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    Latest Episodes:
    Brüche im Leben - Aus Krisen Kraft schöpfen Apr 10, 2025
    Show notes

    In der traditionellen japanischen Kunst werden Risse im Porzellan mit Gold verziert - um die Unvollkommenheit hervorzuheben. Die "Narben aus Gold" sind auch eine Metapher. Im richtigen Leben ist das weitaus schwieriger: Rissen in der Biografie etwas Wertvolles abzugewinnen, kann zum Kraftakt werden. Doch wenn es gelingt, kann ein Mensch über sich hinauswachsen. Ein Podcast von Karin Lamsfuß

    Credits:
    Autorin: Karin Lamsfuß
    Redaktion: Susanne Poelchau
    Regie: Sabine Kienhöfer
    Technik: Christine Frey
    Erzählerin: Caroline Ebner

    Im Interview:
    - Sandra Stelzner-Mürköster, hat früh ihren Mann verloren
    - Peter, spielsüchtig und verschuldet
    - Verena König, Traumatherapeutin
    - Dr. Michael Schonnebeck, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Leiter eines Tagesklinik


    Literatur-Tipps:
    Sandra Stelzner-Mürköster: Zurück ins Leben finden. Gütersloher Verlagshaus, 2024

    Doris Wolf: Einen geliebten Menschen verlieren. Begleitung durch die Trauer. PAL Verlag 2001

    Claus Eurich: Die heilende Kraft des Scheiterns. Ein Weg zu Wachstum, Aufbruch und Erneuerung. Vianova Verlag, 2006

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an
    radiowissen@br.de.

    Radiowissen finden Sie auch in ARD Sounds:
    https://www.ardsounds.de/sendung/radiowissen/urn:ard:show:a5369fa8556fcd7b/

    Das Manuskript zur Folge gibt es hier:
    https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/radiowissen/manuskripte/index.html

    Wir freuen uns über eure Kommentare und Diskussionsbeiträge. Bitte beachtet unsere Netiquette und Tipps für Kommentare:
    https://www.br.de/service/kommentare-netiquette-richtlinien-110.html


    Das grüne Band - Polarlichter zwischen Mythos und Wissenschaft Apr 09, 2025
    Show notes

    Polarlichter haben die Fantasie der Menschen schon immer angeregt. Heute ziehen sie Touristen und Wissenschaftler nach Nordnorwegen. Auch wenn ihre Entstehung weitgehend klar ist, gibt es viel zu forschen: Wie beeinflusst die Aurora die digitale Technik auf der Erde? Andreas Pehl ist dem Nordlicht auf der Spur. Von Andreas Pehl (BR 2024) CreditsAutor: Andreas PehlRegie: Anja Scheifinger Es sprachen: Caroline Ebner, Thomas Loibl und Benedikt SchregleTechnik: Susanne HarasimRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Magnar Gullikstad Johnsen;Gunnar Hildonen;Theresa Rexer;Kristian Schlegel; Birgit Schlegel; Juka Vierinen Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Wetterpropheten - Wie Meteorologen Sonne und Regen vorhersagenJETZT ANHÖREN Sonnen-Eruptionen - Wenn heiße Gase die Erde treffenJETZT ANHÖREN Literaturtipps: Birgit und Kristian Schlegel, „Polarlichter zwischen Wunder und Wirklichkeit. Kulturgeschichte und Physik einer Himmelserscheinung. Spektrum, 2011. Der Königsspiegel. Aus dem Altnorwegischen übersetzt von R. Meissner, 89–91, Halle/Saale, 1944. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin Aus aller Welt zieht es die Menschen ins nordnorwegische Tromsø, wenn nach der langen Mitternachtssonne die Nächte im Herbst wieder länger werden. Urlaub in der Polarnacht? M Missing fragments unter: 0´44´´ Unbedingt! Denn hier geht es um ein Naturschauspiel, für das es dunkel sein muss: das Nordlicht. 01 OT Hildonen 923 … OV Hildonen Das kann an einem Abend mal ganz ruhig beginnen und dann wird es plötzlich ganz wild und die Menschen weinen und schreien. Andere werden ganz still. Das ist wirklich unglaublich mächtig, wenn der ganze Himmel explodiert. Sprecherin Gunnar Hildonen ist als ‚Nordlichtjäger‘ eine Institution in Tromsø. Seit rund 20 Jahren ist er Gästen unterwegs, auf der Jagd nach dem „grünen Gold des Nordens“. ((02 OT Hildonen 906 … OV Hildonen Wir haben hier viele Berge und Fjorde, deswegen ist das Wetter regional sehr verschieden. Tromsø an sich ist keine gute Nordlicht-Destination. Aber wir haben die Möglichkeit, hinauszufahren. Wir jagen also kein Nordlicht, das ist ja fast immer da. Wir jagen den klaren Himmel.)) Sprecherin Anbieter von Nordlicht-Safaris sind in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen und machen ein gutes Geschäft. In der Saison von Oktober bis März sind die Touren fast immer ausgebucht. 03 OT Hildonen 905 … OV Hildonen Anfangs waren die Menschen in Tromsø total schockiert, dass man dafür bezahlen soll, Nordlicht zu sehen. „Wir müssen ja nur vor die Haustür gehen, um das Nordlicht anzuschauen!“ haben sie gesagt. Nordlicht ist für die Menschen hier ja genauso gewöhnlich wie für Spanier die Sonne. 04 OT Rexer 705a Nun arbeite ich schon seit vielen Jahren mit dem Nordlicht. Aber jetzt, wenn schönes Wetter ist – begeistern tut einen das trotzdem, egal wie oft man es gesehen hat. Sprecherin Nicht nur Touristen sind in Tromsø auf der Jagd nach dem Nordlicht. Auch für Wissenschaftlerinnen wie Theresa Rexer ist Tromsø „the place to be“. Theresa Rexer ist Astrophysikerin. Die Deutsch-Norwegerin arbeitet an der Universität Tromsø. Ihr Forschungsgebiet: das Nordlicht. 05 OT Rexer 701 Aus der Wissenschaft gesehen ist das Nordlicht wie eine Signatur von den Prozessen, die im Weltraum passieren. Zufälligerweise können wir es sehen, was eigentlich ziemlich cool ist. Die meisten Sachen, die im Weltraum passieren, können wir nicht wirklich sehen. Wir haben Satelliten, wir haben Kameras und wir haben Radar – das sind alles winzige Messungen an kleinen Stellen von einem riesigen System. Das ist wie mit einem Fischerboot versuchen, das Meer zu beschreiben. Das ist schwierig. M Northern lights unter: Länge 0 50´´ Sprecherin Nordlicht hingegen lässt über einen größeren Bereich des Firmaments hinweg Rückschlüsse zu auf das, was im Weltraum über unseren Köpfen geschieht. Doch woher kommen die grünen Bänder und Vorhänge, die über den Himmel tanzen, manchmal ins Violette und Rote wechseln? Dank der Weltraumforschung ((und vielen einzelnen klugen Ideen von Wissenschaftlern in den letzten drei Jahrhunderten)) wissen wir heute ziemlich genau, wie das Nordlicht tatsächlich entsteht, erzählt Theresa Rexer. Doch schon immer haben sich die Menschen Gedanken gemacht, die diese Himmelsphänomene beobachtet haben. Sind unter dem Nordlicht gezeugte Kinder wirklich besonders klug und schön? Sind Nordlichter die leuchtenden Seelen der Vorfahren? Sind es die schimmernden Rüstungen der Walküren? Göttliche Botschaften an die Menschen? Musik Jacob Shea: Arctic Suite. II Aurora. Eldbjørg Hemsing ZW001192 W01 immer wieder bis S. 11 Länge ingesgesamt: 6´00´´ Zitator Am Fünften des Monats [...] öffnete sich der Himmel. [...] Vom Norden kam ein [...] flackerndes Feuer, und rings um [...] war ein Glänzen, und darin, im Feuer, sah es aus wie Bernstein. Sprecherin Prophet Ezechiel, Kapitel 1 Zitator Mitten darin war die Gestalt von vier Wesen [...] Was sich zwischen den Wesen hin und her bewegte, hatte das Aussehen von Fackeln. Musik aus 06 OT Rexer 703 Was oft als schönstes Nordlicht beschrieben ist, ist ja, wenn wir diese großen geomagnetischen Stürme haben, die von der Sonne kommen, in das Magnetfeld der Erde eintreten und dann sieht man auch weiter im Süden Nordlicht. Das dauert einen Tag oder zwei oder drei, je nachdem was für ein geomagnetischer Sturm das ist. Und dann ist es vorbei. Musik Jacob Shea: Arctic Suite. II Aurora. Eldbjørg Hemsing Zitator Manchmal kann man am Himmel in klaren Nächten verschiedene Erscheinungen beobachten, Spalten und Rinnen und blutrote Farben. Sprecherin Aristoteles: Meteorologica Zitator Der Grund für die kurze Dauer dieser Erscheinungen ist, dass die Kondensierung flüchtig ist. (S. 40) Musik aus 07 OT Rexer 724 Wenn man weit im Süden ist, dann kuckt man von der Seite rein und sieht das Nordlicht, was etwas höher in der Atmosphäre ist. Und das rote Nordlicht ist einfach höher, über dem grünen drüber. Wenn man genau drunter stehen würde, würde man das grüne und das rote sehen. Musik Jacob Shea: Arctic Suite. II Aurora. Eldbjørg Hemsing Zitator Die Himmelsfeuer gibt es in verschiedenen Formen: wie ein Komet, wie glühende Lichter, mal still an einem Ort, mal wirbelnd in der Luft. Sprecherin Seneca: Naturales Questiones (I, 14.1–15.5): Zitator Sie erscheinen in vielen verschiedenen Farben. Manche sind tiefrot, andere blass wie substanzloses Feuer, manche funkeln, andere leuchten orange Musik aus 08 OT Rexer 708a Plasmapartikel – es gibt den Zustand der Dinge: fest: Eis. dann gibt es flüssig: Wasser. Gas gibt es: Wasserdampf. Und der nächste Zustand ist Plasma. D.h., man geht von Gas zu Plasma. Dann sind die Atome nicht mehr zusammen, sondern teilen sich in Elektronen und Ionen, positiv und negativ geladene Partikel. Musik Jacob Shea: Arctic Suite. II Aurora. Eldbjørg Hemsing Zitator In diesem Jahr erschien nach Sonnenuntergang ein rotes Kreuz am Himmel; [...] In Sussex beobachtete man wundersame Schlangen Sprecherin Anglosaxon chronicle, 774 n. Chr. Musik aus 09 OT Rexer 708a Es fängt an mit Explosionen auf der Sonne. Und wenn so eine Explosion auf der Sonne ist, wird Plasma im Weltraum verteilt. Und manchmal trifft uns das. [--Musik Jacob Shea: Arctic Suite. II Aurora. Eldbjørg Hemsing Zitator Einige sagen, [...] das Licht nehme seinen Schein von dem Feuer, das rings um die äußersten Meere sich windet. Sprecherin Königsspiegel, mittelalterliches Lehrwerk, Norwegen um 1250 Zitator Andere haben auch behauptet, dass zu der Zeit, wenn der Lauf der Sonne unter der Erde in der Nacht vor sich geht, dass ein gewisser Schimmer von ihren Strahlen auf den Himmel fallen könne. Musik Aus--] 10 OT Rexer 708b Wenn dieses Plasma das Magnetfeld der Erde trifft, dann kann es in unser Magnetfeld eintreten. Und dann fliegt das Plasma durch unser Magnetfeld, entlang an den Magnetfeldlinien und wird dadurch in unsere Atmosphäre geschleudert. Und zwar den Punkten, wo das Magnetfeld in die Erde reingeht. D.h., am Nordpol und am Südpol. Musik Jacob Shea: Arctic Suite. II Aurora. Eldbjørg Hemsing Zitator Ein grausamb und erschröcklich wunderzeychen: Am 28. Tag des Christmonats [Dezember] AD 1560 hat sich [...] ein grosser breytter lenger Feurflammen vom Hymmel herunnter gelassen. Sprecherin Flugblatt, gedruckt von Georg Merckel, Nürnberg 1561 Zitator Der liebe Gott [...]lest [...] die straffe durch Zeychen verkündigen/ die Gottlosen dardurch zur Buß zu reytzen Musik aus 11 OT Rexer 709a Wenn diese Plasmapartikel, die ursprünglich von der Sonne in unser Magnetfeld und dann in unsere Atmosphäre kommen, die Atome und Moleküle in unsere Atmosphäre treffen, dann geben die ihre Energie ab. Man kann sich das ein bisschen vorstellen wie beim Billard. Man schießt die eine Kugel, trifft die andere und dann fängt die andere an zu rollen. D.h., die Plasmapartikel treffen Atome und Moleküle in unsere Atmosphäre, und dann nehmen die die Energie auf. Musik Jacob Shea: Arctic Suite. II Aurora. Eldbjørg Hemsing Zitator Warhafftige und erschröckliche Neue Zeyttung so sich am Himmel erzeyget hat den 6. Martii Anno 1582. Sprecherin Flugblatt, gedruckt von Hans Schulte, Augsburg 1582 Zitator Es hat unser Herr Gott der nit ein Gott ist dem Gottloß wesen gefelt sonder hasset alle Ubelthäter große Zeichen am Himmel vorgehen lassen, um die Menschen zu warnen. Musik aus 12 OT Rexer 709b Atome und Moleküle können aber solche Energien nicht unendlich lange halten. Die müssen sie wieder abgeben. Und diese Energie wird wieder abgeben in Form von Licht. In unserer Atmosphäre ist Sauerstoff und Stickstoff die zwei häufigsten Atome und Moleküle da oben, von 80-300 km oder mehr. Und diese Energie ist genau so viel Energie wie man für grünes Licht braucht oder rotes Licht, je nachdem, ob es Sauerstoff oder Stickstoff ist. Und so entstehen die Farben. Musik Jacob Shea: Arctic Suite. II Aurora. Eldbjørg Hemsing Zitator Als [...] 17. Martii [...] 1716 [...] des Abends [...] bei uns in Halle ein ungewöhnliches Licht gegen Norden am Himmel erschienen und viele in der Erkänntniß der Natur Unerfahrne in grosse Bestürzung versetzet, so hat man sich vielfältig erkundiget, ((was ich von diesem sonderbahren phaenomeno hielte und)) [...] ob man [...] ihm eine gewisse Deutung zueignen könne. Sprecherin Christian Wolff, Professor in Halle und Mitglied der Königlich Preußischen Societät der Wissenschaften, 1716. Musik aus 13 OT K. Schlegel 509a Man kann fast den 17. März 1716 als Ausgangspunkt der Nordlichtforschung sehen. Damals erschien ein Polarlicht in ganz Europa bis runter in den Mittelmeerraum. ((Und man hat das zum ersten Mal richtig beobachtet, weil es vorher 70 Jahre keine Polarlichter gab. Dann haben sich auch Wissenschaftler daran gemacht, das zu erforschen.)) Sprecherin Kristian Schlegel ist Physiker und zusammen mit seiner Frau, der Kulturanthropologin Birgit Schlegel, Autor des Buches „Polarlichter zwischen Wunder und Wirklichkeit“. 14 OT K. Schlegel 509a Schon eine Woche später hat Christian Wolff einen öffentlichen Vortrag gehalten. Er wollte diese Erscheinung unter das Volk bringen und hat betont, dass es kein Zeichen Gottes ist, sondern dass es eine natürliche Erscheinung ist, die man wissenschaftlich untersuchen kann. M ARD-Labelmusik Mysterious ice flowers Z8034768129 Länge 0´44´´ Sprecherin Der Name dieser Erscheinung: Polarlicht, Nordlicht oder Aurora borealis. Ein Name, der auf Galileo Galilei zurückgeht. Denn starkes Nordlicht ist nicht nur im Hohen Norden zu sehen. Von Süden aus wirken die höheren, roten Bereiche des Nordlichts wie ein flammender Himmel – eben wie Aurora borealis, Nördliche Morgenröte. Haben also Aristoteles, Seneca oder der Prophet Ezechiel also tatsächlich die Aurora gesehen? 16 OT B. Schlegel 512 Wenn Aristoteles das so genau beschreibt, kann man glauben, dass er es selber gesehen hat oder auf Vorgängerbeobachtungen zurückgreift. ((Wahrscheinlich hat er nicht nur in Athen, sondern auch in Mazedonien diese Polarlichter beobachtet.)) 17 OT K. Schlegel 510-511 Der magnetische Nordpol, der wandert im Laufe der Jahrhunderte. Heute liegt er in der Nähe von Nordkanada. Damals lag er etwas östlich von Spitzbergen. Dann ist es aber auch so, dass das Magnetfeld damals etwas stärker war. Das konnte man aus paleomagnetischen Messungen herausfinden. Und das dritte Argument ist, dass die Sonnenaktivität hoch war. Auch das kann man aus C14 Messungen feststellen, dass in den Jahren eine erhöhte Sonnenaktivität war. Wenn man das genau analysiert, kommt man zu dem Schluss: Ezechiel hat wirklich ein Polarlicht gesehen. Sprecherin Ähnliches gilt für die Flugblätter aus der frühen Neuzeit. Im Zuge der Aufklärung begannen Wissenschaftler, nach und nach die Geheimnisse der Natur zu entschlüsseln und kamen dem mysteriösen Nordlicht mehr und mehr auf die Spur. 19 OT K. Schlegel 518 1741 haben Celsius und Hjorter, schwedische Forscher, festgestellt: Immer, wenn ein Polarlicht auftritt, bewegt sich auch die Magnetnadel. D.h., die haben den Zusammenhang hergestellt zwischen geomagnetischem Feld und Polarlicht. Und noch später hat der Astronom Ångström, das war im 19. Jahrhundert, erkannt, dass das Licht von einem selbstleuchten Gas stammt. Und dann noch mal 100 Jahre später hat man erkannt, dass das letztlich Teilchen sind, die von der Sonne gesteuert in die Erdatmosphäre einfallen und die das dann zum Leuchten anregen. Sprecherin Wegweisend war dabei der norwegische Forscher Kristian Birkeland. Ohne von der Existenz von Sonnenstürmen und Elektronen zu wissen, vermutete Birkeland, dass kleine Teilchen aus der Sonne der Grund für das Nordlicht sein könnten. Doch es sollte noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts dauern, bevor mit Hilfe von Satelliten Birkelands Sonnenteilchen-Theorie bewiesen werden konnte. 20 Atmo EISCAT-Radar – Schüssel fährt – Computer tippen Sprecherin Astrophysiker Juka Vierinen von der Universität Tromsø ist solchen Sonnenteilchen auf der Spur. Er forscht unter anderem mit einer der leistungsstärksten Radaranlagen der Welt in der EISCAT-Forschungsstation Ramfjordmoen bei Tromsø. 21 OT Vierinen 601 … OV Vierinen Wenn man Plasma studiert, wird diese Technik benutzt, um die ionisierte obere Atmosphäre zu untersuchen: ((wie viele Elektronen sind dort pro Volumeneinheit, wie schnell und in welche Richtung bewegen sie sich.)) Sprecherin Ähnlich wie bei einem Schiffsradar schicken die Antennen Signale aus und messen die Reflexion. Während allerdings ein Schiffsradar recht große Boote anpeilt, misst und untersucht Juka Vierinen mit stark gerichteten Radar-Impulsen winzig kleine Plasmateilchen in über hundert Kilometern Höhe. 22 OT Vierinen 603 … OV Vierinen Was wir untersuchen, ist die Physik der ionisierten oberen Atmosphäre. Und was wir untersuchen, ist: wie interagieren die Sonne und der Sonnenwind, der aus der Sonne hervorgeht, mit der Erde und der Magnetosphäre der Erde. Das ist sozusagen eine magnetische Blase um die Erde herum. Und welche Energien fließen in diesem System als Ergebnis dieser Interaktion. Sprecherin Juka Vierinen schaut eigentlich nur in seiner Freizeit in den Himmel und bewundert das Nordlicht. In seiner Forschung arbeitet er mit langen Zahlenreihen auf dem Bildschirm, die nur selten in zauberhaften Grüntönen schimmern. Die Wissenschaftler messen hier in der EISCAT-Forschungsstation nicht nur, was sich über unseren Köpfen tut, sondern sie erforschen auch, welche Folgen Sonnenstürme auf die Ionosphäre der Erde haben. Um das herauszufinden, versetzen sie Elektronen in der Ionosphäre mit großen Radar-Antennen künstlich in Schwingung – ein kleiner Sonnensturm, künstlich von der Erde aus erzeugt. 23 Atmo Heating-Experiment Sprecherin Ein Plasmaphysik-Experiment, das natürliches Plasma verwendet. Wenn die Moleküle in der Ionosph…

    Full show notes at the publisher

    Viren - Killer und Lebensretter Apr 08, 2025
    Show notes

    Pflanzen, Tiere oder Menschen können von Viren befallen werden. Diese Winzlinge brauchen Lebewesen, um zu überleben und sich zu vermehren. Sie können krank machen, aber auch sehr nützlich sein. Von Daniela Remus (BR 2021)

    Credits
    Autorin dieser Folge: Daniela Remus
    Regie: Christiane Klenz
    Es sprach: Ditte Ferrigan
    Technik: Peter Preuss
    Redaktion: Matthias Eggert

    Im Interview:
    Prof. Thomas Gramberg, Virologe, Universitätsklinikum Erlangen-Nürnberg
    Prof. Adam Grundhoff, Virologe, Leibniz Institut für Experimentelle Virologie, Hamburg
    Dr. Eva Herker, Virologin, Philipps Universität Marburg
    Prof. Ulrike Protzer, Virologin, Technische Universität + Helmholtz Zentrum, München

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    Bakterien und Viren - Die Weltenherrscher HIER

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

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    ARD Audiothek | Radiowissen
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    Das vollständige Manuskript gibt es HIER.


    Pollenallergie - Die Natur als Feind? Apr 08, 2025
    Show notes

    Die Nase läuft, die Augen jucken: So äußert sich ein Heuschnupfen beziehungsweise eine Pollenallergie. Diese allergischen Erkrankungen sind nicht nur extrem lästig für die Betroffenen, sie können die Gesundheit sogar dauerhaft schädigen. Behandelt werden sollten sie daher auf jeden Fall. Von Daniela Remus (BR 2023)

    Credits
    Autorin dieser Folge: Daniela Remus
    Regie: Sabine Kienhöfer
    Es sprachen: Katja Amberger
    Technik: Bernd Schreiner
    Redaktion: Iska Schreglmann

    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

    Interviewpartner/innen:
    Prof. Karl-Christian Bergmann, Allergologe, Stiftung Deutscher Pollenflugdienst und Charité, Berlin;
    Prof. Jeroen Buters, Toxikologe, Technische Universität München;
    Prof. Ana Zenclussen, Immunologin, Helmholtz Zentrum für Umweltforschung, Leipzig;
    Prof. Torsten Zuberbier, Allergologe, Charité Berlin

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    Das Immunsystem - Wächter unseres Körpers
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    Die Haut - Empfindliche Schutzbarriere
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    Linktipps:

    Institut für Allergieforschung, Berlin:
    EXTERNER LINK | https://ifa.charite.de

    Helmholtz Zentrum für Umweltforschung, Leipzig:

    EXTERNER LINK | https://www.ufz.de/index.php?de=47352

    Zentrum für Allergie und Umwelt (ZAUM); TU München
    EXTERNER LINK https://www.helmholtz-munich.de/en/iaf/pi/pi-jeroen-buters

    Forschungen unserer Interviewpartner/innen

    Auswahl an neuen Forschungen des Instituts für Allergieforschung / Prof. Zuberbier:

    Asano, Koichiro; Tamari, Mayumi; Zuberbier, Torsten et al.
    Diversities of allergic pathologies and their modifiers: Report from the second DGAKI-JSA meeting.
    Allergol Int. 2022;71( 3):310-7.

    Maurer, Marcus; Zuberbier, Torsten; Metz, Martin
    The Classification, Pathogenesis, Diagnostic Workup, and Management of Urticaria: An Update.
    Handb Exp Pharmacol. 2022;268:117.

    Jappe, Uta; Beckert, Hendrik; Bergmann, Karl-Christian et al.
    Biologics for atopic diseases: Indication, side effect management, and new developments.
    Allergol Select. 2021;5:1-25.

    Forschungen von Prof. Bergmann:

    Bergmann, Karl-Christian; Kugler, Sebastian; Zuberbier, Torsten et al.
    Face masks suitable for preventing COVID-19 and pollen allergy. A study in the exposure chamber.
    Allergo J Int. 2021;30( 5):176-82. 16.

    Bergmann, Karl-Christian; Krause, Linda; Hiller, Julia et al.
    First evaluation of a symbiotic food supplement in an allergen exposure chamber in birch pollen allergic patients.
    World Allergy Organ J. 2021;14( 1):100494.

    Forschungen von Prof. Zenclussen:

    Fischer, F., Ermer, M.R., Howanski, J., Zenclussen, A.C., Schumacher, A. (2023):
    Bisphenol A and benzophenone-3, two ubiquitous endocrine disruptors, may interfere with tolerance pathways by disturbing the T cell equilibrium
    Am. J. Reprod. Immunol. 89 (S1), 83 - 83.
    EXTERNER LINK | https://www.ufz.de/index.php?de=20939&pub_id=27023

    Forschungen von Prof. Buters:

    EXTERNER LINK | https://www.tum.de/aktuelles/alle-meldungen/pressemitteilungen/details/34799

    Meteorological conditions, climate change, new emerging factors, and asthma and related allergic disorders. A statement of the World Allergy Organization
    G D’Amato, ST Holgate, R Pawankar, DK Ledford, L Cecchi, M Al-Ahmad, ...
    World Allergy Organization Journal 8 (1), 1-52.

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    Offene Beziehung - Das Ende der Monogamie? Apr 07, 2025
    Show notes

    Laut Umfragen ist fast jeder Dritte schon mal fremdgegangen. Evolutionsbiologen betonen, der Mensch sei gar nicht für die Monogamie geschaffen. Warum also nicht ehrlich sein und die Beziehung öffnen? Es gibt Paare, für die passt dieses Modell. Sie scheinen weniger von Verlustangst geplagt zu sein. Andere hingegen stimmen nur zähneknirschend zu aus der Angst, den Partner oder die Partnerin zu verlieren. Von Karin Lamsfuß (BR 2024) CreditsAutorin dieser Folge: Karin LamsfußRegie: Kirsten BöttcherEs sprachen: Caroline Ebner, Sven HussockRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Dr. Wolfgang Krüger, Psychotherapeut;Anouk Algermissen, Psychologin und Paarberaterin;Friedemann Karig, Wissenschaftsjournalist und Autor;Verena König, Traumatherapeutin Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Hochzeit - Riten und Bräuche ums FestJETZT ANHÖREN Die Geschichte der Ehe - Liebe und Recht seit der RomantikJETZT ANHÖREN Kinderehen - zur Heirat gezwungenJETZT ANHÖREN Literaturtipps: Friedemann Karin: Wie wir lieben. Vom Ende der Monogamie. Atb-Verlag, 2018. Wolfgang Krüger: Treue: der Konflikt zwischen Vertrauen und Begehren. BoD – Books on Demand 2019. Holger Lendt und Lisa Fischbach: Treue ist auch keine Lösung. Ein Plädoyer für mehr Freiheit in der Liebe. Piper 2014. Und hier noch zwei besondere Podcast-Empfehlungen der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast | ARD AudiothekWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek.ZUM PODCAST Kein Kinderwunsch | ARD AudiothekVerena hat eigentlich gar keinen Kinderwunsch und trotzdem zweifelt sie und stellt sich Fragen wie: “Mache ich einen riesigen Fehler, wenn ich kein Kind bekomme?” “Bereue ich das später mal ganz doll?” Diese Fragen und noch mehr bespricht sie mit Expertinnen, Mamas und auch kinderlosen Frauen.ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: O-Ton 1 Steffen (0‘01“): Ich liebe sie beide. O-Ton 2 Wolfgang Krüger (0’11“): Dass wir viele andere Menschen lieben können, glaube ich nicht, ich glaube, dass die Liebe immer etwas Exklusives hat, zumindest, was Erotik anbetrifft. O-Ton 3 Steffen (0‘12“): Warum nur eine? Sag mir einen ordentlichen Grund, warum man nur eine Freundin haben sollte. Ich denke nicht, dass ein Herz eine mechanische Größe hat. O-Ton 4 Anouk Algermissen (0‘07“): Die meisten Menschen, die sich mit dem Thema Offene Beziehung beschäftigen, die machen das aus dem Grund, dass sie mehr Freiheit wollen. O-Ton 5 Nicole (0‘07“): Wir haben so ne hohe Scheidungsrate: Warum bieten man seinem Partner nicht einfach die Möglichkeit an, offen und ehrlich zu sein? Atmo Sektkorken, Party + Musik 2: Shameless - 44 Sek Sprecherin: Es passiert auf der Weihnachtsfeier, an Karneval oder auf dem Oktoberfest. Fremdgehen ist fast schon Normalität. Jeder zweite bis dritte – je nach Studie – ist schon einmal fremdgegangen. In der Folge wird gelogen, verheimlicht, manchmal gebeichtet. Ganz oft mündet das in einer großen Katastrophe für die Partnerschaft. Weil der Vertrauensbruch nicht mehr zu kitten ist. Sprecher: Jede zweite Ehe in Deutschland wird geschieden. Mit zunehmender Beziehungsdauer sinkt die sexuelle Zufriedenheit. Viele Paare reden nicht mehr miteinander. Irgendwann angeblich nur noch sieben Minuten am Tag. Ist die Monogamie am Ende? O-Ton 6 Wolfgang Krüger (0‘31“): Die Konstruktion, die wir heute haben von Partnerschaften, die ist ausgesprochen anspruchsvoll. Also wir wollen, dass wir mindestens zehn, 20 Jahre mit jemandem zusammen sind, dass man den Alltag miteinander verbringt, dass man Konflikte klärt, dass man sich möglicherweise ein Haus baut, dass man also so was ist wie ne Wirtschaftsgemeinschaft, dass man die Kinder zusammen hat, dass man Vertrauen hat, und dann wollen wir auch noch, dass man immer wieder in den anderen verliebt ist und eine lebendige Erotik hat! Sprecher: Dr. Wolfgang Krüger, Psychotherapeut. Sprecherin: Nicht selten entsteht in eingeschlafenen langjährigen Beziehungen und Ehen eine heimliche Sehnsucht: nach mehr Lebendigkeit, nach Aufregung, nach intensivem Fühlen. O-Ton 7 Wolfgang Krüger (0‘18“): Und wenn man dann noch Herzklopfen haben will, muss man tendenziell fremdgehen, und 60% der Seitensprünge gehören diesem Muster an, dass man merkt: Die Beziehung hat eigentlich kein wirkliches Liebespotential mehr, man will sich aber nicht trennen, also geht man fremd. Musik 3: Clouds up aus: The virgin suicides - 35 Sek Sprecher: Warum nicht mal anders mit dem Thema umgehen? Warum nicht die Beziehung öffnen – und zwar offen und ehrlich? Sprecherin: Vielleicht ist das ja die Lösung für ein bislang ungelöstes Dilemma: Nämlich, dass einerseits viele Beziehungen auf Dauer an Lebendigkeit verlieren. Andererseits heimliche Seitensprünge einen hohen Preis haben: zerbrochene Beziehungen und Verrat an den eigenen Werten. Doch gibt es beides gleichzeitig: Treue UND Freiheit? O-Ton 8 Anouk Algermisssen (0‘23“): Ich glaube, viele Paare versuchen zu navigieren, eine langfristige, stabile Partnerschaft zu haben, und gleichzeitig einen Weg zu finden, ihr Freiheitsbedürfnis, Experimentierbedürfnis auszuleben, und ich glaube, das ist für viele Menschen sehr spannend, sich überhaupt die Freiheit rausnehmen zu können, das monogame Modell überhaupt hinterfragen zu dürfen. Sprecher: Sagt die Psychologin und Paartherapeutin Anouk Algermissen. Sprecherin: Sie begleitet Paare dabei, ihre Beziehung zu öffnen. Im Durchschnitt sind ihre Klientinnen und Klienten um die 30. Sprecher: Laut einer bevölkerungsrepräsentativen Umfrage im Auftrag des Partnervermittlers ElitePartner hatten bereits 14 Prozent aller Männer und sieben Prozent aller Frauen zumindest eine Zeit lang eine offene Beziehung. Unter den 18- bis 39-Jährigen waren es sogar 19 Prozent der Männer und zehn Prozent der Frauen. O-Ton 9 Algermisssen (0‘32“): Was auch häufig ist, ist, dass man unterschiedliche sexuelle Vorstellungen hat oder auch Vorlieben, dass das z.B. schwer vereinbar ist, und es gibt auch manche Menschen, da geht es gar nicht so sehr um die Sexualität, die im Vordergrund steht, sondern tatsächlich um das Konzept der Beziehungsform. Also da kommen die sozusagen rein und sagen „Wir wollen selber noch mal überlegen, wie wir Beziehung führen möchten und machen das sozusagen im Kontext der offenen Beziehung. Um uns das noch mal neu anzugucken und zu schauen, wie wir Beziehung leben wollen. Sprecherin: Die neuen Beziehungsmodelle jenseits der klassischen Monogamie werden gerne in Lifestyle-Magazinen als Zeitgeist-Phänomen präsentiert. Offen, unkonventionell, experimentell. So dass sich jeder, der treu lebt fragt: Musik 4: Conundrum – 12 Sek Sprecher: Hab ich irgendwas verpasst? Bin ich vielleicht einfach zu spießig? Sprecherin: Eine Frau lebt mit zwei Männern, ein Mann mit vier Frauen, mal lieben sich die Männer und Frauen auch untereinander, mal nicht. Erleben wir gerade eine Beziehungsmodell-Revolution? O-Ton 10 Friedemann Karig (0‘20“): Monogamie ist nicht das eine natürliche Modell, nach dem wir alle leben müssen. Es war sozusagen mal eine schlaue Idee der menschlichen Kultur, sich darauf festzulegen, aber natürlich so wie unsere Sexualität entstanden ist, ist wahrscheinlich eher eine serielle Monogamie, die wir heute auch leben, oder sogar polygame Formen des Zusammenlebens. Sprecher: Friedemann Karig. Wissenschaftsjournalist und Autor des Buchs „Wie wir lieben“. Er hat viele Paare zur Treue, zur Ehrlichkeit und zum Miteinander befragt. Und Studien und Berichte ausgewertet: von Biologen, von Evolutionspsychologen, Genetikern, Soziologien, Anthropologen und Sexualwissenschaftlern. O-Ton 11 Friedemann Karig (0‘17“): Es gibt so viele Liebesmodelle, wie es Menschen gibt. Es lohnt sich für jeden einzelnen, nach dem für ihn passenden Leben und Lieben zu suchen. Jenseits der Monogamie und jenseits einer Kultur, die uns heute immer noch vorschreiben will, dass eins plus eins genau das Richtige ist. Sprecher: Religiöse und gesellschaftliche Normen bröckeln schon länger. Das lässt mehr Raum für individuelles Experimentieren, mehr innere Freiheit. Sprecherin: So scheint es, als befänden wir uns gerade in einem Selbstbedienungsladen der unterschiedlichen Beziehungsmodelle. Monogam, polyamor, offen, heimliche Affäre, Freundschaft plus,– um nur einige zu nennen. Jeder und jede kann ins Regal greifen und sich das passende Modell heraussuchen. Ist das wirklich so einfach? O-Ton 12 Verena König (0‘27“): Aus der therapeutischen Haltung betrachtet, glaube ich, dass es sehr wichtig ist, dass wir uns bewusst machen, dass die anderen Beziehungsformen wie beispielsweise Polyamorie oder Polygamie oder offene Beziehungsmodelle, dass die nicht unbedingt weniger Reife und weniger Selbstreflexion von uns erfordern als die herkömmlichen Beziehungsmodelle, sondern im Gegenteil eher mehr. Sprecher: Verena König, Traumatherapeutin. O-Ton 13 Verena König (0‘15“): Es geht ja im Grunde bei Beziehungen immer um tiefe Bindung, es geht um Bindung. Es geht darum, dass sich zwei Menschen, zwei Herzen, zwei Körper, zwei Nervensysteme begegnen und verbinden. Zwei oder mehrere. Musik 5: Silver lining title – 59 Sek O-Ton 14 Nicole (0‘26“): Christian und ich waren in einer offenen Beziehung, ganz am Anfang, ich hab es ihm vorgeschlagen, weil er hatte mir gesagt, er hatte vor mir nur eine Beziehung, und da ist bei mir tatsächlich auch so der Gedanke gekommen: ‚Oh Gott, wenn das jetzt für immer ist … wird er sich fühlen, dass er was verpasst hat in seinem Leben, und da hatte ich tatsächlich das Gefühl, ich möchte ihm das anbieten, weil wenn das von beiden Seiten okay ist – warum nicht? Sprecher: Nicole, Fabian und Christian leben eine polyamore Beziehung. Das heißt: Eine feste Liebesbeziehung mit mehr als zwei Menschen. Sprecherin: Bei den Dreien heißt das konkret: Nicole hat sowohl mit Fabian als auch mit Christian eine innige Beziehung. Körperlich sowie seelisch. Christian ist ihr Ehemann und Fabian ihr zweiter Partner. Die beiden Männer haben jedoch keinen Sex miteinander, erklärt Fabian: O-Ton 15 Fabian (0‘27“): Wir haben das mal so hinterfragt und sind drauf gekommen, dass wir uns auf eine asexuelle Weise lieben. Also wir sind auch in einer vollen Beziehung miteinander, das ist halt auch der Punkt, den viele übersehen: Vielen denken: ‚Aha, Sex ist gleich Beziehung, Nicole hat zwei Beziehungen, Christian und Fabian jeweils nur eine Beziehung, d.h. Nicole hat mehr vom Leben, Christian und Fabian weniger. (…) Und das ist halt bei uns nicht der Fall, vor allem auch, weil wir auch ne Triade sind. Sprecherin: Christian und Nicole führten schon immer eine offene Beziehung. Das heißt: Jeder durfte fremdgehen. Dann kam Fabian hinzu. Zunächst als ein guter Freund des Paares. Und dann verknallte sich Nicole in Fabian. Nun sind sie zu dritt. O-Ton 16 Nicole (0‘23“) Also für mich ist das Schönste, dass immer jemand für einen da ist. Das ist tatsächlich bei uns Dreien so: Tatsächlich egal, wer mal ausfällt, es passiert sehr, sehr selten, dass einer alleine ist, (…) als ich krank war, hat der Fabi was zu tun gehabt und zum Christian gesagt: „Machst du heute Teedienst für die Nicole?“ Also es ist wirklich immer einer für einen da! O-Ton 17 Fabian (0‘06“) Deine Familie wird einfach größer. Je mehr Menschen füreinander da sind, desto mehr Halt hast du auch! Und mehr Sicherheit! Musik 6: Romantics – 23 Sek Sprecherin: Halt und Sicherheit. Begriffe, die Außenstehende erst mal nicht mit offenen oder polyamoren Beziehungen verbinden würden. Diese Lebens- und Liebesformen klingen eher nach Anarchie und Instabilität. Sprecher: Nicht unbedingt, sagt die Psychologin und Paartherapeutin Anouk Algermissen: O-Ton 18 Anouk Algermissen (0‘17“) Wenn die offene Beziehung gelingt, dann kommt damit häufig auch eine größere Tiefe einher. Weil man dann nicht etwas rausnimmt, sondern ich muss ja noch mehr Kraft in die Beziehung investieren, damit ich die schön halten kann und gleichzeitig auch mein Bedürfnis befriedigt bekomme. Sprecher: Wie viele Menschen in Deutschland zumindest zeitweise polyamor leben, ist nicht bekannt. Zahlen – allerdings auch nur geschätzte - aus den USA gehen von fünf Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Sprecherin: Polyamorie ist von der Idee her kein wildes Bäumchen-wechsel-dich, sondern ein tiefes sich Einlassen auf mehrere Menschen. Wer so lebt, sieht sich mit vielen Vorurteilen konfrontiert. Die gehen von Sprecher: „kann nicht klappen“ Sprecherin: …über… Sprecher: „ist sowieso der Anfang vom Ende!“ Sprecherin: …bis hin zu… Sprecher: „Ich würde umkommen vor Eifersucht!“ O-Ton 19 Christian (0‘17“): Am Anfang war schon etwas Eifersucht da, aber das hat sich aber ziemlich schnell gelöst, weil wir uns sowieso schon vorher sehr gut kannten. Dass wir Freunde waren, vorher. Und dadurch, dass wir viel geredet haben, um abzuklären und zu besprechen, ist die Eifersucht eigentlich ziemlich schnell verschwunden. O-Ton 20 Nicole (0‘14“) Ich glaub, am Anfang haben beide so ein bisschen Eifersucht gespürt, das hab ich auch so gemerkt, wir haben darüber gesprochen, das ist ja auch ein normales Gefühl, was dazu gehört, aber mit der Zeit verliert man ja die Eifersucht, weil man kennt diese Situation. Sprecherin: Einfach reden, und schon schwindet die Eifersucht? Sprecher: Psychologin Anouk Algermissen macht oft andere Erfahrungen: O-Ton 21 Algermissen (0‘29“): Menschen in offenen Beziehungen sind ebenfalls eifersüchtig, verlustängstlich, und denen tut das ebenfalls weh. Also das ist keine andere Gattung von Mensch! Aber die Menschen in offenen Beziehungen, die das aushalten, wollen das ja! Also es gibt ja für sie irgendnen Nutzen, nen Vorteil! Vielleicht ist es für sie auch aufregend, davon zu hören! Dann gibt es vielleicht die Möglichkeit, dass das weh tut, dass das nicht so einfach ist zu hören, aber irgendwo hat es auch was Aufregendes, was Kribbelndes! Sprecherin: Damit das Ganze überhaupt eine Chance hat, sollten Paare feste Regeln vereinbaren, so die Psychologin: O-Ton 22 Algermissen (0‘15“): Also wie möchte ich informiert werden über die Außentreffen zum Beispiel? Wie soll da der Austausch passieren? Möchte ich wissen, wer das ist? Möchte ich vorher ein Foto sehen, möchte ich, dass wir danach darüber sprechen? Möchte ich, dass wir nicht darüber sprechen? Musik 7: Explain – siehe M1 – 15 Sek Sprecherin: Liebe nach festen Regeln. Liebe, die gönnt. Sprecher: Der Berliner Psychotherapeut Dr. Wolfgang Krüger sieht das Ganze kritisch: O-Ton 23 Wolfgang Krüger (0‘26“): In der Literatur wird manchmal beschrieben, man solle die Großzügigkeit haben: „Ich wünsche dir viel Vergnügen bei deinen Erlebnissen!“ und das halte ich schlicht und ergreifend für eine dreiste Zumutung, ich will, wenn ich mit einem Partner, einer Partnerin zusammen bin und habe dort eine gute und erfüllte Sexualität, dann will ich, dass ich der Einzige bin und dass es exklusiv ist. Und ich würde eher Sodbrennen kriegen, wenn ich wüsste, dass dieser Partner, diese Partnerin mit anderen schläft. Sprecherin: Wolfgang Krüger, der auf 40 Jahre Erfahrung als Psychotherapeut zurückblickt, ist ein Verfechter der Treue. Er stellt das Modell der offenen Beziehung grundsätzlich infrage. Denn – so seine Meinung - es verkenne die Komplexität der menschlichen Seele. Und das filigrane Wechselspiel zwischen Körper und Seele. O-Ton 24 Wolfgang Krüger (0‘42“): Erotik ist im Grunde Leidenschaft, ist von der Tendenz her etwas, was immer eine Verschmelzung beinhaltet, und das ist die Absicht. Wenn ich miteinander schlafe, dann will…

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    Giacomo Casanova - Der faszinierende Frauenheld Apr 02, 2025
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    Priester, Spieler, Freimaurer, Geiger, Scharlatan, Dramatiker, Erfinder der französischen Staatslotterie und noch vieles mehr: Der Europa-Reisende Giacomo Casanova war nicht nur der Frauenheld, zu dem ihn die Legende gemacht hat. Seine Memoiren geben uns heute einen seltenen und umfassenden Einblick in die Sitten des 18. Jahrhunderts. Von Karin Becker (BR 2022)

    Credits

    Autorin dieser Folge: Karin Becker
    Regie: Irene Schuck
    Es sprachen: Irina Wanka, Andreas Neumann, Stefan Wilkening
    Technik: Andreas Lucke
    Redaktion: Andrea Bräu

    Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

    Ein Podcast-Tipp für alle, die gerne authentische Geschichten hören: „Ein Zimmer für uns allein“ – zwei Frauen, zwei Generationen und die Frage „Wie hast du das erlebt?“
    Hier trifft Paula Lochte immer zwei Frauen aus verschiedenen Generationen und sie sprechen offen und ehrlich über ein Thema, das sie verbindet. Was waren die Kämpfe damals, was sind sie heute? „Ein Zimmer für uns allein“ findet ihr in der ARD-Audiothek und überall, wo’s Podcasts gibt oder HIER

    Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir:
    ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN
    Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks.
    DAS KALENDERBLATT
    Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte

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    Das vollständige Manuskript gibt es HIER.


    Der Stockfisch - Eine geschichtsträchtige Delikatesse Apr 02, 2025
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    Seit der Wikingerzeit ist Stockfisch, getrockneter Kabeljau, ein wichtiges Handelsprodukt. Von den Küsten des Nordens bis zu den Märkten Südeuropas und Amerikas prägte er Wirtschaft, Kultur und Küche vieler Länder. Von Andreas PehlCreditsAutor dieser Folge: Andreas PehlRegie: Sabine KienhöferEs sprachen: Katja Amberger, Julia FischerTechnik: Adele MeßmerRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Klaus Adelt (Stockfischhändler, Selbitz)Sören Affeldt (Kommunikationsleiter Europäisches Hansemuseum, Lübeck)Bart Holterman (Wissenschaftlicher Mitarbeiter FGHO, Lübeck)Hans Christian Küchelmann (Archäozoologe, Bremen)Bjørg Helen Nøstvold (Stockfischproduzentin, Torsvåg/ Vannøya) Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Der Aal - Ein Fisch voller RätselJETZT ENTDECKEN Fische - Die unterschätzten LebewesenJETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Linktipps: Europäisches Hansemusem Lübeck HIER Forschungsprojekt über Stockfischhandel des Deutschen Schifffahrtmuseum - Leibniz-Institut für maritime Geschichte HIER Genussregion Franken: Stockfisch in Bayern HIER ENTDECKEN Blog "Fish and Ships" HIER ENTDECKEN Literatur: Küchelmann, Hans Christian (2023): „Men schall ock berger, yslander, und hidlander vysch, elcken under synen namen unde vor syne werde, vorkopen“. Zur hansischen Versorgung mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Städte mit Stockfisch. in: Benecke, Norbert (Hrsg.): Leben in der mittelalterlichen Stadt. Neue archäobiologische Forschungen, Archäometrische Studien 2, 111-158, Berlin (https://www.knochenarbeit.de/berger-yslander-und-hidlander-vysch/) – wissenschaftlicher Artikel zum Stockfischhandel Magra, Christopher P.: The Fisherman's Cause: Atlantic Commerce and Maritime Dimensions of the American Revolution, 2009. Hintergründe zur Amerikanischen Revolutuion und der Fischindustrie. Kochbücher aus Bayern mit Stockfischrezepten: "Buoch von guoter Spise" Würzburg (ca. 1350), "Kochbuch des Meister Eberhards" Landshut (1404-1450) "Kochbuch des Meister Hannsen" Amberg (1460), „Kuchenmeisterey" Passau (1487), "Kochbuch der Sabina Welserin" Augsburg (1553) Kochbuch des Balthasar Staindl Augsburg (1569). Prilloff, Ralf-Jürgen (2022): Frühneuzeitliche Tierreste von der Herreninsel im Chiemsee. Einblicke zur Tierhaltung, -nutzung und Ernährung in einem Chorherrenstift. in: Dannheimer, Hermann (ed.): Kloster und Stift Herrenchiemsee – Archäologie und Geschichte (um 620–1803). Band 2: Historische und Naturwissenschaftliche Beiträge, Abhandlung der Bayerischen Akademie der Wissenschaften Neue Folge 148, 291-325, München Mark Kurlansky: Kabeljau. Der Fisch, der die Welt veränderte. Claassen Verlag, 1999. – Schwerpunkt auf Klippfisch und Bedeutung des Kabeljaus für Amerika. Holterman, Bart: The Fish Lands. German Trade with Iceland, Shetland and the Faroe Islands in the late 15th and 16th Century. De Gruyter Oldenbourg, 2020. https://doi.org/10.1515/9783110655575 - Stockfischhandel zwischen Deutschland und Island/ Shetland und den Faröern Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadiowissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: 01 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Zugansage: „Nächster Halt Selbitz. Ausstieg in Fahrtrichtung links“ ERZÄHLERIN Selbitz in Oberfranken. Ganz im Norden Bayerns. 02 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Aussteigen, Schritte am Bahnsteig, Begrüßung ERZÄHLERIN Die Heimat von Klaus Adelt. Hier beginnt die Reise zu einer fast vergessenen geschichtsträchtigen Delikatesse: dem Stockfisch. 03 Zsp. Stockfisch O-TON Adelt 736a Ich persönlich nehme eine starke Astschere. Wenn ich das geschäftlich machen würde, müsste ich so eine große Schere nehmen, wie es die Orthopäden beim Operieren von der Hüfte nehmen. ERZÄHLERIN Auf der Küchenzeile liegt etwas, das aussieht wie eine überdimensionale Trockenpflaume in Fischform. Nicht ganz Fischform, der Kopf fehlt. Es ist ein getrockneter Kabeljau, von Klaus Adelt aus Norwegen nach Franken importiert. 04 Zsp. Stockfisch ATMO aus 737 Flossen abschneiden 05 Zsp. Stockfisch O-TON Adelt 736b Der Fisch wird meistens in drei Teile geteilt und kommt dann mindestens acht Tage ins Wasser. Im Wasser nimmt er noch mal das Doppelte an Gewicht an und muss dann irgendwann mal von seiner Haut befreit werden. 06 Zsp. Stockfisch ATMO aus 738 Haut vom Fisch ziehen ERZÄHLERIN Mit einer Zange beginnt Klaus Adelt, die Haut vom Fisch zu ziehen. Darunter: das helle, trockene Fleisch. 07 Zsp. Stockfisch O-TON Adelt 712a Stockfisch hat es gegeben um Karfreitag. Mit all den Dingen, die dem Stockfischessen vorausgehen, sprich der Geruch im Haus, wo er gelagert war. Das Einwässern und all die Geschichten. 08 Zsp. Stockfisch ATMO aus 738 Haut vom Fisch ziehen 09 Zsp. Stockfisch O-TON Adelt 717 In jedem Haushalt wird der Stockfisch etwas anders zubereitet. Grundbestandteil ist immer der getrocknete Kabeljau, der Stockfisch, Speck, Zwiebeln, und dann kommt es auf die Brühe an, auf die Sauce: Weiße Brühe mit Milch, Eierbrühe. Jede Familie schwört auf ihr Rezept: Unser Rezept ist das beste. Und so hat es die Oma und die Uroma gemacht und so sollen es die Enkel auch mal machen. 10 Zsp. Stockfisch ATMO aus 739 Wasser in einen Eimer 11 Zsp. Stockfisch O-TON Adelt 720 Ludwigstadt, Teile von Kronach. Und dann geht es rüber in den Münchberger Raum. Der Hofer Raum vollständig. Das sind die typischen Stockfischgebiete. ERZÄHLERIN Ein Eimer Wasser, ein Löffelchen Natron über den Fisch, damit er beim Kochen schön weiß bleibt, viel Fischaroma im Keller von Klaus Adelt. 12 Zsp. Stockfisch ATMO aus 739 Fisch herrichten 13 Zsp. Stockfisch O-TON Adelt 711 Durch das, dass die Eltern das Lebensmittelgeschäft hatten und der Stockfisch in der Osterzeit eine ganz entscheidende Rolle gespielt hat, er wurde damals in Ballen angeliefert, mit Draht fest verbunden, in Jute eingenäht und war für unsere Leute der ideale Fisch für die Fastenzeit. Und als wir das Geschäft aufgegeben haben, haben wir keinen Stockfisch mehr verkauft. Es gab auch eine Zeit lang, in der der Stockfisch etwas in Vergessenheit geraten ist. Musik: Time traveller red 0‘42 ERZÄHLERIN Mitte der 1990er Jahre hat Klaus Adelt dann die alten Traditionen wieder aufleben lassen und eine Karriere als nebenamtlicher Stockfischhändler begonnen. Er trat in die Fußstapfen vieler Kaufleute, an deren Ware sich in Bayern heute kaum mehr jemand erinnert. Um im Frankenwald oder im Fichtelgebirge auf den Tellern zu landen, hatte der Fisch eine lange Reise hinter sich. Eine der wichtigsten Etappen auf seiner Route von Nord nach Süd war die Hanse, ein Bund von Städten rund um die Nord- und Ostsee, der im 13. bis 17. Jahrhundert seine Blütezeit erlebte. 14 Zsp. Stockfisch O-TON Adelt 715 Es gab die Handelswege über die Hansestädte. Von dort aus ging dann der Fisch weiter über die Handelsrouten nach Mitteldeutschland, nach Franken. Hansestädte, über Magdeburg, Leipzig und die Händler hierher, die dann auch nach Nürnberg geliefert haben. 15 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Zugansage: „Nächster Halt Lübeck“ ERZÄHLERIN Die Reise auf den Spuren des Stockfischs geht gut 500 Kilometer nach Norden. Lübeck, eine der führenden Hansestädte, spielte eine Schlüsselrolle beim Stockfischhandel. 16 Zsp. Stockfisch ATMO 854 Museumsführung 17 Zsp. Stockfisch O-TON Affeldt 855 Hanse – der Wortursprung ist nur „Schar“: eine Gruppe von Leuten, die unterwegs sind. Das kommt aus dem Althochdeutschen. Und ursprünglich ist es so, dass die Hansen von niederdeutschen Kaufleuten sich in Europa umtun und Handel treiben, Privilegien aushandeln, Sonderrechte mit Grafen vereinbaren, um ihren Handel voranzubringen. ERZÄHLERIN Sören Affeldt ist Kommunikationsleiter im Europäischen Hansemuseum in Lübeck. Für Händler aus Oberdeutschland, also Süddeutschland war es fast unmöglich, ohne die Hanse an deren privilegierte Handelsgüter zu kommen, etwa an den Stockfisch. 18 Zsp. Stockfisch O-TON Affeldt 852 Handelsverbindungen gibt es natürlich zu den oberdeutschen Städten. Da handelt man, aber die werden nie Hanseprivilegien nutzen können an anderen Orten. Bei Hanse ist es so, dass wir Kaufleute haben, die haben Freundschaften, Verwandte. Und die tauschen Informationen aus: wo kann ich was gut einkaufen oder teuer verkaufen. 19 Zsp. Stockfisch O-TON Holterman 864 Das Spätmittelalter, die frühe Neuzeit ist eine Zeit, wo eine gewisse Urbanisierung in Europa sich durchsetzt. Die Städte werden im Laufe des Hochmittelalters gegründet und die wachsen. Es gibt eine größere Bevölkerung, die sich selbst nicht mehr ernähren kann. Da müssen Produkte gehandelt werden, um sie zu ernähren. Und dann gibt es nur ein paar Produkte, die infrage kommen, die man so lange haltbar machen kann, dass man sie über Tage oder Wochen oder Monate transportieren kann, ohne dass sie schlecht werden. ERZÄHLERIN Bart Holterman ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Forschungsstelle für die Geschichte der Hanse und des Ostseeraums am Lübecker Hansemuseum. Musik: Needle and twine 0‘35 ERZÄHLERIN In Küstenstädten wie dem norwegischen Bergen entwickelte sich eine blühende Wirtschaft rund um den Kabeljau. Fischer, Hafenarbeiter, Schiffsbesatzungen und Kaufleute verdienten ihren Lebensunterhalt mit dem Stockfischhandel. Der Wohlstand, der dadurch erwirtschaftet wurde, floss in den Bau von Kirchen, Schulen und öffentlichen Gebäuden, was das Stadtbild vieler Handelszentren bis heute prägt. Doch was ist dieser Stockfisch denn eigentlich? 21 Zsp. Stockfisch O-TON Holterman 860 Der Stockfisch ist getrockneter Fisch, meistens Kabeljau, der rein luftgetrocknet ist. Das geht eigentlich nur im hohen Norden, in Polargebieten. Und da reden wir über Nordnorwegen aber auch Island. Da sind die Lofoten ein sehr berühmtes Gebiet, wo das produziert wurde, aber auch in anderen Regionen. 22 Zsp. Stockfisch ATMO 200 auf der Fähre Bugwelle ERZÄHLERIN Die Reise geht weiter nach Norden. Viel weiter. In den Küstenregionen Nordnorwegens lebten unzählige Menschen von der Kabeljaufischerei und der Stockfischproduktion. Auf den Lofoten trafen sich in der Kabeljausaison im Winter viele tausend Fischer aus ganz Norwegen. Die heute bei Touristen so beliebten Rorbuer, Holzhäuser, die auf Stelzen ins Meer hinausgebaut sind, boten den saisonal tätigen Fischern aus ganz Norwegen ein Dach über dem Kopf. 23 Zsp. Stockfisch ATMO 200 auf der Fähre mit Ansage auf Norwegisch ERZÄHLERIN Rund 2.500 Kilometer nördlich von Lübeck liegt die Insel Vannøya. Schneebedeckte Berge ragen steil aus dem grauen Meer. Die tiefstehende Wintersonne färbt den Himmel rosa. 24 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Fähre legt an ERZÄHLERIN Ein paar sturmgewöhnte Holzhäuser, ein Leuchtturm auf rundgewaschenen, schwarzen Felsen, baumlose, tiefverschneite Landschaft, ein Kai mit kleinen Fischerbooten. 25 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Schiffsbeladung und Produktion 26 Zsp. Stockfisch O-TON Nøstvold 902 Musik: Tradition 0‘30 ERZÄHLERIN Im Fischerdorf Torsvåg entlädt ein kleines Boot seinen Fang in der Fischverarbeitung von Norfra. Bjørg Helen Nøstvold ist Firmenchefin. Der Kabeljau werde an Bord der Boote geschlachtet und müsse sofort ausbluten, das sei sehr wichtig für die Qualität und die Haltbarkeit. Rund 120 selbstständige Fischer liefern hier ihren Fang ab. 27 Zsp. Stockfisch O-TON Nøstvold 903 OV weiblich Die haben bessere Qualität als die großen Schiffe. Weniger Fang ist leichter zu hantieren und sie können auf die Qualität achten. Die meisten Fischer wohnen hier auf der Insel, sie fahren nicht weit raus, maximal zwei Stunden zu den Fischgründen. Dadurch bringen sie täglich frischen Fisch, der liegt nicht ewig an Bord. 28 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Meeresrauschen am Strand ERZÄHLERIN Hier im Norden Norwegens spielt die natürliche Wanderung des Kabeljaus den Fischern gewissermaßen in die Netze, erzählt Bjørg Helen Nøstvold. 29 Zsp. Stockfisch O-TON Nøstvold 912 OV weiblich Ganz vereinfacht: Der Kabeljau schlüpft auf den Lofoten. Dann schwimmt er mit der Meeresströmung nach Norden, Richtung Russland, wo er aufwächst. Wenn er größer wird, schwimmt er in die Barentssee, und wenn er dann geschlechtsreif wird, geht seine Reise zurück auf die Vesterålen und die Lofoten. Auf diesem Weg kommt er zuerst hier bei uns vorbei. ERZÄHLERIN An Land wird der Fisch komplett verarbeitet. Aus der Leber wird Fischöl hergestellt, aus den Rogen Kaviarersatz. Kinder schneiden die Zungen heraus, die hier im Norden als saisonale Spezialität gebraten auf den Tellern landen. Die Schwimmblase ist in Asien eine Delikatesse, der getrocknete Kopf gilt in Nigeria als Spezialität. Aus den Därmen wird Dünger hergestellt. 30 Zsp. Stockfisch O-TON Nøstvold 906 OV weiblich Den Fisch selber können wir entweder frisch verschicken oder wir können ihn salzen, dann wird es Klippfisk, Klippfisch, der als Bacalao vor allem nach Portugal geliefert wird, oder wir hängen ihn auf, dann wird es Stockfisch, der geht vor allem nach Italien und Kroatien. 31 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Trockengestelle ERZÄHLERIN Hinter dem Fabrikgebäude steht eine fast endlose Reihe von Holzgestellen. Ein bisschen erinnert das Ganze an ein überdimensionales Klettergerüst. 32 Zsp. Stockfisch O-TON Nøstvold 937 OV weiblich Hier sind unsere Gestelle zum Trocknen der Fische. Oben drüber haben die ein Netz, damit die Vögel die Fische nicht fressen. Möwen sind nicht so klug, aber Krähen finden schnell raus, wie man Fisch stehlen kann. Musik: Cold spell (b) 0‘53 ERZÄHLERIN Die geköpften und ausgenommenen, ansonsten aber unbehandelten Fische werden zwei und zwei am Schwanz zusammengebunden und über die Holzstangen gehängt. Vielleicht hat der Stockfisch von diesen Trockenstangen seinen Namen. Eng an eng baumeln die Fische im arktischen Wind. Die Temperaturen rund um den Gefrierpunkt trocknen den Fisch langsam aus. Schnee beeinträchtigt in diesem Prozess nicht, nur zu starker Frost zerstört das Fleisch. Doch den gibt es hier am Meer so gut wie nie. Insekten sind hier im hohen Norden im Winter kein Thema, nur zu hohe Feuchtigkeit und Regen sind eine Gefahr für den künftigen Stockfisch: dann könnten sich Stockflecken bilden oder der Fisch faulen. 33 Zsp. Stockfisch O-TON Nøstvold 943 OV weiblich Wir hängen ihn raus und dann klopfen wir auf Holz, dass es nicht zu warm und nicht zu kalt ist und es nicht zu viel regnet. Und dann warten wir drei Monate und holen ihn wieder rein. Dann sehen wir, wie das Ergebnis ist. ERZÄHLERIN Nach rund drei Monaten wird geprüft, ob der Fisch trocken genug ist. Das übernehmen erfahrene Mitarbeiter wie Ola. 34 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Klopfprobe 35 Zsp. Stockfisch O-TON Ola 945 Erklärung auf norwegisch ERZÄHLERIN Ola nimmt zwei Fische, die genau so aussehen wie die in Selbitz, in der Küche von Klaus Adelt, und klopft sie gegeneinander – gut getrockneter Stockfisch müsse klingen, wie wenn man zwei Holzstücke gegeneinanderschlägt, zwei Stöcke. 34 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Klopfprobe ERZÄHLERIN Aus rund 1.200 Kilo fangfrischem Fisch sind nach dem Ausnehmen und Trocknen rund 300 Kilo Stockfisch geworden. Die Qualitätskontrolle steht an: ist das getrocknete Fleisch weiß und fest, frei von Stockflecken oder Moosansatz? 36 Zsp. Stockfisch ATMO 200 Trockenfisch umräumen, knackt, schön! 37 Zsp. Stockfisch O-TON Nøstvold 951 OV weiblich Dann wird nach Gewicht sortiert, nach Länge und Qualität. ERZÄHLERIN Und dann macht sich der Stockfisch auf die Reise. 38 Zsp. Stockfisch ATMO 200 auf der Fähre, Bugklappe schließt Musik: Time traveller red 0‘20 ERZÄHLERIN Zurück nach Deutschland. Rund 3.000 Kilometer hat der Stockfisch auf dem Rücken, bevor er in Franken ankommt, heute im Kühlanhänger von Klaus Adelt – früher per Schiff über Bergen und die Hansestädte. Bart Holtermann vom Europäischen Hansemuseum in Lübeck: 39 Zsp. Stockfisch O-TON Holterman 880 Sobald der Fisch getrocknet ist, wird er vor den norwegischen Kaufleuten von Nor…

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    Treue - Vom Wert der Loyalität Apr 01, 2025
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    Treue in Beziehungen klingt in den Ohren mancher Menschen beinahe antiquiert. Ist der moderne Mensch doch frei, selbstbestimmt und unabhängig. Und wieso sollte er das dann nicht auch in seinen Beziehungen sein?Natürlich waren sich Menschen in allen Zeiten zeitweise oder auch grundsätzlich untreu. Aber nur weil das so ist, muss das nicht heißen, dass die Treue wertlos geworden ist. Von Andreas Hauber (BR 2024) CreditsAutor dieser Folge: Andreas HauberRegie: Sabine KienhöferEs sprachen: Hemma Michel, Andreas Neumann, Friedrich SchlofferTechnik: Wolfgang LöschRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Dr. Victor Chu, Arzt und Diplom-Psychologe, Kirchzarten;Dr. Nikolaus Buschmann, Historiker, Soziologe, Politikwissenschaftler, Carl von Ossietzky Universität, Oldenburg Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Das Recht auf Widerstand - Wer sich nicht wehrtJETZT ANHÖREN Gehorsam - Zwischen Pflichtgefühl und HörigkeitJETZT ANHÖREN Literaturtipps: Treue. Politische Loyalität und militärische Gefolgschaft in der Moderne (Hg. mit Karl Borromäus Murr). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2008. Die Erfindung der deutschen Treue. Von der semantischen Innovation zur Gefolgschaftsideologie. In: Nikolaus Buschmann / Karl Borromäus Murr (Hg.): Treue. Politische Loyalität und militärische Gefolgschaft in der Moderne. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2008, S. 75-109. Georg Simmel Treue – Ein sozialpsychologischer Versuch,In: Der Tag, Nr. 225, 10. Juni 1908, Berlin, 1908. Dr. Chu, Victor: Von der schwierigen Kunst treu zu sein – Warum wir betrügen, was wir lieben, München, Kösel Verlag, 2008. Krüger, Wolfgang: Treue - Der Konflikt zwischen Vertrauen und Begehren, Norderstedt, BoD 2019. Hier noch besondere Podcast-Empfehlungen der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek.ZUM PODCAST Bromance Daddys - Der Podcast für junge ElternDie Bromance Daddys - das sind Nick und Leon, beste Buddies, die zufällig gleichzeitig Papa geworden sind. Mit diesem Podcast wollen sie einen ehrlichen Einblick in väterliche Gefühlswelten geben.ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin: Es gibt diese Geschichte von Hachiko (ausgesprochen: Hadschiko), einem japanischen Akita Hund. Sein Herrchen war Professor an der Universität Tokio und fuhr jeden Morgen mit dem Zug zur Arbeit. Hachiko begleitete ihn täglich bis zum Bahnhof und holte ihn dort auch wieder ab. Am 21. Mai 1925 jedoch starb der Professor während seiner Vorlesung an einer Hirnblutung und kam nicht mehr nach Hause. Hachiko aber wartete weiter. Zehn Jahre lang kam er bis zu seinem eigenen Tod jeden Tag zum Bahnhof und hoffte auf sein Herrchen. Er wurde schon zu Lebzeiten in ganz Japan bekannt. Als er gestorben war, errichtete man ihm eine Statue. Hachiko gilt als das Sinnbild für Treue. Sprecher Die Geschichte wurde mehrmals verfilmt. Am bekanntesten ist die anrührende Adaption „Hachi – a dogs tale“ des Regisseurs Lasse Hallström, der die Handlung in die USA verlegt hat. Der Film ist sehr bewegend und wer ihn sieht ist ergriffen von diesem Hund und seinem Verhalten. Sprecherin Das ist nicht sehr verwunderlich. Denn wünschen wir uns das nicht alle? Einen Gefährten, der bei uns bleibt. Der uns annimmt, wie wir sind. Der uns nicht vergisst auch über den Tod hinaus. Der eben treu ist … Musik: The second dance 0‘20 (leichtes Zögern) Aber ... was ist das eigentlich: Treue? Geht es dabei wirklich um die bedingungslose Hingabe, die ein Hund in der reinsten Form geben kann? Oder ist es nicht etwas komplizierter und vielschichtiger? Schauen wir doch mal genauer hin... Sprecher Von seiner Grundbedeutung her meint das Wort Treue: „fest“, „teuer“ oder „tapfer sein“. Verwandt mit der Treue sind Wörter wie „Vertrauen“, „Zutrauen“ oder jemandem etwas „anvertrauen“. Auch das englische Wort für wahr: „true“ ist mit der Treue verwandt. O-Ton 1 Chu Treue hat ja den Wortstamm von Wahrheit – von true- und das bedeutet eigentlich, dass man wahrhaftig gegen sich selber und gegenüber seinem Gegenüber – Beziehungspartner/ Partnerin – ist. Sprecherin Der Arzt und Diplom- Psychologe Dr. Victor Chu hat sich in einigen Büchern mit der Treue beschäftigt. O-Ton 2 Chu Das beinhaltet also Wahrhaftigkeit, auf der anderen Seite aber auch Bindung. Bindung zu einem Verhältnis zwischen den beiden. Sprecherin Treue selbst und alle Bereiche, die sie berührt, betreffen zunächst einmal unser Innerstes: Wahrheit, Vertrauen, Bindung. Da geht es um Grundbedürfnisse des Menschseins. Treue ist also offenbar etwas sehr Intimes. Musik: Loved ones 0‘29 Sprecher Vermutlich denken wir deshalb bei dem Wort „Treue“ zuerst immer an eine Liebesbeziehung. Treue ist noch in ganz anderen Bereichen wichtig -dazu kommen wir noch- aber bleiben wir erst einmal bei der Liebe, denn hier ist Treue unmittelbar erfahrbar und spürbar. Sprecherin Ein Treueverhältnis hat drei Elemente: Zwei Partner und etwas drittes, das die beiden verbindet. O-Ton 3 Chu (Und) Treue bedeutet dann, dass man wahrhaftig ist zu sich selber und zu dem anderen und gleichzeitig eben zu dem Dritten. Zu dem dritten Sachverhalt, worauf sich beide geeinigt haben. (…) Das dritte wäre beispielhaft: wir heiraten und leben zusammen (…) Sprecher Zwei Menschen einigen sich auf etwas. Sie treffen eine Entscheidung und gehen ein Treueverhältnis ein. Ganz unromantisch ausgedrückt: Sie schließen einen Vertrag. Zitator Der Soziologe Georg Simmel hat die Treue deshalb „Pflicht aus Liebe“ genannt. Sprecherin Der Historiker, Soziologe und Politikwissenschaftler Dr. Nikolaus Buschmann, dessen Stimme hier nachgesprochen ist, hat über die Treue aus historisch-soziologischem Blickwinkel gearbeitet. Zitator Treue ist für Simmel eine Art „Beharrungsvermögen der Seele“, das auch dann noch wirksam ist, wenn der Impuls, der zu einer zwischenmenschlichen Bindung geführt hat, nicht mehr so stark ist, dass er die Bindung aufrechterhalten könnte. Musik: Orphans 0‘21 Sprecher Treue hängt immer mit einer bewussten Entscheidung zusammen und ist auf die Verstetigung einer Beziehung angelegt. Man bekennt sich zueinander, auch wenn es nicht gut läuft, darum heißt es ja auch bei der Hochzeit: „In guten und in schlechten Zeiten“. Zitator Das zeigt auch der Umstand, dass Treueverhältnisse mit einem Eid oder zumindest mit einem Versprechen begründet werden, nicht selten unter Berufung auf Gott, der gleichsam als Zeuge oder auch bestrafende Instanz fungiert. Sprecherin Zwei Partner entscheiden sich frei füreinander und für das gemeinsame Projekt Beziehung. Die Freiwilligkeit ist dabei entscheidend. Zur Treue kann man nicht gezwungen werden. Sprecher Bei einer Liebesbeziehung handelt es sich – wenn wir die emotionalen Motivationen einmal zurückstellen - also im Grunde um eine freiwillige Selbstverpflichtung. Und diese findet in einem sensiblen Spannungsfeld statt. O-Ton 5 Chu (...) dieses Feld ist außerordentlich differenziert und tief. Dann begibt man sich in ein Feld zwischen Liebe – Hass, zwischen Bindung und Freiheit, das sind alles Polaritäten, zwischen „sich Abgrenzen“ und „Entgrenzen“. Musik: Home is with me 0‘25 Sprecherin Wir Menschen haben einerseits ein tiefes Bedürfnis nach Geborgenheit, nach Sicherheit und Vertrauen. Vermutlich ist das von frühster Kindheit an in uns angelegt. Als Säugling sind wir vollkommen abhängig und auf einen geschützten Raum, in dem wir wachsen können und auf Menschen, denen wir unbedingt vertrauen können, angewiesen. O-Ton 6 Chu Ich glaube, es liegt an der menschlichen Natur, dass wir tatsächlich nach der Intimität suchen. Dass das eine große Sehnsucht ist, also Nähe, Verständnis, Mitgefühl, dass wir doch danach suchen und uns sehnen. (…) Sprecherin Andererseits haben wir – heute vielleicht mehr denn je – das Bedürfnis nach Freiheit, Selbstbestimmung und Unabhängigkeit. Diese beiden Pole können leicht aus dem Gleichgewicht geraten. Wenn der eine Partner mehr Freiheit, der andere mehr Nähe braucht. Wenn Eifersucht oder Misstrauen ins Spiel kommen. Musik: A glimmer of hope 0‘36 Sprecher Diese Schwankungen und Konflikte kennt jeder, der schon einmal eine ernsthafte Beziehung gehabt hat. Sie sind bis zu einem gewissen Grad normal und gehören dazu. Mit der einmal getroffenen Entscheidung ist es nicht getan. Eine Beziehung erfordert auch Arbeit. Vor allem, weil wir uns verändern. Nach einer gewissen Zeit ist der Partner oder die Partnerin nicht mehr genau derselbe Mensch, der er oder sie zu Beginn gewesen ist. Es ist also wichtig, dass eine Beziehung nicht starr ist. O-Ton 7 Chu Und jetzt führ ich vielleicht noch einen anderen Faktor rein: Flexibilität. Also Anpassungsfähigkeit, also ob man nur ein ganz bestimmtes Konzept von Beziehung hat oder haben will, oder ob man flexibel genug ist, ob man diesen Vertrag, den man anfangs miteinander geschlossen hat, ob man diesen Vertrag abändern kann, modifizieren kann, anpassen kann. Sprecherin Hier zeigt sich wieder die Wahrhaftigkeit. Es ist wichtig zu wissen und zu formulieren, was ich will und brauche, dass ich meine Bedürfnisse und Wünsche kenne, und dass ich die des Partners höre und akzeptiere. Musik Unfolding feelings (a) 0‘35 Sprecher Das hört sich schön an und leuchtet ein. Aber es ändern sich ja nicht nur die Persönlichkeiten in einer Beziehung, sondern auch die Verhältnisse. Man hat sich etwas aufgebaut, einen gemeinsamen Freundeskreis, ganz konkret materiell vielleicht ein Haus. Vielleicht hat man Kinder, die dann auch einen Anspruch auf die Erfüllung des von den Eltern geschlossenen Vertrages haben. Die sogar davon abhängig sind, dass das elterliche Verhältnis funktioniert. Man wächst über die Jahre immer mehr zusammen, es wird immer schwerer die eigene Persönlichkeit frei zu entfalten. Sprecherin Ganz besonders brisant wird es, wenn es um Sexualität geht. Sie ist der sensibelste Bereich einer Beziehung. Letztendlich ist, wenn von Treue in einer Beziehung die Rede ist, die Sexualität gemeint. Wenn jemand sagt, dass der Partner untreu ist, dann heißt das, dass er mit jemand anderem schläft. Sprecher Warum ist das eigentlich so? Wir haben doch festgestellt, dass alles was mit Treue zusammenhängt unser Innerstes angeht. Es geht um Sicherheit, Vertrauen, Geborgenheit. Alles Dinge, die man auch in Freundschaften finden kann. Wieso ist man nicht untreu, wenn man einen besten Freund hat, wohl aber bei einem Seitensprung? Wozu diese Fokussierung auf die Sexualität? Ist sie nicht nur ein Aspekt von vielen? Musik Fragile life 0‘40 Sprecherin In der Tat gibt es immer mehr Menschen, die so denken und es gibt auch immer mehr Beziehungskonzepte, die die Sexuelle Exklusivität zwischen Partnern auflockern wollen. Es mag sein, dass der monogame Ansatz stark kulturell, besonders von Kirchlichen Wertvorstellungen geprägt ist und durchaus auch hinterfragt werden kann. Und es spricht nichts dagegen, dass zwei Partner, wenn sie es können, in ihrer Beziehung eine sexuelle Offenheit integrieren. Dennoch darf man nicht übersehen, dass in der sexuellen Untreue die größte Gefahr für eine intime Vertrauensbeziehung liegt. Dr. Victor Chu: O-Ton 8 Chu Sexualität kann man ja oberflächlich begreifen als Lustgewinn, als Abfuhr von sexueller Energie, oder eben, man kann in der Sexualität etwas erleben, was man sonst eben nicht oder nie erlebt, also ne Hingabe, ein sich Fallenlassen. Sprecher Schläft man wirklich mit jemandem, so ist man nicht nur körperlich nackt voreinander. Der Sex geht irgendwie das ganze Wesen an. Nicht umsonst spricht man hier oft von Verschmelzung, Vereinigung oder Hingabe. O-Ton 9 Chu D.h. wenn wir Sexualität erleben mit einem anderen, dann entsteht eine ganz neue Bindung, und zwar eine sehr exquisite, eine sehr intensive Verbindung und Bindung zu diesem Menschen. (...) Sprecherin Das ist etwas Wunderbares. Und man könnte fragen, warum das nicht jeder Mensch so oft wie möglich erleben sollte. Aber wenn man zugleich das Bedürfnis nach einer tiefen, geschützten und intimen Beziehung hat und in einer lebt, wird es schwierig. O-Ton 10 Chu Und das Gefährliche eben - wenn einer der Partner sich einlässt auf jemand anderes - ist, dass so etwas entstehen könnte, was eine ganz tiefe intime Beziehung darstellt. Und dann wird die ursprüngliche Beziehung in Frage gestellt. (...) Musik: Sanzhi Pod City 0‘23 Sprecher In der Sexualität liegt also tatsächlich die größte Gefahr für eine Beziehung. Vor allem, weil ein sexueller Seitensprung meist aus einer Situation der Unzufriedenheit in der bestehenden Beziehung heraus entsteht. Die ist ohnehin schon geschwächt. Sprecherin Egal was die Beweggründe sind, sich sexuell auf einen anderen einzulassen. Das Ergebnis ist nicht vorhersehbar. Man weiß nicht, was daraus entsteht. Nicht direkt die Befriedigung der körperlichen Lust ist das Problem. Sondern wir haben Angst davor, dass unser Partner uns betrügt - und sind am meisten verletzt, wenn er es tut -, weil es hier am wahrscheinlichsten ist, dass er uns verlässt und das gemeinsame Vertrauensverhältnis somit zerstört wird. Musik: Glück 0‘40 Sprecher Die Sehnsucht nach Treue entspringt aus unserem Bedürfnis nach Sicherheit, nach Bindung und Verlässlichkeit. Sie steht in dem Spannungsfeld zwischen Geborgenheit und Freiheit, zwischen Selbstbestimmung und Unterordnung. Ein gültiges Treuebündnis kann nur auf Augenhöhe und aus freier Entscheidung heraus getroffen werden. Es ist auf Gegenseitigkeit angelegt. Das alles kann man an einer Liebesbeziehung gut ablesen. Aber Treue ist nicht nur hier relevant. Sprecherin Treue taucht in allen möglichen Bereichen auf. Ganz simpel zum Beispiel im Supermarkt. Überall bekommt man einen Treuebonus oder Treuepunkte. Firmen wollen ihre Kunden an sich binden. Sprecher Ernsthafter wird es, wenn es um große Gemeinschaften geht. Das können Firmen, Vereine, Verbände oder Parteien sein. Sie alle haben ein Interesse daran, dass ihre Mitglieder treu, oder besser: loyal sind. Ebenso wie der ganze Staat, der im Grunde auch auf ein Treueverhältnis mit seinen Bürgern angewiesen ist. Zitat: Dr. Nikolaus Buschmann: Zitator (Buschmann) Allgemein gesprochen benötigt jedes Gemeinwesen ein Bindemittel, das für Stabilität und Dauerhaftigkeit sorgt. Entscheidend für die politische Verfassung eines Gemeinwesens ist jedoch das, was man die implizite Normativität dieses Bindemittels nennen könnte: In einer offenen, demokratisch verfassten Gesellschaft bedarf es staatsbürgerlicher Loyalität, die von der Vorstellung getragen ist, dass Konflikte friedlich und regelgeleitet zwischen gleichberechtigten Staatsbürgern ausgetragen werden. Musik: Complex questions 0‘19 Sprecherin Staatsbürgerliche Loyalität kann man in unserer modernen Gesellschaft in etwa mit „Gesetzestreue“ übersetzen. Sie basiert darauf, dass sich beide Seiten, also der Staat wie seine Bürger, an den demokratisch legitimierten Rechtsstaat halten und ihm verpflichtet sind. Sprecher Das dritte, von dem wir eingangs bei der Beziehung gesprochen haben, ist hier also die Einigung auf den Rechtsstaat, der jeder Seite garantiert, dass ihr Recht und ihre Würde gewahrt bleiben. Konflikte werden friedlich ausgetragen und ausgehandelt. Sprecherin Das ist nicht so selbstverständlich und auch nicht so einfach. Treue und Loyalität sind ein hohes Gut, bewegen sich aber auf einem schmalen Grat. Gerade in den letzten Jahren hat die Protestkultur in Deutschland ganz neue Formen angenommen. Musik: Foreboding of war (reduziert) Vor allem Akteure aus dem rechten Spektrum treten…

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    Chet Baker und der Cool Jazz - Von der Westcoast in die Welt Apr 01, 2025
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    Zu Beginn der 50-er Jahre hat der Trompeter Chet Baker in Kalifornien den Cool Jazz vorangetrieben, eine Spielweise, die Techniken der klassischen Musik nutzt. Trotz schwerer Karriereeinbrüche - Baker war heroinabhängig - blieb er stets der Kunst der Ballade und den leisen Tönen treu. Von Markus Mayer (BR 2024) CreditsAutor dieser Folge: Markus MayerRegie: Christiane KlenzEs sprachen: Kathrin von Steinburg, Thomas LoiblTechnik: Tim HöferRedaktion: Nicole Ruchlak Im Interview:Hans-Jürgen Schaal, Münchner Musikjournalist Literaturtipps: Als hätte ich Flügel. Verlorene Erinnerungen. Von Chet Baker. Mit einem Vorwort von Carol Baker. Aus dem Amerikanischen von Bernd Oehler. Hannibal. Wien. 1998. Chet Baker Blue Notes – Engel mit gebrochenen Flügeln. Eine Hommage. Von Lothar Lewien. Hannibal-Verlag Wien. 1991. All That Jazz – Die Geschichte einer Musik. Von Michael Jacobs. Reclam Leipzig. 2. Auflage 2003. Darin: Birth Of The Cool – Cool Jazz. S. 218- -247. Jazz-Klassiker, 2 Bde. Hg. V. Peter N Wilson. Reclam 2005. Darin: Band 1. Chet Baker. Von Hans-Jürgen Schaal. S. 482 – 488. Chet Baker – Jeroen de Valk. Oreos Jazz Collection. Schaftlach 1991. Aus dem Holländischen übertragen von Peter Niklas Wilson. Cool Jazz – Grundzüge seiner Entstehung und Entwicklung. Von Herbert Hellhund. Mainz 1985. Schott-Verlag. Veröffentlichung des Musikwissenschaftlichen Instituts der Justus-Liebig-Universität Gießen. That‘s Jazz – Der Sound des 20. Jahrhunderts. Eine Musik-, personen-, Kultur-, Sozial- und Mediengeschichte des Jazz von den Anfängen bis zur Gegenwart. HG. V. Klaus Wolbert. Zweitausendeins. Frankfurt a. Main 1997. Ausstellungskatalog. Jazzgeschichten aus Europa – Von Ekkehard Jost. Wolke Verlag Hofheim. 2012. Das Lexikon der prominenten Selbstmörder. Von Gerald Grote, Michael Völkel und Karsten Weyershausen unter Mitarbeit von Klaus Rathje und Holger Reichard. Schwarzkopf Verlag Berlin 2000. Chet Baker S. 24 – 25. Filmographie: Chet Baker: Let‘s Get Lost. Dokumentarfilm von Bruce Weber. 1 Stunde 49 Minuten. Auf DVD 2009. Born To Be Blue. Spielfilm/ Bio-Picture. 1 Stunde & 33 Minuten. Auf DVD Oktober 2017. Und noch eine besondere Podcast-Empfehlung der Redaktion: COSMO Iran im Herzen | ARD AudiothekPersönliche Geschichten zur #IranRevolution aus Deutschland. Weil die Themen Feminismus, Empowerment und Kampf um Demokratie dort, uns auch hier bewegen. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin Der Reisende, der an einem Donnerstag im Mai 1988 mit dem Zug in Amsterdam eintrifft, kennt die Stadt. Er hat hier schon viele Konzerte gegeben, er weiß, wie man hier an Drogen kommt, an harten Stoff wie Heroin und Kokain. Weil die Hotels, die er sonst nutzt, ausgebucht sind, versucht er es im Prins Hendrik, einer nicht ganz so eleganten Adresse. Der Mann hat Glück, im zweiten Stock ist noch ein Zimmer frei, er geht nach oben und macht es sich in Raum C-20 bequem. Er injiziert sich den Stoff, den er am Nachmittag gekauft hat. Sprecher Eigentlich hätte der Musiker in einem anderen Hotel absteigen sollen, so war es geplant. Ein Mitarbeiter seiner Konzertagentur sollte ihn abholen und zu einem Auftritt fahren, aber Chet Baker ist nicht aufgetaucht. Kein Mensch weiß, wo er steckt, was nicht ungewöhnlich ist für den Künstler. Irgendwann wird er sich schon melden, denkt der Leiter der Konzertagentur, nur diesmal kommt es anders. Sprecherin Nachts, gegen drei Uhr im Prins Hendrik. Draußen ist es ungewöhnlich warm, Chet Baker will wohl noch ein wenig spielen, wie er es früher getan hat, am offenen Fenster, zwischen Innenraum und Außenwelt. Das Schiebefenster lässt sich allerdings schwer öffnen. Baker, berauscht vom Heroin, muss viel Kraft aufwenden, um das Fenster hoch zu drücken. Als es gelingt, verliert er das Gleichgewicht und fällt hinaus - mitsamt seiner Trompete. Er stürzt und schlägt mit dem Hinterkopf auf dem Boden auf. Sprecher Passanten, die ihn liegen sehen, halten ihn für einen Betrunkenen, bis jemand die Blutlache am Schädel bemerkt. Die Nachtglocke wird gedrückt, der Portier verständigt. Herbeigerufene Polizisten stufen die schmächtige Gestalt als die eines ungefähr 30-jährigen ein. Wahrscheinlich haben sie den Toten nicht richtig gesehen, es ist schließlich noch stockdunkel an diesem Freitag, den 13. Mai 1988. MUSIK 2 ( Chet Baker: Let’s Get Lost 1‘01) Sprecherin Wer war Chet Baker, der mit 58 Jahren in Amsterdam bei einem Unfall starb? Ein schöpferischer Mensch, der dunkle Mächte herausforderte, weil er selbstbestimmt leben wollte? Sprecher Ein talentierter Künstler, der als James Dean des Jazz bezeichnet wird? Oder ein gefallener Engel, der uns mit unglaublich schöner Musik beschenkt hat? Nicht nur sein Tod erinnert an eine antike Sagengestalt. ZSP Hans-Jürgen Schaal – Charakterisierung Ich glaube, da war ein großer, positiver Kern in ihm, eine große Lebensbejahung in ihm, er ist ja mit 50 Jahren noch nach Europa gegangen und hat da praktisch ein neues Leben angefangen. Ich glaube nicht, dass er sterben wollte, als er dann aus dem aus dem Hotelzimmerfenster gefallen ist. Sprecherin findet Hans-Jürgen Schaal, Produzent und Jazzpublizist aus München. MUSIK 3 ( Jack Guthrie: Oklahoma Hills 0‘41) Sprecher Chesney, genannt Chet, Henry Baker Jr. wird am 23. Dezember 1929 in Yale, Oklahoma geboren. In der postum erschienenen Autobiographie „Als hätte ich Flügel“ erfährt man wenig über seine Kindheit, die anfangs in einem ländlichen Idyll spielt. Chesney wird in eine Bauern-Familie geboren, auf einer Farm mit vielen Tieren. Der Vater habe seine Mutter kennen gelernt, erinnert sich Baker, weil er Gitarre spielte bei Tanzvergnügen am Samstagabend. Die Weltwirtschaftskrise am Ende der 20-er Jahre macht jedoch nicht Halt vor dem flachen Land, die Familie muss die Farm verlassen und zieht nach Oklahoma City, in die Stadt. Chesney wird zu Onkel Jim und Tante Agnes gegeben, während seine Eltern als Aufseher und in einer Eiscremefabrik schuften. Im Sommer darf er zu Opa auf die Farm. In der Schule ist der Junge gut, bis die Eltern 1940 umziehen - an die Westküste. ATMO Meeresrauschen, Brandungswellen Sprecherin In der Schule von Glendale, Kalifornien läuft es anfangs noch gut für Chet, als sich seine Eltern zu einem weiteren Umzug entscheiden, verliert er jedoch das Interesse am Unterricht. Die neue Adresse liegt am Redondo Beach, einem der attraktiven Strände von Los Angeles. Seine Tage verbringt der Junge jetzt oft am Meer und zwar an dem Strand, der später der kalifornischen TV-Serie Baywatch als Kulisse dient. Sprecher Der Teenager schwänzt die Schule, bleibt aber einer Leidenschaft treu. Sein Vater hat ihm, als er 13 war, eine Posaune geschenkt, aber er war zu klein, um das Instrument richtig bedienen zu können, deshalb schwenkte er auf Trompete um. Die passte besser. Chet hat sich das Spielen selbst beigebracht, Notenlesen fällt ihm schwer, Melodien spielt er nach Gehör. Journalist Hans-Jürgen Schaal, der sich intensiv mit Bakers Musik beschäftigt hat, erklärt: ZSP Hans-Jürgen Schaal - Baker als Jazzkünstler I + Autodidakt Chet Baker war nun einer, der nicht komponiert hat, der keine Noten geschrieben hat. Aber man kann sagen, er hat in seinem Improvisieren komponiert, hat immer sehr fantasievoll und sehr melodisch und sehr stimmig improvisiert. MUSIK 4 ( Stan Kenton & His Orchestra: Artistry In Rhythm 0‘52) Sprecherin Mit 16 geht Baker zum Militär. Er wird dem Musikkorps zugeteilt und 1946 nach West-Berlin versetzt. In der fast vollständig zerstörten Metropole hat sich ein florierender Schwarzmarkt etabliert, Luxusgüter wie Zigaretten, Kaffee, Seife und Schokolade dienen als Währungen. In den Unteroffiziersclubs, in denen der Trompeter spielt, läuft, wie er sagt, moderne Musik: Bebop von Dizzy Gillespie, progressiver Swing von Stan Kenton. Gierig nimmt der junge Mann die neuen Klänge in sich auf. Sprecher Der Kalifornier ist kein Hochgeschwindigkeitsvirtuose, kein Stratosphärentrompeter. Was Bakers Spiel von Anfang an kennzeichnet, ist, dass es leise, langsam und sanft klingt. Für Hans-Jürgen Schaal hat dieser Stil, der Chet-Baker-Sound, mit einem Verlust zu tun. ZSP Hans-Jürgen Schaal - Chet Baker Sound auf der Trompete … Er hat als Jugendlicher einen oberen Schneidezahn verloren, der ist eben ausgeschlagen worden. Jetzt braucht man natürlich die Schneidezähne, um einen starken Ansatz zu haben auf der Trompete. Den hatte er nicht. Seine ersten Aufnahmen wurden oft bemängelt, weil eben wegen des fehlenden starken Ansatzes, er konnte keine virtuosen Höhenflüge auf der Trompete machen, er musste sanft, leise und tief spielen auf der Trompete. Und auch später, als er dann virtuoser spielen konnte, lauter spielen konnte, hat er das einfach beibehalten als sein Markenzeichen. Das war seine Art, die Trompete zu spielen und sie entsprach wohl auch mehr seinem Temperament. MUSIK 5 ( Chet Baker: Un poco loco 0‘45) Sprecherin Nach dem Militär kehrt Baker nach Kalifornien zurück. Er spielt, wo immer sich eine Gelegenheit bietet. Man wird aufmerksam auf ihn. Als der New Yorker Bebop-Saxophonist Charlie Parker nach L. A. kommt, sucht er für seine Begleit-Band einen Trompeter und verpflichtet den gerade mal 22-jährigen Nobody. ZSP Hans-Jürgen Schaal - Charlie Parker Session … Charlie Parker war ja auch immer auf der Suche nach Spielern, die nicht unbedingt mit ihm konkurrierten, sondern einen Gegensatz bildeten, einen Kontrast. … Charlie Parker war sich gleich sicher, er möchte mit Chet Baker spielen, hat die anderen Trompeter, die da zum Vorspielen angetanzt waren, dann nach Hause geschickt. MUSIK 6 ( Chet Baker: Irresistible You 0‘49) Sprecher Charlie Parker ist die zentrale Figur des Bebop, ein Stil, der den populären Swing-Jazz der 30- und frühen 40-er Jahre ablöst. Hohe Geschwindigkeit und ungewöhnliche Tonschritte zeichnen ihn aus, genüsslich werden Melodien und Konventionen zerpflückt. Gespielt wird das hochvirtuose Idiom vor allem von kleinen Ensembles, von Bands und Combos. Entstanden ist die artistische Spielweise in den Clubs von New York, dem kulturellen Zentrum an der Ostküste der USA. Die 20-Millionen-Metropole gibt vor, was läuft in Mode, Musik, Kunst und Literatur. Wer etwas werden will als Jazzkünstler, muss sich in New York beweisen, lautet ein ungeschriebenes Gesetz. Sprecherin Die Westküste der USA mit Los Angeles als ausuferndem, urbanem Zentrum steht dagegen für die Sonnenseite des Lebens, weniger für Härte oder Leistungsdruck. In Kalifornien stießen die Siedler, die nach Westen zogen, auf den Pazifik - der Ozean als natürliche Barriere. Hier musste es sein, das Gelobte Land, das in der Bibel verheißen worden war, denn weiter ging es nicht. Kein Wunder, dass Hollywood in Kalifornien entstanden ist, die Traumfabrik mit unzähligen Stars und Sternchen. An der Westküste mit ihren weiten Küsten lebt es sich angenehm und entspannt, das Klima ist wesentlich milder, südlicher als das von New York, dessen bitterkalte Winter gefürchtet sind. In Kalifornien sind Körperkult, Fitness und Strandaktivitäten wie Wellenreiten angesagt. MUSIK 7 ( Miles Davis –Moon Dreams 0‘36) Sprecher Der Gegensatz zwischen der Ostküste mit seiner scharfen Rationalität und der sonnenverwöhnten, lässigen Westküste spiegelt sich, meinen Kenner, auch in vielen Musikstilen. Der Bebop aus New York, der innovative Jazz der Ostküste, gilt als virtuos, kühn und herausfordernd. Sprecherin Wird der geographische Hinweis West Coast auf Musik angewandt, bedeutet das, dass sie modern und urban, aber auch sinnlich und locker klingt, voller angenehmer Vibrationen ist. Das Gütesiegel West Coast wird höchst unterschiedlichen Stilen verliehen – vom Surf Rock der Beach Boys und den epischen Folk-Balladen von Crosby, Stills, Nash & Young über den Countryrock der Eagles bis hin zu Warren G., einem Hiphopkünstler der Westküste. Für viele spiegelt die Musik dieser Künstler und Bands die Weite der Landschaften der Westküste wider. MUSIK 8 ( Mulligan Quartet - Love me or leave 0‘25) Sprecher Der Cool Jazz, den der junge Chet Baker wesentlich mitgestaltet, wird ebenfalls oft unter West Coast subsumiert - offene, leichte Musik, die sich nicht anbiedert. Ganz so simpel, findet Hans-Jürgen Schaal, ist es allerdings nicht. ZSP Hans-Jürgen Schaal - - West Coast Jazz vs. Cool Jazz Also der Cool Jazz ist durchaus auch eine Erfindung der afroamerikanischen Musiker. Aber er kam natürlich den weißen Musikern sehr entgegen, weil man nicht diese enorme Virtuosität gebraucht hat, … weil das mehr in Richtung europäische Klanglichkeit ging. … und man sprach dann später von West Coast Jazz, weil dieser Cool-Jazz an der Westküste natürlich eigene Schwerpunkte gesetzt hat. Er gilt ja manchen so als besonders entspannend und besonders sonnig. Ich höre ihn eigentlich mehr als sehr verkopft. Der Westcoast Jazz hat gerne mit besonderen Kompositionstechniken gearbeitet, also viel mit Kontrapunktik, mit Kanon, Fuge, auch mit Zwölftontechnik, mit Polytonalität, Quarten, Harmonik und all das. MUSIK 9 ( Miles Davis – Rocker 0‘53) Sprecherin Entstanden ist der Cool Jazz aber tatsächlich in New York, also an der Ostküste. Der Trompeter Miles Davis, ein Künstler, der für extrem reduziertes Spiel steht und sich so von der Expressionswut der Bebop-Künstler abgrenzt, gründet Ende der 1940-er Jahre für Aufnahmen die Capitalband, mit Flügelhorn und Baritonsaxophon ungewöhnlich besetzt. Die Bläser müssen umsichtig intonieren, damit alle zu hören sind. Der Rhythmus spielt bei den Aufnahmen, die später auf der Langspielplatte „Birth Of The Cool“ erscheinen, eine untergeordnete Rolle. Im Vordergrund steht der Misch-Klang der verschiedenen Blasinstrumente. Sprecher Davis‘ Cooljazz-Versuche werden zwar von der Kritik gefeiert, richtig populär aber sind sie nicht. Das ist anders bei der Musik, die Gerry Mulligan, der Miles Davis in der Capitolband in New York unterstützt hat, schreibt und arrangiert, nachdem er 1952 nach Kalifornien gezogen ist. Der Baritonsaxofonist gründet mit Chet Baker ein Quartett - ohne Klavier oder Gitarre, ohne schmeichelnde Harmonien. Kontrabass und Schlagzeug strukturieren die Zeit, über die Mulligan und Baker sanft Melodielinien weben. MUSIK 10 ( Gerry Mulligan Quartet – Walkin‘ Shoes 0‘45) Sprecherin Cool Jazz nennen Kritiker und Fans den neuen Stil, um ihn abzugrenzen vom Bebop. Das Tempo im Cool Jazz ist ruhig und zurückgenommen, die Anmutung eher lyrisch und leise als schreiend-laut. Bebop ist hot Jazz, aggressive, feurige Musik. Cool Jazz, wie ihn Mulligan und Baker betreiben, wirkt dagegen taghell, überlegt und weltabgewandt: als würden die Musiker der Hektik bewusst den Rücken kehren und sich ganz und gar versenken in ein Artefakt aus Klängen und Tönen. Sprecher Als Mulligan wegen eines Drogendelikts ins Gefängnis kommt, gründet Chet Baker ein eigenes Quartett. Der Pianist Russ Freeman übernimmt jetzt Mulligans Rolle, er schreibt und arrangiert die Stücke, kümmert sich um Engagements, verwaltet die Finanzen. Chet Baker vergnügt sich derweil anderweitig. ZSP Hans-Jürgen Schaal – über den Fall des Engels … Baker hat eigentlich nie gelernt, für sich oder für die Band Verantwortung zu übernehmen. Er hat eigentlich nur Party gefeiert, schnelle Autos, schöne Frauen, Drogen, das war das Ding. Und es gab eben immer genug junge Leute um ihn herum, die ihn darin bestärkt haben. Das erklärt wahrscheinlich auch, warum er dann in den 50-er-Jahren diesen großen Absturz erlebt hat - nach diesem sehr schnellen Aufstieg. MUSIK 11 ( Chet Baker – Not For Me 0‘47) Sprecherin Noch ist der junge Mr. Baker unverkennbar auf dem Weg nach oben. Seine Popularität steigt, als er den Rat eines Labelbetreibers befolgt und singt. Bis dahin hatte er nur aus Verlegenheit gesungen, doch Gesangs-Aufnahmen sprechen nicht nur Jazzfans an, sie werden zude…

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    Die Geschichte des Fernsehens - Von zwei Stunden in schwarz-weiß bis zu digital nonstop Mar 31, 2025
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    Vom Fernsehprogramm der NS-Zeit wissen die wenigsten. Zum geliebten und gescholtenen Massenmedium und Fixpunkt des Familienlebens wurde "die Glotze" dann ab der Zeit des Wirtschaftswunders. Das Fernsehen hat sich und die Gesellschaft beständig verändert und unseren Alltag entscheidend geprägt. Von Karin Becker (BR 2024) CreditsAutorin dieser Folge: Karin BeckerRegie: Frank HalbachEs sprachen: Christian Baumann, Florian SchwarzTechnik: Tim HöferRedaktion: Iska Schreglmann Im Interview:Michaela Krützen, Professorin für Kommunikations- und Medienwissenschaft an der Hochschule für Fernsehen und Film München;Klaudia Wick, Bereichsleiterin Fernsehen bei der Deutschen Kinemathek Berlin Diese hörenswerten Folgen könnten Sie auch interessieren: Alles Geschichte - History von radioWissen · DAS FRÜHE RADIO - Die Anfänge in DeutschlandJETZT ANHÖREN Alles Geschichte - History von radioWissen · DAS FRÜHE RADIO - Werbung, Propaganda, AufklärungJETZT ANHÖREN Alles Geschichte - History von radioWissen · WIE WAR DAS DAMALS...? 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Umfangreiches Online-Dossier, das die TV-Geschichte in beiden deutschen Staaten zuverlässig in vielen (auch einzeln lesbaren) Kapiteln abbildet. Klaudia Wick: Je später der Abend. Über Talkshows, Stars und uns. Interessanter Beitrag zur Formatgeschichte. Knut Hickethier, Peter Hoff: Die Geschichte des deutschen Fernsehens. Überblick über das 20. Jahrhundert. Albert Abramson: Die Geschichte des Fernsehens. Standardwerk, insbesondere frühe TV-Geschichte, internationale Perspektive. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Geräusch TV einschalten + MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:15 OTON 1 WICK „Es gibt ja auch Erzählungen noch bis in die 60er-Jahre hinein, dass Leute gesagt haben: wir waren dann ab dem Moment, wo wir einen Fernseher hatten, in der Nachbarschaft sehr beliebt. Und dann kamen die Leute und klingelten so kurz vor acht und wollten was von uns, weil sie eigentlich gerne mitgucken wollten … (…)“ MUSIK ENDE ZUSPIELER 1 Tagesschau Spot von 1960 (15‘‘) „Hier ist das deutsche Fernsehen mit der Tagesschau. Anschließend: die Wetterkarte.“ OTON 2 WICK „Das Interessante ist in den 60er-Jahren, dass die Leute anfangen, ihre Lebensrhythmen nach dem Fernseher auszurichten. Also das, was wir in Deutschland kennen, ist ja gar nicht überall auf der Welt so, dass um 8 Uhr das Abendprogramm anfängt. Das hat einfach was damit zu tun, dass die Tagesschau um 8 Uhr angefangen hat und dass die Leute sozusagen ‚davor und danach‘ gesagt haben. Was machen wir mit dem Abend? Davor essen wir zu Abend und danach gucken wir Fernsehen.“ MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:32 SPRECHER Das Fernsehen als Taktgeber des Alltags – in heutigen Zeiten rückt diese Vorstellung immer weiter in geschichtliche Ferne. Dank Internet können wir mittlerweile das Programm genau dann beginnen lassen, wenn wir Zeit dazu haben. Klaudia Wick von der Deutschen Kinemathek Berlin spricht über die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, als das Fernsehgerät im Wohnzimmer neu ist und sich schnell und unübersehbar im deutschen Alltag breitmacht. MUSIK ENDE OTON 3 WICK „Es gibt auch viele soziologische Texte darüber, dass die Möbel im Wohnzimmer sich veränderten, dass eben plötzlich der Fernseher eigentlich das Lagerfeuer war, um das sich alle herumgruppiert haben. Dass es eben nicht mehr diese geschlossene Sitzgruppe gibt, in der wir uns anschauen, sondern: alle schauen auf diesen Fernseher.“ ZUSPIELER 2 Jingle von „Was bin ich“ (instrumental) 35‘‘ (ÜBERBLENDUNG MIT FOLGENDEM SPRECHERTEXT) MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:15 SPRECHER In diesem Fernseher gibt es schon in den Fünfzigern die ersten Spiel- und Quizshows zu sehen – in Ost wie West. Der Bayerische Rundfunk etwa produziert: „Was bin ich?“, das „heitere Beruferaten“ mit Robert Lembke, Erstsendung 1955. „Welches Schweinderl hätten’s denn gern?“ Lembkes Frage wird bald legendär. MUSIK ENDE Das Fernsehen als „Lagerfeuer“ der Wirtschaftswunderzeit bietet den Gemütern Abkehr vom Krieg. Es bedeutet Zukunft, Leichtigkeit und Wohlstand. Es wird verspottet als „Pantoffelkino“, später geschmäht als „Glotze“. In der DDR ist es in Verruf als bekanntermaßen langer Arm des Politbüros der Staatspartei SED. Dennoch: Das Fernsehen legt in ganz Deutschland ab den Sechzigern einen historischen Aufstieg hin, es wird zum wirkmächtigen Massenmedium. ENDE INTRO SPRECHER Von einer „schnellen“ Erfolgsgeschichte aber kann hier nicht die Rede sein. Die ersten technischen Versuche, ein Bild zu zerlegen und an einen entfernten Ort zu übertragen, gehen bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. Diese fernsehtechnischen Anfänge wurden von einer Vision getragen, die mit der späteren Nutzung nur bedingt zu tun hat, so Michaela Krützen, Professorin für Medienwissenschaft an der Hochschule für Fernsehen und Film München: OTON 4 Krützen „Die Idee, die da im neunzehnten Jahrhundert kam, ist die Direktübertragung. Nicht irgendwie, wofür wir heute das Fernsehen vielfach nutzen, um eine Kochsendung anzugucken oder Nachrichten, sondern eigentlich: mit anderen sprechen. Andere sehen. Also die Direktübertragung. Das ist der Traum, der dahintersteht. Das ist die Ur-Idee (…) des Fernsehens.“ SPRECHER Die technische Umsetzung dieser Idee zieht sich über Jahrzehnte. Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kommen, treiben sie die Entwicklung der Fernsehtechnik stark voran. Ihr Ziel ist Propaganda: Sie wollen den ersten, regelmäßigen Fernsehbetrieb der Welt für sich reklamieren können. Tatsächlich gelingt das: Im März 1935 beginnt der „Fernsehsender Paul Nipkow“ vom Berliner Funkturm live auszustrahlen, fast ein Jahr vor der BBC in Großbritannien. Mit entsprechend triumphalen und pathetischen Worten eröffnet Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky das Programm: ZITATOR „Während wir hier im Saale atemlos lauschen und schauen, hat die Zeit eines neuen, unbegreiflichen Wunders begonnen. (…) In dieser Stunde wird der Rundfunk berufen, die größte und heiligste Mission zu erfüllen: nun das Bild des Führers unverlöschlich in alle deutschen Herzen zu pflanzen.“ SPRECHER Die Realität dieses „neuen, unbegreiflichen Wunders“ fällt dann allerdings eher karg aus. Das beginnt schon damit, dass verschwindend wenige Leute das Fernsehen überhaupt zu sehen bekommen. OTON 5 Krützen „Von einer nationalen Verbreitung sind wir ganz, ganz, ganz, ganz weit entfernt. Ein paar wenige Leute konnten im Dritten Reich fernsehen. Und es war eher so eine Attraktion, als wirklich ein Massenmedium.“ SPRECHER An anfangs drei Abenden die Woche gibt es damals zwei Stunden Programm – und das zunächst nur in Berlin. Zudem stehen die Fernsehgeräte noch nicht in den Wohnzimmern. Michaela Krützen: OTON 6 Krützen „Zuhause hatte praktisch niemand einen sogenannten Heimfernseher. Das sind ein paar Dutzend Geräte, 75 oder so was, so ungefähr um 37. Das ist praktisch nichts. (…) Eigentlich haben die Menschen in sogenannten Fernsehstuben, ganz toller Begriff, Fernsehen geguckt. Da war freier Eintritt (…) und dann sah man halt auf so einem kleinen Bildschirm vorne so ein kleines bisschen Programm, bisschen verrauscht. Ich habe da so einen Techniker daneben, der das ab und zu so justierte, dass man es genauer sehen konnte. (…) Stellen Sie sich ein etwa Schuhschachtel-großes Bild vor, relativ klein, (…). Das ist schwarz-weiß, und (…) ne Bildqualität, die eher im bescheidenen Bereich liegt. Also, das ist schon ein armes Bild im Verhältnis zum reichen Bild des Kinos.“ SPRECHER In seinem ersten Sendejahrzehnt ist das Fernsehen ein unausgereiftes Medium und seinen zwei nächsten Verwandten Kino und Radio deutlich unterlegen. Das riesige Propagandaspektakel der Nationalsozialisten um die olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin bietet dem Randmedium die Chance, etwas zu glänzen. In den 16 Tagen der Spiele werden um die 100.000 Menschen durch die Fernsehstuben geschleust. Das tägliche Live-Programm aus dem Olympiastadion macht das Fernsehen populärer – eine Funktion, die Sportveranstaltungen in der deutschen TV-Geschichte noch häufiger übernehmen sollten. ZUSPIELER 3 kurzer Schnipsel: Reportage vom 4x100m Staffellauf „Deutschland muss vor den Amerikanerinnen laufen, das ist ein kleiner Nachteil (Startschuss), davor Kanada, davor Holland, wunderbar! Die erste Deutsche losgegangen…“ SPRECHER Propaganda hin oder her - von führenden Nationalsozialisten ist kein einziger Auftritt im verwaschenen Fernsehbild ihrer Zeit bekannt. Ein 1939 auf der Funkausstellung vorgestellter Volksfernseher für Zuhause kommt doch nicht – die Fertigungsanlagen werden nun für die Rüstungsproduktion benötigt. Der Krieg beginnt. Für einige Jahre werden die verbleibenden Fernsehgeräte in Lazaretten aufgestellt. Im November 1943 wird der Berliner Sender durch Bomben zerstört. Das NS-Projekt Fernsehen kommt zum Erliegen. MUSIK „Diversity“; ZEIT: 01:04 SPRECHER Sprung ins Nachkriegsdeutschland. Der Neu-Start des Fernsehens wird wieder von einem Wettlauf vorangetrieben, diesmal zwischen den beiden deutschen Staaten. Die DDR strahlt zu Stalins 73. Geburtstag im Dezember 1952 erstmals die Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ aus. Offiziell startet der „Deutsche Fernsehfunk“ im Januar 1956, kontrolliert von der Abteilung Agitation und Propaganda des Zentralkomitees der Staatspartei SED. Im Westen haben die Alliierten den Rundfunk dezentral und öffentlich-rechtlich angelegt: Die über die BRD verteilten Landesrundfunkanstalten sind nichtstaatlich und nichtkommerziell. Sie schließen sich 1950 in der ARD, der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten in Deutschland, zusammen und planen für das Fernsehen ein gemeinschaftliches Programm: MUSIK ENDE OTON 7 Wick „Das war, glaube ich, tatsächlich den Kapazitäten geschuldet. (…) Sie müssen sich ja auch vorstellen, es musste Leute geben, die das überhaupt erst mal lernen, wie die Technik funktioniert, die Lust haben, was Neues zu machen. Viele haben gesagt: da in diesen neuen Kasten, (…) da glaube ich gar nicht dran. Es gab viele Leute, die nicht ans Fernsehen geglaubt haben. Und so hat man sehr viel improvisieren müssen.“ SPRECHER Nach jahrelangem Testbetrieb und dem BRD-weiten Aufbau eines engen Sendernetzes wird am 1. November 1954 das ARD-Programm offiziell aufgenommen – das so genannte „Deutsche Fernsehen“ startet sein Gemeinschaftsprogramm. Der Bayerische Rundfunk bestückt seinen ersten Abend unter anderem mit dem Singspiel „Gärtnerin aus Liebe“ von Wolfgang Amadeus Mozart. Eine für die Zeit nicht untypische Wahl, so Klaudia Wick von der Deutschen Kinemathek Berlin: OTON 8 Wick „Das ist auch etwas, was wir, glaube ich, aus anderen Medienzusammenhängen kennen, dass man erst mal der Sache Glanz verleihen will, indem man aus einem anderen Medium entlehnt und sagt: wir machen hier übrigens Kultur.“ SPRECHER Auch beim Radio bedient sich das Fernsehen. Formate werden übernommen, und auch Personal: große Fernsehnamen der ersten Jahre, wie Peter Frankenfeld oder Hans Joachim Kulenkampff, kommen vom Hörfunk und sollen ihr Publikum am besten gleich mitnehmen. Denn Zuschauer und Zuschauerinnen gibt es in den Fünfzigern noch nicht viele: OTON 9 Wick „Wenn sie geschaut haben, haben sie meistens in einer Gruppe geschaut, in einer Kneipe oder vor der Fensterscheibe. Es gibt da ja zwei wichtige Ereignisse. Das ist einerseits die Fußball-Weltmeisterschaft in Bern, die viele Leute dann gesehen haben. Und dann die Krönung von Elisabeth II., was auch so ein Event war, wo man sagte: Ah, jetzt wäre es schon ganz schön, einen Fernseher zu haben“ SPRECHER Dieser Fernseher kam in der Zeit gleich als eigenes Möbelstück daher, genannt „Fernsehtruhe“: OTON 10 Wick "Die Fernsehtruhe war ein Monstrum, das war so groß wie vielleicht mein Büroschreibtisch jetzt hier. (…) Und die Mattscheibe (…) wurde versteckt in einem Schrank, den man erst mal aufmachen musste. Also (…) wie das häufig so ist: Wenn Dinge Statussymbole sind, dann sollen sie auch schön aussehen. (…) Was ich sehr lustig finde. Die Statistik weist aus, dass in den ersten Jahren vor allem besondere Berufsgruppen einen Fernseher besaßen. Das waren die Radio- und Fernsehtechniker – da ahnen wir, warum. Dann war es die Kneipen- und Gaststättenbesitzer und als dritte Gruppe die Zahnärzte. Ich denke mir, dass die Zahnärzte (lacht nett) das aus Prestige gekauft haben (…) wer es zu was gebracht hatte, der hatte dann irgendwann einen Fernseher.“ SPRECHER Schon im Jahr 1963 konnte der damalige Intendant des Bayerischen Rundfunks, Christian Wallenreiter, den Millionsten Fernsehteilnehmer in Bayern beglückwünschen. ZUSPIELER 4 der Millionste Fernsehteilnehmer in BY 1963 (ab Sek 41), (Gespräch zwischen Intendant, Moderatorin und Fernsehteilnehmer) „Eine Million Fernsehgerätebesitzer in Bayern (…) bedeutet ja etwas. Und deshalb habe ich mich gefreut heute Herrn Kiessling eine Ehrengabe überreichen zu können. / Herr Kiessling, Sie haben 2000 Mark bekommen, das ist also eine ganze Menge Geld, was tun sie damit? / Ja, vorläufig kommen sie einmal auf ein Sparkassenbuch. Für die Kinder ist das gedacht, ne! / (…) Hören Sie gerne Nachrichten? / Ja, Nachrichten: alle Tage. / (…) Mich würde noch etwas anderes interessieren: in welchem Tempo wächst eigentlich die Zahl der Fernsehteilnehmer? (…) / In jedem Monat so ungefähr 10.000.“ SPRECHER Das sich ausbreitende Fernsehen synchronisiert die Lebenswelten der Menschen in der Bundesrepublik Deutschland: es drängt die Dialekte zugunsten eines einheitlichen Hochdeutsch zurück, es etabliert 20 Uhr als landesweite Grenze zum privaten Teil des Abends, und es bringt überallhin die exakt gleichen Sendungen, egal ob in die Stadt oder auf’s Land. MUSIK „Diversity“; ZEIT: 00:56 Nach Anfangsjahren mit genau einem Programm wächst das Angebot in den 1960ern. Das Bundesverfassungsgericht untersagt 1961 die Einrichtung eines staatlichen Fernsehprogramms, das die Regierung Konrad Adenauers plant – das Fernsehen soll Ländersache und öffentlich-rechtlich bleiben. Kurz darauf gründen die Ministerpräsidenten der Länder das Zweite Deutsche Fernsehen, ZDF. Programmstart ist 1963. Zudem beginnen die Landesrundfunkanstalten jetzt in ihren Regionen, eigene Programme auszustrahlen. Bayerischer und Hessischer Rundfunk sind im Jahr 1964 die ersten. Die neuen Dritten Programme werden als Kultur- und Bildungsfernsehen angelegt. Beispiel: Das Telekolleg des Bayerischen Rundfunks: MUSIK ENDE ZUSPIELER 5 Telekolleg (1.12 Jingle Musik könnte über Text vorlappen) „How do you do? Let’s learn english together! I am Paul Dine.“ SPRECHER ARD, ZDF, Dritte: Ab Mitte der 60er gibt es Konkurrenz auf dem Fernsehmarkt und das Publikum hat die Wahl. Aber „gezappt“ wird noch nicht. Wer umschalten will, muss anfangs noch aufstehen. Denn die Fernbedienung kommt erst Mitte der 1970er Jahre. SOUNDAKZENT UMSCHALTGERÄUSCH SPRECHER Im Jahr 1967 folgt ein weiterer Meilenstein der Fernsehgeschichte. Die Fernsehbilder werden farbig. In einem feierlichen Akt spricht der damalige Vizekanzl…

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