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    Latest Episodes:
    Die Hecke - Grenze, Sichtschutz, Lebensraum May 06, 2025
    Show notes

    Hecken sind Grenzen der besonderen Art, sie verbinden Schönheit und Funktion. Die Hecke schirmt unliebsame Blicke ab, hält Feinde fern, schützt Vögel, Kleinsäuger und Feldfrucht. Ein Podcast von Christiane SeilerCreditsAutorin dieser Folge: Christiane SeilerRegie: Kirsten BöttcherEs sprachen: Susanne Schroeder, Thomas BirnstielTechnik: Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Cornelia Priefert, Leiterin Landschaftspflegeverband Uckermark-SchorfheideJanna Einöder, Biologin beim NABU-Berlin, zuständig für Stadtgrün Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Der Saum der Landschaft - Was existiert zwischen Feld, Bach und Wald?JETZT ENTDECKEN Nach der Zerstörung: Biotop - Lebensraum SteinbruchJETZT ENTDECKEN Insektenvielfalt auf der Wiese - Eine Welt für sichJETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung:BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Linktipps: Göttinger Rebhuhnschutzprojekt HIER geht es zur Website Steckbriefe der wichtigsten heimischen Gehölze der bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft HIER geht es zur Website Literatur: Heinrich E. Weber: Gebüsche, Hecken, Krautsäume. Stuttgart, Ulmer Verlag, 2003: Ein umfassendes, wissenschaftliches Standardwerk zu allen Aspekten der Hecke; Kulturgeschichte, Straucharten, Strauchgesellschaften. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadiowissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecher Hartriegel, Hagebutte, Haselnuss, … Sprecherin Wer über Hecken spricht, muss sich mit Sträuchern beschäftigen. Wie die Biologin Janna Einöder: 02 O-Ton Hecke Einöder Ein Strauch ist ja im Gegensatz zu einem Baum eine Pflanze, die mehrere Stämme hat. Eine Hecke ist meistens eine Begrenzung auch. Man nennt es auch ‚lebender Zaun‘. Ein langgezogener Zusammenschluss aus Sträuchern. Sprecher Brombeere, Himbeere, Hundsrose, … 03 O-Ton Hecke Priefert Hundsrosen ist auch eine wichtige Strauchpflanze. Und einfach typisch auch. Sprecherin Carolin Priefert ist Naturschützerin. 04 O-Ton Hecke Priefert Früher hat man ja damit auch noch viel mehr gemacht, man hat natürlich die ganzen Beeren, auch vom Weißdorn, gesammelt, sich Tee, Marmelade und Salben und Kräuter Tinkturen hergestellt. Sprecher Thuja, Buchsbaum, Kirschlorbeer, … 05 O-Ton Hecke Einöder Wir haben es‚ Sträucher des Schreckens‘ genannt, weil viele Sträucher nur als Sichtbarriere oder ähnliches gepflanzt werden. Aber auf den ökologischen Wert und wie das ästhetisch aussieht, da wird relativ wenig Acht gegeben. Da geht es darum, dass man die schnell und gut pflegen kann, keine Früchte und sowas, sondern dass das schön pflegeleicht in der Stadt herumsteht. Sprecher Kornelkirsche, Forsythie? 06 O-Ton Hecke Priefert Die sieht wahnsinnig interessant erstmal aus. Die blüht ja auch sehr früh. Aber das ist für die Insekten eine totale Falle. Die fliegen dahin, bringen Energie auf, um dann weiß ich wie spät festzustellen, dass sie da gar nicht satt werden. Und es gibt ein paar andere Pflanzen, wie die Kornelkirsche zum Beispiel. Die hat ähnliche gelbe Blüten. So ein bisschen technohaft sieht sie auch aus. Manche nennen sie Technostrauch, weil die so ein bisschen wild auch ist. Und die blüht fast zeitgleich, hat ähnliche Blüten und die bietet dann eben den Insekten tatsächlich Nahrung. Sprecher Faulbaum und Kreuzdorn, … 07 O-Ton Hecke Einöder Das sind zwei Sträucher, die ja eher schlicht daherkommen, nicht so dolle blühen. Aber der Zitronenfalter, die Raupen des Zitronenfalters, essen nur an diesen zwei Sträuchern und wenn diese zwei Sträucher fehlen, dann fehlt auch der Zitronenfalter. Das heißt, man kann sagen, wenn man diese zwei Sträucher pflanzt, dann pflanzt man quasi Zitronenfalter. Sprecher Kätzchenweide, Schlehdorn, Weißdorn, … 01 AT Hecke Hecke mit summenden Insekten Sprecher „Für mich erhob sich summend darüber der Duft der Weißdornhecken.“ Sprecherin Der Erzähler von Marcel Prousts Roman „In Swanns Welt“ erinnert sich an einen Sonntagsspaziergang mit seinen Eltern, auf einem Weg gesäumt von Weißdornhecken. Duft und Schönheit der Blüten, Summen der Insekten, der Windhauch, der Arme und Gesicht berührt. Eine umfassend sinnliche, sogar spirituelle Erfahrung: Sprecher „Diese Hecken bildeten in meinen Augen eine unaufhörliche Folge von Kapellen, die unter dem Schmuck der wie auf Altären dargebotenen Blüten verschwanden; unter ihnen zeichnete die Sonne auf den Boden ein lichtes Gitterwerk, so als fiele ihr Schein durch ein Kirchenfenster; ihr Duft strömte sich so voll und überquellend aus, wie ich ihn vor dem Altar der Muttergottes stehend verspürt hatte und die ebenso geschmückten Blüten trugen eine jede mit gleicher gedankenloser Miene ihr schimmerndes Strahlenbündel aus Staubgefäßen.“ Sprecherin Auch ich erinnere mich an eine Szene aus meiner Kindheit, Anfang der 70er Jahre muss es gewesen sein. Ich fuhr mit meinen Eltern im Auto, saß auf der Rückbank und sah mir die Landschaft an. Wir durchquerten die Ebene zwischen Köln und den ersten Ausläufern des Mittelgebirges. Ich sah Felder, Wiesen, Obstanbau, Industrie, Dörfer. Und schnappte ein Gespräch meiner Eltern auf. Es ging um Flurbereinigung, ein kompliziertes Wort, das mir rätselhaft vorkam. Vor allem mein Vater schimpfte, übrigens auf Bayrisch. Man zerstöre die Schönheit der Landschaft, meinte er. Wo seien die schönen kleinen Felder geblieben, die gewundenen Bächlein, die Gebüsche. Alles abrasiert und begradigt. Und, das fand er besonders schlimm, was war mit den Hecken geschehen? 01 AT Hecke und Gesumm Ich verstand, dass man aus mir unverständlichen Gründen ausgerechnet den blühenden, beerenreichen Hecken den Garaus machen wollte. Was ich nicht wusste: es bildete sich bereits Widerstand. Im Jahr 1986 gründete der fränkische Förster und CSU-Politiker Josef Göppel den Landschaftspflegeverband Mittelfranken. Es ging ihm um die Erhaltung der Kulturlandschaft, dafür brachte er mitunter verfeindete Naturschützer, Landwirte und Kommunalpolitiker an einen Tisch. Seitdem werden in Deutschland sogar wieder neue Hecken angelegt. Etwa von dieser jungen Frau: 08 O-Ton Hecke Priefert Carolin Priefert vom Landschaftspflegeverband Uckermark-Schorfheide. 09 AT Hecke in Peetzig Sprecherin Mit ihr stehe ich Ende Februar vor einer Hecke am Rande einer Wiese in der Uckermark. Einen sanften Hang hinauf erstreckt sie sich zwischen Feldweg, Wiese und Acker. 10 O-Ton Hecke Priefert Das sind die Hecken, die jetzt schon über 30 Jahre fast alt sind. Also gerade in den 90ern vom Landschaftspflegeverband angelegt wurden. Auch mit den Landwirten zusammen. Also mehrere Kilometer, dann auch teilweise im rechten Winkel. Und man sieht ja die Hänge hier, die Ackerflächen sind ziemlich exponiert auch. Und umso besser ist es natürlich, dass sie dann als Windschutz gleichzeitig dienen, auch für die Landwirte und eben auch vor Wassererosionen schützen. Und natürlich für die Tierarten, die hier alle vorkommen, ist das natürlich einfach das Biotop... Sprecherin Denn eine Hecke ist nicht nur schön, sondern auch nützlich, sogar für die Landwirtschaft. Und ein unverzichtbares Element in der Vernetzung der Biotope. Denn Tiere benutzen diese Strukturen als Orientierungslinien in der Landschaft. Dank der miteinander verbundenen Hecken, Gebüsche und Wiesen können sie sich geschützt in der Landschaft bewegen, auch über längere Strecken. Und finden dort zusätzlich Nahrung. 11 O-Ton Hecke Priefert Es kann natürlich aus verschiedenen Strukturen bestehen. Man kann im Garten eine Hecke haben, auch nur aus einer Strauchart oder Baumart. Aber in der freien Landschaft ist es natürlich wichtig, dass wir einerseits auf standortheimische Straucharten achten, was die Tiere dann wirklich auch benutzen können an Beeren und Insekten wirklich an Blühpflanzen, nicht dass es nur so na Pseudo-Blüten sind, die sie gar nicht benutzen können, sie sollte ausreichend breit sein wirklich eine gute Funktion hat sie, wenn sie zehn Meter breit ist, weil man dann große Einzelbäume auch in der Mitte pflanzen kann. Und man hat links und rechts immer noch eine breite Strauchschicht. Dass da die Tierarten wirklich genug Unterschlupf finden können. Und am Rand immer auch immer noch so ein Kraut, Blühpflanzen oder einfach Grassaum auch noch im Stehen bleibt, ne. Sprecherin Zehn Meter breit? Damit wäre die Hecke schon breiter als mancher Garten. 12 O-Ton Hecke Einöder Also wenn man Hecken und Sträucher natürlich wachsen ließe, dann können die natürlich sehr üppig werden. Sprecherin Janna Einöder ist beim NABU Berlin für das Stadtgrün zuständig. Und macht die Erfahrung, dass zum Beispiel Hecken auch ein Störfaktor sein können. 13 O-Ton Hecke Einöder Je nachdem, wo sie stehen, können die eben zur Beeinträchtigung der Sicht führen. Verkehrssicherheit ist ja in der Stadt ein ganz großes Thema. Wir haben auch mit der Kriminalprävention gesprochen. Hecken sind ja auch zum Beispiel werden dafür genutzt, auch Drogen zu verstecken. Da geht es auch um Angsträume und Co. Also auch von den Aspekten können Hecken im Stadtbild zum in Anführungsstrichen Problem werden. Sprecherin Der Standort einer Hecke, ob in der Agrarlandschaft, in der Stadt oder im Garten beeinflusst ihre Größe, ihr Erscheinungsbild und auch die Straucharten, die sie bilden. Eins aber haben sie alle gemeinsam: Wie so viele Elemente der Natur, die wir lieben, ist die Hecke menschengemacht, eine linienförmige Struktur der Kulturlandschaft. 14 O-Ton Hecke Einöder Also, das muss schon angepflanzt werden. Klar gibt es vegetative Vermehrung, aber dass das in einer akkuraten Heckenstruktur passiert, ist sehr unwahrscheinlich. Die Natur ist eben wild. Sprecherin Wild entstehen in der Landschaft Strukturen wie Gestrüpp, Gehölz, Gebüsch und Waldsaum, in denen sich ähnliche Sträucher wie in Hecken spontan zusammenfinden. Auch das aber geschieht in größerer Zahl erst, seit Menschen Wälder roden, Siedlungen anlegen und Vieh halten. Im Laufe von mehreren tausend Jahren hatten Menschen durch ihre Wirtschaftsweise in Mitteleuropa eine spezifische kleinteilige, artenreiche Landschaft aus Ackerflächen, Wiesen, Heidelandschaften, Gehölzen, Streuobstwiesen, Moore und eben Hecken geschaffen. Heute sind in Mitteleuropa etwa 550 Bäume und Sträucher an der Bildung von Hecken beteiligt, davon gehören wiederum etwa 475 Arten zu den Rosaceae, also den Rosengewächsen. Sehr viele dieser Sträucher haben Stacheln oder Dornen, zur Abwehr von Herbivoren, also Vieh und wilden Grasfressern. 01 AT Hecke Summen in der Hecke Sprecherin Eine Hecke bietet also Schutz, sie hält den Wind ab, hält Tiere von Feldern fern. Sie markiert auch eine Grenze und hindert Feinde am Eindringen. Der Römische Kaiser Julius Cäsar beschreibt in „De bello Gallico“ die kunstvoll angelegten Hecken der belgischen Nervier, die seiner Reiterei im Weg standen, zu einer Zeit, als von Natodraht und Panzersperren noch keine Rede war: Sprecher / Zitator „Sie sägen junge Bäume an, biegen sie herunter und bewirken durch die vielen in die Breite nachwachsenden Aste, auch mit zwischengepflanztem Brombeer- und Dorngesträuch, daß diese Gehege Befestigungen mit der Wirkung von Mauern bilden, die nicht nur ein Durchkommen, sondern selbst einen Durchblick unmöglich machen.“ Sprecherin Die Wörter Hecke, englisch „hedge“, französisch „haie“ niederländisch heg, dänisch haek gehen alle auf das althochdeutsche Wort „hag“ zurück. Das bedeutet, so steht es im Grimmschen Wörterbuch, schlagen, einzäunen, einhegen. Noch heute findet sich dieses Wort in zahllosen Ortsnamen wie Den Haag oder Hagen. Neben dem Schutz menschlicher Siedlungen dienten Hecken in früheren Zeiten dazu, das Vieh von den Ackerflächen fernzuhalten. Denn noch bis in’s 18. Jahrhundert wurden Weiden, Ackerflächen und Wälder, die sogenannte Allmende oder Mark, meist gemeinschaftlich genutzt, Vieh wurde nicht eingezäunt, sondern gehütet. Hecken hielten etwa Kühe und Schweine von den Feldern fern. Die dafür nötigen Sträucher entnahm man wilden Gebüschen und Gehölzen in der unmittelbaren Umgebung und bearbeitete sie zum Beispiel in der von Caesar beschriebenen Art, um sie möglichst undurchdringlich zu machen. Die Sträucher lieferten außerdem Beeren und Obst, Hagebutten für Tee oder Marmelade, Schlehen für den Likör, Brombeeren für den Kuchen. Selbst der Heckenschnitt war keine lästige Pflicht. Carolin Priefert: 15 O-Ton Hecke Priefert Da haben sie es von sich aus gemacht für Brennholz. Oder man hat es eben benutzt für Korbherstellung, alles Mögliche. Und ja, wer macht das heute schon? Natürlich in bestimmten Bereichen, dass man dann mal Zäune, auch mit den kleinen Zweigen, dann wieder baut… Sprecherin Im 18. und 19. Jahrhundert führte man in vielen Fürstentümern die Markenteilung durch, das bis dahin gemeinschaftlich genutzte Land wurde privatisiert und die Hecken änderten ihre Funktion. Nun dienten sie als sichtbare Markierung und Umfriedung des neuen Privatbesitzes an Acker- und Weideland. Gebüsche auf Weiden und Wiesen wurden gerodet, damit man die Flächen besser bearbeiten konnte. Es entstanden Landschaften, wie sie zum Beispiel in Südengland oder Schleswig-Holstein noch heute bewundert werden können. Bis dann mit der Industrialisierung und Intensivierung der Landwirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg viele dieser Hecken. Sehr zum Nachteil der Tiere, die auf Schutz und Nahrung angewiesen sind. 16 O-Ton Hecke Priefert Die Kleintiere haben alle, auch so Igel oder so, haben alle nur ein paar 100 Meter Radius. Also gerade bei uns in Brandenburg haben wir ja, im Vergleich zu Bayern, immer noch wahnsinnig große Schläge, auch wenn wir schon Hecken angelegt haben. Es ist natürlich ein Unterschied, ob jetzt, ja, wir hier nur ein paar kleine Hektar haben oder die Fläche, wo wir drauf gucken, jetzt mehrere 100 Hektar fast sind, wo wir draufgucken können. Und nur am Rand dann eben mal so ein paar Bäume stehen und der Wald doch auch noch zwei Kilometer entfernt. Ist das für die Tiere auch wichtig, dass sie umso mehr Gebüsche oder Hecken wirklich zur Verfügung haben. 17 AT Hecke Gesang der Goldammer fehlt Sprecherin Während wir sprechen, lässt sich ein kleiner Schwarm aus Gold- und Grauammern in der Hecke nieder. Erste Frühlingsboten. Andere Gäste bleiben im Dickicht verborgen. 18 O-Ton Hecke Priefert Kröten, die auch gerade hier unten Winterschlaf machen können. Also wir sehen ja auch das Laub und schon auch eine Streuschicht, auch vom vertrockneten Gras. Eidechsen, die überwintern können. Sprecherin Je mehr Hecken nach dem Zweiten Weltkrieg in Ost- und Westdeutschland durch Zäune ersetzt, Acker und Weideflächen vergrößert und Feldwege asphaltiert wurden, desto mehr Tiere verschwanden aus der Landschaft. Prominentes Beispiel: der Feldhase. Einige Exemplare haben die Landflucht aus Brandenburg nach Berlin angetreten, wo sie mehr Schutz und Nahrung finden als in der Agrarlandschaft. Seit ca. 20 Jahren vermehren sie sich vor allem im Plattenbaubezirk Marzahn-Hellersdorf. Janna Einöder: 19 O-Ton Hecke Einöder Die Jungtiere werden oft eben dann von den Eltern unter den Hecken versteckt und dann halt so ungefähr tatsächlich an Ostern liegen dann Feldhasenjungen oft unter Hecken. Das ist ganz wichtig. Sprecherin Feldhasen werden in Deutschland auf der roten Liste der bedrohten Tierarten als gefährdet gelistet. Ein anderes traditionelles Jagdwild gilt inzwischen als stark gefährdet, stellenweise sogar vom Aussterben bedroht: Das Rebhuhn. Sein Bestand in Deutschland ging seit Anfang der 80er Jahre um 85% zurück. 20 O-Ton Hecke Priefert In einem Bereich in der Uckermark, wo wir noch die letzten, ja, Rebhuhn Vorkommen nachweisen konnten in den letzten Jahren haben wir auch Hecken gepflanzt, weil gerade diese…

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    LGBTIQ - Eine Bewegung und ihre Geschichte May 05, 2025
    Show notes

    Die Geschichte der queeren Bewegung hat viele Dimensionen, sie ist seit jeher vielstimmig - und oft uneinig. Queer-Sein hat sich seinen Weg in den politischen und wirtschaftlichen Alltag gebahnt, mit Möglichkeiten, die lange undenkbar waren. Ist all das in Gefahr? Aktuell bereitet der Aufschwung rechtspopulistischer Politik in Europa vielen queeren Menschen Sorge. Von Karin Becker (BR 2022)

    Credits:
    Autorin dieser Folge: Karin Becker
    Regie: Anja Scheifinger
    Es sprachen: Caroline Ebner, Diana Gaul, Peter Lersch
    Technik: Winfried Messmer
    Redaktion: Matthias Eggert
    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
    Hier gibt es eine weitere hörenswerte folge von radioWissen:

    Trans*menschen und die Medizin - Forschung und Vorurteil
    JETZT ANHÖREN

    Homosexualität - Diskriminiert, kriminalisiert, gleichgestellt
    JETZT ANHÖREN


    Die Goethe-Institute in Nordamerika haben in Zusammenarbeit mit dem Schwulen Museum in Berlin und der Bundeszentrale für politische Bildung ein spannendes Projekt entwickelt:
    EXTERNER LINK | QUEER AS GERMAN FOLK

    Willkommen im Club - der LGBTIQ*-Podcast von PULS
    Willkommen im Club der LGBTIQ*-Community! Aber wer ist das eigentlich und wieso braucht sie so viele Buchstaben im Titel? Welche Klischees ärgern Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans* und andere queere Menschen so richtig? Was beschäftigt sie gerade? Gemeinsam mit euch entdecken Kathi und Julian, die eine lesbisch, der andere schwul, die wunderbare Welt der "Alle-Buchstaben-Community".
    BR PODCAST | PULS | WILLKOMMEN IM CLUB


    Staatsdenker des Putinismus - Iwan Iljin May 05, 2025
    Show notes

    Mit Putins Machtpolitik erfuhr er eine ungeahnte Renaissance: Der russische Philosoph Iwan Iljin (1883-1954). In Artikeln beschreibt er dezidiert den umbau eines postkommunistischen Russlands in ein autoritäres großrussisches Reich. Von Christine Hamel (BR 2024) CreditsAutorin dieser Folge: Christine HamelRegie: Irene SchuckEs sprachen: Katja Bürckle, Christian Baumann, Oliver Stokowski, Jerzy May, Constanze Fennel, Andreas NeumannTechnik: Christine FreyRedaktion: Nicole Ruchlak Im Interview:Ilya Budraitskis, Historiker an der University of California in Berkeley Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin: Rossija- Russland. Unermüdlich umkreist Iwan Iljins Denken Russland. Zitator: Ich lebe nur für Russland. (..) Russisch sein bedeutet nicht nur, Russisch zu sprechen. Es bedeutet, Russland mit dem Herzen wahrzunehmen, mit Liebe seine kostbare Originalität und seine absolute Einzigartigkeit in der gesamten Weltgeschichte zu sehen, zu verstehen, dass diese Einzigartigkeit ein Geschenk Gottes ist, das dem russischen Volk persönlich gegeben wurde. Musik 2 "From My Youth" - Künstler: Andrei Vasilyevich Malutin & Akafist Male Chamber Choir - Album: Famous Russian Choral Works - Komponist: Traditional - Länge: 0'41 Sprecher: Die Russen, ein von Gott auserwähltes Volk - auserwählt zur Rettung und Befreiung der gesamten Menschheit. Diese Idee ist fester Bestandteil großrussischer Ideologie. Sprecherin: Iwan Iljin begeistert sich für den Glauben, den er in Russland als besonders schöpferisch empfindet, hebt Russlands „geschichtliche Tragik“ hervor, ihm imponiert die „nationale Zähigkeit“ und unermüdlich geht er der russischen Seele auf den Grund. Russland, schreibt Iljin – und die Ukraine gehört für ihn selbstverständlich dazu - sei ein lebendiger Organismus. Musik 3 "Dekalog VIII, Pt. 4" - Komponist: Zbigniew Preisner - Album: Dekalog (Original Film Soundtrack) - Länge: 1'01 Zitator: Wenn man mit Ausländern über Russland spricht, muss jeder loyale russische Patriot ihnen klar machen, dass Russland kein Zufall ist, dass Russland kein zufälliger Haufen von Territorien und Stämmen und kein künstlich koordinierter "Mechanismus" von Regionen ist, sondern ein lebendiger, historisch gewachsener und kulturell begründeter ORGANISMUS. Dieser Organismus ist eine geographische Einheit, deren Teile durch wirtschaftliche gegenseitige Ernährung verbunden sind; dieser Organismus PAUSE ist eine geistige, sprachliche und kulturelle Einheit, die das russische Volk mit seinen nationalen und jüngeren Brüdern historisch verbunden hat - durch geistige gegenseitige Ernährung; er ist eine staatliche und strategische Einheit, die der Welt ihren Willen und ihre Fähigkeit zur Selbstverteidigung bewiesen hat. Sprecherin: Iljin ist ein großer Kritiker des Intellektualismus und hält nicht viel von Analyse und Argumentation Sprecher: Er will zeigen statt beweisen. Daher sein blumiger Stil. Sprecherin: Lange war das etwa 40 Bücher umfassende Werk des Philosophen in der Mottenkiste der „Ideologeme“ des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts verschwunden. Während der gesamten Sowjetzeit war Iljins Werk mit einem Bann belegt. Schließlich hatte er rechten, faschistischen Ideen das Wort geredet. Sprecher: Aber dann entdeckte Putin-Russland den Philosophen – als Gewährsmann für eine propagierte Einzigartigkeit der russischen Kultur, für den starken Staat, den russischen „Sonderweg“ und als Ideenstifter einer orthodoxen-neokonservativen Ideologie, der sogenannten „Traditionellen Werte“. Sprecherin: Der Historiker, Politik- und Sozialtheoretiker Ilya Budraitskis hat sich lange mit Iwan Iljin auseinandergesetzt. Zu seinem Forschungsgebiet gehören der Konservatismus und der Aufstieg des Rechtspopulismus. Er war Dozent an der Moskauer Hochschule für Sozial und Wirtschaftswissenschaften. Seit 2022, dem Einfall Russlands in die Ukraine, arbeitet er an der University of California in Berkeley. VOICE OVER Das derzeitige Regime in Russland wird nicht von einer bestimmten Philosophie geleitet, auch nicht von der Philosophie Iwan Iljins. Aber es ist nicht zu übersehen, dass Iljin ein wichtiger Autor für das Regime ist. Es gibt beispielsweise viele Reden von Wladimir Putin, die sich auf Iljin beziehen. Auch andere Staatsfiguren sprechen ständig über ihn. Man fühlt sich Iljin durchaus verbunden, sowohl seinen Moralvorstellungen als auch seinen politischen Konzeptionen. Sprecher: Bei der Zeremonie der illegalen Angliederung der besetzten Gebiete in der Ukraine sagte Putin: (O-Ton Putin) VOICE OVER PUTIN Ich möchte meine Rede mit den Worten eines wahren Patrioten - Iwan Alexandrowitsch Iljin – schließen. „Wenn ich meine Heimat als Russland betrachte, bedeutet das, dass ich auf Russisch liebe, überlege und denke, singe und spreche; dass ich an die geistigen Kräfte des russischen Volkes glaube und sein historisches Schicksal mit meinem Instinkt und Willen akzeptiere. Sein Geist ist mein Geist, sein Schicksal ist mein Schicksal, sein Leid ist mein Leid, seine Blüte ist meine Freude. Musik 4 "Dekalog IX, Pt. 12" - - Komponist: Zbigniew Preisner - Album: Dekalog (Original Film Soundtrack) - Länge: 0'58 Sprecherin: Iwan Iljin wird am 28. März 1883 in Moskau geboren. Seine Mutter Karolina Luisa Schweikert von Stadion ist Russlanddeutsche, deshalb wächst Iwan zweisprachig auf. Der Vater Aleksander Iljin ist ein renommierter Moskauer Rechtsanwalt aus einer aristokratischen Familie, Zar Alexander II. war sein Taufpate. Iwan hat drei Brüder. Nach einem glänzend bestandenen Abitur schreibt er sich an der Fakultät für Rechtswissenschaften an der Moskauer Universität ein Sprecher: Sein Interesse gilt aber der Philosophie. Nur gibt es im Russischen Reich keine eigenständigen Philosophiefakultäten, denn Philosophie gilt als gefährliche Disziplin im Zarenreich. Ein Grund, warum er während seines Studiums viel Zeit in Deutschland verbringt. 2. Zsp.: (Ilya Budraitskis) VOICE OVER Den größten Einfluss auf ihn hat Hegel. Hegel ging davon aus, dass die Geschichte letztlich eine positive Wendung nimmt. Das heißt, der Mensch vereinigt sich mit Gott. Iljin glaubte, dass eine solche Wiedervereinigung unmöglich ist. Deshalb gehört es zum Schicksal des Menschen, dass Vollkommenheit oder eine perfekte Gesellschaft IHM zufolge nicht erreichbar sind, sie bleiben immer Utopie. Musik 5 "Chase - Apartment to Subway" - Jóhann Jóhannsson - Länge: 1'05 Sprecher: Über den Charakter Iwan Iljins ist wenig bekannt, Fotografien zeigen einen ernsten, streng blickenden Mann, tiefliegende Augen, Halbglatze und Oberlippen- sowie Kinnbart. Es gibt eine frappante Ähnlichkeit zu Lenin. Die Cousine seiner Frau, die Dichterin Ewgenija Gerzyk erinnert sich wenig schmeichelhaft an ihn. Zitatorin: (…) Die Fähigkeit, ideologische Gegner zu hassen, zu verachten, zu beleidigen war bei Iljin besonders ausgeprägt, und von dieser Seite kannten ihn die Moskauer in den damaligen Jahren. Sprecher: Ein aggressiv-polemischer Einzelgänger, der die russische Intelligenzija als „geistig sittenlos“ empfindet. Sie habe Russland – Zitat - „Verwesung“ und „Niedergang“ gebracht, und den Bolschewiki, also den kommunistischen Revolutionären damit den Weg geebnet. Musik 6 "Cauchemar De Marx" - Album: The Young Karl Marx (Original Motion Picture Soundtrack) - Komponist und Künstler: Alexei Aigui - Länge: 0'30 Sprecherin: Nach seiner Rückkehr nach Russland nimmt Iljin eine Lehrtätigkeit an der Fakultät für Rechtsphilosophie auf. Seine akademische Laufbahn wird jedoch von den politischen Ereignissen überrollt. Die Oktoberrevolution, bei der die kommunistischen Bolschewiki unter Führung Wladimir Lenins gewaltsam die Macht an sich rissen, ist Iljin von Anfang an verhasst. Die Gründe schlüsselt Ilya Budraitskis auf. 3. Zsp.: (Ilya Budraitskis) – Voice Over Die Rechtfertigung des Leidens und des Todes sind für Iljin sehr wichtig. Denn nur durch den Tod, durch das Leiden, erreicht der Mensch höhere Sphären. Deshalb ist der Bolschewismus für ihn inakzeptabel. Er lehnt alle sozialen Utopien ab, weil sie seines Erachtens eine falsche Vollkommenheit anbieten. Vollkommenheit ist für Iljin nicht erreichbar. Sprecher: Iwan Iljins Denken verrät vielmehr die Sehnsucht nach Kampf und Bewährung, nach Härte und Schwere. Er bewundert den Faschismus Benito Mussolinis, der das Leben als einen einzigen Kampf darstellt. Zitator Im Leiden wird die Menschheit weise Sprecher: ist Iljin überzeugt. 4. Zsp. (Ilya Budraitskis) Voice Over Der Weg des Menschen, der Weg der politischen Bewegung ist bei Iljin ein ständiger Kampf um höhere, geistige Werte. Das heißt, der Mensch offenbart sich nur in extremen Situationen, im Leiden und im Angesicht des Todes. Sprecherin: Selbst die bolschewistische Revolution versteht Iljin letztlich als schicksalhaften Leidensweg, aus dem die Russen, das gotterwählte Volk abermals geläutert hervorgehen werden. 1925 schreibt er: Musik 7 "Chase - Apartmen to Subway" - Jóhann Jóhannsson - Komponist und Ausführender: McCanick (Josh C. Waller's Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 1'05 Zitator Schreckliche und schicksalsbestimmende Ereignisse, die unsere wunderbare Heimat heimgesucht haben, jagen mit versengendem und reinigendem Feuer durch unsere Seelen. In diesem Feuer brennen alle falschen Grundlagen, Verirrungen und Vorurteile, auf denen die Ideologie der ehemaligen russischen Intelligenz errichtet wurde. Sprecherin: Iljin meint hier die Orientierung vieler russischer Intellektueller am Westen, ihren Pazifismus, ihren – wie er es nennt - „sentimentalen Moralismus“. Ihn stört vor allem der Atheismus der Liberalen, ihre angebliche „Willenlosigkeit“, ihr Kampf um Freiheit und Demokratie, ihre Freizügigkeit. Zitator: Auf diesen Grundlagen durfte man Russland nicht erbauen, die Verirrungen und Vorurteile führten es zu Verwesung und zum Niedergang. Sprecher: Aber, so fährt er fort: Musik 8 "Girl Theme (From “Girl” Original Motion Picture Soundtrack)" - Künstler und Komponist: Valentin Hadjadj - Album: Girl (Themes & Variations / Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'30 Zitator: In diesem Feuer (der Revolution) wird unser religiöser und staatlicher Dienst erneuert, werden unsere geistigen Augen geöffnet, werden unsere Liebe und unser Wille geläutert. Und das erste, was dadurch in uns wiedergeboren wird, wird die religiöse und staatliche Weisheit (…) der russischen Orthodoxie sein. Sprecher: Auch wenn Iljin die Revolution als stählendes Schicksal für das russische Volk und die Orthodoxie begreift, engagiert er sich doch aktiv, ihr so schnell wie möglich ein Ende zu bereiten. Er sammelt Geld für die Kampfverbände der konterrevolutionären „Weißen Bewegung“, gerät aber auch mit seinen aufrührerischen Artikeln ins Visier der sowjetrussischen Obrigkeit. Sprecherin: Wegen antibolschewistischer Tätigkeit wird er zwischen 1918 und 1922 sechs Mal verhaftet, sogar zum Tode verurteilt. Sprecher: Da Lenin aber Iljins Dissertation über Hegel schätzt, wird das Urteil nicht vollstreckt. Sprecherin: Vielmehr wird der Philosoph 1922 zusammen mit seiner Frau und vielen anderen Schriftstellern, religiösen Denkern und Wissenschaftlern auf einem der beiden berühmten Philosophenschiffe zwangsabgeschoben. Iljin bleibt in Weimardeutschland, arbeitet am Russischen Wissenschaftlichen Institut in Berlin und versucht vom Ausland aus, die Konterrevolution zu unterstützen. Sprecher: Iwan Iljin wird zu dem wichtigsten Propagandisten der Weißen Bewegung, eines Sammelbeckens von Bolschewismusgegnern aller Couleur. Sprecherin: 1925 erscheint sein Schlüsselwerk „Über den gewaltsamen Widerstand gegen das Böse“. 5. Zsp.: (Ilya Budraitskis) Voice Over Das heißt, dem Bösen muss aktiv widerstanden werden. Hier ist es wichtig zu sagen, dass Iljin nicht die Gewalt verteidigt, es geht ihm vielmehr um die Kraft. Aus seiner Sicht ist die Gewalt schlecht, denn sie ist willkürlich und ja nicht mit den höheren göttlichen Werten verbunden. Aber um dem Bösen entgegenzuwirken, muss Kraft aufgeboten werden. Sprecher: Diese Kraft kann dann allerdings sehr gewalttätig werden – nur dass Iljin das „kämpfende Liebe“ nennt. Musik 9 "Dekalog VIII, Pt. 4" - Komponist: Zbigniew Preisner - Album: Dekalog (Original Film Soundtrack) - Länge: 0'55 Zitator: Folglich bleibt eine einzige, universelle Regel: dem Bösen aus Liebe zu widerstehen –(…) aus Liebe zu nötigen und zu unterdrücken, wo es nötig ist, aus Liebe zu überreden, aus Liebe hinzurichten (…) Ja, der Weg der Kraft und des Schwertes ist kein gerechter Weg. Doch gibt es einen anderen, gerechten Weg? Doch nicht etwa der sentimentale Weg der Widerstandslosigkeit, der Weg des Verrats der Schwachen. (…) Natürlich hat dieser Weg etwas weitaus „Ruhigeres“, etwas weitaus „Anständigeres“ und dem äußeren Anschein nach ein Aussehen, das weniger Blutvergießen fordert, jedoch nur Leichtsinnigkeit und böse Torheit können nicht wahrnehmen, um welchen Preis diese „Ruhe“ und „Anständigkeit“ erkauft wurden. Sprecherin: Den moralischen Folgen seiner Handlung, seiner Schuld muss sich der Kämpfer bei Iljin wiederum stellen. Etwa durch religiöse Askese. Darin besteht - so Iljin – recht eigentlich dann sein Heldentum. Sprecher: Die religiös unterfütterte Kampfansage sorgt natürlich für viel Diskussionsstoff und Häme. Maxim Gorkij spricht von einem Zitator 2 „Evangelium der Rache, in dem er beweist, dass man Menschen nicht töten darf, außer sie sind Kommunisten.“ Sprecher: Iljins Kollege Nikolaj Berdjajew, der nach Paris weitergezogen war, nennt Iljin einen „Tschekisten im Namen Gottes“, wiederum andere erkennen in dem Buch die „Predigten des Faschismus.“ Sprecherin: Dem Faschismus steht er tatsächlich nahe, auch er plädiert für einen straff einheitlich hierarchisch gegliederten Staatsaufbau. Diese „Nationale Diktatur“ solle im Verbund mit der Orthodoxie Russland für die Rückkehr des Zarentums vorbereiten. 6. Zsp.: (Ilya Budraitskis) Voice Over Das heißt, im Prinzip ist sein Ideal eine autokratische Monarchie. Wie viele andere Emigranten und Monarchisten hat er erkannt, dass es keine Rückkehr zur vorrevolutionären Ordnung geben wird, dass ein neues System notwendig geworden ist. Ein System einer aktiven Erziehung des Volkes. Denn das Problem der alten Monarchie war es, so Iljin, dass es das Volk nicht erziehen, die Gesellschaft nicht aktiv beeinflussen konnte. Und das hat zur Revolution geführt. Deshalb ist es notwendig, die Aufgaben einer russischen konservativen Bewegung neu zu überdenken. Iljin redet vor diesem Hintergrund manchmal einem „russischen Faschismus“ das Wort. Zitator: Politik Sprecherin: definiert er 1948 Zitator: ist die Kunst, den Feind zu erkennen und auszuschalten. Sprecherin: Iljin glaubt, dass andere Staaten an einem schwachen Russland interessiert seien und an seinem Zerfall arbeiten. Zitator Wir müssen uns darauf gefasst machen, dass die Zersplitterer Russlands auch im postbolschewistischen Chaos versuchen werden, ihr absurdes Experiment durchzusetzen, sie werden es betrügerisch als den Triumph der Freiheit, Demokratie und Föderalismus darstellen. ((Sprecherin: Für ein paar Jahre ist Iljin Herausgeber der Zeitschrift „Russkij Kolokol“ – „Russische Glocke“. Die Publikation hat sich dem Ziel verschrieben, „dem urwüchsigem und großen Russland zu dienen Sprecher: Neun Nummern können erscheinen, eine davon widmet sich dem „Russischen Faschismus“, dann muss die Zeitschrift wegen ausbleibender Finanzierung eingestellt werden.)) Sprecherin: 1933 begrüßt Iwan Iljin erwartungsgemäß die Machtergreifung Hitlers. Nicht nur aus Gründen des Antibolschewismus. Sprecher: Das moderne Leben mit seinem Pluralismus, aller Liberalität und die bürgerliche Gesellschaft sind ihm verhas…

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    Hebammen - Hilfe ins Leben May 05, 2025
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    Eine Geburt ist immer auch ein soziales Ereignis, das Menschen prägt und ihr Leben verändert. Der Beruf der Hebamme war immer mit einer besonderen Aura umgeben. Von Brigitte Kohn (BR 2024) CreditsAutorin dieser Folge: Brigitte KohnRegie: Frank HalbachEs sprachen: Irina Wanka, Christian Baumann, Jenny GüzelRedaktion: Nicole Ruchlak Im Interview:Prof. Dr. Barbara Fillenberg, Hebamme und Lehrstuhlinhaberin für Hebammenwissenschaft an der Universitätsmedizin der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Hebammenwissenschaft e.V.PD Dr. habil. med. Nadine Metzger, PhD, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Lehrstuhl für Geschichte der Medizin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: 1 O-TON PROF. FILLENBERG 00.49 Ich muss zugeben, dass ich immer noch Tränen in den Augen hab, wenn das Baby geboren ist. Ich glaub, das hängt auch damit zusammen, dass ich unglaublich stolz bin auf die Frau, die diese Leistung absolviert hat in dem Moment. Und das ist so eindrücklich, dass mich das nie loslässt. ERZÄHLERIN: Die Hebamme Barbara Fillenberg, Professorin und Lehrstuhlinhaberin für Hebammenwissenschaft an der Johannes-Gutenberg Universität in Mainz, hat vielen Kindern auf die Welt geholfen und viele Paare auf den Weg ins Elternsein begleitet. Sie weiß, dass das Erleben und Gestalten von Geburten sehr stark von historischen und sozialen Rahmenbedingungen abhängt und sich im Lauf der Zeit verändert. MUSIK ENDE 2 O-TON BARBARA FILLENBERG 8.50 Ich stelle schon fest, dass das Thema Geburt nicht mehr so präsent ist in den Köpfen der werdenden Eltern. Dass das eigene Baby das erste Baby ist, das die Eltern auf dem Arm tragen, und dass sie sich im Vorfeld wenig Gedanken machen, was das eigentlich bedeutet, ein Kind zu kriegen. Oder sie haben sich so viel Gedanken gemacht, dass sie viele Filme anschauen und viel Informationsmaterial einholen und dann eher in die Risikodenkweise kommen. Und das ist für uns als Hebammen nicht ganz befriedigend, weil wir ja einen ganz anderen Ansatzpunkt haben, und wir hätten schon gerne, dass die Kinder lernen, dass eine Geburt was ganz Normales ist, was dazugehört zum menschlichen Leben und dass das auch ein normaler Vorgang ist im Leben einer Frau, der bei den Frauen meistens ganz gutgeht.“ ERZÄHLERIN: Dass das Kinderkriegen meistens ganz gut geht, darauf konnte man nicht immer so zuversichtlich hoffen. Im 18. Jahrhundert nehmen etwa 20 Prozent der Geburten einen tragischen Verlauf. Auch Johann Wolfgang Goethe wäre bei seiner Geburt fast gestorben. Seine Mutter Catharina Elisabeth erzählt Jahrzehnte später ihrer Freundin, der Dichterin Bettine von Arnim, von den Strapazen ihrer Niederkunft, und Bettine gibt das Gehörte brieflich an Goethe weiter: MUSIK „Clock Winder”; ZEIT: 00:53 ZITATORIN: "Drei Tage bedachtest Du Dich, eh Du ans Weltlicht kamst, und machtest der Mutter schwere Stunden; aus Zorn, dass Dich die Not aus dem eingeborenen Wohnort trieb, und durch die Misshandlung der Amme kamst Du ganz schwarz und ohne Lebenszeichen." ERZÄHLERIN: Protestantische Gesangsbücher jener Zeit enthalten Lieder, die Schwangeren Mut machen sollen. Vor der Geburt machen viele Frauen ihr Testament. Catharina Elisabeth Goethe und ihr erstes Kind haben Glück: Alles wird gut. ZITATORIN: „Sie … bäheten Dir die Herzgrube mit Wein, ganz an Deinem Leben verzweifelnd. Deine Großmutter stand hinter dem Bett, als Du zuerst die Augen aufschlugst, rief sie hervor: Rätin, er lebt!“ MUSIK ENDE ERZÄHLERIN: Wein gilt als Stärkungsmittel, man reibt schwächliche Neugeborene damit ein und gibt ihn auch den Gebärenden und Wöchnerinnen zu trinken. Des Weiteren hält man Zugluft von der Wochenstube fern, heizt gründlich ein, stellt Tücher, heißes Wasser und frische Butter als Schmier- und Gleitmittel bereit. Hebammen haben im allgemeinen Klistiere im Gepäck, Leinenfäden zum Abbinden der Nabelschnur, stumpfe Scheren zum Durchschneiden derselben, Salmiakgeist und Kräutersalben, auch Weihwasser und Spritzen zur Nottaufe von Kindern, die bei der Geburt zu sterben drohen. Und dann wartet man ab und hofft das Beste. Bei Komplikationen jedoch muss eine Hebamme entschlossen zugreifen. Goethes Hebamme geht so rabiat zu Werke, dass die Familie ihr die Schuld an dem gefährlichen Verlauf der Geburt gibt. MUSIK „Clock Winder”; ZEIT: 01:01 ERZÄHLERIN: Das 18. Jahrhundert ist eine Zeit großer Veränderungen, auch in der Medizin. Immer mehr männliche Ärzte drängen in die Geburtshilfe und beanspruchen die Kontrolle über die Hebammen, ohne selbst Praxiserfahrung zu haben. Das geht nicht ohne Konflikte ab, und die schwelen lange auch in den Hierarchien moderner Kliniken bis in die Gegenwart hinein. Barbara Fillenberg ist zuversichtlich, dass die Akademisierung für mehr Augenhöhe sorgen wird. Seit 2020 ist Hebammenwissenschaft auch in Deutschland ein Studiengang, der den Hebammen auch wissenschaftliche Karrieren eröffnet. Das wird die Forschung beleben, denn Hebammen legen den Fokus auf den normalerweise unproblematischen Verlauf von Schwangerschaft und Geburt, während Ärzte sich stärker mit Risiken auseinandersetzen müssen. MUSIK ENDE Das Studium der Hebammenkunde hat einen hohen Praxisanteil und zieht viel Interesse auf sich, weiß die Medizinhistorikerin Nadine Metzger, die die Studentinnen an der Universität Erlangen in der Geschichte des Hebammenberufs unterrichtet. Sie hat ein Lehrbuch verfasst mit dem Titel „Medizinische Terminologie für Hebammen“, das auch umfangreiche Kapitel zur Geschichte dieses Berufes enthält, und sie arbeitet gern mit den jungen Leuten im aufblühenden Feld der Hebammenwissenschaften. 3 OTON NADINE METZGER: Die sind unglaublich engagiert, und es gibt auch sehr viele Bewerbungen auf die Studienplätze. Die Studienplätze sind sehr begrenzt, weil es so intensive Praxisanleitungen in diesem Studium hat, und da kann man halt nicht 100 Leute gleichzeitig ausbilden, sondern maximal 25 oder 35 hier in Erlangen. Es kommen aber viele hundert Bewerber auf diese Plätze. MUSIK privat Take 009 „Realise“; Album: Eyes of a Beginner: Original Motion Picture Soundtrack; Label: Thomas Marland; Interpret: Thomas Marland; Komponist: Thomas Marland; ZEIT: 01:01 ERZÄHLERIN: Gelehrte Hebammen gab es früher auch schon. In der Antike sind sie nicht einmal so selten. Viele von ihnen haben eine ähnliche Ausbildung wie Ärzte, manche verfassen auch Bücher. Platon überliefert, dass die Mutter des Sokrates Hebamme gewesen sei und dessen philosophisch-didaktische Methode inspiriert habe: So wie die Hebamme dem Kind auf die Welt helfe, so verhelfe er, Sokrates, seinen Schülern dazu, Gedanken und Einsichten zur Welt zu bringen. Der Philosoph Aristoteles sucht häufig das Gespräch mit Hebammen, wenn er an seinen anatomischen und naturkundlichen Schriften arbeitet. Im 17. Jahrhundert hat es Justine Siegemund, eine gebildete Pastorentochter, von der Dorfhebamme zur Hofhebamme am brandenburgischen Hof gebracht und ein vielbeachtetes Lehrbuch veröffentlicht. MUSIK ENDE 4 O-TON BARBARA FILLENBERG 28. Siegemund hat einen Begriff geprägt, den ich bis heute faszinierend finde, das ist das Kontaktwissen. Als Hebamme lerne ich die Frau als Person kennen, lerne ihre Familie kennen, und wenn ich die Wochenbettbegleitung mache und die Schwangerschaftsvorsoge auch im häuslichen Umfeld anbiete, dann stelle ich fest, wie die Frau lebt und welche Ressourcen ihr zur Verfügung stehen. Dass ich auch erspüren kann von der Frau, was braucht die jetzt von mir. ERZÄHLERIN: Im 18. Jahrhundert entwickelt eine Französin namens Angélique du Coudray ein wegweisendes Unterrichtsmodell … 5 O-TON BARBARA FILLENBERG um zu zeigen, wie sich das Kind durch das Becken schraubt bei der Geburt. Sie konnte an diesem Modell auch Komplikationen darstellen, und Hebammen hatten immer die Gelegenheit, an diesem Modell zu üben, auch manuell zu üben, und das wird bis heute angewandt. ERZÄHLERIN: Aber Siegemund und Coudray sind Ausnahmehebammen. Die durchschnittliche Hebamme im Mittelalter und in der frühen Neuzeit kommt aus den ärmeren Schichten: Als Bäuerin oder Handwerkersfrau ist sie auf einen Zuverdienst angewiesen und hat weder Zeit noch Kenntnisse zum Bücherschreiben. Aber Erfahrung mit Geburten und einen guten Ruf in der Dorfgemeinschaft, das hat sie schon. 6 O-TON METZGER: Die verheirateten Frauen wählen untereinander aus ihrer Mitte die Hebamme, und das ist eine Frau, zu der sie offensichtlich Vertrauen haben. Das ist aber nicht so, dass die eine Ausbildung gehabt hätten, das war nicht großartig organisiert. Eine informelle Wissensweitergabe. ERZÄHLERIN: Im Dorf spricht es sich schnell herum, wenn bei einer Frau die Wehen einsetzen. Nachbarinnen und Verwandte eilen herbei, die Männer holen die Hebamme ab, begleiten sie durch oft unwegsames Gelände und ziehen sich zu Hause, wenn es dann hart auf hart kommt, zurück. Gebären ist Frauensache. 7 O-TON NADINE METZGER Traditionell haben immer die Frauen aufrecht geboren. Entweder gestützt im Stehen, im Hocken, durch andere Frauen aufrecht gehalten, oder im 17., 18. Jahrhundert auf Gebärstühlen, im aufrechten Sitzen. ERZÄHLERIN: Die Gebärende bleibt bekleidet, das gebietet das Schamgefühl auch unter Frauen, und die Hebamme ertastet die Lage des Kindes unter ihren Röcken. Ist die Lage problematisch, muss das Kind im Mutterleib gewendet werden. Ein Kaiserschnitt ist noch keine Option, die Mutter würde verbluten. 8 O-TON NADINE METZGER: Die Hebamme Justine Siegemund beschreibt in ihrem Buch ein von ihr entwickeltes Verfahren mit Hilfe eines Wendestäbchens, wo die Hebamme ihren Arm bis in den Uterus einführt und mit einem Stäbchen und einer Schlinge das Kind im Mutterleib wendet. Das muss eine schreckliche Prozedur gewesen sein, aber das hat Leben gerettet. Das zu können und zu wissen, wie man das macht, und es im richtigen Moment zu machen, das hat eine gute Hebamme in der Vormoderne ausgezeichnet. MUSIK „Golden arrow“; ZEIT: 01:41 ERZÄHLERIN: In Fällen, in denen sich ein tragisches Ende abzeichnet, dürfen und müssen Hebammen dem Kind die Nottaufe spenden und den sterbenden Müttern die Beichte abnehmen, also priesterliche Funktionen übernehmen. Die Kirche achtet darauf, dass sie die entsprechenden Gebetsformeln und Rituale beherrschen, und sie erwartet auch von ihnen, dass sie Verstöße gegen die Sittlichkeit, uneheliche Geburten zum Beispiel und den Namen von Kindsvätern, melden. Zur Zeit der Inquisition müssen Hebammen sich verstärkt bemühen, an ihrer Rechtgläubigkeit keinen Zweifel zu lassen, um nicht in den Verdacht der Hexerei zu geraten. Das ist nicht so einfach, da Bräuche und Rituale mit heidnischem Einschlag oft noch sehr beliebt sind. AKZENT Die Entlohnung der Hebammen regelt allerdings niemand. Wohlhabende Familien geben Geld oder Naturalien, Feuerholz zum Beispiel, bei den Armen gibt es wenig oder nichts zu holen. Viele Hebammen, die ja oft selbst einen harten Lebenskampf bestehen müssen, verwenden also mehr Sorgfalt und Zeit auf reiche Familien als auf arme. Das ist einer der Missstände, die den Regensburger Stadtvätern 1452 ins Auge fallen, weswegen sie den ersten überlieferten Versuch unternehmen, die Geburtshilfe amtlich zu regeln. Sie sehen … MUSIK ENDE ZITATOR: „den Mangel und Abgang, den sie in ihrer Stadt an guten Hebammen hätten, und dass durch Unordnung der Hebammen zu Zeiten die Frauen verwahrlost würden“. ERZÄHLERIN: Die Regensburger Stadtväter verbieten den Hebammen, den Geburtsvorgang künstlich zu beschleunigen oder die Gebärende vorzeitig zu verlassen, um zu einer anderen womöglich reicheren Frau zu eilen. Und außerdem sollen die Hebammen bei der Arbeit nicht trinken, jedenfalls keinen Alkohol. ERZÄHLERIN: Die Stadtväter regeln noch einiges mehr, und sie lassen die Frauen einen Eid vor der Obrigkeit schwören, dass sie sich an alle Auflagen halten werden. 10 O-TON NADINE METZGER: Dass Hebammen ihren Job richtig machen, wurde kontrolliert durch ein Gremium ehrbarer Frauen, wahrscheinlich die Gattinnen von Ratsherren oder wichtigen Handwerksmeistern. Und die haben in dieser weiblichen Sphäre der Frauengemeinschaft geguckt, dass die vereideten Hebammen sich an den Eid halten. MUSIK „Golden arrow“; ZEIT: 01:16 ERZÄHLERIN: Hebammeneide sind also der Ursprung der Professionalisierung der Geburtshilfe. Später werden sie vor Ärztekollegien abgelegt, denn seit dem 17. Jahrhundert steigen im Zuge des Fortschritts der Naturwissenschaften das Ansehen und der Einfluss der Ärzte in der Stadtgesellschaft rapide an. Immer mehr Landesherren erkennen, dass die Gesundheit ihrer Landeskinder und eine hohe Bevölkerungszahl für die Wirtschaft und die Landesverteidigung wichtig sind, und fördern den Beginn einer öffentlichen Gesundheitsfürsorge. Ärzte kontrollieren und überwachen die Hebammen zunächst und bilden sie später auch aus. Obwohl diese Entwicklung Konflikte und Nachteile mit sich bringt, hält die Medizinhistorikerin Nadine Metzger nichts davon, vormoderne Verhältnisse zu idealisieren. Ähnlich wie die historische medizinische Literatur enthalte das schriftlich überlieferte traditionelle Hebammenwissen auch Irrtümer wie beispielsweise Opiumgaben für Neugeborene, sagt sie. 11 O-TON NADINE METZGER: Man muss sich sehr davor hüten, das zu romantisieren. Das Bild der Hebamme als weise Frau mit besonderem Heilwissen, mittelalterlich verbrämt, das ist eine Figur, die sehr stark durch die Nazis gefördert wurde. ERZÄHLERIN: In der Stadt setzen sich die neuen Spielregeln viel schneller durch als auf dem Land, wo lange alles beim Alten bleibt. Zwar werden auch Landgemeinden spätestens seit 1800 dazu verpflichtet, angehende Hebammen zu medizinischen Kursen in die Stadt zu schicken, aber die Landfrauen akzeptieren die neumodischen Geburtshelferinnen oft nicht und schicken lieber nach den traditionellen, die sie schon kennen und die auch an den lebhaften Trubel gewöhnt sind, in dem das Gebären so stattzufinden pflegt. Cousinen, Tanten und Nachbarinnen bechern gemeinsam Wein und Bier, rauchen Tabak und überbieten sich gegenseitig mit Ratschlägen. ZITATOR: „Alle die anwesenden Frauen erzählen die Stellung, in welcher jede von ihnen ihre Kinder am leichtesten zur Welt gebracht hat, und nötigen die Gebärende, alle diese Stellungen nacheinander zu versuchen“, ERZÄHLERIN: … stellt ein Arzt aus Altona im Jahre 1763 irritiert fest. In einigen Stadtarchiven gibt es Akten über Prozesse, in denen sich eine Hebamme und ein Arzt wechselseitig der Ahnungslosigkeit und Praxisferne beziehungsweise der Kurpfuscherei beschuldigen. Karikaturen von beschwipsten Hebammen machen die Runde. 12 O-TON NADINE METZGER. Es ist oft in dieser Zeit für uns schwer zu trennen, was ist üble Nachrede und was ist ein realistisches Problem gewesen. Dieses Bild der alkoholisierten, unfähigen, schmutzigen Hebamme, das ist ein Bild, das sehr viel von ärztlichen Autoren beschworen wird. Im 18. Jahrhundert, im 19. Jahrhundert und auch noch im 20. Jahrhundert. MUSIK „Golden arrow“; ZEIT: 00:55 ERZÄHLERIN: Der moderne Arzt will Ruhe und Konzentration und einen zügigen Geburtsverlauf. Häufig greift er viel zu schnell zur Geburtszange, die es seit dem 17. Jahrhundert gibt und die die Hebammen nicht verwenden dürfen; Risikogeburten sind zum Vorrecht des Arztes geworden. Viele Frauen und Kinder überleben die Tortur einer Zangengeburt allerdings nicht. Auch die Gebärhäuser, die im 18. und 19. Jahrhundert entstehen, haben so erschreckend hohe Sterberaten, dass Kritiker sie als „Mördergruben“ bezeichnen. Und doch werden diese Häuser hauptsächlich deswegen gegründet, um die Ausbildung ärztlicher Geburtshelfer zu ermöglichen und die der Hebammen zu systematisieren. MUSIK ENDE 13 O-TON METZGER: Die Idee war die, dass arme Frauen, Frauen aus der Unterschicht mit unehelichem Kin…

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    Hier und Jetzt - Im Fokus der Achtsamkeit May 05, 2025
    Show notes

    Im Hier und Jetzt zu sein, klingt attraktiv, ist aber schwierig. Denn der Mensch macht gern Pläne und hängt an Vergangenem. Doch es kann hilfreich sein, den Fokus - zumindest ab und zu - auf die gegenwärtige, sinnliche Erfahrung zu lenken. Bestenfalls öffnet sich dann ein kleiner Freiraum ohne Zwänge und Not. Von Justina Schreiber (BR 2021)

    Credits
    Autorin dieser Folge: Justina Schreiber
    Regie: Martin Trauner
    Es sprach: Irina Wanka
    Technik: Regine Elber
    Redaktion: Susanne Poelchau

    Im Interview:
    Dr. Daniela Blickhan, Psychologin und Coach
    Dr. Michael Huppertz, Psychiater, Psychotherapeut und Achtsamkeitstrainer

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    Gelassenheit - Was ist das, wie geht das?
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    Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

    Ein Podcast-Tipp für alle, die gerne authentische Geschichten hören: „Ein Zimmer für uns allein“ – zwei Frauen, zwei Generationen und die Frage „Wie hast du das erlebt?“
    Hier trifft Paula Lochte immer zwei Frauen aus verschiedenen Generationen und sie sprechen offen und ehrlich über ein Thema, das sie verbindet. Was waren die Kämpfe damals, was sind sie heute? „Ein Zimmer für uns allein“ findet ihr in der ARD-Audiothek und überall, wo’s Podcasts gibt – oder gleich HIER

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

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    Das vollständige Manuskript gibt es HIER.


    Ein Zimmer für uns allein - Der Frauengeschichte-Podcast May 02, 2025
    Show notes

    Im Podcast "Ein Zimmer für uns allein" mit unserer Host Paula Lochte treffen zwei Frauen aus verschiedenen Generationen aufeinander und sprechen über ein Thema, das sie verbindet. Mit dabei: Meinungen und Perspektiven aus der Instagram-Community von FrauenGeschichte. Hört mal rein!

    Schönheitsideale, Verhütung, Finanzen, Care-Arbeit – alles Themen, die Frauen seit jeher betreffen, ob gewollt oder ungewollt. Im Podcast „Ein Zimmer für uns allein“ mit unserer Host Paula Lochte treffen zwei Frauen aus verschiedenen Generationen aufeinander und sprechen über ein Thema, das sie verbindet. Was waren ihre Struggles damals und heute? Was hat sich verändert, oder vielleicht sogar verbessert? Wo müssen feministische Kämpfe weitergeführt werden? Mit dabei: Meinungen und Perspektiven aus der Instagram-Community von FrauenGeschichte.

    Den Podcast findet ihr in der ARD-Audiothek und überall wo's Podcasts gibt: https://1.ard.de/EinZimmerfuerunsallein oder gleich hier

    Die Instagram-Community FrauenGeschichte findet ihr hier: https://www.instagram.com/frauen_geschichte/redits


    Nina Simone - Sängerin und Ikone der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung Apr 30, 2025
    Show notes

    Nina Simone war vielseitig, sie sang Jazz, Blues, Soul, auch wenn sie eigentlich klassische Konzertpianistin werden wollte. Für viele ist sie bis heute inspirierend, nicht nur wegen ihrer Musik, sondern auch wegen ihres Kampfes für die Gleichberechtigung der Schwarzen Menschen in den USA. Von Georg Gruber (BR 2023)

    Credits
    Autor dieser Folge: Georg Gruber
    Regie: Irene Schuck
    Es sprachen: Katja Bürkle, Xenia Tiling
    Technik: Christiane Gerhäuser-Kamp
    Redaktion: Nicole Ruchlak

    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

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    Billie Holiday - Sängerin und Jazz-Legende
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    Linktipp:

    Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks.
    EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte

    Literaturtipps:

    Nina Simone, Meine schwarze Seele. Erinnerungen, Hoffmann und Campe, 1993.

    Nina Simone, I Put a Spell On You: The Autobiography of Nina Simone, first Da Capo Press edition 1993.

    Alan Light, What happened, Miss Simone? A Biography. Inspired by the Oscar-nominated Netflix-Documentary, Canongate Books 2016.

    Ruth Feldstein, How It Feels to Be Free: Black Women Entertainers and the Civil Rights Movement, Oxford University Press 2013.

    Ruth Feldstein, "I Don't Trust You Anymore": Nina Simone, Culture, and Black Activism in the 1960s, The Journal of American History, Mar., 2005, Vol. 91, No. 4.

    Tammy L. Kernodle, I Wish I Knew How It Would Feel to Be Free: Nina Simone and the Redefining of the Freedom Song of the 1960s, Journal of the Society for American Music (2008) Volume 2, Number 3, pp. 295–317.

    Samalishah Tillet, Strange Sampling: Nina Simone and Her Hip-Hop Children, American Quarterly, March 2014, Vol. 66, No. 1, pp. 119-137.

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    Der Mensch ist ein Tänzer - Vom Glück der Bewegung Apr 29, 2025
    Show notes

    Tanzen ist etwas universal Menschliches. Es schafft Identität und Verbindung und kann als eine der ersten Kommunikationsformen bezeichnet werden. Die Hingabe an Rhythmus und vielleicht sogar Ekstase scheint einem Urbedürfnis zu entsprechen. Von Birgit Magiera (BR 2018)

    Credits
    Autorin dieser Folge: Birgit Magiera
    Regie: Susi Weichselbaumer
    Es sprachen: Johannes Hitzelberger, Beate Himmelstoß, Martin Fogt
    Technik: Birgit Vetter
    Redaktion: Iska Schreglmann

    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

    Interviewpartner/innen:
    Prof. Gabriele Klein, Kultur- und Tanzwissenschaften, Uni Hamburg;
    Dr. Katja Schneider, Tanz- und Theaterwiss. LMU München;
    Kilta Reinprechter, Tänzerin, Tanzpäd., Choreografin, Regensburg;
    Dr. Rainer Polak, Rhythmus/Tanzmusikforscher, MPG für empir. Ästhetik Frankfurt

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    Das Schwein - Verkanntes Borstentier Apr 29, 2025
    Show notes

    Wildschwein und Hausschwein ? Sie sehen verschieden aus und haben doch ähnliche Ansprüche an ihre Umgebung. Lange war das Schwein in Deutschland der beliebteste Lieferant für Fleisch. Ändert sich das gerade? Immer mehr Menschen hinterfragen die Lebensbedingungen des wandlungsfähigen Borstentiers. Von Christiane Seiler (BR 2024)

    Credits
    Autorin dieser Folge: Christiane Seiler
    Regie: Kirsten Böttcher
    Es sprachen: Katja Amberger, Stefan Wilkening, Silke von Walkhoff
    Technik: Andreas Lucke
    Redaktion: Bernhard Kastner

    Im Interview:
    Dr. Carl Gremse, Wildtierökologe
    Marianne Zenk, Stallmanagerin
    Dr. Sandra Düpjan, Verhaltensbiologin, fbn
    Dr. Liza Moscovice, Verhaltensbiologin, fbn

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    Auf Kuh-Fühlung - WirTier Steffi ist ein Bauernhofkind. Sie erlebt, dass zum Aufwachsen mit Kühen und Kälbern auch schmerzhafte Abschiede gehören. Bis sie mit dem Landleben Schluss macht. Doch ihre Kühe und ein Versprechen lassen sie nicht los... Host Julius wagt sich für WirTier mit Steffi hinter den Weidezaun. Aber nur mit Stahlkappenschuhen. HIER geht es zur Folge
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    Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

    Linktipps:

    Schweinehaltung in Deutschland auf der Webseite des Landwirtschaftsministeriums HIER

    Literatur:

    Rudolf Buntzel: Vom Hausschwein zum globalen Massenprodukt. Oekom Verlag 2022 (Geschichte der Schweineökonomier lokal und global)

    Thomas Macho, Judith Schalansky (Hg.): Schweine – Ein Portrait. Verlag Mathes und Seitz 2015 (kulturwissenschaftlicher Überblick mit Schweinerassen)

    Schweinekommunikation, wissenschaftlich: Classification of Pig Calls from Birth to Slaughter: https://www.nature.com/articles/s41598-022-07174-8

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    Runzelige Rinden und bunte Borken - Die Haut der Bäume Apr 25, 2025
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    Runzelig, schuppig oder glatt - die Borke verrät die Baumart!Sie schützt den Baum vor Hitze, Kälte und Fressfeinden, sie ernährt ihn mit Wasser und Nährstoffen und bietet Käfern und Vögeln einen Lebensraum. Künstler sind fasziniert von der Schönheit ihrer Struktur: Die Baumrinde ist mehr als die Haut der Bäume. Von Kirsten Zesewitz (BR 2023) CreditsAutorin dieser Folge: Kirsten ZesewitzRegie: Kirsten BöttcherEs sprachen: Susanne SchroederTechnik: Robin AuldRedaktion: Iska Schreglmann Im Interview:Norbert Wimmer, LWF; Birgitta Volz, Künstlerin; Martin Gebhardt, Survival-TrainerDiese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Der Nationalpark Bayerischer Wald - Alles Natur! JETZT ANHÖREN Wälder für eine wärmere Zukunft - Bäume im KlimatestJETZT ANHÖREN Totholz - Alte Bäume voller LebenJETZT ANHÖREN Wie Bäume sich verteidigen - Alles NaturJETZT ANHÖREN Die Fichte - Immergrün ohne Zukunft? JETZT ANHÖREN Der Stadtwald - Vom Energielieferanten zum ErholungsortJETZT ANHÖREN Der Specht - Höhlenbohrer unter den VögelnJETZT ANHÖREN Der Borkenkäfer - Der Schädling, der Trockenheit und Fichten liebtJETZT ANHÖREN Das Reh - Scheuer Waldbewohner im KreuzfeuerJETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO 1 WALD Musik 1: Boundless beauty – C1549590104 – 1:10 Min SPRECHERIN Tiefe Risse ziehen sich den Baumstamm empor, mächtige Furchen – Furchen, wie ein Canyon, ein Gebirge, ein tief gepflügter Acker. Eine Landschaft in der Vertikalen, denn die Furchen gehören zu einer alten Pappel. Ihre Borke ist ein Kunstwerk, sie zieht die Blicke auf sich. Vor allem im Winter: Es gibt nichts, was ablenkt. Im Frühling stehen die Knospen im Fokus, sie verheißen neues Leben, Wachstum. Im Sommer geht der Blick in die Baumkrone, zu den grünen, schattenspendenden Blättern – und im Herbst zu ihrem bunten Laub. Erst, wenn aller Schmuck gefallen ist, kommt die große Zeit der Borke. Sie weiß natürlich das ganze Jahr über mit Strukturen, Farben und Schattierungen zu überzeugen – es sieht nur kaum einer. Außer: Menschen, deren Augen geschult sind. Förster (wie Norbert Wimmer), zum Beispiel. OT 1 Norbert Wimmer Das ist hier von der Rinde her mein Lieblingsbaum: ein älterer Bergahorn, der wirklich so eine schöne, fantastisch variationenreiche, plattige Rindenstruktur ausgebildet hat. Die wird auch im Alter immer noch ästhetischer und mit vielen abplattenden Teilen... Da ist sehr vieles verborgen. Sie sehen, es sind ganz feine enge Ritzen und das sind natürlich super Verstecke für Spinnen und Käfer und Raupen... ATMO 3-4 Abknipsen Borke SPRECHERIN Norbert Wimmer puhlt ein Stück Rinde ab und zeigt auf die Wollreste an der Innenseite: Unter der Rinde des Ahorns war mal ein Spinnennest. Der Förster würde am liebsten sofort weitersuchen, denn hier, in den alten Bäumen unweit des oberfränkischen Klosters Banz gibt es unzählige Verstecke, Nester und Höhlen… Aber der Reihe nach: Vor Schönheit und Artenvielfalt gilt es zunächst zu klären: Was ist das eigentlich, die Borke? OT 2 Norbert Wimmer Die Borke ist diese abgestorbene Substanz rund um den Baum, die also überhaupt keine lebenden Zellen mehr hat und eigentlich nur noch als Schutz dient. Wenn das verletzt wird, gibt es Eintrittspforten für Pilze. Und das ist natürlich ein Problem für den Baum. Also im Grunde dient die Borke dazu, diesen Baum, diesen Stamm, aber auch sämtliche Äste usw. vor mechanischen Schäden zu schützen. ATMO Wald + Musik 2: Crystal palace i – C1572130101 – 58 Sek SPRECHERIN Bäume trotzen mit ihrer dicken Borke täglich dem Wetter: Regen, Sonne, Wind und Hagel – sie ist der Schutzwall und, ja, sowas wie die äußere Haut des Baumes. Nach innen schließt sich die wenige Millimeter dünne Bastschicht an – das Leitungsgewebe: Der Bast transportiert die für den Baum lebenswichtigen Zuckerlösungen durch den Stamm: Im Frühling von der Wurzel in die Krone, wo Energie für das Öffnen der Knospen gebraucht wird – im Sommer von der Krone in die Wurzel, wo die Produkte der Photosynthese gespeichert werden. Borke und Bast sind zusammen: die Rinde. Musik 3: Crystal palace xxii - C1572130122 – 38 Sek SPRECHERIN Unter dem Bast liegt das Kambium, die aktive, lebendige Wachstumsschicht des Baumes. Das Kambium bildet permanent neue Holzzellen nach innen und Bastzellen nach außen – auf diese Weise wird der Baum dicker, er wächst in die Breite. Nach innen folgen Splintholz, Kernholz und Mark im Zentrum des Baumstammes; fernab der Rinde und: gut geschützt. Mit zunehmendem Alter der Bäume werden die Schichten abgestorbener Zellen immer dicker und zerreißen zu Platten, Streifen oder tiefen Furchen – das typische Borkenmuster der Baumart entsteht. Es gibt ihr auch einen Charakter. OT 3 Norbert Wimmer Die Borke verändert sich sehr stark bei manchen Baumarten. Bei manchen Baumarten bleibt sie lange ähnlich, zum Beispiel bei der Rotbuche. Irgendwann so mit 150, 160 Jahren Alter kommt dann eben dieser Sprung, wo die Borke aufreißt. Beim Spitzahorn beginnt es viel eher und wird auch dann noch viel auffälliger. SPRECHERIN Die Borke verrät die Baumart. Also, fast. Denn manche Borken sind sich in bestimmten Lebensphasen so ähnlich, dass selbst ein Förster eine alte, tief gefurchte Linde kaum von einer Eiche unterscheiden kann. Jenseits von so unverwechselbaren Borken wie der schwarz-weiß gefärbten Birke, gibt es grobrissige Bäume wie die Douglasie, schuppenartige wie die Kiefer oder glatte wie die Hainbuche. MUSIK 4: Two by two – Z8042455103 – 1:03 Min SPRECHERIN Der französische Fotograf und Landschaftsarchitekt Cedric Pollet hat daraus eine eigene Kunst gemacht – und die halbe Welt bereist, um auf allen Kontinenten die wundersamsten Rinden zu fotografieren. Kunstwerke der Natur. Verrücktheiten. Farb- und Formexplosionen. Entstanden sind mehrere Ausstellungen und ein dicker Fotoband nur über: „Rinden“. Da wetteifern regenbogenfarbene Eukalyptusrinden mit leuchtend roten Erdbeerbäumen, die platten Schuppen französischer Platanen mit den adrett gekämmten Rillen englischer Edelkastanien. Archaisch mutet dagegen der Küstenmammutbaum an – ein wildes, tief gefaltetes Gebirge hölzerner Borkenstrukturen... ATMO 5 Gang in Keller (Treppe) + ATMO 6 SPRECHERIN (Anm.: Volz sprich: „Folz“) Mit solch tiefen Furchen kann Birgitta Volz allerdings wenig anfangen, auch trutzige Eichen sind ihr ein Graus. Die Künstlerin bestreicht die Stämme von Bäumen mit einer organischen Ölfarbe, drückt ein Vlies darauf und erhält so Abdrucke ihrer Borke. In teilweise meterhohen Dimensionen. Dafür steigt die 60-Jährige auch mal auf eine Leiter. Allerdings: Für ihre kunstvollen Rindendrucke braucht Birgitta Volz Bäume mit einer vergleichsweise glatten Rinde: Buchen, Linden oder Kastanien. OT 4 Birgitta Volz Wenn die Borke sehr expressiv ist, hat die ja oft sehr, sehr hohe Niveauunterschiede, und das druckt extrem schlecht. Das heißt, je schicker die Borke aussieht, desto schwieriger ist, die zu drucken. Und es kommen oft vollkommen andere Sachen raus. Also eigentlich ist es vollkommen unvorhersehbar, was da passiert und für mich reine Magie. ATMO 7 Schubladen öffnen, kramen in Drucken SPRECHERIN Im Keller des elterlichen Hauses in Nürnberg ist ihr Depot: Hier lagern Rindendrucke aus 30 Jahren künstlerischen Schaffens. Birgitta Volz zieht eine Schublade nach der anderen heraus: ATMO 7 kurz hoch Schubladen öffnen, kramen in Drucken SPRECHERIN Die Drucke lagern in speziellen Schränken, einige hängen über Verstrebungen an der Decke, wieder andere stehen in meterhohen Rollen in der Ecke des Kellers. OT 6 (ATMO-OT FREI STEHEND - mit ATMO vorne dran) Hier ist zum Beispiel Holzwurmfraß, da sieht man was für schöne Strukturen die machen… ATMO 7 Schubladen öffnen, kramen in Drucken SPRECHERIN Birgitta Volz hat ein Jahr lang an den Bäumen im alten Hainpark der Stadt Bamberg gearbeitet, ihre Rindenmuster in Drucken verewigt. Eine Ausstellung ist daraus entstanden: „Lineamenta arborum – Die Gesichtszüge der Bäume.“ OT 8 Birgitta Volz Die Birke macht oft sehr schöne dekorative Schwarz-Weiß-Muster. Und die Kirschen, die machen fast Musik. Die haben diese wunderbaren Linien und Punkte. Das ist wirklich wie so ein Rhythmus, wie eine Komposition. Buchen haben sehr gegenständlichen Ausdruck und auch sehr viel Schnitzereien drinnen. Fichten sind unwahrscheinlich kleinteilig, die haben lauter Punkte. Da kann man dann so einen richtigen Impressionismus draus machen… Musik 5: Across the aisle – Z8042455104 – 31 Sek SPRECHERIN Viele der Muster haben etwas Grafisches, es sind Wellenbewegungen, Dreiecksformen, Trapeze… Bei längerem Hinschauen werden jedoch auch Figuren sichtbar: Gesichter, Körper, mythische Gestalten. Eine alte Salweide im Alpenvorland hat es Birgitta Volz besonders angetan, ihre Rinde hat die Künstlerin schon mehrmals gedruckt… OT 9 Birgitta Volz Ich zeige Ihnen mal die schönen Hexen, die sind auch von meiner Salweide. Das Bild ist 1,20 Meter. Und es ist genauso von der Rinde gekommen, wie es hier ist. Hier haben wir mehrere Hexen drauf. Also hier ist nun eine schöne junge mit wehenden Haaren. Da ist eine, die ist richtig unheimlich, die ist fast wie so ein Zombie-Schädel. Und wenn man länger schaut, findet man überall noch kleinere Gesichter drauf. Ich bin immer wieder fassungslos, wenn das ohne mein Zutun von der Rinde kommt. ATMO 8 rascheln (kurz) und ATMO 7 (Schubladen) SPRECHERIN Birgitta Volz legt die Blätter vorsichtig in ihre Mappen zurück, zu den anderen mythischen Gestalten in ihrem Archiv. Die Künstlerin glaubt, dass Bäume ein Gedächtnis haben. Sie können mehrere hundert Jahre alt werden – und während dieser langen Lebenszeit sind sie Zeugen unzähliger historischer Ereignisse oder lokaler Begebenheiten… OT 10 Birgitta Volz Ich bin mittlerweile nach 30 Jahren Arbeit in dem Bereich davon überzeugt, dass unsere Umgebung wie eine Speicherkarte funktioniert. Nicht nur Bäume, sondern auch Steine oder sogar alte Mauern, die von Menschen gemacht wurden – die gesamte Umgebung kann ein Speicher der Ereignisse oder des kulturellen Gedächtnisses sein. MUSIK 6: Crystal palace i – siehe vorn – 19 Sek SPRECHERIN Gedächtnis, Haut oder gar Gesicht des Baumes: Botanisch gesehen, ist die Borke zuallererst ein Schutz. Was (passiert) aber, wenn diese trutzige, robuste Schutzschicht verletzt wird? ATMO Wald SPRECHERIN Zurück in den Wald nahe des oberfränkischen Klosters Banz und zu Norbert Wimmer. Der Förster hat eine Lärche entdeckt, die bei Holzarbeiten einige Blessuren davongetragen hat. Eine große Wunde klafft in ihrer Rinde – dort, wo der gefällte Nachbarbaum sie wohl gestreift haben könnte. OT 11 Norbert Wimmer Schmerzen im menschlichen Sinne haben Bäume nicht, da sie einfach neurologisch überhaupt nicht dazu ausgestattet sind. Dem Baum tut es nicht weh. Aber es bringt ihm Nachteile, eben, dass zum Beispiel Pilze eintreten können, weil Pilze warten nur darauf, an dieses Holz, an diesen irrsinnigen Energiespeicher, der da über Jahrzehnte aufgebaut wurde, ranzukommen, dort ihr Myzel reinwachsen zu lassen und diese Sonnenenergie - gebunden in Holz – für sich zu nutzen. ATMO Wald SPRECHERIN Es gibt nur einen Ausweg: der Baum muss die Wunde so schnell wie möglich schließen. Und das tut er mit Hilfe seines Kambiums, der Wachstumsschicht. Das Kambium bildet neue Holzzellen, die sich von außen nach innen über die Wunde schieben. Wie ein Wulst. Jeder hat wohl schon einmal eingewachsene Wanderschilder oder Nägel gesehen – Ergebnisse der baumeigenen Hautheilung. Der Heilungsprozess dauert oft Jahre oder Jahrzehnte und manchmal schafft es der Baum auch gar nicht – entweder, weil die Wunde zu groß ist oder: weil sie immer wieder aufgerissen wird… ATMO knisternde Schritte SPRECHERIN Norbert Wimmer stapft zu einer alten Buche und schaut durch sein Fernglas nach oben. In gut 15 Metern Höhe sind zwei große Höhleneingänge im Stamm. OT 12 Norbert Wimmer Die hat der Schwarzspecht gebaut und hat sie auch jahrelang als Nisthöhle benutzt. Dann ist die Hohltaube eingezogen... Jetzt ist es aber so, wie Sie sehen, sind diese Höhlen in einer vitalen Rotbuche. Das heißt, jedes Jahr wird ein neuer Jahrring gebildet und unmerklich wird dieser Baum dicker. Würde niemand was da oben machen, (an diesen zwei Höhleneingängen) würden die in 20 Jahren komplett zuwachsen. Jetzt kommt aber der Schwarzspecht jedes Jahr mal vorbei und erweitert diese Höhleneingänge wieder. Manche Höhlen nutzt er tatsächlich nicht mehr, die überwallen dann. Und das ist die Stunde zum Beispiel für Fledermäuse! Oder für seltene Käferarten wie den Eremiten, der in solchen riesigen Höhlen lebt. Deswegen ist es oft so, dass in scheinbar gesunden Bäumen (durch dieses Überwallen) riesige Höhlen sich im Innern befinden, von denen wir gar nichts ahnen. ATMO Wald ATMO knisternde Schritte/ Schritte auf Laub SPRECHERIN (Man merkt,) Norbert Wimmer ist kein Förster, der Stammlängen vermisst und die Holzpreise auswendig kennt: Der dunkelhaarige Mann in T-Shirt und Stoffhose ist an der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft für den Naturschutz zuständig. Ein Fernglas baumelt um seinen Hals. ATMO Wald, knisternde Schritte SPRECHERIN Hier, im ehemaligen Klosterwald der Zisterzienser gibt es noch viele alte Bäume – und Strukturen, die ganz verschiedenen Tier- und Pflanzenarten einen Lebensraum bieten. Es sind tatsächlich die rissigen, löchrigen, unperfekten Bäume, unter deren Rinde das Leben tobt. OT 13.2 Norbert Wimmer Je grobborkiger, desto mehr! Desto mehr Möglichkeiten bieten sie für verschiedene Bewohner. Musik 7: Across the aisle – siehe vorn – 37 Sek SPRECHERIN Unzählige Käfer, Wanzen, Spinnen und Fledermäuse leben unter der Borke, vom menschlichen Auge unbemerkt, in winzigen Ritzen, Spalten und Löchern. Laut Bund Naturschutz sind rund ein Viertel aller in Deutschland vorkommenden Käferarten auf diesen Lebensraum angewiesen. Hinzu kommen hunderte Pilze, Moose und Flechten, die vor allem ältere Borken besiedeln und so weitere Biotope für Spring-schwänze, Moostiere und mikroskopisch kleine Würmchen schaffen. OT 14 Norbert Wimmer An einer alten 300-jährigen Eiche, da ist eigentlich immer irgendwas zu beobachten. Da kommt zum Beispiel der Mittelspecht vorbei. Dann kommt vielleicht auch in so Uraltbäumen eine Nymphenfledermaus, die wirklich so klein ist, dass sie in so eine Rindenritze passt… ATMO Wald + Musik 8: Crystal palace xxii – siehe vorn – 53 Sek SPRECHERIN Jeder Waldbesitzer, der in den letzten Jahren mitansehen musste, wie seine Fichten (durch Schädlingsbefall) starben, wird an dieser Stelle einen Bewohner der Baumrinde vermissen: den Borkenkäfer. Gehasst und bekämpft – aber im Grunde genommen auch nur: ein Insekt, das sich von Rinde ernährt. Der Borkenkäfer bohrt sich vor allem in Fichten ein und legt unter der Rinde sein sehr beeindruckendes System von Fraß- und Geburtsgängen an. Das Problem: Er zerstört den Bast, die lebenswichtige Leitungsbahn, in der die Nährstoffe zwischen Wurzel und Krone transportiert werden. Der Baum stirbt. Norbert Wimmer möchte lieber über einen anderen Rindenfresser sprechen: den Biber. OT 15 Norbert Wimmer Viele glauben, der Biber frisst Holz, nein, er frisst tatsächlich die Rinde. Also nicht diese Borke, sondern dieses Bastgewebe, das sehr zellulosehaltig ist, das leichter verdaulich ist wie Holz. Und das auch nur als Winternahrung. Letztendlich gibt es nur ganz wenige Organismen, die Holz verdauen können. Das sind Pilze, und das sind wirklich nur ganz wenige Käfer, die entsprechende Zellulasen im Darm haben. Und erst wenn dieses Holz mal vorverdaut ist, dann können andere Insekten die Pilzkörper besiedeln. Aber Holz zu zersetzen ist eine ganz andere Nummer als diese zellulosehaltige Bastschicht zu verdauen. MUSIK 9: long forgotten future – Z8018372104 – 23 Sek ATMO Wald_5 (Wuhlheide) SPRECHERIN Von Oberfranken nach…

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