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    Latest Episodes:
    Josef Guggenmos - Der "Poet für kleine Leute" Mar 21, 2025
    Show notes

    Schreiben für die kleinen Leute, das versprach Mitte des 20. Jahrhunderts wenig Renommee. Josef Guggenmos hat das geändert. Mit sprachspielerischem Witz, naturkundlichem Wissen und Liebe zur Beobachtung hat er Meisterwerke der Kinderlyrik geschaffen, die Generationen von Schülern prägen. Von Katharina Hübel (BR 2022)

    Credits:

    Autorin dieser Folge: Katharina Hübel
    Regie: Sabine Kienhöfer
    Es sprachen: Hemma Michel, Frank Mahnhold, Stefan Wilkening
    Technik: Daniela Röder
    Redaktion: Andrea Bräu
    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
    Literaturtipps:
    Ein Dichter, der für Kinder schreibt. Hg. von Hans-Joachim Gelberg. 1992 Beltz Verlag. Weinheim.
    Zeile, Dieter: Josef Guggenmos 1922-2003. Vergil für Kinder – Gugummer – Meister des Haiku. In: Lebensbilder aus dem Bayerischen Schwaben. Bd. 17. Hg. von Wolfgang Haberl. 2010. Anton H. Konrad Verlag. Weißenhorn, S. 381-412.
    Guggenmos, Josef: Gugummer geht über den See. 1957. Mitteldeutscher Verlag. Halle (Saale).
    Guggenmos, Josef: Der junge Naturforscher. Von Tieren und Pflanzen. 1967. Verlag Carl Ueberreuter. Wien, Heidelberg.
    Guggenmos, Josef: Wer nie ein Nilpferd gähnen sah… Tiere, dünn und dick, vier Dutzend Stück. 1969. Georg Bitter Verlag. Recklinghausen.
    Guggenmos, Josef: Was denkt die Maus am Donnerstag? 1971. DTV. München.
    Guggenmos, Josef: Gorilla, ärgere dich nicht! Ein Lachkabinett in Versen. 1971. Beltz&Gelberg. Weinheim und Basel.
    Guggenmos, Josef: Oh, Verzeihung, sagte die Ameise. 1990. Beltz&Gelberg. Weinheim und Basel.
    Guggenmos, Josef: Rundes Schweigen. Ausgewählte Haiku 1982-2002. 2016. BoD. Norderstedt.


    Westliche Forschende und indigene Völker - Wie sie gemeinsam Wissen schaffen Mar 21, 2025
    Show notes

    Westlich geprägte Naturwissenschaftler erforschen die Welt nach allgemein anerkannten Regeln. Indigene Völker besitzen generationenaltes, traditionelles Wissen über ihre Umwelt, doch das funktioniert völlig anders als in "der Wissenschaft". Wie kann eine Zusammenarbeit gelingen, damit beide Seiten profitieren? Von Dagmar Röhrlich (BR 2024) CreditsAutorin dieser Folge: Dagmar RöhrlichRegie: Ron SchicklerEs sprachen: Katja Amberger, Peter VeitTechnik: Laura Picerno, Regina StaerkeRedaktion: Yvonne Maier Im Interview:Dr. Helmut Groschwitz, Bayerische Akademie der Wissenschaften, Institut für Volkskunde;Tyler Jessen, Wildtierökologe von der Universität Victoria in British Columbia;Prof. Tero Mustonen, Ökologe, Gründer der Snowchange Cooperative;Dr. Henry Huntington, Direktor für die Arktis bei Ocean Conservancy;Ray Pierotti, Biologie-Professor an der Universität von Kansas Linktipps: Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung:BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek.ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Atmo laufendes Wasser Sprecherin Mehr als 600 Jahre. So alt ist die Tradition der Wässerwiesen in Oberfranken: Damals erdachten die Bauern ein System aus Schöpfrädern, ausgeklügelten Grabensystemen und Wehren, um mit zwei großen Nachteilen ihrer Region fertigzuwerden: ZSP 01 Helmut Groschwitz [14:57 – 15:46 ] „Es ist eine Region, die relativ niederschlagsarm ist und hat gleichzeitig sandige, wasserdurchlässige Böden, also eigentlich ganz schlechte Voraussetzungen für eine Wiesenwirtschaft.“ Sprecherin Die Bauern entwickelten und pflegten ihr ausgeklügeltes System, das Wasser aus Flüssen wie der Regnitz, Pegnitz oder Wiesent abzweigt. ZSP 01a Helmut Groschwitz [14:57 – 15:46 ] „Wenn der Boden zu trocken wird, zapft man quasi die Flüsse an, die dort durchlaufen, und überflutet die Wiesen ganz gezielt für ein paar Stunden. Durch die Gräben kann das Wasser wieder abfließen. Und in trockenen Jahren, sagen wir mal, so fünf- bis sechsmal muss dort gewässert werden. Und auf die Weise gibt es einen deutlich höheren Ertrag.“ MUSIK Aukai: "Colorado" (aukaimusic/ak-04) 01:12min Sprecherin Die alte Tradition wurde aus wirtschaftlichen Gründen entwickelt, damit auch im Sommer Gras wächst als Grünfutter für das Vieh. Doch sie brachte mehr als Grünfutter: Erst durch dieses Bewässerungssystem konnte eine artenreiche und ökologisch wertvolle Wiesenlandschaft entstehen, erläutert Helmut Groschwitz vom Institut für Volkskunde der Bayerischen Akademie der Wissenschaften: ZSP 02 Helmut Groschwitz: [00:16:04] „Wenn gewässert wird, dann stehen teilweise die Wiesen voller Störche, weil: Die freuen sich natürlich, weil viel von dem Bodengetier auch nach oben kommt. Weitere Effekte sind, dass der Grundwasserspiegel dort deutlich höher ist, dass man in der Region tatsächlich wenig Probleme mit Grundwasser hat.“ Sprecherin Im Dezember von der Unesco als immaterielles Kulturerbe der Menschheit geadelt, praktiziert heute kaum noch jemand die alte Technik. Dabei ist sie Teil eines uralten ökologischen Wissens, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Sprecherin Traditionelles Wissen darüber, wie natürliche Ressourcen geschützt und nachhaltig genutzt werden können, ist in allen Kulturen vorhanden. Doch bei indigenen Völkern ist dieser Schatz besonders groß. ZSP 03 Tyler Jessen [00:03:59] So generally indigenous knowledge tends to focus immediately on the areas in which these particular people might live. Right. They've been in these areas for a very long time and they have a lot of that intergenerational wisdom that accumulates. VO „Im Allgemeinen konzentriert sich dieses indigene Wissen unmittelbar auf die Gebiete, in denen diese Menschen leben. Denn sie leben schon sehr lange dort und haben über die Generationen hinweg viel Wissen angesammelt.“ Sprecherin Dieses Wissen sei durch genaue Beobachtung erworben worden, erklärt der Wildtierökologe Tyler Jessen von der Universität Victoria in British Columbia. ZSP 04 Tyler Jessen [00:03:59] The way in which indigenous peoples accumulate knowledge can be valuable actually for science. So in this in a sense, it is very place based and it is very specific. But at the same time, there are lessons that everybody can learn from different indigenous cultures around the world. VO „Die Art und Weise, wie indigene Völker Wissen ansammeln, kann sogar für die Wissenschaft sehr wertvoll sein. Auf gewisse Weise ist alles sehr ortsbezogen und sehr spezifisch. Aber gleichzeitig gibt es Lektionen, die jeder von verschiedenen indigenen Kulturen auf der ganzen Welt lernen kann.“ MUSIK Aukai: "Alto Paraíso" (aukaimusic/ak-01) 00:45min Sprecherin Deshalb ist dieses überlieferte Wissen ins Zentrum des Interesses der modernen Wissenschaft gerückt. Dabei prallen zwei Welten aufeinander: Auf der einen Seite die messwertgetriebene, exakte Forschung, die genau bestimmt, wieviel Kohlendioxid in der Atmosphäre ist oder wie schnell die Meere versauern. Auf der anderen Seite steht das Erfahrungswissen der Menschen, deren Überleben seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden von ihrem Wissen über die Umwelt abhängt. Doch beide können sich ergänzen. ZSP 05 Tero Mustonen [17:40 bis 18:17] I have personally found it to be very rewarding when we have been able to work with Sami elders, for example, on 100 years of change, looking at the place names, how vegetation and tree line, for example, has been changing. So that... They were able to identify habitats that were there 80 years ago. And now we have the greening of the Arctic and species on the move. So many of the southern species are moving to the tundra to the... From temperate areas into the boreal forest and so on. VO „Ich fand es persönlich immer sehr bereichernd, wenn wir mit den Ältesten der Samen zusammenarbeiten konnten, um zum Beispiel den Wandel in der Arktis während der vergangenen 100 Jahre nachzuvollziehen. Allein in ihren Ortsnamen kann man erkennen, wie sich die Vegetation verändert hat. Sie sagen uns, wie es vor 80 Jahren an Orten ausgesehen hat, in denen heute Arten aus gemäßigten Zonen einwandern.“ MUSIK CBAWZ2101520 Time On Saturn 01:43 Sprecherin Sagt der Professor Tero Mustonen (Terro Muss-to-nen). Der Ökologe ist selbst Finne, und einer der prominentesten Vertreter der Zusammenarbeit von Naturwissenschaft und indigenen Völkern. Er ist Gründer der Snowchange Cooperative, die im gesamten Arktisraum für den Erhalt der Ökosysteme und der lokalen Kultur eintritt. ZSP 06 Tero Mustonen [22:55 bis 23:45] For example, in northern Sweden, in an area close to Jokkmokk there's a place name called Biehtsiesjaure which means in translation, Scots Pine or Pine Lake. But it's today all filled with birch trees because of the ecosystem changes. And then I worked with some of the ladies in the area to ask them why is it called Scots Pine Lake in Sami language? And they started to explain, that when they were young, in their parents time, that was mostly dominated by scots pines, which is completely different boreal ecosystem than the birch forests that are there now. VO „Zum Beispiel gibt es in Nordschweden bei Jokkmokk einen Ort, der auf Samisch Bietsiesjaure [Pi-etsches-jauri] heißt. Übersetzt bedeutet das Kiefern oder Kiefernsee. Aber das gesamte Gebiet ist heute ein Birkenwald. Ich habe die samischen Frauen, mit denen ich dort zusammenarbeite, gefragt, warum es Kiefernsee heißt. Und sie haben mir erklärt, dass die Gegend zur Zeit ihrer Eltern und noch in ihrer Jugend von Kiefern geprägt war. Das ist ein völlig anderes Ökosystem als die Birkenwälder von heute.“ Sprecherin Dieses Umweltwissen der samischen Frauen ermöglicht einen Blick zurück in Zeiten ohne Messwerte und Aufzeichnungen – das ist ein unschätzbarer Vorteil in Gebieten wie der Arktis, die sich durch den Klimawandel schnell verändern. Außerdem kann dieses traditionelle Wissen über ökologische Zusammenhänge der Forschung ganz neue Dimensionen eröffnen, sagt Henry Huntington. ZSP 07 Henry Huntington [00:09:19] So, in the in 1995, I was doing my my first project documenting indigenous knowledge. And this in this case we're talking about beluga whales in western Alaska and three elders from the communities of Elim, Shaktoolik and Koyuk had had come together, were sitting around a table talking about belugas. VO „1995 führte ich mein erstes Projekt durch, um indigenes Wissen zu dokumentieren. Es ging um Belugawale im Westen Alaskas, und aus den Gemeinden Elim, Shaktoolik and Koyuk waren drei Älteste zusammengekommen, saßen an einem Tisch und sprachen über Belugas.“ Sprecherin Dr. Henry Huntington ist wissenschaftlicher Direktor für die Arktis bei der gemeinnützigen Organisation Ocean Conservancy. Seit Mitte der 1990er Jahre arbeitet er mit indigenen Völkern in Alaska zusammen: ZSP 08 Henry Huntington [00:09:19] And in the conversation about beluga whales somehow the conversation turned to beavers instead and I thought, okay, that means they're mammals, they swim. But you know, this is the wrong species. Why are we talking about beavers and and so on? And one of the elders looked at me and said, do you understand why we're talking about beavers? I said, Well, no, not really. And he said, well, the point is that the beavers around here, the population is increasing. That means they're damming up more streams. And those are the streams where the fish spawn that the belugas are eating down in the bay. And once he explained it, of course the connection is very clear. VO „Und während wir über die Belugawale sprachen, kam das das Gespräch stattdessen irgendwie auf Biber und ich dachte, okay, das sind Säugetiere, sie schwimmen, aber das ist die falsche Art. Warum reden wir über Biber? Und einer der Ältesten sah mich an und sagte: ‚Verstehst du, warum wir über Biber sprechen?‘ Ich sagte: ‚Na ja, nein, eigentlich nicht.‘ Und er sagte: ‚Na ja, es geht darum, dass die Biberpopulation hier in der Gegend zunimmt. Das bedeutet, dass sie immer mehr Bäche aufstauen. Und das sind die Bäche, in denen die Fische laichen, die die Belugas unten in der Bucht fressen.‘ Und nachdem er es erklärt hatte, war der Zusammenhang natürlich sehr klar Sprecherin Die Biberdämme verhindern, dass Fische zu ihren Laichgründen gelangen, was dann wiederum weniger Beute für die Belugas und damit weniger Wale bedeutet. ZSP 09 Henry Huntington [00:09:19] But I at least never would have anticipated talking about beavers in relevance to belugas. And I think most scientists wouldn't have. One is the freshwater sort of land associated animal. The other is a saltwater animal. And it took people who spend time in both domains, who understand the entirety of their local environment to see those kinds of connections. And to me, that was a huge eye opener. That boy, there's just so much more so much richer, deeper, richer knowledge here to be gathered from people who see this whole area as one complete system. VO „Doch ich zumindest hätte nie erwartet, dass man im Zusammenhang mit Belugas über Biber spricht – und die meisten Wissenschaftler hätten das wohl auch nicht: Das eine ist ein an Land lebendes und mit Süßwasser assoziiertes Tier, das andere ein Salzwasserbewohner. Es brauchte Menschen, die viel Zeit in beiden Bereichen verbringen, um diese Art von Verbindungen zu erkennen. Für mich war das ein Augenöffner. Es gibt hier so viel mehr, so viel tieferes, reichhaltigeres Wissen, das von den Leuten gesammelt werden kann, die dieses ganze Gebiet als ein komplettes System sehen.“ MUSIK Aukai: "Turning Days" (aukaimusic/ak-04) 01:06min Sprecherin Inzwischen wird dieses traditionelle Wissen nicht mehr nur von „exotischen“ Disziplinen wie der Ethnobiologie untersucht, sondern auch von – wenn man so will – Mainstream-Forschern. Mit Fernerkundung lässt sich zwar problemlos messen, wie sich Baumkronen durch den Klimawandel verändern. Doch was es wirklich bedeutet, wie sich die Umwelt dadurch verändert, das wissen die Jäger und Fischer am besten: Sie bekommen selbst in entlegenen Gebieten mit, was passiert – etwa, dass Rentiere andere Wanderrouten wählen. Die Zusammenarbeit dieser beiden Wissenswelten funktioniere jedoch nur, wenn die Partnerschaft auf Augenhöhe sei, urteilt Tyler Jessen. Dabei muss in den meisten Fällen erst einmal tief sitzendes Misstrauen gegenüber der Wissenschaft abgebaut werden. Denn deren Ruf ist bei vielen indigenen Völkern alles andere als gut. ZSP 10 Tyler Jessen [00:10:30] So, in the past, there has been a difficult relationship between a lot of indigenous peoples and Western scientists. And that stems from the the, you know, the bad reputation that science might have in a lot of these communities in that it was oftentimes very extractive in a sense. There was the the scientist would come into the community and would, you know, ask their questions for their own purposes, for their own research needs, then they would leave. And there was really no benefit to the community. In fact, there could be harm to whatever community they might be working with. So, as far as the relationship at least It is moving towards a more beneficial, mutually beneficial that is relationship between indigenous communities and scientists. VO „In der Vergangenheit war die Beziehung zwischen westlichen Wissenschaftlern und indigenen Völkern oft sehr schwierig. Die Wissenschaft hat in vielen dieser Gemeinschaften einen schlechten Ruf, weil sie die Menschen ausgebeutet hat. Die Forscher kamen, stellten Fragen für ihre eigenen Zwecke und verschwanden wieder. Für die Gemeinschaft gab es keinen wirklichen Nutzen. Im Gegenteil, es konnte ihnen sogar schaden. Inzwischen entwickeln sich die Beziehungen häufig mehr zum gegenseitigen Nutzen.“ Sprecherin Für die Wissenschaftler bedeutet das, dass ihre Forschungsziele durchaus hinterfragt werden, allgemeine Verweise auf „Fortschritt“ reichen oft nicht aus. Was am Ende zählt, sind Vertrauen und persönliche Verbindung. ZSP 11 Tyler Jessen [00:27:26 bis 28:08; 24:04 bis 25:13] The first thing that I'd say that is that it just does take time. It does take a long time. I'm, I'm... There can be years that go by for for this kind of research. And that is just the nature of it. There is a saying that says that we don't there is a saying that says that we operate at the speed of trust. And I think that that's a very important thing to consider. // Relationships matter a lot with these indigenous communities. They matter a lot. It's it's that kind of transparency and reciprocity and working towards mutually beneficial research agreements is very, very important to Indigenous communities. VO „Meiner Meinung nach ist Zeit das Wichtigste, viel Zeit. Bei solchen Forschungsprojekte können Jahre ins Land gehen. Das ist einfach so. Es gibt eine Redensart: Wir arbeiten mit Vertrauensgeschwindigkeit. Und ich glaube, das ist sehr wichtig im Kopf zu behalten. Im Kontakt mit indigenen Gemeinschaften bedeuten Beziehungen viel. Transparenz, Gegenseitigkeit und gemeinschaftliches Arbeiten auf Vereinbarungen zu gegenseitigem Nutzen hin ist diesen Gemeinschaften sehr wichtig.“ MUSIK Aukai: "Turning D…

    Full show notes at the publisher

    Die glückliche Gesellschaft - Kann man von Finnland lernen? Mar 20, 2025
    Show notes

    Viel Natur, viel Platz, viele Saunen. Und dazu eine verantwortungsvolle Politik in Sachen Bildung, Gesundheit, Energie. Es klingt nach einem recht einfachen Rezept, das die Finnen laut Umfragen seit Jahren zum glücklichsten Volk der Welt macht. Dabei ist es dort oft kalt und dunkel. Was können wir von Finnland lernen? Von Bernd-Uwe Gutknecht (BR 2023)

    Credits
    Autor dieser Folge: Bernd-Uwe Gutknecht
    Regie: Frank Halbach
    Es sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann, Diana Gaul, Jerzy May
    Technik: Mechthild Homburg
    Redaktion: Iska Schreglmann

    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

    Interviewpartner/innen:
    Milla Bruneau, Executive Director of Green Lahti;
    Julia Kykkänen, Profi-Skispringerin;
    Maaria Alén, Sauna-Heilerin;
    Ari Yrgölä, Feriendorf Lehmonkärki;
    Katja Pantzar, Sisu-Expertin, Autorin;
    Marjo Kyllönen, Head of Education der Stadt Helsinki;
    Laura Aalto, Executive Director for Culture and Leisure der Stadt Helsinki;
    Eemeli Hakoköngas, Sozialpsychologe an der Universität Helsinki

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    Mit eigenen Händen - Vom Glück, etwas zu erschaffen
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    Literaturtipps:

    Katja Pantzar: „Sisu: Der finnische Weg zu Mut, Ausdauer und innerer Stärke“.
    Die Autorin hat in mehreren Ländern weltweit gelebt und vergleicht die Mentalität der Finnen mit anderen Völkern.

    Bernd Gieseking: „Finne dein Glück: Eine Spurensuche im Land der Mitternachtssonne“.

    Der Autor ist auf jeden Fall Finnland-Fan, beschreibt die glücklichen Finnen auf sehr unterhaltsame Weise.

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.


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    Der große Zapfenstreich - Nationale Machtfantasie oder Einheitssymbol? Mar 20, 2025
    Show notes

    Mit dem Großen Zapfenstreich verabschiedet die Bundeswehr feierlich hohe Würdenträger der Bundesrepublik. Dass dazu neben Militärmusikern sowohl Bewaffnete als auch Fackelträgern aufmarschieren, erfüllt heute nicht Wenige mit Unbehagen. Kritiker fordern immer wieder, den Großen Zapfenstreich abzuschaffen. Von Frank Halbach (BR 2024) CreditsAutor dieser Folge: Frank HalbachRegie: Frank HalbachEs sprachen: Rahel Comtesse, Christoph JablonkaTechnik: Ursula KirsteinRedaktion: Andrea Bräu Im Interview:Prof. Dr. Urban Bacher, Autor des Buches „Deutsche Marschmusik. Hintergründe, Geschichte und Tradition der Musik der Soldaten“. Linktipps: Wie wir ticken - Euer Psychologie PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek.ZUM PODCAST Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir:ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSENSkurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks.DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks.EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Literaturtipps: Urban Bacher: Deutsche Marschmusik. Hintergründe, Geschichte und Tradition der Musik der Soldaten. 2. erweiterte Auflage, Konstanz 2019. Markus Euskirchen: Militärrituale. Analyse und Kritik eines Herrschaftsinstruments, Köln 2005. Manfred Heidler (Hg.): Militärmusik im Diskurs. Eine Schriftenreihe des Militärmusikdienstes der Bundeswehr. Militärmusik und bürgerliche Musikkultur. Dokumentationsband zum gleichnamigen Symposium von 4. Bis 5. September 2018, Bonn 2018. Bernhard Höfele: Großer Zapfenstreich der Bundeswehr von Wilhelm Wieprecht, Bonn 2012. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1 „Yorckscher Marsch“; ZEIT: 00:54 SPRECHERIN (leicht ergriffen) Fackellicht erhellt flackernd die Nacht, taucht die Musiker, die zu einem würdevollen Zeremoniell antreten, in schimmerndes Licht – eindrucksvoll, feierlich… SPRECHER (kritisch) Sie marschieren auf: Behelmte Fackelträger, blinkende Waffen – martialisch, antiquiert, überholt. SPRECHERIN (zugewandt) Ein Staat brauchen Traditionen, Symbole und Zeremonielle. Sie prägen auch das Bild der Bundeswehr in der Gesellschaft. SPRECHER (kritisch) Militärischer Mummenschanz mit Fackelmärschen deutscher Soldaten vor dem Reichstag – das erinnert an die dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte. SPRECHERIN (unterbricht) Das „Hochamt“ deutscher Militärmusik sorgt – wie zum Beispiel bei der Ehrung der Afghanistan-Veteranen der Bundeswehr 2021 - immer wieder für hitzig geführte Debatten. MUSIK ENDE MUSIK 2 „Meldung“ ; ZEIT:00:05 SPRECHERIN Der Große Zapfenstreich. SPRECHER Das in der Gesellschaft bekannteste militärische Zeremoniell der Bundeswehr. Mit dieser musikalischen Abendzeremonie werden scheidende Amtsträgerinnen und Amtsträger der Bundesrepublik Deutschland geehrt, aber auch besondere Jubiläen oder Anlässe feierlich begangen. SPRECHERIN Heißt es auf der Website der Bundeswehr. O-Ton 1 Bacher (01:39) Der Zapfenstreich hat eine sehr alte Tradition. Im Prinzip ist es ein Abendritual, dass die Preußen perfektioniert haben und zum besonderen Anlässen in der Abenddämmerung aufführen. SPRECHER Erklärt Dr. Urban Bacher, Professor für Betriebswirtschaftslehre und Bankmanagement. In seinem 2019 in erweiterter zweiter Auflage erschienenem Buch „Deutsche Marschmusik“ hat sich Urban Bacher intensiv mit den Hintergründen, der Geschichte und der Tradition der deutschen Militärmusik auseinandergesetzt - vom Mittelalter über Preußens Blüte, von der Wehrmacht bis hin zur Bundewehr. O-Ton 2 Bacher (03:46) Im späten Mittelalter gab es noch keine stehenden Heere oder auch Kasernen. Die Soldaten waren oft Söldner, die am Abend Karten spielten oder sich betrunken in Wirtshäusern vergnügten. Ein besonderer Feldwebel der Profos - heute wurde man Spies sagen, oder noch besser die Feldjäger - der musste für Ordnung sorgen: Er strich mit seinem Stock oder mit seinem Säbel über den Zapfen des Bier- oder Weinfasses. Damit war jeder Ausschank sofort beendet. Jeder Soldat musste unverzüglich sein Bett aufsuchen. Oft war der Profos in Begleitung eines Trommlers und Pfeiffers - Spiel genannt - und sie spielten das letzte Stück eben: Zapfenstreich. MUSIK 3 „Marsch der Querpfeifer“; ZEIT: 00:26 SPRECHERIN Urkundlich erwähnt wird solch ein musikalisches Abendsignal in Verbindung mit dem „Zapfenschlag“ erstmals 1596. SPRECHER In großen Feldlagern gab es statt Musik zur Guten Nacht auch schon mal einen Kanonenschuss als ultimative Aufforderung zur Nachtruhe. Geräusch Kanone – Musik ENDE SPRECHERIN Die heutige musikalische Zeremonie des Großen Zapfenstreichs hat sich zu einer rituellen Verabschiedung entwickelt. Zugleich ist sie die höchste Auszeichnung, die die Bundeswehr einer Zivilperson zollen kann. SPRECHER Vorbehalten den Ämtern von Bundespräsident, Bundeskanzler und Verteidigungsminister. SPRECHERIN Doch werden keineswegs nur Zivilisten, sondern auch Militärs im Rang von General, Generalleutnant, Admiral oder Vizeadmiral beim Ausscheiden aus dem aktiven Dienst mit Großen Zapfenstreich verabschiedet. O-Ton 3 Bacher (07:55) Dann wird der Zapfenstreich bei großen Jubiläen des Staates aufgeführt, zum Beispiel 60 Jahre Bundeswehr oder bei Ende eines großen Einsatzes. SPRECHER So dass das etwa 20-minütige Zeremoniell von der Bundeswehr in Deutschland auch ohne größeres Medieninteresse jährlich etwa 20- bis 30-mal durchgeführt wird. MUSIK 4 „Fanfaren der Feldtrompeter“; ZEIT: 01:25 SPRECHERIN Vom spätmittelalterlichen Zapfenstreich bis zur großen musikalischen Zeremonie war es freilich ein weiter Weg. SPRECHER Seit jeher dienen Soldaten auch dazu, die Mächtigen zu repräsentieren: So begannen einst zunächst einzelne Bläser, mit ihren Signalen die Befehle der Machthaber eindringlich, hoheitsvoll und weithin hörbar kundzutun. Daraus entwickelte sich die Militärmusik. SPRECHERIN Die spätestens seit dem 19. Jahrhundert durch die Besetzungen der Militärorchester, die Professionalisierung der Musiker sowie der Ausweitung des Repertoires auch darauf abzielt, ein Gefühl von Verbundenheit, Einheit und Zusammenhalt in den Nationalstaaten zu erzeugen. SPRECHER In der höfischen Gesellschaft sind der fürstlich musizierende Hoftrompeter und der militärisch blasende Feldtrompeter oft ein und dieselbe Person. Signale als akustische Befehle gehören als hörbare Aufforderungen im höfischen Leben ebenso zum Alltag wie rein repräsentative Musik zur Routine des Heers. MUSIK ENDE SPRECHER In der Antike berichtet unter anderem Gaius Julius Cäsar in seinen Aufzeichnungen zum Gallischen Krieg vom „classicum“. Das bezeichnet erstens ein Instrument, die Kriegstrompete der Römer, zweitens Signale, die mit dieser Trompete gegeben werden und drittens einen Ablauf von Signalen, die als Abendmusik zur Ehrung eines Feldherren gespielt werden. SPRECHERIN Musik also, die Respekt, Anerkennung und Würdigung zum Ausdruck bringen soll. SPRECHER Zwar gibt es Quellen aus dem 16. Jahrhundert über Militärmusik, der Begriff „Zapfenstreich“ im Zusammenhang mit Musik im Rahmen solcher Abendveranstaltungen findet sich aber das erste Mal erst 1726. An gleicher Stelle finden sich auch Schilderungen über Predigten und Betstunden, die abends im Lager der Soldaten abgehalten wurden. Getrennte Veranstaltungen, die zusammenwachsen sollten. MUSIK 6 „Gebet“; ZEIT: 01:21 O-Ton 5 Bacher (22:43) 1813 gab es ein Schlüsselereignis. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. War vom russischen Zaren Alexander I. zum Truppenbesuch in ein Feldlager bei Leipzig eingeladen. Nach dem Signal zum Zapfenstreich haben die Soldaten dort einen Choral gesungen. Dieses Abendsignal hat den König ergriffen. Sofort hat er seinen Generalleutnant befohlen, dass er das auch will. Seine Soldaten sollen jeden Abend nach dem Signal zum Zapfenstreich ihre Kopfbedeckung abnehmen. Innehalten für ein kurzes Gebet und bei feierlichen Anlässen sollen die Trompeter ein Abendlied blasen. (…) 13:26 Seither wird das Abendsignal Preußischer oder Russischer Zapfenstreich genannt. SPRECHERIN Ein deutlicher Ausdruck des religiösen Selbstverständnisses der sogenannten „Heiligen Allianz“ von Preußen, Österreich und Russland während der antinapoleonischen Befreiungskriege. Die Melodie, die bis heute zum Gebet im Großen Zapfenstreich erklingt, ist der Choral „Ich bete an die Macht der Liebe“ des ukrainischen Komponisten Dmitri Stepanowitsch Bortnjanski. MUSIK kurz hoch O-Ton 6 Bacher (23:40) Der Choral ist der eigentliche Höhepunkt des Großen Zapfenstreichs. Mehrfach wurde versucht, das Lied „Ich bete an die Macht der Liebe“ zu ersetzen. Vergeblich - zu zart, zu melodisch zu ausdrucksstark ist dieser Choral unter freiem Himmel im Fackelschein. SPRECHER Als fester Bestandteil etabliert sich die Melodie Bortnjanskis, seit sie im Rahmen eines öffentlichen Konzertes innerhalb des Großen Zapfenstreichs erklungen ist: Am 12. Mai 1838 besucht Zar Nikolaus I. König Friedrich Wilhelm III. von Preußen. Beauftragt mit „allen in Berlin stationierten Militärkapellen“, zu diesem Anlass ein eindrucksvolles Konzert zu veranstalten, wird der Musikdirektor des Musikkorps des preußischen Gardekorps: Wilhelm Friedrich Wieprecht. MUSIK ENDE O-Ton 7 Bacher (15:02) Er war Opernmusiker und spielte Violine, Posaune und Klarinette. Sein Vater war Kavallerietrompeter, dann Stadtmusikdirektor in der Nähe von Halle. Wieprecht war ein Tausendsassa. Bereits mit 25 Jahren hatte er sein Herz an die Militärmusik verloren. Ohne militärische Ausbildung wurde er preußischer Generalmusikdirektor. Er kümmerte sich um die einheitliche Stimmung der Kapellen und um die professionelle Ausbildung der Musiker. MUSIK 5 Privat Take 021 „Parademarsch Nr.1”; Album: Berliner Schlossmusiken; Label: Capriccio – 2545385; Interpret: Berlin Radio Symphonie Orchester/ Sebastian Weigle; Komponist: Wilhelm Wieprecht; Zeit: 00:30 + Atmo Feuerwerk SPRECHERIN Zum Besuch des Zaren bietet Wieprecht über 1.000 Musiker mit 200 Tambouren, Trommlern und Pfeifern und 50 Schellenbäumen auf - umrahmt von einem pompösen Feuerwerk. SPRECHER Sich selbst lässt der Maestro zu solch besonderen Anlässen später übrigens gerne mit Kanonendonner ankündigen. MUSIK ENDE SPRECHERIN 1867 gewinnt Wieprecht den Wettbewerb der Militärkapellen auf der Weltausstellung in Paris vor einer Jury, der unter anderem aus Ambroise Thomas, Hans von Bülow und Léo Delibes angehören. Napoleon III. lädt ihn zweimal nach Versailles ein und verleiht ihm das Ehrenkreuz der französischen Ehrenlegion. SPRECHER 1856 formt Wieprecht einen festen militärischen und musikalischen Ablauf des Zapfenstreichs. Seine Form wird für alle Preußischen Armeen angeordnet. Wieprechts Zapfenstreich wird zwar bis zum Jahr 1918 vielerorts variiert, bleibt aber das maßgebliche Fundament bis zum heute noch verbindlichen Ablauf. Wobei zunächst die exakte Festlegung, welches Musikstück genau denn mit Bezeichnungen wie „Retraite“ oder „Abendlied“ gemeint sei, erst mit dem Erscheinen der gedruckten Partitur im Jahr 1872 zweifelsfrei geklärt ist. SPRECHERIN Ein Jahr nach der Gründung des Deutschen Kaiserreichs, das den Preußischen Zapfenstreich zum Zapfenstreich des „geeinten“ Deutschland macht. MUSIK 7 „Heil dir im Siegeskranz“; ZEIT:00:41 SPRECHER Im Ablauf des Großen Zapfenstreichs wurde fortan bei Anwesenheit des Monarchen vor dem Gebet die Kaiserhymne „Heil dir im Siegerkranz“ intoniert. SPRECHERIN Deren Melodie identisch mit der britischen Nationalhymne ist –eine offizielle Nationalhymne hatte das Deutsche Kaiserreich nicht. MUSIK ENDE Die gibt es erst 1922 in der ersten parlamentarischen Demokratie Deutschlands: MUSIK 8 F100090 101 „Deutschlandlied“; ZEIT: 00:12 das Deutschlandlied mit dem von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben 1841 verfassten Text zur Musik Joseph Haydns. MUSIK ENDE SPRECHER Die Nationalhymne ersetzt die Kaiserhymne und soll auch so die Symbolkraft des Großen Zapfenstreichs einerseits für den Zusammenhalt und die Gemeinschaft der Streitkräfte festigen und andrerseits zugleich die Verbundenheit zwischen Bundeswehr und den Bürgerinnen und Bürgern fördern. SPRECHERIN Deswegen erscheint es umso wichtiger, über den Zeitraum zwischen Weimarer Republik und Bundesrepublik Deutschland bzw. Deutscher Demokratischer Republik zu sprechen. O-Ton Bacher 8 (25:12) Hitler und seine Parteifreunde haben die Wirkung von Trommeln und Pfeifen, Fanfaren und Pauken schnell erkannt und Marschmusik für ihre Zwecke instrumentalisiert. Der Rundfunk damals begann in der Nazizeit schon früh am Morgen mit Marschmusik. Die Wochenschau wird von Militärmusik gewöhnlich untermalt. Die Zeit ganz großer Appelle und Aufmärsche war gekommen. Der einfache Soldat lernte Soldatenlieder. Um der Welt zu imponieren gab es Groß-Konzerte zum Beispiel anlässlich der Olympiade 1936. Und ganz große Aufmärsche gab es zum Beispiel zu Führers Geburtstag. Der Große Zapfenstreich wurde zwar auch aufgeführt, ein Abendsignal mit einem Choral im Zentrum, setzte aber nicht das ideale Zeichen für die Partei. Für die Propaganda und für einen Aufbruch eigneten sich Appelle zackige Wachaufzüge und große Vorbeimärsche viel besser. SPRECHER Erläutert der Militärmusikexperte Urban Bacher. SPRECHERIN Die Nationalsozialisten konnten ihre Finger vom Zapfenstreich ebenso wenig lassen wie von allem anderen, das pathetisch, und eindrucksvoll genug schien, der Ideologie der Volksgemeinschaft „zu dienen“. ATMO Marschieren Wenige Stunden, nachdem Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden ist, marschierten Kolonnen der SA, SS und anderer Nationalsozialistischer Organisationen mit lodernden Fackeln in einem pompösen Siegeszug durch das Brandenburger Tor. SPRECHER Ick kann janich so viel fressen, wie ick kotzen möchte! SPRECHERIN Kommentiert der weltberühmte Maler Max Liebermann, als die braunen Horden unter seinem Fenster vorbeidefilieren. SPRECHER Joseph Goebbels, der spätere Reichspropagandaleiter, hingegen ist hellauf begeistert: Ein Marsch für die Ewigkeit, der Aufbruch in ein tausendjähriges Reich. Für die Nachwelt eindrucksvoll festgehalten – SPRECHERIN Allerdings hatten die für die Nachwelt dokumentierenden Hitler-Begeisterten noch wenig Erfahrung mit Medien wie Fotografie oder Film, so dass vom pompösen Fackelzug lediglich ein Haufen verwackelter Bilder blieb. SPRECHER Weshalb Goebbels den Triumphzug im Fackelschein ein paar Monate später nachstellen ließ. SPRECHERIN Gewissermaßen nachgestellt wird auch der etablierte Große Zapfenstreich in einer Variante, die dem ideologischen Charakter des Dritten Reichs besser entsprechen soll. Wilhelm Schierhorn, Musikinspizient der Deutschen Polizei, komponiert den sogenannten „Großen Zapfenstreich der Deutschen Polizei“. SPRECHER Veröffentlicht 1939, wird Schierhorns Werk ein Jahr später in „Großer Abendruf der Deutschen Polizei“ umbenannt – ein Zeichen für die Eigenständigkeit der Reichspolizei im Verhältnis zur Wehrmacht, auch in musikalischer Hinsicht. Die Aufführung bleibt allein den Musikkorps der Polizei und der SS vorbehalten. In Runderlassen wird Schierhorns Marsch „Schutz und Trutz“ für die Feuerwehren angeordnet sowie die propagandagerechte Pflege von Marsch- und Chorgesang geregelt. SPRECHERIN Die Nationalsozialisten versuchen sich den Großen Zapfenstreich wie so viele andere wirkmächtige Rituale, Musik und Ästhetik, zu eigen zu machen, versuch…

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    Die Pfütze - Ein Versteck zum Überleben Mar 20, 2025
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    Pfützen gelten als kleinste Gewässer. Die Ökosysteme, die sich darin ausbilden, sind hingegen bunt und vielfältig. Bakterien und Algen, Bärtierchen und Amöben, Mückenlarven und Kaulquappen. Gleich nach dem Regen wuselt das Leben und selbst in ausgetrockneten Lachen ist noch was los. Von Susi Weichselbaumer (BR 2024) CreditsAutorin dieser Folge: Susi WeichselbaumerRegie: Susi WeichselbaumerEs sprachen: Katja Amberger, Burchard Dabinnus, Diana GaulTechnik: Andreas LuckeRedaktion: Iska Schreglmann Im Interview:Rainer Meckenstock, Professor für Aquatische Mikrobiologie an der Universität Duisburg-Essen ;Herwig Stibor, Professor für Aquatische Ökologie an der LMU;Lars Hendrich, Insektenspezialist an der Zoologischen Staatssammlung München Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Gartenteich - Paradies für Seerosen und CoJETZT ANHÖREN Grundwasser - Ein geheimnisvoller LebensraumJETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO Spielplatz 1/ MUSIK Sandbath 0.47 min ERZÄHLERIN Am Nachmittag auf dem Spielplatz – es hat den ganzen Morgen über geregnet. Zwischen Rutsche und Klettergerüst stehen große, kleine, mittlere Pfützen. 1 ZU 4 V: Ihhhh / W: Da versickert man! GELÄCHTER ERZÄHLERIN Für die Kinder in den knallbunten Gummistiefeln ist es ein einziges Schlammfest. 2 ZU 5 Q: Ja!!! PLATSCH Juhu!!! ATMO/ MUSIK ENDE ERZÄHLER Herwig Stibor teilt diese Begeisterung. Er ist Professor für Aquatische Ökologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München – ERZÄHLERIN Und leidenschaftlicher Pfützenforscher: 3 ZU Stibor 16:53 Allein die faszinierenden Abläufe in diesem Ökosystem sollten einem Respekt abfordern. ERZÄHLERIN Denn: Obschon die Forschung sie führt als die kleinsten stehenden Gewässer, die obendrein oft nur kurze Zeit existieren: In Pfützen und Lachen tobt enorm viel – ERZÄHLER Und vielfältiges Leben. MUSIK Lightfooted reduced 0.10 min ZITATORIN Typisches Pfützenbeispiel: Wasser im Wald. ATMO WALD/ MUSIK Field Day 0.47 min ERZÄHLERIN Die Waldbäume reihen sich dicht an dicht. Durch die grünen Wipfel dringt ab und an ein Sonnenstrahl. Der Regenschauer ist vorbei. Es riecht nach feuchter Erde. In den Kuhlen auf dem Waldboden stehen Wasserlachen. Wenn das Licht durch die Äste auf die Wasseroberfläche trifft, schillern Regenbogenfarben in bunten Schlieren. Es spiegelt und glänzt. ERZÄHLER Wie ein Ölfilm. ERZÄHLERIN Ist aber keiner! 4 ZU Meckenstock (0.00) Sondern das ist ein ganz hauchdünner Eisen- oder Manganfilm. ERZÄHLERIN Erklärt Prof. Rainer Meckenstock. Er ist Umweltmikrobiologe an der Universität Duisburg-Essen. 5 ZU Meckenstock (0.00) Und der entsteht dadurch, dass da Mikroorganismen sind, die reduziertes Eisen, was aus dem Untergrund rauskommt, oxidieren. Und dann fällt es als Rost praktisch aus an der Grenzschicht zwischen Wasser und Luft. Und bildet so einen ganz dünnen Film, der eben aussieht wie ein Ölfilm. ERZÄHLER Schnappt man sich einen herumliegenden Stock oder ein Stück abgefallener Rinde und stochert damit in der Pfütze, verziehen sich die Schlieren nicht wie bei einem Ölfilm und bilden neue buntschillernde Muster. ERZÄHLERIN Sondern: Sie brechen. ERZÄHLER Wie Eisschollen. ERZÄHLERIN Quasi Eisen-Eisschollen. MUSIK Tangerine ERZÄHLER Mikroorganismen, die Pfützen quasi rosten lassen, sind nicht die einzigen, die sofort aktiv werden, sobald sich auf dem Waldboden oder überhaupt auf lehmig-erdigem Untergrund irgendwo in einer Mulde Wasser ansammelt. Abermillionen Kleinstlebewesen warten im Untergrund nur darauf, dass sich etwas Neues tut. ERZÄHLERIN Eine Pfütze entsteht. ERZÄHLER Um selbst tätig zu werden und zu nutzen, was die Lache hergibt. ATMO/ MUSIK ENDE 6 ZU Meckenstock (1.33) Wenn da viel Organik ist in der Pfütze, sagen wir mal im Wald sind viele Blätter runtergefallen, dann ist da viel organisches Material. Dann gibt es sofort Mikroorganismen, die sich darüber her machen und das abbauen. ERZÄHLERIN Da sind Bakterien, die Sauerstoff umsetzen. Die nächsten verzichten auf Sauerstoffe und bauen Nitrat um. Daraus bilden sie elementaren Stickstoff. ERZÄHLER Wieder andere Bakterien mögen Sulfat und reduzieren es zu Schwefelwasserstoff. 7 ZU Meckenstock (1.33) Und dann stinkt es so. Das ist der Schlamm, der sich im Boden bildet, der dann so stinkt und so schwarz ist. Das sind meistens Eisensulfide, die eben durch die mikrobielle Atmung da entstanden sind. MUSIK Going to work ERZÄHLERIN Millionen verschiedener Bakterienarten übernehmen also verschiedenste Umsetzungsjobs in der Pfütze. Und: Sie arbeiten nach System. ERZÄHLER Exakter nach einem Schicht-Plan. An der Oberfläche dümpelt etwa, wer Sauerstoff braucht. Organismen, die Nitrat bevorzugen und veratmen, ziehen ein paar Stockwerke tiefer ein… 8 ZU (Meckenstock (3.42)) Und dann zum Schluss, ganz unten, da sind die Methanogenen, und die machen aus dem organischen Material Methan. Und das bubbelt dann so hoch. Wenn man mit dem Stock reingeht in den Schlamm, dann kommen die Blasen hoch. Das ist meistens Methan und CO2. MUSIK ENDE/ ATMO WALD ERZÄHLER Mikrobieller Schichtbetrieb also… ERZÄHLERIN Und zwar von ziemlich jetzt auf gleich in dieser kleinen Lache, die sich eben erst auf dem Waldboden gebildet hat. Da ist der Regen noch gar nicht vorbei, wirbelt es schon. Forschende wie Rainer Meckenstock zählen bis zu einer Milliarde Mikroorganismen pro Milliliter Pfützenwasser. Und diese Winzlinge ackern kräftig. MUSIK Moviated Work 0.56 min ERZÄHLERIN Nach wenigen Tagen zieht sich da durchaus ein ansehnlicher Biofilm über die Wasseroberfläche. Grünalgen und Jochalgen machen sich breit. Goldalgen – die aussehen wie kleine Schmuckstücke, wenn man sie unter dem Mikroskop anschaut. ERZÄHLER Die mikrobielle Gemeinschaft gedeiht. ERZÄHLERIN Und bekommt kontinuierlich Zuwachs, beschreibt der Münchner Professor für Aquatische Ökologie, Herwig Stibor. 9 ZU (4 Stibor 1.46) Dann kann so eine Pfütze recht schnell genug Bakterien und Algen haben, um andere Tiere wie kleine einzellige Pantoffeltierchen oder Glockentierchen zu ernähren. ERZÄHLER Eingetragen werden neue Bewohner auch per Wind, als blinde Passagiere im Federkleid von Vögeln, die einen Trinkstopp einlegen oder Badepause machen. MUSIK Sandbath 0.45/ ATMO Spielplatz 1 ERZÄHLERIN Manch Zuzügler klebt an der Sohle des Kindergummistiefels und platscht mit von Wasserloch zu Wasserloch. 10 ZU (4 Stibor 1.46) Und dann reicht es irgendwann auch für Insektenlarven. ERZÄHLERIN Mücken lieben Lachen, auch schon die ganz flachen hier auf dem Spielplatz. Ungefähr sechs Zentimeter tief ist das Wasser. Breit ist die Pfütze vielleicht wie zweimal die Arme von Mama, Papa, Oma oder Babysitter ausgestreckt. 11 ZU (0.29) 6 M: Da schwimmen so weiße kleine Dinger rum und ich glaube, das sind so eine Art Eier, die Mücken oder Fliegen abgelegt haben. ERZÄHLER Könnte sein und wäre typisch für kleine stehende Gewässer wie diese Art Pfütze: MUSIK Lightfooted 0.10 min ZITATORIN Typisches Pfützenbeispiel: Die Spielplatz-Pfütze. MUSIK Healthy balance 0.48 min ERZÄHLERIN Baut man fleißig Matschdämme oder lässt Schiffchen aus Blättern in den Lachen zwischen Bolzplatz und Schaukel treiben, stößt man nicht selten auf längliche Eier, kleiner als ein Millimeter, weiß bis bräunlich-schwarz, die aneinanderkleben wie Stifte in einer Box. Oder zusammen winzige Kreise bilden, die aussehen wie Unterteller. ERZÄHLER Viele verschiedene Mückenarten verteilen ihre Eier in Pfützen, oft bis zu 200 (Eier) auf einen Rutsch. Die Larven sind in so einer Spielplatzlache rundum versorgt. Sie ernähren sich von Pflanzenteilchen im Wasser. Zum Atmen rudern sie regelmäßig an die Oberfläche. Nach zwei bis drei Wochen starten sie los in die Luft – als fertige Mücken. MUSIK ENDE / ATMO SPIELPLATZ ERZÄHLERIN Das Ökosystem Pfütze kennt viele Lebensläufe. Die meisten erkundet man am besten unterm Mikroskop. In jedem Tropfen Wasser aus der Pfütze auf dem Spielplatz – ERZÄHLER Ist etwas geboten. MUSIK Bonsai dub (f) 1.10 min ERZÄHLER Wasserflöhe wuseln umher. Das sind winzige Krebse, ein bis drei Millimeter etwa. Durchsichtig-weiß wirken ihre runden Körperchen ein bisschen pummelig. Die im Verhältnis großen schwarzen Knopfaugen schauen immer etwas erstaunt drein. ERZÄHLER Und Achtung: Sie heißen Flöhe, weil sie auf ihren langen verästelten Fühlern hüpfen wie Flöhe. ERZÄHLERIN Richtig scharf stellen muss man das Mikroskop, um Wimperntierchen zu sehen. Die sind in der Regel nur 10 bis 300 Mikrometer lang. Überall am ovalen Körper stehen kleine Haare ab – ERZÄHLER Wie eine Punk-Frisur, nur eben rundherum. ERZÄHLERIN Mit den Härchen rudern die Wimperntierchen durchs Wasser. Den nahezu durchsichtigen Rädertierchen stehen auch die Haare zu Berge, allerdings nur am Kopf. Fürs Vorwärtskommen setzen sie statt auf Wimpernkraft auf den langen Schwanz, mit dem sich prima rudern lässt. Auch wenn er kaum länger ist als 0,1 Millimeter. ERZÄHLER Eine gewisse Manövrierfähigkeit ist nicht zuletzt deshalb wichtig, weil: Das Ökosystem Pfütze ist kein Mikro-Idyll. MUSIK Dust Bowl 0.32 min ERZÄHLER Da müssen Rädertierchen und Fadenwurm beispielsweise durchaus den knubbeligen Bärtierchen entkommen. Die steuern sie sonst mit ihren acht moppeligen Beinchen an, stechen den Rüssel ein und saugen das Opfer aus. Ist mal kein Opfer in Sicht, mögen es Bärtierchen genauso vegetarisch. Pflanzenteile und Algen genügen. ERZÄHLERIN Genügen ist denn auch eines der Schlagworte, wenn es um Leben, besser Überleben in der Pfütze geht. Und das schon seit geraumer Zeit. Charles Darwins Evolutionstheorie löst Mitte des 19. Jahrhunderts eine regelrechte Pfützenbegeisterung bei Forschenden aus. Bald ranken sich zahlreiche Theorien und spekulative Erklärversuche darum, wie Tiere, Pflanzen, Pilze, Bakterien, Menschen – einfach alles entstanden sein könnte aus Matsch. ERZÄHLER Die Idee von der Pfütze als alleiniger Ursuppe ist inzwischen passé. Jüngste Studien zeigen, dass die Bausteine des Lebens wohl von Meteoriten auf die Erde gebracht wurden. Kohlenstoff, Wasserstoff, Aminosäuren, Metalle und so weiter. ERZÄHLERIN Trotzdem: Irgendwo und wie mussten diese Elemente auf der Erde zusammengesetzt werden. ERZÄHLER In Pfützen vielleicht, meinen manche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. MUSIK House of glass (d) 1.10 min ERZÄHLER 2012 testeten Forschende der Universität Oldenburg in einem Experiment folgende Hypothese: Nicht die großen weiten Ozeane sind der Ursprung des Lebens, sondern kleine Lachen. Diese überschaubaren Wasserstellen seien durch Dämpfe und Gase entstanden, die aus den Tiefen der Erde aufgestiegen sind. ERZÄHLERIN Zeitlich reden wir da von irgendwann vor rund 3,8 Milliarden Jahren. Vulkane gibt es damals etliche auf dem Planeten, es brodelt und kocht. In der Atmosphäre ist kaum Sauerstoff, dafür jede Menge Kohlendioxid. ERZÄHLER In den vulkanischen Gebieten dampft es kräftig, Gase treten aus und kühlen an der Oberfläche ab. Dadurch bilden sich temporäre Teiche und Tümpel. Darin sammeln sich Mineralien und andere Grundbausteine für Einzeller. Voilá: Erstes Leben entsteht. ERZÄHLERIN Zumindest theoretisch und im Modell. MUSIKENDE ERZÄHLERIN Ob die Pfütze nun wirklich der Anfang allen Seins ist – darüber diskutiert die Forschung bestimmt noch eine geraume Weile weiter. Was hingegen klar ist: Eine unscheinbare Pfütze kann genügen, um in kürzester Zeit ein vielfältiges Ökosystem aufblühen zu lassen. ERZÄHLER Aber nicht jede Kategorie von Lache taugt fürs pralle Leben: MUSIK Lightfooted reduced ZITATORIN Nächstes Pfützenbeispiel: Die Pfütze auf der Straße. ATMO Straße ERZÄHLER Unmittelbar nach dem Regenguss steht das Wasser in den Schlaglöchern auf der Fahrbahn. In kleinen Senken sammelt es sich neben dem Bürgersteig. Autoreifen lassen es hoch aufspritzen. Triefende Passanten schimpfen hinterher. 12 ZU (Meckenstock (18.47)) Also eine Pfütze auf dem Asphalt, die wird zu schnell austrocknen. ERZÄHLERIN Urteilt der Duisburger Umweltökologe Rainer Meckenstock. Ein paar Tage braucht es schon, bis sich ein Ökosystem entwickelt. Am besten einige Wochen. Zudem ist auf Teer, Asphalt und Beton oft wenig geboten an organischem Material, woraus mehr entstehen könnte als mikrobakterielles Leben. ERZÄHLER Andere Untersuchungsobjekte sind da idealer für Pfützenforscher: 13 ZU (Meckenstock (18.47)) Der Truppenübungsplatz, der ist ziemlich gut, nicht. Dadurch, dass die schweren Fahrzeuge den Boden so verdichten, dass der wasserundurchlässig wird. Und dann kann sich da schon sehr gut das Wasser stauen und bleibt jetzt auch längere Zeit da drin. Und das reicht ja dann sogar aus, dass da dann Frösche kommen und Kröten und drin laichen und Molche. ATMO Wiese/ Tümpel ERZÄHLER Kröten, Unken und Molche wählen solche länger stehenden und etwas tieferen Lachen auf Übungsplätzen oder Äckern gerne als Kinderstube für ihre Kaulquappen. Kein Wunder: Hier gibt es kaum Feinde. ERZÄHLERIN In Tümpel oder See wird man schnell mal von Fischen gefressen. MUSIK Tangerine 1.10 min ERZÄHLER In der Lache darf man in Ruhe groß werden. Zudem ist es kuschelig, das Wasser wärmt sich schnell auf, die Pfütze wirkt wie ein Brutkasten. Nach 41 Tagen wird aus einer Larve mit Kiemen und Schwanz eine fertige kleine Gelbbauchunke. Fünf Zentimeter groß. Wittert sie Gefahr, stülpt sie ihr Hinterteil nach oben. Eine quietschgelbe Bauchseite schlägt den Angreifer in die Flucht. ERZÄHLERIN Nett! ERZÄHLER Effektiv. Gelbbauchunken gab es auf der Erde schon vor den Dinosauriern. ERZÄHLERIN Trotzdem: 41 Entwicklungstage sind für Pfützenbewohner reichlich. Minikreuzottern schaffen das erheblich schneller: 17 Tage im Pfützenwasser und man schlängelt an Land weiter. ERZÄHLER Wobei, auch das ist womöglich zu lange. Denn: Pfützen werden zunehmend rar. 14 ZU (Meckenstock (18.47)) Bei uns wird jeder Graben unnützerweise immer sauber gemacht, damit das ordentlich aussieht, und dementsprechend läuft alles ab und durch. Und dann bleiben wenig Lebensräume zurück für solche Tiere. MUSIK Field Day 0.45 min ERZÄHLERIN Rauchschwalben sieht man immer seltener. Ein Grund: Es fehlen Pfützen. Schwalben nutzen den Lehm aus Lachen für den Nestbau. Wo keine Lache, da keine Schwalbenfamilie. ERZÄHLER Und auch keine Schmetterlingsnachkommen. Schmetterlinge mögen am liebsten Blumennektar. Der ist reich an Zucker, hat aber wenig Nährstoffe. ERZÄHLERIN Vor allem keine, die Schmetterlinge benötigen für die Fortpflanzung. ERZÄHLER Der Kurort Schlammpfütze ist voller Salze und Mineralien. ERZÄHLERIN Schmettterlings-Männchen machen sich damit fit. ERZÄHLER Weibchen auch. ERZÄHLERIN Lachenmatsch verbessert die Lebensfähigkeit der Eier. MUSIK ENDE ERZÄHLER Tatsächlich ist in den letzten Jahrzehnten immer weniger Platz für Kurschlammpackungen für Schmetterlinge oder Matschbaumärkte für nistende Schwalben. Kleinstgewässer wie Pfützen verschwinden. Mehr und mehr Flächen werden versiegelt. Wege und Stege sind muldenfrei begradigt. Wasser soll in erster Linie ablaufen. Auch weil der Klimawandel zunehmend Starkregen bringt, der eben keine heimeligen Lachen entstehen lässt, sondern wertvollen fruchtbaren Boden wegschwemmt. Zugleich machen Hitze- und Dürreperioden Pfützen den Gar aus. ERZÄHLER Aber: Einige Pfützenbewohnerinnen und -bewohner haben sich in den vielen Jahrtausenden der Evolution darauf vorbereitet, dass es eben i…

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    Déja-vu- Ein Phänomen mit mystischer Aura Mar 19, 2025
    Show notes

    Das hab ich genauso schon einmal erlebt! Obwohl man dieses Gefühl hat, weiß man: das kann eigentlich nicht sein. Das Déjà vu: Ein Stück weit bleibt es Rätsel, aber es gibt mehrere Versuche, das Phänomen zu erklären. Von der Kunst über die Philosophie bis hin zu Psychologie und Neurologie. Und einige Ansätze scheinen plausibel. Von Susanne Brandl

    Credits
    Autorin dieser Folge: Susanne Brandl
    Regie: Rainer Schaller
    Es sprachen: Laura Maire, Thomas Loibl, Carsten Fabian
    Technik: Susanne Harasim
    Redaktion: Bernhard Kastner

    Im Interview:
    Florian Schöberl, Neurologe
    Hans Markowitsch, Psychologe
    Arthur Funkhouser, Psychoanalytiker (Overvoice)

    Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

    Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast
    Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.
    ZUM PODCAST

    Linktipps:

    deja-experience-research.org

    Günther Oesterle (Hrsg.): Déjà-vu

    Hans Joachim Markowitsch: Dem Gedächtnis auf der Spur. Vom Erinnern und Vergessen

    C.G. Jung: Synchronizität. Der Sinn des Zufalls

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

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    Das vollständige Manuskript gibt es HIER.


    Die Feministin bell hooks - Liebe ist Heilung Mar 19, 2025
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    Die 2021 verstorbene US-Amerikanerin bell hooks war Visionärin und Wegbereiterin eines Schwarzen Feminismus. In ihren oft sehr persönlichen Texten beschreibt sie, wie Schwarze Frauen in der patriarchalen und kapitalistischen Gesellschaft ausgebeutet werden - und wie sich das ändern ließe. Von Maike Brzoska (BR 2023)

    Credits
    Autorin dieser Folge: Maike Brzoska
    Regie: Anja Scheifinger
    Es sprachen: Katja Bürkle, Stefan Wilkening, Karin Schumacher, Hemma Michel
    Technik: Regina Staerke
    Redaktion: Nicole Ruchlak, Yvonne Maier

    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

    Interviewpartner/innen:
    Birgit Bockschweiger, Referentin für Antidiskriminierung und Diversity an der Universität Regensburg;
    Shadee Malaklou, Direktorin des bell hooks Centers am Berea College

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    Linktipp:

    Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte

    Literaturtipps:

    hooks, bell: Bone Black. Memories of a Girlhood. Holt Paperbacks. Henry Holt and Company. 1996.
    hooks, bell: Feminismus für alle. Unrast Verlag. 2021.
    hooks, bell: Die Bedeutung von Klasse. Unrast Verlag. 2021.
    hooks, bell: Alles über Liebe. Neue Sichtweisen. Harper Collins. 2022.
    hooks, bell: Lieben lernen. Alles über Verbundenheit. Harper Collins. 2022.

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    Das lyrische Ich - Gedichte zwischen Fiktion und Wahrheit Mar 18, 2025
    Show notes

    Wer spricht in oder durch ein Gedicht? Die Vermutung liegt nahe, dass sich Autor und Autorin hier persönlich ausdrücken. Doch die Stimme eines Gedichts, auch lyrisches Ich genannt, kann viele Rollen oder Haltungen einnehmen. Steht das Werk also immer für sich ? egal, wie krass sich die dichtende Person danebenbenimmt? Von Justina Schreiber (BR 2024)Credits Autorin dieser Folge:Justina SchreiberRegie: Ron SchicklerEs sprachen: Katja Amberger, Susanne SchroederTechnik: Susanne HerzigRedaktion: Susanne Poelchau Im Interview:Prof. Dr. Matías Martínez, Literaturwissenschaftler und Leiter des Institutes für Erzählforschung an der Uni Wuppertal Literaturtipps: Roland Barthes, „Der Tod des Autors“: Kleiner Text, der den strukturalistischen Ansatz des berühmten französischen Philosophen verdeutlicht. Matías Martínez, „Das lyrische Ich. Verteidigung eines umstrittenen Begriffs.“ In: Heinrich Detering (Hrsg.): „Autorschaft: Positionen und Revisionen. Stuttgart 2002, S. 376–389. Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek.ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK Flicker of Flame 00:43min ZITATORIN: Ich ging im Walde so für mich hin. SPRECHERIN: Goethes Gedicht „Gefunden“ scheint ein individuelles Erlebnis zu veranschaulichen. Sieht man den lustwandelnden Dichter nicht förmlich vor sich, wie er am Wegrand dieses Blümchen entdeckt…? ZITATORIN: Wie Äuglein schön, SPRECHERIN: Und wie er es dann doch nicht pflückt… ZITATORIN: Ich wollt es brechen, SPRECHERIN: Aber das schöne Blümchen legt Protest ein. Es will nicht dahinwelken müssen. Na gut, dann wird es eben verpflanzt: ZITATOR: Ich grub’s mit allen Den Würzlein aus. Zum Garten trug ich’s Am hübschen Haus. SPRECHERIN: Goethe schickte dieses Gedicht seiner Ehefrau Christiane Vulpius im August 1813 zum 25-jährigen Jubiläum ihrer Beziehung. Es bietet sich also förmlich an, das Blümchen mit seiner Lebensgefährtin gleichzusetzen. Schließlich war ihr der Dichter zwar nicht im Wald, aber doch im Weimarer Park an der Ilm erstmals begegnet. War er damals etwa aufdringlich geworden? Hatte sie sich zur Wehr setzen müssen? Man könnte durchaus annehmen, dass das Ich, das aus dem Gedicht spricht, mit dem Autor eng verwandt ist, sagt der Literaturwissenschaftler Matías Martínez. O-TON 01: (Martinez) „Die Gattung der Lyrik legt es besonders nahe, den Autor zu identifizieren mit dem Sprecher.“ MUSIK Flicker of Flame 00:40min SPRECHERIN: Hier spricht ein realer Mensch, eine private Person: Besonders Erlebnislyrik wie Goethes Gedicht oder auch Liebesgedichte mit Widmung laden zu dieser Deutung ein. „An Luise. 1816“ heißt ein Poem von Joseph von Eichendorff, dessen Frau den Vornamen Luise trug. Sie hatte 1816 das erste gemeinsame Kind zur Welt gebracht. Kein Wunder also, nicht wahr? dass der Gatte das häusliche Glück bedichtete: ZITATORIN: Sitz‘st du vor mir, das Kindlein auf dem Arme. O-TON 02: (Martínez) „Es gibt ein Bedürfnis, Gedichte mehr noch als Romane und Theaterstücke, aber auch die, vor allem Gedichte tatsächlich zu beziehen auf autobiografische Erfahrungen des Autors.“ SPRECHERIN: Der Bezug zum Autor oder zur Verfasserin eines Gedichtes liegt besonders nahe, wenn in Gedichten – wie hier bei Goethe oder Eichendorff - „Ich“ gesagt, also die erste Person Singular des Personalpronomens verwendet wird. O-TON 03: (Martinez) „Lyrik ist traditionell die Gattung, in der ein Sprecher seine Meinung verkündet, seine Subjektivität zum Ausdruck bringt. Deshalb gab es auch immer die Tendenz, gerade bei Gedichten, diesen einzelnen Sprecher zu identifizieren mit dem realen Autor des Gedichtes.“ MUSIK Piano pecularity full 00:55min SPRECHERIN: Was aber, wenn das Ich eines Gedichtes nicht mit Blumen oder Frauen, sondern mit einem Mondkalb zu tun hat? Bei dem 1905 erstmals veröffentlichten Gedicht „Das ästhetische Wiesel“ des Dichters Christian Morgenstern handelt es sich offenkundig um ein reines Hirngespinst. Im Zentrum steht die Frage, warum ein Wiesel auf einem Kiesel inmitten Bachgeriesel saß. ZITATORIN: Das Mondkalb verriet es mir im Stillen. Es tat es um des Reimes willen. SPRECHERIN: Und das Mondkalb hatte sogar Recht. Gedichte folgen nämlich anderen Gesetzen als logischen oder biologischen. Sie können einem Reimschema folgen. Kiesel, Wiesel und so weiter. Lyrik hebt sich von der schlampigen automatisierten Alltagsrede ab, erklärt Matías Martínez: O-TON 04: (Martínez) „Traditionell ist die Lyrik ja immer definiert gewesen durch ihren Abstand zur Alltagsrede, zur Prosa, durch Reime, durch Metrik, durch rhetorische Figuren.“ SPRECHERIN: „Das ästhetische Wiesel“ ist also ein Kunstwerk. Und was ist mit dem Ich, das vom Mondkalb belehrt wird? Der Dichter Christian Morgenstern hat sicher nicht persönlich diesem merkwürdigen Tier gelauscht! Das Ich des Gedichts, das noch dazu keine Ahnung vom Reimen hat, gehört ganz klar in den Bereich der Fiktion. Aber auch Texte, die von persönlichen Stimmungen und Erlebnissen geprägt zu sein scheinen, sind ja gemacht und gedrechselt worden. Allein schon, damit Versmaß und Metrum stimmen, muss sich Dichtung die Wahrheit ein wenig zurechtbiegen. Daneben gibt es noch: MUSIK Off the ledge 00:35min ZITATORIN: Weitere Gründe dafür, dass die Dichter lügen SPRECHERIN: So heißt ein Gedicht des 2022 verstorbenen Schriftstellers Hans Magnus Enzensberger. ZITATOR: (…) der, von dem da die Rede ist, schweigt. SPRECHERIN: Wer ist dann der oder die Andere, wenn nicht Autor oder Verfasserin im Gedicht ihre Gefühle und Weltsicht kundtun? Die deutsche Literaturwissenschaft behilft sich hier mit der Konstruktion eines lyrischen Ichs. O-TON 05: (Martínez) „Dieser Begriff wurde zum ersten Mal 1910 von einer Literaturwissenschaftlerin namens Margarete Sussmann geprägt, die diesen Begriff benutzt hat, um das empirische Ich des Gedicht-Autors zu unterscheiden zwischen dem empirischen Autor-Ich und dem Text-Ich. Dieser Begriff ist dann sehr erfolgreich gewesen und wird bis heute gerne benutzt, allerdings in einer sehr uneinheitlichen Weise.“ SPRECHERIN: Andere Sprachen kennen den Begriff des lyrischen Ichs nicht. Manche sprechen von einem „lyrischen Subjekt“. Die Philosophin Margarete Susman wollte mit dem Terminus den Blick auf die Text-Eigenschaften eines Gedichts lenken. Doch die Debatten, die sich im 20. Jahrhundert um das lyrische Ich rankten, zeigen, wie dehnbar der Begriff im Grunde ist. Handelt es sich tatsächlich um eine poetologische Kategorie oder nicht doch eher um eine fast religiöse Idee von einem überpersönlichen Ich, das durch ein Gedicht spricht? Wer oder was äußert sich dann hier? Schwer zu sagen. O-TON 06: (Martínez) „Es gibt also keine Übereinstimmung darüber, was das lyrische Ich wirklich bedeuten soll.“ MUSIK Scenic Village 00:52min SPRECHERIN: Hinzu kommt: Jede Epoche hat ihren eigenen Zeitgeist und ihre eigenen Ausdrucksformen. Nehmen wir nur einmal das berühmte mittelalterliche Spruchgedicht: ZITATORIN: Ich saz ûf eime steine SPRECHERIN: Wer sitzt da wohl mit übereinander geschlagenen Beinen, den Kopf aufgestützt auf einem Stein und denkt über die politische Lage im Reich nach? Es kann eigentlich niemand anderes sein als der Verfasser des berühmten Gedichtes selbst, der Minnesänger Wolfram von Eschenbach. ZITATORIN: und dahte bein mit beine da rûf satzt ich den ellenbogen SPRECHERIN: Wer sonst sollte hier seine Gedanken kundtun? Die Frage nach dem lyrischen Ich bringt keinen Erkenntnisgewinn. Ähnliches gilt auch für barocke Leichen- oder Hochzeitsgedichte, die erwartbare Äußerungen machen, also, den Konventionen gemäß, gratulieren oder kondolieren. Hier äußern sich repräsentative Stimmen, keine lyrisch bewegten Subjekte. Trotzdem etablieren Gedichte immer eine besondere Sprecher-Rolle. Manchmal macht ja schon der Titel klar, dass jetzt zum Beispiel ein Zauberlehrling das Wort erhebt. MUSIK Der Zauberlehrling 00:24min SPRECHERIN: In anderen Texten dagegen bleibt die Herkunft der Rede offen. Oder um aus Schillers Ballade „Der Gang nach dem Eisenhammer“ zu zitieren: ZITATORIN: Herr, dunkel war der Rede Sinn! SPRECHERIN: Stammelt hier der fromme Fridolin. O-TON 07: (Martínez) „Das Verständnis von Lyrik hat immer ein bisschen geschwankt zwischen der Identifikation des Sprechers in diesem Gedicht oder der Sprecherin mit dem realen Autor oder der realen Autorin einerseits. Und andererseits gab es aber auch immer ein Bewusstsein darüber, dass, sobald jemand ein Gedicht schreibt, derjenige, der in diesem Gedicht spricht, herausgelöst ist aus einer normalen Kommunikationssituation.“ MUSIK First Steps Outsides 00:51min SPRECHERIN: Im antiken Griechenland trug man lyrische Texte noch zur Lyra oder Kithara vor. Der äußere Rahmen war festlich. Mit dem Buchdruck verbreiteten sich Gedichte dann auch in schriftlicher Form. Man kann die Textgattung nun am Drucksatz, an den kurzen Zeilen oder den Strophen erkennen. Ein privater Brief sieht anders aus. Doch: O-TON 08: (Martínez) „Wenn ich eine Liebes-Botschaft eben in diesen traditionellen lyrischen Formen vorbringe…“ SPRECHERIN: Wenn in einer Mail vielleicht eingerückt und abgesetzt ein Text steht, in dem sich Herz auf Schmerz, Blick auf Glück und Gefühl auf Gewühl reimt. O-TON 09: (Martínez) „Dann bekommt das auch in einer privaten Kommunikation einen anderen Charakter, einen verallgemeinernden Charakter.“ SPRECHERIN: Und man kann oder muss sich fragen: was will der lyrische Text mir eigentlich sagen? MUSIK Struggle With Reason 00:58min ZITATORIN: Einsamer Tag am Fenster (Amsterdam 1939) SPRECHERIN: So nennt die aus Nazi-Deutschland emigrierte Schriftstellerin Irmgard Keun ihr melancholisches Poem. ZITATORIN: Und ich träum gen Himmel. SPRECHERIN: Sehnsucht und Heimweh, Liebe und Tod, das Ich und die Welt, Glück und Leid, Werden und Vergehen. Gedichte mögen autobiographische Anlässe haben, sie mögen private Themen verarbeiten. Aber sie bilden seit Goethezeit und Romantik auch den Versuch ab, anders nicht Sagbares, vielleicht sogar Unsagbares in Worte zu kleiden. Sprachbilder und metaphorische Übertragungen können Empfindungen, Beobachtungen und Gedanken zu universell gültigen Aussagen oder Parabeln ver“dichten“. Ein Meister der Verallgemeinerung, der den hohen Anspruch der Poesie zugleich karikierte, war Wilhelm Busch. MUSIK Barmy Town 00:44min ZITATORIN: Das Zahnweh, subjektiv genommen, ist ohne Zweifel unwillkommen: doch hat’s die gute Eigenschaft, dass sich dabei die Lebenskraft, die man nach außen oft verschwendet, auf einen Punkt nach innen wendet. SPRECHERIN: Auch hier spricht, wenn man so will, ein lyrisches Ich, obwohl Wilhelm Busch nicht „ich“, sondern unpersönlich „man“ sagt. Sein lyrisches Ich distanziert sich vom leidenden Subjekt und betrachtet es spöttisch von außen: Ja, so kommst du der Welt abhanden, weil du Zahnweh hast. Und nicht wie andere größere(?) Dichter Liebeskummer. O-TON 10: (Martinez) „Es gibt viele Gedichte, in denen schon mal grammatisch gar nicht die erste Person Singular benutzt wird und die auch überhaupt eine Ausdrucksform benutzen, die eher neutral ist. Man wird aber schon sagen können, dass auch in Gedichten, in denen wir kein explizites Ich vorfinden, doch auch so eine Subjektivität sich ausdrückt.“ MUSIK A stranger 01:12min SPRECHERIN: Subjektive Darstellungen wecken Emotionen. Sie laden zur Identifikation ein. Gedichte können Saiten zum Klingen bringen, die im Alltag unterdrückt werden. Sie artikulieren diffuse Gefühle und vermitteln Zusammenhänge, die nicht von Daten, Fakten oder Algorithmen bestimmt werden. Rhythmus, Wortwahl und Sprachmelodie verführen zum Nachempfinden und Mitsprechen. Vielleicht geht ein Gedicht sogar ins kulturelle Gedächtnis einer Sprachgemeinschaft ein und überdauert die Zeiten - wie Eduard Mörikes Frühlingspoem „Er ist’s“, das bis heute gern vertont und zitiert wird. ZITATORIN: Frühling, ja, du bists! Dich hab ich vernommen! SPRECHERIN: Und siehe da! Wer ein Gedicht vorträgt oder zitiert, verschmilzt mit der Stimme, die aus dem Gedicht spricht. Insofern kann man sagen, so der Literaturwissenschaftler Matías Martínez: O-TON 11: (Martinez) „Dass das lyrische Ich derjenige ist, der das Gedicht spricht. Und das kann auch der Leser sein, der es eben nachspricht.“ SPRECHERIN: So erweitert sich das lyrische Ich zu einem lyrischen Wir, zu einem Chor von Sprecherinnen und Sprechern. Wer hat nicht schon beim Autofahren oder Tanzen Songtexte mitgesungen oder ein fremdes Liebesgedicht für eigene Zwecke eingesetzt? Stellvertretend für alle hat da jemand etwas in Worte gefasst und nimmt uns mit in eine andere Welt oder Stimmung: O-TON 12: (Martinez) „Das kann natürlich auch sehr unangenehm sein, wenn man sich auf einmal hineintransportiert findet in Situationen und in Haltungen, in Wertungen, die man nicht teilt. Aber gerade darin besteht natürlich auch eine Chance, von Literatur, Erfahrungen auszuprobieren spielerisch, die man im realen Leben nicht macht und vielleicht auch gar nicht machen möchte.“ MUSIK (Ich steh' auf) Berlin 00:45 ZITATORIN: Ich fühl mich gut Ich steh auf Berlin SPRECHERIN: Die Neue-deutsche Welle-Band „Ideal“ brachte 1980 ein Loblied auf Berlin heraus. Der Songtext, in dem sich „Morgenrot“ auf „Hundekot“ reimt, schaffte es 2023 in die erweiterte Neuausgabe des „Ewigen Brunnen“, einer Sammlung deutscher Gedichte aus acht Jahrhunderten. Ein Werk der Sängerin Annette Humpe steht jetzt also zwischen zwei Buchdeckeln vereint mit Gedichten von Friedrich Hölderlin, Theodor Storm, Bert Brecht und Ingeborg Bachmann. ZITATORIN: Ich ess die Pizza aus der Hand SPRECHERIN: Annette Humpes Verszeile ist keine banale Aussage mehr. Sie trägt einen exemplarischen Charakter wie auch Goethes Formulierung: ZITATORIN: Ich ging im Walde so für mich hin. SPRECHERIN: Die Bedeutung des Kontextes darf auf keinen Fall unterschätzt werden, wiederholt der Literaturwissenschaftler Matías Martínez: O-TON 13: (Martinez) „Dadurch wird auch der Sprecher dieses Gedichtes verändert, wenn ein Text als Gedicht zirkuliert und nicht einfach nur eine Äußerung ist in normaler alltäglicher Kommunikation. Denn auch der Sprecher wird dadurch selber zum Gegenstand der Betrachtung.“ SPRECHERIN: Während der eine im Wald ein Blümchen ausgräbt, ist die andere als Schwarzfahrerin mit der Berliner U-Bahn unterwegs. Aber es sind eben nur ein paar Indizien, aus denen Zuhörerinnen und Leser Schlüsse auf das Subjekt des lyrischen Textes ziehen. Die imaginierte Sprecher-Instanz, der Sprecher, der aus dem Gedicht spricht, wandelt sich je nach Perspektive und Deutung. O-TON 14: (Martínez) „Schon dadurch kann er nicht mehr automatisch identifiziert werden mit dem realen Autor als einem Alltagssubjekt.“ SPRECHERIN: Jeder Text führt ein Eigenleben, sobald er veröffentlicht ist. Der französische Philosoph Roland Barthes war der Meinung, dass moderne Gesellschaften der Person von Autoren und Autorinnen grundsätzlich zu viel Bedeutung beimessen. Stichwort: Starkult. Roland Barthes verkündete 1967 provokativ den „Tod des Autors“. O-TON 15: (Martinez) „Roland Barthes hat stattdessen die Geburt des Lesers propagiert, dass ein Text sich vollständig ablöst aus der Entstehungssituation und dass er sozusagen frei zirkuliert und die Bedeutung annimmt, die der Leser ihm gibt.“ SPRECHERIN: Was für das lyrische Ich bedeutet: es wäre nicht mehr bei den Autoren zu verankern, sondern bei den Lesern und Leserinnen, die mit einem Gedicht machen können, was sie wollen - sofern keine Urheberrech…

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    Simon Marius - Der fränkische Galilei Mar 17, 2025
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    Simon Marius hat unabhängig von Galilei die großen Jupitermonde entdeckt. Er wurde dafür aber nicht gefeiert, sondern als Plagiator geschmäht. Und es sollte fast drei Jahrhunderte dauern, bis dieser "stille Held" der Wissenschaftsgeschichte endlich rehabilitiert wurde. Von Martin Schramm (BR 2024) CreditsAutor dieser Folge: Martin SchrammRegie: Ron SchicklerEs sprachen: Andreas Neumann, Rahel Comtesse, Christoph JablonkaTechnik: Susanne HerzigRedaktion: Thomas Morawetz Im Interview:Pierre Leich, Wissenschaftshistoriker, Präsident der Simon Marius Gesellschaft, Nürnberg;Dr. Hans Gaab, Astronomiehistoriker, Nürnberg Linktipps: Diese Internetpräsentation wurde im Jubiläumsjahr 2014 gestartet und führt alle elektronisch verfügbaren Quellen, Sekundärliteratur, Vorträge und Nachrichten zu Simon Marius zusammen und macht sie – wo möglich – bequem einsehbar. Die Initiatoren laden die Öffentlichkeit ein, diese Seite als zentrales mehrsprachiges Portal für Simon Marius zu nutzen und zu erweitern:EXTERNER LINK | https://www.simon-marius.net/ Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir:ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks.DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Bayerisches Feuilleton Wie bedeutend ist Bayern als Weltraummacht? Ist in der bayerischen Seele praktisch schon angelegt, dass man stets nach unendlichen Weiten strebt? Commander Söder ist beileibe nicht der erste Bayer, der mit Bavaria One ins All will...Bayern im Weltraum: Von Raketenschlitten, Perry Rhodan und Bavaria One HIER entdecken Wie wir ticken - Euer Psychologie PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK Dark Matter 01:39min SPRECHER Wir schreiben das Jahr 1623. Galileo Galilei ist außer sich. In seiner Schrift „Il Saggiatore“ platzt im regelrecht der Kragen: ZITATOR Galilei („Il Saggiatore“, Firenze 1623) “Ich will nicht länger schweigen über jenen üblen Profiteur, der bereits viele Jahre zuvor meine Erfindung des geometrischen Kompass als seine eigene ausgegeben hat, und mir jetzt mit unverschämter Dreistigkeit erneut eine Entdeckung streitig macht. Diesmal mag ich es mir verziehen, wenn ich entgegen meiner Natur und Gewohnheit mit Wut und Groll herausschreie, was ich viele Jahre für mich behalten habe: Ich spreche von Simon Marius aus Gunzenhausen. Dieser Kerl, der es offensichtlich gewohnt war, sich mit der Arbeit anderer zu schmücken, schämte sich nicht, meine “Botschaft von den neuen Sternen” zu missbrauchen, um seinen eigenen Ruhm durch meine Arbeit und meine Mühen zu vermehren. Behauptet er doch tollkühn, in seinem Werk “Mundus Jovialis”, er habe die Mediceischen Planeten, welche den Jupiter umkreisen, vor mir entdeckt...” SPRECHERIN Der große Galileo Galilei ist - auf gut deutsch - “angepisst”. Er lässt kein gutes Haar an jenem „Simon Marius aus Gunzenhaus“, von dem die Welt zuvor nicht viel gehört hat. SPRECHER Und von dem man - dank Galileis tatkräftiger Unterstützung - später noch viel weniger hören sollte. Im Klartext: Der Ruf dieses Simon Marius ist ruiniert. SPRECHERIN Doch sind die Vorwürfe gerechtfertigt? Ist dieser Marius tatsächlich nichts anderes als ein „dreister Plagiator“, der sich ein Stück vom Ruhm des großen Meisters abschneiden will? Ein unbedeutender Mann aus der fränkischen Provinz, auf den die Wissenschaftsgeschichte gut und gern hätte verzichten können? SPRECHER Es sollte fast drei Jahrhunderte dauern, bis diese Frage geklärt wurde - mit einem überraschenden Ergebnis. MUSIK On Tiptoe 00:37min ZITATOR Von Gunzenhausen in die Welt - oder: Talent sucht Patron SPRECHERIN Simon wird am 10. Januar 1573 geboren. In Gunzenhausen an der Altmühl. Das ist zwar nicht der Nabel der damaligen Welt. Sein Vater hat es dort aber durchaus zu etwas gebracht, ist gebildet, zeitweise Bürgermeister des kleinen Städtchens. SPRECHER Dennoch ist die Familie finanziell wohl eher mager ausgestattet: Simon hat noch zahlreiche Geschwister, die alle versorgt werden wollen. SPRECHERIN Um voran zu kommen, braucht der talentierte Junge daher einflussreiche Förderer, z.B. Georg Friedrich, seines Zeichens Markgraf des Fürstentums Brandenburg-Ansbach. Der Astronomiehistoriker Hans Gaab: 01-O-TON Gaab Gesangstalent „Und es gibt natürlich die Geschichte. Wobei das ist sehr fragwürdig, gehört wohl eher in den Bereich der Legenden, dass der Markgraf ihn singen gehört hat und der von dem Gesang so begeistert war, dass er ihn eben an die Fürstenschule in Heilsbronn aufgenommen hat. Diese Geschichte ist allerdings erst entstanden oder nachweisbar, hundert Jahre nach dem Tod von Marius und insofern ist ein sehr großes Fragezeichen zu setzen.“ SPRECHER Doch selbst wenn die Geschichte „Junges Talent singt sich nach oben“ nur gut erfunden ist. Entscheidend ist: Simon wird gefördert und an der Fürstenschule in Heilsbronn aufgenommen, einem Städtchen zwischen Nürnberg und Ansbach, wo damals der Bedarf an Beamten für den fürstlichen Stab ausgebildet wird. Simon muss Eindruck hinterlassen haben: 02-O-TON Gaab Weichenstellungen 2 [0:12:29] : „Man hat ihm ein eigenes Zimmer eingeräumt, weil man gemerkt hat, der ist sehr begabt, was Mathematik, Astronomie angeht, und hat ihm glatt Bücher verschafft und hat ihn da allein auch studieren lassen. Also der ist da gefördert worden in Heilsbronn, der war da privilegiert, - ist deswegen auch gelegentlich von Mitschülern angegriffen worden, war manchmal nicht so beliebt. Aber wie gesagt er ist da sehr stark gefördert worden. Und ihm standen auch einfache, keine komplizierten, aber einfache Instrumente zur Verfügung für astronomische Beobachtungen.“ MUSIK Now Getup 01:12min SPRECHERIN Schon früh macht Marius dann mit ersten Veröffentlichungen auf sich aufmerksam – beobachtet einen Kometen und erstellt astronomische Tafeln. SPRECHER Ein Empfehlungsschreiben des Markgrafen ebnet ihm schließlich den Weg hin zu einer weiteren wichtigen Station in seinem Leben: Marius bekommt einen Job in Prag, eine Assistentenstelle bei einem der erfahrensten Astronomen seiner Zeit: bei Tycho Brahe. Seines Zeichens Hofmathematiker des deutschen Kaisers Rudolf II. SPRECHERIN Berühmt ist Brahe vor allem für einen ganz besonderen “Datenschatz”: Umfangreiche Journale mit präzisen Planetenbeobachtungen. SPRECHER Brahe erstellte die erste Kartierung des Himmels mit brauchbarer Auflösung - eine Art „Wanderkarte“ auf der gleichsam nicht nur sechsspurige Autobahnen, die größten Seen und breitesten Flüsse verzeichnet sind, sondern auch Waldwege und Hasenpfade minutiös erfasst sind. SPRECHERIN Dieser „Schatz“ ist das Ergebnis mühsamer jahrelanger Himmelsbeobachtungen, mit bloßem Auge, ohne Teleskop. Hans Gaab: 03-O-TON Gaab Tycho „Was der Tycho Brache natürlich auch gebraucht hat, der hat Helfershelfer gebraucht, um Beobachtungen durchzuführen. Und da hat er natürlich auch immer haben wollen, dass möglichst begabte junge Leute zu ihm kommen und mindestens eine Zeit lang mitarbeiten. Und über diese Schiene ist man halt auch auf den Marius aufmerksam geworden und hat gesagt: Mensch, der soll mal kommen!“ SPRECHER Und so wird Marius Teil des Teams in Prag. Für ihn eine wichtige Lehrzeit. Persönlichen Kontakt zum Meister selbst hat er aber wohl keinen: Brahe ist damals bereits schwer erkrankt und stirbt kurz darauf im Oktober 1601. SPRECHERIN Auch einen anderen großen Kollegen hat Marius dort wahrscheinlich knapp verpasst: Johannes Kepler. Der steht damals ebenfalls in Brahes Diensten. MUSIK Ciaccona für Spinett 00:23min SPRECHER Einen Hauch „weite Welt“ schnuppert Marius im Anschluss dann noch in Padua - wohin der Graf seinen Schützling zum Medizin-Studium schickt. Bis er von dort abrupt zurück nach Ansbach gerufen wird: der inzwischen neu installierte Fürst Joachim Ernst braucht vermutlich Ersatz für seinen verstorbenen Hofastronomen in Ansbach. SPRECHERIN Marius kommt also aus der Provinz - und landet nach Umwegen auch wieder in der Provinz: Angestellt beim Ansbacher Markgrafen, wo er bis zu seinem Lebensende jährlich 150 Gulden erhält. SPRECHER Eine eher spärliche Besoldung, für den Job, den er dort erledigt: als Mathematiker, Astronom und Arzt - mit ganz praktischen Aufgaben: SPRECHERIN Die Mächtigen fordern Horoskope, um ihre Politik zu optimieren. SPRECHER Auch für den Aderlass und den Holzschlag muss der astrologisch korrekte Zeitpunkt ermittelt werden. SPRECHERIN Gefragt sind außerdem ganz praktische Methoden zur Landvermessung. Die ist von großer Bedeutung für das Steueraufkommen. Marius hat dazu u.a. eine deutsche Übersetzung eines mathematischen Standardwerkes von Euklid angefertigt: dessen „Elemente“. Auch deutsche Leser ohne Latein und Griechischkenntnisse haben so eine praktische Anleitung zur Hand, um auf freiem Feld Vermessungen durchzuführen. SPRECHER Und schließlich wollen auch Militärs wissen, wie sie ihre Kanonen optimieren und deren Zielgenauigkeiten verbessern können. Am Ansbacher Hof interessiert das vor allem einen gewissen „Johannes Philipp Fuchs von Bimbach“. Der lernt schnell Marius mathematische Fähigkeiten zu schätzen und wird zu einem seiner größten Förderer. - Der Wissenschaftshistoriker Pierre Leich: 04-O-TON Leich Fuchs von Bimbach „Dieser Fuchs von Bimbach war einer der höchsten Beamten am markgräflichen Hof und war insbesondere auch für die militärischen Aspekte verantwortlich. Es war auch jemand, der deswegen immer wieder auf Messen gegangen ist wie die Frankfurter Messe, um dort nach Neuheiten zu schauen. Und auf diesem Weg hat er damals auch Kenntnis von dem Teleskop erlangt, was ja erst 1608 in Den Haag bei einer Friedenskonferenz überhaupt erstmals vorgestellt wurde.“9 [0:12:53] SPRECHERIN Und diese damals brandheiße „Erfindung “ sollte sich für Marius noch als äußerst nützlich erweisen. MUSIK Shadows Of Voices 01:01min ZITATOR Die Welt des Jupiter - oder: Ein Himmel voller Geheimnisse SPRECHER Anfang des 17. Jahrhunderts präsentieren findige Forscher erstmals ein Fernrohr. Also ein optisches Instrument, das es mithilfe von Linsen möglich macht, entfernte Objekte um ein Vielfaches näher oder größer erscheinen zu lassen. Damals ein kleines Wunder – und der Traum eines jeden Astronomen, um den nächtlichen Himmel zu erkunden. SPRECHERIN Wer das Teleskop tatsächlich erfunden hat, darüber entbrennt schon damals ein reger Streit. Fest steht, dass Galilei es nicht erfunden hat, - es sich aber zunutze macht und weiterentwickelt. Und Johannes Kepler hat als erster tatsächlich umfassend verstanden und dargelegt, wie Teleskope eigentlich funktionieren. Er liefert die mathematisch-geometrischen Grundlagen. SPRECHER Fuchs von Bimbach stößt nun 1608 auf so ein neuartiges Fernrohr - und zwar bei der Frankfurter Messe. Damals eine der wichtigsten Drehscheiben des internationalen Fernhandels: 05-O-TON Leich - Das Teleskop “Und Fuchs von Bimbach wurde eben ein Instrument angeboten, das aber einen Sprung in der Linse hat und extrem teuer offenbar war. Es kam kein Kauf zustande, und dann hat man dann in Ansbach zurückgekehrt, natürlich versucht eins nachzubauen. Und da muss ich jetzt leider sagen - ich bin ja Nürnberger, - aber meine Vorderen haben es leider nicht hingekriegt, den beiden gut genuge Linsen zu liefern. Und deswegen mussten sie noch ein bisschen abwarten, um dann ein halbes Jahr später aus den Niederlanden ein fertiges Teleskop zu kaufen.“ SPRECHERIN Nicht nur Fuchs von Bimbach ist begeistert - auch Simon Marius: Da sein Gönner keine Kosten und Mühen scheut, kann er nun einen völlig neuen Blick auf den nächtlichen Himmel werfen. SPRECHER Wobei diese Fernrohre der ersten Stunde ihre Tücken haben: Ein ungeübter Beobachter kann zunächst vermutlich gar nichts sehen. Auch Marius muss zunächst die Stärken und Schwächen dieser Instrumente selbst erkunden. Doch Ende 1609, Anfang 1610 ist es dann soweit: ZITATOR Simon Marius „Damals habe ich den Jupiter zum ersten Mal gesehen. Er befand sich in Opposition zur Sonne. Und ich entdeckte winzige Sternchen in gerader Linie mal hinter, mal vor dem Jupiter. Zunächst dachte ich, jene gehörten zur Zahl der Fixsterne, die man ohne Teleskop eben nicht sehen kann... Als aber Jupiter rückläufig war und ich im Dezember erneut diese Sterne um ihn sah, habe ich mich doch zuerst sehr gewundert; um dann zu der Meinung zu gelangen, dass sich diese Sterne geradeso um den Jupiter bewegen wie die fünf Sonnenplaneten Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn sich um die Sonne bewegen.“ MUSIK Shadows Of Voices 00:46min SPRECHERIN Die vier vermeintlichen „Sternchen“, die Marius da beobachten konnte, veränderten also ihre Stellung von Nacht zu Nacht. Sie mussten folglich „Begleiter“ des Jupiter sein, „Monde“, die ihn umkreisen. SPRECHER Doch Himmelskörper zu beobachten, die sich nicht primär um die Erde drehen, - das wirft damals noch grundlegende Fragen auf: Wer kreist da draußen um was? Wer steht im Mittelpunkt? Die Erde? Die Sonne? Welches Weltbild ist das richtige? SPRECHERIN Die vier Jupitermonde sind also eine astronomische Sensation – und Simon Marius hat sie entdeckt. SPRECHER Doch Moment mal. Kann das stimmen? SPRECHERIN Kann nicht - wird ein erboster Galileo Galilei sagen, als er Jahre später von seinem fränkischen Mitstreiter erfährt und ihn als dreisten Plagiator beschimpft - 1623 in seiner Schrift „Il Saggiatore“: MUSIK Dark Matter 00:15min ZITATOR Galileo („Il Saggiatore“, Firenze 1623) „Ich spreche von Simon Marius aus Gunzenhausen. Dieser Kerl, der es offensichtlich gewohnt war, sich mit der Arbeit anderer zu schmücken... Ich sage, er hat höchstwahrscheinlich überhaupt nichts beobachtet!“ SPRECHERIN Doch wie kommt Galileo nun zu seien wüsten Vorwürfen? SPRECHER Marius hat seine Beobachtungen am 8. Januar 1610 notiert. In Briefen und anderen kleinen Kalenderschriften diese Entdeckung dann zwar öfter erwähnt, aber erst viel später auch umfangreich publiziert: nach vielen weiteren Recherchen und Beobachtungen: 1614 in seinem Werk „Mundus Iovialis“ - „Die Welt des Jupiters“. Für Marius ging also Gründlichkeit vor Schnelligkeit. SPRECHERIN Ganz anders Galileo. Der hatte die Begleiter des Jupiter mit dem Teleskop einen Tag vor Marius, am 7. Januar 1610 beobachtet - und dann sofort noch im März 1610 publiziert. Im „Siderius Nuncius“, der „Sternenbotschaft“. SPRECHER Galileo dürfte ziemlich klar gewesen sein, dass bald überall in Europa Astronomen diese Monde mit dem Teleskop entdecken werden. In die Geschichtsbücher wird es aber nur derjenige schaffen, der über diesen Sensationsfund dann auch als erster publiziert. SPRECHERIN Klarer Punkt also für Galileo. MUSIK Midnight Call 00:43min SPRECHER Doch der Vorwurf geht ja noch weiter: dieser Marius aus Gunzenhausen hätte gar nichts entdeckt. Er hätte nur abgeschrieben. SPRECHERIN Belastend kommt hinzu, dass bereits ein Schüler von Marius bei Galileo abgekupfert hatte: er hatte dessen Arbeit über den geometrischen Kompass übersetzt und unter eigenem Namen veröffentlicht. Wie der Schüler, so der Lehrer, so die Unterstellung. SPRECHER Marius versucht zwar sich zu wehren…

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    Programm-Ansagerinnen - Fernsehgesichter der ersten Stunde Mar 17, 2025
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    Sie wurden als "sprechende Visitenkarte" bezeichnet oder auch als "Gastgeberin": Seit den Anfängen des Fernsehens stellten Programm-Ansagerinnen zu einen den Bogen her zwischen unterschiedlichen Programminhalten und überbrückten zum anderen die zu Beginn des Fernsehens oft noch minutenlangen Umschaltzeiten. Von Carola Zinner (BR 2024) CreditsAutorin dieser Folge: Carola ZinnerRegie: Sabine KienhöferEs sprachen: Irina Wanka, Jenny Güzel, Jerzy MayTechnik: Regina StaerkeRedaktion: Iska Schreglmann Im Interview:Carolin Reiber, ehem. Ansagerin;Sylvia Brécko, Kabarettistin, ehem. Ansagerin, Autorin der Magisterarbeit „Die Entwicklung der Fernsehansage im Verhältnis zum Programmschema“ Diese hörenswerten Folgen könnten Sie auch interessieren: Alles Geschichte - History von radioWissen · DAS FRÜHE RADIO - Die Anfänge in DeutschlandJETZT ANHÖREN Alles Geschichte - History von radioWissen · DAS FRÜHE RADIO - Werbung, Propaganda, AufklärungJETZT ANHÖREN Alles Geschichte - History von radioWissen · WIE WAR DAS DAMALS...? Als das Radio in die Welt kam?JETZT ANHÖREN radioWissen · Die Geschichte des Fernsehens - Von zwei Stunden in schwarz-weiß bis zu digital nonstopJETZT ANHÖREN radioWissen · Radio Caroline - Der vorbildliche PiratensenderJETZT ANHÖREN Linktipps: Am 25. Januar 1949 wurde der Bayerische Rundfunk gegründet. Seitdem ist viel passiert. Ein bunter Ritt durch 75 Jahre Programm für Bayern:ZUR JUBILÄUMS-WEBSITE Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Musik: Busy Busy 0‘7 ZUSPIELUNG 1 Collage „Guten Abend, meine Damen und Herren...- verehrte Zuschauer!“ ERZÄHLERIN Seit Beginn des Fernsehens gab es Ansagerinnen, die durch das Programm führten. Galt beim Radio anfangs noch der Grundsatz, männliche Stimmen seien seriöser und daher zu bevorzugen, drehte sich, als das Bild zum Ton kam, das Verhältnis um. Gutaussehende Frauen wurden zum „Gesicht des Senders“, seine „sprechende Visitenkarte“. ZUSPIELUNG 2 Brécko Die allererste Fernsehansage gab es tatsächlich schon im März 1935 von der Ansagerin Ursula Patzschke-Beutel - die hat dann gleichzeitig auch den Hitlergruß mit versendet - ZITATORIN „Achtung, Achtung! Fernsehsender Paul Nipkow. Wir begrüßen alle Volksgenossen und Volksgenossinnen in den Fernsehstuben Großberlins mit dem deutschen Gruß Heil Hitler! ZUSPIELUNG 3 Brécko Und im Dezember 1952 dann der offizielle Fernsehstart mit Ansagerin Irene Koss. ERZÄHLERIN Die Schauspielerin und Kabarettistin Sylvia Brécko hat nicht nur selbst beim WDR als Ansagerin gearbeitet, sie verfasste auch mit ihrer Magisterarbeit über die Entwicklung der Fernsehansage eine der wenigen wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema. ZUSPIELUNG 4 Brécko Anfangs dienten die Fernsehansagen dazu, die technisch notwendigen Umschaltzeiten zwischen den verschiedenen Sendern und auch Sendungen zu überbrücken. Außerdem war sie Bindeglied zwischen dem Sender und am Zuschauer, sollte informieren und Geschmack machen auf das folgende Programm. Und sie sollte eine harmonische Überleitung bieten, was besonders wichtig war bei aufeinanderfolgenden gegensätzlichen Sendeformaten. Direkt dran ZUSPIELUNG 5 C. Reiber So dass der Zuschauer sagte, ach, das müssen wir uns anschauen. Und, sicher, der Auftritt war auch nicht unwichtig. Musik: Prize winner 1 0‘10 AKZENT Wiederkehrendes Signal / eine Art Kennung für „Ansage“ ZUSPIELUNG 6 „Bevor wir beginnen, ein kurzer Blick auf das, was wir Ihnen heute Abend bieten.“ (All diese eingestreuten Ansagen können als PUFFER dienen) ZUSPIELUNG 7 C. Reiber Wie sieht die aus, was trägt sie für eine Frisur? Was hat sie heute an? Das war schon alles wichtig, und das wussten wir auch. Und das war ja auch schön. ERZÄHLERIN Die Moderatorin Carolin Reiber, Jahrgang 1940, begann ihre Fernseh-Karriere als Ansagerin beim Bayerischen Rundfunk. Angefangen hatte alles mit einem munteren Interview Ende der 1950er Jahre, in dem die hübsche junge Frau von einem Aufenthalt in den USA erzählte. ZUSPIELUNG 8 C. Reiber Daraufhin meinte der damalige Leiter der Abendschau, Heinz Böhmler, ach, die wäre doch was. Und der ging zu meinen Eltern - ich sehe ihn noch im Wohnzimmer - und fragte meine Eltern, ob sie es erlauben würden, wenn ich Ansagerin werden würde. Wir sind ja mit 21 erst volljährig geworden! Und meine Eltern meinten, naja, wenn sie ´s kann, warum nicht. ERZÄHLERIN Schließlich steht zu dieser Zeit „Ansagerin“ neben „Stewardess“ ganz oben auf der Liste weiblicher Traumberufe. Doch die Umsetzung dieses Wunsches gelingt nur den wenigsten, auch weil die Eltern für solche „Flausen“ ihrer Töchter meist wenig Verständnis haben. Als „vernünftige“ weibliche Berufe gelten in Westdeutschland Sekretärin, Verkäuferin oder Krankenschwester, eine Anstellung in den Büros von Ämtern, der Post oder der Bahn. Und für so genannte „Bücherwürmer“ kommt auch das Lehramt in Frage – was allerdings noch bis Mitte der 1950er Jahre zur Sackgasse werden kann, weil in vielen Bundesländern die Frauen aufgrund des so genannten Lehrerinnenzölibats verpflichtet sind, bei einer Eheschließung, den Dienst zu quittieren. MUSIK: Rumba Anna 0‘28 Anmutung 50er Jahre ERZÄHLERIN Nach den Kriegsjahren, in denen Frauen häufig in harten Knochenjobs die fehlenden Männer hatten ersetzen müssen, gilt es im Westdeutschland der 50er und 60er Jahre als Privileg, als Ehefrau nicht zur Arbeit gehen zu müssen, sondern sich mit aller Kraft um einen geordneten Haushalt und das Wohlergehen von Mann und Kindern kümmern zu können. Musik: Prize winner 1 0‘10 AKZENT Wiederkehrendes Signal / eine Art Kennung für „Ansage“ ZUSPIELUNG 9 Ansage b Das Programm des Deutschen Fernsehens kommt heute vom Südwestfunk. Dazu begrüßen wir auch die Zuschauer des Österreichischen Fernsehens. ERZÄHLERIN Auch die Fernsehansagerinnen passen in gewisser Weise ins Schema der 50er und 60er. Schließlich ist es ihre Aufgabe, den attraktiven Rahmen zu bilden für die „gewichtigen“ Programminhalte, die fast ausschließlich von Männern erstellt werden. Ansagerinnen machen es dem Publikum quasi in der „Guten Stube“ Fernsehen schon mal gemütlich, bevor man zum wichtigen Teil des Abends kommt. Es ist eine Rolle, die ihnen beim Publikum enorme Popularität einbringt. ZUSPIELUNG 10 (Brécko) In den 50ern waren sie regelrechte Stars. Alles, was die ersten Fernsehansagerinnen Irene Koss, Ursula von Manescul, Dagmar Bergmeister sagten, trugen und taten, war der Presse eine Schlagzeile wert. Sie waren die Gesichter des jeweiligen Senders. ZUSPIELUNG 11 (Reiber) Das war so, dass die Leute oft, was ich sehr lustig fand, wenn ich zu meinem Friseur ging, hat er mal wieder… es kam wieder eine Kundin mit einem Bild von Ihnen „Ich möchte die Frisur haben!“ Aber das war ja ein Kompliment. Das war ja schön, wenn jemand sagt, ah, ich möchte genauso eine Frisur haben wie sie. ERZÄHLERIN Die hohen Gehälter allerdings, die man den Fernsehansagerinnen angesichts ihrer Prominenz oft unterstellt, existieren nur in der Vorstellung des Publikums. Carolin Reiber: ZUSPIELUNG 12 (Reiber) Wir hatten ja alle einen Beruf noch nebenbei. Ja, ich war ja Auslandskorrespondentin dann, und die anderen waren Schauspieler, die Anneliese Fleyenschmidt war mit dem Schreiben beschäftigt - also wir hatten alle unseren Nebenjob noch. Keine konnte davon leben. ZUSPIELUNG 13 (von Aretin/ Kappelsberger/ Fleyenschmidt) Dann kamen Briefe, gell: Was soll ich meine Tochter studieren lassen? - also um Ratschläge - Ja, wir waren ja in der Familie drin / Was hat denn die für eine Frisur – tät uns auch gefallen, oder gefällt uns überhaupt nicht… / Ich hab wahnsinnig viel Anrufe, Briefe gekriegt, das ging also an, ich hab meinen Schäferhund verloren, meine Tochter will Abitur machen, ich hab Schwierigkeiten in der Ehe, ich krieg keine Wohnung: ich hatte das Gefühl, du wirst ein bisschen wie ein Sozialbüro auch – zu der haben wir Vertrauen, die gehört zu uns, die kennt ja viele Leute, die ist ja in der Öffentlichkeit, und die kann mir helfen. ERZÄHLERIN Annette von Aretin, Anneliese Fleyenschmidt und Ruth Kappelsberger: Pionierinnen der Fernsehansage beim Bayerischen Rundfunk. Musik: Wo rote Rosen blüh’n 0‘42 Bei einem Treffen im Sommer 1992 schwelgten die drei in Erinnerungen an die aufregenden Anfangsjahre. Die drei waren bei einem Auswahlverfahren, das damals noch im Versuchsstudio in einem Münchner Blindenheim stattfand, aus hunderten von Bewerberinnen herausgefiltert worden, als der Sender 1954, knapp zwei Jahre nach dem bundesweiten Start des deutschen Fernsehens, ein eigenes Fernsehprogramm entwickelte. Am 6. November 1954 war es dann so weit: Annette von Aretin kündigte die erste Fernsehsendung aus Bayern an. ZUSPIELUNG 14 (Von Aretin – Start des BR-Fernsehens in der ARD) „Guten Abend, verehrte Zuschauer. Gestern konnten unsere Zuschauer uns zum ersten Mal sehen. Und heut dürfen wir uns Ihnen vorstellen: Der Bayerische Rundfunk im Deutschen Fernsehen. Von jetzt ab werden wir im Bereich des Senders Wendelstein unsere Münchner Abendschau täglich um 19 Uhr bringen und im Deutschen Fernsehen, also im Gemeinschaftsprogramm der Deutschen Rundfunkanstalten zwischen 20 und 22 Uhr, werden wir 5 oder 6mal in jedem Monat zu sehen sein. An den übrigen Tagen wird das Programm von den Studios in Hamburg, Köln, Berlin, Frankfurt, Stuttgart und Baden-Baden bestritten. Wir begrüßen unsere Zuschauer von den Alpen bis zur Nordsee auf das herzlichste und ebenso unsere Kollegen auf den anderen Stationen. Und wir hoffen, dass Ihnen unser Programm gefällt! ZUSPIELUNG 15 (Aretin, 1992) Evtl. Diese Zuspielung in die Mitte der obigen Ansage setzen, nach „Deutschen Fernsehens“, anschließend dann mit der Ansage weiter bis „Programm gefällt“). Und, bitte, den kleinen (Fremd-) Schnaufer unter „panisch“ nach Möglichkeit rausfiltern. Ich war panisch. Und hab das Ganze eigentlich wie in Narkose abgewickelt. Und es hat kein Wort gefehlt, also es ging, nur diese Angst hab´ ich nie mehr verloren beim Ansagen. ERZÄHLERIN Vielleicht liegt es an diesem permanenten Lampenfieber, dass die gelernte Fotografin, die bereits seit Ende der 40er Jahre in den verschiedensten Bereichen für den Bayerischen Rundfunk arbeitet, nach einigen Jahren als erste der drei Kolleginnen wieder aus der Ansage aussteigt – Annette von Artin leitet fortan das Besetzungsbüro des Hauses. Der Promi-Status beim Publikum bleibt ihr trotzdem erhalten, ist „unsere Annette“ doch festes Mitglied im Rateteam der deutschlandweit beliebtesten Fernsehsendung des Bayerischen Rundfunks. ZUSPIELUNG 16 Thema „Was bin ich“ 0‘33 ERZÄHLERIN „Was bin ich“ – DER Quotenrenner aus Bayern mit einer Einschaltquote von bis zu 75 Prozent. Das Team muss die Berufe wechselnder Studiogäste erraten, die auf Fragen ausschließlich mit „Ja“ oder „Nein“ antworten dürfen – wobei sie vom „Gastgeber“ Robert Lembke ebenso humorvoll und intelligent begleitet werden MUSIK falls lang genug, nochmal hoch ZUSPIELUNG 17 (Reiber) Es war sozusagen das Highlight des Bayerischen Rundfunks. Da die ganze Nation zugeschaut.- Ich mein, mit Robert Lembke….! ERZÄHLERIN Carolin Reiber erinnert sich noch genau an die große Aufmerksamkeit des Publikums für die Ansagen vor Straßenfegern wie „Was bin ich“. Sprache, Kleidung, Haare: alle wurde genauestens registriert – und oft auch kommentiert. ZUSPIELUNG 18 (Reiber) Die Kleider waren schon ein Problem: Es war ja erst mal alles Schwarz-Weiß. Und dann hatten wir einen Spind, ich hatte einen Schrank, da hing etwas in Tracht, etwas für Trauer und etwas für Sport. Denn das Programm hat ja oft gewechselt. Und dann mussten wir schnell umdisponieren. Und dann hat mir eine Zuschauerin geschrieben, also Frau Reiber, die Sendung war ja ganz gut, aber ihre Bluse war ganz schön verknittert. Die war nicht gut gebügelt! ZUSPIELUNG 19 (Fleyenschmidt) Wir konnten einen Pullover auf drei verschiedene Arten tragen. Denn konntest Du einmal linksrum, einmal rechtsrum, einmal mit nem Blüschen drunter, einmal mit ner Brosche hin, und dann sagten Leute: Die hat jeden Tag was anderes an. ERZÄHLERIN So Anneliese Fleyenschmidt. In welchem Outfit die Ansagerinnen auf dem Bildschirm erscheinen, interessiert auch die Kolleginnen brennend, die in den anderen Sendeanstalten auf die nächste Schalte warten. Dezent soll die Kleidung sein, gepflegt und ein bisschen vornehm – wenn man da nicht gerade ein Dirndl trägt wie etwa Carolin Reiber vom Bayerischen Rundfunk gelegentlich, kann es leicht mal zu Überschneidungen kommen. ZUSPIELUNG 20 (Reiber) An einem Abend, das wird ich nie vergessen: München mit der tollsten Ansage für „Was bin ich?“, dann WDR Claudia Dorn, dann…: viermal, und wir hatten alle das Gleiche an: einen beigen Twinset mit einer Perlenkette. Das war ein Halleluja! Das Gleiche passierte dann auch natürlich mit den Frisuren. Da kam die Zeit der Perücken, die Zeit der großen Haarteile. Und ich kann mich noch erinnern, da hatten wir dann mal einen Kommentar: Jetzt wächst die Frisur aus dem Bildschirm! ZUSPIELUNG 21 (Fleyenschmidt, Kappelsberger) Die Leute waren auf das Fernsehen wirklich wild. Die drehten um 5 Uhr den Knopf auf und blieben bis 10 dran. Drum hab ich immer gesagt: Die kommen an unserem Kopf gar nicht vorbei. Die drehten auf und dann waren wir da. Aber auf der anderen Seite war man ewig auf dem Präsentierteller – also ich habe meinen ersten Schock gekriegt, ich hab meinen Wagen abends in die Werkstatt gefahren zur Inspektion – und da war die Putzfrau da und schaut – Grüß Gott – Grüß Gott – sind Sie die vom Fernsehen? – Ja… - Nu, auf dem Bildschirm sind se aber auch scheener! ERZÄHLERIN Weil das Fernsehen in den Anfangsjahren ausschließlich schwarz-weiß ausgestrahlt wird, müssen Anneliese Fleyenschmidt, Ruth Kappelsberger und Annette von Aretin immer wieder für maskenbildnerische Experimente herhalten. Denn in Schwarzweiß wirkt beispielsweise ein roter Lippenstift nicht unbedingt rot. Aber ein blauer vielleicht…? ZUSPIELUNG 22 (v. Aretin, Fleyenschmidt) Da sind wir mit blauen Lippen – da hieß es, roter Lippenstift wirkt schwarz – mit hellblauen Lippen haben wir lieblich gesäuselt. / Wenn wir die allererste Zeit nehmen, da waren nur Experimente; da hat der Kameramann experimentiert, der Redakteur hat experimentiert, wir haben experimentiert, das Licht hat experimentiert – wir waren eigentlich selig, wenn wir auf dem Schirm waren und nicht gewackelt haben. Musik: Prize winner 1 0‘10 AKZENT Wiederkehrendes Signal / eine Art Kennung für „Ansage“ ZUSPIELUNG 23 Ansage e „Im Telezoo… “ ZITATOR 31. Sitzung des Fernseh-Ausschusses des Rundfunkrates des Bayerischen Rundfunks. Behandelte Tagesordnung: Das Problem der Ansage - Gespräch mit den Ansagerinnen - Reportage der Münchner Abendschau über das Eheseminar in Landau Das Aufzeichnungsverfahren (Kursives verschwindet in Blende) ERZÄHLERIN Das Protokoll einer Sitzung vom 19. Dezember des Jahres 1955: sechs Herren und eine Dame vom Rundfunkrat und vom Sender beratschlagen, wie es mit der Fernsehansage weitergehen soll. Dafür sind Gäste geladen. ZITATOR „Der Vorsitzende begrüßt die Damen von Aretin, Fleyen-Schmidt und Kappelsberger, mit denen man sich heute einmal gemeinsam über das Problem der Ansage unterhalten wolle. ERZÄHLERIN So richtig begeistert scheinen die Sitzungsteilnehmer von den Ansagen nicht zu sein; Fernsehen gilt im Gegensetz zu Radio immer noch als leicht unseriös. Und Damen, so prominent im Programm? ZITATOR Pfarrer Hildmann wirft zunächst die Frage auf, wozu überhaupt eine sichtbare Ansage gebraucht werde. () Ob nicht die Sendungen selbst so stark sein sollten, dass sie den Kontakt schaffen?“ ZUSPIELUNG 24 Werbespot zur Rundfunkgebühr mit Ruth Kappelsberger „Verehrte Zuschauer… und Sie kriegen bestimmt ganz was Schönes!“ Musik: Busy Busy 0‘5 ZITATOR Die Damen von Aretin, Fleyen-Schmidt und Kappelsberger berichten aus der Praxis ihrer Ansagetätigkeit.…

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