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    Latest Episodes:
    Urzeitkrebse - Überlebenskünstler mit Fangemeinde May 14, 2025
    Show notes

    Urzeitkrebse gab es schon auf der Welt, als Dinosaurier über unsere Erde stapften. Anders als die Urzeitechsen sind die Krebse aber nicht ausgestorben. Von Maike Brzoska (BR 2024) CreditsAutorin dieser Folge: Maike BrzoskaRegie: Christiane KlenzEs sprachen: Xenia Tiling, Christopher MannTechnik: Andreas LuckeRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Hannes Petrischak, Geschäftsführer Heinz-Sielmann-Stiftung; Ralph Schill, Zoologe und Professor am Institut für Biomaterialien und biomolekulare Systeme an der Universität Stuttgart; Roland Eichhorn, Leiter des Geologischen Dienstes in Bayern Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Lebende Fossilien - Von der Evolution vergessenFossilien, die stummen Zeitzeugen - Alles Natur!Kleine Wesen, große Wanderer - Alles Natur Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: WirTier - WespenschwärmereiErik wird gerufen, um sie zu töten. Doch dann passiert dieser eine Moment, in dem der Schädlingsbekämpfer zum ersten Mal spürt, dass Wespen soziale Wesen sind. Bei WirTier erzählt Erik von seiner lebensverändernden Begegnung uns stellt Host Vici vor eine Herausforderung, bei der es für die Wespen um alles geht.JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Mit dem Auto unterwegs in der Döberitzer Heide, einem Naturschutzgebiet im Havelland westlich von Berlin. O-TON (Petrischak) Jetzt kann ich hier das Tor aufschließen. Wir sind jetzt also am Zaun um die Kernzone und ich hoffe, dass wir an den Stellen, wo ich es vermute, noch Reste von Wasser finden. Und wenn wir Glück haben, sehen wir die. SPRECHERIN Hannes Petrischak ist Leiter des Geschäftsbereichs Naturschutz der Heinz-Sielmann-Stiftung, die dieses Gebiet unterhält. Er öffnet ein großes, mit Elektrozäunen gesichertes Gatter und weiter geht’s in die sogenannte Kernzone. ATMO Autofahrt MUSIK 2 Chris Gilcher / Michi Koerner: Vibration Sphere 0‘35 SPRECHERIN Früher war das Gelände militärisches Sperrgebiet, deshalb ist die Kernzone auch nicht öffentlich zugänglich – Reste von Munition könnten im Boden lagern. Heute ist die Kernzone das Zuhause vieler seltener Tiere. Wisente und Przewalski-Pferde leben hier, genau wie der Wiedehopf, ein Vogel mit lustig abstehenden Federn am Kopf. Aber Petrischak ist auf der Suche nach einem anderen Tier – eins, das viele Fans hat und Forschenden immer noch Rätsel aufgibt. ATMO Autotür SPRECHERIN Eine große Pfütze am Wegesrand, mit schlammigem hellbraunem Wasser – ein gutes Zeichen. 04 O-TON (Petrischak) Also wenn das Wasser sehr trüb ist, ist das eigentlich immer ein gutes Zeichen, weil die viel wühlen im Wasser, die wühlen am Grund den Schlamm auf und dann werden die Pfützen trüb. ATMO Wasserplätschern SPRECHERIN Mit einem kleinen Kescher fischt Petrischak vorsichtig durchs Wasser – mit Erfolg. Im Netz windet sich ein sogenannter Urzeitkrebs. Zwei Arten dieser besonderen Krebsart kommen in der Döberitzer Heide vor. 06 O-TON (Petrischak) Das ist jetzt die kleine Art, die hier drinnen ist, der Sommer-Feenkrebs, Branchipus schaefferi. SPRECHERIN Der längliche Feenkrebs ist nur etwa zwei Zentimeter groß. Außerdem zartrosafarben, fast schon durchsichtig. Dadurch wirkt er tatsächlich feengleich. Auffallend sind seine dunklen runden Augen – und eine leuchtend blaue Stelle am Unterkörper. 07 O-TON (Petrischak) Bei dem ist es so, dass die Weibchen diese hübschen blauen Brutsäcke haben, und die Männchen haben immerhin noch so eine rote Schwanzgabel. SPRECHERIN Petrischak entlässt den Feenkrebs wieder in die Pfütze. Sofort zieht das zierliche Wesen wieder seine Bahnen durch das Wasser. ATMO Wasserplätschern Der Naturschützer keschert weiter. Er sucht nach einem Exemplar der anderen Urzeitkrebs-Art. 08 O-TON (Petrischak) Oft sind beide Arten zusammen drin, aber nicht immer. Aber wir haben Glück! SPRECHERIN Im Netz ist dieses Mal ein sogenannter Triops. Das bedeutet so viel wie: der Dreiäugige – und tatsächlich sieht es so aus, als hätte er drei Augen. Außerdem ist der Triops bräunlich und im Vergleich zum Feenkrebs um einiges größer und robuster. 09 O-TON (Petrischak) Der hat so einen Rückenschild, der schützt ihn von oben gegen Fressfeinde, damit kann er sich auch flach auf den Boden legen, ohne dass er groß bemerkt wird. Und er kann dann den Boden aufstrudeln, die haben nämlich bis zu 70 Beinpaare am Bauch, und mit diesen Beinen können sie sowohl den Boden aufstrudeln als auch an der Basis der Beine die Nahrung gleich schon zermalmen und dem Mund zuführen, das ist wie so eine Nahrungsrinne. MUSIK 3 Maxi Menot: Breeze Over Grasslands 0‘41 SPRECHERIN Urzeitkrebse fressen Pflanzenreste, zum Beispiel Algen, die typischerweise in Pfützen vorkommen. Die größeren Exemplare jagen aber auch mal kleine Tierchen wie Würmer oder Kaulquappen. Also eigentlich alles, was in Pfützen oder Tümpeln finden kann. Forschende sprechen übrigens von temporären Gewässern, weil Pfützen und Tümpel immer wieder austrocknen. Für Urzeitkrebse bieten sie ideale Bedingungen, vor allem weil keine Fische drin sind. 10 O-TON (Petrischak) Also wenn jetzt Fische da wären, die würden die natürlich gleich fressen, das wäre ideales Fischfutter hier. Und natürlich auch die Wärme, wenn das Gewässer nicht tief ist und die Sonne häufig draufscheinen kann, dann bedeutet das, dass das Wasser sich schnell erwärmen kann. Und der Vorteil für die Urzeitkrebse ist, dass sie sich dann eben sehr schnell entwickeln können. Die Wärme beschleunigt ja die Entwicklung, und die müssen ja, bevor die Pfützen austrocknen, mit ihrer Entwicklung durch sein, damit sie wieder Eier am Boden ablegen können. SPRECHERIN Mithilfe ihrer Eier können sich Urzeitkrebse auch räumlich ausbreiten. Zum Beispiel wenn sich Wildschweine oder Wisente zur Abkühlung in der Pfütze suhlen. Dann bleiben Eier im Fell hängen bleiben. Auf diese Weise gelangen sie zur nächsten Wasserstelle. 11 O-TON (Petrischak) Oder das kann an Füßen oder im Gefieder von Vögeln sein, dass diese Eier von Gewässer zu Gewässer getragen werden. Und dann breiten die sich aus. SPRECHERIN Sogar der Wind kann die winzigen Eier verwehen. Aber trotz der vielen Verbreitungswege gibt es heute kaum noch Urzeitkrebse. Sie sind vielerorts vom Aussterben bedroht – oder sogar schon verschwunden. Das liegt vor allem daran, dass es immer weniger temporäre Wasserstellen wie Pfützen oder Tümpel gibt. Denn der Mensch ist kein Freund von Vertiefungen im Boden, wo sich Wasser sammelt. Die Unebenheiten werden zugeschüttet, um Straßen zu asphaltieren, Felder zu bestellen oder Häuser zu bauen. Auch Auenlandschaften, wo das Wasser regelmäßig über die Ufer tritt und feuchte Wiesen hinterlässt, gibt es heute kaum noch. MUSIK 4 Chris Gilcher / Michi Koerner: Vibration Sphere 1‘20 Dass es in der Döberitzer Heide noch vergleichsweise viele Urzeitkrebse gibt, liegt daran, dass die Kernzone jahrhundertelang militärisches Sperrgebiet war. Panzer fuhren regelmäßig über das Gelände, Truppen marschierten auf – ansonsten ließ man die Natur im Großen und Ganzen wie sie war. Seit 1997 ist das Gelände Naturschutzgebiet. Soldaten gibt es in der Döberitzer Heide heute also keine mehr – Panzer fahren aber trotzdem noch durch die Kernzone, und zwar im Auftrag der Heinz-Sielmann-Stiftung. Denn die schweren Panzer verfestigen den Boden und verhindern, dass das Gelände mit Sträuchern überwuchert. Auf diese Weise bleiben die Vertiefungen, wo nach Regenfällen Pfützen entstehen, erhalten. Petrischak schmunzelt, als er das erzählt. Kriegsgerät im Einsatz für den Naturschutz – er weiß, wie schräg das klingt. Aber es funktioniert. In der Döberitzer Heide sind bis heute Urzeitkrebse erhalten, im Gegensatz zu den meisten anderen Orten, wo Urzeitkrebse ausgestorben sind. 12 O-TON (Petrischak) Für Zoologen ist es etwas ganz Großartiges, und es gibt viele, die das aus dem Studium nur noch als Präparat kennen. SPRECHERIN Urzeitkrebse – der Name sagt es schon – gibt es schon sehr lange. Das weiß man, weil man entsprechende Fossilien, also Versteinerungen der Tiere, entdeckt hat, sagt der Zoologe Ralph Schill. Er ist Professor an der Universität Stuttgart. MUSIK 5 Mathieu David Gagnon: Point d’ancrage 0‘32 13 O-TON (Schill) Von einigen dieser sogenannten Urzeitkrebse hat man sehr schöne Versteinerungen gefunden. Und dann kann man ganz genau vergleichen; wie sehen die Tiere heute aus – mit den Versteinerungen. SPRECHERIN Forschende gehen davon aus, dass es Urzeitkrebse seit mehr als 200 Millionen Jahren auf diesem Planeten gibt. Äußerlich haben sie sich während dieser langen Zeit kaum verändert. Deshalb sprechen manche auch von „lebenden Fossilien“. Wobei der Begriff genau genommen eigentlich keinen Sinn macht. 14 O-TON (Schill) Lebende Fossilien gibt es in diesem wortwörtlichen Sinne natürlich nicht, aber umgangssprachlich wird das verwendet, um sozusagen klarzumachen, diese Tiere und Pflanzen haben sich über lange, lange Zeiträume hinweg nur minimal verändert und sind manchmal auch die einzigen verbliebenen Vertreter in dieser evolutionären Linie. SPRECHERIN Die kleinen Krebse wühlten also schon Pfützen auf, als andere Urzeitwesen, wie die Dinosaurier, die Erde bevölkerten. Das ist es auch, was viele Menschen an diesen kleinen Wesen so fasziniert. 15 O-TON (Schill) So haben wir letztendlich dann ein Fenster in die Vergangenheit und können uns auch ein bisschen vorstellen, wie die Tiere damals vielleicht gelebt haben. SPRECHERIN Denn vor 200 Millionen Jahren, im sogenannten Erdmittelalter, sah unsere Erde noch ganz anders aus. 16 O-TON (Schill) Es war generell wärmer und man kann sich das Ganze vorstellen, dass wir große, ausgedehnte, flache Meeresbuchten hatten mit einer ganz reichhaltigen Lebenswelt unter Wasser. Und an Land hatten wir wahrscheinlich ausgedehnte Wälder aus Farnen und Schachtelhalmen. Und dazwischen eben die Dinosaurier, die die Landschaft durchstreiften. MUSIK 6 Daniel Backes / Peter Moslener: Easy Plucker 0‘30 SPRECHERIN Die Dinosaurier hinterließen riesige Fußspuren, wenn sie über den Boden stapften. Fiel dann Regen oder wurde der Boden zeitweise überschwemmt, entstanden zahlreiche Pfützen – beste Bedingungen für Urzeitkrebse. Heute funktioniert das im Prinzip noch genauso: Es entsteht eine temporäre Wasserstelle, und wenn es an dieser Stelle Urzeitkrebs-Eier im Boden gibt, schlüpfen in Rekordzeit kleine Larven. 17 O-TON (Schill) Dann können wirklich innerhalb von 24 Stunden kleine Urzeitkrebse wieder schlüpfen. Und die beeilen sich dann ganz schnell und wachsen heran, pflanzen sich fort, weil sie letztendlich auch wieder nur eine ganz bestimmte Zeit zur Verfügung haben, bis ihr Lebensraum, wie bei den elterlichen Tieren, dann auch wieder austrocknet. SPRECHERIN Gibt es nur noch wenig Wasser in der Pfütze, ist es an der Zeit, die befruchteten Eier abzulegen. Den richtigen Zeitpunkt dafür erkennt der Triops übrigens mithilfe des dritten Auges – das eigentlich kein Auge ist. 18 O-TON (Schill) Dieses dritte Auge hat keine Sehfunktion. Es dient vielmehr der Regulation von Körperflüssigkeiten, das heißt in diesen Gewässern verändert sich letztendlich immer der Salzgehalt durch Niederschlag und Verdunstung. Und wenn wir so eine Veränderung haben, dann müssen die Triopse sich relativ schnell auf diese veränderten Salzgehalte einstellen. Und dieses sogenannte dritte Auge spielt dabei eine entscheidende Rolle, indem es den Salzgehalt in diesen temporären Gewässern überwacht. MUSIK 7 Mathieu David Gagnon: Point d’ancrage 0‘47 SPRECHERIN Verdunstet das Wasser, steigt der Salzgehalt in der Pfütze – für den Triops das Zeichen, dass sein Lebensraum bald verschwindet. Die abgelegten Eier sichern dann die Nachkommenschaft. Bis die nächste Generation schlüpft, kann allerdings sehr viel Zeit vergehen. Denn die Eier von Urzeitkrebsen sind in dieser Hinsicht etwas ganz Besonderes. 19 O-TON (Schill) Die legen Eier, die dann auch ganz allmählich mit ihrem Lebensraum austrocknen können. SPRECHERIN Normalerweise stirbt ein Lebewesen, wenn es austrocknet. Nicht so die Urzeitkrebs-Eier. 20 O-TON (Schill) Bevor diese Eier vollständig ausgetrocknet sind, erfolgen im Inneren einige Zellteilungen bis zu einer bestimmten Anzahl an Zellen. Und dann gehen diese Zellen in einen Zustand der Anhydrobiose über. Das ist ein Zustand, in dem es keine offensichtlichen Lebenszeichen mehr gibt, in dem die Zellen letztendlich dann auch eingetrocknet sind. Und in diesem getrockneten Zustand können sie über lange Zeiträume hinweg unbeschadet überdauern. Das können viele Monate sein, das können Jahre oder sogar Jahrzehnte sein. SPRECHERIN Man spricht deshalb auch von Dauereiern. Was genau in den Eiern passiert, wie sie trotz Austrocknung überleben, ist für Forschende ein Rätsel. Ralph Schill und sein Team arbeiten daran, dieses Rätsel zu lösen. 21 O-TON (Schill) Wir sind interessiert daran, wie schaffen es diese Zellen trotz Eintrocknen letztendlich lebendig zu bleiben? Und da gibt es sicherlich noch sehr, sehr viel Forschungsbedarf und wir kratzen da momentan mit unserem Wissen wirklich erst an der an der Oberfläche. Aber wenn wir das verstehen, dann hätten wir sicherlich sozusagen ein besseres Verständnis über so grundlegende Erkenntnisse über das Leben und was ist Leben letztendlich? SPRECHERIN Dieses Wissen könnte für uns Menschen noch sehr nützlich werden, zum Beispiel bei Gewebe- oder Organ-Transplantationen. 22 O-TON (Schill) Man kann sich durchaus vorstellen, dass wenn man weiß, wie diese Tiere es schaffen, ihre Zellen einzutrocknen, sodass sie nicht geschädigt werden, dass man dieses Wissen in den medizinischen Bereich überführen kann. Das heißt, wenn es möglich ist, zum Beispiel mehr Zeit zu gewinnen zwischen Entnahme von einem Organ bis zur Transplantation von einem Organ, dann hätte man letztendlich sehr, sehr viel gewonnen. MUSIK 8 Jens Buchert: Open Senses 0‘40 SPRECHERIN Die äußerst widerstandsfähigen Dauereier der Urzeitkrebse sind vermutlich auch ein Grund dafür, dass einige Urzeitkrebs-Arten nicht ausgestorben sind, anders als etwa die Dinosaurier. Urzeitkrebse sind Überlebenskünstler der Evolution. Sie haben es geschafft, sich immer wieder an die unterschiedlichsten Bedingungen der verschiedenen Zeitalter anzupassen. Zumindest bis wir Menschen begannen, die Welt zu verändern und Erdlöcher im großen Stil zuzuschütten. 23 O-TON (Schill) Und diese Zerstörung von solchen Lebensräumen, die hat letztendlich dann auch zu einer starken Dezimierung von diesen Urzeitkrebs-Populationen geführt. SPRECHERIN Insgesamt zwölf Urzeitkrebsarten gibt beziehungsweise gab es in Deutschland. Allesamt sind sie entweder stark gefährdet oder bereits ausgestorben. 24 O-TON (Schill) Zwei von diesen zwölf Arten gelten bereits als ausgestorben oder verschollen. Man hat sie also in den letzten Jahren nicht wiedergefunden. Fünf sind akut vom Aussterben bedroht und die verbleibenden fünf sind zumindest als sehr stark gefährdet eingestuft. Das bedeutet letztendlich, dass sämtliche in Deutschland lebende Urzeitkrebsarten entweder gefährdet oder bereits ausgestorben sind. SPRECHERIN In Bayern gibt es noch einige Orte, wo man – mit sehr viel Glück – Urzeitkrebse finden kann. Zum Beispiel im unterfränkischen Steigerwald. Wo genau, will Roland Eichhorn nicht verraten. Er ist Leiter des Geologischen Dienstes in Bayern. 25 O-TON (Eichhorn) Sie sind eben selten und deswegen wollen wir es dabei belassen, dass es sie in Bayern gibt, dass sie sich auch wohlfühlen. Aber man muss es nicht genauer sagen. Also auf jeden Fall im Steigerwald. Es gibt aber auch noch andere Orte in Bayern, wo man sie finden könnte. MUSIK 9 Simon Bohrer: Löwenzahn 0‘40 SPRECHERIN Tatsächlich war es auch im Steigerwald, wo man zum allerersten Mal fossile, also versteinerte Triopse entdeckt hat. Ein Geologie-Student namens Ferdinand Trusheim fand sie in e…

    Full show notes at the publisher

    Italienische Saisonarbeit in Bayern - Transalpini im 19. Jahrhundert May 13, 2025
    Show notes

    Bittere Armut trieb die Menschen in Norditalien dazu, sich in den Sommermonaten auf bayerischen Baustellen und Ziegeleien zu verdingen. Der Bauboom des späten 19. Jahrhunderts ist auch ihr Verdienst. Von Julia Devlin CreditsAutorin dieser Folge: Julia DevlinRegie: Christiane KlenzEs sprachen: Thomas Birnstiel, Caroline Ebner, Sebastian FischerTechnik: Robin AuldRedaktion: Thomas Morawetz Im Interview:Lambert Grasmann, ehem. Direktor des Heimatmuseums VilsbiburgUnd noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:Mutter haben - Eine Familiengeschichte im Schatten der deutschen Teilung von Ruth Johanna Benrath in 2 EpisodenJETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATOR Pietro Menis Meinen Einstand, meine erste Erfahrung in Deutschland erlebte ich zu Beginn des Jahrhunderts in der Ziegelei von Marktoberdorf in Bayern. Ich war noch keine elf Jahre alt und hatte nie zuvor einen Zug bestiegen, noch die Welt jenseits der Berge von Gemona gesehen. Dreißig Stunden dauerte die Fahrt in drei verschiedenen Zügen: einer bis zur Grenze bei Pontebba, ein zweiter durch Österreich bis Kufstein und ein dritter durch Ebenen, dichte Wälder und geschäftige Städte des fetten Bayern. Wie groß war doch die Welt! SPRECHERIN So beschrieb der Schriftsteller Pietro Menis, wie er im Jahr 1903 das erste Mal nach Bayern kam, um als "Mui", als Wegtrager in einer Ziegelei zu arbeiten. Er war zehn Jahre alt, und ihn quälte das Heimweh. ATMO Dampfzug ZITATOR Pietro Menis 'Gleich sind wir da, "mui", packt eure Sachen.' Durch das beschlagene Fenster sah ich dichtes Schneetreiben. Kurz danach hielt der Zug unter einem kleinen Dach, unter das der Sturm den Schnee trieb. Ich zitterte vor Kälte und Angst. 'Um diese Zeit macht deine Mutter die Polenta!' sagte einer. Ich begann zu weinen; sie hatten ihr Ziel erreicht und lachten mit unmenschlichem Vergnügen. Ich erinnere mich, daß 'die Großen', die 'eisenharten' Ziegler, auch später, in den folgenden Jahren, ihren Sadismus auslebten, indem sie den Jüngsten ihre heiligste Zuneigung in Erinnerung riefen - die geliebten Gesichter in der Ferne. SPRECHERIN Pietro war einer von tausenden Italienern, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert ihre ländlich geprägte Heimat in Norditalien verließen, um sich während der Sommersaison im Ausland zu verdingen. ZITATOR Pietro Menis Die 'Arbeit', die Ziegelei, befand sich in einem kleinen Tal zwischen einem Hügel, der rechts anstieg, und einem Fluß, der links hinunterfloß. 'Beim Morgengrauen geht's los. An die Mutterbrust könnt ihr euch im Herbst wieder werfen...' MUSIK 2 Gerd Baumann & Gregor Hübner: In dead silence 1‘00 SPRECHERIN Es war die bittere Not, die die Menschen dazu zwang. Schon immer war es in den kargen Alpentälern schwer gewesen, sich ein Auskommen zu verschaffen, und Saisonwanderung, besonders von spezialisierten Handwerkern wie Terrazzolegern und Schmieden, aber auch von Krämern, hatte jahrhundertealte Tradition. Dann geriet die italienische Landwirtschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in eine Krise, da billige Agrarprodukte aus Russland und den USA auf den Markt kamen. Dies traf besonders die norditalienische Region Friaul schwer. Gleichzeitig wuchs die Bevölkerung stark an, vor allem, weil die Kindersterblichkeit erheblich zurückging. Die Menschen verarmten, denn es gab nicht genug Arbeitsplätze in der Nähe. Nun waren es nicht mehr nur die spezialisierten Handwerker, die saisonal nach Arbeit suchten, sondern vor allem ungelernte Kräfte. ATMO Baulärm SPRECHER Anders nördlich der Alpen. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts nahm die Industrialisierung im Deutschen Kaiserreich Fahrt auf, die Städte wuchsen, das Eisenbahnnetz verdichtete sich. Es gab immer mehr Arbeit, und immer mehr Baustellen. Gleichzeitig wurde es auch immer schwieriger, in den Sommermonaten genügend Arbeitskräfte für die Saisonarbeit zu finden. Mit Einheimischen war das nicht mehr zu stemmen - zumal am Ende des 19. Jahrhunderts eine Auswanderungswelle knapp zwei Millionen Deutsche nach Übersee geführt hatte. Da lag es nahe, ausländische Arbeitskräfte anzustellen. Sie waren bereit, die harte Arbeit zu leisten, die bei den Einheimischen nicht beliebt war. MUSIK 3 Gerd Baumann: Sieben Leben 0‘56 SPRECHERIN Auch Bayern boomte. Hier fanden vor allem Arbeitskräfte aus Italien Arbeit. Weil sie von jenseits der Alpen kamen, wurden sie "transalpini" genannt. Sie fanden - wie Pietro Menis - vor allem in den zahlreichen Ziegeleien Arbeit. Wo immer sich im lehmreichen Bayern im 19. Jahrhundert ein Vorkommen dieses Rohstoffs fand, wurde er alsbald abgebaut, zu Ziegeln verarbeitet und zu den nächstgelegenen Baustellen gebracht. Zahlreiche Ziegeleien gab es zum Beispiel um Augsburg und München. Die dort gefertigten Ziegel wurden für den Bau der rasch wachsenden Stadt benötigt, für die großen Kasernen, für die Pflasterung der Gehwege und Straßen und für die Tunnel der neuen Kanalisation. Die Städte waren ziegelhungrig, sie verschlangen Unmengen des Baustoffes. SPRECHER Doch auch anderswo, wo der Rohstoff Lehm zu finden war, entstanden aufgrund der großen Nachfrage Ziegeleien. So auch im niederbayerischen Vilsbiburg. Im Heimatmuseum der Stadt erfährt man viel zu der Ziegeleigeschichte. Lambert Grassmann hat hier in seiner Zeit als Direktor des Heimatmuseums die Abteilung "Ziegelpatscher und Ziegelbrenner im Vilsbiburger Land" eingerichtet. Im obersten Stockwerk des stattlichen Baus - dem ehemaligen Heilig-Geist-Spital aus dem Spätmittelalter- kann man seine Funde bewundern. SPRECHERIN Da gibt es Dachziegel aller Formen und Größen, tönerne Wetterhähne, die hölzernen Formen, in denen der rohe Lehm gepresst wurde. Es gibt markierte Ziegelsteine, die Beschriftungen tragen, auf denen eine Zeichnungen eingeritzt ist oder ein Name. Dies sind die Feierabendziegel, bei denen sich ein Ziegler die Freude gemacht hat, einen Ziegel individuell zu verschönern. Anrührend das Exemplar, das den Abdruck einer kleinen Hand zeigt: Hier hat ein Kind, vielleicht so alt wie Pietro Menis, seine Hand in den noch feuchten Lehm gedrückt. Lambert Grasmann hat diese Exponate zusammengesucht. Wie er erzählt, hat er O-Ton Grasmann 1 Darunter einen Ziegelstein erhalten, eine Bodenplatte, die bezeichnet ist: "Buia, Santi Angelo". Kein Mensch hat gewusst, was das bedeutet. SPRECHER Die quadratische Platte aus Ton stammte aus einem Bauernhaus der Umgebung. Sie war Teil des Fußbodenbelags gewesen. Jemand hatte sich große Mühe damit gegeben, in sorgfältigen Buchstaben in den noch feuchten Ton zu ritzen: Buia Santi Angelo. O-Ton Grassmann 2 Der Kreisheimatpfleger von Dingolfing, Fritz Markmüller, hat mir das aufgelöst: Buja ist eine Stadt, wo - aus dem Umkreis vor allem - Ziegler nach Bayern, in die Schweiz und nach Frankreich gewandert sind und haben Ziegel hergestellt. SPRECHERIN Buja liegt im Friaul, einer Landschaft in Venetien im Nordosten Italiens. Die in Bayern tätigen transalpini kamen vor allem aus dieser Gegend. Lambert Grassmann hat sogar noch einen persönlichen Kontakt zu den transalpini herstellen können. O-Ton Grassmann 3 Und ich habe einen alten Herrn gefunden, der ist mir verraten worden von der Gemeinde, einen Domenico Calligaro, dessen Vater in Vilsbiburg von 1883 bis 1908 Akkordant, also Ziegelmeister war, und der für die Anwerbung der Arbeiter, dann fürs Essen zuständig war, und auch für die Bezahlung, die er ja vom Ziegeleibesitzer erhalten hat, die hat er dann an die Arbeiter weitergegeben. SPRECHERIN Die Akkordanten waren Zwischenunternehmer. Sie waren oft selber Ziegeleiarbeiter gewesen und beherrschten die benötigten Sprachen - deutsch, italienisch und das im Friaul gesprochene furlanisch. Vor Saisonbeginn handelten sie mit den Ziegeleibesitzern einen Vertrag aus. Darin wurde festgelegt, wieviele Steine zu liefern waren und wie die transalpini untergebracht und verpflegt würden. Auch der Preis für 1000 Stück Steine wurde ausgehandelt. Mit dem Vertrag in der Tasche kehrten die Akkordanten ins Friaul zurück und warben dort eine Mannschaft, die sogenannte squadra an. Die Menschen, die die Wintermonate ohne Einkommen gewesen waren, verpflichteten sich bereitwillig. Diese Tage des Anheuerns wurden in einigen Dörfern wie ein Volksfest begangen, auch wenn kritische Stimmen von einem "Markt für Menschenfleisch" sprachen. MUSIK 4 Gerd Baumann: Brenner 1‘00 SPRECHER Im März oder April brachen die Ziegler dann nach Deutschland auf. Vor dem Bau der Bahn war dies ein Fußmarsch von etwa zehn Tagen. Die Route folgte jahrhundertealten Pfaden, über den Plöckenpass, den Felbertauern und den Pass Thurn nach Kitzbühl und Kufstein bis nach Bayern. Der Akkordant führte seine Arbeitsgruppe, organisierte die Verpflegung und die Unterkunft auf der Strecke. SPRECHERIN Mit der Brennerbahn wurde 1867 eine direkte Verbindung zwischen Deutschland und Italien geschaffen. Dies verkürzte die Reisedauer nach Bayern auf zwei Tage. Im Herbst ging es dann zurück. Der Akkordant Luigi Calligaro blieb jedoch in Vilsbiburg, wie Lambert Grassmann von dessen Sohn erfahren hat. O-Ton Grassmann 4 Der Domenico Calligaro, 1890 geboren, war natürlich bei seinem Vater mit dabei, und der Mutter, und die haben diese Jahre, von 1883 bis 1908 in Vilsbiburg gelebt. Die sind praktisch nicht heimgefahren, oder heimgewandert, wie die Ziegelarbeiter, die ja im März gekommen sind und im Oktober, spätestens Anfang November wieder in die Heimat mit Geld zurückgekehrt sind, sondern der ist dageblieben. Dieser Luigi Calligaro, dieser Akkordant, der hat in Vilsbiburg eine gehobene Stellung gehabt. Der war schon jemand, den man auch gehört hat. SPRECHER Durch ihre Orts- und Sprachkenntnisse hatten die Akkordanten eine mächtige Position, denn die von ihnen geworbenen Saisonarbeiter waren auf sie ebenso angewiesen wie die Ziegeleibesitzer. Möglicherweise war die verbesserte Bahnverbindung der Grund dafür, dass der Akkordant Luigi Calligaro nicht mehr als Begleitung benötigt war. Auch war es für das Familienleben einfacher - der Sohn Domenico musste nicht aus seinem Alltag herausgerissen werden. O-Ton Grassmann 5 Er war ja im Kindergarten in Vilsbiburg, und ist auch in die Schule gegangen, er hat mir sein Schulzeugnis gezeigt. Ich hab von seinem Sohn dann, vom Piere-Luigi, ein Erstkommunionzeugnis von 1901 bekommen; das kann man im Heimatmuseum sehen. MUSIK 5 Salewski & Thomas Geltinger: Radfahren 0‘52 SPRECHERIN Fast achtzig Jahre später kehrte Domenico Calligaro nach Vilsbiburg zurück - 1979, zu einem Klassentreffen. Lambert Grassmann hat ihn dann kurz darauf während eines Italienurlaubs in Buja besucht. Daraus entwickelte sich nicht nur eine persönliche Freundschaft, sondern auch eine lebendige Städtepartnerschaft zwischen Vilsbiburg und Buja. SPRECHER Sehr gerne kommen die Besucher aus Buja ins Museum, denn hier liegt ein Verzeichnis mit über 2.300 italienischen Ziegelarbeitern und -arbeiterinnen aus. Lambert Grasmann hat dazu Krankenversicherungsunterlagen ausgewertet. Denn im wilhelminischen Kaiserreich waren ab 1883 alle Beschäftigten in Handwerks-, Fabrik- und Gewerbebetrieben krankenversicherungspflichtig. O-Ton Grassmann 7 Da sind also die Namen drin, die Herkunft der Ziegler, die persönlichen Daten, der Arbeitsort, und die Arbeitszeit, also vom Anfang bis zum Herbst, solang sie halt da waren. SPRECHERIN Eine Fundgrube für die Familienforschung. O-Ton Grassmann 8 Wenn Besucher aus Buja kommen, da können die wunderbar suchen drin, die finden dann einen Angehörigen, der da gearbeitet hat. MUSIK 6 Salewski & Thomas Geltinger: Oli 1‘00 SPRECHERIN Die Arbeit in den Ziegeleien war hart. Ein zeitgenössischer Beobachter schreibt: Zitator Giovanni Cosattini Die Arbeiter, welche der größten Anstrengung unterworfen sind, sind die Handformer, deren Arbeit, den Tonklumpen hochzuheben und in die Form zu drücken, eine große Arbeitskraft in Armen und Brust erfordert... Jeder Ziegelformer hat eine Arbeitsbank zu seiner Verfügung nebst einer kleinen Kiste für den Sand, der auf das Rohmaterial gestreut wird... Ihm helfen zwei Muli, wie im Berufsjargon die beiden Knaben zwischen 10 und 15 Jahren genannt werden, denen es obliegt, die gefüllte Form aufzuheben, den Ziegel herauszunehmen, ihn auf den Trockenplatz zu schaffen, die Form zur Bank zurückzubringen, sie mit Sand zu bestreuen und dem Former zu reichen. SPRECHERIN Auch Frauen wurden als Muli eingesetzt. O-Ton Grassmann 15 Die Frauen, das waren die Wegtrager. Und die Kinder. Die mui auf Furlan, auf Friulanisch, und sonst auf Italienisch heißen sie muli. So hat man sie genannt, und so hat man sie auch benutzt. SPRECHERIN Zwischen fünf- und siebentausend Ziegel musste ein einzelner stampatore, ein Ziegelpatscher, wie er auf bayerisch hieß, an einem Tag schlagen. Die Arbeit begann zwischen vier und fünf Uhr morgens und dauerte bis in die Nachtstunden. Und dies bei ebenso dürftiger Ernährung, die vor allem aus Polenta und Käse bestand, und bei dürftiger Unterkunft: Die Schlafräume waren meist mit Stroh ausgelegte Bretterverschläge auf dem Gelände der Ziegelei, oder die Holzböden der Trockenstadel. SPRECHER Im Jahre 1879 setzte das Königreich Bayern eine Gewerbeaufsicht ein, um den Schutz von Arbeitern und Arbeiterinnen in Betrieben zu kontrollieren. Lambert Grassmann weiß zu berichten: O-Ton Grassmann 9 Da ist der sogenannte Fabrikeninspektor gekommen aus Landshut und hat nachgeschaut, wie es mit den Arbeitsstellen ausschaut, mit den Unterkünften, etc., mit den hygienischen Verhältnissen, und das waren natürlich nicht die besten. Gerade die sogenannten Aborte, hat er geschrieben: "Es gibt kein Dach, es gibt keine Seitenwand, es gibt keine Rückwand, es gibt keine Türe. Es gibt nur einen Balken." Und dann, aufgrund dieser Beanstandung, ist es dann besser geworden. Es sind dann feste Unterkünfte gemacht worden, ein paar Häuser stehen noch... SPRECHER Besonders die Kinder- und Jugendarbeit in den Ziegeleien war der Gewerbeaufsicht ein Dorn im Auge. Sie versuchten, das Mindestalter für die Jugendlichen heraufzusetzen und ihre Arbeitszeit zu begrenzen. O-Ton Grassmann 10 Es hat einen Aushang geben müssen, wo also diese Schüler aufgelistet werden müssen, 28.47 und da ist also immer wieder aufgefallen, dass welche unter 13 Jahren, mit 10 Jahren also haben sie welche mitgenommen. Und die san dann heimgeschickt worden. Wie das gegangen ist, weiß ich nicht, aber sie sind dann heimgeschickt worden. MUSIK 7 Salewski & Thomas Geltinger: Martins Aquarium 1‘24 SPRECHERIN Auch in der bayerischen Schulbehörde sorgte man sich um die minderjährigen Italiener. Denn die Schulpflicht erstreckte sich in Bayern auch auf ausländische Kinder. So richtete ab 1890 die Schule an der Wörthstraße im Münchener Stadtteil Haidhausen eigene Schulklassen ein, in denen die Kinder der transalpini und jugendliche Ziegeleiarbeiter auf Italienisch unterrichtet wurden. Hier, am Ostufer der Isar, befanden sich zahlreiche Ziegeleien, denn zwischen Ismaning und Ramersdorf erstreckte sich eine ertragreiche Lehmzunge. SPRECHER Das Ansinnen mutet heute bemerkenswert fortschrittlich an. Es war ein bayerisch-italienisches Prestigeprojekt. Der päpstliche Nuntius schaute gelegentlich vorbei. Der italienische Generalkonsul und der Vizekonsul ließen sich gerne bei der jährlichen Abschlussfeier sehen, und dank großzügiger Spenden wurde jedes Kind an diesem Tag mit einem neuen Gewand, einer Brotzeit und einem Glas Bier bedacht. Doch die gutgemeinte Idee scheiterte an der Praxis. Zu weit waren die Wege, und zu sehr wurde die Arbeitskraft auch der Jüngeren gebraucht. Und so wurde das Projekt schon 1904 wieder aufgegeben. SPRECHERIN Auch die katholische Kirche kümmerte sic…

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    Muttertag - Wer hat's erfunden? May 11, 2025
    Show notes

    Bis heute haftet dem Muttertag seine schwärzeste Epoche an: Im Nationalsozialismus wurde er von einer menschenverachtenden Ideologie durchzogen. Doch stammt der Tag ursprünglich aus der Frauen- und Friedensbewegung. Die Geschichte eines bis heute umstrittenen, vielgesichtigen Feiertags. Von Karin Becker (BR 2024) CreditsAutorin dieser Folge: Karin BeckerRegie: Christiane KlenzEs sprachen: Heiko Ruprecht, Hemma Michel, Benjamin StedlerTechnik: Adele MeßmerRedaktion: Andrea Bräu Im Interview:Dr. Désirée Waterstradt, Soziologin, FamilienforscherinHartmut Knack, Kultur- und Kunstwissenschaftler Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks.EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATORIN „Einmal im Jahr feiert das deutsche Volk seine Mütter. An einem Tag im Jahr werden sie ans Licht gezerrt, mit Reklamen gepriesen, mit Sentimentalitäten verziert, mit Sinnsprüchen gewürdigt und mit beweglicher Pathetik gerühmt. (…) Dann, abends schleichen die Mütter allmählich wieder in das bescheidene Halbdunkel ihrer Alltage zurück (…).“ SPRECHER So beschreibt die Schriftstellerin und Psychologin Alice Rühle-Gerstel den Muttertag: als ein unehrliches Spektakel ohne wahre Bedeutung. Und das bereits 1932, als es diesen Feiertag in Deutschland noch nicht lange gibt. ZITATORIN „Danke für die Blumen. Rechte wären uns lieber.“ SPRECHER So klingt Kritik am Muttertag vierzig Jahre später, auf einem Flugblatt des Frauenforums München. Für die Feministinnen der neuen deutschen Frauenbewegung Anfang der 1970er Jahre ist der Muttertag nichts anderes als ein Instrument zur Aufrechterhaltung des Patriarchats. Heutzutage sind weitere Kritikpunkte hinzugekommen. Wie der Vorwurf, dass der Muttertag bestimmte Familienmodelle ausschließe: Was, wenn es etwa keine leibliche Mutter gibt – hat eine Familie dann nichts zu feiern? Zeit seines Bestehens hat dieser nicht-gesetzliche Feiertag Kritik auf sich gezogen. Doch zumindest eine diskreditierende Behauptung ist – so hartnäckig sie sich auch hält – eindeutig falsch: Es waren nicht die Nationalsozialisten, die den Tag erfunden haben. Auch wenn sie ihn auf üble Weise für sich zu nutzen suchten. Tatsächlich stammt der Muttertag ursprünglich aus der US-amerikanischen Frauen- und Friedensbewegung. Deren Ziel: Mütter vernetzen und stärken. MUSIK 2 Monaco F: Mei Muada 0‘20 Der Muttertag ist ein historisch schillernder, widersprüchlicher Feiertag, in dem sich seit über hundert Jahren viele wechselnde Interessen und Emotionen spiegeln. MUSIK 3 Fiona Brice: Through Her Eyes 0’35 SPRECHER Als geistige Schöpferin des Muttertages gilt Ann Maria Reeves Jarvis. Die Ehefrau eines methodistischen Pastors in Virginia engagiert sich Mitte des 19. Jahrhunderts wohltätig, insbesondere für Familien der Arbeiterklasse. Im Sommer 1865 ruft die US-Amerikanerin dann offiziell eine Mütterbewegung mit dem Namen "Mother´s Friendship Day" ins Leben. Die Familienforscherin und Soziologin Désirée Waterstradt: OTON 1 WATERSTRADT „Man muss sagen, dass Mütter im neunzehnten Jahrhundert einfach wahnsinnig litten unter Arbeitsbelastung, Armut, keine Verhütungsmittel, Kinderreichtum, hohe Kindersterblichkeit und all diese Belastungen. Auch wenn der Mann starb im Krieg - und das war ja nun gerade zur Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs - dann waren die Mütter alleine da und mussten für die Kinder sorgen. Und insofern waren Mütter extrem belastet. Und diese Mütter trafen sich und haben sich eben ausgetauscht über ihre alltäglichen Probleme. Wie werde ich mit meinem Alltag fertig? Wie kriege ich das hin? Und wer bin ich dabei überhaupt? (…) Dieser „Mutter Freundschaftstag“, wenn man es mal übersetzt, (…) der stand (…) im Zeichen der Frauen- und Mütterbewegung, indem sich Mütter als Subjekte sahen und tatsächlich entdeckten, dass ihre Sicht auf die Welt eine ganz andere ist, als die der Männer.“ SPRECHER In weiten Teilen der US-amerikanischen Frauenbewegung, ebenso wie in religiösen Gemeinden, gilt „Mütterlichkeit“ damals als eine weibliche Tugend, die für die gesamte Gesellschaft wichtig und heilsam ist; sie ist keine rein private Qualität, sondern ein öffentliches Handlungsprinzip, das auch in Politik und Gesellschaft angewendet werden soll. MUSIK 4 Stars And Stripes foeever. Bearbeitet für Orgel 0‘20 Ann Maria Reeves handelt danach: Während des amerikanischen Bürgerkriegs versorgt sie mit Hilfe ihres Mütternetzwerkes Soldaten mit Medizin und Hilfsgütern, und zwar unabhängig davon, auf welcher Seite diese kämpfen. Und das, obwohl sie selbst mehrere ihrer dreizehn Kinder in diesem Krieg verloren hat. MUSIK 5 Hopeful Outlook (piano solo) 0‘50 Nach den Kämpfen wird ihr „Mother´s Friendship Day“ zu einer Institution der „Reconstruction“, also der Wiedereingliederung und der Aussöhnung zwischen den verfeindeten Nord- und Südstaaten. Für einen offiziellen Tag zur Ehren der Mütter votiert und betet Ann Maria Reeves vergeblich. Erst nach ihrem Tod 1905 kommt dieses Projekt in Schwung: Eine ihrer Töchter, Anna Marie Jarvis, macht sich nun die Einführung eines Muttertags vehement zur persönlichen Lebensaufgabe. Am 12. Mai 1907, dem Sonntag nach dem zweiten Todestag ihrer Mutter, veranlasst sie in ihrer Heimatgemeinde in Grafton, West Virginia, einen Gottesdienst zum Gedenken an ihre Mutter. Schon im Jahr darauf soll die Veranstaltung noch immer die eine, aber zusätzlich auch alle Mütter ehren. Anna Jarvis gründet Komitees, schreibt Briefe und Petitionen, sucht sich Verbündete. Als „Memorial Mothers Day Meetings“ verbreiten sich die von ihr initiierten Feierlichkeiten am zweiten Maisonntag von Jahr zu Jahr weiter. Die geschickte Vorkämpferin verpasst dem Projekt Muttertag auch ein Symbol: die Nelke, Lieblingsblume ihrer Mutter. MUSIK 6 Fiona Brice: Through Her Eyes 0’25 ZITATORIN “Jeder soll diese Blume tragen. Denn die weiße Nelke ist besonders dazu angetan, die Tugenden der Mutterschaft zu versinnbildlichen; ihre Weiße steht für Reinheit; ihre Langlebigkeit für Treue; ihr Duft für Liebe; ihre weite Verbreitung für Wohltätigkeit; ihre Form für Schönheit.“ MUSIK 7 Tomorrows Mother’s Day, aus Gypsy 0’30 SPRECHER Anna Jarvis setzt bei ihrer Kampagne auf Emotionen und rüttelt auch nicht wirklich am traditionellen Mutterbild. Sie hat schnell Erfolg. 1914 wird der Muttertag in den USA offiziell als staatlicher Feiertag ausgerufen. Mit der ursprünglichen Idee organisierter, öffentlich aktiver Mütter hat der Tag zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr viel zu tun. Sein rascher Aufstieg ist eher mit der Bedürftigkeit der Menschen in einer Zeit des Umbruchs zu erklären, so Désirée Waterstradt: OTON 2 Waterstradt „Amerika wurde zu einer bedeutenden Wirtschaftsnation in dieser Zeit. Mit all den Problemen, mit der Armut, mit den psychischen Problemen, mit denen das einherging. (….) Also, das traf auf eine Gesellschaft, die eben unter massiven Wandlungs Druck stand, und die wuchs und sich ausdifferenzierte und in der eben kein Stein mehr auf dem anderen blieb, um es mal so zu sagen. (…) Und insofern war es das Bedürfnis, ja, wieder nach Fürsorge. Und dass es eben nicht nur diese kalte wirtschaftliche Welt gibt, in der ich ja einfach eine austauschbare Person bin, die kommt zum Arbeiten und wieder geht, sondern die tatsächlich von einer Mutter angenommen wird, ein ganzes Leben lang kostenlos mit Fürsorge bedacht wird.“ MUSIK 8 Overture, aus Gypsy 0’20 SPRECHER Rechtzeitig vor dem Muttertag starten nun unübersehbare Werbekampagnen. Die US-amerikanische Wirtschaft klinkt sich in den Feiertag ein, will Dinge wie Postkarten und Süßwaren verkaufen. Die Nelkenpreise beginnen alljährlich Anfang Mai zu steigen - und Anna Jarvis verzweifelt an ihrer eigenen Schöpfung. Ihr Ziel ist, wie sie schreibt, ein „Tag der Gefühle, nicht des Kommerzes“ gewesen. Nun bekämpft sie den Muttertag, ruft zu Boykott auf, überzieht Blumenhändler mit teuren Klagen, stört Veranstaltungen und wird 1925 bei Feierlichkeiten wegen „ordnungswidrigen Verhaltens“ zwischenzeitlich sogar verhaftet. OTON 3 Waterstradt „Die hat bis zum Schluss gegen diese Verdrehung des Muttertages gekämpft und ist dann, weil sie da wirklich alles eingesetzt hat zusammen mit ihrer Schwester, in Armut gestorben, weil sie es einfach nicht hingekriegt hat, gegen diese massive Kommerzialisierung, Romantisierung sich durchzusetzen.“ MUSIK 9 (IN-SPIRED MUSIC / Subpublish: Delicate Moment 1’30) SPRECHER Der US-amerikanische Muttertag verbreitet sich nach dem Ersten Weltkrieg international, kommt nach Großbritannien, Skandinavien, in die Schweiz. Für seine Einführung in Deutschland spielen seine kommerziellen Möglichkeiten eine große Rolle – wenn auch im Verdeckten. In einer Zeitschrift namens „Ethische Kultur“ ist 1923 – die Folgen des Ersten Weltkriegs sind noch deutlich spürbar – folgender Aufruf zu lesen: + MUSIK 10 Fabian Bitter: Dark Pulse (Reduced) 0’30 ZITATOR Knauer „Ernste Frauen und Männer wissen, dass die Wiederaufrichtung unseres Volkes nur bei seiner sittlichen Erneuerung beginnen kann. Hierzu muss der Grund aber in der Familie gelegt werden. Die Familie ist die Keimzelle des Staates. (…) Wer ist nun die vor allem berufene Hüterin und Trägerin unseres Familienlebens? Die Deutsche Frau und Mutter! (…) Uns Deutschen fehlt ein großer vaterländischer Weihe- und Festtag. Wohlan, füllen wir die Lücke aus, indem wir der deutschen Mutter einen Ehrentag bereiten. (…) An diesem Tage wollen wir unser Heim schmücken. Der Mutter gehört der Ehrenplatz. Er werde bekränzt! Blumengrüße sollen ihr unseren Dank, unsere Liebe kundtun. Auch äußerlich soll ein Zeichen, etwa eine Blume im Knopfloch oder an der Brust, die Gesinnung der Liebe und des Dankes bekunden.“ SPRECHER Wer hier so nachdrücklich von „idealen Gütern“ und „sittlicher Erneuerung“ schwärmt, ist ein Lobbyist: Rudolf Knauer, der frischgebackene Geschäftsführer des Verbands deutscher Blumengeschäftsinhaber. Zu seiner Muttertagskampagne hat Hartwig Knack, Kultur- und Kunstwissenschaftler, geforscht: OTON 4 Knack „Die Strategie von Rudolf Knauer war einfach, die kommerziellen Interessen zu kaschieren. Und er hat aufgrund dessen ausdrücklich so einen ideellen Wert des zu feiernden Muttertages in den Vordergrund gestellt. (…) Da gab es auch so eine Verbandszeitung (…). Und darin standen dann auch Anleitungen, wie der richtige Kurs zu sein hat in Sachen Muttertag, dass er natürlich ideologisch getrimmt sein müsse und nicht so die kommerzielle Geschichte im Vordergrund stehen dürfe. (…) also wie (…) die Schaufensterdekorationen auszusehen haben und so weiter. Also das war sehr strategisch alles aufgebaut.“ MUSIK 11 Palastorchester: Frollein Pardon 0’30 SPRECHER Die wirtschaftliche Situation der Blumenhändler ist 1923 angespannt, die Inflation hat den Blumenabsatz sinken lassen. Rudolph Knauer will per Muttertag Abhilfe schaffen. Er unternimmt Vortragsreisen, schreibt Artikel und sogar ein eigenes Buch über den Muttertag. Doch die Resonanz in den Kassen der Blumenläden bleibt die ersten Jahre dürftig. 1926 wird das Projekt Muttertag offiziell an die „Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung“ übertragen. In ihr sind konservative gesellschaftliche Gruppierungen organisiert, etwa der „Reichsausschuss für Hygienische Volksbelehrung“, der „Reichsbund der Kinderreichen“ oder der „Katholische Frauenbund Deutschlands“. Mit dieser Arbeitsgemeinschaft haben die Blumenhändler nun eine der einflussreichsten Organisationen der freien Wohlfahrtspflege an ihrer Seite, die den moralischen Part der Kampagne viel glaubwürdiger übernehmen kann. Der geschäftliche Aspekt des Muttertags ist nicht verschwunden, aber nun noch besser getarnt. MUSIK 12 Robert Pabst: At One’s Own Risk 1’00 SPRECHER Andererseits ist der Muttertag für die Arbeitsgemeinschaft eine Möglichkeit, ihre Ideen zur Bevölkerungspolitik zu verbreiten. In der Zeit der Weimarer Republik zeichnen sich neue, eigenständigere Frauenbilder ab – die Muttertagsbewegung hingegen will zur traditionellen Definition der Frau als Mutter zurückkehren. Sie propagiert beispielsweise Kinderreichtum, um das „völkische Bestehen“ zu sichern, und lehnt Abtreibungen und Verhütungsmittel ab. Der Muttertag soll die Bereitschaft zur Mutterschaft steigern und Mütter nicht nur ehren, sondern sie auch an ihre Pflichten erinnern. Auch Ideen der so genannten „Rassenhygiene“ und der Eugenik, also der Lehre der vermeintlich guten Erbanlagen, sind bei der Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung bereits zu finden. Gedanken, die später von den Nationalsozialisten nicht neu erfunden werden, sondern weitergeführt und radikalisiert. MUSIK 13 Maria-Ward-Chor: Ave Maria 0‘45 Immer wieder haben Historiker auch auf die Bezüge der Muttertagskampagne zur Religion hingewiesen. So stellt die Arbeitsgemeinschaft für Volksgesundung etwa „Zehn Gebote“ zum Muttertag auf. Auch der Schaufensterschmuck der Blumenläden spielt mit sakralen Anklängen. Hartwig Knack: OTON 5 Knack „Im Brauchtum gibt es im Zusammenhang mit der Marienverehrung auch verschiedenste Blumen und Pflanzen, die symbolhaft, zum Teil sogar namentlich Maria zugeordnet sind und sie so als volkstümliche Heilige beschreiben. Da gibt es dann die Marienblume, Mariendistel, Marienmantel und so weiter. Und so war es natürlich relativ einfach, von diesem traditionellen floralen Altarschmuck der Muttergottes zur Ehrung einer profanen Mutter mit einem Blumenstrauß überzuleiten. Das lag nahe.“ SPRECHER Anfang der 1930er Jahre schreiben die Blumenhändler trotz Weltwirtschaftskrise wieder schwarze Zahlen. Der Muttertag ist endgültig etabliert. Warum die Menschen den Tag angenommen haben, mit dieser Frage beschäftigen sich Volkskundler schon seit Jahrzehnten. Laut Désirée Waterstradt spielen dabei auch Schuldgefühle der Zwischenkriegszeit eine Rolle: OTON 6 Waterstradt „Da waren viele tote, kriegsversehrte Männer, viele alleinerziehende Mütter, die eben während der Kriegszeit alles alleine gewuppt hatten. Und ja, diese Männer waren in einer massiven Krise. Also diese Männerfantasien, die sozusagen diese Welten gestaltet hatten, diesen Fortschrittsoptimismus, diesen Technik- und Wirtschaftsoptimismus und diese Kriegszuversicht, das war ja massiv enttäuscht worden. (…) Und auf eine solche Gesellschaft trafen diese Ideen, Mütter zu ehren, und eben auf die massiven Schuldgefühle, die damit einhergehen, dass die Väter das nun nicht mehr so stemmen können, sondern dass die Mütter das machen müssen.“ MUSIK 14 Als die gold’ne Abendsonne 0‘25 SPRECHER 1933 beginnt das dunkelste Kapitel des Muttertages. Die Nationalsozialisten erkennen sein Potenzial für ihre Propaganda. Während sie den internationalen Frauentag abschaffen, erheben sie den Muttertag 1934 zum gesetzlichen Feiertag. OTON 7 Waterstradt „Ja, da ging es eben um die Überlegenheit der arischen Rasse. Und deswegen wurde der Muttertag dann der Tag der deutschen Mutter, und zwar die „echte“, „wahre“ deutsche Mutter. Und die ist eben dann auch mit einem Besonderheits- und Überlegenheitsgefühl ausgestattet und wird dann überhöht, aber auch überwacht.“ SPRECHER Für den Mutterkult der Nationalsozialisten entscheidend ist seine rassistische und antisemitische Unterscheidung in gute und nicht-gewollte Mutterschaft. Jüdische Mütter etwa, oder Mütter der besetzten Länder, werden keineswegs geehrt, sondern verfolgt und ermordet. Nur Frauen, die als der „Volksgemeinschaft“ zugehörig betrachtet werden, gelten für das NS-Regime als wertvoll. Und zwar besonders dann, wenn sie für diese Volksgemeinschaft möglichst viele Nachkommen in die Welt setzen. Ab dem Jahr 1939 wird am Muttertag das „Ehrenkreuz der deutschen Mutter“ v…

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    Das Deutsche Museum - Technikgeschichte zum Anfassen May 10, 2025
    Show notes

    Was ist ein Meilenstein der Technik? Genau weiß man das immer erst im Rückblick. Im Deutschen Museum jedoch musste man seit jeher einschätzen, was einst ein Meilenstein werden würde. Ob und wie das im Laufe der Museumsgeschichte gelang und welche Hürden dabei zu nehmen waren, erzählt diese Sendung. Autorin: Christiane Neukirch (BR 2023)

    Credits

    Autorin dieser Folge: Christiane Neukirch
    Regie: Kirsten Böttcher
    Es sprachen: Laura Maire, Peter Lersch
    Technik: Wolfgang Lösch
    Redaktion: Iska Schreglmann

    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

    Interviewpartner/innen:
    Prof. Dr. Helmuth Trischler, Bereichsleiter Forschung Deutsches Museum;
    Dr. Matthias Röschner, Leitung Hauptabteilung Archiv Deutsches Museum;
    Carola Dahlke, Kuratorin Abteilung Informatik und Kryptologie Deutsches Museum

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    Linktipps:

    Der neue Podcast "Die Sache ist die ..." vom Zündfunk erzählt gesellschaftlich relevante und popkulturelle Geschichten hinter den Gegenständen:
    ARD Audiothek | Bayern2 | Die Sache ist die...
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    Website des Deutschen Museums:
    EXTERNER LINK | https://www.deutsches-museum.de/

    Die kostenlose App des Deutschen Museums:
    EXTERNER LINK | https://www.deutsches-museum.de/museumsinsel/besuch/app

    Literaturtipps:

    Füßl, Wilhelm und Trischler, Helmuth (Hrsg.): Geschichte des Deutschen Museums / Akteure, Artefakte, Ausstellungen. Prestel Verlag, München 2003.

    Füßl, Wilhelm: Oskar von Miller, 1855 – 1935 / Eine Biografie. Verlag C.H.Beck, München 2003.

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    Auf Wanderschaft - Wie Zugvögel ihren Weg finden May 10, 2025
    Show notes

    Der Vogelzug ist eins der großen Geheimnisse der Biologie. Warum fliegen Vögel so weite Strecken? Wie finden sie nach Hause? Und was hat sich durch den Klimawandel an ihrer Wanderschaft verändert? Von Christiane Seiler (BR 2020)

    Credits
    Autorin dieser Folge: Christiane Seiler
    Regie: Eva Demmelhuber
    Es sprachen: Xenia Tiling, Axel Wostry, Clemens Nicol
    Technik: Daniela Röder
    Redaktion: Bernhard Kastner

    Interviewpartner/innen:
    Wolfgang Fiedler (Dr.; Biologe am Max Planck Institut für Verhaltensbiologie, Radolfzell am Bodensee);
    Lisa Hörig (Biologin, kommissarische Leiterin des NABU-Bildungszentrums „Storchenschmiede“ in Linum bei Berlin)

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    Was unser Selbstbild bestimmt - Vergleichen, bewerten, erleben May 09, 2025
    Show notes

    Wer und wie bin ich? Das eigene Selbstbild wird durch Erfahrungen geprägt. Eingeübte Denk- und Handlungsmuster verstärken sich wechselseitig. ?So bin ich eben!? Unser Selbstbild begrenzt uns und es gibt gleichzeitig Halt. Aber es kann sich durch neue Interaktionen, andere Erlebnisse und Therapie auch verändern. Von Justina Schreiber (BR 2024)

    Credits:
    Autorin dieser Folge: Justina Schreiber
    Regie: Martin Trauner
    Es sprach: Susanne Schroeder
    Technik: Monika Gsaenger
    Redaktion: Susanne Poelchau

    Im Interview:

    Dr. Johannes Heßler-Kaufmann, Psychologe und Psychotherapeut
    Dr. Cécile Loetz, Psychoanalytikerin und Podcasterin
    Dr. Daniela Renger, Sozialpsychologin

    Podcasttipp:
    "Moby Dick oder Der Wal" Hörspiel Adventure-Cut von Herman Melville
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    Literaturtipps:

    Cecile Loetz und Jakob Müller, "Mein größtes Rätsel bin ich selbst", entlang lebensnaher Geschichten erklärt das Autorenpaar den Prozess der Psychoanalyse.

    Daniela Renger und Sophus Renger: "Die Suche nach Selbstrespekt: Wie Anerkennung unser Selbstbild formt". Informatives, aber eher abstraktes Buch über Rengers sozialpsychologisches Modell des Selbstbilds mit Schwerpunkt auf Selbstanerkennung.

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    Das vollständige Manuskript gibt es HIER.



    Hokusais große Welle: Wirbel um ein Bild vom Meer May 07, 2025
    Show notes

    "Die große Welle vor Kanagawa" ist eines der bekanntesten Kunstwerke der Welt. Der Farbholzschnitt des Japaners Katsushika Hokusai inspirierte schon die Künstler der klassischen Moderne, heute findet man sie auf Tassen, T-Shirts und Tapeten. Aber was ist so Besonderes an einem Bild von einer Welle? Von Julie Metzdorf (BR 2024) CreditsAutorin dieser Folge: Julie MetzdorfRegie: Christiane KlenzEs sprach: Xenia TilingTechnik: Lorenz KerstenRedaktion: Karin Becker, Andrea Bräu Im Interview:Dr. Thomas Tabery, Leiter der Orient und Asienabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Farben Japans - Holzschnitte aus der Sammlung der Bayerischen StaatsbibliothekJahresausstellung 2025 vom 27. März bis 6. Juli 2025 in München HIER gehts zur Website Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadiowissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN Im Vordergrund: Eine riesige Welle. Vom linken Rand aus rollt sie in das Bild hinein, nimmt die gesamt linke Bildhälfte ein, oben reicht sie bis knapp unter den Rand des Bildes. Wir sehen genau den Moment, in dem die Welle zu brechen beginnt, am Wellenkamm hat sich weißer Schaum gebildet, Gischt spritzt und gleich wird dieser Wasserberg in sich zusammenstürzen: „Die große Welle vor Kanagawa“ ist ein Farbholzschnitt aus dem Jahr 1830, geschaffen vom japanischen Künstler Katsushika Hokusai. Thomas Tabery, Leiter der Orient und Asienabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek: 1 OT Welle Ob sie tatsächlich realistisch ist, das ist die Frage. Sie wurde immer wieder auch als ein Tsunami dann später interpretiert. Ich glaube nicht, dass es sich dabei um einen Tsunami handelt, ich glaube nicht, dass Hokusai das darstellen wollte. Durch verschiedene gegenläufige Wellenbewegungen in einem Meer können wohl in der Bucht von Tokio solche Wellen entstehen. MUSIK 2 ( Ryuichi Sakamoto: Rain (I Want A Divorce) 0‘34) ERZÄHLERIN Das tiefe Wellental gibt den Blick auf den Hintergrund frei. Dort erhebt sich, in aller Ruhe, ein schneebedeckter Berg. Die Ruhe, die er ausstrahlt, hat etwas mit seiner Form zu tun: die Hänge bilden ein gleichschenkliges, absolut symmetrisches Dreieck. Der Berg liegt in der rechten Bildhälfte, mit viel Himmel über sich, als große cremefarbene Fläche. Im Vergleich zur Welle ist er winzig klein, in Wahrheit handelt es sich um den höchsten Berg Japans: den Fuji. 2 OT Fuji Ein Vulkanberg, mit knapp 3800 Metern Höhe, und dieser Kontrast zwischen Vorder- und Hintergrund, zwischen diesem dramatischen Geschehen und diesem fern entrückten Heiligenberg im Hintergrund, gibt dem Bild eine gewisse Spannung. ERZÄHLERIN Im Rahmen der japanischen Shinto-Religion wird der Fuji als heiliger Berg verehrt, mehr als 1300 Schreine am Fuß und am Hang des Bergs sollen die in ihm wohnende Gottheit besänftigen. Auch im japanischen Buddhismus gilt eine Besteigung des Bergs als Ausdruck des Glaubens. Und selbst Nichtgläubige können dem Fuji einiges abgewinnen: wegen seiner symmetrischen Kegelform gilt er als schönster Berg der Welt. Erst bei genauerer Betrachtung von Hokusais Farbholzschnitt, entdeckt man die Boote im Wasser: 3 OT Boote Boote, die von Wind und Wellen hin und her geworfen, unter dieser Welle sich befinden. Der Wellenkamm scheint förmlich nach den Booten und den winzigen Menschen darin zu greifen. Bei den Booten handelt es sich übrigens wohl um Boote, die die Märkte in Edo, der Hauptstadt, mit Fischen und anderen Gütern versorgen. MUSIK 3 ( Damian Scholl: Japan 1‘05) ERZÄHLERIN Offiziell heißt das Kunstwerk übrigens nicht „Die große Welle“, sondern „Unter der Welle im Meer vor Kanagawa“. Die originale Bezeichnung lenkt den Blick stärker auf die Boote und die Situation der Menschen. Die große Welle ist direkt über ihnen. Trotzdem ist an Bord keine Panik zu spüren. Die Menschen sind nur schwer zu erkennen, in jedem Boot befinden sich vier, vielleicht auch acht Personen in einheitlich dunkelblauer Kleidung, sie liegen oder kauern dicht und wohlgeordnet nebeneinander jeweils am Ende des Boots, als wollten sie es stabilisieren. Vielleicht kennen sie solche großen Wellen schon. Das Rudern haben die Menschen an Bord längst aufgegeben, sie überlassen die Boote der Naturgewalt und schlingern damit wie Treibholz durch die Wellen. 4 OT keine Panik Also vielleicht ist die Situation nicht so dramatisch, wie sie sich für uns jetzt darstellt. Und vielleicht ist auch der Berg Fuji im Hintergrund ja das Element in diesem Bild, das Hoffnung gibt und sozusagen die Aussicht auf das Happy End bei dieser Geschichte oder bei dieser Unternehmung nahelegt. MUSIK 4 (SINE: Ocean Dreams 0‘34) ERZÄHLERIN Wellen, Berg, Boote: aus nur drei Elementen hat der Japaner Katsushika Hokusai eines der berühmtesten Kunstwerke der Welt geschaffen. Nachahmungen der Welle zieren nicht nur die üblichen Tassen und T-Shirts, sondern auch Turnschuhe, Golfbälle, Unterhosen und ganze Tapeten. Ja es gibt sogar ein Emoji, das eindeutig von Hokusais Welle inspiriert ist und das man am Smartphone in eine Textnachricht einfügen kann, wenn man irgendwas mit Wasser ausdrücken möchte. Aber Warum ist ausgerechnet dieses Bild so berühmt geworden? Was fasziniert die Menschen verschiedener Epochen und Kulturkreise so sehr an der Darstellung einer Welle? Laut Thomas Tabery liegt das unter anderem an der Vielfalt der Deutungsmöglichkeiten: 5 OT mehrere Deutungen (zusammenschneiden) Also wir sehen zum einen die Natur in ihrer Schönheit, zum anderen aber auch in ihrer Zerstörungskraft. Und das gilt nicht nur für die Welle, sondern natürlich auch für den Fuji als Vulkanberg. Zum anderen ist hier auch der Gegensatz zwischen Flüchtigkeit, Vergänglichkeit einerseits und Ewigkeit andererseits sichtbar, das bedrohte menschliche Leben im Vordergrund, der als heilig verehrte Berg Fuji im Hintergrund. MUSIK 5 ( Kevin Shields: Goodbye 1‘07) ERZÄHLERIN „Unter der Welle im Meer vor Kanagawa“ ist ein Bild voller Kontraste: Mensch und Natur, nah und fern, flüssig und fest, bewegt und statisch. Zugleich ist alles miteinander verwoben und verzahnt. Die Boote zum Beispiel schmiegen sich in ihrer Sichelform perfekt ins Wellental. Eine kleinere Welle ganz vorn im Bild entspricht mit ihrer Dreiecksform fast eins zu eins dem Berg Fuji. Der Schnee auf seiner Kuppe sieht genauso aus wie die weißen Schaumkronen der Wellen. Und die sprühende Gischt gleicht Schneeflocken, ja es sieht aus, als würde es am Gipfel des Fuji gerade schneien. Alles ist miteinander verbunden. Auch der vermeintlich so ruhige Fuji ist immer noch ein Vulkan: Im Zentrum der Ruhe ballt sich das Magma. Katsushika Hokusai ist der berühmteste Künstler Japans. Geboren wurde er 1760 in der Hauptstadt Edo, dem heutigen Tokio. In seinem langen Leben – Hokusai wurde 90 Jahre alt – soll er an die 5.000 Werke geschaffen haben, darunter Gemälde, Zeichnungen, Buchillustrationen und unzählige Vorlagen für Farbholzdrucke. 6 OT Charakter Hokusai war einfach ein herausragender Künstler, war zu Lebzeiten schon bekannt. Er war ungeheuer produktiv und hat ein unstetes Leben geführt, unzählige Male den Wohnsitz gewechselt, verschiedene Künstlernamen angenommen … er muss auch eine exzentrische Seite besessen haben. ERZÄHLERIN Diese exzentrische Seite zeigt sich etwa in einer Anekdote über einen Malwettbewerb am Hof des Shoguns, des Herrschers im vormodernen Japan: 7 OT Malwettbewerb Der Kontrahent von Hokusai bei diesem Wettbewerb, … hat also lange an seinem Werk vor sich hingemalt, wohingegen Hokusai einfach eine Papierrolle Blau gefärbt hat, Blau angemalt hat, dann ein Huhn, ein lebendes Huhn aus einem Korb genommen hat, die Füße des Huhns in rote Farbe getaucht hat und das Huhn dann über diese blaue Rolle hat laufen lassen. Genannt hat er das Ganze „Ahornblätter treiben auf dem Fluss“. Vom Genie des Malers, des Künstlers Hokusai beeindruckt, hat der Shogun ihm dann den Preis zugesprochen. MUSIK 6 ( Ryuichi Sakamoto: Picking Up Brides 0‘45) ERZÄHLERIN Die große Welle schuf Hokusai als erfahrener Künstler von 70 Jahren. Das Blatt ist 25 x 37 cm groß, also genau zwischen einem DIN A4 und einem DIN A3-Blatt. Es ist Teil einer ganzen Serie von Holzschnitten mit dem Titel „36 Ansichten des Bergs Fuji“. Solche Serien von Holzschnitten waren in Japan seit Mitte des 18. Jahrhunderts sehr populär. „Die 36 Ansichten des Berges Fuji“ hatten solchen Erfolg, dass Hokusai weitere Blätter hinzufügte, am Ende waren es 46 Ansichten des Fuji, am Titel der Serie änderte sich aber nichts. Jedes Blatt zeigt den Vulkan aus einer anderen Perspektive und zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten: Mal im Nebel, mal in der Abendsonne. Mal in leuchtendes Rot getaucht, mit weißen Linien, die wie Lavastreifen vom Krater aus herunterlaufen. Mal mit Handwerkern im Vordergrund, die ein Haus bauen, oder Reisenden, die sich auf den Schultern kräftiger Männer durch einen Fluss tragen lassen. „Die große Welle vor Kanagawa“ war bereits zur Entstehungszeit besonders beliebt. In mancherlei Hinsicht sticht diese Darstellung des Fuji unter den anderen Blättern der Serie heraus: 9 OT Serie Eine Besonderheit dieses Blattes ist, dass er halt so klein im Hintergrund ist und trotzdem natürlich sich auch einfügt harmonisch, durch die Farben, durch die Formen, die man sonst auf diesem Blatt sieht. ERZÄHLERIN Die Drucke wurden einzeln als Souvenir für Reisende verkauft, aber auch an die lokale Bevölkerung. Sie galten als Gebrauchskunst und waren nicht besonders teuer. Es waren ja keine Unikate. Üblicherweise gab es mehrere hundert Abzüge, von der beliebten großen Welle vielleicht sogar mehrere Tausend. Doch Gebrauchskunst hin oder her: Die Qualität der Drucke war herausragend. Die Herstellung eines Mehrfarbendrucks ist eine komplexe Angelegenheit und gelangte in Japan zu höchster Blüte. 10 OT Druckvorgang Die Herstellung eines Farbholzschnitts war ein arbeitsteiliger Prozess. Ein Verleger finanzierte das ganze Vorhaben. Ein Künstler entwarf eine Vorzeichnung, eine genaue Vorlage, die dann an die Holzschneider übergeben wurde. Die haben dann in eine Holzplatte diese Vorlage geschnitten und somit einen Druckstock hergestellt. ERZÄHLERIN Hokusai hatte selbst ursprünglich eine Lehre als Holzschneider gemacht. Später arbeitete er in der Werkstatt eines Malers und Zeichners von Farbholzschnitten, bis er sich schließlich als Künstler selbständig machte. Idee und Komposition der Großen Welle stammen also von ihm, den Druckstock schnitten andere. Durch seine Ausbildung aber kannte Hokusai die Tücken und Möglichkeiten des Holzschnitts sehr gut, er wusste, welche Effekte möglich waren und konnte dieses Wissen in seine Vorlage einfließen lassen. Die Schaumkronen der Wellen zum Beispiel sehen aus wie Adlerklauen, die nach den Booten greifen. Die Schnitzer mussten dazu Hunderte sichelförmig geschwungenen Stege aus dem Druckstock herausarbeiten. 11 OT Und schließlich kamen die Drucker ins Spiel, die dann mit Pinseln die Farben auf den Druckstock aufgetragen haben. Dann wurden die Papierbögen auf diesen Druckstock aufgelegt und angedrückt. Das heißt, in Japan wurde von Hand gedruckt, Druckerpressen kannte man nicht, und dieser Vorgang wurde jetzt für jede Farbe, für jeden Druckstock wiederholt, bis schließlich dann ein fertiger Mehrfarbendruck entstanden war. ERZÄHLERIN Bis zu 15 verschiedene Farben pro Farbholzschnitt wurden auf diese Weise gedruckt. Die Farben der großen Welle sind besonders bemerkenswert. Hokusai verwendet hier ausgiebig sogenanntes Preußischblau, in Japan auch als Berliner Blau bekannt. 12 OT Preußischblau Preußischblau wurde Anfang des achtzehnten Jahrhunderts in einem Berliner Labor entdeckt Und Hokusai verwendet diesen Farbstoff in dieser Serie „36 Ansichten des Berges Fuji“ wirklich, ja, exzessiv kann man sagen und ganz bewusst. Denn dieser Farbstoff hat es ihm ermöglicht, ein unglaublich kräftiges Kolorit zu erzielen mit Blautönen, die mit anderen blauen Farben wie zum Beispiel Indigo so nicht zu erzielen waren. Und auch die Kombination zwischen den verschiedenen Blautönen hat einfach bei der großen Welle hier diesen fast dreidimensionalen, ja plastischen Effekt erzielt. Denn wenn man sich das jetzt anschaut, sieht man, dass zunächst mit Preußischblau die hellen Passagen der Wellen gedruckt wurden, dann wurde ein dunkleres Preußischblau drüber gedruckt, und darüber wurde als dritte blaue Farbschicht noch einmal Indigo gedruckt. MUSIK 7 ( SINE: Full Moon 0’55) ERZÄHLERIN Durch die Farbabstufungen gelingt es Hokusai, dem Blatt mehr Tiefe zu verleihen: die Wölbungen der Wellen werden stärker spürbar, die Welle wirkt dynamischer und kraftvoller. Überhaupt hat das Blatt eine große Raumtiefe: die große Welle im Vordergrund, der weit entfernte Fuji ganz klein im Hintergrund – das ist die Logik der europäischen Zentralperspektive. Japanische Holzschnitte sind eigentlich für ihre Flächigkeit bekannt. Hokusai aber hatte sich intensiv mit westlicher Malerei auseinandergesetzt. Er verwendet hier also nicht nur eine europäische Farbe, sondern auch die Konstruktion des Bildraums trägt europäische Züge. Typisch japanisch hingegen ist das Motiv – der Fuji – und die Technik des Farbholzdrucks mit seinen Konturlinien. 13 OT Umrisslinien Also eine Besonderheit das Farbholzschnitts ist es ja, dass wir überall Umrisslinien haben, was sich ja vom europäischen Holzschnitt, auch vom chinesischen, unterscheidet, wo das eigentlich so aquarellartig, dann so ein bisschen ausläuft. Wir haben hier immer Umrisslinien, und das ist natürlich auch ein Merkmal des Comics, dass es diese Umrisslinien gibt, deswegen vielleicht diese Assoziation. ERZÄHLERIN Auch klassische Comics haben Konturlinien und sind meist mit wenigen gleichmäßigen Farbflächen gedruckt. Das könnte einer der Gründe dafür sein, dass auch junge Menschen Die große Welle schätzen: Die Ästhetik ist ihnen von Comics vertraut. Dank der Umrisslinien und der reduzierten Farben lässt sich die Große Welle übrigens auch sehr gut reproduzieren. Auch das hat sicher zur Verbreitung beigetragen. MUSIK 8( Kevin Shields: Ikebana 1‘04) In Japan war Hokusai bereits zu Lebzeiten hochverehrt und sehr populär. Viele seiner Werke könnte man als Volkskunst bezeichnen, er zeigte, was das Publikum liebte: berühmte Schauspieler zum Beispiel oder Szenen aus den Vergnügungsvierteln Tokios. „Bilder der fließenden Welt“ nannte man dieses Genre: 14 OT Bilder der fließenden Welt Eigentlich ursprünglich ein Begriff aus dem Buddhismus, ukiyo, das Vergängliche, das mit Sinn gefüllt werden muss, hat sich der Begriff gewandelt, hin zu der Bedeutung, ja, die Freuden der vergänglichen, der fließenden Welt, die genossen werden wollen und die dann auf diesen Holzschnitten dargestellt worden sind. Also Szenen aus dem Theater, Kurtisanen, Darstellungen von Sumo-Wettkämpfen und so weiter und so fort. ERZÄHLERIN Die „36 Ansichten des Fuji“ schlagen da vollkommen aus der Reihe. Trotzdem war die Serie extrem beliebt: 15 OT Genre Landschaft Das Besondere ist, dass diese Serie tatsächlich Landschaftsdarstellung in den Mittelpunkt stellt, das gab es vorher so noch nicht. Landschaft wurde natürlich in der Malerei im Holzschnitt auch immer dargestellt, aber gerade im Holzschnitt in Japan war Landschaft vor allem ein dekoratives Element im Hintergrund bei der Darstellung von Personen. Jetzt in den 1830ern, durch Künstler wie Hokusai, wird Landschaft zu einem eigenen Genre. MUSIK 9 ( KENGYO: Natsu no kyoku 0‘43) ERZÄHLERIN Die Entwicklung dieses Genres hing eng mit der Zensur zusammen: Ab dem späten 18. Jahrhundert mussten in Japan alle Drucke der staatlichen Zensurbehörde zur Prüfung vorgelegt werden. Politische Anspielungen waren untersagt, auch historische Ereignisse wurden oft zensiert, außerdem durften die Darstellungen nicht zu viel Luxus zeigen. Landschaften waren da per se unverdächtig. Zudem interessierte sich Hokusai wi…

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    Crossdressing - Psychologie des Rollentauschs May 07, 2025
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    Es gibt viele Begriffe für dieses Phänomen: "Autogynophilie", "Paraphilie" ... aber es geht auch etwas einfacher: "Transvestismus". Also: Mann oder Frau trägt die Kleidung des anderen Geschlechts. Pervers? Ein deutscher Arzt Anfang des 20. Jahrhunderts erkannte: da steckt mehr dahinter... Von Martin Trauner (BR 2024) CreditsAutor dieser Folge: Martin TraunerRegie: Martin TraunerEs sprachen: Ditte Ferrigan, Christian SchulerRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Dr. Rainer Herrn – Medizinhistoriker und Magnus Hirschfeld GesellschaftKolja Nolte, alias „der Dominus“ – Berufsverband der Sexarbeiter Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Das Kamasutra - Leitfaden für Liebe, Erotik und Lebensweise Scham - Ein sozialer Basisaffekt Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN Na, die Musik kennt man doch und die Szene kennt man vielleicht auch irgendwie. Die stammt aus dem Kultfilmmusical „Rocky Horror Picture Show“. - Da steht also Dr. Frank N. Furter vor dem etwas naiven Brautpaar Janet und Brad …. und Dr. Frank N. Furter lüftet sein Geheimnis. MUSIK hoch Don't get strung out by the way that I look Don't judge a book by its cover ERZÄHLERIN „Lasst Euch von meinem Aussehen nicht verunsichern … - Beurteilt ein Buch nicht nach seinem Einband“, singt „Er“ oder „Sie“ und dann: reißt sich Dr. Frank N. Furter seinen Satin-Bademantel vom Leib … MUSIK hoch I'm just a sweet transvestite From Transexual, Transylvania, ha ha MUSIK ERZÄHLERIN „Er“ oder „Sie“ hat Korsett und Strapse an, „Er“ oder „Sie“ ist wild geschminkt. „Ich bin einfach nur ein süßer Transvestit, aus Transsexual, aus Transsilvanien…“ - Dr. Frank N. Furter bemüht den Begriff „Trans“ wirklich oft - sagt oder besser: singt davon. Offensichtlich ist er ein Mann in erotischer Frauenkleidung und in Stöckelschuhen. MUSIK hoch und aus ERZÄHLERIN Bei Dr. Frank N. Furter weiß man wirklich nicht, was oder wer er ist. Gut: Er ist offensichtlich ein Mann, der sich weiblich gibt. Also ein „Transvestit“ Er ist ein Hedonist. Aber ist er schwul? Ist er hetero? Oder ist er irgendwas dazwischen? Ist er, wie man heute sagt: „Trans“? - Die Rocky Horror Picture Show brachte jedenfalls Mitte der 1970er Jahre ein Phänomen in die Kinos und damit in die Populärkultur, das man zwar irgendwie kannte, aber wo man nicht so genau wusste, was es damit auf sich hat und was man damit anfangen sollte: Damals nannte man das Phänomen noch „Transvestismus.“ - MUSIKAKZENT ZITATOR (Dr. Wegner) Wo kommt das Wort Transvestit her und was bedeutet es? ERZÄHLERIN Fragt bereits in den 1930er Jahren ein Autor namens Dr. Wegner in einer Zeitschrift Namens „Das dritte Geschlecht“. Und er beantwortet seine Frage gleich selbst: ZITATOR (Dr. Wegner) Das Wort „Transvestit“ ist aus den lateinischen Worten „trans = entgegengesetzt und vestitus = gekleidet“ gebildet … ERZÄHLERIN Aber mal kurz nachgefragt, was hat es mit der Zeitung „Das dritte Geschlecht“ auf sich? 01 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) Das ist überhaupt die allererste Transvestitenzeitschrift, die es je gegeben hat … ERZÄHLERIN Sagt Rainer Herrn. Medizinhistoriker. Er hat diese Zeitschrift im Reprint neu veröffentlicht …. 02 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) Die große Überraschung: Die erste Auflage war in Windeseile vergriffen und wir haben jetzt gerade die zweite Auflage dieser Zeitschrift, weil: das Transthema heute ein sowohl politisches, als auch, bei der Transcomunity selbst eine solche Konjunktur und eine solche Politisierung erfahren hat, dass es ein großes Interesse an der Geschichte von „Trans“ gibt. Also von Transpersonen ... MUSIKAKZENT ERZÄHLERIN Aber nochmals zurück zum Begriff der „Transvestiten“ in den 1930er Jahren. - Der Volksmund, so fährt Dr. Wenger in seinem Artikel in der Zeitung „Das dritte Geschlecht“ fort, bezeichnet solche Menschen in seiner Zeit, also in den 1930er Jahren, als „pervers“ Aber, so vermutet er, nur mangels besseren Wissens … ZITATOR (Dr. Wenger) Unter Transvestiten versteht man nun solche Personen, die den inneren Drang in sich fühlen, die Kleidung des anderen Geschlechts anzulegen, also Männer, die gerne Frauenkleider tragen und Frauen, die am liebsten Männerkleidung tragen … MUSIKAKZENT 03 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) Also wir haben eine große Vielfalt heute von „Sexuell diversity“, die mit diesen alten Begriffen eigentlich gar nicht mehr zu fassen sind. (…) ERZÄHLERIN Heutzutage sei „Transvestismus“ wohl kein passender Begriff mehr, meint der Medizinhistoriker Rainer Herrn … 04 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) Diese ganzen Begriffsentwicklungen kommen eigentlich um 1910 … ERZÄHLERIN Anfang des 20. Jahrhunderts etabliert sich, wie soll es auch anders gewesen sein, in Berlin, die Sexualwissenschaft. Und die junge Sexualwissenschaft findet Begriffe für die ihrer Zeit als „abnormales Verhalten“ geltende sexuelle Praktiken, Begriffe wie etwa „Sadismus“, „Fetischismus“, „Homosexualität“, „Bisexualität“ oder eben auch die Bezeichnung „Transvestismus“ 05 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) Ja, das ist eigentlich ein Wortungetüm und ein Wort, das in die Welt gesetzt wurde und zugleich ganz harsche Kritik erfahren hat, nämlich von der Community, die es betroffen hat, nämlich von den Transpersonen, die gesagt haben: „Wir sind keine Transvestiten. Also sagen, es geht nicht um „Trans“, sondern es geht im Sinne von dem Tragen der Kleidung des anderen Geschlechts, also nicht zum Verkleiden, sondern dass sie die Personen, die Kleidung, die ihrer Psyche entspricht, anziehen möchten. Also es ist kein Transvestismus und es gibt eine ganze Reihe dann von neuen Begriffsschöpfungen, die dafür gebraucht wurden. Traditionell wird in der englischsprachigen Literatur „Crossdressing“ verwendet. ERZÄHLERIN Was der Begriff „Transvestismus“ also nicht unterschieden hat, ob es da um heterosexuelle oder homosexuelle Personen geht, meist Männer. Oder geht es gar um jemanden, der seine Geschlechtsidentität anders fühlt oder gar nicht binär sieht … Seiner Zeit, so Rainer Herrn, galten alle Männer, die Frauenkleidung trugen, als Homosexuelle. 06 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) Traditionell wurden Transpersonen eigentlich zu den Homosexuellen gezählt. Also es wurde im Grunde nicht unterschieden zwischen Homo und Trans … MUSIKAKZENT (evtl. Mundell Lowe) ZITATOR (Woody Allen) Are transvestites homosexuals? – ERZÄHLERIN Fragt Woody Allen in einer Episode seines Films „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten“. Wieder ein Film aus den 1970er Jahren. In sieben Episoden parodiert Woody Allen die Aufklärungswelle der 1960er Jahre. Und Woody Allen stellt Fragen. Etwa: Was passiert bei der Ejakulation? Was ist ein Perverser? Was ist Sodomie? Aber er fragt auch: ZITATOR (Woody Allen) Sind Transvestiten Homosexuelle? ERZÄHLERIN Die Geschichte dieser Episode ist schnell erzählt. Das ältere Ehepaar Sam und Tess sind bei Bekannten eingeladen. Sam schleicht sich heimlich in das Schlafzimmer der Gastgeberin und zieht ihre Kleider an. Als er in seinem roten Rock, seiner weißen Bluse und dem roten Hut droht, entdeckt zu werden, türmt er aus dem Fenster auf die Straße. Und mischt sich unter die Leute draußen, die ihn als „Lady“, als „Dame“ ansprechen. – Obwohl er einen Schnurrbart hat. Den verdeckt er geschickt mit einem Finger und behauptet, eine Verletzung an der Oberlippe zu haben … . MUSIK aus 07 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) Nun liefen also Frauen in Männerkleidung, Männer in Frauenkleidung immer Gefahr, durch das Auge der Öffentlichkeit, also des kleinen Mannes oder kleinen Frau, entdeckt zu werden, in der Öffentlichkeit, hopps genommen zu werden, angeklagt zu werden, zu Wiederholungstätern zu werden … ERZÄHLERIN Sagt Rainer Herrn. – Doch Woody Allens Film spielt ja in den 1970er Jahren, in den Vereinigten Staaten, und da war man schon irgendwie aufgeschlossener als im Deutschland des Kaiserreichs. – MUSIK ERZÄHLERIN Also: Tess, die Ehefrau, sie sieht ihren Mann, mit dem roten Hut, der Bluse und dem Röckchen auf der Straße und ist irritiert: „Mein Gott! Sie ist mein Mann!“ MUSIK ERZÄHLERIN Doch die Ehefrau zeigt Verständnis. „Du hättest es mir sagen sollen. Ich hätte es verstanden“ – Und sie schmunzelt: … „Du hättest ihre Gesichter sehen sollen“. – MUSIK aus ERZÄHLERIN Was man nicht unterschätzen sollte, sei es die „Rocky Horror Picture Show“ oder Woody Allens „Was sie über Sex wissen wollten“, jeder dieser Filme hat auf seine Art und Weise halt um Verständnis geworben für das „Crossdressing“. Oder wie man eben früher sagte: für den „Transvestismus“… 08 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) Was man auch vergisst in der Geschichte … die Hauptfraktion der frühen Transvestiten sind heterosexuelle Männer gewesen … ERZÄHLERIN Sagt Rainer Herrn. – Sogenannte ‚Transvestiten‘ waren also heterosexuelle Männer, oft verheiratet, meist Kinder, bürgerliches Leben. Sie trugen gerne Frauenkleider. Das meist heimlich. - Doch zu Anfang des 20. Jahrhunderts war die Situation für Transvestiten nicht so amüsant wie bei Woody Allen in den 1970er Jahren. Crossdresser galten – wie gesagt - als Homosexuelle … 09 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) Sie müssen wissen, Homosexualität ist ein Stigma gewesen, wenn das ruchbar geworden ist, war das der soziale Tod. Erpressung war an der Tagesordnung und Suizide waren keine Seltenheit. Und deshalb die starke Abwehrbewegung von Crossdressern, um nicht als homosexuell zu gelten … ERZÄHLERIN Alle von der Norm der gesellschaftlichen Konventionen abweichenden Personen wurden von Seiten des Staates kriminalisiert … 10 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) Und nun waren die Homo- und Transpersonen irgendwie aneinander gekettet. Aber Transpersonen fühlten sich missverstanden, dass ihnen ein homosexuelles oder homoerotisches Begehren zugeschrieben wurde. Und die wendeten sich an die junge Sexualwissenschaft, unter anderem an Magnus Hirschfeld und sagten unter anderem, wir sind aber gar nicht homosexuell … ERZÄHLERIN Magnus Hirschfeld, von ihm wird gleich noch die Rede sein, gründet 1919 in Berlin das erste Institut für Sexualwissenschaft. 11 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) Aber auch in der homosexuellen Bewegung gab es sehr viele, die sich als echte Männer begriffen haben, als Supermänner, als hyperviril, als so genannte Maskulinisten. Und die haben gesagt, wir haben gar nichts am Hut mit diesen Crossdressern, die Frauenkleider tragen, das ist für uns etwas ganz Abscheuliches. MUSIKAKZENT ERZÄHLERIN Der Mediziner Magnus Hirschfeld schreibt 1910 eine wissenschaftliche Arbeit. Titel: „Die Transvestiten. - Eine Untersuchung über den erotischen Verkleidungstrieb.“ Eine Monografie … 12 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) … mit 17 Fallbeschreibungen, wie es damals hieß. 16 Männer und eine Frau. Das sind sozusagen kleine autobiografische Vignetten, die quasi exemplarisch zeigen, wie das Leben von Transpersonen verläuft – mit der typischen Kindheit, wo der Wusch nach dem Tragen der Kleidung des – Gänsefüsschen – anderen Geschlechts aufkam (…) ERZÄHLERIN Hirschfelds Buch ist komplex. Ganz im Sinne der Zeit versucht er auf fast 600 Seiten, den „Transvestismus“ zu katalogisieren, zu systematisieren aber auch zu psychologisieren … Also unterscheidet er etwa: ZITATOR (Magnus Hirschfeld) - Zeitpunkt des ersten Auftretens der Verkleidung - die sonstigen Lebensgewohnheiten der Transvestiten - die Ehefrauen der Transvestiten - die Kleidung als Ausdrucksform seelischer Zustände ERZÄHLERIN Und Magnus Hirschfeld begibt sich auch in die Geschichte. Er untersucht den Transvestismus von der … ZITATOR (Magnus Hirschfeld) … Geschlechtsverkleidung bei den Naturvölkern … ERZÄHLERIN … Bis zur … ZITATOR (Magnus Hirschfeld) Geschlechtsverkleidung auf der Bühne ERZÄHLERIN Rainer Herrn ergänzt: 013 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) Ein wichtiges Medium, wo, sagen wir, „trans“ gelebt wurde, ist natürlich auch die Bühne gewesen … Wir haben eine ganze Reihe von Theatern (…) wo die Frauenrollen von Männern gespielt wurden. Also das war auch ein Austragungsort von diesem Begehren … ERZÄHLERIN Nur, und das ist wichtig, auf Bühnen nennt man diesen, wie Magnus Hirschfeld es genannt hat, „Verleidungstrieb“ anders … Er heißt „Travestie.“ – In der Zeit von Shakespeare etwa, also im späten 17. Jahrhundert schlüpften Männer in Frauenkostüme, um weibliche Rollen darzustellen. Aber im 19. Jahrhundert, etwa in der Operette „Die Fledermaus“ von Johann Strauß gibt es eine so genannte Hosenrolle. Hier stellt eine Frau, eine Mezzosopranistin, den Prinz Orlofsky dar …. 14 ZUSPIELUNG (Rainer Herrn) Das, was wir heute als Travestie bezeichnen. Das ist aber schon im ernsten Sinne von dem, was Transvestismus im traditionellen Sinne bedeutet, wo also ein psychischer Wunsch besteht, ich will jetzt das Wort „Trieb“ nicht gebrauchen, das ist wirklich ein altmodischer Begriff, also wo ein inneres Bedürfnis entsteht, diese Kleidung zu tragen, das ist davon zu unterscheiden. Also: Travestie und dieser Wusch des Crossdressings, das sind zwei unterschiedliche Ebenen. MUSIKAKZENT ERZÄHLERIN Zurück zu Magnus Hirschfeld. Ihn interessierte also, warum trägt „man“ oder „frau“ die Kleidung des anderen Geschlechts? Aus sexuellen Gründen? Um sich wohlzufühlen? - Interessant sind seine Fallbeschreibungen der Menschen, die sich „crossdressen“. Magnus Hirschfeld berichtet zum Beispiel von einem gewissen „Herrn E.“, der ihm seine Aufzeichnungen überlasen hat … MUSIKAKZENT ZITATOR (Magnus Hirschfeld) Herr E., im Kunstgewerbe tätig, ca. 40 Jahre alt, stammt von gesunden Eltern. Abweichende Anlagen oder Degenerationszeichen sind in der Verwandtschaft nicht nachzuweisen. Die körperliche Kindheitsentwicklung verlief normal. ERZÄHLERIN Mädchen gegenüber sei er schon in frühester Jugend an „höchst schüchtern“ gewesen. Zu Hause sei er streng erzogen worden. Und jetzt? ZITATOR (Magnus Hirschfeld) Status praesens: Breite der Hüften etwas geringer als die der Schultern. Körperlinien rundlich, leichter Panniculus adiposus. Oberarme und Oberschenkel mehr gerundet als abgeflacht. Füsse von mittlerer Größe, Hände von der Arbeit etwas mitgenommen. ERZÄHLERIN Ganz nüchtern beschreibt Hirschfeld die Physiognomie vom Herrn E. Aber wann begann sein Drang, wie es Hirschfeld nennt, nach „Geschlechtsverkleidung“? ZITATOR (Magnus Hirschfeld) Vita sexualis: Im Alter von vier Jahren versuchte er zuerst, das Kleid seiner Schwester anzuziehen ... ERZÄHLERIN Im Karneval habe er sich gerne als Frau verkleidet, opferte dafür den Schnurrbart. Und bedauerte es, die Frauenkleider wieder ablegen zu müssen. Freilich: ZITATOR (Magnus Hirschfeld) Lange Strümpfe und Korsett trägt er fast immer unter seiner Männerkleidung. ln dieser raucht er gern, was er im Frauenkostüm nie tut. - Der Trieb war immer auf den „coitus cum femina“ gerichtet; erste Betätigung Anfang der Zwanziger. „In actu“ ist er gern „succubus“. Triebstärke: durchschnittlich zwei Ejakulationen in der Woche. Von Homosexualität ist keine Spur vorhanden. MUSIKAKZENT ERZÄHLERIN Ein bisschen fühlt man sich an Woody Allens Film „Was sie immer über Sex wissen wollten …“ erinnert … Ein Mann, der seinen Schnurrbart verbirgt, um als Frau durchzugehen. Aber bleiben wir ernst. Magnus Hirschfeld hat für die Geschichte der Transmenschen gewirkt … Und er hat viele Biografien gesammelt, die eine schwierige Situation im Leben beschreiben.…

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    Zug um Zug - wie die Lunge uns Leben "einhaucht" May 06, 2025
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    Rund 20.000 Mal atmen wir am Tag ein und aus. Und versorgen unseren Körper dadurch mit Sauerstoff. Im Gegenzug werden wir über die Lunge das Abfallprodukt Kohlendioxid los. Die Lunge ist ein hochkomplexes Organ. Von Bernd-Uwe Gutknecht (BR 2020)


    Von Gummibaum bis Yuccapalme - Die Geschichte der Zimmerpflanze May 06, 2025
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    In Burgen, Schlössern und auch Bauernstuben gab es sie nicht: Die Zimmerpflanze. Sie musste erst erfunden werden. Erst im 16. Jahrhundert startete ihre rasante Mode-Geschichte vom Statussymbol in der europäischen High Society bis zur Ware neben der Supermarktkasse und zum Istagram-Star. Von Anja Mösing (BR 2024) CreditsAutorin dieser Folge: Anja MösingRegie: Frank HalbachEs sprachen: Christian BaumannRedaktion: Iska Schreglmann Im Interview:Prof. Dr. Patricia Rahemipour, Institut für Museumsforschung Staatliche Museen zu Berlin;Dr. Andreas Gröger, Biologe, Botanischer Garten München Diese hörenswerten Folgen könnten Sie auch interessieren: radioWissen | Pflanzenjäger auf Abenteuerreise - Wie man früher seltene Arten aufspürteJETZT ANHÖREN radioWissen | Orchideen - Spektakel der Farben und FormenJETZT ANHÖREN radioWissen | Was heißt hier Unkraut? - Alles NaturJETZT ANHÖREN radioWissen | Photosynthese - Das wundersame PflanzenkraftwerkJETZT ANHÖREN radioWissen | Jahreszeiten außer Takt? Alles Natur!JETZT ANHÖREN radioWissen | Tarnen und Täuschen - Alles NaturJETZT ANHÖREN IQ - Wissenschaft und Forschung | Alles Natur: Gartenpflanzen! Iska Schreglmann im Gespräch mit dem Biologen Dr. Thassilo FrankeJETZT ANHÖREN Literaturtipp: Kathrin Grotz u. Patricia Rahemipour: „Geliebt, gegossen, vergessen. Phänomen Zimmerpflanze“, Katalog und Essayband zur Ausstellung Botanisches Museum Berlin 2019. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK „La valse des monstres“, ZEIT: 00:49, mit ATMO 1(Archiv) Schritte im Kies ERZÄHLER Gummibäume, Orchideen, Yuccapalmen – die gesund und kräftig sprießende Verwandte der eigenen, oft kümmernden Zimmerpflanzen: In Botanischen Gärten kann man sie besuchen. Hier werden sie artgerecht gepflegt und wachsen fast so, wie es in freier Natur ihre Art wäre. ATMO 2 öffnen einer Gewächshaustür (Archiv) weiter über ATMO 3 Palmenhaus In vielen Büros, in Wohnungen, sogar in Treppenhäusern steht ein Topf mit einem Benjamini. Seine Zweige mit den vielen dunkelgrün-glänzenden, esslöffelgroßen Blättern reichen den Besitzern gern mal bis zur Schulter. Birkenfeige sagen einige zu dieser Zimmerpflanze; Botaniker nennen sie lateinisch: Ficus Benjamini. MUSIK ENDE ZSP 1 Gröger Also hier unser Exemplar ist wahrscheinlich so zehn Meter hoch, das werden richtig große Bäume. Es haben nicht nur kleine Pflanzen Eingang in die Zimmerpflanzen-Kultur gefunden, sondern auch größere. Weiter über ATMO 3 Palmenhaus ERZÄHLER Andreas Gröger ist promovierter Biologe und stellvertretender Leiter des Botanischen Gartens in München-Nymphenburg. Im 21 Meter hohen Palmenhaus aus Glas und Eisen ist die Luft feucht und es hat 20 Grad. Hier wachsen tropische Pflanzen, die es gern warm haben: ZSP 2 Gröger Und wenn sie die hier anschauen, unsere Birkenfeige, fällt ihnen auf, dass die aus vielen Dutzenden von einzelnen Stämmen besteht, so ein Geflecht von Stämmen entsteht. Das deutet ein bisschen darauf hin, was die biologische Eigenart der Birkenfeige ist: die gehört zu den Baumwürgern. In freier Natur würde sie im Regenwald oben an irgendeiner Astgabel keimen, schickt dann so ganz unschuldig kleine fadenförmige Wurzeln nach unten. Und wenn die den Urwaldboden erreicht, dann umspinnt sie ihren Träger mit einem Gewirr von solchen Wurzeln und erstickt letztendlich ihren Trägerbaum, der dann abstirbt. Und anstelle vom Trägerbaum steht dann dieser Schlot aus zusammengeflochtenen Stämmen der Birkenfeige. ERZÄHLER Andreas Gröger kennt nicht nur erstaunliche Eigenheiten von Tropenpflanzen, er hat auch dazu geforscht, wie wir Menschen uns die Tropen in unsere Wohnzimmer geholt haben. Den Benjamini plötzlich mit ganz anderen Augen zu sehen, findet er gut! ZSP 3 Gröger Das heißt aber nicht, dass sie deswegen Angst vor einer Birkenfeige haben müssen. Wenn es der Birkenfeige bei ihnen gut geht, dann wird sie auch ab und zu mal so fadenförmige Wurzeln entwickeln. Aber dann freuen Sie sich darüber! ERZÄHLER Angesichts dieses tropischen Riesen fast absurd, ihn im Topf zu halten. Wann sind wir Menschen nur auf die Idee verfallen, uns draußen in der Natur Pflanzen auszugraben und in einen Topf zu setzen, um sie mit nach drinnen ins Zimmer zu nehmen? ZSP 4A Gröger Also, wenn man geschichtlich zurückschaut: Schnittblumen haben sich die Leute immer, haben sich Römer auch schon in die Wohnung geholt! Aber Zimmerpflanzen, das ist ein relativ modernes Phänomen. ZSP 4B Rahemipour Die Geschichte der Zimmerpflanzen ist nämlich sehr-sehr eng verbunden auch mit der Geschichte des Wohnens insgesamt. ERZÄHLER Professorin Patricia Rahemipour ist Historikerin und Direktorin des Instituts für Museumsforschung in Berlin. Dort hat sie für das Botanische Museum im Jahr 2019 eine Ausstellung zum Phänomen Zimmerpflanze kuratiert. MUSIK „Le compteur”; ZEIT: 00:55 ZSP 5 Rahemipour Ich würde sagen, wir fangen vielleicht erst mal mit einer kleinen Definition an, was wir eigentlich unter Zimmerpflanzen verstehen: Zimmerpflanzen sind tatsächlich Pflanzen, die ganzjährig eingetopft in einer Wohnung stehen. ZSP 5B Gröger Also generell ist Zimmer nicht draußen! Im Zimmer herrschen andere Bedingungen als draußen in freier Natur. ZSP 5C Rahemipour Also Zimmerpflanzen brauchen Licht. Das ist eine sehr simple Tatsache, die ist für uns auch relativ leicht zu lösen. Aber für mittelalterliche Wohnverhältnisse war das überhaupt nicht so trivial, weil Fenster: Es gab nur sehr-sehr kleine, um die Kälte nicht in die Häuser hineinzulassen. Und die waren mit Tierhäuten abgedeckt. Das heißt, man hatte im Prinzip überhaupt kein Licht in den Zimmern, so wie wir das kennen. MUSIK ENDE ERZÄHLER Fenster mit Glas zu verschließen war sehr kostspielig und die ersten Fenstergläser waren noch sehr dick, ähnlich den Böden von Weinflaschen und gar nicht durchsichtig, sondern grünstichig. Bis es klares Fensterglas gab, das genügend Sonnenlicht hindurch ließ und zwar für einen Preis, den sich zumindest reichere Privathaushalte leisten konnten: Das hat sehr lange gedauert und den Einzug der Pflanzen in die Wohnumgebung verzögert. ZSP 6A Rahemipour Und der zweite Aspekt ist die Frage nach dem Klima in diesen Räumen. Die Zimmer waren ja früher relativ kalt. Viele Zimmerpflanzen sind aber Importe aus wärmeren Klimazonen. Das heißt, sie haben auch erst dann wirklich in die Wohnstuben Einzug gehalten, als die Temperaturen stimmten. Das war erst relativ spät in der Geschichte des Wohnens überhaupt der Fall. ZSP 6B Gröger Also hier, nördlich der Alpen, hat man geschlossene Räume gehabt mit dem Kachelofen oder offenem Feuer in einer Ecke, also punktuelle Hitze. Dann kalte Ecken, richtig kalte Zimmer. Das packen extrem wenige Pflanzen: Da war höchstens mal ein Rosmarin-Stöckchen oder Myrthen-Pflänzchen am Fensterbrett gestanden. Das war also das Maximum, was man so hatte. ZSP 6C Rahemipour Ein anderer Aspekt: Zimmerpflanzen pflegen sich ja nicht selber. Also wenn ich mir angucke, wie in einem mittelalterlichen Kontext die Menschen gelebt haben und wie wenig Freizeit sie hatten: Man hatte auch gar keine Zeit, sich um so etwas zu kümmern! Und wenn man jetzt alles zusammennimmt, also sagt okay, wir brauchen Licht, wir brauchen ne Heizung und wir brauchen den Zugang zu Wasser, weil das war natürlich nicht überall gleichermaßen verfügbar. Dann kann man sagen: So Mitte des 19. Jahrhunderts sind sie zunächst einmal in die repräsentativen Zimmer eingezogen. ERZÄHLER Zuvor standen eingetopfte Pflanzen schon in Orangerien. Gebäuden für kostbare Pflanzen, wie sie seit dem Barock in hohen Adelskreisen zur standesgemäßen Ausstattung ihrer Schlösser gehörten. Orangerien waren reich verglast und damit heller als Wohngebäude. Pflanzen aus den subtropischen Gebieten konnten hier in großen Kübeln untergebracht werden. Zitrusbäumchen mit ihrem schönen Duft waren aber nur im weitesten Sinn die ersten Zimmerpflanzen, meint Gröger: ZSP 7A Gröger Heißt ja nicht umsonst Orangerien! Da ging es um die Nutzpflanzen erstmal: Orangen, Zitronen waren begehrte, exotische Früchte, die heutzutage selbstverständlich im Supermarktregal liegen. Aber die damals hier nördlich der Alpen kultiviert werden mussten für die Aristokratie. Und dann war halt vielleicht auch noch eine Ananas dabei. Das war natürlich die Krönung schlechthin, eine Ananasfrucht zu haben. ZSP 7B Rahemipour Absolut, absolut. Also mein Lieblingsbeispiel ist immer die Ananas! Die ersten Ananasfrüchte, die in Europa weiterverkauft wurden, waren so teuer wie eine Kutsche. Und das war das mehrfache Jahresgehalt eines einfachen Bauern. ZSP 7C Gröger Also am Anfang der Zimmerpflanze stand die Nutzpflanze: Der Zitronenbaum oder die Ananaspflanze. Und dann kamen Schmuckpflanzen dazu, wie zum Beispiel die Kamelien oder die Agaven und so weiter. MUSIK „Movement introductif“ ZEIT:00:37 ERZÄHLER Kamelien mit ihren prächtig rotgefüllten Blüten waren lange Zeit begehrte Modepflanzen der europäischen High Society. Mitte des 18. Jahrhunderts kamen die ersten Pflanzen aus Asien, wo sie in freier Natur bis zu 11 Meter groß werden. Die immergrünen Kameliensträucher vertrugen das Klima in den kühlen aber frostfreien Orangerien Europas gut. Zu besonderen Anlässen holte man sie in ihren Töpfen in die repräsentativen Schlossräume. Blühend natürlich! MUSIK ENDE ZSP 8A Gröger Blumenschmuck! Natürlich! Bei den Kamelien, das ist so ein klasse Beispiel: Im Winter, im Januar, Februar, ist die Zeit der Kamelienblüte. Im Winter mit Blumenpracht zu protzen, das war natürlich eine Aussage! ZSP 8B Rahemipour Das war natürlich Prestige, das war Macht. Man wollte zeigen, dass man sich was leisten kann. In der Zeit, als man begann, mit Zimmerpflanzen sich zu umgeben, war das wesentlicher Aspekt. Das ist heute ganz weit in den Hintergrund gerückt. Aber zu Beginn der Zierpflanzen in den Zimmern war das sicherlich ein wichtiger Aspekt. ERZÄHLER Mitte des 19. Jahrhunderts erlaubten neu entwickelte Konstruktionen aus Glas und Eisen lichtdurchflutete Anbauten ans Haus - So genannte Wintergärten. Entfernt erinnerten diese Zimmer an Orangerien: Auch in ihnen spielten exotische Pflanzen die Hauptrolle. Im Wintergarten empfing man nun Gäste zum Tee an zierlichen Tischen, stickte oder las in einer Zeitung. Eine Konsequenz des Industriezeitalters, sagt Andreas Gröger: ZSP 9 Gröger Plötzlich ist die Bürgerschicht finanziell erstarkt. Nicht nur mehr die Fürsten und Herzöge und Könige, auch das Bürgertum, das plötzlich viel Geld hatte und repräsentieren wollte. Und die haben repräsentiert mit einem Musiksalon, mit einer Bibliothek und eben auch mit speziellen Pflanzensammlungen: Eine Kakteensammlung zu haben oder eine Orchideensammlung, das war natürlich schon ziemliches Prestige. ERZÄHLER Mit den Orchideen verlor die naturbegeisterte und repräsentationssüchtige High Society Europas den Kopf. Die Blüten der Orchidee stellten alles in den Schatten, was man in Europa kannte: an langen Rispen hingen ihre Blüten wie bunte Schmetterlinge. Exotik pur! ZSP 10A Gröger Genau! Im neunzehnten Jahrhundert, vor allem in England, da gab es einen richtigen Orchideen-Hype. Da gab es einzelne Gärtnereien, die haben manchmal bis zu 20 Pflanzenjäger gleichzeitig losgeschickt, um in den Tropen Orchideen zu sammeln, die dann auf Auktionen recht teuer versteigert worden sind. ZSP 10B Rahemipour Das führte so weit, dass man sogar aus Silber Broschen hergestellt hat, die die Form von Orchideenblüten hatten. Weil einige Menschen sich eben nicht das Original leisten konnten. Sondern da war es billiger, eine silberne Brosche zu erwerben als eine Blüte. ZSP 10C Gröger Es waren tatsächlich die Gärtnereien, die damit einen kommerziellen Gewinn machen wollten. Es war ein richtiger Goldrausch auf neue Orchideen damals. Es hieß damals, England, das ist das große Orchideen-Grab. Weil viele Orchideen dahin kamen. Dann kamen sie in Privatsammlungen, wo sie wenige Wochen überlebt haben und dann eingegangen sind. ERZÄHLER Gröger räumt ein, dass Orchideenkultur wirklich kompliziert ist. Allein schon, weil es über 30.000 Arten mit unterschiedlichen Ansprüchen gibt. Aber wie hemmungslos aus den damaligen Kolonien immer neuer Nachschub geholt wurde, ist heute unvorstellbar. Dass lebende Pflanzen überhaupt wochenlange Seereisen von fernen Kontinenten nach Europa überlebten, ermöglichte eine Erfindung von Nathaniel Ward Mitte des 19. Jahrhunderts: Die Wardschen Kisten. ZSP 11 Rahemipour Das sind Kisten, die hermetisch abgeschlossen sind mit Glasfenstern und in denen am Boden Erde ist. Und in die Erde sind die lebenden Pflanzen eingepflanzt worden und zu Beginn der Reise zugemacht. Und durch die Verdunstung des Wassers, das die Pflanzen selber abgeben, sammelt sich dann Kondenswasser an den Fenstergläsern, läuft wieder nach unten in das Substrat hinein und bewässert sozusagen als hermetisch abgeschlossenes System die Pflanzen, die in dieser Kiste sind. MUSIK „La valse des monstres“, ZEIT: 00:38 ERZÄHLER Kostbar waren Zimmerpflanzen zu Beginn, weil sie tatsächlich am weit entfernten Ursprungsort ausgegraben wurden, oder bei Aufsitzerpflanzen, so genannten Epiphyten zu denen auch Orchideen gehören, einfach von den Urwaldbäumen abgenommen, dann eingetopft, verschifft und erst in Europa verkauft wurden: Entweder direkt an einen reichen privaten Pflanzenliebhaber, oder an eine Gärtnerei, die versuchte, die exotischen Pflanzen zu vermehren. MUSIK ENDE ZSP 12 Gröger Ganz banal! Die Geschichte der Zimmerpflanzen ist eine lange Geschichte des Sammelns und des Züchtens. ERZÄHLER Und sie dreht sich vor allem um Tropenpflanzen, weil die mit ihrer Blüten- und Blattvielfalt nicht nur schmückende Qualitäten besitzen. Vor allem sind Tropenpflanzen an ein Klima angepasst, in dem permanentes Wachstum möglich ist. Pflanzen Nordeuropas eignen sich nicht fürs Zimmer, sie können bei gleichbleibenden Zimmertemperaturen nicht überleben, sie brauchen einen Winter. Tropische Pflanzen sind ideal, sie ziehen sich nicht monatelang zurück. Aus welchen Weltregionen überhaupt neue Zimmerpflanzen kamen, bestimmten zunächst Schiffrouten: ZSP 13 Gröger Wenn Sie sich anschauen, so geschichtlich, wo die meisten Zimmerpflanzen herkamen in der Anfangszeit, dann stammen viele aus Südafrika, eben grad wegen diesen günstigen Schiffsverbindungen. Oder aus der direkten Umgebung von Rio de Janeiro stammen viele entscheidende wichtige Zimmerpflanzen! ERZÄHLER Das Usambaraveilchen mit seinen Samtblättern, der Philodendron, der Weihnachtskaktus, das flammende Käthchen: Lauter Pflanzen, die gut erhalten in Europa ankamen. Natürlich ging es ihren reichen exzentrischen Besitzern in Europa dann auch darum, diese Kostbarkeiten am Leben zu erhalten. Wieviel Wasser braucht das neue Prachtstück und wie oft? Will es in sandiger oder in lehmiger Erde eingetopft sein, oder nur in einem Körbchen hängen und ab und zu gebadet werden wie die schöne Orchidee? Nur wenige grundsätzliche Bücher gab es zur Stubengärtnerei und die konnten nicht aktuell bleiben, weil immer Neues eingeführt wurde. Das bedeutete, man musste direkt mit den großen Spezialitäten-Gärtnereien Kontakt halten. ZSP 14 Gröger Und die hatten dann Gärtner mit viel Know-how, die wussten dann über die Sammler in welchen Bedingungen im natürlichen Lebensraum Pflanzen wachsen. Es war echt was für Spezialisten, nicht für das allgemeine, breite Publikum. Ende des neunzehnten Jahrhunderts gab es die Verbreitung im Bürgertum. Aber die Arbeiterschaft, die hat den maximal ein Blumensträußchen auf dem Tisch stehen aber keine Zimmerpflanzen. ATMO 4 Kakteenhaus mit Schritten unter Erzählertext ERZÄHLER Unter den Zimmerpflanzen war der Kaktus eine frühe Modepflanze, die in Haushalte aller Schichten einzog. Auch auf Gemälden tauchten Kakteen schon Mitte des 19. Jahrhunderts auf, bei Carl Spitzweg zum Beispiel. Kakteen passten perfekt zur Temperatur dama…

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