der Frankfurter Neurowissenschaftler Beck: TAKE 5 (O-Ton Beck) L: 0,20 Alles, was emotional ist, ist so eine Art Beschleunigung für das Lernen. Es führt dazu, dass es besonders intensiv und weitläufig verarbeitet wird und genau an diesen Schnittstellen wo entschieden wird, was ist wichtig und was ist unwichtig, da ist Emotion so etwas, wie ein Lesezeichen, das markiert, oh das ist etwas, was man besonders intensiv später nochmal verarbeiten sollte. SPECHERIN Denn das Gehirn muss tagtäglich entscheiden, was wird als Erinnerung abgespeichert und was kann weg? Töne, Gerüche, Erlebnisse, Streit, ein unerwartetes Wiedersehen, Musik oder Gespräche: Emotionale Berührung machen einzelne Situationen von anderen unterscheidbar. Und bei negativen Emotionen ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß. dass sie es ins Gedächtnis schaffen und damit zu einem pessimistischen Blick auf die Welt führen. TAKE 6 (O-Ton Beck) L: 0, 32 Es gibt so eine Art Koordinationsstelle im Gehirn, die die wichtigsten Infos des Tages noch einmal reaktiviert. Nennt sich Hippocampus. Und diese Region ist quasi so ein Taktgeber dafür zu entscheiden, was ist wichtig, was ist unwichtig? Und in der Nacht, wenn man schläft, wird dann eben geschaut, was war besonders überraschend? Was war besonders emotional? Was war besonders neu, was man erlebt hat? Und das wird dann in der Nacht in den Großhirnarealen, dezentral, verankert unter Anleitung von eben jenem Hippocampus. SPRECHERIN ‚Gedächtnisspur‘ nennen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das, was der Hippocampus in den verschiedenen Gehirnarealen aufbaut und was dann später als Erinnerung wieder abgerufen werden kann. Positive und negativen Erlebnisse, die in uns Gefühle hervorrufen, entweder der Freude, des Glücks oder auch des Leids und der Trauer, hinterlassen besonders tiefe Gedächtnisspuren, werden also deutlich besser erinnert. Und manchmal, bei besonders traumatisierenden Erlebnissen kommt es dadurch zu einer derart präsenten Erinnerung, dass diese nicht mehr bewusst kontrolliert werden kann, wie bei einer Posttraumatischen Belastungsstörung. ((TAKE 7 (O-Ton Beck) L: 0, 30 Wenn es besonders positiv oder besonders negativ ist, führt das zu einer besseren Gedächtnisspur, zu einem besseren Training kann man sagen, der Nervenzellen und ich behalte das intensiver. Tatsächlich muss man aber sagen, dass negative Emotionen, hochnegative Emotionen, Niederlagen beispielsweise oder Trauerereignisse, Schicksalsschläge, besonders intensiv verarbeitet werden. Intensiver als positive Emotionen und das führt dazu, dass man sich an solche sehr negativen Ereignisse häufig auch sehr negativ erinnert.)) SPRECHERIN Indem unser Gehirn vergangene Erlebnisse und Erfahrungen strukturiert und gewichtet und unter Umständen zu Erinnerungen macht, hilft es uns, unser Leben zu bewältigen, erklärt Lars Schwabe: TAKE 8 (O-Ton Schwabe) L: 0, 25 Das ist tatsächlich eine Idee, dass die maßgebliche Funktion des Gedächtnisses ist, uns eben auf ähnliche Situationen in der Zukunft bestmöglich vorzubereiten und daraus resultiert einfach auch der Umstand, dass dieses emotionale Gedächtnis, also die Steigerung der Erinnerungsfähigkeit emotionaler Inhalte, dass das auch ein grundadaptiver Mechanismus ist, der uns für zukünftige Gefahren bestmöglich vorbereitet. SPRECHERIN Es ist also vermutlich evolutionsbiologisch zu erklären, dass negative Erfahrungen besonders intensiv erinnert werden. Denn das hilft dabei, solche Erlebnisse in Zukunft zu vermeiden. Insofern könnte man auch sagen, dass ein pessimistischer Mensch sich v.a. davor schützen möchte, besonders negative Situationen zu erleben. Wie zum Beispiel das Anfassen der heißen Herdplatte. Biochemisch betrachtet lässt sich die intensive Erinnerung mit dem Hormoncocktail erklären, den der Körper in solchen Situationen ausschüttet. In glücklichen Momenten, wie beispielsweise bei der Geburt eines Kindes, produziert der Organismus besonders viel vom Botenstoff Dopamin, alltagssprachlich auch bekannt als ‚Belohnungshormon‘. Anders in einer emotional belastenden Situation: in der schüttet der Körper die Botenstoffe Noradrenalin und Cortisol aus, beide alltagssprachlich auch als ‚Stresshormone‘ bekannt. Vor allem diese Stresshormone aktivieren, so der gegenwärtige Wissensstand, die sogenannte Amygdala. Die ist, evolutionsbiologisch betrachtet, ein sehr alter Teil des Gehirns, häufig auch Mandelkern genannt, der für die Bewertung von emotional wichtigen, und zwar vor allem negativen Erlebnissen zuständig ist, ((erklärt Lars Schwabe: TAKE 9 (O-Ton Schwabe) L: 0, 13 Das heißt, die Amygdala sagt gewissermaßen, ‚hey, das ist jetzt eine extrem wichtige Situation, Hippocampus merk dir das mal besonders gut!‘, plakativ gesprochen und das ist der Mechanismus, der für aversive Ereignisse ganz gut etabliert ist. SPRECHERIN Auch für die Entstehung von Angst, die sich ja aus negativen emotionalen Erinnerungen speist, spielt die Amygdala eine wichtige Rolle. Forschende vermuten deshalb, dass es nicht nur graduelle Unterschiede gibt, in der Abspeicherung und Verarbeitung von positiven und negativen Emotionen in unserem Gedächtnis, sondern tatsächlich auch qualitative Unterschiede.)) Und das sei ja auch sinnvoll, so Psychologieprofessor Lars Schwabe, weil Erfahrungen und Erinnerungen unser Verhalten prägen. TAKE 10 (O-Ton Schwabe) L: 0, 17 Das heißt, unser Gedächtnis ist für unser Funktionieren im Alltag, in jeglicher Hinsicht, Motivation, Orientierung, Entscheidungsfindung absolut essentiell, aber auch essentiell dafür, wie wir uns als Person wahrnehmen. SPRECHERIN Ohne Erinnerung fehlten uns auch bedeutende Informationen über uns selbst. Deshalb, so Lars Schwabe, wüssten wir nicht, falls wir sie verlören, was wir für ein Mensch sind und was uns ausmacht. Wenig verwunderlich also, dass Erinnerungen auch mitbeeinflussen, wie Menschen auf die Welt, auf ihr Leben blicken. Sind sie eher optimistisch oder pessimistisch? Erwarten sie positive Entwicklungen für die Zukunft oder wird alles einfach nur immer schlechter? TAKE 11 (O-Ton Schwabe) L: 0, 24 Und wenn wir dann aufgrund unserer Stimmungslage oder unseres Naturells vorrangig negativ gefärbte Erfahrungen erinnern und diese in unserem Gedächtnis überrepräsentiert sind, dann kann das schon was sein, dass dann halt so ein sich selbst verstärkender Prozess fungiert dass man dann einen stärkeren Pessimismus an den Tag legt möglicherweise sogar zu eine depressive Stimmung neigt. SPRECHERIN Und daraus kann sich eine regelrechte Abwärtsspirale entwickeln, in der sich negative Erfahrungen und Erinnerungen dauerhaft selbst verstärken, erklärt Lars Schwabe: TAKE 12 (O-Ton Schwabe) L: 0, 31 Das heißt, dass wir erfahrungsbasiert bestimmte Schemata ausbilden, die Erwartungen widerspiegeln, was in einer bestimmten Situation vorhanden sein sollte. Und das leitet dann auch unsere Wahrnehmung und unsere Gedächtnisbildung, dass wir genau schauen, was sind die Aspekte, die bestimmte Situationen voneinander abgrenzen und was sind bestimmte Merkmale, die eigentlich überall da sind und das natürlich auch hilft für ein effizientere Gedächtnisabspeicherung. SPRECHERIN Im Alltag sprechen wir oft von einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung, wenn Menschen vor einem Prüfungstermin, der Führerscheinprüfung oder dem Bewerbungsgespräch mutmaßen, „das wird sowieso nichts” oder „ich kann das nicht”. Damit meinen wir, dass jede und jeder unbewusst oder bewusst durch das Verhalten mit dazu beiträgt, wie bestimmte Situationen sich entwickeln. Und tatsächlich existiert eine solcher Mechanismus. In Experimenten konnten Forschende nachweisen, dass negative Erlebnisse eine pessimistische Grundhaltung befördern und diese dann wiederum dazu führt, negative Erlebnisse zu begünstigen. Aber, ganz entscheidend in diesem Zusammenhang: Negative Erlebnisse werden dadurch nicht verursacht! MUSIK SPRECHERIN Und noch ein wichtiger Unterschied: Negatives Erlebnis und negatives Erlebnis sind auf keinen Fall identisch. Krieg, Vergewaltigung und Folter sind selbstverständlich unter keinen Umständen zu vergleichen mit anderen Erfahrungen, die wir im Alltag oft als negativ wahrnehmen, wie beispielsweise einer ungerechten Kündigung. Dennoch gehen Menschen mit diesen unterschiedlich belastenden Erfahrungen sehr verschieden um. Und das liegt daran, dass nicht die objektive Schwere einer Situation dafür verantwortlich ist, sondern der Umgang des Individuums damit, erklärt Dr. Marlies Pinnow, Psychologin an der Ruhr-Universität in Bochum: TAKE 13 (O-Ton Pinnow) L: 0, 39 Im Falle einer negativen Emotion … Angst, Trauer, Wut, kommt es ja in der Regel zu einer Coping Reaktion, also sie müssen das irgendwie bewältigen … Davon ist es ja abhängig, wie ich diese Erfahrung verbuche. Die kann ich erfolgreich bewältigen, lerne dadurch noch etwas … oder aber ich bewältige die nicht erfolgreich. Und das sind ja häufig Leute, die wir dann in der Praxis in den Therapien sehen. Die mit irgendeiner Situation i…

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    Das Fenster - Geschichte mit Durchblick Mar 05, 2025
    Show notes

    Fenster gelten als Auge eines Hauses. Sie schaffen eine Verbindung zwischen innen und außen, ermöglichen Aus- und Einblicke. Durch die Jahrhunderte haben sie ihre Form stetig gewandelt, genauso wie das Leben in den Räumen hinter den Fenstern Veränderungen unterlag. Von Susanne Hofmann (BR 2023) CreditsAutorin dieser Folge: Susanne HofmannRegie: Kirsten BöttcherEs sprachen: Johannes Hitzelberger, Rahel Comtesse, Stefan Merki, Gudrun SkupinTechnik: Adele MeßmerRedaktion: Nicole Ruchlak Im Interview:Dr. Wenderoth, Fachreferent für Bautechnik am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege;Dr. Barbara Perfahl, Wohnpsychologin Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Wohntürme und Wolkenkratzer - Als die Häuser immer höher wurdenJETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATOR Der Plan, das neue Rathaus nicht viereckig, sondern dreieckig zu bauen, stammte vom Schweinehirten. „Die Idee wird Schilda berühmter machen als Pisa mit seinem schiefen Turm!“, sagte er. ERZÄHLERIN Und so machten sich die Schildbürger an die Arbeit, errichteten drei Mauern und setzten ein Dach darauf. Bei der feierlichen Einweihung wollten die Bürger voller Stolz das neue Gebäude erkunden. ZITATOR Doch sie waren noch nicht auf der Treppe, da purzelten sie auch schon durcheinander und schimpften wie die Rohrspatzen. Da erst dämmerte es den Schildbürgern: „In unserem Rathaus ist es finster!“ Sie hatten doch tatsächlich die Fenster vergessen. ATMO FENSTER zu + ATMO Fenster putzen ERZÄHLERIN Was für uns heute ein, inzwischen sprichwörtlicher, Schildbürgerstreich ist, war für unsere Vorfahren über viele Jahrtausende noch Normalität: Gebäude ohne Fenster: Finster, muffig, höhlenartig muss sich das angefühlt haben. Und dann, irgendwann, kam das Fenster. Musik 2: Glass house - 58 sek ERZÄHLER Fenster – von lateinisch fenestra – bezeichnet eine Maueröffnung in einem Haus zur Belichtung und Belüftung von Innenräumen. Seit dem 8. Jahrhundert gehört das Wort Fenster zum deutschen Wortschatz. Wohnen ohne Fenster ist für uns unvorstellbar. Das bloße Dach über dem Kopf reicht nach heutigen Begriffen höchstens zum Hausen aus, nicht aber, um sich auch zuhause zu fühlen. Die österreichische Wohnpsychologin Dr. Barbara Perfahl befasst sich seit vielen Jahren mit Architektur und damit, wie Räume – und Fenster - wirken. 1. ZUSPIELUNG Perfahl 1:35 „Fenster spielen beim Wohnen und beim Einrichten eine ganz große Rolle und vor allem bei der Frage, wie wohl sich Menschen in Räumen fühlen. Ursprünglich sind Fenster ja einfach in Häuser geschnitten worden, sozusagen um Licht rein und ganz zu Beginn den Rauch rauszulassen. Und einen Sicherheitsaspekt hatte das auch noch. Man hat sich aus dem Haus heraus verteidigt, durch Fensterschlitze zum Beispiel. Aber im heutigen Wohnen spielt es eine ganz große Rolle: Die meisten Menschen suchen beim Wohnen Licht, je heller Wohnungen sind, desto wertiger und angenehmer werden sie wahrgenommen.“ Musik 4: Liz on top of the world –35 Sek ERZÄHLER Die Villa mit Panoramafenstern und entsprechend lichtdurchfluteten Räumen ist für viele der Inbegriff luxuriösen Wohnens. Idealerweise befindet sich das Haus in unbebauter Umgebung und erlaubt den Blick ins Grüne. Dass wir das als angenehm empfinden, hängt womöglich damit zusammen, so Wohnpsychologin Barbara Perfahl, 2. ZUSPIELUNG Perfahl 3:45 „dass der Mensch in unseren Breitengraden seit etwa 16 Generationen erst überwiegend sich in gebauten Räumen aufhält. Also das heißt, vor wenigen hundert Jahren war unser Lebensraum eigentlich das Draußen. … an und für sich sind wir als Menschen Geschöpfe des Draußen, darauf sind wir auch programmiert. Und deshalb suchen wir das auch im Drinnen.“ ERZÄHLERIN Fenster schaffen eine Verbindung zwischen innen und außen. Sie schirmen uns – zumindest in ihrer heutigen Form mithilfe von isolierenden Glasscheiben – vor widrigem Wetter und ungemütlichen Temperaturen ab und gewähren zugleich einen Blick ins Freie. Barbara Perfahl: 3. ZUSPIELUNG Perfahl 4.42 „Wir wollen uns die Natur auch reinholen. … Wir können uns besser konzentrieren, wenn wir einen Arbeitsplatz an einem Fenster haben, von dem aus wir ins Grüne schauen können, als wenn wir einen Arbeitsplatz haben, wo wir nicht so ein Fenster haben.“ ERZÄHLER Der Schutz vor der Natur bei gleichzeitig größtmöglicher Nähe zur Natur scheint ein natürliches Bedürfnis zu sein. Die meisten von uns suchen in unserer Wohnung oder unserem Haus auch Erholung. 4. ZUSPIELUNG Perfahl 6.56 „Das heißt, wir brauchen diesen sicheren Rückzugsraum, um unsere Akkus wieder aufzuladen, um zur Ruhe zu kommen, um wieder aufzutanken. Und da brauchen wir es angenehm, gemütlich, schön. Und da gehört eben Licht, Helligkeit dazu, aber auch die Möglichkeit, zum Beispiel rauszugucken ins Grüne oder in den Himmel oder einfach an die Straße lang, also das zu steuern zu können, wie viel vom Außen ich sehe, das ist schon ein Aspekt auch von diesem Erholtseinkönnen.“ ERZÄHLERIN Licht hebt die Stimmung, stärkt das Immunsystem, und wir brauchen es in vielerlei Hinsicht, zunächst einmal aus einem ganz praktischen Grund: Damit wir sehen, was wir tun. 5. ZUSPIELUNG Perfahl 2:40 „Wir haben ja jetzt ganz tolles, künstliches Licht, aber vor ein paar hundert Jahren hatten wir funzelige Kerzen gehabt und dort seine Arbeit verrichtet. Aber wir brauchen natürlich als Menschen auch Licht zur Steuerung unserer Körperfunktionen, Tag-Nacht-Rhythmus, Vitamin D-Bildung und solche Dinge, also wir brauchen Licht, um gesund zu bleiben. Und jetzt kann man in die Natur rausgehen, da hat man dann die Sonne, hat das Licht, aber man wollte schon relativ früh, im Grunde in dem Moment, wo man sich Häuser gebaut hat, das Licht möglichst auch drin haben.“ ERZÄHLER Doch der Blick zurück in die Vergangenheit zeigt: Fenster, die diese Funktion erfüllen, gibt es menschheitsgeschichtlich gesehen noch gar nicht so lange. Musik 4: Mystique – 35 sek ERZÄHLERIN Als sich vor 10-12.000 Jahren erste Gemeinschaften an einem Ort niederließen und begannen, Häuser aus Stein zu bauen, war das noch eine finstere Angelegenheit. Denn Fenster besaßen diese ersten Häuser noch nicht. Maximal hatte man kleine Löcher in der Wand oder im Dach, um den Rauch des Feuers entweichen lassen zu können, an dem man sich wärmte und Essen kochte. Unpraktische Nebenwirkung: Auch kalte Luft und Feuchtigkeit drangen durch die Löcher ungehindert ins Innere. Musik aus ERZÄHLER Später behalf man sich mit in Öl getauchten Tierhäuten, die man vor die Lüftungsschlitze hängte. So wurden Wind und Regen abgewehrt und es schimmerte zumindest eine Ahnung von Licht hindurch. In Gebrauch kamen außerdem Holzläden vor den Maueröffnungen, die man öffnen und schließen konnte. Die Wohnpsychologin Barbara Perfahl: 6. ZUSPIELUNG Perfahl 5:59 „Wir brauchen … ein Territorium, das uns gehört, wo keine Fremden reinkommen können, wo wir auch aber Schutz vor Einblicken zum Beispiel haben, also Privatsphäre gehört da ja auch dazu. Das heißt Fenster wären vor dem Sicherheitsaspekt betrachtet, eigentlich kleiner, besser: Je kleiner, desto weniger kann man reingucken.“ Musik 5: Historic Secrets (b) - 44 Sek ERZÄHLERIN Im meist heißen und trockenen Ägypten rund 1100 Jahre vor Christus wollte man sich vor allem vor der sengenden Hitze der Sonne schützen. Die Häuser der alten Ägypter muss man sich als einfache rechteckige Kästen vorstellen, erbaut aus Lehmziegeln. Der Wohnbereich, in dem man sich meistens aufhielt, befand sich ganz im Inneren des Hauses, umringt von kleineren Kammern. Man versuchte dadurch, die Hitze von draußen mit mehreren Mauern abzuschirmen. Diese Häuser nennt man auch Schneckenhäuser. Sie öffneten sich für gewöhnlich auf einen Hof, der oft überdacht war und auf dem man die meisten Arbeiten verrichtete. Musik aus ERZÄHLER Zur Belüftung des Hauses dienten Schlitzfenster. Sie befanden sich ganz oben in den Räumen auf der sonnenabgewandten Seite. Ebenso wie die Eingangstüren, die sich in der Regel nach Norden öffneten, um den kühlenden Nordwind einzulassen. Vor den Schlitzfenstern wurden zum Teil auch Vorhänge aus Papyrus befestigt. Diese sollten ebenfalls vor der Sonneneinstrahlung schützen. Auch dünn geschliffene Scheiben aus Alabaster sind verbürgt. Alabaster, eine Art Gips, wirkt aufgrund seiner weißen Farbe und seiner transparenten Beschaffenheit ähnlich wie Milchglas. Im Inneren der Häuser herrschte also Dämmerlicht. Auch reich verzierte Fenstergitter aus Sandstein, die man zum Schutz der Privatsphäre anbrachte, verdunkelten die Räume. Weil sich die Häuser trotzdem im Laufe des Tages aufheizten, bespritzten die Menschen ihre Böden mit Wasser, das in Krügen dafür bereitstand. Die Verdunstung sorgte für ein wenig Kühlung. Abkühlung suchten auch die alten Römer in der Antike. Wie sie lebten, interessierte schon den Universalgelehrten Johann Wolfgang von Goethe: Musik 6: Dr. Mabus – 1:05 Minuten ZITATOR (Goethe) Neapel, den 13. März 1787 Es ist viel Unheil in der Welt geschehen, aber wenig, das den Nachkommen so viel Freude gemacht hätte. Ich weiß nicht leicht etwas Interessanteres. ERZÄHLERIN Goethe auf seiner Italienischen Reise nach dem Besuch der antiken Stadt Pompeij am Golf von Neapel. Sie wurde 79 vor Christus nach dem Ausbruch des Vesuvs verschüttet und blieb unter der Vulkanasche großenteils erhalten. Pompeji ist also ein Glücksfall für Archäologen. Die Stadt bietet einen Einblick in den Alltag und die Wohnverhältnisse der Menschen damals. Goethe war fasziniert: ZITATOR (Goethe) Pompeji setzt jedermann wegen seiner Enge und Kleinheit in Verwunderung. Schmale Straßen, obgleich grade und an der Seite mit Schrittplatten versehen, kleine Häuser ohne Fenster, aus den Höfen und offenen Galerien die Zimmer nur durch die Türen erleuchtet. ERZÄHLER Nicht alle Häuser der alten Römer waren fensterlos. Insbesondere die Häuser wohlhabender Bewohner hatten Fenster zum Garten oder zum Hof hin, noch ohne Verglasung allerdings. Viele Häuser erhielten ihr Licht von oben, durch eine Dachöffnung. Die großen Stadthäuser besaßen aber auch Fenster zur Straße. Straßenatmo/Stimmengewirr/Wagengeräusche ERZÄHLERIN Die Stadt Rom war zur Kaiserzeit eine pulsierende Metropole mit über einer Million Einwohnern und aufgrund des steten Zuzugs bald hoffnungslos übervölkert. Die meisten Menschen lebten in winzigen Wohnungen oder Zimmern in mehrstöckigen Häuserblocks. Darin war es stickig und beengt, wie der Dichter Martial im 1. Jahrhundert nach Christus in etlichen Epigrammen beklagte. ZITATOR Martial „Ich lebe in einer kleinen Zelle, mit nur einem Fenster, das nicht einmal richtig passt. Boreas selbst, der Nordwind, möchte hier nicht hausen.“ ERZÄHLER Das Leben spielte sich großenteils vor der Haustür ab, in Geschäften, Lokalen und öffentlichen Bädern. Nach Hause kamen die Römer vor allem zum Schlafen. Der Lärm, der von der Straße an die Fenster drang, muss beträchtlich gewesen sein: Wagen rumpelten über das Pflaster, Menschenmassen drängten sich durch die Gassen, Händler priesen ihre Ware an, Viehtreiber brüllten und Lehrer unterrichteten im Freien lautstark ihre Schüler. Ruhe in der Stadt zu finden – ein Ding der Unmöglichkeit, urteilte der römische Satirenschreiber Juvenal: ZITATOR Juvenal „Fragst du, woran hier die Mehrzahl dahinstirbt? Mangel des Schlafes Ist’s; denn welche gemiethete Wohnung lässt hier die Ruh zu? Nur der Reiche und Vornehme kann des Schlafes sich freuen; Das ist die Quelle der Krankheit; das Rasseln der Karren und Wagen In dem engen Gewirre der Gassen, das Fluchen und Schimpfen, das der Fuhrmann erhebt, wenn sein Vieh muss stehen.“ Straßenatmos weg + Fenster zu + Atmo Regen prasselt gegen Fenster ERZÄHLERIN Lärmreduzierendes Fensterglas entwickelten die Römer kurz nach Christi Geburt. Eine bahnbrechende Erfindung: Dank Glasscheibe können nun Wind und Wetter nach draußen verbannt werden, während das Licht ins Gebäude gelassen wird. Das Fensterglas kommt gerade rechtzeitig für die Eroberungsfeldzüge der Römer über die Alpen in den kühleren Norden. Nur dank Glasfenstern waren auch andere zivilisatorische Exporte der Römer in kältere Regionen überhaupt sinnvoll nutzbar – beispielsweise Fußbodenheizungen oder Thermen. Atmo Therme + Wassergeplätscher… ERZÄHLER Hier, in ihren Badeanlagen, setzten die Römer wohl ihre ersten Glasfenster ein. Und zwar nach Süd-Westen ausgerichtet, so dass die Becken zu den Badezeiten zwischen Mittag und Abend die volle Sonne abbekamen und sich die Räume dadurch aufheizen konnten. Eines der ältesten erhaltenen verglasten Fenster stammt aus der Forumstherme in Pompeji: Eine etwa handtellergroße runde Scheibe in einem Bronzerahmen. ERZÄHLERIN Fensterglas, das noch über viele Jahrhunderte ein Luxusgut war, wurde nur in öffentlichen Gebäuden und in den Palästen der Reichen eingebaut. Die frühen Fensterscheiben muss man sich auch noch recht klein vorstellen, sie maßen in der Regel höchstens 20 mal 30 Zentimeter. Außerdem war das Glas matt, uneben und noch lange nicht so durchsichtig, wie wir es heute kennen. Hergestellt wurde es aus einer Mischung von Buchenholzasche und Sand, die man bei rund 1500 Grad Celsius miteinander verschmolz. Vermutlich wurde dieses frühe Fensterglas geblasen, aus der Glaskugel ein Zylinder geformt, welcher schließlich geteilt und ausgerollt wurde. Die Reste wurden wieder eingeschmolzen. Ein äußerst aufwändiger Prozess. Musik 7: Virgo Virginum – 41 Sek ERZÄHLER Aus der Not des kleinen Formats machte man in der Gotik, also ab Mitte des 13. Jahrhunderts, eine Tugend. Man färbte das Glas bunt – unter anderem unter Beifügung von geringen Mengen Gold und Chrom – und setzte es mittels Bleifassungen zu Bildern zusammen. In den gotischen Kathedralen prangen seither prächtige, vielfarbige Glasfenster. Eines der größten ziert die Kathedrale von Metz: Es misst 6.500 Quadratmeter, ist also fast so groß wie ein Fußballfeld, und zeigt unter anderem verschiedene Marienbildnisse. Atmo – Tür knarzt – Archiv 7. ZUSPIELUNG 1.20 Thomas Wenderoth „Hier stehen wir in einem unserer Haupträume. Sie sehen, wenn Sie jetzt um sich schauen, auf der rechten Seite eben eine große Anzahl von Fenstern…Die kommen aus dem gesamten bayerischen Bereich.“ ERZÄHLERIN Der Denkmalschützer Dr. Thomas Wenderoth, Fachreferent für Bautechnik am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, überblickt eine Sammlung von rund 200 historischen Fenstern, verstaut unter dem Dach des ehemaligen Klosters Thierhaupten. Sie alle haben einen hölzernen Rahmen, die meisten besitzen Glasscheiben, viele davon mehrmals unterteilt. Auch Butzenscheiben sind dabei sowie runde oder sechseckige Fensterscheiben. ERZÄHLER Das älteste Fenster im Fundus stammt aus einer Kirche aus dem 12. Jahrhundert – ein übermannsgroßer klobiger Holzrahmen, oben gerundet – und ohne Fensterglas. Ein derart altes Fenster ist eine Rarität, die meisten Fenster aus der Zeit wurden entsorgt. Denn im 15. Jahrhundert führte ein Innovationsschub in der Glasproduktion dazu, dass Glas erschwinglicher wurde. Und mit der Verfügbarkeit stiegen die Ansprüche. Man brach größere Öffnungen in die Fassaden, die alten glaslosen oder kleinen Fenster wurden ersetzt und verschwanden meist spurlos. 8. ZUSPIELUNG 3.26 Thomas Wenderoth „Also man kann rundweg sagen: Ab 1500 ist das Glas allgemein gebräuchlich - egal, ob wir jetzt eine ländliche, bäuerliche Situation haben oder einen herrschaftlichen Bau, und je nach Gattung und Geldbeutel des Bauherrn finden wir natürlich früher Glasfenster und bei ärmeren Personenkreisen eben später.“ Musik 8: Gespenstische Nacht – 51 Sek ERZÄHLERIN Bis 1500 besaßen die meisten Wohnhäuser hierzulande also keine Glasfenster, sondern Wandöffnungen, die mit hölzernen Fensterläden, Leder oder Tüchern verschlossen wurden. Diese Fenster dienten vor allem der Lüftung. Das war wohl auch nötig,…

    Full show notes at the publisher

    Dario Fo - der Harlekin im Welttheater Mar 04, 2025
    Show notes

    Dario Fo: Ein Narr, ein Komödiant, ein Schelm wollte er sein. Er selbst sah sich wohl am liebsten in der Rolle seines Lebens, die er sich auf den Leib geschrieben hatte: die des Harlekins, des Gauklers. Von Martin Trauner (BR 2020)

    Credits
    Autor dieser Folge: Martin Trauner
    Regie: Martin Trauner
    Es sprachen: Xenia Tiling, Burchard Dabinnus, Friedrich Schloffer
    Technik: Josuel Theegarten
    Redaktion: Petra Herrmann-Boeck


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    Die Politik der Landkarten - Über Macht und Größenverhältnisse Mar 04, 2025
    Show notes

    Landkarten - Bilden sie unsere Welt ab? Oder gestalten sie sie? Karten sind nützlich, aber limitiert. Ihre Entstehung ist Ausdruck von Macht, Geld und Zugang zu Bildung. Deswegen ist es sinnvoll zu wissen, welche Geschichte hinter Karten steckt - und welches Potential. Von Julia Fritzsche (BR 2023)

    Credits
    Autorin dieser Folge: Julia Fritzsche
    Regie: Christiane Klenz
    Es sprachen: Xenia Tiling
    Technik: Anja Beusterien
    Redaktion: Nicole Ruchlak

    Im Interview:

    Prof. Boris Michel, Institut für Geowissenschaften und Geographie, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg;
    Dr. Katrin Singer, Arbeitsgruppe Kritische Geographien globaler Ungleichheiten, Universität Hamburg

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    Längen- und Breitengrade - Die Vermessung der Welt
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    Literaturtipps:

    Kollektiv Orangotango (Hg.), „This is not an Atlas“.

    Ute Schneider, „Die Macht der Karten- Eine Geschichte der Kartographie vom Mittelalter bis heute“.

    Finn Dammann, Boris Michel (Hg.), „Handbuch Kritisches Kartieren“.

    Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

    Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast
    Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.
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    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.


    Wildnis als Kulturgut - Der Trend des Unberührten Mar 03, 2025
    Show notes

    Stets stand Wildnis im Gegensatz zu Kultur und Zivilisation: Kultur war dort, wo die Wildnis überwunden war. Das Wilde galt als chaotisch, gefährlich, bedrohlich. Heute hat Wildnis wieder Hochkonjunktur. Von Geseko von Lüpke (BR 2015) CreditsAutor dieser Folge: Geseko von LüpkeRegie: Irene SchuckEs sprachen: Christian Baumann, Katja Amberger, Carsten FabianTechnik: Andreas LuckeRedaktion: Bernhard Kastner Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Zivilisation!: Straßen, Telefonmasten und vorbeiflitzende Autos, Werbeplakate und Radiogeplärre, Handyklingeln, Hochhäuser, Leitplanken. Planung und Kontrolle. Berge von Daten, die sich aus Medien und Computern im Sekundentakt über uns ergießen, schlagende Bässe aus Lautsprecheranlagen, das Röhren tief fliegender Passagier-Jets, das Jaulen einer Polizeisirene. Überall Geräusche, Worte, Zeichen und Symbole. ATMO 2: (brechende Wellen, Urwald-Geräusche, Wolfgeheul, Nacht im Wald) Musik Michael Riessler – Episode 2 SPRECHERIN Wildnis!: Geräusche von ewig rollenden Wellenbergen, Wind in den Bäumen, Klänge der Nacht im Wald, das archaische Bellen des Rehbocks, der Ruf des Käuzchens. Der Geist nimmt in tiefen Zügen ein Orchester von Eindrücken, von Kräften und Systemen wahr und in sich auf: Sterben und Wiedergeburt rundherum, ein Versprechen von Überraschung, vom Einbruch des Unerwartetem. Empfindungen, die sich den Worten entziehen und eher mit musikalischen Metaphern zu begreifen sind: unhörbare Orchester, in denen alles irgendwie 'richtig' klingt. Töne, die in unserer Psyche widerklingen. Musik aus SPRECHERIN Wir stehen der Natur gegenüber. Und sind selbst aus Natur gemacht. Das Verhältnis des Menschen zur Wildnis ist zutiefst ambivalent, von Widersprüchen durchzogen. Voller Romantik und Heiligkeit einerseits, geprägt von Angst und Furcht andererseits, verwoben mit allen Phasen der menschlichen Kulturgeschichte: Vom Jäger und Sammler, zum Ackerbauern und Hirten, Landnehmer und Kolonisatoren, bis zum modernen Menschen, der sehnsüchtig auf eine vergangene wilde Welt schaut und in den Ferien in die ‚letzten Paradiese‘ fliegt. Der inzwischen verstorbene Biologe, Ethiker und Philosoph Günther Altner hat diesen Zwiespalt so ausgedrückt: ZUSPIELUNG Wort 1 (101) Der Mensch lebt in, mit und gegen die Natur und er ist selber auch Natur. Im Wissen auf diese vielfältigen Züge gibt es natürlich verschiedene Verhältnisse, die gestaltet werden können. Es gibt die Möglichkeit eines möglichen Einklangs, eines möglichen Miteinanderlaufens von natürlicher Regenerativität und menschlichen Nutzungsinteressen. Es gibt die Einstellung der Naturvergessenheit, wo wir aus der Kurzfristigkeit menschlicher Nutzungsinteressen der Natur zu viel zumuten. Das wäre also gegenüber dem symbiontischen System gewissermaßen das ausbeuterische System. Und dazwischen liegen natürlich noch sehr verschiedene andere Varianten. Musik Boscaglia SPRECHER Wildnis hat Hochkonjunktur. Während die letzten Grünflächen versiegelt werden und Google Earth die verborgendsten Landschaften auf den heimischen Bildschirm zaubert, ist ‚die Wildnis‘ längst zur Ware geworden. Treckingläden bieten hoch technisierte Ausrüstung an, Sachbücher thematisieren ‚Wolfsfrauen‘ und ‚wilde Männer‘, Romane erzählen Geschichten auf den Spuren von Robinson und Winnetou. Und auf die letzten scheinbar unberührten Flecken zwischen Nord- und Südpol hat für die ganz Mutigen ein Wettlauf der Touristikunternehmen eingesetzt: Zahllose Urlaubsprospekte bieten Wildnistrips und Abenteuerreisen ‚in die letzten Paradiese‘ an. SPRECHERIN Dabei gibt es diese ‚letzten Paradiese‘ eigentlich gar nicht mehr. Musik aus Nicht nur ist alles vermessen, sind alle Bodenschätze kartografiert, nahezu alle Kulturen, Pflanzen und Tiere entdeckt und benannt - das einstmals Unbekannte ist jedem verfügbar. ‚Wildnis‘ als das ‚Unberührte‘, ‚Ursprüngliche‘ ist auch nur noch in unseren Köpfen existent. Seit das Pflanzenschutzmittel DDT auch im pazifischen Tahiti Spuren hinterlassen hat und der Gummiabrieb unser Autoreifen, erfasst von Winden, wie ein feiner schwarzer Schnee über Grönland herabrieselt und in Folge mitverantwortlich dafür ist, dass der Eisschild schmilzt, ist die Zivilisation und ihre Hinterlassenschaft überall präsent. Ursprüngliche Wildnis gibt es nicht mehr, sagt Sabine Hofmeister, Professorin für Umweltplanung an der Universität Lüneburg. Sie spricht von der ‚Zweiten Wildnis‘: ZUSPIELUNG Wort 2 IIB010) Wir sind inzwischen soweit, dass wir das Klima verändert haben und damit quasi global Natur mitgestalten. Und wir haben Stoffe in die Natur entlassen, die auch an jedem Ort der Welt und in jedem Organismus wiederzufinden sind. Wir glauben, die Natur gebändigt und domestiziert zu haben und genau das Gegenteil passiert. In allem was wir tun, stellen wir zum einen das Produkt her, was wir herstellen wollen. Indem wir Zahnpasta produzieren, produzieren wir nicht nur Zahnpasta, sondern gleichzeitig Stoffe, die sich in Pinguinen einlagern. Oder wir verändern das Klima, indem wir Energie verbrauchen. Dieses Nebenprodukt wird zu etwas, was eben ganz ungebändigt uns wieder gegenübertritt. Aber jetzt nicht mehr als Wildnis der ersten Kategorie, sondern - ich habe es genannt – „die zweite Wildnis“, die Binnenwildnis, die längst drinnen ist, uns aber wie die erste erscheint. Und uns in Form von ökologischen Katastrophen gegenübertritt. Und diese Natur bildet eine Wildheit aus, die der ersten Kategorie in nichts nachsteht, die möglicherweise sogar an Schrecken sehr viel größer sein kann, weil sie eben so unverstanden ist. Musik Bill Laswell – Into the Void ATMO 3 (Donner, Starkregen, reißender Fluss) SPRECHER Es scheint tatsächlich so, als ob die moderne Zivilisation noch nicht verstanden hat, was sie tagtäglich erschafft. Als hätte sie vergessen, wie sie mit der Natur zusammenhängt. Als wären die kulturellen Schichten der Zivilisationsgeschichte noch nicht reflektiert. Als würde der Mensch, als angemaßter Beherrscher und Kontrolleur der wilden Natur, aus der er stammt, wie Goethes ‚Zauberlehrling‘, die Kräfte, die er rief, nicht wieder los. Musik aus Musik Argo‘s Voyage SPRECHERIN Um das Phänomen ‚Wildnis‘ zu verstehen und neu zu interpretieren, muss weit in die Kulturgeschichte zurückgegriffen werden. Vielleicht bis in die Anfänge des Menschseins, wo unsere Vorfahren in kleinen Lichtungen einer endlosen wilden Natur lebten, die sie mal als beschenkende, mal als grausam strenge Mutter verehrten. Wo sie mit der Wildnis um ihre Lebensgrundlage kämpften, die selbst ihre Lebensgrundlage war. Da war Natur nichts Besonderes und ‚Wildnis‘ als Kategorie, nicht vorhanden, weil sie überall war. Da war die Erde wie ein Mythos, wie eine größere Wahrheit, in der der Mensch lebte wie der Fötus in der Plazenta. Musik aus Der kanadische Medizinmann David Archie vom Stamm der Salish beschreibt die Sichtweise indigener Kulturen auf das ‚wilde Land‘: ZUSPIELUNG Wort 3 (1/14:40) Earth is our mother. If earth gives us, everything we need …. ENGL. O-TON MIT OVERVOICE Die Erde ist unsere Mutter. Und da sie uns alles gibt, was wir zum Leben brauchen – Nahrung und Wasser und Luft und ein Zuhause – geht es in allem darum, die Mutter zu respektieren. Wenn wir in die Schwitzhütte gehen, schlüpfen wir zurück in den Bauch von Mutter Erde, um Verbindung mit ihr und dem Schöpfer aufzunehmen. Alles geschieht seit dem Anfang der Zeit in dieser Verbundenheit: Jagen, Fischen, Nahrung sammeln. Mutter Erde hält all das für uns bereit – und sorgt für unser Wohlergehen sowohl physisch wie auch spirituell! …. physically and spiritually. Musik Loss SPRECHER Aufgabe der Kultur war es in den frühen menschlichen Gesellschaften also, mit Ritualen und Zeremonien die Verbundenheit mit dem größeren Ganzen zu pflegen und zu erneuern. Die Welt war wild und groß und unbeherrschbar und der Mensch ein Teil von ihr. Die Spaltung zwischen Mensch und Wildnis begann wohl mit den ersten festen Siedlungen vor 7.000 Jahren. Aus den ersten bäuerlichen Inseln in der primären Wildnis wurden über die Jahrtausende der Zivilisation feste Dörfer und Städte. Wildnis wurde nach und nach in Agrarland umgeformt, der Abschied von der ‚ersten Wildnis‘ begann vor 4.000 Jahren und zog sich bis ins Mittelalter. Musik aus Musik Weg wart für Laute solo SPRECHERIN Mit Burgen, Stadt- und Klostermauern grenzten sich menschliche Gemeinschaften von der zunehmend als Bedrohung empfundenen Wildnis ab. Hier wohnten die nichtsesshaften ‚wilden Menschen‘ der Märchen und Sagen, die Vogelfreien, deren Mut und Authentizität in Geschichten zwar besungen wurden, vor denen man sich aber schützen musste, wie vor der unberechenbaren Natur. Musik aus Musik Regina coelorum für Männerstimmen Kontrolle durch Kolonisation lautete die Devise der sich ausbreitenden Zivilisation. Die Kirche spielte dabei eine wichtige Rolle und schuf ein Modell der Landnahme und Zerstörung von Wildnis, dass später auch die Eroberung der III. Welt prägte, so der Religionswissenschaftler Michael v. Brück. Musik aus ZUSPIELUNG Wort 4 (3/12:12) Die Benediktiner sind ja diejenigen, die das ‚ora et labora’ haben und die dann in ihrer reformierten Gestalt als Zisterzienser im gesamten Mittelalter nicht nur die Missionierung, sondern auch die Kultivierung Europas vorangetrieben haben. Also das, was dort Waldwildnis war, urbanisiert haben, bzw. zunächst mal gerodet haben, Felder bestellt haben und die ganzen Weiten Mitteleuropas Richtung Osten eigentlich urbar gemacht haben. Da ist ein Umbruch, da ist ein anderes Verhältnis zur Wildnis da, als wir es in der Frühzeit des Christentums hatten. SPRECHER In einem etwa 250 Jahre alten Lexikon der Frühaufklärung ist ‚Wildnis‘ als die Wohnstätte des Wildes definiert ... ZITATOR „Wohlanständige Sittsamkeit kann dort keine Wohnung aufschlagen“ SPRECHER ... Wildnis bezeichnet also das Amoralische, Gefahrvolle, Unbehauste, die Natur als Katastrophe, die es abzuwenden galt. Der bedrohlichen Wildnis stand die gefahrlose, heimische Kulturlandschaft gegenüber. Wildnis galt dem Klerus gar als sündig, als Wohnstätte des Teufels und wurde unter dem Schlagwort ‚opus contra naturam‘ dämonisiert – und weiter vernichtet. In der Aufklärung und beginnenden Industrialisierung entstehen anstelle der mitteleuropäischen Wälder kahle, gerodete Heidelandschaften. In der verwüsteten Landschaft wurden Parks und Gärten angelegt, Aufforstungsprogramme schufen die Grundlage für die heutigen Fichten und Kiefernwälder. Gezirkelte Gartenlandschaften unterstrichen den Anspruch absoluter Kontrolle. SPRECHERIN Das Bild, was ‚Wildnis‘ ist, veränderte sich über die Jahrhunderte also mehrfach. Aus einem Meer von Wildnis wurden kleine Inseln, die irgendwann zu Naturparks ernannt wurden. Aus einer tiefen Verbundenheit mit der unkontrollierbaren Welt verabschiedete sich die moderne Zivilisation: Die Spaltung zwischen Mensch und Natur, das Gefühl der Abtrennung vom Wilden wurde zur Basis der westlichen Kultur – die eben dort war, wo Wildnis überwunden, ausgegrenzt und erfolgreich besiegt worden war. Die Wildnis war das ‚Andere‘, das ‚Fremde‘, das ‚Triebhafte‘, das ‚Unfertige‘. Und das Ausgegrenzte sagt Rolf Haubl, Professor für Sozialpsychologie in Frankfurt …: ZUSPIELUNG Wort 5 (IIA 086) Dieses Ausgeschlossene oder Verdrängte erzeugt im Grunde genommen zwei gegenteilige Reaktionen: Die eine ist, es ausgeschlossen zu lassen und das Ausgeschlossene als bedrohlich zu empfinden. Aber gleichzeitig ist das, was ausgeschlossen ist, auch das, was fasziniert, was dazu führt, dass wir Sehnsüchte danach entwickeln, das Ausgeschlossene kennenzulernen. (II A 093) .... Dann denke ich, ist das Ausgeschlossene ein Stück weit die Auseinandersetzung mit der eigenen Natur, die sich widerspiegelt in der Art und Weise, wie wir mit äußerer Natur umgehen. Insofern wäre Auseinandersetzung mit dem Ausgeschlossenen, also der ‚inneren Wildnis‘ eine Voraussetzung dafür, mit der äußeren Wildnis mit größerer Akzeptanz umzugehen. SPRECHER Denn die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation hatte sich längst auch in den Bereich der psychischen Innenwelt des Menschen verlagert. Kultur bedeutete Affektkontrolle und Körperdisziplin. Sigmund Freud hat die innere Wildnis das „Es“ genannt und seine Kontrolle und Unterwerfung durch die Ordnungsmacht des ‚Ich‘ nicht zufällig mit Sinnbildern belegt, die aus dem Bereich der Flurbereinigung, Domestizierung, und Landnahme kommen. ZITATOR Es ist der dunkle unzugängliche Teil unserer Persönlichkeit, den wir als Kessel brodelnder Erregungen erleben. Das ‚Es‘ ist ein Chaos, hat keine Organisation, bringt keinen Gesamtwillen auf, kennt weder logisches Denken noch Moral. Es ist ein sumpfiges, morastiges Gebiet, das erst durch die Ich-Entwicklung überhaupt urbar wird.“ SPRECHER Der Philosoph und Zivilisationskritiker Norbert Elias bezeichnete den Menschen, der sich dann wider seiner Natur entwickelt, als ‚Homo Clausus‘: ein gegenüber der Umwelt abgeschlossener, in sich verschlossener Mensch, vorwiegend ein Mann, dem innere und äußere Natur gleichermaßen fremd geworden ist. Dieses Menschenbild vermischte sich in der europäischen Kulturgeschichte mit Charles Darwins Evolutionstheorie einer natürlichen Welt, in der sich nur der Stärkste durchsetzt. Musik John Zorn - Engano SPRECHERIN In der deutschen Geschichte des 20.Jahrhunderts floss dieses Denken in Hitlers Faschismus ein. Er glaubte an die „Herrschaft der grausamen Mutter Natur“ und strickte daraus eine Ideologie, in der die angeblich gnadenlosen Gesetze der Wildnis zum Vorbild für einen Kampf Aller gegen Alle wurden. Sieger in diesem Kampf war dann eine diktatorische Herrenrasse, die andere zu ‚Untermenschen‘ erklärte und mit scheinbar ‚natürlichen‘ Recht ihre Vernichtung anordnete. Mit dem Ende seines ‚1.000-jährigen Reiches‘ landete zwar der Faschismus auf dem Müllhaufen der Geschichte, nicht aber die Idee der gnadenlosen Wildnis, der Kontrolle über sie und die Idee der Beherrschung der Natur. Musik aus Musik Green Piece SPRECHER Eine veränderte Auseinandersetzung sollte erst in den 60er Jahren beginnen, als die junge Nachkriegsgeneration das alte Denken abschütteln wollte. Als die Lockerung der allgegenwärtigen Kontrolle zugunsten einer neuen Erlebnisfähigkeit einsetzte, bekam auch die ‚Wildnis‘ einen neuen Wert. Die globale Bedrohung durch die totale Naturbeherrschung führte zur weltweiten Ökologiebewegung und einer Neubewertung des ‚Wilden‘. Die Sehnsucht des naturfernen Menschen nach der elementaren Natur führte zu einer Wiederentdeckung der Urtümlichkeit der unzerstörten Wildheit als Grundlage des Menschseins. Die ‚unberührte Natur‘ wurde zum idealen Ort, zur heilen Utopie – in der menschlichen Psyche, wie in sozialen Bewegungen, sagt der Psychologe Rolf Haubl: Musik aus ZUSPIELUNG Wort 6 (IIA 210) Ich glaube, ein Stück auch der Fitness-Bewegung, aber auch ein Stück der Wilderness-Bewegung ist die Rückkehr zum Körper um die Erfahrung zu machen, dass in der Wildnis konkrete Handgriffe konkrete Folgen haben. Und ich dadurch eine Art neues Bewusstsein meiner eigenen Wirksamkeit erlebe. Und wenn man davon ausgeht, dass das Gefühl der eigenen Wirksamkeit eine ganz zentrale Grundlage für das Selbstwertgefühl ist, dann ist die Entwirklichung von Wirklichkeit auch etwas, was unser Selbstwertgefühl ankratzt. Und der Versuch, in Wildnis-Zusammenhängen die körperliche Kraft wieder als Ursache für Wirkungen zu spüren, ist etwas das darüber dann den Selbstwert wieder aufbaut. SPRECHER In den letzten 30 Jahren wurde ‚Wildnis‘ wieder gesellschaftsfähig. Abenteurer und Überlebenskünstler gelten als moderne Helden; die Tourismusindustrie lockt erfolgreich in die „letzten Paradiese“, eine ganze ‚Outdoor-Industrie‘ deckt die Bedürfnisse moderner Waldläufer, die Erlebnispädagogik preist den Wert der Wildni…

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    Das Rentier - Überlebenskünstler in der Arktis Mar 03, 2025
    Show notes

    Sie prägen das Bild im äußersten Norden Skandinaviens. Die Tiere haben sich im Laufe der Evolution zu wahren Überlebenskünstlern in den extremen Bedingungen der Arktis entwickelt und sind Symbol für die enge Verbindung zwischen den samischen Ureinwohnern und der Natur. Von Andreas Pehl (BR 2024)CreditsAutor dieser Folge: Andreas PehlRegie: Frank HalbachEs sprachen: Katja Amberger, Rahel Comtesse, Andreas NeumannTechnik: Wolfgang Lösch, Laura PicernoRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Gabriela Wagner (Chronobiologin und Rentierforscherin, Tromsø);Rune Normann (Archäologe, Alta);Henrik Gaup (Rentierbesitzer, Tromsø);Inga Ellen Gaup (Lehrerin Rentierwirtschaftsschule, Kautokeino)Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Der Vielfraß - Unerschrockener Marder des NordensJETZT ANHÖREN Der Ochse - Symbol der Güte und BeständigkeitJETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: 01 ATMO 775 Klassenzimmer mit Protagonisten SPRECHERIN Preiselbeerzweige, Birkenblätter, getrockneter Tang, Flechten und Moose liegen auf den Tischen im Klassenzimmer. Bestimmungsbücher werden herumgereicht, Pflanzennamen auf Samisch, Norwegisch und Lateinisch fliegen durch den Raum. 02 O-TON SCHÜLERIN Mari Kare 767b OVERVOICE SCHÜLERIN Mari Kare (schon vorhanden) Wir machen ein Herbarium mit 30 verschiedenen Pflanzen, die Rentiere fressen. Im Sommer fressen sie Kräuter und Flechten. Und Blätter fressen sie das ganze Jahr über. 04 ATMO Unterricht auf samisch SPRECHERIN In Kautokeino, ganz im Norden Norwegens, gibt es eine besondere Schule: die Schule für Rentierwirtschaft. Hier lernen Jugendliche zwischen 16 und 18 Jahren neben Mathematik und Englisch alles rund um ein Tier, das die Region prägt und perfekt an die arktischen Lebensbedingungen angepasst ist: das Rentier. Hier im Norden der skandinavischen Halbinsel leben die Rentiere halbwild. In großen Herden ziehen sie mit ihren Besitzern umher, die wie Mari Kare und Anders Inger meist der indigenen samischen Bevölkerung angehören. 05 O-TON SCHÜLER Anders Inger 759a OVERVOICE SCHÜLER Anders Inger (schon vorhanden) Man wächst mit den Rentieren auf. Du bist von Anfang an mit dabei, mit der Familie, die ganze Zeit, schon als kleines Baby. SPRECHERIN Im Sommer waren Mari Kare, Anders [Andasch] Inger und ihre Klassenkameradinnen in der Tundra und am Strand unterwegs, haben Pflanzen gesammelt und getrocknet. Jetzt geht es darum, sie zu sortieren und zu bestimmen. Lehrerin Inga Ellen Gaup [Gäüp] unterrichtet Rentier-Biologie, Unterrichtssprache ist Nordsamisch, die Sprache der Urbevölkerung hier in Nordskandinavien. 07 O-TON LEHRERIN Inga Ellen Gaup 701 OVERVOICE LEHRERIN Inga Ellen Gaup Heute können wir nicht mehr davon ausgehen, dass die Jugendlichen schon in der Familie alles gelernt haben, was man über Rentierwirtschaft wissen muss. MUSIK „The return of the sun.”; ZEIT: 00:35 SPRECHERIN Die eleganten Tiere mit eindrucksvollem Geweih, kuschligem Fell in verschiedenen Grau- und Brauntönen und großen Rehaugen prägen durch ihre Beweidung die Kulturlandschaft der Finnmark. Seit vielen Jahrtausenden leben Menschen hier als Nomaden von und mit den Rentieren. MUSIK ENDE 08 O-TON LEHRERIN Inga Ellen Gaup 724 OVERVOICE LEHRERIN Inga Ellen Gaup Das Rentier ist ein wichtiges Tier, das Menschen mit Essen und Kleidung versorgt und Gesellschaft leistet. Wir nutzen das Rentier auch als Zugtier. Dann kann man mit dem Rentierschlitten fahren, so wie der Weihnachtsmann. Solche Zugrentiere werden speziell gezähmt. SPRECHERIN Die Tiere sind perfekt an ein Leben in der Arktis und Subarktis angepasst – das macht sie auch für die Menschen hier so wertvoll. 09 O-TON Gabriela Wagner 807 (spricht deutsch, keine OV!) Das Gehirn ist darauf angelegt, das Allerbeste aus der Lichtinformation zu machen. Das Timing, die genaue zeitliche Verteilung, wann was passiert im Jahr, das steht im Zentrum von allem, was passiert. SPRECHERIN Gabriela Wagner ist Chronobiologin und arbeitet am Forschungsinstitut NIBIO in Tromsø [Trumsöh]. 10 O-TON Gabriela Wagner 814 Im Gehirn sitzt die biologische Uhr, die sagt: der Tag ist kürzer oder länger als gestern, jetzt müssen wir Fett anlegen, Winterfell wachsen lassen, bald das Geweih loswerden, mehr ruhen, bestimmte Pflanzen essen, viele Pilze, das Gehirn gibt Bescheid, was an den verschiedenen Körperstellen passieren muss. SPRECHERIN Gabriela Wagner forscht unter anderem zur inneren Uhr der Tiere, die mit der Mitternachtssonne im Sommer und der Polarnacht im Winter zurechtkommen muss und die körpereigenen Abläufe steuert. 11 O-TON Gabriela Wagner 816 In der Mitternachtssonne im Sommer und in der Dunkelheit im Winter sind die völlig arhythmisch. Die sind den ganzen Tag und die ganze Nacht aktiv, zumindest in ihrem Verhalten. Aber im Körper drin sind die ganzen physiologischen Vorgänge trotzdem an einem 24-Stunden-Zyklus orientiert. Und das können wir nicht. Da ist vielleicht ein großer Unterschied, dass die Rentiere Wiederkäuer sind. Eigentlich schaut es aus, als ob sie wach sind. Die Augen sind offen, sie können stehen, sie können liegen mit dem Kopf oben. Aber das Gehirn schläft in der Zeit. Und das können wir nicht. Wir können nicht im Büro sitzen und das Gehirn offline aufstellen. MUSIK ZE014880107 „Vårsøg“; ZEIT: 00:45 SPRECHERIN Doch es ist nicht nur das Gehirn, das bei den Rentieren bemerkenswert ist. Ihre Augen passen sich an den Wechsel von Mitternachtssonne und Polarnacht an: eine lichtreflektierende Schicht hinter der Netzhaut ist in der Lage, Struktur und Farbe zu verändern. Diese Umprogrammierung ermöglicht es den Tieren, im Winter auch bei Dunkelheit noch zu sehen, ohne im gleißenden Licht der Mitternachtssonne zu erblinden. Und dann ist da ja noch die Sache mit der Nase. MUSIK ENDE 12 O-TON Gabriela Wagner 809 Ein spannendes Ding ist die Nase. Rudolfs Nase, die berühmte. Die ist, innendrin zumindest, sehr, sehr rot. Die haben ein riesengroßes, kompliziertes Höhlensystem in der Nase drin. Das funktioniert ein bisschen wie eine Wärmepumpe in einem Haus. Wenn es sehr kalt ist, -20°C, wenn du ausatmest, dann weißt du die weiße Wolke, die da kommt, das ist die ganze Feuchtigkeit aus deinem Körper, die kondensiert in der Luft und weg ist. Wenn wir in sehr kaltem Wetter draußen sind, trocknen wir sehr schnell aus. Die Rentiere können in ihrer Nase die kalte Luft reinlassen, kühlen damit ihre Körperluft aus der Lunge ab. Und die Luft, die sie ausatmen, hat dann nur noch 2-3°. Die verlieren fast keine Feuchtigkeit. Und das, was sie einatmen, wird gleichzeitig aufgewärmt. Das ist eine fantastische Konstruktion. SPRECHERIN Auch das Fell ist besonders. Rentierhaare sind hohl, jedes Haar ist dadurch einzeln isoliert. Das garantiert, dass die Tiere nicht erfrieren, auch wenn das Thermometer deutlich unter -40° C rutscht. 13 O-TON Gabriela Wagner 811a Wenn du eine wärmesuchende Kamera aufstellst, die Rentiere wirst du fast nicht sehen. Die tauchen da nicht auf, weil die dermaßen gut isoliert sind. Man sieht eigentlich nur die Augen. Das Fell hat zwei Schichten: die untere Wolle und darüber die dickeren Schutzhaare. Das ist ein extrem guter Wasserschutz. SPRECHERIN Die Nahrung der Tiere: feinste Tundra-Kräuter und Gras, Flechten und Moose und ab und zu frischer, salziger Tang an den Fjorden. Das Herbarium, das die Schülerinnen in Kautokeino anlegen, macht deutlich, wie abwechslungsreich der Speisezettel der Tiere ist. 14 O-TON Gabriela Wagner 804 Rentiere brauchen eher zarte Pflanzen, die weniger Fasern haben. Es sind so ein bisschen Gourmets, die sich ganz genau aussuchen, was sie fressen. SPRECHERIN Die Tiere machen aus dieser Region eine riesige Kulturlandschaft und sorgen dafür, dass die weiten Heidelandschaften nicht verbuschen. Doch als großgewachsener Pflanzenfresser-Gourmet in einer Region zu überleben, in der der Boden rund sechs Monate im Jahr schneebedeckt ist – das fordert eine perfekte Anpassung an die Umwelt. 15 O-TON Gabriela Wagner 803 Die ganze Physiologie von den Rentieren handelt darum, Energie zu sparen und sich langsam zu bewegen, um das Allermeiste aus den Ressourcen zu machen, die sie zur Verfügung haben. Die müssen sie maximal ausnutzen: In erster Linie damit, indem man viel rumsteht und sich nicht aus der Ruhe bringen lässt. SPRECHERIN Selbst im arktischen Winter können die Tiere frisches Gras und Kräuter fressen: Sie benutzen ihre großen Klauen als Schneeschaufeln und graben sich durch den lockeren arktischen Schnee. Wenn die kräftigeren Rentier-Männchen mit ihren Hufen den Schnee weggescharrt haben, kommen die trächtigen Weibchen und jagen sie weg – sie brauchen das Futter dringender. Das funktioniert, weil die Männchen nach der Brunst im Herbst ihr Geweih verlieren, die Weibchen aber ihr Geweih bis nach der Geburt der Kälber im Frühling behalten – es garantiert Schutz und Status der Mütter. 17 ATMO Rentierherde SPRECHERIN Rund 200.000 Rentiere leben heute in der Finnmark, also im nördlichsten Landesteil Norwegens – nicht wild, sondern gut gehütet von ihren samischen Besitzern. 18 O-TON Gabriela Wagner 832 Niemand weiß so viel über Rentiere wie die Sami. Auch nicht wir Wissenschaftler. Und die haben auch dieses Gefühl, das holistische Verstehen. Die haben ein viel tieferes Verständnis dafür, wie ein Rentier funktioniert in Zeit und Raum. ATMO Gesang geht über in MUSIK ZE014880114 „A hidden life. Main title“; ZEIT: 00:37 SPRECHERIN Jedes Rentier, das in Nordnorwegen unterwegs ist, ist Teil einer privaten Herde, die oft aus mehreren hundert Tieren besteht. Die Tiere werden überwacht, vor Wölfen, Bären, Vielfraß und Adlern beschützt, markiert. Da sie sich in den Weidegebieten mit anderen Herden vermischen, müssen die Herden bei großen Rentierscheidungen im Herbst wieder aufwändig getrennt werden. Dazu werden große Rentierzäune gebaut. Eine dieser Herden gehört Henrik Gaup [Gäüp]. 19 O-TON Henrik Gaup 601 OVERVOICE Henrik Gaup Das ist keine Arbeit, kein Job, das ist ein Lebensstil. Das ist eine Identität. SPRECHERIN Henrik ist in zwei Welten zu Hause: als Rentierbesitzer in der Welt der samischen Ureinwohner, als Verwaltungsangestellter der Stadt Tromsø in der westlichen Welt. 20 O-TON Henrik Gaup 602 OVERVOICE Henrik Gaup Job, Arbeit – das ist der westliche Gedankengang. In der Rentierwirtschaft bist du ein Teil einer Symbiose von Natur, Bergen, Mensch, Tieren. Natürlich ist es Arbeit, aber nicht so, wie der moderne Westen Arbeit definiert. MUSIK „A hidden life. Main title“; ZEIT: 00:55 SPRECHERIN Wilde Rentierherden, die in anderen Regionen der Erde leben, sind regelmäßig mehrere tausend Kilometer pro Jahr unterwegs – soviel wie kein anderes Landsäugetier sonst. Hier in Norwegen sind die Wege nicht ganz so weit. Henrik hat seine Tiere zusammen mit den Herden seiner Brüder im Sommer in den Lyngenalpen nördlich von Tromsø. Den Winter verbringen die Tiere an der rund 400 Kilometer entfernten finnischen Grenze. Vier bis fünf Monate im Jahr sind die Rentiere mit Henriks Familie auf dem Weg zwischen den Weidegebieten. 22 ATMO Rentierherde im Wasser SPRECHERIN Manche Familien haben ihre angestammten Sommerweiden auf den vorgelagerten Inseln – die Tiere schwimmen dann durch Seen und Fjorde. Dabei wirkt ihr Fell wie eine Schwimmweste und verschafft Auftrieb. Die weit spreizbaren Hufe, die sie im Winter wie Schneeschuhe einsetzen, nutzen die Tiere beim Schwimmen dank einer Spannhaut wie Flossen. Mehrere Kilometer durchs Meer schwimmen ist für sie kein Problem. Die Besitzer ziehen mit ihnen und wohnen im Sommer an der Küste, im Winter in der inneren Finnmark. In der Rentierwirtschaft bestimmt nicht der Mensch, sondern die Tiere. Und die richten sich nach ihrer inneren Uhr, nach den klimatischen Bedingungen, die in jedem Jahr anders sein können. MUSIK ENDE 23 O-TON Henrik Gaup 605 OVERVOICE Henrik Gaup Da passiert die Kollision zwischen der westlichen Art zu denken, zu planen: Ja, Henrik, du musst ja planen. Den Plan kann ich schreiben, ein Dokument. Aber die Rentiere sind frei. Du kannst versuchen, sie zu kontrollieren, aber du musst dem Rentier folgen auf seiner Wanderung. SPRECHERIN Trotz Handy und GPS, Schnee Scooter und Quad, Hubschrauber und Drohnen haben sich in der Lebensweise der Menschen viele Abläufe seit Jahrhunderten erhalten, die eng mit dem Zug der Rentiere verbunden sind – von der in die Ohren der Tiere geschnittenen persönlichen Markierung bis hin zum saisonalen halbnomadischen Leben im Lavvu [Lahwú], dem traditionellen Zelt – oder im Wohnwagen. Auch die samische Sprache macht deutlich, wie sehr das Leben der Menschen hier von den Rentieren geprägt ist. ATMO Gesang 25 O-TON Rune Normann 903a OVERVOICE Rune Normann Gleich nach der Eiszeit, als das Eis hier geschmolzen ist und sich zurückgezogen hat, sind die Rentiere hinterher gezogen. Das bedeutet auch, dass die Menschen diesen Tieren gefolgt sind. SPRECHERIN Rune Normann [Rüne Nuhrman] ist Archäologe. Er hat sich auf steinzeitliche Felskunst spezialisiert und arbeitet im Museum in Alta. Die Felsritzungen von Alta, UNESCO-Welterbe, sind vor etwa 7.000 Jahren entstanden. Auf derzeit 120 bekannten Felsflächen sind rund 6.000 Figuren in den Stein geritzt. 26 O-TON Rune Normann 902-903b OVERVOICE Rune Normann Von diesen 6.000 Figuren sind 1.500 Rentiere. Das zeigt ja schon, dass das Rentier eine extrem wichtige Bedeutung für die Menschen hatte. MUSIK „A hidden life. Main title“; ZEIT: 00:26 SPRECHERIN Rentiere in unterschiedlichen Größen sind als Umrisse in den Felsen geschlagen, dazu Elche, Bären, Fische, Menschen – je nach Lichteinfall leicht zu erkennen, manchmal dauert es etwas länger, bis das Auge den Kontrast zwischen Felsen und Ritzung erkennt. Und bei manchen Feldern haben die Archäologen mit roter Farbe nachgeholfen. MUSIK ENDE 27 O-TON Rune Normann 904 OVERVOICE Rune Normann Links sehen wir eine Rentierherde und einen Mann mit Pfeil und Bogen. Der Köcher liegt neben ihm am Boden. Das bedeutet: Er hatte Zeit. Es ging nicht darum, auf Jagd zu gehen und zufällig auf ein Rentier zu treffen. Hier reden wir davon, zu einer bekannten Stätte zu gehen, wo du weißt: Hier kommt die Herde der wilden Rentiere vorbei. Ansitzjagd würden wir das heute nennen. SPRECHERIN Sie sind auch ein immerwährender Kalender aus der Steinzeit, eine Darstellung, wie sich die Rentiere im Laufe eines Jahres in der Landschaft bewegen. Risse und Unebenheiten wirken wie eine Landkarte mit Flüssen und Bergen; mittendrin: die Herden. Und dann gibt es eigenartige Ritzungen, mehrere Meter groß: eine Art Eisenbahnschienen, die in der Form vierblättriger Kleeblätter um eine Rentierherde herumführen. 29 O-TON Rune Normann 913 OVERVOICE Rune Normann Das ist ein 7.000 Jahre alter Rentierzaun. Man treibt die Tiere in diese Öffnung hier hinein, dann kann man das Ganze schließen. Die Herde beginnt im Kreis zu gehen. Das ist die natürliche Reaktion der Rentiere. Wenn sie mal im Kreis laufen, bleiben sie dabei. Und dann kannst du anfangen, einzelne Tiere von der Herde zu trennen. Die kommen in den anderen Bereich dieses Kleeblattes und fangen dort an, herumzugehen. Wenn du das viermal machst, dann hast du eine große Herde aufgeteilt in vier kleine Herden, die viel besser zu hantieren sind. SPRECHERIN Ganz ähnliche aufgebaute Zäune nutzen die Sami heute noch, wenn sie die…

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    Eisschmelze - Verlorene Lebensräume für viele Tiere Feb 27, 2025
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    Der Klimawandel macht vielen Tieren in kalten Regionen schwer zu schaffen. Vielen Tieren in der Arktis oder in den Alpen schmilzt ihr Lebensraum unter den Pfoten beziehungsweise Flossen weg. Von Claudia Steiner (BR 2023)

    Credits:
    Autorin dieser Folge: Claudia Steiner
    Regie: Sabine Kienhöfer
    Es sprachen: Ruth Geiersberger, Thomas Birnstiel
    Technik: Susanne Herzig
    Redaktion: Bernhard Kastner

    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

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    Spanende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung:
    BR PODCAST | BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG
    Außerdem empfehlen wir einen lesenswerten Beitrag von ARDalpha:
    KLIMAWANDEL IN DEN ALPEN - Bergbewohner auf der Flucht nach oben
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    Vom Comic ins Kino - Konjunktur der Superhelden Feb 27, 2025
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    DC und Marvel - das sind die US-Comic-Verlage, die seit 1939 die Bild-Geschichten von Superhelden wie Superman und Batman, Die Fantastischen Vier oder Spiderman veröffentlichen. Ob als Comic oder Film - die Abenteuer der "Über-Menschen" faszinieren bis heute ein junges Publikum. Von Markus MayerCreditsAutor dieser Folge: Markus MayerRegie: Christiane KlenzEs sprachen: Robert Dölle, Ditte Ferrigan, Christiane Klenz, Jay RutledgeTechnik: Andreas LuckeRedaktion: Karin Becker, Katharina Hübel-Gohr Im Interview:Andreas Platthaus, Comic-Experte & Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: eat.READ.sleep - Bücher für dich Nach einer literarischen Vorspeise servieren Katharina Mahrenholtz, Daniel Kaiser und Jan Ehlert aktuelle Neuerscheinungen und Lieblingsbücher. Für die Bestseller-Challenge lesen sie sich durch die Titel der aktuellen Top Ten - kneifen gilt nicht, deutliche Meinung ist erwünscht! Beim Quiz können alle ihr Literatur-Wissen testen und Fun Facts für die nächste Party sammeln. Dazu gibt es Interviews mit Büchermenschen und Insights aus der Buchbranche.JETZT ENTDECKEN Linktipps: Marvels Superhelden. Götter unserer Zeit. April/Mai-Ausgabe der Schweizer Kulturzeitschrift Du. Nr. 927. Hg. V. Du Kulturmedien KAG, Bätzibuck 5, CH-8307. Anlässlich der Marvel-Ausstellung in Basel versammelt der Band aufschlussreiche Interviews, Analysen und Hintergrundberichte zum Thema Marvel und den Marvel-Superhelden. Mit zahlreichen, farbigen Abbildungen. Comics richtig lesen. Von Scott McCloud, illustriert von Scott McCloud. Carlsen-Verlag 2001. Der Comicautor und Comictheoretiker klärt in einem Comicstrip, also mit Comic-Bildern auf, wie die Kunstform Bildgeschichte funktioniert, was Seitenaufteilung und Panelgestaltung möglich machen und zur Erzählung beitragen. Standardwerk zum Medium Comic & Graphic Novel. Comic Welten. Geschichte und Struktur der neunten Kunst. Hg. V. Harald A. Havas & Gerhard Habarta. Edition Comic Forum Wien. Ausstellungskatalog 1993. Darin Kapitel 6, 7, & 8: Grossstadthelden: Superman, Grossstadthelden: Batman & Superwelten – Superhelden. S. 52 - 87. Launige, aufschlussreiche Abhandlung der Superhelden-Comics von DC und Marvel, leicht überholt, da die bahnbrechenden Verfilmungen von Marvel nach der Jahrtausendwende noch nicht berücksichtigt werden konnten. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadiowissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Zitator: It‘s A Bird? Zitatorin: It’s a Plane? Zitator & Zitatorin: It’s Superman! Sprecherin Im Juni 1938 erscheint das erste bunte Heftchen mit Superman auf dem Umschlag. 64 Seiten umfasst der Comicstrip, also die gezeichnete Bildfolge, mit Abenteuern des Superhelden. Superman heißt mit bürgerlichem Namen Clark Kent, aber eigentlich ist er ein Außerirdischer vom Planeten Krypton. Sprecher Nur 10 Cent kostet das Heft. Niemand ahnt, dass mit diesem ersten Heft der Reihe Action Comic, einem nicht besonders hochwertigen Druckerzeugnis, die Weltkarriere des ersten aller Superhelden beginnt. Sprecherin Endlich ist es Jerry Siegel und Joe Shuster, den Erfindern der Figur, gelungen, Superman, der im Alter von drei Jahren von seinem Heimatplaneten in einem Raumschiff auf die Erde geschickt wird, als Protagonisten einer Heftchenreihe unterzubringen. Jahrelang wird die Idee des menschengleichen Helden mit Superkräften von Zeitungen und Verlagen als pubertär und kindisch verworfen. MUSIK 2 ( Laurie Anderson: O Superman 0’57) SPRECHERIN Als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg beginnt, erhält die Geschichte dieses Übermenschen, den sich die beiden Science-Fiction- Fans ausgedacht haben, eine weitere Bedeutung. Ein unbesiegbarer, unverwundbarer Superheld auf Seite der Vereinigten Staaten? Irgendwie beruhigend... Superman kann fliegen, er hat Superkräfte und Superpuste, außerdem kann er, wenn es sein muss, mit Röntgenblick Dinge sehen, die normalerweise verborgen sind. SPRECHER Während der Kriegsjahre werden Superman-Hefte zum beliebtesten Lesestoff der GI’s, der jungen amerikanischen Soldaten. 800 tausend Exemplare macht damals die Auflage der Action Comics aus - eine Heftchenreihe, in der neben anderen auch Superman-Abenteuer zu sehen sind. Hefte ausschließlich mit Geschichten des „Stählernen“, wie ihn Fans nennen, setzen mehr als eineinviertel Millionen ab. Hinzu kommen Superman-Comicstrips, die in über 250 Sonntagszeitungen abgedruckt werden. Während der Kriegsjahre gibt es zudem Superman-Radiosendungen und ab 1941 Zeichentrickfilme. MUSIK 3 (Alan Silvestri: Captain America Main Titles 0’56) SPRECHERIN 1941 erscheint im New Yorker Verlag Timely Publications, einem Vorläufer des Marvel-Verlags, eine weitere Heftchenreihe mit einem patriotischen Superhelden: Captain America. So nennt sich Steve Grant Rogers, ein fiktiver US-Amerikaner, der seinem Land als Soldat dienen will. Er wird ausgemustert, erhält aber in einem geheimen Experiment ein Serum, das zu physischen Höchstleistungen verhilft. Weil der Wissenschaftler, der das Serum entwickelt hat, von einem Nazi-Agenten ermordet wird, bleibt Rogers der einzige Superkämpfer. Fortan nennt er sich Captain America, erkennbar an seinem Kostüm und seinem Schild, das Teile der National-Flagge enthält. Captain America bekämpft Nazis, Saboteure und Spione. SPRECHER Der Journalist Andreas Platthaus von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ein ausgewiesener Comic-Experte, erklärt, wer die Macher dieser ersten Superhelden-Comics sind. ZSP Andreas Platthaus – Umfeld Das Umfeld der mittleren bis späten 30er Jahre, als die Superhelden entstanden sind, muss man sich vor allem sehr städtisch vorstellen und aus einer sehr, sehr armen Gegend stammend die meisten Leute, die damals tätig wurden, als Zeichner, als Szenaristen. Und es gab dabei durchaus einige Frauen, die in Hilfsjobs da tätig waren. Die kamen von ganz unten. Die kamen aus den relativen Elendsvierteln von europäischen Einwanderern, und dementsprechend fanden die in den Superhelden eine Art Kompensation für ihr eigenes Schicksal. MUSIK 4 (Sammy Timberg: Superman March 0’50) SPRECHER Wie viele Comickünstler der damaligen Zeit ist auch Superman Migrant. Schließlich kommt er ja vom Planeten Krypton, was es aber zu verbergen gilt, denn er will gleichberechtigt und integriert leben. Die Erfinder und Gestalter dieser Figur, häufig jüdische Migranten oder Kinder jüdischer Einwanderer, beschreiben hier in gewisser Weise ihr eigenes Schicksal anhand einer allmächtigen Heldenfigur, die ein Doppelleben führt. Sie scheinen mit der Figur des unverwundbaren Übermenschen den USA auch gleichsam den Rücken stärken zu wollen, schließlich befinden sich die Vereinigten Staaten im Krieg gegen demokratieverachtende Nazis und die Achsenmächte. ZSP Andreas Platthaus – Jüd. Künstler dominieren I. Dass etliche der Zeichner damals jüdisch waren, hat damit zu tun, dass sehr, sehr viele Juden seit dem Ende des 19. Jahrhunderts aus Europa gekommen waren. Die osteuropäischen Pogrome hatten zu einer Auswanderungswelle geführt und dabei waren sehr viele Leute vor allem aus ländlichen Regionen, aus Handwerkerberufen und so etwas nach Amerika gekommen, die aber dort nicht unbedingt sofort Anstellungen wieder fanden in den Bereichen, die sie kannten, weil sie in den Städten blieben. Und da gab es dann vor allem Industriejobs und ähnliches, damit ließ sich nicht viel Geld verdienen, und dementsprechend war das Comic-Geschäft eine Art Ausstiegsoption. Da konnte man mit künstlerischer Begabung, die natürlich etliche Leute davon besaßen, tatsächlich etwas machen. MUSIK 5 (The Chamber Orchestra Of London: First Mission 0’31) SPRECHERIN Ein Comic-Held wie der patriotische Captain America ist pure Propaganda. Erwartungsgemäß flaut nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg das Interesse an solchen, eindimensionalen Superhelden ab. Comichefte von Superman und Batman, die im New Yorker DC-Verlag erscheinen, bleiben aber weiterhin attraktiv, auch weil die Protagonisten höchst plausibel gestaltet sind. MUSIK 6 ( Prince: Batdance – Prince 0’36) SPRECHER 1939 veröffentlicht DC, die Abkürzung von Detective Comics, erstmals einen Band, in dem die Batman-Figur auftaucht. 1940 erhält der Fledermausmann eine eigene Heftchenreihe. SPRECHERIN Ausgedacht haben sich Batman der Autor Bill Finger und der Zeichner Bob Kane. Finger liebt sogenannte Pulp Fiction, Heftchenromane, die auf billigem, stark holzhaltigem Papier, im Amerikanischen Pulp genannt, gedruckt werden. In diesen Spannungsgeschichten ist der Held ähnlich wie Batman aus wohlhabendem Milieu - eine Figur, die es sich leisten kann, Detektiv zu spielen. Weil Szenarist Bill Finger zudem Expressionismus-Fan ist, spielen Batmans Abenteuer immer bei Nacht in einer dystopischen, düsteren Großstadt, einem anonymen Häusermeer, von Straßenschluchten durchzogen. SPRECHER Gotham City nennt Bill Finger diesen Ort, ein Synonym für Manhattan in New York. Finger erfindet auch Nebenfiguren wie den Commissioner James Gordon und Butler Alfred. Sie rufen oder unterstützen Batman alias Bruce Wayne, einen milliardenschweren Erben, der nach außen als Playboy auftritt. SPRECHERIN Bruce Wayne muss als Kind erleben, wie ein Gangster seine Eltern bei einem Raubüberfall erschießt, nachdem sie mit ihrem Sohn ein Kino besucht haben. Der verwaiste Junge schwört daraufhin Rache und wird zum Kämpfer für Gerechtigkeit. Bruce Wayne hat zwar keine Superkräfte, studiert aber Chemie, Kriminalistik, Mathematik und Physik und trainiert sich Kampfkünste an. Unter seiner Villa richtet er eine geräumige Höhle ein, die ein Labor und eine Garage für die Batmobile umfasst. SPRECHER Bruce Wayne, der die Stadt vom Verbrechen befreien will, inszeniert sich mit Kostüm und Maske als Fledermaus - ein Wesen, das lautlos durch die Nacht gleitet, - ein Regulator der Natur, der hilft, Schädlinge und Insekten zu reduzieren. MUSIK 7 ( Neal Paul Hefti: Batman 0’24) SPRECHERIN Comic Strips, gezeichnete Bildfolgen, sind in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das perfekte Medium, um die imaginären Abenteuer von Superman und Batman in Szene zu setzen. Denn: Filme, die bis dato hauptsächlich im Studio gedreht werden, können Handlungen, die im Weltraum oder in der Stratosphäre spielen, nicht überzeugend abbilden. Im gezeichneten Bild hingegen bereitet das keinerlei Probleme. Trotzdem verliert das Comic-Genre in den 50er Jahren an Popularität. Das hat zum Einen mit dem Fernsehen zu tun, das jetzt Einzug hält in die Haushalte und Aufmerksamkeit auf sich zieht. Es hat zum Anderen damit zu tun, dass Comics während der McCarthy-Ära als minderwertig eingestuft werden – sie seien, heißt es, gefährlicher Schund, der die Jugend verderbe. SPRECHER Die Comic-Produzenten formulieren jedenfalls, um das Geschäftsmodell aufrecht zu erhalten, den sogenannten Comics-Code, ein selbstauferlegtes Regelwerk, dem sich die Branche unterwirft, eine Form der Selbstzensur. Nacktheit ist ab jetzt im Comic ebenso Tabu wie Drogenkonsum, Homosexualität, Scheidungen oder Flüche. Comic-Kenner Andreas Platthaus: ZSP Andreas Platthaus – Folgen der Krise der 50er I. gadgets Die Krise der 50er-Jahre (über den Comic Code) hat dazu geführt, dass bestimmte Geschichten nicht mehr so erzählt werden konnten, wie es vorher der Fall war. Es konnte nicht mehr so gewalttätig sein, es konnten auch beispielsweise keine Schurken mehr sterben, was vorher noch durchaus üblich gewesen ist. Und dementsprechend musste man andere interessante Dinge für eine jugendliche Leserschaft finden. Und da waren technische Gadgets natürlich sehr, sehr interessant. Plötzlich wurden die Superhelden viel aufwendiger ausgerüstet, als das vorher der Fall war, weil man mit solchen Sachen begeistern konnte. MUSIK 8 ( Anne Clark - Sleeper in Metropolis 0’24) SPRECHERIN Batman hat beispielsweise von Anfang an einen Gürtel mit diversen, nützlichen Utensilien, mit Robin, seinem jungen Helfer, begibt er sich im Batmobil, einem phantastischen Vehikel auf Verbrecherjagd. Technische Elemente wie Gürtel und Fahrzeuge werden in den 50er Jahren ausführlich dargestellt. SPRECHER Zu Beginn der 60er Jahre geht in New York ein neuer Verlag an den Start, der wegweisend wird für das Comic-Geschäft. Marvel Comics mischt mit Reihen wie den Fantastischen Vier, Spiderman, Hulk und Thor, um nur einige zu nennen auf, die Comic-Branche auf. ZSP Andreas Platthaus - Krise der 50er & Leserbindung Man brachte ein neues Identifikationsmoment hinein, indem man die ganzen Helden mehr an den Alltag ihrer Leserschaft heranführte, dass es vor allem um die große Errungenschaft des Marvel-Verlags gewesen. Wenn man da plötzlich sieht, dass jemand wie Peter Parker aus einer Schule kommt und durch einen Biss einer radioaktiven Spinne zum Superhelden wird, dann ist das zwar vielleicht nicht das, was man sich selbst erträumt. Aber zumindest bringt einem das diese Figur wieder sehr, sehr nah und so abstrus das Ganze auch ist, war das dann etwas, womit man sich tatsächlich als jugendliche Leserinnen oder Leser, da waren es dann vor allem doch nur Männer, identifizieren konnte. MUSIK 9 ( Metroboomin & Future - Superhero (Heroes & Villains) 0’27) SPRECHERIN Die Superhelden von Marvel sind nicht per se besonders, sondern Repräsentanten der weißen Mittelklasse, aus der sich auch die Leserschaft rekrutiert. Ihre Superkräfte erlangen sie meist durch einen Unfall mit radioaktivem Material. Die Entscheidung, ein Superhelden-Dasein zu führen, fällt ihnen nicht leicht. SPRECHER Die Fantastischen Vier sind vier gleichaltrige Wissenschaftler, im Grunde eine Familie. Mister Fantastic, der sich in jegliche Form dehnen kann, ist der Moderator der Gruppe. Susan, die Unsichtbare, ist seine Frau, Johnny, The Storm, ist ihr Bruder und Ben Grimm, das Ding, verfügt über einen versteinerten Körper, was dazu führt, dass er aushält, woran normal sterbliche zu Grunde gehen. SPRECHERIN Der Hulk heißt eigentlich Bruce Banner und ist promovierter Nuklearmediziner. Als er bei einem Unfall einer erhöhten Dosis von Gammastrahlen ausgesetzt ist, verwandelt er sich in ein wutschnaubendes, grünes Monster namens Hulk. Immer wenn sich Dr. Banner nach diesem Unfall aufregt, wiederholen sich die Anfälle und er wird zum Ungeheuer. SPRECHER Die Marvelhelden sind lebensnäher als die perfekten Superheroes der ersten Generation. Die Protagonisten von Marvel streiten, necken und ärgern sich wie die Fantastischen Vier, sie haben kleine Schwächen, sind eitel, neidisch oder unsicher wie der Teenager Peter Parker, der als Spiderman souverän durch die Straßenschluchten zischt. Dass er in einem Ganzkörperkostüm steckt, fördert die Identifikation mit dieser Figur: jeder könnte Spiderman sein. MUSIK 10 (The Chamber Orchestra Of London: First Mission 0’32) SPRECHERIN Marvelhelden sind auch keine Solisten, häufig bilden sie Gemeinschaften, oft treten sie im Ensemble auf. Diese Tendenz zum Sozialen haben die Marvel-Macher nicht erfunden, sie greifen nur auf, sagt Comic-Experte Andreas Platthaus, was während der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts in der Luft liegt. ZSP Andreas Platthaus - Warum Marvel auf Zielgruppen achtet? … Wenn wir uns an die Bürgerrechtsbewegung erinnern oder natürlich auch an die Unruhen unter den Studenten in Berkeley, die Hippie-Bewegung und so etwas, dann war das etwas, was einfach ins Gespräch natürlich auch der weißen Mehrheitsbevölkerung (gehörte), die letztlich den Hauptteil der Comic-Leserschaft stellte, auch interessierte. SPRECHERIN Marvel beginnt als erster Comic-Konzern Ende der 60er Jahre, schwarze Figuren in die Bildgeschichten einzubauen. Zuerst halten die Drucker die Angaben jedoch für Fehler und färben die Umrisse brauner bzw. schwarzer Passanten weiß ein, aber die Marvel-Macher lassen nicht locker. Im Marvel-Kosmos betreten schwarze Superhelden die Bühne. In Deutschland ko…

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    Selbstsabotage - Warum wir uns selbst so oft ausbooten Feb 26, 2025
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    Die Angst davor in der Prüfung zu versagen, ist so groß, dass man sich zig Termine in den Kalender packt und keine Zeit mehr zum Lernen hat. Ein typischer Fall von Selbstsabotage. Was steckt dahinter - und wie kann man aufhören, sein größtes eigenes Hindernis zu sein? Von Susi WeichselbaumerCreditsAutorin dieser Folge: Susi WeichselbaumerRegie: Susi WeichselbaumerEs sprachen: Berenike Beschle, Thomas Birnstiel, Marlen Reichert, Peter WeißRedaktion: Susanne Poelchau Im Interview:Prof. Malte Schwinger, Kinder und Jugendpsychologe Universität MarburgDr. Ulrich Goldmann, Leitung Ausbildungsgang Psychotherapie (MUNIP) Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Prokrastination - Wann Aufschieben schadet und wann es nütztJETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadiowissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATORIN Am Abend vor der Klausur war die Geburtstagsparty meiner besten Freundin. ZITATOR Es war null Zeit, die Präsentation für die Führungskräfte vorzubereiten. Für auf den letzten Drücker lief es puh: Okay. ZITATORIN Dieser Fahrprüfer lässt Frauen grundsätzlich durchfallen. Auch wenn ich dem protzigen SUV nicht die Vorfahrt genommen hätte… MUSIK ENDE SPRECHER Die Klausur gerade mal knapp bestanden? SPRECHERIN Der Job Großraumbüro statt Chefetage? SPRECHER Die Fahrerlaubnis nicht erteilt? Der Pfad zum Erfolg ist gepflastert mit Hindernissen. MUSIK ZITATOR Das Schicksal arbeitet gegen mich. ZITATORIN Heute ist nicht mein Tag. ZITATOR Die ganze Woche ist nicht meine Woche – ZITATORIN Mein ganzes Leben ist nicht mein Leben. MUSIK ENDE SPRECHER Das Wetter, der öffentliche Nahverkehr, die grantige Nachbarin – SPRECHERIN Möglicherweise steht man sich aber auch selbst im Weg. Durch die Art und Weise wie man Dinge angeht oder versucht, bestimmte Situationen zu vermeiden. MUSIK SPRECHER Jedenfalls sicher gilt: Allein ist man als Sich-Selbst-Blockierender nicht. Die Ratgeberregale in den Buchhandlungen stehen voll mit Literatur zum Thema „Selbstsabotage“. In Social Media wird das Phänomen in diversen Facetten diskutiert. Das Internet bietet zig Fragebogen: ZITATOR Wann sabotierst Du Dich selbst? ZITATORIN Warum sabotierst Du Dich? ZITATOR Weswegen solltest Du das lassen? ZITATORIN Wie änderst Du Dich – und damit alles? MUSIK ENDE SPRECHER Das Problem ist bloß: Was in bunten Bänden und auf knalligen Lifestyle-Webseiten angeboten wird, fällt aus wissenschaftlicher Sicht größtenteils in die Kategorie „Küchenpsychologie“. Und: Der Begriff „Selbstsabotage“ für jedwedes, was man sich selbst so in die Bahn werfen oder als Ausrede anführen könnte? Wohl eher ein Modewort: 1 ZU Goldmann 0.00 Wenn ich jetzt an Sabotage denke, da denke ich an Gleise, an Züge, an jemand, der Kabel in Brand steckt. Es ist ein bewusster Akt. Sabotage ist auch in gewisser Weise, ein gewalttätiger Akt. SPRECHERIN Erklärt Dr. Ulrich Goldmann. Er leitet den Bereich Psychotherapie am MUNIP, dem Münchner Universitären Ausbildungsinstitut für Psychologische Psychotherapie. 2 ZU Goldmann 0.00 In der Psychologie wird mehr im Englischen der Begriff „Self-Handicapping“ hergenommen, also „Selbstbehinderung“ übersetzt. Das ist etwas milder. SPRECHERIN Selbstbehinderung gilt nicht als klinische Diagnose, Krankheit oder Persönlichkeitsstörung. Die Wissenschaft sammelt unter dem Begriff eine ganze Reihe an Verhaltensmustern. SPRECHER Verhaltensweisen, mit denen Menschen ihre Erfolgschancen bewusst oder unbewusst selbst vermindern. Generell. Oder lediglich in speziellen Zusammenhängen. Das Ziel dabei ist stets – und das klingt auf den ersten Blick paradox: Auf Biegen und Brechen den Selbstwert erhalten. SPRECHERIN Sich keine Blöße geben, das Gesicht wahren – anderen und sich selbst gegenüber. MUSIK SPRECHER Die Gründe dafür und Strategien dabei faszinieren Forscher wie Malte Schwinger. Er ist Professor für Kinder- und Jugendpsychologie an der Universität Marburg. Studien zum Thema Selbstbehinderung gibt es inzwischen vor allem im Segment „Lernen und Ausbildung“. 3 ZU Schwinger (0.09) Der Grundgedanke dahinter ist immer der, jemand hat Angst vor einer bestimmten Situation, einer bestimmten Bewertung. Das ist bei Studierenden, wo wir das viel untersuchen, häufig irgendeine Art Prüfung, eine Art Klausur. Und da ist die Sorge, dass das schiefgehen kann. Und wenn das schiefgeht, hat man Angst, dass das den Selbstwert bedrohen könnte, dass man sich danach als Person nicht gut fühlt als wertlos fühlt. MUSIK ENDE SPRECHERIN Die Lösung: SPRECHER Eine eventuelle negative Bewertung unbedingt ausschließen. SPRECHERIN Und zwar schon im Vorfeld. 4 ZU Schwinger (0.09) Wenn ich Angst habe, in der Klausur zu versagen, dann sollte ich mir irgendeine Ausrede zurechtlegen, die hinterher erklärt, warum ich nicht so gut war in der Klausur, das ist die Idee. MUSIK ZITATORIN Das Radl hatte auf dem Weg einen Platten. ZITATOR Im Prüfungsraum war es wahnsinnig stickig. ZITATORIN Der Hund hat meine Vorbereitungsunterlagen gefressen. MUSIK ENDE SPRECHER Spannend dabei: Erklärungen dafür, warum es mit einer besseren Note in der Klausur nicht geklappt hat, suchen Selbst-Handicapper eher selten im Außen. Solche Rechtfertigungen gibt es schon auch. Aber: In der Regel sucht man die Erklärung bei sich: Darum wir ich nicht so toll. Oder konnte nicht so toll sein. Halskratzen und leichter Husten – plötzlich fühlt man sich damit richtig krank. Genauso erklärt man es den Studienkollegen. Der wesentliche Punkt bei alldem: Trotz schwerer Grippe tritt man zur Prüfung an. SPRECHERIN Unter derlei Bedingungen muss man dann ja mehr als froh sein über ein gerade noch „bestanden“. MUSIK SPRECHERIN Es kann aber auch das ganz große Programm von „Ich-reite-mich-wo-richtig-rein“ sein, erzählt der Münchner Psychotherapeut Ulrich Goldmann aus dem Praxisalltag. 5 ZU Goldmann 2.44 Das sind so Situationen, die häufig genannt werden, wenn man zu spät ins Bett geht, viel Alkohol trinkt oder ausgeht und am nächsten Tag ausgesprochen müde ist, die Prüfung schreibt. Und wenn es dann schiefgeht, hat man eine fertige und stichhaltige Erklärung, warum es denn schiefgegangen ist und in der Psychologie, und da gibt es einige Experimente dazu, wird angenommen, dass das im Dienste dessen steht, dass es situativ, also auf die Situation bezogen, nicht geklappt hat, weil ich zu lange aus war. MUSIK ENDE SPRECHER Der Grund des Scheiterns ist so nicht ehrenrührig und kratzt am Selbstwert. Man ist nicht etwa zu wenig intelligent, fachlich nicht geeignet – Nein! Die Partyeinladung ging einfach vor. Ehrensache. Lange ausgemacht. Freundschaftsdienst. Man ist eben ein Hecht. SPRECHERIN Allerdings ein ziemlicher „Kurzfrist-Hecht“. 6 ZU Schwinger 2.06 Ja, das ist der Haken da dran, man bleibt tatsächlich eigentlich eher unzufrieden. SPRECHERIN Bilanziert der Marburger Kinder- und Jugendpsychologe Malte Schwinger. Für den Moment nach der Klausur nimmt so eine Ausflucht – da war diese Party - womöglich den Druck aus der akuten Situation. SPRECHER Auf lange Sicht ist nichts gewonnen in Sachen angeknackster Selbstwert. Denn: Das ist der wunde Punkt. Die verletzliche Stelle. 7 ZU Schwinger 2.06 Die Angst resultierte ja vorher schon aus einer Erwartung, dass man das nicht kann. Und die wird natürlich durch dieses Schauspiel, was man da abgezogen hat, nicht anders. Also man ist weiterhin der Meinung, dass man es nicht kann. Und es hat ja, auch wenn man eine Ausrede hatte, keinerlei gegenteiliger Beweis stattgefunden. Das heißt wenn die nächste Prüfung ansteht, geht eigentlich alles von vorne los. MUSIK SPRECHERIN Ein Kreislauf, der einen irgendwann gefangen nimmt und den man mitunter gar nicht als solchen begreift, erinnert sich Rita. Sie will anonym bleiben. Nach Coaching und Therapie ist Rita inzwischen überzeugt: 8 ZU Rita 8.40 Es ist sicher gut sich zu überlegen, will ich das oder nicht. Oder was will ich überhaupt? So. Das führt ja auch zu mehr Zufriedenheit. SPRECHER Jahrelang war für Rita klar: Im Beruf will sie sich keine Patzer leisten, sondern perfekt sein und auch so wahrgenommen werden von ihrem Kollegenkreis, dem Chef. SPRECHERIN Um mögliche Fehler im Vorfeld abzupuffern, überfrachtet sie sich mit Projekten. Springt überall ein. Hebt die Hand. Und ist im Team bald abonniert auf Zusatzaufgaben. Ein Verhalten, das Psychotherapeut Goldmann von einigen Klienten kennt. 9 ZU Goldmann 04:10 Jemand muss einen Vortrag halten und auf PowerPoint etwas machen. Und es gibt eine neue Version, und man hat noch nicht Zeit gehabt aufgrund der vielen, vielen anderen Aufgaben, die man hat, sich in die neue einzuarbeiten, weil noch diese Besprechung gestern war und man noch in dem Projekt XY engagiert ist. Das wären auch selbstwertdienliche Aussagen. SPRECHERIN Auf den ersten Blick positive selbstwertdienliche Aussagen: Man ist vielbeschäftigt, hält alle Bälle in der Luft, auch die der Kollegen, deren Aufgaben man netterweise mit wuppt. Allein holt man die Kohlen aus dem Feuer und macht das Beste daraus. Auch wenn das dann nicht perfekt ist: Unter den gegebenen Umständen ist man über sich selbst hinausgewachsen. Für alle. SPRECHER Aber halt auch ohne alle. MUSIK ENDE 10 ZU Goldmann 04:10 Wenn man sich überlegt, wie man sich dann präsentiert vor anderen, kann man sich auch vorstellen, auf die Dauer erzeugt das jetzt auch nicht unbedingt ein günstiges Bild von sich selbst. SPRECHERIN Studien zeigen: Je nach Situation sind die Strategien mannigfach, wer sich wann wie selbst manipuliert. MUSIK SPRECHERIN Ein häufiges Beispiel: Man legt die Latte erst hoch und bekommt anschließend Bammel, den Mund zu voll genommen zu haben. ZITATOR Klar promoviere ich. ZITATORIN Klappt die Stelle in Frankreich nicht, wechsle ich die Firma. ZITATOR Diese Frau wird mich heiraten. MUSIK ENDE 11 ZU Goldmann 5.52 Wenn ich so ein Ziel konkret gegenüber anderen kommuniziere, bin ich auch eine Art Selbstverpflichtung eingegangen. Dann kann ich ohne Gesichtsverlust oder ohne Erklärung nicht mehr hinter mein Vorhaben zurück. SPRECHERIN Irgendwann erkennt das auch Rita: Sie kommt – aus ihrer damaligen Perspektive – beruflich nicht vom Fleck. Trotz ihres Engagements an allen Ecken und Enden und obschon das Familie und Freunde von ihr zu erwarten scheinen. Im Team hat sie keinen Rückhalt, dabei reibt sich sich auf, um es den Kollegen und dem Chef recht zu machen, zuvorkommend und perfekt zu sein. SPRECHER Perfektion ist ihre Richtschnur. SPRECHERIN Elternhaus und Schule wünschten sich das Vorzeigekind. In späteren Beziehungen müht sich Rita, eine Musterpartnerin zu sein: Um jeden Preis perfekte Harmonie, totale Symbiose. Bloß: 12 ZU Rita 2:04 Auf längere Sicht sieht man auch, dass es sich nicht unbedingt auszahlt, also von wegen, dass man Respekt dadurch bekommt. SPRECHERIN Rita fängt an, genauer hinzuschauen: Was tut sie wann, um was damit zu erreichen? Und was ist tatsächlich das Resultat? MUSIK SPRECHERIN Für viele kann eine ehrliche Selbstbeobachtung ein guter erster Schritt sein weg von den gewohnten selbstbehindernden Verhaltensmustern, empfehlen Therapeuten. Eine Paradelösung dafür, sich von heute auf morgen mal endlich nicht mehr selbst im eigenen Lebensweg zu stehen, gibt es nicht. Manchmal genügen offene Gespräche im engen Familien- oder Freundeskreis: Warum komme ich nicht ans Ziel, was meint ihr? SPRECHER Oft braucht es professionelle Untersützung: Veränderungscoaching. Gesprächstherapie, bei der man aufschlüsselt: Woher kommt mein innerer Druck, die häufige Unzufriedenheit und das Gefühl der Selbstunwirksamkeit, des Ausgeliefertseins? SPRECHERIN Hierin liegt eine Crux. Denn: In gewisser Weise handelt man ja aktiv. Sucht und konstruiert Ausflüchte, Erklärungen. Dennoch bleibt da der Eindruck von: Ich muss noch mehr tun, mehr vorbeugen, weitere Vorkehrungen schaffen – falls es schlecht ausgehen sollte. SPRECHER Dabei gilt: Selbstschädigendes Verhalten kann durchaus auf einen Bereich im Leben beschränkt sein und zieht sich nicht durch wie ein roter Faden. Wer in Prüfungssituationen den eigenen Erfolg torpediert, macht das nicht unbedingt auch bei Rendezvous oder ersten Dates. Wer sich im Job immer auf Festanstellungen bewirbt, für die er nicht geeignet ist, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass er viel lieber Freiheit lebt als Karriere zu machen – wie alle erwarten: Der weiß vielleicht beim Fußball sehr wohl, dass er linkes Mittelfeld spielen will und sonst nichts. MUSIK ENDE SPRECHERIN Studien zeigen: Je nach Situation sind die Strategien mannigfach, wer sich wann wie selbst manipuliert. SPRECHER Nach dem Motto: Schöner Scheitern. In der Sicht von außen auf mich, aber auch in der Innenperspektive. MUSIK SPRECHERIN Die Innenperspektive austricksen und zugleich nach außen positiv wirken – nicht wenige versuchen das über die Taktik: Sich nie festlegen. Spannende Zukunftspläne oder Beziehungsabsichten werden durchaus angedeutet. Doch konsequent bleibt man im Ungefähren. Anderen gegenüber und sich selbst. 13 ZU Goldmann 5.52 Wenn ich den Schluss fest fasse, dann kann ich auch scheitern. Wenn ich ihn nicht fasse, dann kann ich ja immer sozusagen mich drum herummogeln ein Scheitern einzugestehen. MUSIK ENDE SPRECHERIN Ein Scheitern weniger schmerzhaft machen. Den Gesichtsverlust weniger groß. Das sind oft genannte Gründe für Selbstbehinderung. Ein ebenfalls bekannter Faktor, der jedoch weit schwerer dingfest zu machen ist: Ambivalente Motivation. MUSIK SPRECHER Das heißt: Man möchte mehrere Dinge gleichzeitig erreichen, die sich aber gegenseitig ausschließen. Oder man meint, jenes eine zu wollen, weil man es seit jeher wollte. Oder weil einen andere an der Stelle, in der Rolle etc. sehen. Oder weil jede Logik diesen nächsten Schritt - nun ja - logisch macht. SPRECHERIN Innendrin würde eine leise Stimme etwas anderes sagen. Doch die umher sind lauter, überzeugender. SPRECHER Logischer. ZITATORIN Jetzt hat er so lange studiert! ZITATOR Im Freundeskreis sind inzwischen alle verheiratet. Man muss auch erwachsen werden! ZITATORIN Nach all den Jahren in der Firma gehört sie doch mal ins Management! MUSIK ENDE 14 ZU Goldmann 7.03 Führungsposition. Naja, das bringt Verschiedenes mit sich. Ich muss mehr arbeiten. Ich werde mehr Verantwortung haben. Ich werde auch nicht umhinkommen, unangenehme Gespräche zu führen, Leute vielleicht mal einzugrenzen, schlimmstenfalls vielleicht mal sogar disziplinarische Maßnahmen oder Ähnliches auszusprechen. Und es gibt Leute, die einfach Scheu davor haben. Und wenn das nicht bis ins Detail bewusst durchdacht ist, dann können das gegenteilige Motivationen sein, die so ein angebliches Ziel immer wieder ausbremsen, sodass die Ambivalenz, die unter der Oberfläche da ist, eigentlich von der Verwirklichung eines Zieles dann uns immer wieder abbringen kann. SPRECHER Eigene Ambivalenzen zu erkennen und zuzugeben – das kann ein schwieriger Prozess sein, weiß Psychotherapeut Ulrich Goldmann. Zunächst hilft eine persönliche Kosten-Nutzen-Aufstellung: Was gefällt mir an diesem Job, diesem Lebensziel, an dieser Beziehung? Was nicht? Was traue ich mir im Bezug darauf zu? Was weniger? SPRECHERIN Dafür muss man reichlich ehrlich mit sich sein. SPRECHER Und: Überhaupt bemerkt haben, dass man in so einer Ambivalenz feststeckt. MUSIK SPRECHERIN Rita stellt irgendwann fest: Die Angst davor, nicht perfekt zu sein oder nicht als perfe…

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    Philosophie der Schönheit - Was den Menschen "schön" macht Feb 25, 2025
    Show notes

    Es sind nicht nur äußere Körpermerkmale, die Menschen schön machen, sondern auch Charakter und Sensibilität. Doch wie hängen Äußeres und Inneres zusammen? Und was macht schöne Menschen so anziehend? Zeigen sie eine 'schöne Seele‘? Die Antwort fällt in verschiedenen Kulturen und Zeiten unterschiedlich aus. Von Beate Meierfrankenfeld (BR 2021) CreditsAutorin dieser Folge: Beate MeierfrankenfeldRegie: Irene SchuckEs sprachen: Katja Bürkle, Andreas Neumann, Friedrich SchlofferTechnik: Peter PreußRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Lisa Katharin Schmalzried (PD Dr.; Universität Halle-Wittenberg / Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik);Lia Darjes (Fotografin, Berlin) Literaturtipps: Lia Darjes, „Tempora Morte. A Documentary Still-Life Study of Kaliningrad’s Informal Street Markets”, Hartmann Books 2019. Friedrich Nietzsche, „Aus dem Nachlaß der Achtzigerjahre“, Werke in sechs Bänden, herausgegeben von Karl Schlechta, Carl Hanser Verlag 1980. Friedrich Schiller, „Über Anmut und Würde“, in: „Über das Schöne und die Kunst. Schriften zur Ästhetik“, dtv/Carl Hanser Verlag 1975/1984, S. 44-93. Lisa Katharin Schmalzried, „Menschliche Schönheit“, mentis Verlag (Herbst 2021). Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1 "Icefloe" - Komponistin und Ausführende: Zoë Keating - Album: Snowmelt - Länge: 0'40 ERZÄHLERIN: Tiefschwarzer Hintergrund, davor – den Blick fest auf den Betrachter gerichtet – eine Frau. Nicht mehr jung, in braungrüner Winterjacke wohl auf einem Hocker sitzend. Ein pinkfarbenes Tuch, im Nacken zusammengebunden, auf dem Kopf, eine Tasche im Schoß, auf der ihre Hände liegen. Hände, die Arbeit gewohnt sind. ERZÄHLER: „Bildnis einer Marktverkäuferin“, Fotografie von Lia Darjes. ERZÄHLERIN: Ein klares, kraftvolles, intensives, ein schönes Bild. Von einem Menschen, den man beim ersten Hinsehen – und nach den gewohnten Maßstäben – vielleicht nicht unbedingt ‚schön‘ nennen würde. ERZÄHLER: Das Porträt gehört zur Serie „Tempora Morte“, die Lia Darjes, Fotografin aus Berlin, zwischen 2014 und 2016 in Kaliningrad aufgenommen hat. Am Straßenrand entdeckte sie dort während einer Künstlerresidenz kleine improvisierte Marktstände, an denen Obst, Gemüse und Blumen aus privaten Gärten verkauft wurde. Es brauchte einige Überzeugungsarbeit und mehrere Reisen, bis Darjes die Tische fotografieren durfte – und irgendwann auch die Menschen dahinter. O-TON 1, LIA DARJES, Projekt Kaliningrad: Das Misstrauen war da, dass ich das arme, verwahrloste Russland zeigen möchte, sozusagen diesen ganz westlichen, wohlhabenden Blick darauf werfen will, was Voyeuristisches. Und dann wurde es mit jeder Reise – also ich war insgesamt viermal dort in dem einen Jahr – wurde es mit jeder Reise leichter, weil ich immer Fotos mitgebracht habe und schon zeigen konnte: So möchte ich das fotografieren. Und mit jeder Reise wurde das leichter, dass sie verstanden haben, dass es eigentlich eher so eine Art kleine Huldigung ist. ERZÄHLER: Lia Darjes fotografierte die improvisierten Warentische wie barocke Stillleben: sattrote Früchte, helle Blüten, Fische auf Papier. Und die Verkäuferinnen und Verkäufer als herausgehobene Individuen in dunklem Umraum. Das erinnert an Porträts der Kunstgeschichte etwa in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts. ERZÄHLERIN: An Bildformate also, die das, was sie zeigen, „schön“ zeigen. Aber was ist das eigentlich, Schönheit? Und zeichnet die Schönheit des Menschen etwas Anderes aus als die von Dingen? MUSIK 2 "Put off" - Künstler und Komponist: Rei Harakami - Album: Red Curb - Länge: 0'32 ERZÄHLER: Schönheit liege, sagt ein Sprichwort, im Auge des Betrachters. Was erst einmal bedeuten kann, dass jeder nun einmal anderes schön finde. Richtig daran ist: Schönheit ist eine subjektive Erfahrung. Und das, obwohl Studien zeigen, dass bestimmte Merkmale für Schönheit im Sinne körperlicher Attraktivität immer wieder genannt werden – von unterschiedlichen Personen und sogar in unterschiedlichen Kulturen. O-TON 2, LISA SCHMALZRIED, körperliche Merkmale: Symmetrie scheint eine Rolle zu spielen, eine reine Haut scheint eine Rolle zu spielen, gewisse Körperproportionen sind entscheidend. ERZÄHLER: Erklärt die Philosophin Lisa Schmalzried vom Wittenberg-Zentrum für Globale Ethik, die zur menschlichen Schönheit forscht. Bei Frauen gilt außerdem ein Gesicht nach dem Kindchenschema mit großen Augen durchschnittlich als schön, ebenso wie ein Taille-Hüft-Quotient von 0,7. ERZÄHLERIN: Doch auch wenn sich das so beziffern lässt – ein einfaches Rechenspiel mit Maßen und Proportionen ist Schönheit nicht. O-TON 3, LISA SCHMALZRIED, Schönheitskriterien: Was es nicht gibt, ist so ein Kriterienkatalog, den wir abarbeiten können. Also starre Schönheitsideale, Schönheitsregeln, wo ich sage, ich nehme jetzt irgendwie diese Maske, lege sie auf mein Gesicht und sehe meine Nase ist so und so viel Millimeter zu lang. Ich lasse sie korrigieren, dann bin ich schön. So funktioniert es nicht. Das heißt, es gibt gewisse Faktoren, also physische, körperliche Faktoren, die wir verändern können. Aber das gibt uns keine Garantie, dass wir tatsächlich schön werden. ERZÄHLERIN: Zu sagen, Schönheit sei nichts „Objektives“, bedeutet auch: Sie ist keine rein „objektiv“ gegebene Eigenschaft von etwas, so wie zum Beispiel Wasser eben die Eigenschaft hat, flüssig zu sein, oder ein Koffer fünfeinhalb Kilo wiegen kann. „Schön“ ist eher eine Beziehungsvokabel als ein einfaches Eigenschaftswort, und wer einen anderen Menschen „schön“ nennt, sagt damit ebenso viel über sich selbst. ERZÄHLER: Auch die Fotografin Lia Darjes antwortet auf die Frage, ob es ihr in der Arbeit mit Menschen um Schönheit gehe, sehr persönlich: O-TON 4, LIA DARJES, Gesichter, die etwas erzählen: Ich fühle mich hingezogen zu manchen Gesichtern oder zu manchen Gestalten. So ist es vielleicht eher, ein Impuls von: Den oder diejenige möchte ich gerne fotografieren, weil mich das fasziniert. Und ich glaube, es geht dann viel auch darum, dass man das Gefühl hat, Gesichter sprechen mich irgendwie an. Ich glaube, das klassische Schönheitsideal empfinde ich dann häufig vielleicht auch eher als langweilig. ERZÄHLER: Auch deshalb, weil dieses Ideal nicht selten simpel an Alter geknüpft wird – oder besser gesagt an Jugend. O-TON 5, LIA DARJES, Jugend und Alter: Und ich glaube, das ist für mich, wenn ich jetzt fotografiere, keine Kategorie. Also es ist für mich vollkommen unrelevant, ob jemand alt oder jung ist. Es geht da, glaube ich, eher darum, dass Gesichter irgendwie Geschichten erzählen. ERZÄHLER: Und vielleicht können das ältere Gesichter sogar besser als junge, blanke, glatte. ERZÄHLERIN: Jedenfalls aber ist die Suche nach menschlicher Schönheit eine komplexe Sehnsucht: im Sichtbaren, Sinnlichen dem auf die Spur zu kommen, was gerade nicht an der Oberfläche liegt – und ganz sicher nicht einfach zu vermessen ist. MUSIK 3: "Put off" - Künstler und Komponist: Rei Harakami - Album: Red Curb - Länge: 1'24 ZITATOR: „Die Schönheit ist […] als die Bürgerin zweier Welten anzusehen“ … ERZÄHLER: … schrieb Friedrich Schiller 1793 in seinem Aufsatz „Über Anmut und Würde“. ZITATOR: „Ein glückliches Verhältnis der Glieder, fließende Umrisse, ein lieblicher Teint, eine zarte Haut, ein feiner und freier Wuchs, eine wohlklingende Stimme usf. sind Vorzüge, die man bloß der Natur und dem Glück zu verdanken hat.“ ERZÄHLER: Die „Schönheit des Baus“ oder die „architektonische Schönheit des Menschen“ nennt Schiller das. Doch der Mensch ist eben nicht nur ein Naturwesen, sondern zugleich eine Person: ZITATOR: „Die Art seines Erscheinens ist abhängig von der Art seines Empfindens und Wollens, also von Zuständen, die er selbst in seiner Freiheit und nicht die Natur nach ihrer Notwendigkeit bestimmt.“ ERZÄHLERIN: Was in der „Erscheinung“ des Menschen schön ist, soll also nicht nur der Körper sein, sondern auch die „schöne Seele“. Wer sie besitzt, ist auf eine freie, selbstverständliche, mühelose Weise er selbst – und strahlt genau das auch körperlich aus. ERZÄHLER: Die „schöne Seele“ ist ein Motiv, das im 18. Jahrhundert seine Blütezeit erlebte, kulturgeschichtlich jedoch bis in die Antike zurückreicht, so die Philosophin Lisa Schmalzried: O-TON 6, LISA SCHMALZRIED, schöne Seele Antike: Bei Platon, in den platonischen Dialogen ist es so: Die schöne Seele steht über der physischen Schönheit. Platon hat so eine Stufenleiter des Schönen, und es beginnt eben mit der Schönheit einzelner Körper und steigt dann auf bis zur schönen Seele, die sehr nahe bei ihm an der Idee des Schönen ist. Und was wir eben in der Antike verwurzelt sehen, ist der Gedanke, dass wir den Charakter einer Person, die geistigen Fähigkeiten einer Person als schön bezeichnen können. ERZÄHLERIN: Dabei wird diese Schönheit, was von heute aus betrachtet nicht unbedingt naheliegend erscheint, eng mit Tugendhaftigkeit verbunden: O-TON 7, LISA SCHMALZRIED, das Schöne und das Gute Antike: Obwohl es in der Antike die Unterscheidung zwischen dem Schönen und dem Guten gibt, verschwimmt diese Unterscheidung eben in Bezug auf die schöne Seele: Die gute, die tugendhafte Seele wird, grob gesprochen, zugleich auch zur schönen Seele. ERZÄHLER: Im 18. Jahrhundert dann ist die schöne Seele bei Jean-Jacques Rousseau die natürlich empfindende Seele, die sich nicht verstellt, von Konvention und Gesellschaft aber immer wieder zur Verstellung genötigt wird. Immanuel Kant beschreibt Schönheit als „Ausdruck des Sittlichen“, Goethe widmet ein ganzes Kapitel im „Wilhelm Meister“ unter dem Titel „Bekenntnisse einer schönen Seele“ der Selbst-Suche eine Frau zwischen Liebe, Intellekt und Spiritualität. ERZÄHLERIN: Auch in all diesen Beschreibungen schwingt etwas Moralisches mit: Die schöne Seele als empfindsam, feinfühlig, in sich ruhend. Nicht abhängig vom Blick der Leute oder den Launen der Mode. ERZÄHLER: „Wahre Schönheit kommt von innen“, noch so ein geflügeltes Wort. Aber ist das nicht eigentlich eine Umdefinition der Schönheit? Ein schaler Trost gegenüber den Ungerechtigkeiten, die die Lotterie der Gene dem Körper auferlegt? So jedenfalls sah es Friedrich Nietzsche, der in einer bösen Kritik über die Theoretiker der „schönen Seele“ festhielt: ZITATOR: „Sie verachteten den Leib: sie ließen ihn außer Rechnung: mehr noch, sie behandelten ihn wie einen Feind. Ihr Wahnwitz war, zu glauben, man könne eine ‚schöne Seele‘ in einer Mißgeburt von Kadaver herumtragen […], bis endlich ein bleiches, krankhaftes, idiotisch-schwärmerisches Wesen als Vollkommenheit, […] als höherer Mensch empfunden wurde.“ ERZÄHLERIN: Auf diesen Einwand ist zu antworten: Wenn man von „innerer Schönheit“ spricht, heißt das noch nicht, dass es auf das Äußere gar nicht ankäme. Sondern nur, dass das Äußere, unmittelbar Sichtbare eben nicht alles ist. Für Lisa Schmalzried macht gerade das menschliche Schönheit aus: O-TON 8, LISA SCHMALZRIED, das Expressive: Schönheit als ästhetische Eigenschaft hängt am Erscheinungsbild einer Person. Aber der zentrale Punkt ist zu sagen, dass das menschliche Erscheinungsbild nicht mit dem rein physischen Erscheinungsbild zusammenfällt, sondern wie eine andere Person uns auch rein sinnlich erscheint, hängt eben auch von expressiven Aspekten ab. Wir glauben in der Gestik, in der Mimik, teilweise vielleicht auch in den Mikro-Expressions, Hinweise auf den Charakter einer Person zu finden. Ich glaube, das können wir auch gar nicht ausblenden. Sobald wir eine Person als Person, als Menschen sehen, sind wir uns immer klar: Das Physische und das Expressive ist miteinander verschränkt, und dadurch spielt mehr in menschliche Schönheit rein als nur Körperlichkeit. ERZÄHLERIN: Das wäre dann auch ein Unterschied zwischen menschlicher Schönheit und der Schönheit von Dingen, für die diese Dopplung so nicht gilt. Oder allenfalls vermittelt: Wenn wir es etwa mit einem Kunstwerk zu tun haben, dann suchen wir darin vielleicht wieder nach dem Ausdruck menschlicher Erfahrung. ERZÄHLER: Schönheit als Individualität – das betont auch das Spiel mit kleinen Abweichungen von der Makellosigkeit: Schon im Rokoko klebte man sich künstliche Muttermale auf, die den Teint nur umso verführerischer strahlen lassen sollten. Und heute lächeln Models und Schauspielerinnen mit reizvollen Zahnlücken in die Kameras oder verzichten darauf, ihre zusammengewachsenen Augenbrauen zu korrigieren. Schönheit nicht als Perfektion, sondern als Persönlichkeit. MUSIK 4: "Icefloe" - Komponistin und Ausführende: Zoë Keating - Album: Snowmelt - Länge: 0'47 ERZÄHLERIN: Ein schwules Paar auf einem eleganten Bett vor einer fliederfarbenen Wand. Der eine Mann trägt Hemd und Hose, der andere einen orientalischen Seidenanzug, beide blicken selbstbewusst in die Kamera. Zwei Katzen sind mit im Bild: eine schwarze, aufrecht im Vordergrund auf dem Laken sitzend, dem Paar zugewandt, eine graue rechts an das Bein des einen Mannes geschmiegt. ERZÄHLER: „El-Farouk und sein Ehemann Troy, Toronto“, Fotografie von Lia Darjes. ERZÄHLERIN: Ein stilisiertes, ästhetisch fein abgestimmtes Bild aus der Serie „Being Queer. Feeling Muslim“. Lia Darjes fotografierte queere Musliminnen und Muslime weltweit, in ganz unterschiedlichen Posen und Kompositionen, zu Hause, in der Moschee, in Nahaufnahmen der Figur oder zusammen mit sprechenden Attributen. ERZÄHLER: Die alte Idee, im Körper drücke sich die Seele aus, ist in der Fotografie noch immer lebendig. Denn Fotos zeigen das Äußere – und wollen mehr als das Äußere zeigen. Wie nähert sich Lia Darjes der Aufgabe, Menschen ins Bild zu setzen, ihnen Raum zu geben für ihre Geschichte und Persönlichkeit? O-Ton 9, LIA DARJES, queere Muslime: Von Projekt zu Projekt gehe ich da unterschiedlich vor. Bei den queeren Muslimen war das eine ziemliche Herausforderung für mich, weil es da eigentlich nicht so eine visuelle Komponente gab, die sich durchzog, sondern weil es eher von der Diversität gelebt hat. Und dann musste ich mir überlegen: Okay, wie gehe ich damit um? Und hab mich dann eben auch für eine ganz diverse Bildsprache entschieden, wo ich wirklich an jedem Ort neu geguckt habe: Wie baue ich ein Bild auf? Das sind tatsächlich sehr konstruierte Porträts. Aber auch dort fühle ich mich der Dokumentarfotografie verhaftet in dem Sinne: Ich schlepp jetzt niemanden in einen Raum, wo er gar nicht hingehört oder ich gehe nicht mit jemanden in ein Studio, sondern ich gucke dann einfach, was vor Ort ist, und dann ist das eigentlich auch so ein Miteinander. ERZÄHLER: Einen Menschen zu zeigen, heißt immer, ihn zu inszenieren. Und Mittel und Möglichkeiten der Inszenierung haben längst nicht mehr nur Fotografinnen. Mit den neuen digitalen Medien führt jeder und jede Regie in einer alltäglichen Bilderpolitik der eigenen Person – und das vor den Augen der ganzen Welt. ERZÄHLERIN: Damit verändert sich auch unser Blick auf menschliche Schönheit. Philosophin Lisa Schmalzried: O-TON 10, LISA SCHMALZRIED, Bilder: Schönheit ist ein gesellschaftlich riesengroßes Thema. Das sieht man daran, dass schöne Menschen medial überrepräsentiert sind, das sehen wir an den sozialen Netzwerken. Gekoppelt daran die ganzen Filter, die uns dort zur Verfügung stehen, um uns selbst zu inszenieren und auch unser eigenes Aussehen zu verändern. MUSIK 5: "Put off" - Künstler und Komponist: Rei Harakami - Album: Red Curb - Länge: 1'02 ERZÄHLER: Farbfilter, Photoshop, digitale Übermalung und Retusche als Korrekturen der Wirklichkeit: Das muss man nicht kritisieren, weil es „unechte“ Bilder erzeugt – denn „echte“ Bilder gibt es vermutlich gar nicht. Und selbst wenn es sie gäbe: Warum sollten wir uns nicht so zeigen, wie wir gesehen werden möchten, wenn Schönheit doch mit Persönlichkeit und Selbstentwurf zu tun haben soll? ERZÄHLERIN: Das Problem ist…

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