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    Latest Episodes:
    Dopamin - Botenstoff mit Suchtgefahr Jun 18, 2025
    Show notes

    Der Botenstoff Dopamin überträgt Signale zwischen Nervenzellen im Gehirn. Er spielt eine zentrale Rolle für unsere Motivation, für das Gefühl der Belohnung und auch beim Lernen. Wie beeinflusst Dopamin unser Verhalten? Können wir ihn gezielt nutzen? Von Maike BrzoskaCreditsAutorin dieser Folge: Maike BrzoskaRegie: Christiane KlenzEs sprach: Katja AmbergerTechnik: Lorenz KerstenRedaktion: Iska Schreglmann Im Interview:Professorin Daniela Berg, Direktorin der Klinik für Neurologie im Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Campus Kiel und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für NeurologieProfessor Falk Kiefer, Ärztlicher Direktor der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen und IQ Wisschenschaft und Forschung könnten Sie auch interessieren: Glückshormone - Komplexe Botenstoffe mit viel WirkungJETZT ENTDECKEN Sucht und Sehnsucht - Unstillbarer Hunger der SeeleJETZT ENTDECKEN Süchtig nach Glück - Wie kommt man raus aus der Glücksspiel-Sucht?JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Hormongesteuert - Der Wechseljahre-Podcast mit Dr. Katrin SchaudigWir alle sind hormongesteuert. Hormone regulieren nicht nur die Sexualität, sondern auch Herzschlag, Blutdruck, Atmung und Schlaf. Aktuell sind neun Millionen Frauen in Deutschland in den Wechseljahren. Und doch ist das Thema Menopause unsexy und schambehaftet. Wohl deshalb wurde bislang darüber am liebsten geschwiegen. Der Podcast bricht dieses Schweigen. JETZT ENTDECKENLinktipps: Homepage des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein mit Informationen zur Früherkennung von Parkinson und der Möglichkeit zur Teilnahme an Studien der Parkinsonforschung: HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadiowissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Vermutlich kennen viele diese Situation: 01 ZUSP Atmo (Anschnallen, Autofahrt) Autotür geht zu, Gurt klickt, Tasche auf den Sitz, Auto fährt los SPRECHERIN Man steigt ins Auto, legt die Tasche auf den Beifahrersitz, schnallt sich an, fährt los – und dann das: 02 ZUSP Atmo (Handy piepst) Piep SPRECHERIN Das Handy. Wdh. Atmo 02 Piep MUSIK 2 (Stereolab: Melodie Is A Wound 0‘31) SPRECHERIN Und sofort geht das Gedanken-Karussell los: Was könnte das sein? Eine SMS? Ein Like auf Facebook? Geldeingang auf dem Konto? Oder gar ein Notfall? Das Handy während der Fahrt aus der Tasche zu kramen, wäre viel zu gefährlich – das ist klar. Und doch ist da jetzt die ganze Zeit dieser Drang, nachzusehen. Könnte ja wichtig sein – was es meistens nicht ist. Trotzdem: Die Neugierde ist groß. 03 ZUSP O-TON (Kiefer) Und die Neugierde wird besonders getrieben, wenn Sie mit Ihrem Handy in der Vergangenheit besonders erfreuliche, positiv überraschende, oder vielleicht auch besonders negative, bedrohliche Nachrichten bekommen haben. Und die wollen Sie natürlich nicht verpassen. SPRECHERIN Sagt Professor Falk Kiefer. Er ist Ärztlicher Direktor der Klinik für Abhängiges Verhalten und Suchtmedizin am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Entscheidend für den Drang, aufs Handy zu schauen, ist das sogenannte Dopamin, ein Botenstoff unseres Gehirns, der in solchen Momenten vermehrt ausgeschüttet wird. MUSIK 3 ( Sine: Geschichten 0‘46) 04 ZUSP O-TON (Kiefer) Dopamin hat die Aufgabe, auf mögliche Belohnungen hinzuweisen, hat also so was wie eine belohnungsankündigende Wirkung. SPRECHERIN Zum Beispiel könnte das Handy-Piepsen eine SMS vom Partner oder der Partnerin ankündigen, über die man sich in der Regel freut. Oder eine Mail von der Chefin, über die man sich vielleicht nicht so freut, aber die man trotzdem nicht verpassen will. Das Dopamin markiert gewissermaßen Situationen oder Dinge als „wichtig“ – und das motiviert uns zu handeln. Zum Beispiel aufs Handy zu schauen, selbst wenn man sich eigentlich aufs Fahren konzentrieren will. Der Botenstoff signalisiert uns: 05 ZUSP O-TON (Kiefer) Das war wichtig und das solltest du beim nächsten Mal nicht verpassen. Das ist die Funktion des Dopamins. Und wenn man das nächste Mal in so eine Situation hineinkommt, dann ist diese Situation durch dieses Dopamin markiert und dann läuft man nicht achtlos an ihr vorbei, sondern hat man im Unterbewussten sozusagen gespeichert, das war relevant und das solltest du wahrnehmen. SPRECHERIN Und das gilt keineswegs nur für Nachrichten auf dem Smartphone. 06 ZUSP O-TON (Kiefer) Sexuelle Aktivität macht eine Dopamin-Ausschüttung, macht eine Aufmerksamkeits-Hinwendung zu der Person, mit der man das gemeinsam erlebt. Aber auch andere Belohnungsreize. Wenn ich von jemandem Geld bekomme, wenn ich von jemand positive Rückmeldung bekomme, wenn ich von jemandem auf Insta oder Facebook eine positive Rückmeldung bekomme, dann macht das alles so ein kleines Belohnungsgefühl und so einen kleinen Dopaminpeak … MUSIK 4 ( Sine: Dreamland 0‘42) SPRECHERIN Also eine vermehrten Dopamin-Ausschüttung – und die fühlt sich richtig gut an, sagt die Professorin Daniela Berg. Sie ist Direktorin der Klinik für Neurologie im Universitätsklinikum Schleswig-Holstein Campus Kiel und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. 07 ZUSP O-TON (Berg) Es wird damit ein Teil des Gehirns aktiviert, das den Betroffenen das Gefühl vermittelt, mir geht es richtig gut. SPRECHERIN Auch alltägliche Dinge wie Essen oder Trinken sind mit einer Dopamin-Ausschüttung verknüpft, das war, evolutionär betrachtet, äußerst wichtig für unser Überleben. 08 ZUSP O-TON (Kiefer) Wenn Sie ganz weit in die Evolution zurückgehen, sehen Sie, die wichtigsten Informationen sind: Wo kriege ich was zu essen? Wo sind meine Lebensgrundlagen gut? Und wo vermeide ich Negatives, also Gefahren oder Verletzung oder Schmerzen? Also wir müssen aus Gefahren klug werden, aber wir müssen auch aus Belohnung klug werden. Und das passiert im Hintergrund. Und wir richten uns aus in die Richtung, wo wir positive Erfahrungen gemacht haben. MUSIK 5 ( Stereolab: Melodie Is A Wound 0‘22) SPRECHERIN Auf diese Weise lenkt das Dopamin ein Stück weit auch unsere Aufmerksamkeit. Denn im Prinzip strömen in jedem Moment unzählige Informationen und Reize aus der Umgebung auf uns ein. Irgendwie muss das Gehirn eine Auswahl treffen – was davon ist wichtig und was nicht? 09 ZUSP O-TON (Kiefer) Allein unser visuelles System, unsere Augen, verarbeiten pro Sekunde ungefähr den Inhalt von einer halben DVD an Roh-Datenmaterial, und dazu kommen noch unsere taktilen Reize, das Hören und das Schmecken usw. Und aus dieser Datenmenge muss das Gehirn natürlich die relevantesten Informationen herausfiltern. Und das ist ein wichtiger Teil des Lernens von jedem Organismus, die wichtigen Informationen von den unwichtigen zu unterscheiden. Also wir entwickeln Antennen, im übertragenen Sinne, für die Dinge, die wichtig sind. MUSIK 6 ( The Weather Station: Passage 0‘39) SPRECHERIN Und genau mit diesen Antennen laufen wir heute noch durch den Alltag, zum Beispiel durch die Fußgängerzone. 10 ZUSP O-TON (Kiefer) Wo es Schuhgeschäfte gibt und Süßigkeiten-Geschäfte und Kneipen gibt, dann sind das unterschiedliche Hinweisreize, die ich mit unterschiedlichen Erfahrungen verbinde. SPRECHERIN Wobei jemandem, der in der Vergangenheit gelernt hat: Neue Schuhe machen mich glücklich, vermutlich zuerst das Schuhgeschäft auffällt. Stichwort selektive Wahrnehmung. 11 ZUSP O-TON (Kiefer) Der erste Schritt ist die Wahrnehmung, aber vielleicht habe ich mit allen dreien ja schon positive Erfahrungen gemacht. Ich kaufe gerne Schuhe und ich trinke gerne und ich esse gern Süßes. Und dann geht es aber auch in diesem Dopamin-System darum: Wie stark ist diese Belohnungserwartung? SPRECHERIN Macht es mich glücklicher, neue Schuhe zu kaufen oder ein Bier trinken zu gehen? 12 ZUSP O-TON (Kiefer) Also es geht nicht nur um Markierung „ja“ oder „nein“, sondern um ein bisschen Markierung, um ein bisschen mehr Markierung und um ganz starke Markierung. Also meine Motivation, in die Kneipe zu gehen ist vielleicht größer als die ins Schuhgeschäft zu gehen. MUSIK 7 (The Weather Station: Passage 0‘37) SPRECHERIN Wir sind zwar keine Marionetten, die – am Dopamin-Faden hängend –automatisch in die Kneipe oder in das Schuhgeschäft gezogen werden. Aber die Motivation, der Drang kann schon sehr stark sein. Der Übergang in eine Sucht ist fließend, auch wenn bei einer Suchterkrankung immer auch noch andere Faktoren eine Rolle spielen. Doch das Dopamin-System ist schon sehr wichtig bei der Entstehung von Suchterkrankungen. 13 ZUSP O-TON (Kiefer) Wenn ich in eine Kneipe gehe und jedes Mal Alkohol trinke, dann wird diese Kneipe mit einem Daumen hoch mit einem Dopamin-Peak markiert. Und das führt dazu, dass diese Kneipe mit Belohnungs-Erwartungen aufgeladen wird und ich immer mehr Motivation habe, mich in diese Richtung zu bewegen. Und dadurch ist das ein ganz zentraler Mechanismus, der dazu führt, dass mit jedem Konsum die Motivation, in diese Situation hineinzugehen und wieder zu konsumieren, steigt. SPRECHERIN Wobei pharmakologische Substanzen wie Alkohol, Cannabis, Opiate oder Amphetamine im Vergleich etwa zum Schuhe kaufen noch eine Besonderheit haben: Sie stimulieren das Dopamin-System, auch wenn mir der Rausch gar nicht gefällt oder wenn mir davon speiübel wird. 14 ZUSP O-TON (Kiefer) Das heißt, sie machen eine pharmakologisch erzwungene Markierung in dem Belohnungssystem, also erzwingen einen Daumenhoch. SPRECHERIN Anders als etwa ein Nahrungsmittel, das bei mir Bauchschmerzen verursacht – das werde ich in Zukunft tunlichst meiden. Im Gegensatz dazu führen pharmakologisch wirksame Suchtmittel auf jeden Fall zu einer Dopamin-Markierung – egal, ob mir der Rausch nun guttut oder nicht. 15 ZUSP O-TON (Kiefer) Von daher ist es so, dass selbst Menschen, denen übel wird irgendwann von Alkohol oder die merken, die Opiate tun überhaupt nicht mehr gut, die haben trotzdem den Drang, das wieder einzunehmen, weil einfach die selektive Aufmerksamkeit und die Belohnungserwartung von dieser bewussten Einschätzung weitgehend unabhängig ist. MUSIK 8 ( Yost x Chiras: Inside The Mind 0’46) SPRECHERIN Es zieht einen in die nächste Kneipe – und es ist äußerst schwierig, dem Drang zu widerstehen. 16 ZUSP O-TON (Kiefer) Das ist ein Teil dieses Drangs, der bei Drogenabhängigkeit eine große Rolle spielt. Sie gehen durch eine Welt, in der sie das Schuhgeschäft und die Süßigkeiten gar nicht mehr wahrnehmen, weil diese Belohnungserwartung auf die Kneipe und auf die Trinksituation so übermächtig geworden ist, dass auch das Wissen, hinterher ist mir wieder schlecht und am nächsten Tag geht es mir übel, gar keine Rolle mehr spielt in der Situation, sondern sie sind so fokussiert und diese Erwartung ist so groß, dass es extrem schwerfällt, dem zu widerstehen. SPRECHERIN Das Wissen um die Rolle von Dopamin bei Suchterkrankungen, macht man sich inzwischen auch bei der Therapie von Suchterkrankungen zunutze. Zum Beispiel arbeiten Forschende daran, mithilfe von Medikamenten die Dopamin-Ausschüttung, etwa nach Alkoholkonsum, ganz gezielt zu unterdrücken. Das ist sehr schwierig und erfordert viel Feintuning, um nicht das ganze Dopamin-System aus dem Takt zu bringen, aber es gibt erste Erfolge. 17 ZUSP O-TON (Kiefer) Und tatsächlich zeigen auch Daten, dass das ein Mechanismus ist, der Trinkmengen-Reduktion und Abstinenz unterstützen kann. SPRECHERIN Eine andere Möglichkeit ist, umzulernen. 18 ZUSP O-TON (Kiefer) Wir haben einen Raum in unserer Klinik, der aussieht wie eine Kneipe. Und in denen präsentieren wir unseren Patientinnen und Patienten ihr Lieblingsgetränk und sie können sich das einschenken. Sie können sich das angucken, sie können daran riechen. Und das stimuliert natürlich unheimlich dieses Belohnungssystem. Und wenn Sie es dann aber nicht konsumieren, sondern abwarten, bis dieser Drang und dieses Belohnungsvorhersage-Gefühl wieder runtergeht, dann kann dieses System umlernen. Dann haben Sie nämlich den Hinweisreiz gesehen. Sie haben aber nicht konsumiert und vereinfacht gesagt, war das eine falsche Belohnungsvorhersage im Gehirn und die wird langsam sukzessive dann runter korrigiert und wird mit der Zeit immer geringer. SPRECHERIN Man übt sich gewissermaßen in Abstinenz und mit der Zeit nimmt der Dopamin-vermittelte Drang, Alkohol zu trinken, ab. MUSIK 9 (Sine: Dreamland 0‘41) Das gilt auch für andere Situationen, wo es nicht um Sucht im engeren Sinne geht. Sondern um die kleinen Dopamin-Kicks im Alltag: schnelle Zigarette in der Mittagspause oder kurz mal checken, ob mein Beitrag auf Facebook oder Instagram geliked wurde. Solchen Dingen eine Weile zu entsagen, ist gerade ziemlich angesagt in den sozialen Medien – auch wenn das erst mal paradox klingt, wenn bei Instagram die Insta-Abstinenz gefeiert wird. Aber tatsächlich gibt es einen Hype um das sogenannte Dopamin-Detox. 19 ZUSP O-TON (Berg) Dopamin-Detox bedeutet, dass man ganz bewusst auf Aktivitäten verzichtet, die eine starke Ausschüttung von Dopamin, also diesem Belohnungshormon, sozusagen, verursacht. Das heißt, das Ziel ist, dass man so eine Art Reset vom Gehirn macht, damit man wieder wesentliche Motivation für die alltäglichen Aufgaben bekommt und nicht ständig überstimuliert ist. Und das versucht man so, dass man bestimmte Dinge versucht zu meiden, zum Beispiel zu viel Social Media und Internetkonsum, Videospiele, aber auch ernährungsbedingt, zum Beispiel Junk-Food, zu viele Süßigkeiten, ständiger Konsum von Musik und Podcast, exzessives Handy nutzen. Also all diese Dinge, womit man einfach sich überall stimuliert und das Gehirn an schnelle Belohnungen gewöhnt. SPRECHERIN Wobei der Begriff „Detox“, also Entgiftung, eigentlich unpassend ist. 20 ZUSP O-TON (Berg) Der Begriff ist eher irreführend, denn man kann und will ja eigentlich auch gar nicht das Dopamin aus dem Körper spülen. Es ist ja kein Detox in dem Sinne. Aber was ganz wichtig für die Betroffenen ist: Man lernt, mit dieser eigenen Abhängigkeit umzugehen. Das heißt, diese Reizüberflutung, die zu meiden, diese bewusst zu reduzieren, um wieder wirklich auch eine tiefe Freude und eine tiefe Befriedigung an Dingen zu bekommen, die das Leben ausgeglichen und schön machen. Und das sind sehr, sehr positive Effekte und das erleben viele Menschen und deshalb ist das durchaus zu befürworten. MUSIK 10 ( Yost x Chiras: These Lonely Winds 1’02) SPRECHERIN Der Neurotransmitter Dopamin spielt aber längst nicht nur beim Belohnungslernen und der Entstehung von Suchterkrankungen eine wichtige Rolle. Vielmehr hat der Botenstoff sehr viele verschiedene Aufgaben, ähnlich wie auch andere Botenstoffe. 21 ZUSP O-TON (Kiefer) Die Evolution hat eben nicht unendlich viele Neurotransmitter, Botenstoffe unserem Gehirn zur Verfügung gestellt. Also wir kennen Glutamat oder Serotonin oder Dopamin, aber letzten Endes sind es gar nicht mehr als zwei Handvoll wichtiger Neurotransmitter, die unser Verhalten, unsere Kognition und unsere Emotionen regulieren. Und wir wissen, haben sehr viele unterschiedliche Hunderttausende, Millionen von möglichen Kognitionen, Emotionen, Dingen, die im Gehirn passieren. Und dafür ist eben eine sehr feine Abstimmung zwischen den unterschiedlichen Neurotransmittern, aber auch zwischen dem, was sie tun an unterschiedlichen Rezeptoren in unterschiedlichen Regionen, in unterschiedlichen Schaltkreisen. SPRECHERIN Eine sehr feine Abstimmung im Gehirn ist auch für unsere gesamte Motorik wichtig, und dabei übernimmt der Neurotransmitter Dopamin ebenfalls eine wichtige Rolle. 22 ZUSP O-TON (Berg) Vor allem für die unwillkürliche Motorik, zum Beispiel schlucken. Und schlussendlich kommt es auch in unserem vegetativen Nervensystem vor. Das heißt, es reguliert zum Beispiel die Durchblutung von Organen. SPRECHERIN Insgesamt betrachtet übernimmt Dopamin also eine Fülle von Aufgaben und ist an vielen Funktione…

    Full show notes at the publisher

    Jahreszeiten außer Takt? Alles Natur! Jun 17, 2025
    Show notes

    Starke Regenfälle, milde Winter, heiße Sommer, lange Trockenphasen - das Klima ändert sich und das merkt man auch an der Verschiebung der Jahreszeiten. Iska Schreglmann spricht mit Ismeni Walter, Professorin für Umweltjournalismus an der Hochschule Ansbach über die weitreichenden Folgen für Tiere und Pflanzen. Von Iska Schregmann (BR 2023)

    Credits:
    Autorin: Iska Schreglmann im Gespräch mit Ismeni Walter
    Technik: Peter Riegel
    Redaktion: Bernhard Kastner

    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

    Prof. Dr. Ismeni Walter ist Biologin und Wissenschaftsjournalistin. Im Studiengang Ressortjournalismus an der Hochschule Ansbach ist sie verantwortlich für den Schwerpunkt „Umwelt“. Die Studierenden bekommen bei ihr Einblicke in wichtige Themen wie Biodiversität, Mensch und Umwelt, Klimawandel und Klimapolitik.

    Hochschulpage Ismeni Walter:
    EXTERNER LINK | https://www.hs-ansbach.de/personen/walter-ismeni/

    Mehr Infos zum Bachelorstudiengang Ressortjournalismus:
    EXTERNER LINK | https://www.hs-ansbach.de/bachelor/ressortjournalismus/

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    Gemeinsam laden das Naturkundemuseum Bayern/BIOTOPIA Lab und der bayerische Naturschutzverband LBV zusammen mit zahlreichen weiteren Partnern dazu ein, den morgendlichen Vogelchor vor der eigenen Haustür zu erleben, aufzunehmen und zu teilen. So können Sie einen wichtigen Beitrag zur Biodiversitätsforschung leisten.
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    Zu Gast bei Radiowissen: Jeden Dienstag neu. WirTier erzählt von Menschen, die ihr ganzes Leben verändert haben durch diesen einen Moment auf Augenhöhe mit einem Tier. Sie teilen mit uns ihre tiefgreifenden Erfahrungen über unser Zusammenleben auf diesem Planeten und ihr Wissen über Tiere. Sechs Folgen - ab dem 13. Mai.


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    Gut verhandelt? Die Frage entscheidet über den persönlichen Kontostand und über die Aussichten einer Nation. Denn verhandelt wird über alles und überall: in Juristerei, Wirtschaft, Politik, auf Flohmärkten und Jobbörsen. Wie gelingt die Verhandlung und wie ändert sich historisch ihr Handwerkszeug? Von Marie Schoeß (BR 2024) CreditsAutorin dieser Folge: Marie SchoeßRegie: Sabine KienhöferEs sprachen: Katja Amberger, Christian BaumannTechnik: Matthieu BelohradskyRedaktion: Nicole Ruchlak Im Interview:Roman Trötschel, Professor für Sozial- und Politische Psychologie an der Fakultät Nachhaltigkeit der Leuphana Universität LüneburgSimon Wolf, nach Studium und Promotion in der Rhetorik arbeitet er als Rhetorik-Coach Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek.ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Verhandeln ist mehr als Kopfarbeit: Treten zwei Menschen einander gegenüber – bereit zum Verhandeln –, beginnt ein diffiziles Spiel, das den ganzen Menschen beansprucht. Alles ist jetzt gefragt. Augen, Arme, Mundwinkel, Herz, Puls, Kopf und Zunge: Jeder Nerv, jede Zelle muss mitspielen, alles muss eingestimmt sein auf das, was jetzt folgt. Höchstspannung – sichtbar gerade in den Momenten des Scheiterns. Wenn die Spannung plötzlich abfällt. Im November 2017 zum Beispiel. SPRECHER Erinnern Sie sich noch? Deutschland sucht gerade eine neue Regierung, die Sondierungsverhandlungen sind dieses Mal aber deutlich kniffliger als gewohnt. Union, Grüne und FDP wollen es miteinander versuchen und so – in dieser Kombination, auf Landesebene – haben die Beteiligten noch nie zusammengefunden. Ihre Programme liegen in zentralen Fragen auch weit auseinander. Für sie alle – schwarz, grün, gelb – steht also einiges auf dem Spiel. Lassen sich genügend der eigenen Ziele durchsetzen? Gelingt es – allen – das Gesicht zu wahren, weil alle Zugeständnisse in den Fragen machen, die für die jeweils anderen zentral sind? Können so auch lauter faule Kompromisse verhindert werden? All das ist offen, als die FDP plötzlich vor die Presse tritt. Christian Lindner hat seine Parteikolleginnen und Kollegen im Rücken, eine fast schon versteinerte Miene haben sie, als ihr Parteivorsitzender verkündet: Besser nicht regieren, als falsch regieren. Musik: Prayer wheel (red.) 0‘20 SPRECHERIN Mit diesem Statement gehen die Verhandlungen erfolglos zu Ende, und den anderen – Verhandlern auf Seiten der Union, der Grünen – stehen die Fragen ins Gesicht geschrieben: Was ist da schiefgelaufen? Was kann man daraus lernen? 01 ZUSPIELER ROMAN TRÖTSCHEL Es geht in Verhandlungen sehr stark um Reputation, Aufbau von Vertrauen und den Aufbau von Beziehungen, weil ich langfristig davon Vorteile ziehen werde. Und wenn ich fragwürdig kurzfristige Erfolge erziele, indem ich die Gegenseite über den Tisch ziehe, Interessenskonflikte vortäusche oder was auch immer, hat das zwar kurzfristig Erfolg, aber langfristig wird mir das auf die Beine fallen. Es dauert 20 Jahre, mir eine Reputation aufzubauen, aber ich kann sie in fünf Minuten zerstören. SPRECHERIN Roman Trötschel ist Experte in Sachen Verhandlungen, er lehrt als Professor für Sozial- und Politische Psychologie an der Leuphana Universität Lüneburg. Versucht zu verstehen, unter welchen Umständen Verhandlungen glücken und was sie scheitern lässt. Vertrauen, weiß er, ist ein zentraler Punkt für jede Verhandlung. Musik: Precision on demand 0‘36 SPRECHER Und der Herbst 2017 bildet da keine Ausnahme. Mehr als ein Mal dringen Informationen nach draußen. Irgendwer spielt sie an die Presse, offenbart sie der Öffentlichkeit – sicher auch, weil es in diesem Moment der eigenen Strategie dient. Vertrauen baut man so aber nicht auf. Auch das plötzliche Wechseln von Strategien und Positionen ist nicht gerade vertrauensbildend. Der Streit um den Familiennachzug ist ein Beispiel dafür. Ein Knackpunkt, die Verhandler beißen sich an dieser Frage fest – insofern wäre ein vertrauensvoller Umgang gerade jetzt wichtig. Das Gegenteil aber passiert: Jürgen Trittin, lange unter den diskretesten Verhandlern, kritisiert die FDP öffentlich dafür, plötzlich einen Schulterschluss mit der CSU zu suchen, heißt: Plötzlich auch darauf zu pochen, den Familiennachzug weiter auszusetzen, was für die Grünen bekanntermaßen ein rotes Tuch ist. Das Interview: zerstört Vertrauen. Der plötzlich gesuchte Schulterschluss, der dem Interview vorausging, ebenfalls. SPRECHERIN Das Ende der Verhandlungen, der nicht abgesprochene Abbruch, war letztlich Ausdruck des Vertrauens-Problems innerhalb der Verhandlungen. Die Sondierungsverhandlungen sind aber nur ein Beispiel: Gescheiterte Verhandlungen gehören zum politischen Alltag. Und auch für Vertrauensverluste findet man etliche Beispiele. 2018 etwa, ein anderes Scheitern. Auch das vor aller Augen. Musik: Facts&data 0‘42 SPRECHER Donald Trump verlässt den G7-Gipfel vor dem eigentlichen Ende. Erinnern Sie sich noch? An diesen Aufbruch, der nichts ist als: Symbolpolitik, ein Signal, wie groß der US-amerikanische Präsident die eigene Verhandlungsmacht einschätzt, wie gering die seiner Partner? Trump müsste hier nicht weg, der Anschluss-Termin mit dem nordkoreanischen Präsidenten Kim Jong Un ließe ihm Zeit, aber er verlässt die Verhandlungspartner frühzeitig, fliegt – und twittert: Er werde die US-Unterhändler anweisen, „die Abschlusserklärung nicht zu unterstützen“. Gerade hatte man sich auf einen Kompromiss geeinigt – ein großer Wurf war der ohnehin nicht, die großen Streitfragen waren ausgeklammert worden – aber jetzt auch noch das: Das öffentliche, nicht abgesprochene Aufkündigen des Kompromisses. 02 – ZUSPIELER ROMAN TRÖTSCHEL Es dauert 20 Jahre, mir eine Reputation aufzubauen. Aber ich kann sie in 5 Minuten zerstören. SPRECHERIN Verhandeln kann Nervenkrieg sein, das beweisen diese Beispiele – aber sie suggerieren gleichzeitig etwas Falsches: Dass eine Verhandlung Wettbewerb ist. Weiter nichts. Die Wahrheit ist komplexer: 03 – ZUSPIELUNG ROMAN TRÖTSCHEL Was Verhandlungen auszeichnet, ist, dass das immer Situationen sind, in denen Kooperation und Competition gemeinsam auftreten. Einerseits versuche ich ja als Verhandlungspartei die Interessen der eigenen Seite – also wenn ich eine Gruppe vertrete oder auch meine individuellen Interessen – durchzusetzen gegen den Widerstand der anderen Seite. Aber ich würde ja mit der anderen Seite nicht verhandeln, wenn ich das ganz allein könnte. SPRECHERIN Ein klassischer Fehler in Verhandlungen: Sie als Fußballspiel zu verstehen, entweder man gewinnt oder man verliert. Dabei ist die vielleicht wichtigste Einsicht eines Verhandlers, dass die Gegenseite auch Entscheidungsmacht hat, dass die Abhängigkeit wechselseitig ist, dass beide Akteure Teil des Entscheidungsprozesses sind, im besten Fall sogar beide gewinnen. Wer daran zweifelt, kann die Verhandlung eigentlich gleich einstellen. 04 – ZUSPIELUNG ROMAN TRÖTSCHEL Grundsätzlich können soziale Konflikte auf verschiedene Art und Weise gelöst werden. Entweder durch Agieren und Reagieren – also, dass eine Partei Aktionen ergreift. In Tarifverhandlungen – eine Partei löst einen Streik aus, und die Gegenseite reagiert dann drauf, geht vor Gericht. Oder durch Interagieren. Und Interagieren ist dann Verhandeln. Musik: Research activity 0‘40 SPRECHER Noch ein Beispiel: Die „Letzte Generation“ will – genauso wie „Fridays for Future“ – einen gesellschaftlichen Wandel herbeiführen, will der Gesellschaft vor Augen führen, was der Klimawandel für die Jungen bedeutet. Aber während sich „Fridays for Future“ offen zeigt, ihre Positionen zum Gegenstand von Diskussionen und Verhandlungen zu machen, pocht die „Letzte Generation“ immer wieder darauf, dass vieles schlicht „nicht verhandelbar“ sei. Und setzt insofern auch auf eine andere Strategie: auf Aktion statt Interaktion. 05 – ZUSPIELUNG SIMON WOLF Ja, also von der Definition, da kann man sagen, dass es bei der Verhandlung immer um den Abgleich von konfligierenden Interessen geht. Zwei Personen oder zwei Institutionen haben unterschiedliche Interessen. Das können auch mehr als zwei sein. Und sie haben trotzdem das gemeinsame Interesse, das auf dem Weg der Verhandlung zu klären und nicht auf anderem Wege. SPRECHERIN Dr. Simon Wolf arbeitet als Rhetorik-Coach, wobei er Theorie und Praxis der Verhandlung zusammenbringt. Er ist damit Fachmann für eine Disziplin, an der niemand vorbeikommt: Verhandelt wird überall, in Küchen und Kirchen, in Parlamenten und auf dem Pausenhof. Zu verstehen, was eine Verhandlung ausmacht, wie sie sich gut gestalten lässt, ist also enorm wichtig – für das Leben jedes Einzelnen und die Entwicklung einer Gesellschaft. Und trotzdem gehen es viele falsch an. Simon Wolf kennt das aus der Praxis: 06 – ZUSPIELUNG SIMON WOLF Häufig gibt es so die Idee von der einen richtigen Formulierung, und da muss man schon von der Gesprächsführung her und erst recht von der Verhandlungsführung her sagen: Das eine richtige goldene Wort gibt es nicht, sondern im Gegenteil es geht um Verhaltensweisen, und es geht um Mindset. Also von der einen goldenen Formulierung, von dem einen goldenen Wort muss man sich leider ein Stück weit lösen. Musik: New beginning 0‘19 SPRECHERIN Aufs Mindset, also auf die Haltung und Einstellung bei der Verhandlung, pocht auch Roman Trötschel. Es hält flexibel, sagt er. Und dass ein Mindset keine Wertvorstellung sei, nichts Starres, Unverhandelbares. Eher schon eine Brille. 07 – ZUSPIELUNG ROMAN TRÖTSCHEL Und wie so eine Brille, die ich auf- und absetzen kann, wirken auch Mindsets, die sind nämlich sehr flexibel. Und ich brauche Flexibilität in Verhandlungen. Und jetzt gibt es kein universelles Mindset, das mir grundsätzlich hilft, in Verhandlungen voranzukommen. Vielleicht schon das grundsätzliche Verständnis, dass Verhandlungen eben immer Kooperation und Competition sind, also beides. Das muss Bestandteil des Mindsets sein. Aber zusätzlich kann ich mir in Abhängigkeit von meinen Fähigkeiten und Fertigkeiten bestimmte Grundprinzipien geben. SPRECHERIN Wer ein großes Harmoniebedürfnis in sich trägt, setzt besser erstmal die Brille „Hartnäckigkeit“ auf, damit er nicht zu schnell um des Friedens willen einknickt. Darf sie aber auch wieder absetzen, wenn die wichtigsten Elemente besprochen sind. Eine Varianz an Brillen – Grundprinzipien in der Verhandlung – helfen ohnehin am besten weiter. „Neugier“ ist eines davon. Und „Kreativität“. 08 – ZUSPIELUNG SIMON WOLF Für die Vorbereitung auf eine Verhandlungsstrategie ist es in der Praxis ganz wichtig zu sehen: Was sind meine Interessen? Nicht nur meine Positionen. SPRECHERIN Bedeutet: Nicht nur zu wissen, was ich will, sondern warum ich das will. Das erhöht die Flexibilität und ist Moment für Kreativität. Musik: Corporate questions more red 0‘42 SPRECHER Konkretes Beispiel: Wenn ich ins Gespräch mit meinem Chef gehe und mehr Gehalt fordere, kann ich schnell scheitern. An Vergütungsgruppen zum Beispiel, die in einer Firma klar geregelt sind und an denen wirklich niemand vorbeikommt. Wenn ich aber weiß: Ich will mehr Gehalt, weil ich Geld für ein Lastenrad zurücklegen will, kann ich womöglich von der Firma ein Rad gestellt bekommen. Oder eine Karte für die Öffentlichen Verkehrsmittel, fürs Fitness-Studio, irgendwas, das mir anderweitig Geld spart. In ganz vielen Situationen lässt sich das Bedürfnis befriedigen, nur nicht immer auf dem einen naheliegenden Weg. Deshalb die Frage nach dem Warum. 09 – ZUSPIELUNG SIMON WOLF Letzten Endes steigern wir dadurch unsere Verhandlungsmacht, weil wir mehr Möglichkeiten auf den Tisch bekommen. SPRECHERIN Ist Kreativität gerade während der Verhandlung entscheidend – dann, wenn es wirklich ums Suchen und Finden eines Kompromisses geht –, braucht es die Neugier schon viel früher: 10 – ZUSPIELER ROMAN TRÖTSCHEL Ich muss tatsächlich wie ein Detektiv vorgehen und verstehen: Was ist denn eigentlich mit der anderen Seite los in dieser Verhandlung? Was will die denn eigentlich? Die Gegenseite vertritt Positionen. Aber hinter den Positionen der Gegenseite steckt Psychologie – nämlich Motive, Wertvorstellungen, Denkmuster. Und das muss ich aufdecken und muss neugierig sein. Eigentlich bedeutet Neugier Informationssuche – und zwar so viel wie möglich. Musik: Creative workshop red 0‘42 SPRECHERIN „Hinter den Positionen steckt Psychologie“, sagt Roman Trötschel. Und in dieser Aussage steckt wiederum eine ziemlich wichtige Einsicht für die Kunst der Verhandlung: Eine Verhandlung ist mehr als ein Austausch von Argumenten, mehr als ein Spiel, das allein mit dem Verstand zu gewinnen ist. Eine Verhandlung hat rationale, aber auch emotionale, fast schon körperliche Anteile. Die Vorbereitung muss insofern auch den ganzen Menschen einbeziehen: die Argumente und Emotionen der anderen Seite. Und meine eigenen. 11 – ZUSPIELER SIMON WOLF Schon Aristoteles sagt uns, ein emotional erregter Gesprächspartner kann sich nicht mehr so gut konzentrieren. Und das heißt, die emotionale Vorbereitung gehört immer auch zu Verhandlungs-Vorbereitung dazu. Damit geht typischerweise die Körpersprache Hand in Hand. Wenn ich emotional aufgeräumt und entspannt bin, dann kann ich meine Körpersprache auch besser einsetzen. Wenn ich sowieso schon auf 180 bin, dann machen die Mundwinkel und dann macht die Zornesfalte auf der Stirn, was sie will. Und dann wird ein Gesprächspartner ein viel leichteres Spiel haben, weil ich meine Körpersprache nicht so gut kontrolliere und dann meine Emotionalität ein Stück weit besser zu lesen und zu sehen ist. SPRECHERIN Die Emotionalität des anderen einfach auszunutzen, wenn sie sich denn zeigt, ist trotzdem keine gute Idee. Stichwort: Aufrichtigkeit, Vertrauen. Beides ist immens wichtig – gerade, wenn Verhandlungen Zeit brauchen oder gar kein Ende kennen. Die G7: tagen nicht bloß ein Mal. FDP und Grüne haben sich bei den Jamaika-Verhandlungen 2017 nicht zum letzten Mal an den Verhandlungstisch gesetzt. Und die Verhandlung zu Hause, um die gerechte Aufteilung der Care-Arbeit zum Beispiel, ist auch erst abgeschlossen, wenn das Kind das Haus verlassen hat. Kurzfristige Verhandlungserfolge, die auf Kosten des Vertrauens gehen, helfen da kaum weiter. Weder am Küchentisch und noch bei Klimaverhandlungen. Musik: Chemical transformation 0‘50 SPRECHERIN Und für letztere braucht es mehr als ein Bewusstsein, welches Mindset hilfreich ist. Roman Trötschel hat sich auf solche Verhandlungen spezialisiert. Transformationsverhandlungen nennt er sie. Im Grunde fallen darunter alle Verhandlungen, die einen gesellschaftlichen Wandel einleiten wollen und dabei nachhaltige Lösungen anstreben. Einfach ist das nie. Aus mehreren Gründen: Weil viele verschiedene Interessen aufeinanderstoßen. Weil der Verhandlungsgegenstand nie bloß die Gegenwart betrifft, sondern immer auch die Zukunft. Und weil jede Entscheidung Folgen für verschiedenste Bereiche hat: fürs Soziale, Wirtschaftliche, Ökologische. Die UN-Klimakonferenz in Paris ist ein gutes Beispiel dafür – gut nicht nur wegen der Vielzahl an Interessen, der Vielzahl an Fragen und Folgen, sondern vor allem, weil hier wirklich mal eine Verhandlung geglückt ist. SPRECHER Kleiner Sprung zurück, ins Jahr: 2015. Am 30. November beginnen die Klima-Verhandlungen in Paris, bis zum 11. Dezember sind sie angesetzt, aber spontan werden sie um einen Tag verlängert, es ist eben enorm kompliziert. Am Ende steht ein Klimaabkommen, völkerrechtlich bindend fü…

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    Dinge, die nicht wiedergutzumachen sind - Trauma Schuld Jun 17, 2025
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    36.000 Menschen werden jährlich im Verkehr verletzt und 2.800 Menschen getötet. Oft ist der Unfall auch für die Verursacher traumatisch. Sie verzweifeln, weil sie keinen Weg finden, mit der großen Schuld zu leben. Zwar gibt es keine Wiedergutmachung, doch es kann gelingen, weiterzuleben. Von Karin Lamsfuß (BR 2024) CreditsAutorin dieser Folge: Karin LamsfußRegie: Susi WeichselbaumerEs sprachen: Katja Amberger, Herbert SchäferTechnik: Andreas LuckeRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Silke von Beesten, Notfallpsychologin, Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland; Verena König, Traumatherapeutin; Dr. Christoph Quarch, Philosoph und Theologe; Melanie Regus, UnfallverursacherinConny Vogt, ihr Mann kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.Wie wir ticken – Euer Psychologie Podcast Linktipps:Beratung für Unfallverursacher und Unfallopfer HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: O-Ton 1 Melanie Regus: Ich habe vor 20 Jahren einen Menschen überfahren. O-Ton 2 Melanie Regus: Es ist so, dass ich rechtlich gesehen eine Täterin bin und auch bleiben werde. Den Rest meines Lebens. O-Ton 3 Melanie Regus: Und man fragt sich dann manchmal auch so was wie: Was hab ich im Leben getan, dass ich das verdiene? Dass mir das geschieht? Hab ich etwas getan? O-Ton 4 Melanie Regus: Ich habe viele, viele Jahre keine Antwort darauf gehabt, weil faktisch ist es so, dass ich verantwortlich bin für den Tod dieses Menschen. Ich bin schuld daran, dass dieser Mensch nicht mehr in der Mitte seiner Lieben ist. Sprecherin: Es war einer der ersten schönen Frühlingstage. Melanie Regus war damals gerade 20. Sie fuhr mit ihrem Auto in vorgeschriebener Geschwindigkeit auf der Landstraße. O-Ton 5 Melanie Regus: Ich hatte das Fenster unten, ich kann mich sogar an den Wind in meinem Haar erinnern. Ich kann mich dann aber nur noch fragmentarisch an das erinnern, was passierte, dass ich nämlich in die Spurrinne gekommen bin neben der Fahrbahn, als Fahranfängerin gegengelenkt habe, auf die andere Fahrbahnseite geschleudert bin und auf der kam ein Radfahrer, den ich dann überfahren habe. MUSIK Source Code O-Ton 6 Melanie Regus: Und es kam ein Polizist und hat mir die schöne Nachricht überbracht: „Wir fliegen ihn jetzt gleich weg ins Klinikum, er wird’s schaffen!“ Und ich kann mich dran erinnern, wie eine tonnenschwere Last von mir abgefallen ist. Dann kam der Polizist einige Zeit später wieder und hat mir relativ trocken und knapp und kurz mitgeteilt, dass er es nicht geschafft hat. Sprecherin: Melanie Regus ist erst seit Kurzem in der Lage, offen über das zu sprechen, was ihr damals passiert ist: Sie hat einen Menschen getötet. Unbeabsichtigt. Sie war nicht betrunken, nicht zu schnell. Hat nicht am Handy gespielt. Es ist einfach passiert. So wie es jedem Menschen passieren könnte, der sich hinters Steuer setzt. MUSIK Broken dreamland Sprecher: Jeder Mensch kann sich jederzeit schuldig machen. Wir verletzen einander, körperlich sowie seelisch. Und wir können einander unbeabsichtigt schwer versehren oder sogar töten. Sprecherin: Und obwohl diese Wahrheit zum Menschsein dazugehört, ist sie in dem Moment, wo sie wahr wird, einfach nur ein Albtraum, so die Traumatherapeutin Verena König: O-Ton 7 Verena König: Ich glaube, verantwortlich zu sein für so einen großen Schaden, für so einen enormen Schmerz, ist etwas, was man zunächst einmal überhaupt nicht greifen kann und wo man wirklich Arbeit zu leisten hat, um das zu bewältigen. Und ich glaube auch, dass es viele Menschen gibt, die das nicht schaffen. Und die nicht darüber hinwegkommen und die ihr eigenes Lebensglück darüber verwirkt sehen und das so erleben. Sprecher: Rund 36.000 Menschen werden jährlich im Verkehr verletzt und 2.800 getötet. Hinzu kommen Unfälle in Job und Freizeit durch menschliches Verschulden. Alle Aufmerksamkeit, alles Mitgefühl gilt den Opfern. Zu Recht. MUSIK Wasteland Sprecher: Doch wer kümmert sich um die Täter? Also um die Menschen, in deren Leben auch nichts mehr ist wie zuvor? O-Ton 8 Silke von Beesten: Wir betrachten Unfallverursacher genauso als Unfallopfer, wie alle anderen Betroffenen auch. Auch dieser Mensch braucht Hilfe. Auch dieser Mensch braucht Unterstützung. Ein Verkehrsunfallverursacher hat diesen Verkehrsunfall auch nicht gewollt. Sprecherin: Silke von Beesten, Notfallpsychologin und Vorsitzende der Verkehrsunfall-Opferhilfe Deutschland. Der gemeinnützige Verein berät sowohl Unfallopfer, als auch Unfallverursacher. Nur von denen kamen gerade mal zwei in den ganzen letzten Jahren. Dabei, so sagt sie, sind die Gefühle, die solch ein Ereignis auslöst, so schwerwiegend, dass nur die wenigsten damit alleine klarkommen. MUSIK Wasteland O-Ton 9 Silke von Beesten: Auf psychischer Ebene erleben alle zunächst einmal eine schwere Belastung, die hochemotional wirkt und die zunächst einmal einhergehen kann mit überflutenden Gefühlen von Ohnmacht und Hilflosigkeit. Und in der Folge sind dann die so genannten Risiko- und Schutzfaktoren maßgeblich dafür verantwortlich, ob eine Traumafolgestörung entsteht, und zwar sowohl bei Unfallverursacher als auch bei Unfallbetroffenen oder ob die Möglichkeit der Heilung entstehen kann. Sprecher: Trauma Schuld. Menschen, die für das Schicksal eines anderen verantwortlich sind, müssen mit dieser Bürde in der Regel ganz alleine weiterleben. Kaum jemand will etwas mit ihnen zu tun haben, Hilfsangebote gibt es so gut wie keine. Dabei haben auch sie eine zentnerschwere Last auf ihren Schultern zu tragen. O-Ton 10 Verena König: Ja, also ich glaube, dass Schuldgefühle, um die es da ja auf einer ganz tiefen Ebene geht, tatsächlich die Kraft und die Macht haben können, uns die eigene Existenzberechtigung zu nehmen. Also das Gefühl von eigener Existenzberechtigung. Es gibt anscheinend in unserem tiefen sozialen Sein eine ganz intensive Verbindung zum Leben. Und wenn das Leben eines anderen Menschen endet, dann bedeutet das, dass das etwas mit unserer eigenen Existenz macht. Das ist nicht möglich, das von der eigenen Existenz zu trennen, wenn man eine Verantwortung oder Schuld trägt. MUSIK The start, the end and all the space between Sprecher: Wo jemand einem anderen Menschen das Leben nimmt oder ihn gesundheitlich nachhaltig schädigt, versagen alle Konzepte von Entschuldigen, Verzeihen, Versöhnen und Wiedergutmachen. Also die Konzepte, die bei kleineren Verletzungen funktionieren, so der Philosoph und Theologe Dr. Christoph Quarch: O-Ton 11 Christoph Quarch: Hier müssen wir tatsächlich mit der Situation klarkommen, dass es Dinge gibt, die schlicht und ergreifend unverzeihlich sind. Man kann Schuld auf sich laden, bei der wir nicht erwarten können oder auch erwarten dürfen, dass die Betroffenen uns dafür verzeihen. Sprecherin: Melanie Regus stand ganz alleine da mit ihren überflutenden Gefühlen. So recht wollte keiner ihre Geschichte hören. Um Abstand zu gewinnen, zog sie in eine größere Stadt, studierte Psychologie und Religionswissenschaften – auch, weil sie Antworten suchte auf ihre drängendsten Fragen: O-Ton 12 Melanie Regus: Ist Gott ein liebender Gott, wenn es einen Gott gibt? Und wenn es ihn gibt: Wieso muss ich diese Bürde tragen? Wieso hat er mir das aufgeladen? O-Ton 13 Verena König: Eine ganz typische Reaktion von Menschen, denen so etwas passiert, ist, das sich zermartern und zermürben. Was hätte ich anders machen müssen, damit das nicht passiert? Weil die Psyche irgendwie versucht, einen Grund dafür zu finden, dass das passiert ist, was passiert ist. O-Ton 14 Melanie Regus: Ich hab immer wieder Wellen gehabt mit intensiven Gefühlen, die mich übermannt haben, was als erstes kam, war tatsächlich Wut! Eine Art Wut auf das Leben, auf das Schicksal, vielleicht auch auf den Radfahrer, dass er zu dem Moment da war oder Wut auf mich selbst, dass ich dort gefahren bin! O-Ton 15 Silke von Beesten Schuld ist ein ganz massives, intensives Gefühl. Sprecherin: Notfallpsychologin Silke von Beesten: O-Ton 16 Silke von Beesten Schuld an etwas zu haben, ist ein Gefühl, das sehr tiefgreifend ist. Mit einem Schuldgefühl gehen sofort auch weitere Gefühle einher wie Überforderung, Ohnmacht und Hilflosigkeit. Und diese Gefühlslage ist dazu geeignet, ein potenziell traumatisierendes Unfallerleben ja sofort noch mal zu verstärken und auch noch mal zu vertiefen. MUSIK Source Code Sprecher: Wie lebt man damit, ein Menschenleben auf dem Gewissen zu haben? Kann man das überhaupt seelisch überleben? Sprecherin: Die Jahre zogen dahin, und Melanie Regus wollte einfach nicht so recht ins Leben kommen. Sie zweifelte sogar daran, ob sie mit dieser schweren Schuld überhaupt weiterleben durfte. O-Ton 17 Melanie Regus: Darf ich überhaupt noch leben? Habe ich eine Berechtigung zu leben? Und wenn ich lebe, wie tief darf ich leben? Darf ich lieben? darf ich geliebt werden? Darf ich tanzen? Darf ich all das erfahren, was schön ist in diesem Leben? Oder habe ich die Berechtigung dazu einfach verloren? Sprecherin: Viele Jahre lang ging es ihr so schlecht, dass sie es nicht schaffte, nur einen winzigen Schritt auf die Familie des getöteten Radfahrers zuzumachen. Irgendwann kam der Strafprozess. „Vorbestraft wegen fahrlässiger Tötung“ lautete das Urteil. Dort hätte sie der Familie unter die Augen treten können. Doch ihr fehlte die Kraft. O-Ton 18 Melanie Regus: Ich glaube, ich hätte das einfach psychisch nicht ausgehalten. Ich hatte vorher eine lange Zeit, in der es mir nicht gut ging. In der ich gebeutelt war von Depressionen, und zwar schwersten Depressionen, wo ich überhaupt nicht in der Lage war, mein eigenes Leben aufrecht zu erhalten. Wie hätte ich da jemandem gegenübertreten können, wenn ich gar nicht in der Lage war, mich selbst überhaupt zu halten? Auszuhalten? Mein Leben zu stabilisieren? Sprecherin: So kam es zu keiner Begegnung zwischen der Unfallverursacherin und den trauernden Hinterbliebenen. Ob die Familie das erhofft, erwartet hatte? Ob sie offene Fragen gehabt hätte? Das weiß Melanie Regus nicht. MUSIK Like underwater Sprecherin: Conny Vogt steht auf der anderen Seite. Der Tag, der ihr Leben veränderte, ist schon viele Jahre her. Damals war sie 39 und Mutter von zwei kleinen Kindern. O-Ton 19 Conny Vogt: Ich mach die Tür auf, und der Polizist guckt mich an und sagt: „Können wir vielleicht erst mal reinkommen? Es tut mir leid Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr Mann in einem Verkehrsunfall tödlich verunglückt ist.“ O-Ton 20 Conny Vogt: Also es war ja wirklich so: In dem Moment, wo dieser Polizist sagte „Ihr Mann hatte einen tödlichen Verkehrsunfall“ hat mir einer das Herz rausgerissen. Sprecherin: Conny Vogts Mann saß auf dem Motorrad, als ein unaufmerksamer Autofahrer auf ihn auffuhr. Ungebremst. Der Unfallfahrer war einen Moment lang unaufmerksam, weil er an seinem CD-Laufwerk rumfummelte. Und nahm Conny Vogt das Liebste, was sie hatte - neben ihren zwei Kindern. O-Ton 21 Conny Vogt: Wir hatten 23 Jahre lang eine wundervolle Beziehung, wir waren einfach wie seelenverwandt. Also es hat einfach supertoll gepasst. Sprecherin: Der Notfallseelsorger, der den Polizisten begleitete, kümmerte sich um den schreienden Sohn. Conny Vogt war in einer Schockstarre, erinnert sich an das meiste nicht mehr. Nur daran, wie der Polizist ihr die Adresse des Unfallverursachers auf den Küchentisch legte. „Um alles Weitere zu regeln“, so seine Worte. O-Ton 22 Conny Vogt: Und dann entstand tatsächlich als ich alleine war, in meinem Kopf eine Fantasie: Ich nehme mir eine Waffe, ich nehme diesen Zettel, dann klingele ich an der Tür, er macht die Tür auf, und ich halte diese Waffe an seinen Kopf und drück ab. Sprecherin: „Ein Leben für ein Leben“ – diesen Gedanken hatte die Mutter von zwei kleinen Kindern in dem Moment. Der Unfallfahrer war ein Phantom. Ein „Mörder“. So nannte sie ihn in der ersten Zeit gedanklich. O-Ton 23 Conny Vogt: Ich wollte wissen: Wie sieht ein Mörder aus? Kann man das sehen? Kann man das in den Augen sehen? Ne spitze Nase? Sieht man ihm an, dass er ein Mörder ist? Was er faktisch nicht ist! Ich hab das später revidiert, dieses Urteil, aber zu dem Zeitpunkt war es für mich ein Mörder. MUSIK So much love Sprecherin: Zu einem Mord gehört Vorsatz, und der lag hier nicht vor. Es war einfach menschliches Versagen. Ein Unfall. Ein Unglück. Eins, so stellte sich später heraus, das auch den Unfallfahrer schwer belastete. Sprecher: Wenige Wochen später erhielt Conny Vogt über ihren Anwalt einen Brief des Unfallfahrers. Sein innigster Wunsch, so stand es geschrieben, sei es, sich bei ihr zu entschuldigen, wohl wissend, dass der Unfall unverzeihlich sei. Sprecherin: Ihre ersten Rachefantasien waren zu dem Zeitpunkt schon verflogen. Sie wollte sich selbst weder in den Knast bringen, noch ihre zwei Kinder im Stich lassen. Ganz langsam ließ sie erste Gedanken an den Unfallfahrer zu, den sie schon längst nicht mehr „Mörder“ nannte: O-Ton 24 Conny Vogt: Ich hab mir halt überlegt: Wenn mir das passieren würde, wie wäre es dir dann anschließend ergangen? Und ich hatte die Information, dass er nicht alleine in dem Auto saß, sondern er hatte seine Frau dabei, die beinah selbst aufgrund eines Herzanfalls in diesem Unfall ums Leben gekommen wäre. Wie würde es dir damit ergehen? Und ich muss ganz ehrlich sagen: Ich hätte mein ganzes Leben lang da ganz schwer mit zu kämpfen gehabt. Sprecher: Eine Sekunde der Ablenkung: Während der Fahrt das Radio aufdrehen, die Heizung hochstellen. All das hat fast jeder schon viele Male gemacht. Und immer ist es gut gegangen. Zum Glück. Doch wer kann sich davon freisprechen, durch eine Sekunde der Unachtsamkeit nicht selbst mal zum Täter, zur Täterin zu werden? Sprecherin: Im Alltag verdrängen die meisten diese Tatsache, so der Philosoph und Theologe Christoph Quarch: O-Ton 25 Christoph Quarch: Ich glaube ja, es ist sinnvoll. Ganz einfach deswegen, weil wir sonst eben ja im Prinzip gelähmt wären. Und wenn wir die ganze Geschichte zu Ende denken, möglicherweise gar keinen Schritt mehr vor die Haustür machen, weil immer irgendwie die Gefahr besteht, dass wir in dem, was wir tun, andere Menschen in irgendeiner Weise gewollt oder ungewollt damit schaden. Und da, finde ich, ist zum Beispiel eine alte Weisheit aus den indischen Veden sehr hilfreich, die sagt: In dem Augenblick, wo du geboren wirst, kommt die Ordnung des Kosmos durcheinander. Das heißt, der Grundgedanke ist: Egal was wir tun, irgendwie machen wir uns immer schuldig, weil eben das große Gleichgewicht allein durch unser Erscheinen in der Welt gestört wird. MUSIK Broken dreamland Sprecherin: Es kam zu dem Treffen zwischen der verwitweten Conny Vogt und dem Unfallfahrer. Als sie ihm im Lokal gegenübersaß, musste sie feststellen: Das ist kein Monster, kein Mörder. Sondern einfach nur ein Mensch. Ein ganz normaler Herr um die 60. Es hätte ihr Vater sein können. Oder ihr Onkel. O-Ton 26 Conny Vogt: Ich stand einem älteren Mann gegenüber, der auf mich auch sehr gebrochen wirkte, dem das unendlich leidtat, und er sagte: „Egal, welche Strafe da auf mich zukommt, ich werde dem nicht widersprechen.“ Ich fand aber gut, dass er sagte, er würde sich nicht wehren und er würde sich dem jetzt ergeben. Ich glaube, wenn er gesagt hätte „Ich bin ja gar nicht schuld!“ oder „Ihr Mann hätte ja auch zur Seite fahren können“, dann hätte ich, glaube ich, auch noch mal anders reagiert, dann wär…

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    Frauen in den Hindureligionen - Ein Dasein voller Widersprüche Jun 17, 2025
    Show notes

    Die Frau im hinduistischen Glauben hat extreme Rollen - von der Matriarchin bis hin zur Tempeldienerin im Bordell. Frauen gelten als Göttinnen, ihr Alltag steht dazu aber im krassen Widerspruch. Von Margarete Blümel (BR 2016)

    Credits
    Autorin dieser Folge: Margarete Blümel
    Regie: Eva Demmelhuber
    Es sprachen: Beate Himmelstoß, Heinz Peter, Hemma Michel, Gudrun Skupin, Carsten Fabian
    Technik:Cordula Wanschura
    Redaktion: Bernhard Kastner

    Im Interview:
    Urvashi Butalia, Historikerin und Frauenrechtlerin, Delhi;
    Prof. Dr. Birgit Heller, Indologin, Universität Wien;
    Sunita Jain, Anthropologin, Delhi;
    Mohini Giri, Aktivistin, Vrindavan/Delhi;
    Prof. Vinesh Srivastha, Anthropologe, Delhi.

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    Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

    Ein Podcast-Tipp für alle, die gerne authentische Geschichten hören: „Ein Zimmer für uns allein“ – zwei Frauen, zwei Generationen und die Frage „Wie hast du das erlebt?“
    Hier trifft Paula Lochte immer zwei Frauen aus verschiedenen Generationen und sie sprechen offen und ehrlich über ein Thema, das sie verbindet. Was waren die Kämpfe damals, was sind sie heute? „Ein Zimmer für uns allein“ findet ihr in der ARD-Audiothek und überall, wo’s Podcasts gibt – oder gleich HIER.

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

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    Das vollständige Manuskript gibt es HIER.


    Riesenschildkröten, die letzten ihrer Art? Alles Natur Jun 16, 2025
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    Ist der Panzer wie eine Kuppel oder wie ein Sattel geformt? An Merkmalen wie diesen lässt sich auf Galápagos bestimmen, von welcher Insel eine Riesenschildkröte stammt. Denn auf flachen Lava-Inseln wächst kein Gras, dort müssen die Schildkröten ihren Hals hochstrecken können, um die Blätter der Kakteenbäume zu erreichen, die ihre einzige Nahrung sind. Autorin: Mechthild Müser (BR 2023)

    Credits
    Autorin dieser Folge: Mechthild Müser
    Regie: Sabine Kienhöfer
    Es sprachen: Rahel Comtesse, Thomas Birnstiel, Julia Fischewr
    Technik: Andreas Lucke
    Redaktion: Bernhard Kastner

    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

    Im Interview:
    María José Barragán, Wissenschaftliche Direktorin des Charles-Darwin-Research-Centers;
    Puerto Ayora, Galápagos;
    Klaus Peter Fielsch, im Vorstand der Charles-Darwin-Stiftung, Quito;
    Verónica Sánchez, Touristenführerin Galápagos;
    David Rodriguez, Aufzuchtstation San Cristobal, Galápagos

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    Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:
    Simon und Wolli wollen auffallen und provozieren. Sie sind Klimaaktivisten und gehören zur Gruppe "Letzte Generation". Die Presse hat sie längst als "Klimakleber" und Störenfriede betitelt. Von Autofahrern werden sie beschimpft, als Pisser und Arschlöcher. Heute sind sie auf dem Weg ins Stadion, um sich vor vielen Tausend Fußballfans an eines der Tore zu ketten und zu protestieren ... Autorin: Anna Dannecker
    Inside Klimaprotest - Welcher Protest wirkt? (1/3)
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    Literaturtipps:

    Charles Darwin, Reise eines Naturforschers um die Welt, Insel Taschenbuch.

    Irenäus Eibl-Eibesfeld, Galápagos – Die Arche Noah im Pazifik, Piper Taschenbuch.

    ‚Der Held der alten Tage‘ in mare Heft No.86.

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    Das Interstitium - Unübersehbar groß im Körper Jun 16, 2025
    Show notes

    2018 sorgte ein Team von US-amerikanischen Wissenschaftlern für viel Aufsehen. Die Forschenden hatten ein neues System im Körper entdeckt, manche sprachen sogar von einem neuen Organ: Es geht um das Gewebe, das die Organe umhüllt, wissenschaftlich: Interstitium. Wie ist es damals zu dieser Veröffentlichung gekommen? Und: ist das, was die Forschenden entdeckten, tatsächlich neu? Muss die Anatomie des menschlichen Körpers vielleicht sogar umgeschrieben werden? Von Daniela Remus (BR 2024) CreditsAutorin dieser Folge: Daniela RemusRegie: Sabine KienhöferEs sprachen: Hemma Michel, Thomas Birnstiel, Florian SchwarzTechnik: Stefan OberleRedaktion: Yvonne Maier Im Interview:Prof. Erich Brenner, Anatom, Medizinische Universität InnsbruckProf. Neil Theise, Pathologe, Grossmann School of Medicine, New YorkProf. Michael Zeisberg, Nephrologe, Universitätsmedizin Göttingen Eine besondere Empfehlung der Redaktion: Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir:ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Sensationelle Entdeckungen können sich über Jahre ankündigen, weil sie einfach in der Luft liegen. Andere beginnen mit einem Tag wie jedem anderen. Die Entdeckung, die der Pathologe Neil Theise (Aussprache: Thiehs – stimmloses th wie bei Thatcher, langes i, wie peace) gemacht hat, gehört zur zweiten Kategorie – zu den Überraschungen. TAKE 1 (O-Ton Theise) L: 0, 10 The hospital I worked when we first… OVERVOICE 1 In dem Krankenhaus, in dem ich damals gearbeitet habe, da war ich bei den Gastroenterologen… SPRECHERIN Erzählt Dr. Neil Theise. Er arbeitete damals am Mount Sinai Beth Israel Medical Centre in New York als ihm gemeinsam mit seinen Kollegen die sensationelle Entdeckung gelang. TAKE 2 (O-Ton Theise) L: 0, 20 There I worked with… OVERVOICE 2 Und habe mit David Carr Locke and Petros Benias zusammengearbeitet. Und die haben damals mit diesem speziellen Endoskop gearbeitet. Und damit haben sie z.B. Mägen, Darmabschnitte untersucht oder Gallenblasen. Und alles sah damit so aus, wie wir es aus den Büchern kannten. Musik: Time flies (reduced) 0‘21 SPRECHERIN Eines Tages aber war alles anders. Seine Kollegen kamen ziemlich aufgeregt in sein Büro. Sie legten ihm Fotos auf den Tisch, die sie mit einer kleinen Kamerasonde im Inneren eines Patienten gemacht hatten und fragten: Was ist das? Kennst du das, als Pathologe? TAKE 3 (O-Ton Theise) L: 0, 25 They saw these wide spaces… OVERVOICE 3 Da sah man so breite Zwischenräume, die durch dunkle Streifen voneineinander getrennt waren. Das haben sie mir gezeigt und gefragt, was ist das? Musik: Z8030896104 Genetics 0‘37 SPRECHERIN Die Bilder hatten David Carr Locke and Petros Benias mit einem konfokalen Endomikroskop gemacht. Das ist ein Endoskop an dessen Spitze eine kleine Kamerasonde angebracht ist, die das Körperinnere fotografieren kann. Es wird besonders häufig im Magen-Darm-Trakt eingesetzt. Aufnahmen gelingen dort dann sehr gut, wenn die Patienten vorher eine fluoreszierende Flüssigkeit in die Adern gespritzt bekommen. Die beiden Kollegen von Neil Theise nutzten dieses Endoskop routinemäßig für ihre gastroenterologischen Untersuchungen. Jetzt hatten sie offenbar ein Problem, weil sie nicht wussten, was sie fotografiert hatten, und auch Neil Theise war zunächst überrascht, was die Fotos zeigten. Denn dieses Gewebe sah sehr anders aus als das, was er bisher an Gewebestrukturen im Organismus kannte. Selbst nach sorgfältiger Betrachtung zeigte das Bild, auch für ihn, den erfahrenen Pathologen, eine Gewebestruktur, die er nicht kannte. MUSIK: Progressive movements (reduced) 0‘49 SPRECHERIN Allerdings lag dieses Gewebe genau dort, wo sich üblicherweise das Interstitium befindet. Das aber konnte es nicht sein, dachte Neil Theise. Denn das netzartige Gewebe zwischen den Organen, das in der Medizin Interstitium genannt wird oder manchmal auch Stroma, hatte nichts mit dem zu tun, was er auf den Bildern seiner Kollegen sah. In allen bekannten Darstellungen war das Interstitium ein dichtes Stützgewebe, in dem Kollagenfasern in mehreren Lagen eng übereinander angeordnet waren. Was also konnte das sein, was auf dem Foto abgebildet war? Mit großen Zwischenräumen, eher luftig angeordnet? ATMO (Computertippen/Seiten umblättern) darüber SPRECHERIN Neil Theise durchforstete alles, was er an Nachschlagewerken kannte, befragte Datenbanken und Kollegen in der Hoffnung, eine Erklärung für dieses merkwürdige Gewebe zu finden. TAKE 4 (O-Ton Theise) L: 0, 20 So I went through a lot of histology books… OVERVOICE 4 Und dann habe ich einfach alle Histologie Bücher durchgearbeitet, aber ich habe nichts gefunden, was zu dem passte, was wir gefunden haben. Und dann habe ich auch noch in alte Histologie Bücher reingesehen, weil ich dachte, okay, vielleicht ist das Wissen einfach nur vergessen worden? SPRECHERIN Trotzdem fand er zunächst keine Erklärung. Neil Theise und seine Kollegen berieten sich und vermuteten, es könne sich vielleicht doch um eine Erweiterung des Interstitiums handeln, die bisher einfach übersehen worden war? Auch weil bisher im Körperinneren noch keine so hochauflösenden Kameras zum Einsatz gekommen waren? Musik: Searching secrets (b) 0‘18 Waren sie einer ganz neuen Struktur des menschlichen Körpers auf der Spur? Waren es Bilder vom Interstitium oder etwas völlig Neues, Anderes? Die drei Forscher waren elektrisiert. TAKE 5 (O-Ton Theise) L: 0, 30 There has been something called the interstitium for years… OVERVOICE 5 Also es war schon lange klar, dass es das Interstitium gibt. Deshalb haben wir auch in unserem ersten Paper, das wir veröffentlicht haben, geschrieben, wir haben eine „neues” Interstitium gefunden, nicht, dass es das vorher nicht gegeben hätte. Aber wir hatten herausgefunden, dass es eben viel verbreiteter ist, als bis dahin angenommen und auch anders strukturiert ist, als es bis dahin verstanden gewesen ist. Musik: Delicate information (reduziert) 0‘38 SPRECHERIN Diese Entdeckung hat nach der Veröffentlichung im Jahr 2018 für ziemlich viel Wirbel gesorgt. In der Öffentlichkeit und auch in der wissenschaftlichen Community. Denn in der Tat waren die Einblicke, die die drei Mediziner durch die Bilder von der Struktur des Interstitiums bekamen, ungewöhnlich und neu. Aber bevor wir über diese Entdeckungsgeschichte weiter berichten, erstmal einen Schritt zurück: Was ist das eigentlich, das Interstitium? TAKE 6 (O-Ton Brenner) L. 0, 30 Das, was dazwischen steht. Interstare heißt das auf Latein, und was damit gemeint ist, ist das, was zwischen den Zellen in einem Gewebe vorhanden ist. Dieses Interstitium besteht zum einen aus Fasern, da kennt man am besten die collagenen Fasern oder die elastischen Fasern und dann gibt es, wie man das früher bezeichnet hat, die sogenannte amorphe Grundsubstanz oder Kittsubstanz, die das ganze zusammenhält, verkleistert. SPRECHERIN Erklärt der Professor für Anatomie Erich Brenner von der Universität Innsbruck. Dass es ein solches Zwischenraum-Bindegewebe überhaupt gibt, ist nicht neu, es war bereits seit der Mitte des 19. Jahrhunderts bekannt. 1862 wurde es erstmalig in einem medizinischen Lehrbuch beschrieben und zwar von dem deutschen Pathologen Friedrich Daniel von Recklinghausen. Auch für den New Yorker Pathologen Neil Theise war das Interstitium deshalb nichts Unbekanntes. TAKE 7 (O-Ton Theise) L: 0,15 What I learned at medical school… OVERVOICE 7 Was ich an der Uni gelernt habe und was wir seit Jahrzehnten, wenn nicht sogar seit über hundert Jahren wissen, ist, dass bisher zwei Arten von Interstitium beschrieben worden sind. Musik: Eco statistics red 0‘26 SPRECHERIN Das eine füllt die Zwischenräume zwischen einzelnen Zellen aus. Und zwar zwischen den Zelltypen, die weit auseinander liegen. Dazu gehören Hautzellen, Muskelzellen oder auch Fettzellen. Die liegen so weit auseinander, dass dazwischen Platz ist, für interzelluläres Gewebe, das man Interstitium nennt. TAKE 8 (O-Ton Theise) L. 0, 10 The second interstitium is larger… OVERVOICE 8 Das zweite Interstitium ist größer als das erste und ist sehr intensiv untersucht worden in den letzten Jahren. Und das ist wirklich sehr wichtig. SPRECHERIN Denn dieses Interstitium ist eine Art Stützgewebe, das die verschiedenen Organe und Gefäße umhüllt und damit eine entscheidende Rolle spielt, bei der Versorgung der Zellen und Organe. TAKE 9 (O-Ton Theise) L: 0, 30 Blood comes through and the nutrians brought in… OVERVOICE 9 Das Blut fließt durch die kleinen Kanäle, Nährstoffe fließen dadurch, die Wände der Kapillargefäße sind so dünn, dass die da durchfließen können. Das ist wie ein Netzwerk: Nährstoffe kommen rein, durchs Gewebe, durch die Kapillare, aber auch Abbaustoffe aus dem Gewebe werden dadurch transportiert und abgebaut. Musik: Undercover investigations red. 0‘19 SPRECHERIN Soweit so bekannt für Medizinerinnen und Mediziner. Neil Theise interessierte sich während seines Berufslebens nicht weiter für das Interstitium. Zumal er sich als Pathologe vor allem auf die Leber spezialisiert hat. Wenn bei einer Biopsie, Magenspiegelung oder Operation, Gewebe aus einem Organ entnommen wird, um zu erfahren, ob eine und welche Krankheit vorliegt, dann ist es die Aufgabe der Pathologen, dieses Gewebe in einem mikroskopischen Schnellverfahren zu untersuchen, um Krankheitsursachen zu identifizieren. Und das war und ist es, was Neil Theise als Arzt interessiert. Aber nachdem seine Kollegen diese merkwürdige Struktur entdeckt hatten, wollten die drei unbedingt herausfinden, ob sie eine unbekannte Seite des Interstitiums gefunden hatten. ATMO (Geräusche aus OP) hinterlegen bis Overvoice SPRECHERIN Um diese Hypothese zu überprüfen, setzten die drei Ärzte das Endoskop bei einer Operation ein, ein Schritt, der eigentlich nicht üblich ist: Bei einem Patienten, dem die Bauchspeicheldrüse entfernt werden musste, machten sie mit dem Endoskop Bilder von der Bauchspeicheldrüse und dem sie umgebenden Gewebe, das eigentlich zum Interstitium gehören müsste… TAKE 10 (O-Ton Theise) L. 0, 50 Then we took out the endoscope and … OVERVOICE 10 Dann hatten wir also die Aufnahmen gemacht und das Endoskop entfernt. Das OP-Team hat operiert, hat die Bauchspeicheldrüse und das sie umgebenden Gewebe herausgenommen. Und das haben wir dann bekommen. Damit sind wir dann runter in das Labor der Pathologie gegangen und haben das Gewebe wieder mit dem Endoskop untersucht. Und tatsächlich war es identisch mit dem Bild, was wir vorher bekommen hatten. Es hatte also noch immer dieselbe Struktur, wie im Körper… MUSIK: Curious question (reduced) 0‘28 OVERVOICE 10 …dann habe ich einen Teil davon genommen, um ihn so zu untersuchen. Ich habe das Gewebe kryokonserviert also schockgefrostet. Denn nur dann können wir damit diese dünnen histologischen Schnitte machen, die wir brauchen, um das Gewebe unter dem Mikroskop untersuchen zu können. Und ich sah dieselbe Struktur. Aber jetzt war sie umgekehrt: Die breiten Zwischenräume waren jetzt dunkel und die vorher dunklen Trennlinien waren jetzt hell. Wir hatten also dieselbe Struktur, aber mit entgegengesetzten Farben. SPRECHERIN Daraufhin überlegten die Wissenschaftler, ob die Ursache für das veränderte Aussehen des Gewebes, vielleicht schlicht darin begründet liegt, wie das Gewebe üblicherweise behandelt wird, um es untersuchen zu können. Musik: Inbiased opinion (reduced) 1‘10 ATMO (Arbeitsgeräusche im Labor) SPRECHERIN Um das zu überprüfen, legte Neil Theise die Gewebeprobe in Formalin ein, so wie es in der Pathologie üblich ist. Formalin ist eine wässrige Lösung von Formaldehyd. Die nutzen Pathologen, um Gewebe so zu fixieren, dass es dauerhaft erhalten bleibt. Das Formalin entzieht dem Gewebe die Flüssigkeit und verhindert damit Verwesungsprozesse. In einem zweiten Schritt wird das Gewebe dann in Paraffin eingelegt. Durch diese Konservierung verliert es seine ursprüngliche Farbe und auch seine Beweglichkeit. Es wird starr. Und genau das ist auch das Ziel, denn dadurch kann es in hauchdünne Scheiben geschnitten, und unter dem Mikroskop untersucht werden. Einen Gewebeschnitt herstellen, so heißt das in der Medizin. Als Neil Theise nach dieser Prozedur den Gewebeschnitt der Bauchspeicheldrüse und des Umgebungsgewebes unter das Mikroskop legte, sah es völlig anders aus als vorher: TAKE 11 (O-Ton Theise) L: 0, 30 And we could see… OVERVOICE 11 Und da haben wir gesehen und verstanden, wenn man das Gewebe schockfrostet, dann behält es diese Struktur. Aber wenn wir es so behandeln, wie wir es immer tun, um es histologisch bearbeiten zu können, dann werden diese Strukturen zerstört. Und dann haben wir auch verstanden, dass das, was wir sonst immer als kleine Risse gesehen haben bei unseren histologischen Untersuchungen, das sind die Überbleibsel dieser Zwischenräume. SPRECHERIN Denn auf den Gewebeschnitten, die der Pathologe jetzt hatte, sah das Interstitium so aus, wie er es aus Büchern und von anderen Gewebeschnitten kannte: flach und dicht. Ohne flüssigkeitsgefüllte Zwischenräume oder Kanäle. MUSIK: New evidence 0’14 TAKE 12 (O-Ton Theise) L: 0, 35 I got a mastectomie… OVERVOICE 12 Dann musste ich das Gewebe einer Frau untersuchen, der wegen eines Tumors die Brust entfernt wurde. Und an dem Gewebe war auch Haut. Und da, zwischen den verschiedenen Hautschichten, da sah ich schon wieder diese kleinen Risse. Und dann bin ich zu David und Petros gegangen, hab ihnen das erzählt und gefragt, wie sieht es denn eigentlich aus, wenn ihr mit euerem Endoskop die Haut untersucht? Was sieht man da? Und die beiden haben gesagt: Wir untersuchen damit keine Haut! Das ist ja ein Endoskop, das ist für das Körperinnere… MUSIK: New evidence 0’38 TAKE 13 (O-Ton Theise) And I said well… so we hooked me up with some fluorscene… OVERVOICE 13 Und dann habe ich gesagt, okay, lasst uns das untersuchen. Spritzt mir diese fluoriszierende Flüssigkeit und macht mit euerem Endoskop Fotos von meiner Haut. Und das haben wir dann gemacht. Und wir haben tatsächlich exakt dieselbe Struktur gesehen wie bei dem Gewebe, das um die Bauchspeicheldrüse herum liegt. (Hier bitte akkustisch den „Heureka-Moment“ sichtbar machen) Und dann haben wir verstanden, alles Gewebe im Körper, in den Zwischenräumen, um die Organe drumherum, alles muss miteinander verbunden sein, zusammengehören, irgendwie eins sein, weil alles gleich aussieht. SPRECHERIN Und nicht nur das Aussehen spricht für diese Hypothese. Die flüssigkeitsgefüllten Kanäle, die von elastischen Kollagenfasern gestützt werden, ziehen sich, so die Erkenntnis von Neil Theise und seinem Team, durch das gesamte Interstitium, also durch den ganzen Körper. TAKE 14 (O-Ton Theise) L. 0, 30 And what we know… OVERVOICE 14 Was wir jetzt wissen, und was auch kaum jemand in Frage stellt, ist, dass das Interstitium ein durchgängiges Gewebe ist, das es eine Art körperweites Netzwerk ist, dass Moleküle durchgehen, elektrische Signale durchgehen, Zellen durchgehen, gesunde Zellen aber auch Krebszellen aber auch Krankheitserreger wie Bakterien z.B. und es ist eben bisher nicht gut beschrieben worden, in seiner ganzen Komplexität. SPRECHERIN Und zwar unabhängig davon, wo genau es im Körper verortet ist. Auch das, so die Forschenden, spricht für ein zusammengehörendes System. TAKE 15 (O-Ton Theise) L: 0, 25 And this has tremendous implications… OVERVOICE 15 Das hat enorme Bedeutung für alles, z.B. für das Verständnis von Krankheiten. Die Flüssigkeiten, die sich im Interstitium befinden, machen rund 25% der gesamten Körperflüssigkeit aus und ungefähr die Hälfte aller Flüssigkeiten, die außerhalb der Zellen sind. Also das ist ein riesiger Raum, von dem wir den Aufbau und die Struktur bisher nie wirklich verstanden haben. Musik: Undercover investigations red. 0‘19 SPRECHERIN Über diese interstitielle Flüssigkeit, die in der Medizin auch…

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    Der Spiegel - Reflektor unserer Sehnsüchte und Irrtümer Jun 13, 2025
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    Ein Blick in den Spiegel macht sichtbar, was sonst unsichtbar bliebe. Schon immer sahen die Menschen mehr in ihm als einen einfachen Alltagsgegenstand. Sagt er uns die Wahrheit oder täuscht er uns? Ein Alltagsgegenstand voller Facetten. Von Silke Wolfrum (BR 2024) CreditsAutorin dieser Folge: Silke WolfrumRegie: Kirsten BöttcherEs sprachen: Burchard Dabinnus, Susanne Schroeder, Andreas DirscherlTechnik: Matthieu BarRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Dr. Fabian Estermann, Autor des Buches „Der Spiegel als Instrument zum Nachweis von Selbstbewusstsein bei Tieren. Eine Kulturgeschichte der Spiegelherstellung und des Spiegelexperiments.Prof. Dr. Heidrun Alzheimer, Lehrstuhl für Europäische Ethnologie, Bamberg; Nina-Alisa Kollakowski, promoviert zur Selbstentwicklung im Kleinkindalter an der LMU München. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Was unser Selbstbild bestimmt - Erleben, bewerten, vergleichenJETZT ENTDECKEN Homo pictor - Der Mensch und die BilderJETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER: Vor rund 9.000 Jahren verlassen Männer die Großsiedlung Catalhöyük im heutigen Zentralanatolien und machen sich auf den beschwerlichen Weg zu zwei Vulkanen, rund 190 Kilometer entfernt. Dort finden sie Obsidian, schwarzes vulkanisches Gesteinsglas, laden es auf und schaffen es den langen Weg zurück in ihre Siedlung. Aus dem kostbaren Gestein stellen sie Werkzeuge und Pfeilspitzen her, lebenswichtig für die Gemeinschaft. Doch auch für etwas anderes lohnt sich der große Aufwand: Spiegel. O-TON 01 Fabian Estermann Also bis heute ist die genaue Bedeutung und Funktion der Spiegel nicht ganz klar. Die Spiegel selbst wurden lediglich in Gräbern bei Ausgrabungen entdeckt, also das heißt nicht in den Überresten der Siedlungen selbst, im Haushalt, sondern wirklich nur als Grabbeilage. Und doch geht man davon aus, dass sie nicht nur für das Grab erschaffen worden sind, sondern tatsächlich auch schon eine Funktion zu Lebzeiten erfüllten. Durch Experimente konnte man immerhin ausschließen, dass sie sich nicht zu Lichtsignalgeber oder zum Feuermachen eigneten. Und da aber die damaligen Siedler und Siedlerinnen dort bereits über eine ausgeprägte Körperkultur verfügten, geht man davon aus, dass dann auch die Spiegel dazu dienten, dass sich die Leute selber betrachten konnten, beispielsweise beim Auftragen von Rouge, um sich so wahrzunehmen, wie es dann eben doch eine dritte Person tut. MUSIK 3: Crystal Memories - 52 Sek SPRECHERIN: Uralt scheint das Bedürfnis des Menschen, sich im Spiegel zu sehen und uralt scheint auch der Respekt vor diesem facettenreichen Gegenstand. Spiegel als Grabbeigabe sind keine Seltenheit, auch in etruskischen Gräbern aus dem vorchristlichen Jahrtausend fand man welche. Zeugen sie vom Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod, in dem man erneut den Spiegel braucht, um sich schön zu machen. Oder werden dem Spiegel noch andere Fähigkeiten zugeschrieben, als bloß zu reflektieren? Übersinnliche Fähigkeiten oder magische? Wobei auch die reine Reflexion es in sich hat, denn sich selbst im Spiegel zu erkennen, ist eine Leistung, die nicht jeder Mensch vollbringen kann. MUSIK 4: Up the stairs/ Down the hall – 52 Sek SPRECHER: Narziss war ein wunderschöner Jüngling, in den sich Männer wie Frauen verliebten, doch er erwiderte niemandes Liebe. Eines Tages kam er an eine Quelle, um dort zu trinken. Er erblickte sich und verliebte sich in sein Spiegelbild. Doch da seine Gefühle nicht erwidert wurden, er sich aber auch nicht von dem Bilde losreißen konnte, siechte er dahin und starb. MUSIK kurz hoch SPRECHERIN: Narzissten sind für uns heute selbstsüchtige Egoisten, die sich maßlos überschätzen. In den Erzählungen des antiken römischen Dichters Ovid besteht Narziss’ Tragik jedoch gar nicht in seiner Selbstverliebtheit, vielmehr ist Narziss nicht in der Lage sich selbst auf der spiegelnden Wasseroberfläche zu erkennen. O-Ton 02 Fabian Estermann Er merkt nicht, dass er es selbst ist, der dort in diesen Teich guckt, sondern erblickt für ihn eine andere Person, in die er sich dann verliebt und dann vor Ort sozusagen dann zugrunde geht, weil die Liebe naturgemäß nicht erwidert wird, der Gegenüber bleibt sozusagen stumm und lässt sich nicht auf ihn ein. Und da haben wir es mit einer frühzeitigen Thematisierung dessen zu tun, dass die Fähigkeit zur Selbsterkennung im Spiegel keine Selbstverständlichkeit ist, sondern immer auch ein Prozess, der auch fehl laufen kann. SPRECHERIN: Dr. Fabian Estermann hat sich für sein Buch „Der Spiegel als Instrument zum Nachweis von Selbstbewusstsein bei Tieren“ mit der Kulturgeschichte der Spiegelherstellung und dem so genannten Markierungstest befasst. Dieser Test wurde erstmals 1970 von dem amerikanischen Psychologen Gordon Gallup an Schimpansen durchgeführt und erbrachte für Gallup den Beweis: Schimpansen verfügen über ein Selbstkonzept, sie nehmen sich als Individuum wahr. O-TON 03 Fabian Estermann Im Kern besteht der darin, dass dem Tier unbemerkt eine Farbmarkierung in einem Bereich aufgetragen wird, meistens im Gesichtsbereich, die das Tier ohne Spiegel nicht sehen kann. Und anschließend wird dann dem Tier ein Spiegel vorgehalten. Und wenn das Tier die Farbmarkierung dann an sich berührt, nach Sichtung des eigenen Spiegelbildes, gilt der Spiegeltest als bestanden und wird als Indiz dafür genommen, dass das Tier in der Lage ist, sich selber im Spiegel zu erkennen. SPRECHERIN: Das gleiche Verfahren wurde wenig später auch von Beulah Amsterdam von der University of North Carolina an Kindern durchgeführt. Ähnlich wie bei den Affen, ist das Sich-Erkennen ein Prozess, der in verschiedene Reaktions-Phasen unterteilt werden kann, erläutert Nina-Alisa Kollakowski von der LMU München. O-TON 04 Alisa Kollakowski Was sich da gezeigt hat, ist, dass die Kinder, wenn sie noch jung sind, also wenn sie zwölf Monate alt sind, dann zeigen Sie eher so spielerisches Verhalten vor dem Spiegel. Also es fühlt sich für die Kinder an, als wäre da ein anderes Kind im Spiegel zu sehen. Und sie versuchen dann zum Beispiel auch mal das Kind zu küssen auf den Spiegel, so, was Kinder vielleicht manchmal so in der Interaktion machen oder fangen an zu lächeln und umso älter die Kinder dann werden, so ab 14 Monaten, sieht man das, fangen die Kindern an ein bisschen ängstlich zu sein und sich eher zurückzuziehen und sind so ein bisschen erschrocken vor dem, was sie im Spiegel sehen. Und dann so mit 20 Monaten ungefähr, also kurz vor dem zweiten Geburtstag, sieht man dann, dass die Kinder anfangen, ihr eigenes Gesicht anzufassen und eben diesen roten Punkt, den sie auf der Nase haben versuchen, wegzuwischen. Musik 5: Bella - 51 Sek SPRECHER: Was passiert in dem Moment, in dem Kinder erkennen, dass das Gegenüber eben kein anderer Mensch ist? Was ängstigt sie? Wieso weichen sie vor dem Spiegel zurück? Für den Psychologen Philippe Rochat und den Philosophen Dan Zahavi ist das eigene Erkennen im Spiegel eine „zutiefst entfemdende Selbsterfahrung“. In ihrem Aufsatz „Der unheimliche Spiegel“ berufen sie sich auf den französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty und stellen fest: Nur im Spiegel sieht sich der Mensch auf einmal so, wie auch andere ihn sehen. Ohne den Spiegel haben wir niemals unser Gesicht im Blick, niemals unseren Körper als Ganzes. Und so bringt der Spiegel uns gleichzeitig Selbsterkenntnis als auch Selbstentfremdung, denn unser Bild von uns verliert seine Subjektivität, wir blicken mit Hilfe des Spiegels scheinbar „objektiv“ auf uns selbst, als wären wir selbst ein anderer. Und das kann zunächst erschrecken. Musik 6: 1.1_5-illusionofchoice.mp3 - 33 Sek SPRECHERIN: Der Spiegel als Mittel der Erkenntnis – dieses Bild zieht sich wie ein roter Faden durch die Erzählungen vieler Jahrhunderte. Jemandem den Spiegel vorhalten, heißt nichts anderes, als ihn zu Selbsterkenntnis zu führen. Und auch im übertragenen Sinn, wird der Spiegel häufig als Garant für Wahrheit und Weisheit genannt, so Prof. Dr. Heidrun Alzheimer vom Lehrstuhl für Europäische Ethnologie in Bamberg: O-TON 05 Heidrun Alzheimer Beichtspiegel ist eine Metapher für die Wahrheit, die einem im Spiegel entgegengehalten wird. Man nutzt Beichtspiegel dazu, dass man mögliche Verfehlungen sich nochmal vergegenwärtigt, also Gläubige, die zur Beichte gehen wollen, betreiben mit dem Beichtspiegel eine Gewissenserforschung. Und genauso als Metapher finden wir den Spiegel auch wieder im Begriff des Fürsten-Spiegels. Das waren also eigene Werke, Bücher, in denen künftige Könige und Fürsten an ihre Tugenden und Pflichten gemahnt wurden. Und durch diese Lektüre sollten sie lernen, wie gute Regierung funktioniert. Musik 7: Holidays at Ravenwood - 1:12 Min SPRECHERIN: Sokrates soll seinen Schülern empfohlen haben, regelmäßig in den Spiegel zu blicken, um über Schönheit und Vergänglichkeit nachzudenken und den eigenen Charakter zu bilden. Auch im Märchen sagen Spiegel oft die Wahrheit, auch wenn man sie nicht hören will. MUSIK kurz hoch ZITATOR: Frau Königin, ihr seid die Schönste hier. Aber Schneewittchen über den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen ist tausendmal schöner als Ihr! SPRECHER: In vielen Geschichten können Spiegel in die Zukunft blicken oder in die Vergangenheit, ganz generell können sie Dinge zeigen, die man ohne sie nicht sehen würde und Welten eröffnen, die man ohne sie nicht betreten könnte. So geht Alice durch einen Spiegel ins Wunderland und im Film von Jean Cocteau betritt Orpheus durch einen Spiegel das Totenreich. MUSIK kurz hoch Spiegel können aber auch ganz konkret und praktisch, als optisches Hilfsmittel, das Blickfeld weiten, wie im Mythos der Medusa, die Perseus letztlich dank eines Spiegels besiegt. O-TON 06 Fabian Estermann Wie wir wissen, bewirkt der Blick der Medusa, dass die Person, die sie anschaut, versteinert. Und um genau dieser Gefahr zu entgehen, bedient sich Perseus eben einer List, nimmt die Medusa über sein Schild wahr, das heißt, das Schild fungiert hier als Spiegelfläche, die es ihm ermöglicht, seine Umgebung zu mustern, die Medusa auszumachen und sie daraufhin dann zu enthaupten, ohne Gefahr zu laufen, dass er beim Anblick versteinern würde. SPRECHERIN: Der Spiegel ermöglicht uns, Dinge zu sehen, die wir ohne ihn, nicht sehen könnten. Als technisch ausgeklügeltes Hilfsmittel erweitert er unseren Blick sogar ins Unendliche. Den Anfang machte Newtons berühmtes Spiegelteleskop aus dem Jahr 1668. Heute steht das größte Teleskop der Welt mit einem Spiegeldurchmesser von 39 Metern in der chilenischen Atacamawüste. Mit Hilfe dieses „Extremely Large Telescope“ wollen europäische Forscher herausfinden, wie Planeten entstehen und ob es außerirdisches Leben gibt. Doch auch der einfache Spiegel dient Menschen schon lang dazu mehr zu sehen als mit dem bloßen Auge möglich: O-TON 07 Heidrun Alzheimer Wir kennen das Volkacher Stadtbuch aus dem Jahr 1504, und da sehen wir Marktstände, an denen Spiegel feilgeboten werden. Es waren runde Gebilde, die eingefasst waren von einem wulstartigen Polster. Mit diesem Polster waren sie zum einen bruchsicher eingepackt, und zum anderen aber lagen sie damit auch gut in der Hand. Und Wallfahrer haben zur Reichskleinodien-Schau solche Spiegel mitgenommen, weil, das muss man sich so vorstellen, dass das ein riesiger Andrang von tausenden von Leuten vor den jeweiligen Kirchen war. Die Kurfürsten haben die Reichskleinodien gezeigt und um einen Blick darauf zu erhaschen, hat man Spiegel dabeigehabt und hat dann quasi den Segen, der von diesen Objekten ausging, in dem Spiegel aufgefangen. MUSIK 8: Nostalgia – Impressionism - 43 Sek SPRECHER: Zur Selbst-Betrachtung waren Spiegel im Christentum lange jedoch verpönt, denn Eitelkeit galt neben Geiz und Neid als eine der sieben Todsünden, lenkte sie doch die Aufmerksamkeit von Gott ab und verschwendete damit kostbare Lebenszeit. Memento Mori, bedenke dass du sterblich bist, war das Motto des Christentums und manche Darstellungen gerade des Barock zeigen eine schöne junge Frau sich im Spiegel betrachtend, um sie herum Symbole der Vergänglichkeit. Dennoch benutzten auch Christen Spiegel, um sich selbst zu sehen, sogar die besonders frommen. O-TON 08 Heidrun Alzheimer Wir kennen aus barocken Frauenklöstern sogenannte Nonnenspiegel. Das war ein Spiegel, auf die man ein Medaillon mit Heiligen aufgebracht hat und zusätzlich außenherum Verzierungen aus Leonischen Drahtwaren, das waren Gold- und Silberfäden. Damit wirken diese Spiegel auf den ersten Blick wie Heiligenbilder, die man sich legitimerweise als Nonne in seine Klosterzelle gehängt hat, für Andachtsübungen, aber in den Zwischenräumen zwischen dem Heiligenbild und diesen Ornamenten außenherum konnte man sich ja doch noch erkennen. Und so haben die Nonnen ihren Wunsch kaschiert, sich im Spiegel zu betrachten und konnten das Verbot, in den Spiegel zu schauen, durch den Vorwand der Heiligenverehrung geschickt und ungestraft umgehen. MUSIK 9: Me so selfie – 30 Sek SPRECHER: Mancher blickt auch heute nur verschämt und ungern in den Spiegel, viele jedoch mit der größten Selbstverständlichkeit: Sich selbst in Szene zu setzen, sein äußeres Erscheinungsbild zu optimieren scheint eine Grundvoraussetzung für Erfolg zu sein und ist gesellschaftlich völlig anerkannt. Wohl kaum eine Generation bespiegelt sich so viel wie die aktuelle – Stichwort Selfie. (Musik aus) Die Umdeutung von christlichen Todsünden zu erfolgsversprechenden Charaktereigenschaften ist jedoch keineswegs ein Phänomen unserer Zeit, sie begann vielmehr schon in der Renaissance und war eine Voraussetzung für die Industrialisierung, wie Heidrun Alzheimer erläutert. O-TON 09 Heidrun Alzheimer Also die Selbstoptimierung und der gewisse Stolz auf das, was man geleistet hat, das hätte man früher als eine Untugend oder vielleicht sogar sündhaft bezeichnet. Und seit der Renaissance und vor allem dann in der Neuzeit ist es zu einer positiven Eigenschaft umgemünzt worden. Geiz wird zum Beispiel als Sparsamkeit uminterpretiert, Habgier als die Triebfeder für das Anhäufen von Kapital. Und durch dieses Kapital ist dann später erst die Industrialisierung überhaupt möglich geworden. Und der Neid fördert den Konsum, ist also auch positiv umgemünzt worden. Gefährliche Leidenschaften wurden zu Tugenden umgemünzt, und seit der Neuzeit versucht man, diese unvermeidlichen Neigungen so zu kanalisieren, dass sie den Wohlstand und das Glück der Allgemeinheit stärken oder vergrößern. SPRECHERIN: In der Aufklärung verliert der Spiegel dann auch all seine magischen Komponenten, wird aber zu einem hochgeschätzten und äußerst wichtigen Alltagsgegenstand. Letztlich geht es auch hier um Selbstoptimierung. O-TON 10 Heidrun Alzheimer Ein berühmtes Beispiel dafür ist Johann Krünitz’ ökonomisch technologische Enzyklopädie. Darin heißt es, ohne den Spiegel würden die Menschen doch nur sehr unvollständig und mit vielen Schwierigkeiten ihre Toilette machen können. Und weiter: Er ist hierbei ein zwar stummer, aber doch sehr sicherer Ratgeber. Er ist ein Wahrsager, der nicht Schmeichler der Matronen und Greise. Er gilt als Mittel, den Körper reinlich zu erblicken, die Haare zu machen und seinen Anzug gehörig zu ordnen, überhaupt alle Teile zu betrachten, wohin das Auge allein nicht reichen kann, um ihre Mängel zu entdecken. Er ist das notwendigste Möbel vom Palast bis zur Hütte geworden. MUSIK 10: 1.1_5-illusionofchoice.mp3 – siehe vorn – 25 Sek SPRECHERIN: Je bedeutender und wichtiger es wurde, sich zu spiegeln, desto besser wurden auch die Spiegel selbst. Zunächst betrachtete man sich in polierten Kupferplatten, später wurde Kupfer durch Bronze ersetzt. Im ersten Jahrhundert nach Christi stellte man dann die ersten Glasspiegel her. Diese wurden von Hand geblasen, wie Fabian Estermann erklärt: O-TON…

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    Kinder haben Rechte - Die Geschichte der Kinderrechte Jun 12, 2025
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    Spielen statt arbeiten, lernen dürfen, vor Gewalt geschützt sein: Kinderrechte waren lange nicht selbstverständlich. Bis zur UN-Kinderrechtskonvention war es ein weiter Weg: Erst nach und nach wurde Kinderarbeit im 19. Jahrhundert eingeschränkt und das Recht auf Bildung verankert. Ein Streifzug durch die Geschichte. Von Elsbeth Bräuer (BR 2022)


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