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    Latest Episodes:
    Anderes Alter, andere Zeit - Warum ändert sich unser Zeitgefühl? Jun 12, 2025
    Show notes

    Die Sommer der Kindheit haben scheinbar ewig gedauert. Und auch die Jugend war eine Lebensphase, in der Zeit reichlich vorhanden war und nur sehr langsam verging. Aber je älter wir werden, desto mehr rasen die Jahre dahin. Woran liegt das? An Routinen und Automatismen, die sich im Laufe des Lebens etablieren? Von Daniela Remus (BR 2024) CreditsAutorin dieser Folge: Daniela RemusRegie: Anja ScheifingerEs sprach: Caroline EbnerRedaktion: Nicole Ruchlak Im Interview:Dr. Jacob Bellmund, Max Planck Institut für Kognition und NeurowissenschaftenProf. Tatjana Tchumatchenko, Neurowissenschaftlerin, Universität BonnDr. Marc Wittmann, Zeitforscher, Universität Freiburg Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Die Welt in unter 30 Minuten besser verstehen? Das geht nicht? Doch, das zeigt der tagesschau Podcast 11KM. JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO (Freibad im Sommer draussen) SPRECHERIN Pommes, ein mit Eis verschmiertes Handtuch, Süssigkeiten und der Geruch von Sonnencreme. ATMO (Freibad im Sommer draussen) SPRECHERIN Wie habe ich die Sommer früher genossen. Mit Freundinnen und Freunden lagen wir stundenlang auf der Wiese des Freibads. Rannten gemeinsam zum Sprungbecken, übten elegante Köpfer und wasserspritzende Arschbomben. Und irgendjemand wurde jedes Mal mit großem Geschrei von den anderen ins Wasser geworfen… ATMO (Freibad im Sommer draussen) SPRECHERIN In meiner Erinnerung dauerten diese Sommer eine gefühlte Ewigkeit. Atmo Schlitten? Aber auch die Winter währten grenzenlos lange. Im Rückblick kommt es mir so vor, als hätten wir monatelang Schneemänner gebaut und seien Schlitten gefahren. Aber je älter ich werde, desto kürzer werden nicht nur die Sommer und Winter, nein, ganze Jahre schnurren in meiner Erinnerung zusammen, wie ein Luftballon, dem Luft entweicht. TAKE 1 (O-Ton Wittmann) L. 0, 15 Wenn wir rückblicken auf Zeitintervalle, dann ist der entscheidende Faktor für unser Gefühl für Dauer oder wie schnell ein Intervall vergangen ist, das Gedächtnis. SPRECHERIN Erklärt Dr. Marc Wittmann. Er ist einer der wenigen Forschenden in Deutschland, der sich mit der Wahrnehmung von Zeit beschäftigt. Und zwar am Institut für Grenzgebiete der Psychologie an der Universität Freiburg. Der Psychologe hat herausgefunden, dass vor allem das, was neu ist, vom Gedächtnis besonders intensiv gespeichert wird. TAKE 2 (O-Ton Wittmann) L: 0, 35 Und das erklärt uns auch, warum wir in der Kindheit, im Jugendalter, aber auch im frühen Erwachsenenalter das Gefühl haben, die Zeit war viel länger, wenn wir jetzt zurückblicken, weil so viel Neuartiges passiert ist. Also der erste Kuss, das erste Bier mit den Spezln. Dann ziehen wir aus dem Elternhaus aus, machen eine Ausbildung, Studium etc. diese ganzen Dinge sind so neuartig und einzigartig erst einmal, dass die ganz besonders im Gedächtnis haften bleiben. Und wenn wir uns dann zurückerinnern, dann kommt uns das so lang vor! SPRECHERIN Die Erinnerung an meine scheinbar endlose Kinderzeit ist also erst einmal gar nichts Besonderes. Dass ich mich an vermeintlich grenzenlose Sommer erinnere, an nicht endenwollende Schuljahre liegt nicht daran, was genau ich als Kind und wie erlebt habe, sondern vielmehr daran, wie das menschliche Gehirn arbeitet, und damit auch meins, erklärt Prof. Tatjana Tchumatchenko, Neurowissenschaftlerin an der Universität Bonn: TAKE 3 (O-Ton Tchumatchenko) L: 0,30 Das Gehirn kennt nur die Aktivität in den einzelnen Bereichen des Gehirns. Also im visuellen Cortex, im auditorischen Cortex, im Bereich, der für Gefühle zuständig ist… also alle Areale liegen dem Gehirn vor und anhand dieser Aktivität in diesen Arealen und der Frage wie komplex, wie aktiv das Gehirn insgesamt ist, anhand dieser Aufnahme schätzt das Gehirn, wie lange etwas gedauert hat. Musik Flatliners Länge: 0´15´ SPRECHERIN Und je mehr komplexe Sinneseindrücke das Gehirn verarbeiten muss, desto länger kommt uns die vergangene Zeit vor. Und zwar im Rückblick, wenn wir uns erinnern. TAKE 4 (O-Ton Tchumatchenko) L. 0, 15 Je komplexer, desto länger wird es für uns erscheinen: Das heißt, wenn wir an die Schulzeit zurückdenken, der erste Schultag kommt unser immer länger vor als der letzte Schultag. Weil der erste Schultag viel mehr Eindrücke hervorgerufen hat, viel mehr Emotionen, viel mehr Sachen waren neu. Musik Flatliners Länge: 0´52´ SPRECHERIN Die Wahrnehmung und Einordnung einer Zeitdauer ist immer eine Rekonstruktion. Das Gehirn stellt sie her, indem es – vereinfacht gesagt - auf seine Gedächtnisinhalte zurückgreift. Denn wir Menschen haben keinen Sinn für die Zeit, so wie wir Augen für das Sehen und Ohren für das Hören haben. Und Erlebnisse, die uns überrascht haben, die uns emotional besonders berührt oder erschreckt haben, werden besonders intensiv erinnert. Deutlich besser als banale Erlebnisse der Alltagsroutine. Diese Eigenschaft des Gehirns ist ein entscheidender Grund dafür, warum es den meisten von uns so vorkommt, als verginge die Zeit immer schneller, je älter wir werden, erklärt Zeitforscher Marc Wittmann: TAKE 5 (O-Ton Wittmann) L: 0, 20 Wenn wir älter werden, dann kommen wir immer mehr in die Falle der Routine, dann sind wir vielleicht 30 Jahre am selben Arbeitsort, im selben Job, und dann werden nicht mehr so viele Dinge als besonders eingespeichert und deswegen kommen uns dann Zeitintervalle irgendwie relativ kürzer vor. Musik Pulsating environments Musik Flatliners Länge: 0´37´´ SPRECHERIN Selbst Jahre, in denen wir, objektiv betrachtet, sehr viel in unserem Leben bewältigt haben, etwa mit frühem Aufstehen, Schulbrote schmieren, Kinder pünktlich zur Schule schicken, Wohnung aufräumen, im Job bestehen, aber auch darauf achten, dass der Kühlschrank gefüllt ist, die alten Eltern besucht, Freunde und Partner nicht vernachlässigt werden: Solche Jahre schnurren oft in der Erinnerung zu kurzen Intervallen zusammen. Weil es nicht ausschließlich die Vielzahl von Erlebnissen ist, die die Zeit im Rückblick dehnt, sondern ganz offenbar auch deren Qualität: TAKE 6 (O-Ton Wittmann) L: 0, 30 Gerade das mittlere Erwachsenenalter ist eigentlich das, wo wir auch den meisten Zeitdruck spüren und die meisten Dinge tun, die Überladung durch einerseits Arbeit, weil wir irgendwo versuchen uns eine gute Position zu ergattern, gleichzeitig vielleicht Familie, Kinder und das muss man alles gleichzeitig unter einen Hut bringen. Da macht man eigentlich besonders viel, aber trotzdem haben wir das Gefühl im Vergleich zu vor 10, 20, Jahren, dass die Zeit trotzdem schneller geht. SPRECHERIN Und das liegt daran, dass das Neuartige, das Besondere, das Intensive an dem Erlebten fehlt. An die Geburt meiner Kinder kann ich mich beispielsweise noch sehr detailreich erinnern, aber die vielen durchwachten Nächte danach sind in der Rückschau nur noch eine Episode, eben weil sie in dieser Lebensphase zur Routine des Alltags fest dazugehörten TAKE 7 (O-Ton Tchumatchenko) L 0, 35 Wir haben ja festgestellt, dass die komplexe Aktivität, die wir erlebt haben, zu einer komplexen neuronalen Aktivität führt. Und dass diese komplexe neuronale Aktivität zu dieser Fehleinschätzung führt, dass sie länger gebraucht hat in dem Ablauf. Das heißt, unsere Erinnerungen später sind mit einem Tack versehen, der heißt, das ist eine längere Phase gewesen, die wir hier abgespeichert haben. SPRECHERIN Wird diese Erinnerung aus dem Langzeitgedächtnis in den aktiven Teil des Gedächtnisses zurückgerufen, so Tatjana Tchumatchenko, dann liefert das Gedächtnis nicht nur die Komplexität und Qualität dieses Erlebnisses mit, sondern auch die damalige Zeitwahrnehmung. Musik Summer lights Länge: 0´36´´ Dieser Prozess ist dafür verantwortlich, weshalb beispielsweise der erste Konzertbesuch oder der erste Schultag in der Erinnerung Stunden länger gedauert haben, als das erste Konzert, das ich mir auf dem Fernseher oder im Kino angeschaut habe. Denn die Komplexität dieser filmischen Sinneseindrücke ist extrem viel reduzierter als die eines „echten” Konzertbesuchs. Und diese verschiedenen Sinneseindrücke prägen die Zeitwahrnehmung, wie die Forschenden in einfachen Experimenten zeigen konnten: TAKE 8 (O-Ton Tchumatchenko) L. 0,15 Was auch in Versuchen sehr schön zu sehen ist, ist, wenn wir die gleiche Aufgabe die Probanden durchführen lassen, beim ersten Mal werden sie abgelenkt durch andere Reize, wird diese Aufgabe ihnen länger erscheinen als bei Kontrollversuchen ohne Ablenkung. Atmo Straßenverkehr SPRECHERIN ((Und das erklärt auch, warum beispielsweise Wege, die wir das erste Mal gehen, uns länger erscheinen als der Rückweg derselben Strecke. Weil wir dann alles genau anschauen: Die Bäume an der Straße und die Baustelle, spielende Kinder im Park oder die vielen LKW, die sich auf der rechten Spur stauen.)) Dieses Abspeichern der vielen, unterschiedlichen Sinneseindrücke ist auch der Grund dafür, warum wir eine Wochenend-Reise in eine uns vorher unbekannte Gegend oder Stadt im Gedächtnis als viel gedehnter speichern, als ein gemütliches Wochenende zuhause, an dem wir vor allem Kleinkram erledigen. In der Erinnerung ging das in Windeseile vorbei. MUSIK Hidden Länge: 0´43´ SPRECHERIN Beim Rückblick in meine Kindheit erinnere ich mich auch noch an endlos erscheinende Tage, die sich aber von den ereignisreichen deutlich unterschieden haben. Beispielsweise fallen mir Sonntage ein, an denen rein gar nichts passiert ist, und die sich endlos hinzogen. An denen nichts los war, außer vielleicht ein Spaziergang mit meinen Eltern. Das komplette Gegenteil also von einer ereignisreichen Zeit. Wie passt das zu den bisher gehörten Erkenntnissen der Zeitforscher? TAKE 9 (O-Ton Wittmann) L: 0,15 Das ist das Im-Moment-Erleben. Was Sie erinnern in Ihrer Kindheit, die langweiligen Momente, das ist die Erinnerung an die Langeweile. (…) eher so, oh da war mir langweilig … SPRECHERIN Sagt Marc Wittmann von der Universität Freiburg: TAKE 10 (O-Ton Wittmann) L: 0, 15 Das ist eben ein bisschen was anderes: Wie kommen wir zu unserem Gefühl der Langeweile? Dass wir im Moment, nicht rückblickend, im Moment auf die Zeit achten und wenn ich auf die Zeit achte, dann wissen wir, vergeht sie viel langsamer. SPRECHERIN Und daran erinnern wir uns später. Musik schnell-langsam oder Metronom im Wechsel Zeit kann nicht nur in der Erinnerung, sondern auch im aktuellen Erleben extrem unterschiedlich wahrgenommen werden: Mal schnell und mal sehr langsam vergehend. MUSIK Hidden Länge: 0´40´ Und so, wie wir sie im Moment erleben, so wird sie dann auch erinnert. Deshalb kommen uns langweilige Tage auch in der Erinnerung noch als zäh und langweilig vor, weil wir uns an das Gefühl der erlebten Langeweile erinnern. Und die kommt dadurch zustande, dass wir auf uns selbst zurückgeworfen werden. Jede und Jeder kennt diese simplen Beispiele: Stehe ich allein und dann noch bei eisiger Kälte oder heftigem Regen wartend an einer Bushaltestelle, dann sind selbst 5 Minuten ellenlang und quälend. Warte ich dagegen gemeinsam mit einer Freundin, rede mit ihr über das bevorstehende Wochenende, dann gehen diese 5 Minuten richtig schnell vorbei. TAKE 11 (O-Ton Wittmann) L 0, 30 Worauf achte ich, wenn ich auf die Zeit achte? Das ist ja schon ein Rätsel als solches, selbst wenn ich die Uhr vergessen hab, und ich die Zeitangabe auf meinem Handy nicht beachte, trotzdem erlebe ich die Zeit. Wie komme ich zu meinem Gefühl der Zeit? Des Rätsels Lösung ist, wie die neuesten Metaanalysen von Studien zeigen, dass das etwas mit der Körperwahrnehmung zu tun hat. SPRECHERIN Bereits vor rund 15 Jahren hat der Freiburger Psychologe Marc Wittmann mit Untersuchungen zeigen können, dass vor allem ein bestimmtes Areal im Gehirn dafür verantwortlich ist, wie wir in einem konkreten Moment die Zeit wahrnehmen. Dieses Areal ist die sogenannte Insula. Auch Inselrinde oder insulärer Cortex genannt. Dabei handelt es sich um ein kleines Hirnareal, das auf beiden Seiten der Großhirnrinde situiert ist: TAKE 12 (O-Ton Wittmann) L: 0, 30 Die ist das primäre Organ für unsere Körperwahrnehmung. So wie wir ein primäres Organ im Gehirn für das Sehen und Hören haben, gibt es auch einen fürs Körperfühlen. Ob mir kalt ist oder heiß, wenn ich Schmerzen hab, wenn ich Hunger hab, wenn ich Durst hab, dann ist die Insel sehr aktiv, durch die Signale, die aus den Körper dort zusammenlaufen. Musik Stock up Länge: 0´54´ SPRECHERIN Ob ich müde oder schlecht gelaunt bin, den Wadenmuskel gezerrt habe oder heiter und voller Vorfreude auf das Treffen mit Freunden bin, diese Informationen werden im Körper gesammelt und dann zum insulären Cortex geschickt. Und aus all diesen Gefühlen, Eindrücken und Informationen entsteht die Körperwahrnehmung und daraus wiederum das sogenannte Körperselbst. Wenn ich mich auf meinen Körper fokussiere, eben weil ich beispielsweise lange auf den Bus warten muss und die Kälte oder den Hunger spüre, oder weil ich starke Schmerzen habe, dann hat das auch Auswirkungen auf meine Wahrnehmung der Zeit. Diese Erkenntnis von Marc Wittmann ist in der Zwischenzeit von anderen Forschenden bestätigt worden. Die Zeit vergeht bei der Hinwendung auf das Körperselbst scheinbar deutlich langsamer, als wenn ich viel zu tun habe: TAKE 13 (O-Ton Wittmann) L: 0, 15 Wenn ich nicht auf mich achte, weil ich abgelenkt bin, z.B. weil ich jetzt mein Handy zücke und mal schaue, was so die neuesten Nachrichten sind, dann bemerke ich mich nicht mehr… und die Zeit vergeht plötzlich ganz schnell. SPRECHERIN Neben dem Zeitgefühl in der Erinnerung oder der Zeitwahrnehmung im konkreten Moment gibt es noch eine weitere Ebene des zeitlichen Erlebens, wie die Forschenden herausgefunden haben. Denn selbst wenn wir ohne Uhr oder anderen Zeitangaben unterwegs sind, können wir Zeiträume relativ gut einschätzen. TAKE 14 (O-Ton Tchumatchenko) L: 0, 15 Wenn wir wissen, wir müssen um eine bestimmte Zeit dort sein, bedeutet das nicht für das Gehirn, dass es genau weiß, wie viele Minuten exakt es bis zu diesem Ereignis sind, sondern wir denken in Handlungsabfolgen. SPRECHERIN Erklärt die Neurowissenschaftlerin Tatjana Tchumatchenko: TAKE 15 (O-Ton Tchumatchenko) L: 0, 20 Wir wissen, aha, ich muss zur Arbeit erscheinen. Das heißt, ich muss zuallererst aus der Tür rausgehen, die U-Bahn besteigen, dann muss ich aus der U-Bahn rausgehen, das heißt, wenn wir ein bestimmtes Ereignis in einer bestimmten Zeit erreichen wollen, müssen wir es in eine Handlungsanweisung übersetzen. Und diese Handlungsanweisung ist das, was das Gehirn abspeichert. Musik Stock up Länge: 0´31´ SPRECHERIN Und deshalb kann das Gehirn aus Erfahrung mit einer gewissen Ungenauigkeit abschätzen, wieviel Zeit beim Zähneputzen, Anziehen oder beim Kaffeetrinken vergeht und wieviel Zeit uns dann noch bleibt, um pünktlich zur Arbeit zu kommen. Dieses Denken in Handlungsabfolgen hilft aber nicht nur dabei, sich in der Zeit – auch ohne Zeitmesser – zu orientieren, sondern auch dabei, Ereignisse zeitlich einzuordnen. Dazu hat Dr. Jacob Bellmund geforscht. Er arbeitet am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig: TAKE 16 (O-Ton Bellmund) L: 0, 30 Wir haben keinen direkten Sinn für Zeit, aber für unser Gehirn ist Zeit oder Rhythmen natürlich sehr wichtig. Auf verschiedenen Ebenen. Wenn mir jemand einen Ball zuwirft, muss ich ganz präzise abschätzen können, wann der bei mir ankommt, wenn ich ihn fangen will, oder anderseits steuert unser Gehirn auch die Ausschüttung von Hormonen, in einem zirkadianen Rhythmus in unserem 24 Stunden Tag-Nacht-Rhythmus. SPRECHERIN Dieser zirkadiane Rhythmus wird umgangssprachlich auch als innere Uhr bezeichnet. Und sie ist existentiell für uns, weil sie lebenswichtige Vorgänge im menschlichen Körper steuert. Aber damit ist der Mensch keine Ausnahme, selbst kleinste Lebewesen wie Einzeller verfügen über ein…

    Full show notes at the publisher

    Hunde und ihr Geruchssinn - Die Supernasen im Tierreich Jun 12, 2025
    Show notes

    Die Hundenase ist ein echtes Hochleistungsorgan. Hunde verfolgen Wild, spüren Verschüttete auf, erschnüffeln Drogen oder Sprengstoff und können sogar Krankheiten am Geruch erkennen. Ihre Nasenlöcher nehmen unabhängig voneinander Gerüche wahr. Doch nicht nur das macht die Hundenase so besonders. (BR 2021) Autorin: Claudia Steiner CreditsAutorin dieser Folge: Claudia SteinerRegie: Kirsten BöttcherEs sprachen: Werner HärtlTechnik: Peter PreußRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Christoph Lipp (Polizeihundestaffel München);Carola Fischer-Tenhagen (Dr.; Tiermedizinerin, Privatdozentin an der Freien Universität Berlin);Juliane Bräuer (Dr.; Biologin, Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena) Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissen JETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Musik 1 „Curious Tension“ – Z8034434106 – 41 Sek + ATMO 1 (Polizeihundestaffel, Take 5, 1.10 / Schnüffeln) SPRECHER Hank schnüffelt was. ATMO 1 (Schnüffeln) SPRECHER Wenn der belgische Schäferhund der Münchner Polizeihundestaffel eine Spur verfolgt, zieht er bis zu 300 Mal pro Minute durch die Nase Luft ein und stößt sie wieder aus. Hunde verfolgen Wild, spüren Verschüttete auf, erschnüffeln Drogen oder Sprengstoff. Weil sie so hoch empfindliche Nasen haben, werden sie gerne bei der Jagd, beim Retten von Verschütteten, beim Zoll oder eben auch von der Polizei eingesetzt. Hanks Herrchen, Christoph Lipp, ist Polizist und arbeitet bei der Hundestaffel der Münchner Polizei: O-TON 1 (Lipp, 1, 1.27) Ich glaube Rauschgifthunde, Sprengstoffhunde, auch Leichenhunde, Brandmittelspürhunde oder Alpin-Suchhunde hat bestimmt jeder schon mal gehört. Das ist auch bei uns so: Jeder Hund bei uns hat eine Spezialausbildung. Der Hank zum Beispiel ist ein Sprengstoffsuchhund. Dann haben wir natürlich Rauschgifthunde, Banknotenhunde und einen Leichensuchhund. Zusätzlich haben wir noch ein paar Spezialisten, das sind die Personensuchhunde, so landläufig auch ganz gern als Mantrailer bekannt. SPRECHER Mantrailer suchen einen bestimmten Menschen. Sie kommen zum Einsatz, wenn etwa eine verwirrte Person aus einem Seniorenheim weggelaufen ist. Vor der Suche wird dem Hund eine Geruchsprobe des Gesuchten vorgehalten, zum Beispiel ein Kleidungsstück. Der Hund soll dann die spezifische Spur finden und ihr folgen. ATMO (Bellen, Jaulen) SPRECHER Hank ist ein ziemlich verschmuster Polizeihund. Er will gestreichelt werden, schmiegt sich an, ist verspielt, aber sobald er mit Christoph Lipp trainiert, ist der Rüde wie ausgewechselt. Er ist aufmerksam, fokussiert und hochkonzentriert: O-TON 2 (Lipp, 1, 9.31) Er kann ganz stark unterscheiden zwischen: wir befinden uns jetzt in einem Ruhemodus und einem Spaßmodus und jetzt geht es ernsthaft zur Sache. Und dann werden sie den Hund auch nicht wiedererkennen. (…) Da ist dann Schluss mit: Ich freue mich jetzt mal so riesig. SPRECHER Auf dem Gelände der Polizeihundestaffel in München trainieren die Hundeführer regelmäßig mit ihren Hunden. Fuß, Platz, Bring, Steh, Aus, Hier – sind nur einige der Kommandos, die die Tiere befolgen können müssen. Sie lernen auch, wie man zum Beispiel Einbrecher verbellt. ATMO 2 (Lipp, 4, 6.52) (Polizei kommen sie raus, sonst kommt der Diensthund, Hank bellt) SPRECHER Oder üben eben – wie im Fall von Hank – die Suche nach Sprengstoff: O-TON 3 (Lipp, 3, 0.08) Das ist ein militärischer Sprengstoff, PETN. Man sieht: Es schaut aus wie ein bisschen Knetmasse. Das ist sehr handhabungssicher, da müssen wir uns keine Gedanken machen, dass uns was passiert. (Redet mit dem Hund …) SPRECHER Zur Demonstration versteckt Christoph Lipp die Plastiktüte mit dem Sprengstoff in einer Garage. Er legt den Beutel in eine Metallschublade – Hank ist ein Stück weit entfernt und sieht nicht, wo sich der Sprengstoff befindet. Dann macht sich Hank auf die Suche. Er läuft durch den Raum und schnüffelt: O-TON 4 (Lipp, 4, 17.15 ) Haben Sie das Verhalten vom Hund gerade gemerkt, als er in diese Geruchswolke reingekommen ist. Der ganze Hund verändert sich, wird wesentlich aufgeregter und dann zum Schluss, wenn er es lokalisiert hat - ruhiger. …. SPRECHER Wie versteinert steht Hank vor der Schublade. Seine feuchte Nase ist ein paar Zentimeter von dem Sprengstoff entfernt. Seine Muskeln sind angespannt, er bewegt sich keinen Millimeter – bis er das Kommando von Christoph Lipp hört: O-TON 5 (…weiter von O-Ton 4) O.k. … Und er soll gar nicht versuchen, in diese Schublade reinzukommen oder sonst was. Er soll nur zeigen: Da ist es. (…) Wir nennen das Ganze „Einfrieren“, das hat man, glaube ich, ganz schön gesehen. Selbst die Rute ist komplett ruhig. Also der ganze Hund ist ruhig und zeigt nur noch mit der Nase. Musik 2 „dogstep“ - Z9509547103 – 15 Sek. + Hunde-Atmo SPRECHER Was macht Hundenasen so außergewöhnlich? Hunde gehören mit ihrer feinen Nase zu den Makrosmatikern. Der Geruchssinn von Makrosmatikern ist sehr gut entwickelt und spielt eine große Rolle innerhalb der Sinne. Auch Mäuse und Ratten gehören zu den Tieren, die sich vor allem über ihren Geruchssinn orientieren, so Carola Fischer-Tenhagen. Die promovierte Tiermedizinerin ist Privatdozentin an der Freien Universität Berlin: O-TON 6 (Tenhagen, 1, 8.40 / 8.20) Es gibt ja dieses doch relativ bekannte Projekt, wo in Afrika Ratten eingesetzt werden. Das sind spezielle Ratten, also so Riesenratten, um Sprengstoff zu schnüffeln. Also die versuchen auch in Angola, die Minenfreiheit dort mit den Ratten zu erarbeiten. / Also tatsächlich sind Ratten sogar besser als Hunde, und Mäuse sind auch sehr, sehr gut. Und warum arbeiten wir nicht so viel mit Ratten? Wir arbeiten ja mit Ratten, auch als Riechtiere, aber ich glaube, dass uns der Hund einfach viel sympathischer ist zum Trainieren ATMO (Schnüffeln) SPRECHER Die Anatomie der Hundenase ist besonders gut geeignet, um Gerüche aufzunehmen. Hunde saugen beim Schnüffeln die Luft mit hoher Frequenz in die Nasenlöcher ein. Ihre Nasenlöcher können unabhängig voneinander Gerüche wahrnehmen. Sie riechen also „stereo“. So können sie sich mit ihrer Nase räumlich orientieren und zum Beispiel erkennen, in welche Richtung ein Gesuchter gelaufen ist. Um diese räumliche Orientierung zu bestätigen, haben Forscher in den USA bei einer Studie eine solche Such-Situation nachgestellt, sagt Juliane Bräuer. Die promovierte Biologin leitet die Hundestudien am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena: O-TON 7 (Bräuer, 1, 7.29) Die Forscher wollten wissen, wie der Hund jetzt herausbekommt, ob der Mensch da von links nach rechts oder von rechts nach links gelaufen ist. (…) Die haben nämlich mit Teppichquardern gearbeitet und haben also immer Teile der Spur einfach weggenommen, und haben festgestellt: Der Hund braucht fünf Fußtapsen sozusagen, um zu wissen, in welche Richtung er gehen muss. Mit fünf schafft er das schon und dann macht er das offensichtlich über die Konzentration, weil die Konzentration ja sozusagen Richtung Mensch dann zunimmt. Musik 3 – „Curious tension“ – Z8034434106 - 51 Sek SPRECHER Hunde haben verschachtelte Nasengänge mit einer sehr großen Riechschleimhaut. Bei einem mittelgroßen Hund ist die Schleimhaut etwa 100 Quadratzentimeter groß und damit zehnmal so groß wie bei einem erwachsenen Menschen. Auf dieser Schleimhaut befinden sich Riechzellen. Auch das Riechhirn ist bei Hunden recht groß. Zum Vergleich: Bei Hunden ist das Riechhirn im Verhältnis zum Gesamthirn 40-mal größer als bei Menschen. Entwicklungsgeschichtlich gesehen gehört das Riechhirn zu den ältesten Teilen des Gehirns. Das Zusammenspiel zwischen ihrer hoch entwickelten Nase und dem Gehirn ermöglicht es Hunden, Gerüche sehr gut wahrzunehmen und im Fall von ausgebildeten Hunden, spezifische Gerüche anzuzeigen, sagt Carola Fischer-Tenhagen: O-TON 8 (Tenhagen, 1, 3.16) Das heißt, wenn diese eingeatmete Luft jetzt (…) über diese Riechzellen gleitet, heften die Moleküle an bestimmte Rezeptoren. Das kann man sich so wie ein Schlüssel-Schloss-Prinzip vorstellen. Und dann, wenn eben diese Kombination von dem gewünschten Geruch da sind, dann kommt so eine Erregung in den Riechzellen, die gleichzeitig eine Verbindung zu dem Riechhirn haben, also eine sehr direkte Verbindung. Und dann kommt es eben zu der Wahrnehmung des Geruchs. Und wenn der Hund dann eben das auch gelernt hat, also das ist eine Konditionierung, (…) dann kann er eben ein bestimmtes Verhalten auf diesen Geruch zeigen, nämlich seinem Herrchen Bescheid sagen: ‚He du, ich hab‘ da was gerochen.‘ SPRECHER Die Geruchsmoleküle werden sowohl beim Einsaugen als auch beim Ausströmen der Luft über die Riechschleimhaut geleitet, sodass die Geruchsmoleküle gleich zwei Mal die Möglichkeit haben, an einen Rezeptor zu gelangen. ATMO Bellen /Winseln + Musik 4: „dogstep“ – Z9509547103 – 35 Sek SPRECHER Bei der Polizei werden gerne deutsche und belgische Schäferhunde, aber auch Riesenschnauzer eingesetzt, grundsätzlich haben aber auch andere Hunderassen sehr gute Nasen. Selbst Möpse mit ihren platten Nasen haben bei Tests sehr gut abgeschnitten. Polizeihunde müssen nicht nur verschiedenste Kommandos lernen, so dass sie beim Einsatz aufs Wort folgen, sie müssen auch trainieren, dass es eben auf einen spezifischen Geruch ankommt und diesen dann dem Hundeführer anzeigen. Die Ausbildung dauert ein bis zwei Jahre, sagt Hundeführer Christoph Lipp: O-TON 9 (Lipp, 1, 11.27) Alle unsere Hunde sind nach einem Belohnungsprinzip ausgebildet, im Endeffekt das Pawlow’sche-Prinzip. Erst mal Klicker beigebracht. Da muss man ausholen, der Klicker ist halt einfach ein Instrument, mit dem ich den Hund erst einmal beibringe. Immer wenn dieses Geräusch erfolgt, passiert was Gutes für dich. SPRECHER Der russische Wissenschaftler Iwan Petrowitsch Pawlow hatte Anfang des 20. Jahrhunderts Lernprozesse wie die Konditionierung erforscht. Er stellte fest, dass man Hunde dazu bringen kann, dass sie mit Speichelfluss reagieren, wenn man einen Glockenton erklingen lässt. Diese Reaktion ist ein erlernter Prozess, denn normalerweise reagieren Hunde nur beim Anblick von Futter mit Speichelfluss. Dieses Belohnungsprinzip nutzen auch die Hundeführer der Polizei: O-TON 10 (Lipp, 1, 11.27 …weiter) Pawlow hat das eben mit Futter gemacht. Wir haben das Ganze mit Futter und einem Spielzeug noch zusätzlich verknüpft. Das heißt, je nach Hund und je nach Situation möchte ich, dass der Hund sich richtig, richtig freut. Und er steht mehr aufs Spiel. Dann nehme ich das Spielzeug, ist er eher von der Sorte: Ich stehe aber mehr auf Futter. Dann kann ich natürlich so arbeiten, oder ich kann auch so arbeiten, indem ich sage, beim Spielen wird er zu aufgeregt. Dann kann ich das Ganze bisschen dosieren und sagen: Jetzt kriegst du nur ein Futterstückchen, da freust du dich zwar auch, aber das ist nicht das höchste der Belohnungen für dich. Also, da muss man so ein bisschen Fingerspitzengefühl walten lassen, wann man welche Belohnung wählt. ATMO 3 (Lipp, 4, 7.42, Ja super machst du das ….) + ATMO Hund winselt SPRECHER Für die Polizeiarbeit sind Hunde so wertvoll, weil sie Gerüche differenzieren und einzelne Geruchselemente herausriechen können. Christoph Lipp vergleicht das mit Essensgeruch: O-TON 11 (Lipp, 1, 16.22) Wenn Sie nach Hause kommen, und der Mann hat einen Schweinebraten gekocht. Dann machen Sie die Tür auf und sagen: Oh, es riecht nach Schweinebraten. Sie haben so eine Gesamtduftwolke einfach vor sich. Und der Hund würde zur Tür hereinkommen. Und der riecht den Gesamtgeruch und kann zwischendrin noch raus riechen. Da ist Pfeffer, da ist vielleicht ein bisschen Knoblauch noch mit drin. Und das macht die Hundenase für uns eben auch in der Spezialsuche so wertvoll, weil sonst könnte ich ja rein theoretisch einfach nur einen Duftstoff nehmen, der stärker riecht wie das, was der Hund suchen soll, um es zu überdecken. Und das funktioniert halt einfach nicht. SPRECHER Das heißt, wer denkt, er könnte den Geruch von zum Beispiel Cannabis mit stark riechenden Gewürzen überdecken, scheitert bei einer Kontrolle an den empfindlichen Supernasen. Musik 5: „Gangsta luv“ – Z9376301004 -12 Sek + Atmos Hund SPRECHER Hunde können auf alle möglichen Gerüche trainiert werden, nicht nur auf Cannabis, Kokain oder Heroin, Sprengstoff oder Falschgeld, sondern auch auf bestimmte Krankheiten. Zumindest deutet einiges darauf hin, sagt die Tierärztin Fischer-Tenhagen: O-TON 12 (Tenhagen, 1, 9.42) Also es gibt Hinweise dafür, dass das funktioniert. Und da sind wir bei verschiedenen Krebserkrankungen. (…) Dann diverse Viruserkrankungen. Das ist ja jetzt mit Corona ganz aktuell gewesen, dass schnell Berichte kamen, dass Hunde Coronaviren erkennen können. SPRECHER Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover und der Bundeswehr haben herausgefunden, dass speziell ausgebildete Spürhunde aktive Corona-Speichelproben identifizieren können. Nach einem nur siebentägigen Training konnten die Spürhunde Corona anzeigen – was sie allerdings genau riechen, ist unklar. Es wird vermutet, dass die Hunde Veränderungen im Stoffwechsel riechen, die durch eine Infektion ausgelöst werden. Doch das sind nicht die einzigen Einsatzmöglichkeiten in der Medizin, weiß die Forscherin: O-TON 13 (Tenhagen; 1, 10.02) Und dann gibt es auch gewisse Bakterien-Erkrankungen, die der Hund erschnüffeln kann. Dann gibt es ja Diabetes-Anzeige-Hunde, wobei bei diesen Diabetes-Anzeige-Hunden genauso wie diesen Epilepsie-Anzeige Hunden nicht 100-Prozent klar ist, ob es tatsächlich der Geruch ist (…) oder auch andere Veränderung, die (…) Menschen kurz vor einem Anfall haben. Dass sie die spüren, was ja eigentlich egal ist. Hauptsache, der Hund zeigt es an. Musik 6: „Surgery“ – C1576650112 – 39 Sek SPRECHER Forscher der Universität Neapel Federico II haben herausgefunden, dass Hunde sogar Gefühle riechen können. Dafür mussten sich Hundebesitzer verschiedene Videos anschauen, währenddessen wurden Geruchsproben genommen. Wenn die Besitzer einen angsteinflößenden Film angesehen hatten, reagierten die Hunde auf die Geruchsprobe angespannt. Ihre Herzfrequenz erhöhte sich. Schauten sich die Besitzer dagegen einen schönen Film an, reagierten die Hunde auf die Geruchsprobe entspannt. Musik aus. SPRECHER Damit die Hundenase gut funktioniert, muss sie immer feucht sein. Bei hohen Temperaturen riechen Hunde schlechter, sagt die Berliner Tierärztin: O-TON 14 (Tenhagen, 1, 14.55) Diese Geruchsmoleküle müssen sich schon auch ausbreiten können, und dafür braucht es eben eine gewisse Luftfeuchtigkeit. Und das wissen wir auch. (…) Die Riechschleimhaut muss feucht sein, um diese Gerüche dann eben auch transportieren zu können. SPRECHER Und auch wenn der Wind aus der falschen Richtung kommt, ist es für Hunde schwieriger, einer Spur zu folgen. Um überhaupt riechen zu können, müssen Hunde ihre Nase ‚aufmachen‘, also aktiv schnüffeln. Bei normaler Atmung erreichen nur etwa zwei Prozent der in der Luft enthaltenen Duftstoffe die Riechzellen, unter anderem weil dann auch Luft durch das Maul strömt. Das heißt, es scheint, als könnten Hunde ihre Nase an- und abschalten. Juliane Bräuer: O-TON 15 (Bräuer, 1, 11.35) Einer Sache, der ich jetzt so ein bisschen auf der Spur bin, ist die Frage, wie gut Hunde eigentlich riechen, wenn sie nicht schnüffeln. Und es gibt da auch Anatomen, die sagen: Ein Hund kann überhaupt nichts riechen, wenn er zum Beispiel hechelt, weil wenn er hechelt, geht die Luft durch den Mund (…) und wird nicht durch die Nase gedrückt und die Nasenschleimhaut kann das schlecht aufnehmen und deshalb kann der relativ schlecht riechen. SPRECHER In einer der Studien von Juliane Bräuer mussten Hunde ihren Besitzer suchen. Dabei fiel auf, dass einige Hunde erst einmal offenbar keine Spur aufgenommen haben. (O-TON 16 (Bräuer, 1, 11.35 weiter… ) Und tatsächlich in unserer Studie mit den Besitzern, da gab es Hunde, die si…

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    Zikaden - Der Sound des Sommers Jun 11, 2025
    Show notes

    Wie kann ein kleines Insekt so laute Geräusche erzeugen? Diese Frage stellt sich mancher Mittelmeer-Urlauber beim Gesang der Zikaden. Längst nicht alle Zikadenarten singen, manche sind lästige Pflanzenschädlinge. (BR 2017) Autorin: Christiane Seiler

    Credits
    Autor/in dieser Folge: Christiane Seiler
    Regie: Christiane Klenz
    Es sprachen: Irina Wanka, Christian Baumann, Julia Cortis
    Technik: Regina Staerke
    Redaktion: Bernhard Kastner

    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

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    Schmetterlinge - Die mit den Füßen schmecken
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    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
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    Amoklauf - Die Psychologie der blinden Gewalt Jun 11, 2025
    Show notes

    Amok, eine impulsiv auftretende, scheinbar blindwütige Affekthandlung? Kriminologen gehen vom Gegenteil aus: Die meisten Taten finden nicht spontan statt, sondern sind detailliert geplant. Und: So gut wie alle Täter leiden - zumindest aus ihrer Sicht - unter ausbleibender Anerkennung. Ihnen fehlen angemessene Strategien, um Kränkungserlebnisse einzuordnen und zu verarbeiten. Von Prisca Straub (BR 2017)

    Autorin dieser Folge: Prisca Straub
    Regie: Martin Trauner
    Es sprachen: Julia Cortis, Andreas
    Technik: Andreas Lucke
    Redaktion: Susanne Poelchau


    Mythos Mond - Wie beeinflusst uns der Erdtrabant? Jun 11, 2025
    Show notes

    Er ist ein "herausgerissenes Kind" der Erde, ihr "natürlicher Satellit" und "treuer Begleiter" - und für die Menschheit von überragender Bedeutung: Ohne den Mond würde es uns vermutlich gar nicht geben. Doch wie genau wurde er zum Geburtshelfer für das Leben auf der Erde und wie hilft er bis heute, es zu bewahren? Von Martin Schramm (BR 2024) CreditsAutor dieser Folge: Martin SchrammRegie: Sabine KienhöferEs sprachen: Andreas Neumann, Rahel Comtesse, Clemens NicolRedaktion: Iska Schreglmann Im Interview:Harald Lesch, Professor für Astrophysik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Lehrbeauftragter für Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie München.Dipl.-Geol. Ulrich Köhler, Planetengeologe am DLR-Institut für Planetenforschung in Berlin-Adlershof. Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Wie entstehen Planeten? - Alles NaturErde, Mars, Jupiter, Neptun... Wie entstehen Planeten? Weshalb sind sie so unter-schiedlich - manche groß, manche klein, manche aus Stein, andere aus Gas...? Und wie werden aus Staubkörnchen Giganten? (BR 2021) Von Aeneas RoochJETZT ENTDECKEN Der Weltraum und wir - Vom Aufbruch der Menschen ins All Weltraum-Reiseberichte gibt es seit Jahrtausenden. Was früher reine Fiktion war, ist mittlerweile oft real. Wie hat sich das Verhältnis von uns Menschen zum Weltraum entwickelt und wie weit reicht unser Blick ins All mittlerweile? Von Christian Schiffer (BR 2022)JETZT ENTDECKEN Schwerelosigkeit - Die Faszination des Schwebens Astronauten im All sind schwerelos. Doch das dauerhafte Schweben verändert ihren Körper. Der Wissenschaft geben manche Veränderungen Rätsel auf. Wie lassen sich die Effekte vermeiden? (BR 2019) Von Aeneas Rooch JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Der Anfang von allem - Gab es den Urknall doch nicht?Das Universum ist mit dem Urknall vor knapp 14 Milliarden Jahren entstanden, so die gängige Theorie. Aber sie kann nicht alles erklären, etwa, warum sich das Weltall immer schneller ausdehnt. Deswegen suchen Kosmologen nach alternativen Erklärungen. In unserer heutigen Podcast Folge geht es um die Frage: hat es den Urknall, den Big Bang wirklich gegeben? IQ Wissenschaft und ForschungJETZT ENTDECKEN Von Ufos und Aliens - Unerklärliche HimmelsphänomeneSind wir Menschen allein im Universum? Wahrscheinlich nicht, aber gesehen hat noch niemand außerirdisches Leben. Nicht nur Verschwörungsgläubige interessieren sich für Aliens, sondern auch seriöse Wissenschaftler. Und die sagen: Unsere Suche nach Außerirdischen sollte noch professioneller werden! (BR 2021) IQ Wissenschaft und ForschungJETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Der Weltraum - vor viereinhalb Milliarden Jahren. - Ein Protoplanet, Vorläufer der heutigen Erde, hat eine schicksalhafte Begegnung: Er kollidiert mit einem anderen Himmelskörper. Ein gigantischer Knall, bzw. eine Art „Streifschuss“, der Masse aus dem Mantel der Erde reißt - und dafür sorgt, dass sie fortan einen „treuen Begleiter“ hat, einen „natürlichen Satelliten“: den Mond. SPRECHERIN So oder so ähnlich könnte sich das damals abgespielt haben. Und auch wenn manches Detail noch im Dunklen liegt, uns dieser treue Begleiter bis heute noch jede Menge Rätsel aufgibt - fest steht: Ohne den Mond würde es uns Menschen vermutlich gar nicht geben - zumindest hätte sich einiges auf der Erde ganz anders abgespielt. MUSIK: Howling moon 0‘15 GERÄUSCH: Erdbeben ZITATOR Der Geburtshelfer - oder: Das herausgerissene Kind der Erde SPRECHER Er ist ein Riese. Mit seinem Durchmesser von fast dreieinhalb Tausend Kilometern misst er mehr als ein Viertel des Erddurchmessers. SPRECHERIN Und dieses Verhältnis „Mond - Erde“ ist ein Superlativ in unserem Sonnensystem. Kein anderer Planet dort hat einen größeren Begleiter - im Verhältnis zu seiner eigenen Größe - sieht man mal von „Zwergplaneten“ wie Pluto und seinem Mond Charon ([ˈkaːrɔn] [ˈçaːrɔn] [çˈaːʁɔn]) ab. SPRECHER Die Erde hat, wie der Astrophysiker Harald Lesch gerne sagt, also einen Mond, der ihm Dienstgrad-mäßig gar nicht zusteht. Doch wie kommt das? MUSIK: Apollo 0‘40 GERÄUSCH: Baustelle SPRECHERIN Dieses Rätsel hat die Astronomen lange Zeit beschäftigt. Und ein wichtiges „Puzzleteil“, um es zu lösen, sind Gesteinsproben vom Mond. SPRECHER Im Rahmen der Apollo-Missionen wurde dieses Gestein mit Hämmern, Bohrern, Schaufeln, Rechen und Zangen eingesammelt, in Tüten gesteckt und zur Erde gebracht. - Und die Analyse dieses Materials hatte es in sich: 01-O-TON Lesch Analyse „Die Analyse des Mondgesteins, immerhin 400 Kilogramm, ergibt ganz eindeutig: Das Mondgestein ist so wie das Erdmantel-Gestein, nur ohne flüchtige Elemente. Das heißt, der Mond ist in seiner Zusammensetzung der Erde unheimlich ähnlich. Aber was fehlt, sind die Elemente, die bei einem starken Einschlag verschwinden, weil es heiß wird.“ SPRECHERIN Erklären lässt sich das eigentlich nur durch das bereits eingangs geschilderte „Kollisions-Szenario“: ein anderer Planet, der rund 20 % der Erdmasse hatte, muss mit der Urerde kollidiert sein: 02-O-TON Lesch Kollisionsszenario „Und der musste deswegen so schwer sein, wenn man das betrachtet, der Mond ist ja ein Körper, der außerhalb der Erde ist und ein Einschlag, der zu schwach ist, da fällt das Material einfach wieder auf die Erde runter. Es muss also genügend Bewegungsenergie drin sein, dass das Zeug so weit raus geschleudert wird, dass es nicht wieder auf die Erde zurückfällt. Daher die große Masse. Dieser Einschlag durfte, aber nicht so gedacht, nicht so gewesen sein, also irgendwie zentral volles Rohr sozusagen, sondern der muss streifend gewesen sein. Und dann bildet sich in einem Abstand von 60.000 Kilometer, also zehn Erdradien, bildet sich ein Gesteins-Ring - und innerhalb von wenigen Monaten, es gibt verschiedene Computersimulationen. Die einen sagen innerhalb von wenigen Monaten, die anderen sagen innerhalb von wenigen Jahren, ist aber angesichts der Tiefe der Zeit, in die wir da hineinblicken, auch wurscht, bildet sich der Mond.“ MUSIK: Earthquake 0‘42 SPRECHER Eben aus jenem Material, das durch den heftigen Streifschuss vor allem aus der Erdkruste gelöst, stark erhitzt und in eine Erdumlaufbahn geschleudert wurde - um sich dort zusammenzuballen und zu einem Begleiter der Erde zu formen. SPRECHERIN Der Mond ist also vermutlich so etwas wie ein „herausgerissenes Kind“ der Erde. - Kein Begleiter, den die Erde irgendwie aus dem Weltall „eingefangen“ hat, oder der sich wie ein „Wassertropfen“ von der Urerde abgespalten hat - oder was sonst noch an möglichen Theorien kursierte. SPRECHER Und dieses Kind entfaltet zu seiner Mutter eine wechselvolle Beziehung: Mond und Erde ziehen sich gegenseitig regelrecht an - ganz ohne Magie: 03-O-TON Lesch Gravitation „D.h. das Erde-Mondsystem beeinflusst sich gegenseitig, und zwar exakt in der Art und Weise, dass die Erde den Mond so anzieht, wie der Mond die Erde anzieht. Actio gleich Reactio. Gute alte Newtonsche Physik. Wir brauchen hier keinen Einstein. Wir brauchen gar nix. Wir haben zwei Massen, die sich gegenseitig beeinflussen. Und der Mond heute im mittleren Abstand von 400.000 km beeinflusst über seine Masse die Massenbewegungen auf der Erde, in der Erde, und die Massebewegung der Erde selbst. Das mal grundsätzlich.“ SPRECHERIN Und dieser Gravitation, also Schwerkraftwirkung, verdanken wir dann Phänomene wie „Ebbe und Flut“ - SPRECHER - und eine Art „Knetmaschineneffekt“: 04-O-TON Lesch Knetmaschine 4:30 „Es gibt also tatsächlich zwei Wasserhügel, und die drehen sich um die Erde und zwar deshalb, weil die Erde sich unter ihnen weg dreht. Und das gleiche, was fürs Wasser gilt, gilt auch fürs Gestein. Während man es beim Wasser schön sehen kann - man stellt sich einfach in die Nordsee. Wartet sechs Stunden, und wenn man eben noch im Trockenen stand, wird man dann je nach dem wie weit man ins Watt hinausgelaufen ist, wird einem das Wasser bis zum Hals stehen. Ich kann nur warnen davor. Das Wasser kommt extrem schnell. Und das gleiche gilt also auch fürs Gestein. Das Gestein wird im Mittel um 30 cm angehoben. Und zwar überall auf der Welt. Das ist praktisch so eine ganz große Knetmaschine, die dadurch entsteht, dass die Erde sich am Mond vorbei dreht - und der Mond sich aber gleichzeitig noch einmal im Monat exakt einmal um den Mond herumdreht.“ 5:25 SPRECHERIN Diese Effekte haben sich im Laufe der Zeit allerdings stark verändert: Der Mond geht nämlich langsam aber sicher auf Distanz zu seiner Mutter, strebt jedes Jahr um ca. eine Daumenlänge, etwa 3,8 Zentimeter von ihr weg. GERÄUSCH: Meer SPRECHER Was andererseits bedeutet: Gerade in seiner Frühzeit vor Milliarden von Jahren war der Mond der Erde erstaunlich nahe – und die Gezeitenkräfte unglaublich heftig. - Ulrich Köhler, Planetengeologe am Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt: 05-O-TON Köhler Leben “Und da ist ein interessanter Aspekt zu betrachten: in der Zeit hat sich das Leben auf der Erde entwickelt, also vor etwa dreieinhalb Milliarden Jahre. Etwas mehr vermutlich. Und das heißt der Tidenhub war sehr viel stärker. Und wenn man eben davon ausgeht, dass das Meer auf der Erde sich die Mineralstoffe geholt hat durch eben die Gezeiten an der Küste, die immer wieder die Gesteine verwittert haben. Und das gelöste Material dann im Meerwasser - das Meersalz ist das einfachste Beispiel - dass das sehr gute Voraussetzungen geschaffen hat, dass das Leben im Ozean entstanden ist.“ SPRECHERIN Hinzu kommt ein weiterer Effekt: Die Erde wird durch den Mond regelrecht ausgebremst. Sprich: ohne Mond würde sich die Erde wesentlich schneller um die eigene Achse drehen - nicht in 24 Stunden wie heute - sondern eher in 9 bis 10 Stunden. GERÄUSCH: Wind SPRECHER Mit drastischen Folgen auch für das Leben auf der Erde. - Harald Lesch: 06-O-TON Lesch Flache Bewohner „Was hat das zu bedeuten – nun, wenn die Erde sich wesentlich schneller drehen würde, dann hätten wir sehr viel schnellere Strömungen in der Hochatmosphäre. Sogenannte schnelle Jetstreams. Die wären nicht 300, 400 km schnell, die wären 800, 900 km schnell. Und diese schnellen Strömungen übersetzen sich auf die tiefere Atmosphäre. Wir hätten hier Windgeschwindigkeiten zwischen 300 und 400 km - auf dem Boden! Wenn es also Lebewesen gäbe - dann wären die in jeder Hinsicht sehr flach. Und da ist der Zusammenhang: Also ohne den Mond würde es sicherlich keine aufrecht gehenden Homo sapiens geben. Wahrscheinlich nur Scholle, Scholle flach. Es hätte sich sicher auch Leben entwickelt, weiß ich nicht, - aber es wäre ganz anders geworden. In diesem Sinne hat der Mond für uns eine überragende Bedeutung.“ MUSIK: It will be fine (reduced) 0‘28 SPRECHERIN Der Mond wurde aber nicht nur zum Geburtshelfer für das Leben auf der Erde - er hat auch geholfen, das Leben auf der Erde bis heute zu bewahren: SPRECHER Wie die Ausleger bei einem Segelschiff stabilisiert er mit seiner relativ großen Masse nämlich auch die Neigung der Erdachse - Ulrich Köhler: 07-O-TON Köhler Der Stabilisator „Er sorgt mit seiner Bahn um die Erde dafür, dass die Erdachse relativ stabil im Raum orientiert ist. D.h. die Energieeinstrahlung der Sonne folgt einem klaren Muster, seit vielen Milliarden Jahren und verändert sich kaum. Und dadurch haben wir relativ stabile Bedingungen, die das frühe Leben sicherlich geschätzt hat. Und das macht natürlich einen großen Unterschied aus, wann wir Eiszeiten haben, wann wir Warmzeiten haben, wie das, was es sich auf der Erde verteilt und all diese Dinge. Also der Mond – ein schöner kleine Stabilisator für das Leben auf der Erde. Und das ist eine ganz wichtige Funktion.“ MUSIK: The great gig in the sky 0‘21 ZITATOR Der Mann im Mond - oder: The Dark side of the Moon SPRECHER Erste, relativ genaue Mondkarten zeichnet u.a. der Italiener Giovanni Battista Riccioli - Mitte des 17. Jahrhunderts. Durch sein Teleskop erkennt er hellere und dunklere Bereiche, die er als “Terrae” und “Maria” bezeichnet, also als “Länder” und “Meere” - wohl in der Annahme, dass es tatsächlich Wasser und Ozeane auf dem Mond geben könnte. SPRECHERIN Heute sind wir schlauer: bei diesen angeblichen „Mond-Meeren“ handelt es sich um dunkle Tiefebenen, gerahmt von Gebirgszügen. Also um große, extrem flache Beckenstrukturen, mit weiten Ebenen aus erstarrter Lava. Staubtrocken. Von Wasser erstmal keine Spur. MUSIK: Go through the cold (reduced) 0‘42 SPRECHER Diese Tiefebenen formen auch das typische Mondgesicht - bzw. den „Mann im Mond“ - der in anderen Kulturen schon mal als „Krokodil im Mond“, als „Mondhase“ - oder auch als „Frau im Mond“ gesehen wird, die Brennholz auf dem Rücken trägt. SPRECHERIN Doch wie immer man diese Krater auch interpretiert. Eines ist seltsam: Warum schauen wir von der Erde aus eigentlich immer in das gleiche „Mondgesicht“? Warum verschwindet es nicht, oder zeigt sich mal von der Seite? SPRECHER Die Antwort lautet: „gebundene Rotation“. Die Gezeitenkräfte haben den Mond in seiner Rotation völlig eingebremst. Der dreht sich dadurch exakt einmal um seine eigene Achse, wenn er sich exakt einmal um die Erde dreht. Deshalb sehen wir immer die gleiche Seite des Mondes, seine „Vorderseite“. MUSIK: Nocturnal research red 0‘41 SPRECHERIN Was jede Menge Spekulationen über die von uns abgewandte und dadurch irgendwie auch geheimnisvolle Rückseite hervorrief. Die daher auch gerne mal als „The Dark Side of the Moon“ bezeichnet wurde - was natürlich Unsinn ist. Denn es mag dort vielleicht noch so manches verborgen sein - dunkel ist es dort aber nicht immer. Sprich: die „dunkle Seite“ des Mondes ist regelmäßig auch seine „helle Seite.“ Es gibt also auch auf dem Mond Tag und Nacht. SPRECHER Doch die Menschheit musste ganz schön lange warten, bis das Geheimnis um die Rückseite gelüftet wurde. 08-O-TON Köhler Abgewandte Seite „Ja, da muss man sich bis in die 1960er-Jahre zurückversetzen und natürlich auch noch viel, viel früher. Das war schlichtweg ein Rätsel, wie die Mondrückseite aussehen würde, was würden wir dort erwarten? Und es war tatsächlich eine sowjetische Raumsonde, die Ende der 1950er-Jahre zum ersten Mal über die Mond Rückseite geflogen ist und Bilder zur Erde dann übertragen hat - und gezeigt hat, dass es dort etwas anders aussieht als auf der Mondvorderseite. Und seither wird es natürlich wissenschaftlich diskutiert, warum das so ist. Und eine richtige Antwort muss man ehrlicherweise sagen haben wir bis heute nicht.“ SPRECHER Kleine grüne Männchen waren auf den Bildern zwar nicht zu sehen, auch keine großen. Doch die Forscher staunten nicht schlecht über die Geografie der Rückseite: Im Gegensatz zur Vorderseite gibt es dort fast keine dunklen Tiefebenen, sondern vor allem kraterreiche “Hochländer.” SPRECHERIN Doch wie ist das zu erklären? - Entstanden sind diese Becken auf der Vorderseite vermutlich, als Meteoriten die noch dünne Kruste des Mondes durchschlagen haben, Magma an die Oberfläche drang und die Krater flutete. SPRECHER Die Kruste auf der Rückseite ist allerdings deutlich dicker als die auf der Vorderseite: fast doppelt so dick. Und damit vermutlich zu dick, um dem Magma den Weg nach oben frei zu geben. SPRECHERIN Warum die Kruste auf der Rückseite so viel dicker ist - dieses Rätsel hat man bislang aber nicht wirklich gelöst. MUSIK: The universe 0‘28 SPRECHER Ansonsten steht der Mond im Vergleich zur Mutter Erde recht schutzlos da: Er hat kein Magnetfeld, das ihn vor geladenen Teilchen schützt, die von der Sonne kommen. Und: er hat keine Atmosphäre. Folglich gibt es auch keine Wolken, kein Wasser an der Oberfläche, kein Leben - und es fehlt ein Schutzschild gegen Beschüsse aller Art: 09-O-TON Köhler Schutzschild „Na ja, das ist ein interessanter Aspekt. Denn, wenn der Mond keine Atmosphäre hat, wird er prak…

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    Toxische Beziehungen - Wenn Liebe giftig wird Jun 11, 2025
    Show notes

    Eifersüchtiger Ehemann? Extrem anhängliche Freundin? Immer häufiger werden Beziehungen als toxisch bezeichnet. Alles nur Küchenpsychologie? Oder hilft es uns negative Beziehungen zu reflektieren und emotionalen Missbrauch öffentlich zu machen? Von Johanne Burkhardt (BR 2024) CreditsAutorin dieser Folge: Johanne BurkhardtRegie: Es sprachen: Technik: Redaktion: Susanne Poelchau Im Interview:Thies Hansen, Soziologe, Autor und PaarbereaterUmut Özdemir, Psychotherapeut, Nensy Le, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Psychologie der LMU München Quelle: Pussy Mind Soul von Sophia Thome: Toxische Beziehungen und Narzissmus - Meine ErfahrungYoutube Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.Wie wir ticken – Euer Psychologie Podcast Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN: Es ist eine der ältesten Geschichten der Welt. Zwei Menschen treffen sich, verlieben sich ineinander. Tauschen Zärtlichkeiten und Versprechungen aus. Im Bauch Schmetterlinge, auf der Nase die rosarote Brille. Alex kennt seinen Schwarm schon lange. Viele Jahre waren sie „einfach gute Freunde“. Bis an einem gemeinsamen Abend mehr daraus wird. O-TON 01: (Alex) Das ist entstanden, als wir uns irgendwie getroffen haben und dann sie zu mir gemeint hat, dass sie schon immer Augen hatte für mich. Und sich auch eine Zukunft mit mir vorstellen könnte. Und irgendwie war das bei mir auch schon immer so der Fall. Und dann ist da an einem Abend, was draus entstanden. Ein bisschen was getrunken gehabt und dann haben wir halt wild rumgeknutscht und uns irgendwie halbwegs Versprechungen gemacht. Ja, große Liebe. SPRECHERIN: Für Alex, der in Wahrheit anders heißt, beginnt diese Liebesgeschichte als er 26 ist. Er arbeitet damals als gelernter Koch in einem schwäbischen Restaurant. Den Namen seines Schwarms möchte er im Radio lieber auch nicht hören. Nennen wir sie also Clara. Auch sie arbeitet in dem Restaurant. Aus Freunden und Kollegen werden Liebende. O-TON 02: (Alex) Auf jeden Fall war dann erstmal ein sehr sehr großes Gefühl von Sicherheit da, was mir vermittelt wurde. Ich habe von ihr wirklich Bestätigung bekommen, auch viele Komplimente und alles Mögliche. Diese Kleinigkeiten, diese kleinen Aufmerksamkeiten. SPRECHERIN: Doch eine feste Beziehung möchte Clara erst einmal lieber nicht eingehen. Und auch das Gefühl der Sicherheit ist nur von kurzer Dauer. Nach zwei Wochen wendet sich das Blatt: Gegen Alex. O-TON 03: (Alex) Und dann ist plötzlich von heut auf morgen so eine richtige Abneigung gegenüber mir entstanden. Danach war es dann wirklich, also wie ausgewechselt. Sie hat mich gar nicht mehr beachtet. Mich konstant wirklich ignoriert auch. Wenn ich sie nur angesprochen hab, hat sie nur die Augen verdreht. Also ich war auf einmal abstoßend. Das hat sie mir wirklich gezeigt, dass ich abstoßend bin für sie. Musik SPRECHERIN: Hier könnte die Geschichte von Alex’ und Claras Beziehung zuende sein. Doch es ist, wenn man so will, gerade erst der Anfang. Denn das zwischen den Beiden wird noch zwei Jahre weiterlaufen. Es wird nicht nur eine unglückliche Beziehung, sondern eine toxische. Über toxische Beziehungen könnte Alex, wie er es selbst vor dem Interview mit Radio Wissen gesagt hat, ein ganzes Buch schreiben. Toxisch… im Sinne von bösartig, schädlich, zermürbend, giftig. Das Adjektiv hat sich längst fest im Sprachgebrauch eingebürgert. Dabei stammt das Wort toxisch eigentlich vom altgriechischen τόξον (= toxon) und kann mit Bogen oder Pfeil übersetzt werden. Von Gift ist also erst einmal keine Spur. Doch die Berliner Soziologin und Influencerin Katharina Wohlrab stellt fest: Zitat „Hatte Eros, der Gott der Liebe in der griechischen Mythologie, nicht auch immer Pfeil und Bogen dabei? Vielleicht wurde damals schon, zumindest in den Mythen, die toxischen Aspekte der Liebe mitgedacht.“ Doch werden mit toxisch längst nicht mehr nur Liebesbeziehungen beschrieben. Auch von toxischen Freunden und Familien hört man immer häufiger. O-TON 04: (Hansen) Also man kann da ja zunächst erst mal feststellen, dass sich im Diskurs da was verschiebt. Und auch da wäre: die Frage Was liegen da drunter für gesellschaftliche Umwälzungen? SPRECHERIN: Der Soziologe und Paarberater Thies Hansen glaubt nicht, dass nur weil mehr über toxische Beziehungen gesprochen wird, es auch mehr toxische Beziehungen gibt. Im Gegenteil: O-TON 05: (Hansen) Also es könnte ja sein, dass die ganze Aufmerksamkeit für toxische Beziehungen oder was damit gemeint ist, Ausdruck davon ist, dass es im Großen und Ganzen weniger toxische Beziehungen heute gibt als früher, weil es überhaupt ein Bewusstsein dafür gibt. Und vielleicht auch, weil es wichtiger geworden ist, heutzutage eine nicht toxische Beziehung zu führen. SPRECHERIN: Noch vor wenigen Generationen waren Partnerschaften vordergründig Zweckgemeinschaften. Nicht umsonst sprechen Soziologinnen und Soziologen von „Ein Acker heiratet den anderen“. Doch in den letzten Jahrzehnten habe die romantische Liebe massiv an Bedeutung gewonnen, so Hansen. Und auch wie diese genau aussehen soll, wird immer mehr reflektiert. O-TON 06: (Hansen) Also es verschiebt sich was, die Beziehungswerte verschieben sich. Dadurch rückt die Aufmerksamkeit mehr auf Phänomene, die bis vor gar nicht allzu langer Zeit noch als völlig normal gegolten haben. Also beispielsweise in unserer Großelterngeneration, würde ich sagen, ist so was so was wie emotionaler Missbrauch, emotionale Abhängigkeit völlig alltäglich gewesen. SPRECHERIN: Unsere Vorstellungen von dem, was in Beziehungen - ob romantisch, platonisch oder familiär - akzeptabel ist, verändert sich. Lange Zeit wurden vor allem psychische Formen der Gewalt übersehen. Das liegt auch daran, dass sie schwerer zu entlarven sind, als eine Ohrfeige, oder ein zu fest gepackter Arm. Doch das Bewusstsein wächst. Auch, weil unser Wissen über gelingende Beziehungen gewachsen ist, sagt der Soziologe Thies Hansen. Selbsthilfeliteratur und Beziehungsratgeber etwa gehören zu den meistgekauften Sachbüchern. O-TON 07: (Hansen) Also das, was vielleicht zuvor ein Expertinnenwissen war, beispielsweise Psychologinnen etc. vorbehalten, ist heute sehr, sehr viel mehr im Alltagsbewusstsein angekommen. SPRECHERIN: Doch Laien sind eben keine Experten. Wir wissen zwar mehr über gelingende Beziehungen als noch vor einigen Jahrzehnten - was aber nicht bedeutet, dass wir so ganz genau wissen, was eine toxischen Beziehung wirklich ausmacht. Man kann auf jeden Fall festhalten: Eine allgemein gültige oder gar wissenschaftliche Definition des Begriffs gibt es nicht. O-TON 08: (Özdemir) Die Gesellschaft hat vermutlich einen Begriff gebraucht, um dysfunktionale Beziehungen zu beschreiben. Hierbei ergibt sich aber auch direkt ein Problem, dass wir keine allgemeingültige Definition von toxischer Beziehung haben. Also ich weiß gar nicht, ob eine andere Person genau das darunter versteht, was ich darunter verstehe. Dann kann es auch passieren, dass wir - wir würden es in der Psychotherapie Plausibilitätsfalle nennen, dass wir da hineintappen. Also dass ich diese fehlende Info, also die Definition, einfach auch fülle mit dem, was ich darunter verstehe und im schlimmsten Fall völlig aneinander vorbei rede. SPRECHERIN: Der Psychotherapeut und Dozent Umut Özdemir berät in seiner Berliner Praxis Menschen speziell zu Sexual- und Paarthemen. Auch solche, die - nach ihrer eigenen Aussage - in einer toxischen Beziehung stecken. O-TON 09: (Özdemir) Ich frage erst mal nach was oder anhand welcher Beispiele und Faktoren, die ihre Beziehung als toxisch kennzeichnen oder definieren. Damit ich quasi ein Bild davon habe, worum es tatsächlich geht. Es sind unterschiedliche Antworten. Manchmal ist es ein "Ich werde im Streit angeschrien, von einer anderen Person“ bis hin zu tatsächlich körperlicher Gewalt, das kam auch schon vor. SPRECHERIN: Zieht man das Internet zu Rate, was eine toxische Beziehung ausmacht, scheint die Antwort eindeutig. Da werden z.B. Listen ausgespuckt, die Merkmale einer toxischen Beziehung aufzählen. Was dabei auffällt: Es werden vor allem psychische Komponenten genannt: Manipulation, extreme Liebesbekundungen - auch Love Bombing genannt. Stimmungsumschwünge, Herabsetzung, Kritik, Kontrolle. Musik SPRECHERIN: Nachdem Clara Alex für ein paar Tage die Kalte Schulter gezeigt hat, startet sie auf der Arbeit wieder einen Annäherungsversuch. O-TON 10: (Alex) Plötzlich von jetzt auf nachher stellt sie mir einen Kaffee hin. Weil sie ganz genau weiß, wie ich meinen Kaffee mache. Von jetzt auf nachher läuft sie vorbei, streichelt mir die Schulter. So kleine Aufmerksamkeiten kamen wirklich von jetzt auf nachher wieder. Also beim ersten Mal hab ich mich gefreut. Hab gedacht, okay, vielleicht ist es jetzt besser geworden. SPRECHERIN: Stattdessen ist es der Anfang eines Teufelskreises. Denn das Glück ist wieder nur von kurzer Dauer. O-TON 11: (Alex) Das Ganze lief eigentlich die ganze Zeit immer wieder im selben Kreislauf. Also es war wirklich totale Love Bombing Phase. Dann gab es immer irgendein Ereignis, wo ich als verrückt hingestellt wurde. Dann totale Kälte. Ablehnung. Abneigung. Dann Kontaktabbruch, beziehungsweise Abstand. Und dann wieder von vorne. Über fast zwei Jahre. SPRECHERIN: Alex wird zum Spielball für Claras Launen. O-TON 12: (Alex) Das hat mein Selbstwertgefühl also komplett bis in die Grundfeste erschüttert. Das hat dazu geführt, dass ich mich auf 60 Kilo runter gehungert habe. Ich habe gar nichts mehr gegessen und war dann wirklich spindeldürr. Was sie mir damals auch unterschwellig oft dann gesagt hat, dass ich zu dünn und zu schwach sei. Wenn ich irgendwas hochheben musste „Ja dafür hat er doch eh keine Kraft“. Da ist es mir direkt bis ins Knochenmark gefahren. Ich habe mich in der Zeit auch total abgeschottet. Ich bin gar nicht mehr rausgegangen. Musik (kurz frei stehen lassen) SPRECHERIN: Auch in sozialen Medien und Podcasts teilen immer mehr Menschen ihre persönlichen Erfahrungen mit toxischen Beziehungen. ATMO „STORYTIME“ Also Leute ich war in einer toxischen Beziehung. Hab die Beziehung beendet - natürlich sehr traumarisierend, natürlich sehr scheiße, war danach am Boden zerstört, bin danach in Therapie gegangen, was ganz oft passiert, weil wenn ein Narzisst mit dir fertig ist, denkst du du bist die Verrückte dabei wurdest du verrückt gemacht. SPRECHERIN: Stichwort Narzist: Was viele dieser „Story-Times“, die man zum Beispiel auf You Tube oder auf TikTok findet, gemeinsam haben: Zu einer toxischen Beziehung gehört scheinbar meist ein narzisstisches Gegenüber. Mal als Ursache für den Beziehungsstatus „toxisch“, mal als Begleitsymptom. Auch in Ratgebern zu toxischen Beziehungen taucht oft bereits im Klappentext das Schlagwort Narzissmus auf. Worin die Autorinnen und Autoren dieser Selbsthilfebücher zunächst recht haben: Mit einem Narzissten oder einer Narzisstin eine Beziehung führen ist tendenziell ziemlich schwierig. Sagt die Psychologin Nensy Le von der LMU München. O-TON 13: (Le) Also zum Beispiel ist es so, dass Paare mit mindestens einer narzisstischen oder einer stark narzisstischen Person häufiger streiten. Die Person ist oftmals weniger empathisch. Nach so einem Konflikt ist es zum Beispiel oft so, dass dann als Gegenreaktion Rache eine größere Rolle spielt. Die Personen sind auch tendenziell eher aggressiv oder verhalten sich eher aggressiv, sind weniger warm. SPRECHERIN: Doch ab hier wird es knifflig. Denn es gibt nicht „den Narzisten“ sondern eine ganz große Bandbreite von durchaus gesundem, normalem Narzissmus bis hin zu stark ausgeprägtem, pathologisch relevanten Narzissmus. O-TON 14: (Le) Das heißt aber auch im Umkehrschluss, dass jeder und jede von uns auf dieser Welt, auf diesen Nazissmuswert irgendwo zu verorten ist. SPRECHERIN: Und somit ist es ein Leichtes, das angeblich toxische Gegenüber als Narzisten oder Narzistin abzustempeln. SPRECHERIN: Doch vielleicht steckt hinter der vermeintlichen Erklärung „Er war Narzisst, deswegen war unsere Beziehung toxisch“ auch, dass man so die Schuld beim Gegenüber abladen kann, beobachtet der Soziologe und Paarberater Thies Hansen. O-TON 16: (Hansen) Vielleicht können wir, um uns dem Phänomen toxische Beziehung zu nähern, die Feststellung treffen: Toxisch sind immer die anderen. Ich bin in einer toxischen Beziehung, mein Partner ist schuld und Schuld ist ja auch immer das Gegenteil von Verantwortung. Und deshalb muss ich mich nicht mehr weiter damit auseinandersetzen. Und an der Stelle kann man vielleicht die Frage stellen, inwieweit diese Labels genutzt werden, um sich selbst mit seinen eigenen Beziehungen auseinander zu setzen und daran zu arbeiten, oder ob es mehr darum geht, da einfach ein Etikett drauf zu kleben und mit dem Finger auf andere zu zeigen, eine Schuldzuweisung zu machen und dadurch nicht selber die Verantwortung für das eigene Liebesleben zu übernehmen. SPRECHERIN: In einer Studie der US-amerikanischen Psychologin Dr. Diane Follingstad zu Gewalt in der Partnerschaft gaben alle Befragten an, dass sie selbst nur halb so oft psychische Gewalt in ihren Beziehungen ausgeübt hätten, wie ihre Partner. Natürlich kann die Stichprobe verzerrt gewesen sein, so dass eher Opfer von psychischer Gewalt teilgenommen haben. Wahrscheinlicher ist es jedoch, dass man sich selbst eben nur schlecht oder ungern an die Male erinnert, in denen man selbst zu weit gegangen ist. Da ist es leichter, die Schuld beim anderen zu suchen. Die Psychologin Nensy Le hat sich intensiv mit verschiedenen Formen von Gewalt in Partnerschaften beschäftigt. Sie kommt zu dem Schluss: O-TON 17: (Le) Es gibt common „couple violence“. Also in dem Fall sind beide Partner oder Partnerinnen gewaltvoll oder aggressiv, ohne aber dass dann weitergehendes Motiv dahinter steht. Man will nicht bestimmen, sondern das ergibt sich aus der Situation heraus irgendwie, weil man zum Beispiel keine anderen guten Strategien hat. Und diese Beziehungsgewaltform ist tatsächlich die häufigste, die wir antreffen, wenn wir das mal rundum betrachten. SPRECHERIN: Das heißt keinesfalls, dass es nicht auch Beziehungen gibt, in denen Gewalt - ob psychisch oder physisch nur von einer Person ausgeht. Vor allem körperliche Gewalt geht in Beziehungen zwischen einem Mann und einer Frau in der großen Mehrheit der Fälle vom Mann aus. Bei psychischer Gewalt ist das anders: In den meisten Fällen geht sie von beiden Parteien gleichermaßen aus. Das Geschlecht spielt dabei keine besondere Rolle. Die Forschung zeigt auch: der Anteil an Beziehungen, in den toxisches Verhalten vorkommt ist groß. O-TON 18: (Le) Also es schwankt ja durchaus von Studie zu Studie, aber bis zu 80- 90 % sind da ja nicht ungewöhnlich. Was natürlich zeigt, dass psychische Gewalt und psychisch aggressives Verhalten auf jeden Fall ein ernstzunehmendes Thema ist, weil es sehr häufig auftritt. Es zeigt aber auch gleichzeitig, dass ein gewisses Maß an aggressivem Verhalten in gewisser Weise auch ein bisschen normal ist SPRECHERIN: Die meisten wissen wahrscheinlich ganz genau, was sie sagen müssten, um einen geliebten Menschen zu verletzen. Häufig tun wir es auch, ohne uns darüber wirklich im Klaren zu sein. Ein kleiner Griff zum Handy des anderen… nur mal kurz WhatsApp checken. Nanu, wem hat er denn da geschrieben? Ein klarer Eingriff in die Privatsphäre. Und ein Haken auf der Checkli…

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    Ovids Metamorphosen - Verwandlungsgeschichten als Dauerbrenner Jun 10, 2025
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    Lasziv, also frech, unanständig und verspielt nennt der römische Rhetoriker Quintilian die Metamorphosen des Ovid. Vielleicht sind dessen Verwandlungsgeschichten gerade deshalb ein literarischer Dauerbrenner. Seit 2000 Jahren regen die Metamorphosen Musiker, Maler, Bildhauer und Dichter immer wieder zu neuen Werken an. Von Simon Demmelhuber (BR 2024) CreditsAutor dieser Folge: Simon DemmelhuberRegie: Christiane KlenzEs sprachen: Katja Amberger, Thomas Loibl, Benedikt SchregleTechnik: Daniele RöderRedaktion: Thomas Morawetz Im Interview:Prof. Dr. Markus Janka, Professor für Klassische Philologie/Fachdidaktik der Alten Sprachen, Ludwig-Maximilians-Universität MünchenDie Übersetzungen aus dem Lateinischen verfasste Markus Janka. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Homer - Der erste Dichter des AbendlandesWer Homer wirklich war, ist heute umstrittener denn je. Traditionell gilt er als der Verfasser der ersten literarischen Werke des Abendlands, der Ilias und der Odyssee. Und damit ist er der auch der Urvater beinahe aller nervenaufreibenden Geschichten. Von Thomas Morawetz (BR 2016) JETZT ENDTECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Hereinspaziert, verehrte Damen und Herren! Treten Sie näher, treten Sie ein! SRECHER Willkommen in Ovids Varieté der Verwandlungen! SPRECHERIN Sehen Sie selbst, wie Götter, Heroen und Menschen vor Ihren Augen zu Tieren, Pflanzen, Sternen und Steinen mutieren. SPRECHER Beklagen Sie Daphne, die zum Lorbeerbaum wird, um der Liebestollheit Apolls zu entkommen. SPRECHERIN Beweinen Sie Arachne, die gekränkter Götterstolz zum Leben als haarige Spinne verdammt. SPRECHER Lassen Sie sich rühren von Philemon und Baucis, denen gastfreie Güte die Gnade erwirkt, in Baumgestalt einander für immer zu lieben. SPRECHERIN Erschauern Sie mit Niobe, die der Schmerz über den Tod ihrer Kinder in einen weinenden Felsen versteinert. SPRECHER Betrauern Sie Byblis, die von Amor gedrängt, den eigenen Bruder begehrt. Von ihm verschmäht, zergeht sie in Tränen ewigen Kummers. SPRECHERIN Sie alle und zahllose mehr wechseln Form und Gestalt durch göttliches Wirken. Die einen zur Strafe, die andern zum Lohn, die Dritten zur Rettung. SPRECHER Nur eine Warnung vorweg: Hier geht es heftig zur Sache. Hier wird geliebt, gehasst, betrogen, gekämpft und gemordet. Hier toben Leidenschaften, hier waltet böses Geschick. Nichts bleibt, was es war, allein der Wandel besteht. MUSIK 2 Tobi Morare: Ghetto Beat SPRECHER Das Licht erlischt, der Vorhang steigt. Bevor das Spiel beginnt, ehren wir den Prinzipal des Etablissements mit einem herzlichen Applaus. Begrüßen Sie nun den unvergleichlichen, einzigartigen Erzdichter Publius Ovidius Naso! ATMO APPLAUS 43 vor Christus geboren, aus besten Verhältnissen stammend, vom Vater für die Ämterlaufbahn, von seinem Wesen aber zum Dichter bestimmt, fehlt ihm, wie er selbst gesteht, alles für die politische Karriere: ZITATOR Weder war mein Körper fähig, diese Arbeit zu ertragen, noch mein Verstand dafür angemessen, ständig war ich auf der Flucht vor Ehrgeiz und Stress. SPRECHERIN Mit knapp 20 Jahren legt er die Amores vor, eine Sammlung frivol-ironischer Liebesgedichte. Dem Erstling folgen die Ars amatoria, ein poetisches Lehrbuch der Liebeskunst und ein Remedia amoris betiteltes Arsenal hilfreicher Heilmittel für unglücklich Liebende. Die gefeierten Bücher festigen seinen Ruf als Experte für literarische Liebes- und Leibesnöte. Dann, um 8 nach Christus, vollendet er sein unsterbliches Großwerk: ZITATOR Publii Ovidii Nasonis Metamorphoseon Libri - Ovids Bücher der Verwandlungen ATMO: APPLAUS SPRECHER Die Metamorphosen - das sind rund 250 raffiniert ineinander verwobene mythologische Geschichten, in denen Menschen, Nymphen, Satyrn und Helden von Göttern teils schützend, teils strafend in Tiere, Pflanzen und anderes verwandelt werden. Mit diesem Werk schafft Ovid eines der wirkungsmächtigsten Bücher der Welt. SPRECHERIN Seit 2000 Jahren regen Ovids Verwandlungsgeschichten Dichter, Komponisten, Maler und Bildhauer zu eigenen Werken und Deutungen an. Kein anderer antiker Autor hat ein auch nur annähernd fruchtbares Nachleben. Kein anderes Buch, die Bibel ausgenommen, hat seine Geschichten und Gestalten tiefer in die geistige DNA des Abendlandes eingeschrieben. Die in einen Lorbeerbusch verwandelte Daphne, der vom Himmel ins Meer gestürzte Ikarus,– Ovids verwandelte Körper sind in der europäischen Kunst allgegenwärtig. SPRECHER Er ist der meistgelesene, meistimitierte römische Autor des Mittelalters. Schon die im 11. und 12. Jahrhundert verfassten Carmina Burana nutzen den Fundus der Verwandlungsgeschichten. Später lassen sich Dichter aller Epochen von ihnen inspirieren. Dass die frühesten Opern Titel wie La Dafne, oder L'Orfeo tragen und Komponisten noch immer ovidische Stoffe vertonen, bezeugt eine musikalische Dauerpräsenz, die vom Frühbarock bis in die Gegenwart reicht. SPRECHERIN Am eifrigsten schöpfen Maler und Bildhauer aus den Metamorphosen. Bereits die Römer lassen Ovidmotive in Marmor meißeln, aus Bronze gießen und auf Wände malen. Seither ist die Kette künstlerischer Anleihen ungebrochen. Wie ertragreich das Werk war und ist, beleuchtet eine Inventur des Kunsthistorischen Museums Wien: 40 der rund 2000 Bilder des Gesamtbestands zeigen ovidische Verwandlungsszenen. Das reicht locker für Platz 2 nach der Bibel und macht Ovid zum wichtigsten Kunstflüsterer der westlichen Welt. MUSIK 3 Ali N. Askin: Francis SPRECHER Die Erfolgsgeschichte hält nicht nur bis heute an, sie weitet ihren Wirkungskreis sogar kontinuierlich aus. Während die meisten antiken Texte allenfalls Fachwissenschaftler beschäftigen, inspirieren die Metamorphosen weiterhin Autoren, Theater- oder Ausstellungsmacher und neuerdings auch Video- und Performancekünstler. Darüber hinaus sorgen Comics, Zeichentrickfilme, Liebesratgeber und Videospiele für eine beispiellose Omnipräsenz in der Popkultur. SPRECHERIN Ovid und kein Ende! Ovid überall! Die Metamorphosen überspringen mühelos Generations- und Gattungsgrenzen. Aber wie lässt sich dieser crossmediale Dauer- und Breitenerfolg erklären? Warum gerade Ovid? SPRECHER Weil ihm mit den Metamorphosen ein zeitloses Meisterwerk gelungen ist, sagt Markus Janka, Professor für Klassische Philologie und Fachdidaktik der Alten Sprachen an der LMU München. 01 O-TON JANKA Ovid schafft ein Epos ganz eigener Art, das es so noch nie gegeben hat: eine unglaubliche Plastizität, Anschaulichkeit, Eindringlichkeit, das ist schon etwas ganz Großartiges! SPRECHERIN Die Karriere der Metamorphosen beginnt als literarischer Befreiungsschlag. Bereits die Zeitgenossen des Dichters rühmen das Neuartige und Kunstvolle der Dichtung. Mehr als die eigenwillige Behandlung des mythologischen Stoffs oder die Archetypik der Gestalten wecken zunächst formale und stilistische Innovationen die Neugier der literarischen Öffentlichkeit. SPRECHER Dass er mit den Metamorphosen ganz bewusst Neuland betritt, stellt Ovid von Anfang an klar. Gleich die erste Zeile packt den Innovationshammer aus: ZITATOR īn nŏvă fērt ănĭmūs mūtātās dīcĕrĕ fōrmās / cōrpŏră Neuem strebe ich zu, vom Wandel zu dichten der Formen in neue Körper. SPRECHERIN Was passiert da? Das ist doch nicht mehr der alte Ovid! Bislang hat er nur elegische Distichen, das für Liebeslyrik typische Versmaß verwendet. Jetzt schreibt er plötzlich Hexameter! SPRECHER In diesem Wechsel steckt ein ganzes Programm. Das Metrum, also die festgelegte Kombination langer und kurzer Silben, regelt nicht nur den rhythmischen Fluss. Für römische Ohren ist das Versmaß außerdem stark mit den literarischen Genres verknüpft, erklärt Markus Janka. 02 O-TON Janka Das Versmaß konditioniert schon das, was man erwartet, und die kontinuierliche Abfolge von Hexametern in einer Langform ist das epische Versmaß schlechthin. SPRECHERIN Wenn Ovid nun durchwegs Hexameter einsetzt, ist die Botschaft klar: Er schreibt ein Epos! Er wagt sich an die Meistergattung der Literatur seiner Zeit und tritt in einer Disziplin an, in der Homer und Vergil die Standards setzen. Und diese Standards will er nicht nur kopieren. Ovid braucht es größer. So groß, dass seine knappe Vorrede dafür den Beistand der Götter erfleht: ZITATOR Helft mit Inspiration und führt die Erzählung vom ersten Ursprung des Kosmos fortlaufend herab bis zu meiner Zeit. MUSIK 4 Flore Laurentienne: Point d’ancrage SPRECHERIN Damit ist der Plan raus: Ein Epos soll es sein, das Verwandlungen erzählt und dabei den Bogen spannt vom Anbeginn der Zeit bis in die Gegenwart. Da gibt es nur ein Problem: seinem Epos fehlt ein Held, den es besingen könnte. SPRECHERIN Stimmt! Aber Ovid bügelt das Manko genial aus. Sein Held ist ein universales Prinzip: der stete Wandel aller Wesen und Dinge. SPRECHER Damit beginnt zugleich die Verwandlung einer Gattung, die Vergil bislang mit seiner Aeneis als römischer Homer und größter Dichter des Imperiums dominiert. 03 O-TON Janka Ohne Vergil ist Ovid nicht denkbar als Dichter. In fast jeder Zeile ein versteckter und öfter auch ein direkter Bezug auf dieses gigantische Vorbild, an dem er sich abarbeitet und der ihn inspiriert zu einer Art von Dichtung, die dann am Ende ganz anders ist. SPRECHERIN Was diese Dichtung derart neu und anders macht, dass sie nicht allein das Epos, sondern auch den Mythos verändert, zeigt die Geschichte von Pygmalion und Galatea. MUSIK 5 Flore Laurentienne: La nuit bleue SPRECHER Pygmalion schnitzt eine Frauenfigur aus Elfenbein. Er verliebt sich in die Skulptur und nennt sie Galatea. Weil aber Galatea keine wirkliche Partnerin, sondern ein totes Bildwerk ist, bitter er Venus um eine Gattin, die der Statue gleicht. Die Göttin zeigt sich gnädig und verwandelt Galatea in eine lebendige Frau. SPRECHERIN Was Venus mit der Statue macht, macht Ovid mit dem Mythos: Er verwandelt mythologische Gestalten in Wesen, die von Gefühl und Leidenschaft gelenkt, ganz wie Menschen empfinden und handeln. SPRECHER Ovid reicht die alten Geschichten nicht einfach weiter. Er aktualisiert sie, spürt den Motiven, Auslösern und Folgen des Geschehens nach und gibt den erzählten Figuren eine Tiefe, die sie bislang nicht hatten. 04 O-TON JANKA Er ist eben nicht jemand, der Mythos konserviert, sondern der vom Mythos geprägt immer die eigene Zeit bedenkt. Das mag jetzt als Anachronismus erscheinen, aber genau das ist es: dass Ovid der erste Dichter ist, der tatsächlich psychologisch nachfragt, was sich aus mythologischen Konstellationen ergibt. SPRECHER Das ist der entscheidende Punkt. Genau darum ist Ovid noch immer aktuell. Genau deshalb funktionieren die Metamorphosen nicht nur als literarisches Kunstwerk, und genau darum spielt es für viele Ovidfans auch absolut keine Rolle, in welcher Sprache sie die Geschichten lesen oder welches Medium sie ihnen erzählt. SPRECHERIN Ovid fasziniert uns noch immer, weil er das Verwandlungsmotiv nutzt, um menschliche Erfahrungen und Leidenschaften zu erkunden. Er lässt sein mythologisches Personal archetypische Gefühle und Situationen durchleben, die wir alle kennen und nachfühlen können. Und er stellt Fragen, die jeden Menschen angehen: Was machen Liebe und Hass mit uns? Was stellen Willkür, Kränkung und Missbrauch mit uns an? Wie verändern uns Schicksalsschläge und starke Emotionen? Und wie gehen wir damit um, dass nichts bleibt, wie es ist? SPRECHER Im Zentrum der mythologisch eingekleideten Menschenforschung steht dabei stets übergroß das Wesen und Wirken der Liebe, sagt Markus Janka. O5 O-TON Janka Immer und immer wieder Eros, immer und immer wieder Amor. Und zwar immer und immer wieder in den unterschiedlichsten Konstellationen, so dass auch schon der große Kommentator Franz Bömer gesagt hat, dass man die Metamorphosen als ein einziges Carmen amatorium, als ein episches Gedicht mit dem Thema Eros, mit dem Thema Amor bezeichnen kann. MUSIK 6 Billie Eilish: Everything I Wanted SPRECHER Die Liebe in allen Facetten! Das ist Ovid! Liebeslieder und Liebeslehren gründen seinen Ruhm, tenerorum lusor amorum, einen Spielmann und Gaukler zärtlicher Launen der Liebe, nennt er sich selbst. Die Metamorphosen bleiben dieser Berufung treu, das Love-Lab der Verwandlungen wimmelt nur so von Paaren, die das Verwirrspiel menschlicher und göttlicher Liebesverstricktheit spiegeln. SPRECHERIN Philemon und Baucis, Orpheus und Eurydike, Ceyx und Alkyone, Pyramus und Thisbe – der Musterkatalog ist reich bestückt. Nahezu jede gelungene oder gescheiterte Paarung, derer die Liebe fähig ist, findet ihre Gestalt und Geschichte. Ehelust und Ehefrust, Begehren und Abscheu, Hetero- und Homosexualität, Inzest und Gewalt, Glückseligkeit und Schmerz, Geilheit und Missbrauch – was immer Venus, Eros und Amor im Guten oder Schlechten anrichten – Ovid hat alles auf dem Schirm. MUSIK 7 Ensemble Modern: A Pig With Wings SPRECHER Die radikale Neufassung der mythologischen Tradition verändert auch die Träger des klassischen Epos. Allem Heldengetöse, allem, was allzu waffenstolz prahlt und scheppert, lässt Ovid genüsslich die Luft aus. Die beste Gelegenheit bietet dazu die sehr eigenwillige, bisweilen burleske Schilderung des trojanischen Kriegs. 06 O-TON JANKA Da wird dann alles gespiegelt, was in der Ilias dargestellt ist, aber immer subjektiv verdreht. Was eben früher als Makel angehängt wurde, ist ein unglaublich modernes Element, das uns heute anspricht, nämlich die subjektive Brechung dieser Gegenstände, die nicht unvermittelte Darstellung von Kampf und Krieg und Heldentod. MUSIK 8 John Debney: Dying Hero SPRECHERIN Besonders arg erwischt es Achill. den zornigen Erzheroen des homerischen Trojaspektakels. Bei Ovid ist er eine dumpfe Kampfmaschine, ein Aufschneider und blutrünstiger Wüterich. Einer, der nach getanem Gemetzel gern mit seinen Kriegstaten prahlt. "Man kennt das", wirft Ovids Erzähler ein. "Worüber wüsste ein Achill sonst zu sprechen, und was gäbe es sonst schon groß über Achill zu sagen?" MUSIK 9 Billie Eilish: No Time To Die SPRECHER Den finalen Schlag erhält der Superkrieger, nachdem er im Kampf gefallen ist und sein Leib verbrannt wird. Statt feierlicher Worte wirft ihm Ovid nur einen spöttischen Kommentar hinterher: 07 O-TON JANKA Verheizt hatte ihn der Gott, der ihn vorher bewaffnete. Er war in Flammen aufgegangen durch genau den Gott, nämlich Vulkan, den Gott des Feuers und den Schmiedegott, der ihm zuvor die Waffen gegeben hatte. SPRECHER Aber einfach nur verheizen reicht nicht, Ovids Heroenkehraus setzt noch eins drauf: ZITATOR Schon ist er Asche. Was vom übergroßen Helden übrigbleibt, reicht kaum, um eine Urne zu füllen. 08 O-TON JANKA Also das ist Ovid. Er kann das Große sehr klein machen, und das Kleine, Randständige kann er großartig entfalten, auch mit einem ganz tiefen psychologischen Einblick und Scharfblick. SPRECHER Verblüffend modern ist nicht nur die subjektive Umgestaltung der Tradition, verblüffend modern ist auch Ovids souveränes Spiel mit den Instanzen und Mitteln des Erzählens. SPRECHER Der Trick besteht zunächst darin, eine Vielzahl unterschiedlich langer Klein- und Kleinstgeschichten so kunstvoll miteinander zu verweben, dass sie wie aus einem Guss wirken. SPRECHERIN Zum Toolset des raffinierten Verknüpfungsmanagements gehört aber vor allem die Vielstimmigkeit der Metamorphosen. Statt eines Haupterzählers schaltet Ovid etwa 40 Binnen-, Neben- und Untererzähler ein, die sich unentwegt gegenseitig kommentieren, ergänzen und widersprechen. 09 O-TON JANKA Das ist etwas ganz Wesentliches für Ovid: Dass es immer auch die Gegenstimme, immer auch die andere Stimme gibt. Das führt er weiter und modernisiert es, radikalisiert es. Dass wir also teilweise Untererzählungen bis zum vierten und fünften Grad haben, dass jeweils immer die eine Person die Geschichte der anderen er…

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    Der Kampf ums Meer - Tiefsee, Nordpol, Pazifik Jun 08, 2025
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    Der Wettstreit um die letzten weitgehend unberührten Regionen der Erde ist in vollem Gange: Es geht um Rohstoffe und Fischgründe auf der hohen und in der tiefen See. Schätze, die es sich - auch wegen des Klimawandels - zunehmend zu heben lohnt. Von Lukas Grasberger (BR 2023)

    Autor dieser Folge: Lukas Grasberger
    Regie: Sabine Kienhöfer
    Es sprachen: Andreas Neumann und DIana Gaul
    Technik: Daniela Röder
    Redaktion: Nicole Ruchlak

    Im Interview:

    Dr. Matthias Haeckel, Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung GEOMAR, Kiel;

    Dr. Michael Paul, Stiftung Wissenschaft und Politik SWP, Berlin;

    Prof. Alice Vadrot, Professur für Internationale Beziehungen und Umwelt, Universität Wien;

    Dr. Edyta Roszko, Forschungsprojekt TransOcean, Chr. Michelsen Institute, Bergen

    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

    Linktipps:

    Gefährlicher Tiefseebergbau – Zerstörte Unterwasser-Landschaften | BR IQ - Wissenschaft und Forschung

    In den Tiefen der Ozeane verbirgt sich ein wertvoller Schatz: Manganknollen. Und verschiedene Staaten und Firmen sind entschlossen, diesen Schatz zu bergen. Warum? In Manganknollen stecken wertvolle Metalle, die immer wichtiger wollen: Kobalt, Nickel und andere wertvolle Ressourcen, die für die Herstellung von Batterien, Elektrofahrzeugen, Windrädern und vielen anderen Technologien dringend benötigt werden.

    ZUM PODCAST

    Tiefseebergbau hat ungewisse Folgen | WDR 5 Quarks

    Der Boden der Tiefsee gehört immer noch zu den geheimnisvollsten Orten auf der Welt. Rohstoff-Konzerne haben großes Interesse daran, dieses Terrain zu erkunden. Die Folgen aber könnten irreparable Naturschäden sein.
    ZUM PODCAST


    Thomas Mann und die Seinen - Im Hofstaat des Zauberers Jun 06, 2025
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    Es war ein Privileg, dieser Familie zu entstammen. Die sechs Kinder des berühmten Schriftstellers Thomas Mann und seine Frau Katja waren sich ihrer herausgehobenen Stellung wohl bewusst. Für die vier Jüngeren - Golo und Monika, Elisabeth und Michael - wurde das schon früh zur Belastung, während die beiden Ältesten, Erika und Klaus, bereits als Jugendliche versuchten, daraus Kapital zu schlagen. Sie präsentierten sich der Öffentlichkeit als "geniale Kinder eines genialen Vaters". Ihre Erfolge auf der Bühne und als Autoren täuschten allerdings nicht darüber hinweg, dass es letztendlich immer nur der Glanz des "Großschriftstellers" Thomas Mann blieb, in dem sie sich sonnen konnten. Die Eltern ihrerseits banden nach der Emigration aus Deutschland ihre Kinder nach Möglichkeit in den "Hofstaat des Zauberers" ein, um das Fortbestehen von Thomas Manns Karriere zu sichern. Von Carola Zinner (BR 2015)

    Autorin dieser Folge: Carola Zinner
    Regie: Eva Demmelhuber
    Es sprachen: Axel Wostry, Wolfgang Pregler, Julia Cortis
    Technik: Christian Schimmöller
    Redaktion: Petra Hermann-Boeck
    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
    RadioWissen hat noch eine weitere hörenswerte Folgen zu Thomas Mann:
    Thomas Mann - Leben und Werk
    JETZT ANHÖREN

    Auf BR Kultur finden Sie einen Überblick über die Kinder von Thomas Mann:
    Die Kinder des Manns - Jede(r) Mann im Porträt
    ZUM BEITRAG

    Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

    Ab dem 20.Dezember 2024 wird im Rahmen des 100-jährigen Jubiläums von
    "Der Zauberberg" das 10-teilige Hörspiel "Der Zauberberg" aus dem Jahr 2000 exklusiv in der ARD Audiothek angeboten. Zu finden HIER


    Operation Overlord - Die Landung der Alliierten Jun 06, 2025
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    Der D-Day, der Decision Day wurde als Tag der Entscheidung von den Alliierten genauso wie von Nazi-Deutschland erwartet, über zwei Jahre hatten sich vor allem Briten und Amerikaner auf eine der größten Militäroperationen der Geschichte intensiv vorbereitet. Als die Alliierten dann am 6.Juni 1944 in der Normandie tatsächlich an Land gingen, geschah dies unter hohen Verlusten. Heute gilt die Invasion nicht mehr als die Entscheidungsschlacht, als die sie die Zeitgenossen sehen wollten, aber als Tag von hoher symbolischer Bedeutung, wenn es um die Nachkriegsordnung in West-Europa ging. Von Steffi Illinger (BR 2024) CreditsAutorin dieser Folge: Steffi IllingerRegie: Silke WolfrumEs sprachen: Christoph Jablonka, Christian BaumannTechnik: Marcus HuberRedaktion: Andrea Bräu Im Interview:Dr. Peter Lieb, Militärhistoriker, Potsdam Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadiowissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Es ist eine der wichtigsten Wettervorhersagen der Geschichte: drei Wetterdienste arbeiten an den Prognosen, um eine ideale Wetterkonstellation über dem Nordatlantik und dem Ärmelkanal zu ermitteln: Sonnenaufgang bei Ebbe, der Himmel möglichst nicht wolkenverhangen und nicht zu viel auflandiger Wind. Denn Fallschirmspringer und Bombenflieger brauchen gute Sicht, die Böden müssen trocken sein, damit schweres Kriegsgerät nicht im Matsch versinkt, für die Landungstruppen soll die See ruhig sein und der Wasserstand niedrig, damit die vom Gegner errichteten Strandhindernisse zu sehen sind. GERÄUSCH – WIND-WELLEN-WASSER, STÜRMISCH SPRECHER Doch Anfang Juni 1944 herrscht über dem Nordatlantik ein Tiefdruckgebiet, es ist ungewöhnlich kalt und stürmisch für die Jahreszeit. Ungünstig – denn die Strategen wünschen sich optimale meteorologische Bedingungen für eine der größten Militäraktionen der Menschheitsgeschichte: der Invasion und Befreiung Westeuropas von der Naziherrschaft. An der südenglischen Küste haben die Alliierten ein gigantisches Truppenaufgebot zusammengezogen – sie warteten auf den D-Day – den Decision-Day, den Tag der Entscheidung: GERÄUSCH – WIND – WELLEN -WASSER-STÜRMISCH SPRECHER Der Militärhistoriker Dr. Peter Lieb beschäftigt sich mit der Invasion seit seiner Studienzeit, als er während eines Auslandsemesters den berüchtigten Omaha Beach mit seinen endlosen Reihen von Kriegsgräbern besucht hat. O-Ton 1: Dr. Peter Lieb 0´45“ 1/ [00:02:51] Der Name D-Day bedeutet Decision-Day, also Entscheidungstag. Und in der Tat ist für die damaligen Beteiligten, sowohl auf alliierter als auch auf deutscher Seite - dieser Tag wird als der Entscheidungstag des Krieges gesehen, ist ein Tag für die Alliierten, der mit großen, sehr, sehr großen militärischen Risiken behaftet zu sein scheint. Und sie glauben, wenn sie jetzt die Landung nicht schaffen sollten, würde es Monate, wenn nicht Jahre dauern, bis sie wieder erneut versuchen könnten, in Westeuropa zu landen…((Auf der anderen Seite haben die Deutschen, da insbesondere die nationalsozialistischen Machthaber und auch die NS Propaganda, haben diesen D-Day oder diese alliierte Landung in Westeuropa zu einer Entscheidungsschlacht des Krieges hochstilisiert.)) SPRECHER Eigentlich haben die Deutschen bereits im Mai 44 mit einem Angriff auf die von ihnen besetzte nordfranzösische Küste gerechnet, und auch auf der anderen Seite des Ärmelkanals wurde von den Alliierten die Invasion für Mai angesetzt und wieder verschoben – man war mit den militärischen Vorbereitungen noch nicht weit genug. Zudem widersprechen sich die Wetterprognosen der amerikanischen und britischen Dienste, die gewünschte Fünftage-Vorhersage grenzt im Hinblick auf die damaligen Möglichkeiten an Kaffeesatzleserei. MUSIK The revolutionary army (LC 10347) 0’05 O-Ton 2: Dr. Peter Lieb 2 / [00:10:35] …das Wetter spielt in der Tat eine ganz wichtige Rolle an diesem D-Day. Und zwar, weil die Deutschen andere Informationen haben als die Alliierten. Die Alliierten wissen, das sich am 6. Juni so ein kleines Wetterloch auftut. Vorher und nachher ist eine Schlechtwetterfront vorhergesagt und für den 6. Juni gibt es ein kleines Fenster …. Die Deutschen hingegen, ihre Wettervorhersage sagt, 6.Juni schlechtes Wetter. Da werden die Alliierten nicht angreifen, da können sie ihre Luftwaffe nicht einsetzen. Da ist hoher Seegang, da können sie ihre Landungsboote nur mit Schwierigkeiten einsetzen. Sprecher Ein fataler Irrtum. Die Planung und Durchführung der Operation Overlord, also der Landung, liegt bei General Dwight D. Eisenhower, dem Oberbefehlshaber über die alliierten Truppen, über Streitkräfte aus Großbritannien, Amerika, Kanada, und weiteren Staaten sowie von Exil-Armeen aus Frankreich und Polen. MUSIK The revolutionary army 0’05 Nach einer zweiten durchwachten Nacht und Unmengen von Kaffee und Nikotin ringt sich General Eisenhower schließlich zu einer Entscheidung durch, er befiehlt die Invasion: Archiv 1: „Soldiers, Sailors, and Airmen of the Allied Expeditionary Force! You are about to embark upon the Great Crusade, toward which we have striven these many months. The eyes of the world are upon you. …The tide has turned! The free men of the world are marching together to Victory! I have full confidence in your courage, devotion to duty and skill in battle. We will accept nothing less than full Victory!“ OVERVOICE-SPRECHER: Soldaten auf See wie in der Luft, ihr seid dabei, euch für einen großen Kreuzzug einzuschiffen. Die Augen der Welt sind auf euch gerichtet. …Das Blatt hat sich gewendet! Freie Männer von überall auf der Welt marschieren gemeinsam dem Sieg entgegen. Ich habe volles Vertrauen in Euren Mut, euer Pflichtgefühl und eure Kampfesfähigkeit. Wir akzeptieren nur einen vollständigen Sieg. MUSIK From the Halls of Montezuma 0’20 SPRECHER Im Morgengrauen des 6.Juni überquert eine gewaltige Armada den Ärmelkanal: 1213 Kriegsschiffe und 4124 Landungsboote stechen in See. Der „längste“ Tag der Geschichte hat begonnen. O-Ton 3: Dr. Peter Lieb 1/ [00:01:30] …Also der D-Day hat eine herausgehobene politische Bedeutung, …Was er weniger hat, ist, …dass lange Zeit behauptet wurde, der D-Day, wäre eine Entscheidungsschlacht des Zweiten Weltkrieges gewesen oder wäre ein Wendepunkt des Zweiten Weltkrieges gewesen. Das kann man also nicht mehr sagen. Das zu diesem Zeitpunkt war eigentlich jetzt in der Rückschau gesehen, der Zweite Weltkrieg für das Deutsche Reich bereits verloren. Für die Zeitgenossen hat sich das durchaus anders dargestellt. Da war nicht so ganz klar, ob die Deutschen vielleicht noch Chancen haben, den Krieg zu gewinnen. Das haben die Deutschen geglaubt, das haben die Alliierten geglaubt. … (02:18) SPRECHER …und im Vorfeld lange um die richtige Strategie bei der Befreiung Europas gerungen: Bereits Ende 1941 war die Entscheidung zwischen Briten und Amerikanern gefallen – Germany first! Zuerst sollte das nationalsozialistische Deutschland besiegt werden, bevor sich die Amerikaner den weiteren weltweiten Kriegsschauplätzen zuwenden wollten. Fast zweieinhalb Jahre haben die Vorbereitungen für eine amphibische Landung ungeheuren Ausmaßes gedauert, also einer Landung der Marinetruppen an einer feindlich besetzten Küste, nur von der Seeseite aus und ohne schützende Häfen, von denen sich aus Truppenbewegungen und Kriegsmaterial organisieren lassen. MUSIK Etoll Horrific (LC-30312) 0’08 Eine militärische Großoperation, bei der sich die westlichen Verbündeten immer wieder zusammenraufen müssen: auf zahlreichen Konferenzen ringen Briten und Amerikaner um die richtige Strategie: die Amerikaner möchten schnell in Westeuropa einmarschieren – doch eine erste Operation, um den Hafen von Dieppe zu besetzen, scheitert 1942 kläglich. Die Briten fühlen sich bestätigt: O-Ton 4: Dr. Peter Lieb 1 / 06:12 … die Briten sagen Nein, … Die deutsche Wehrmacht ist viel zu stark. Die Deutschen haben noch nach wie vor eine starke Luftwaffe und wir müssen erst mal Zeit gewinnen und versuchen, die Deutschen an der Peripherie zu treffen. Und das wäre das Mittelmeer. Da haben die Briten natürlich auch eigene politische und wirtschaftliche Interessen, Sicherung der Seewege nach Indien. …Und zunächst setzen sich auch die Briten durch, in dieser Diskussion, führen den Amerikanern vor Augen, dass eine Landung 1942 in Europa nicht möglich ist. Und so kommt es zur ersten großen amphibischen Landung des Krieges durch die Alliierten im November 1942 in Nordafrika, in Marokko und in Algerien. Als Folge davon mussten sich die Deutschen dann einige Monate später aus Nordafrika zurückziehen und die Alliierten landen in Süditalien im Juli 1943. … SPRECHER Auch auf der anderen Seite des Ärmelkanals wird der Angriff der Alliierten an der französischen Westküste erwartet: Hitler hat bereits im Herbst 1943 eine Weisung herausgegeben, dass sich von nun an alle Verteidigungsbemühungen verstärkt auf den Westen fokussieren sollen. MUSIK Etoll Horrific (LC-30312) 0’10 ZITAT / Overvoice-Sprecher: Die Gefahr im Osten ist geblieben, aber eine größere im Westen zeichnet sich ab: die angelsächsische Landung! O-Ton 5: Dr. Peter Lieb ((Ein erster symbolischer Akt ist, dass der bekannteste deutsche Militär des Zweiten Weltkriegs, der Generalfeldmarschall Rommel, …dass dieser populärste deutsche General im Herbst 1943 in den Westen geschickt wird, um dort die Maßnahmen zu treffen für die Verteidigung. Und damit zeigt das NS-Regime der deutschen Bevölkerung und auch den eigenen Soldaten, schaut her, unser bester Mann ist jetzt im Westen und wird dafür sorgen, dass wir dort erfolgreich die Alliierten abwehren können.)) Jetzt gibt es allerdings ein Problem: Die Deutschen haben bereits seit Ende 1941 begonnen, Befestigungsanlagen entlang der Küste zu errichten, den sogenannten Atlantikwall. Aber dort ist in den ganzen Jahren nicht viel geschehen. Das sind nur vorbereitete Stellungen, aber nur vereinzelte Bunkeranlagen. Und als jetzt Rommel nach Frankreich kommt und oder in den Westen, auch in den Niederlanden und in Belgien, beginnt er massiv diesen Atlantikwall zu verstärken. MUSIK Neutral undergroove 0’37 SPRECHER Doch das beste Bunkersystem nützt nichts, wenn es an Nachschub fehlt. Die deutsche Armee ist durch den mehrjährigen Mehrfrontenkrieg aufgebraucht. Nun sollen mangelhaft ausgebildete Soldaten die Küste im Westen verteidigen, Jugendliche in Uniform und zwangsrekrutierte Osteuropäer aus den annektierten Gebieten. Auch fehlt es an Munition – und zahlreiche sich überlagernde Hierarchieebenen in Wehrmacht und Waffen-SS verhindern schnelle Einsätze. Und im entscheidenden Moment schätzen die Deutschen nicht nur die Wetterlage falsch ein: Archiv 2 „03:24…Der Angriff gegen die Küsten Europas, seit langem der Gegenstand von gespanntesten Hoffnungen und Erwartungen der Völker hat Gestalt begonnen. Die Briten und Amerikaner haben es an Versuchen, auf anderem Wege zu diesem Ziel zu kommen, nicht fehlen lassen…12:27 bisher hat der Feind die Tiefe der Befestigungen an keiner Stelle zu durchstoßen vermocht…13:01…das, was der Gegner zum gegenwärtigen Zeitpunkt braucht, sind geschützte Landeplätze für weitere Anlandungen, deshalb zielt er ja auf die Flussmündungen…“ SPRECHER So ein militärpolitischer Kommentar vom 30.Mai 1944. Tatsächlich erwartet die deutsche Seite die Invasion viel weiter nördlich, an der engsten Stelle des Ärmelkanals, bei Calais oder der Flussmündung der Seine. Selbst als das Inferno dann wirklich losbricht, glaubt die deutsche Wehrmacht anfangs noch an ein Täuschungsmanöver. GERÄUSCH – FLIEGER / ALARM - LUFTKRIEG SPRECHER Dabei hatte Operation Overlord schon lange vor dem eigentlichen Tag der Invasion begonnen: O-Ton 6: Dr. Peter Lieb 1/ 12:40 Die Voraussetzung für das Gelingen einer jeden amphibischen Landung ist die Luftherrschaft und die Alliierten…führen den Luftkrieg in zwei Dimensionen. Erstens den Luftkrieg über dem Deutschen Reich, wo es ihnen gelingt, zur Jahreswende 43/ 44 die Luftherrschaft zu gewinnen und die deutsche Jagdwaffe praktisch auszuschalten. GERÄUSCH – FLIEGER / ALARM - LUFTKRIEG SPRECHER Aber auch Nordfrankreich überziehen die Alliierten mit einem massiven Bombardement – zerstören Seine-Brücken und Eisenbahnknotenpunkte, um die Nachschubwege für die deutsche Wehrmacht auszuschalten. O-Ton 7: Dr. Peter Lieb 1/ 13:28... Und das Ganze führt zu großen Verlusten unter der französischen Zivilbevölkerung. Und es gibt große Diskussionen auf der alliierten Seite. Inwieweit ist das Ganze militärisch gerechtfertigt, diese Bombardierungen? Man will ja schließlich die Franzosen befreien und gleichzeitig bombardiert man sie. …Man muss sich immer vor Augen halten, dass Frankreich nach Deutschland dasjenige Land im Zweiten Weltkrieg ist,… wo das am meisten bombardiert worden ist. Es sterben 60.000 Franzosen …und die gerade im Frühjahr 1944, als dieser Luftkrieg über Frankreich intensiviert wird, …droht die Stimmung in der französischen Bevölkerung zu kippen, … (16:56 Und noch dazu kommt dann der General de Gaulle, der die französische Gegenregierung in London gebildet hat und die auch sagt Leute, hört auf zu bombardieren. Meine französischen Landsleute stellen sich sonst gegen euch. Und das Ganze wird dann auch im kurz vor dem D-Day ja auch diese Bombardierungen etwas zurückgefahren, so ab April, Mai aber im Zuge des D-Day selbst in den kommenden Wochen in der Normandie selbst erreichen die ja noch mal eine neue Intensität diese Bombardierungen.) GERÄUSCH – FLIEGER / ALARM - LUFTKRIEG MUSIK Inpending invasion A 1’05 SPRECHER Auch der eigentliche D-Day beginnt nicht auf offener See oder an der Küste. 0 Uhr 18, nördlich von Caen: Bereits um kurz nach Mitternacht landen die ersten alliierte Fallschirmspringer im Hinterland, nahe der normannischen Dörfer und Städte. Ihre Mission: Wichtige strategische Punkte unter ihre Kontrolle bringen, Brücken besetzen, die Zugänge zu den Landungsstränden sichern. In mehreren Wellen regnen 18.000 Soldaten vom Himmel herab, doch vielfach misslingen Punkt-Landungen: über Quadratkilometer verstreut irren die Soldaten durchs Gelände. Auch Bombardements misslingen, die tiefliegende Wolkendecke verhindert die Sicht – teils kehren die Bomber voll beladen nach England zurück oder verfehlen ihr Ziel. Wieder trifft es die Zivilbevölkerung. Über den Rundfunk wendet sich General Eisenhower auch an die Franzosen: Archiv 3 “People of Western Europe! The landing was made this morning on the coast of France by troops of the allied expeditionary force. This landing is part of the concerted united nations plan for the liberation of Europe,… To members of resistance movements, whether led by nationals or by outside leaders, I say: Follow the instructions you have received. To patriots who are not members of organized resistance groups, I say: Continue your passive resistance, but do not needlessly endanger your lives. Wait until I give you the signal to rise and strike the enemy.“ OVERVOICE-SPRECHER: Die Landung durch die alliierten Expeditionsstreitkräfte an der französischen Küste ist erfolgt. Diese Landung ist Teil eines konzertierten Plans der Vereinten Nationen zur Befreiung Europas. Mitgliedern der Resistance, ob angeführt von Führern in und außerhalb Frankreichs, sage ich: Folgt den Instruktionen, die ihr erhaltet. Patrioten, die nicht Mitglieder organisierter Widerstandsgruppen sind, sage ich, setzen Sie Ihren passiven Widerstand fort, aber gefährden Sie nicht Ihr Leben. Warten Sie, bis ich Ihnen das Signal gebe, sich zu erheben und den Feind anzugreifen. MUSIK Analog hypno session (LC 51263) 0’45 SPRECHER Ab dem Morgengrauen, um 5 Uhr 30, nehmen 28 Schlachtschiffe der Alliierten fünf normannische Strände unter Beschuss: Der am härtesten umkämpfte Landeabschnitt ist der Omaha Beach. Ein schmaler, langegezogener Strandstreifen, dahi…

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