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    Latest Episodes:
    Film Noir - Düsternis auf der Leinwand Jun 30, 2025
    Show notes

    Privatdetektive, die in Geschichten voller Gier, Lust und Mord gezogen werden, in denen gefährliche Frauen die Männer mit ihren Reizen in den Abgrund reißen und die Moral als erstes auf der Strecke bleibt - das ist Film Noir. Kein Genre, eher ein Gefühlszustand, der das US-Kino der 1940er und 1950er Jahre geprägt hat. Von Florian Kummert (BR 2024) CreditsAutor dieser Folge: Florian KummertRegie: Rainer SchallerEs sprachen: Susanne Schroeder, Carsten FabianTechnik: Redaktion: Andrea Bräu Im Interview:Paul Duncan, Filmhistoriker und Autor, „Film Noir“ (Taschen Verlag)Christian Keßler, Filmwissenschaftler und Autor, „Hollywood Blackout“ (Martin Schmitz Verlag) Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN Los Angeles. Die Stadt der Engel wird sie genannt, dabei steckt sie doch voller Teufel und Dämonen. Die Hügel von Hollywood versprechen das ganz große Geld und den ganz großen Ruhm. Und andere Verlockungen flüstern süßes Gift ins Ohr, das einen wie der Gesang der Sirenen ins Verderben stürzt. So wie den Versicherungsvertreter Walter Neff (engl.). (Musik ausfaden lassen…) Mit Vollgas rast er durch Downtown L.A., rote Ampeln stoppen ihn nicht, ebenso wenig der Lastwagen, in den er beinahe kracht. Egal, der Mann hat nur ein Ziel: das Büro seiner Versicherung. Mit quietschenden Reifen bringt er das Auto vor dem Gebäude zu stehen. Mühsam schleppt sich Walter Neff über den Bürgersteig durch den Eingang zum Aufzug. Jeder Schritt eine Qual. Dafür sorgen die blutende Wunde und die Pistolenkugel in seiner Schulter. (SOUND Aufzugtür öffnet sich) Das Büro ist zu dieser nächtlichen Stunde so gut wie leer. Nur Neffs Schatten zeichnet sich deutlich an der Wand ab, wie ein unheimlicher, stiller Gast, der Walter zu seiner letzten Reise begleitet. Die in dieser Julinacht 1938 vor dem Diktiergerät seines Chefs endet. Walter Neff nimmt das Mikrofon in die Hand und beginnt die Beichte. ZITATOR Der Versicherungsfall Diedrichson (SPRICH engl, Diidrikksn). Kein Unfall, sagten Sie? Richtig. Und Selbstmord auch nicht? Richtig. Sie meinten Mord. Richtig. Aber was Ihnen entgangen ist: Ich habe Diedrichson umgebracht. Ich, Walter Neff, Versicherungskaufmann, 35, ledig, keine sichtbaren Narben. Bis vor kurzem zumindest. Ja, ich hab’ ihn umgebracht. Es ging um viel Geld und um eine Frau. Ich habe das Geld nicht bekommen. Und die Frau auch nicht. MUSIK Suite Double Indemnity ERZÄHLERIN Mit diesem Geständnis beginnt „Frau ohne Gewissen“ aus dem Jahr 1944. Regisseur Billy Wilder (AUSSPRACHE: 'Billi 'Waillde) schuf damit eines der Meisterwerke des so genannten „Film Noir“. Eine abgrundtief schwarze Geschichte über Gier, Lust und Mord, über einen Mann, der einer Frau verfällt, der das große Ding drehen will und am Ende scheitert. Alles, was Film Noir ausmacht, steckt hier drin. OTON VOICEOVER PAUL DUNCAN 1 Film Noir is a state of mind. … what noir is about. Film Noir ist ein Geisteszustand, eine Gefühlslage, die der Frage nachgeht: Kann ich den Menschen, die ich liebe, vertrauen? Allein diese Frage zu stellen, trifft den Kern von Noir. ERZÄHLERIN Sagt der britische Filmhistoriker und Film Noir-Experte Paul Duncan (SPRICH: engl. Poohl Dannkn). In mehreren Büchern für den Taschen-Verlag hat er das Phänomen Film Noir untersucht und dabei auch Listen der besten Noir-Filme erstellt. Immer ganz oben dabei ist für ihn „Frau ohne Gewissen“, der den Komödiendarsteller Fred McMurray (SPRICH: engl Mekk'Möhri) in einer für ihn ungewohnten dramatischen Rolle zeigt: Versicherungsvertreter Walter Neff, zu Beginn ein liebenswerter Charmeur, auf den der Abgrund wartet. OTON VOICEOVER PAUL DUNCAN 2 He’s a bit cheeky… could do, but don’t. Er ist um keinen Spruch verlegen, witzig, intelligent. Aber er trifft eine Frau, die ihn zur Straße der Verdammnis führt. Soll heißen: Er ist per se kein schlechter Mensch, aber er ist verführbar. Er kann überredet werden. Und so sind wir doch eigentlich alle. Wir treffen auf bestimmte Leute und tun vielleicht Dinge, die gegen unsere Natur sind. Oder Dinge, die wir insgeheim gerne tun würden, aber davor zurückschrecken. ERZÄHLERIN Eigentlich will Walter Neff nur die Autoversicherung eines Kunden verlängern, doch dieser Mister Diedrichson ist nicht zu Hause. Stattdessen trifft er dessen Ehefrau, Phyllis (SPRICH engl, Fillis, Betonung vorne), gespielt von Barbara Stanwyck ('Bahrbre 'Stännwikk (S=scharf, w=engl.), mit blonder Perücke, Goldkettchen am Fußknöchel, und einem durchdringenden, selbstbewussten Blick. Ein Blick, für den Walter zum Mörder wird. Gemeinsam mit Phyllis arbeitet Walter einen perfiden Plan aus, den scheinbar perfekten Mord. Dazu jubelt er dem Ehemann eine Lebensversicherung unter. Die schüttet im seltenen Fall eines Eisenbahnunglücks die doppelte Versicherungssumme aus, eine „double indemnity“, wie der Film im englischen Original heißt. Also muss Diedrichson bei einer Bahnreise sterben, scheinbar durch einen eindeutigen Unfall, so dass die Kontrolleure bei der Versicherung nicht anders können, als die 100.000 Dollar auszuzahlen. Davon träumt Walter, von den Dollarnoten und von Phyllis. OTON Christian Keßler 1 Er stolpert über seinen eigenen Hochmut. Er sieht gut aus, ist sicherlich auch ein gewiefter Verkäufer. Nur er denkt irgendwie, er würde ganz groß rauskommen, würde den richtig großen Coup landen. Und damit übernimmt er sich. In dem Moment, wo man sieht, wie Barbara Stanwyck die verdammte Treppe herunterkommt, mit diesem tollen Kettchen am Fußknöchel, weiß man, was die Stunde geschlagen hat und dass der McMurray keine Chance hat. ERZÄHLERIN Analysiert der Bremer Filmwissenschaftler Christian Keßler, der die Welt des Film Noir liebt, und ihm ein Buch gewidmet hat: „Hollywood Blackout“. ((OTON Christian Keßler 2 Beim Film Noir handelt es sich nicht um ein klar umrissenes Genre wie den Western oder Kriminalfilm oder Horrorfilm, sondern eher um eine filmische Tradition, die sich Ende der 30er, Anfang der 40er Jahre entwickelt hat im Hollywood-Kino und sowohl formal als auch inhaltlich sehr mit vorangegangenen Kriminalfilmen brach. Also eine besondere Form des Kriminal-Kinos.)) MUSIK Audrey’s Dance - Twin Peaks ERZÄHLERIN Film Noir - französisch für „schwarzer Film“, denn der Begriff wird von der französischen Filmkritik geprägt, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Frankreich war zuvor, ab 1940, von Nazi-Deutschland besetzt; während der Kriegsjahre waren amerikanische Filme von den Leinwänden verbannt. Nach Kriegsende laufen dann die cineastischen Höhepunkte gleich mehrerer Jahrgänge dichtgedrängt in den französischen Kinos an, darunter US-Filme wie „Frau ohne Gewissen“, „Die Spur des Falken“ oder „Murder, My Sweet“. Eine Flutwelle der Finsternis, von der der Filmkritiker Nino Frank (dt. ausgesprochen!) nachhaltig beeindruckt ist. „Kriminelle Abenteuer“ betitelt Frank seinen Artikel über die Werke, die sich deutlich von den Kriminalfilmen unterschieden, die er vor dem Krieg gesehen hatte. ATMO Maschinengewehr ERZÄHLERIN Die Gangsterfilme der 1930er Jahre waren auch Geschichten voller Mord und Totschlag, aber mit einer eindeutigen Moral, einem klar gezeichneten Gut-Böse-Schema und einem Fokus auf die Handlung. Nun aber schiebt sich die Atmosphäre in den Vordergrund, Landschaften voller nebelverhangener Häfen, einsame, nasskalte Straßen, in denen sich das wenige Licht der Laternen in Pfützen und Schlaglöchern spiegelt. Die Handlung selbst ist oft ein verworrenes Labyrinth, durch das Privatdetektive in Trenchcoats stolpern. Die Auflösung, wenn überhaupt, ist zweitrangig. Es dominiert die Charakterzeichnung der Figuren, die im Off-Kommentar von ihren unmoralischen Taten und Gefühlen erzählen. Das Publikum wird in die Psychologie des Verbrechens eingeführt und geht so gezwungenermaßen eine Mittwisser- oder Komplizenschaft mit korrupten Polizisten, psychopathischen Killern, Außenseitern auf der Flucht und verlorenen Großstadtseelen ein. Erpressung, Bespitzelung, Drogenhandel: diese klassischen Krimi-Themen werden in Abenteuergeschichten verwebt, mit Anti-Helden, auf die der Tod wartet. Für diese Art von „kriminellen Abenteuern“ prägt Nino Frank 1946 den Begriff „Film Noir“. Denn das Schwarz der Nacht wird das bestimmende Element. Paul Duncan über die Welt der Schatten: OTON VOICEOVER PAUL DUNCAN 3 The best, the most intelligent … the pits of hell. Die besten, intelligentesten Noirs wussten, dass sie mit dieser Idee der Schatten spielen konnten, und dass die Dunkelheit die Abgründe im Inneren der Figuren symbolisieren. Diese Filme malen mit Licht und Schatten und schaffen dabei eine Atmosphäre, die sich deutlich von anderen Filmen der Zeit abheben. Ein gutes Beispiel ist das Finale von „Die Macht des Bösen“. Dort geht Hauptdarsteller John Garfield (Dschonn 'Gahrfihld) eine Treppe nach der anderen hinunter. Sie scheint gar kein Ende zu nehmen. Unten am Ufer liegt der Leichnam seines Bruders. Die Szene spielt in New York, aber so wie das Ganze gefilmt ist, hat man das Gefühl, er steigt hinab in den Schlund der Hölle. MUSIK subtil, dissonant, z.B. Night Life in Twin Peaks ERZÄHLERIN Die Gangsterfilme der 1930er Jahre, oft leichtfüßig, eher oberflächlich. Sie transformieren sich in den 1940er Jahren in die psychologisch düsteren, vielschichtigen Film Noirs. Und greifen dabei den Wandel der Gesellschaft auf. Amerika, Japan und Europa sind im Würgegriff des Zweiten Weltkriegs. All die Entwurzelten und Fliehenden, all die Toten und schließlich das Grauen des Holocaust. Die Welt scheint sich immer schneller zu drehen, und zu einem eigenartigen, dunklen Fleck im Universum zu werden. Zudem sind die Nachwehen der Großen Depression immer noch zu spüren. Diese Ängste und der düstere Weltblick manifestieren sich auf der Leinwand. Etwa die Angst, die Kontrolle zu verlieren. Die Furcht, von der Vergangenheit eingeholt zu werden. Oder die Paranoia vor Mächten, die sich gegen einen verschwören. Der Typus der Heldenfigur, die Ordnung ins Chaos bringt, verschwindet dabei, sagt Filmwissenschaftler Christian Keßler. OTON Christian Keßler 3 Diese Ordnung wird zu Anfang durch einen Mord oder eine Entführung, einen Banküberfall oder so in Schieflage gebracht. Dann kommt der Ermittler, also ein Privat- oder Polizeidetektiv, und mit Hilfe seines Intellekts oder seiner Muckis rückt er das dann alles wieder gerade. Das waren dann so unfehlbare Helden, Tausendsassas. Und naja, ab den 30er-Jahren glaubten die Leute nicht mehr so richtig an solche alleskönnenden Helden. Das war die Zeit, in Folge der Weltwirtschaftskrise, als immer mehr im Kinopublikum aus dem Alltag eigentlich die dauernde Niederlage gewöhnt waren, teilweise auch an Armenspeisungen anstehen mussten, hinter Jobs her waren, die es nirgendwo gab. Und in den 40er-Jahren, als halt eben auch das Kriegserlebnis noch hinzu kam, entwickelte sich dann diese düstere Thriller-Form. ((ERZÄHLERIN Existentialistische Krisengeschichten auf Zelluloid. Über eine Welt voll Pessimismus, in der das Vertrauen in die Mitmenschen schwindet. Man weiß nie, wer ein Messer hinter seinem Rücken versteckt hält. Und das Schicksal? Das schlägt sowieso gnadenlos zu, mögen die Träume noch so groß sein. Das ewige Leid der Film Noir-Figuren. OTON Christian Keßler 4 Sie sind eher so ein bisschen existenzialistische Wassertreter, also Leute, die einige Niederlagen im Leben gehabt haben, einen Knick in der Vita. Und dann passieren irgendwelche tollen Sachen. Teilweise wie eine Flipperkugel werden die dann durch die Gegend geschossen. Das hat ja auch immer sehr viel mit realem oder eingebildetem Schicksal zu tun. Also diese Schicksalshaftigkeit, die ist gerade in den 40er-Jahre-Noirs sehr deutlich drin.)) MUSIK, melancholisch, Saxofon, z.B. Theme from Twin Peaks - Film ERZÄHLERIN Viele Noirs beginnen mit dem Ende. Die Figuren sind geschlagen, gescheitert, desillusioniert und blicken dann zurück, auf die vergebene Zeit der Hoffnung. So wie Walter Neff in „Frau ohne Gewissen“, der Versicherungsmakler, der sich nach dem Mord am Mann seiner Geliebten selbst wie ein Todgeweihter fühlt. Rückblickend beichtet er: ZITATOR Der Plan war perfekt. Nichts war schiefgegangen, nichts wurde übersehen, nichts konnte uns verraten. Und dennoch… als ich die Straße hinunterlief, hatte ich das Gefühl, dass alles scheitern würde. Es klingt verrückt, aber es war so, tatsächlich. Ich konnte meine eigenen Schritte nicht mehr hören. Es war der Gang eines Toten. Aufblende SOUND Schreibmaschine, blendet über in… ERZÄHLERIN Sätze aus der Feder von Raymond Chandler ('Räimmennd 'Tschänndlerr (sch=stl.), der das Drehbuch zu „Frau ohne Gewissen“ mit seiner abgebrühten Poesie und doppeldeutigen Anspielungen anreichert, gemeinsam mit Billy Wilder. Das Ganze basiert auf einer Geschichte des Journalisten und Autoren James M. Cain ('Dschäimms Emm 'Käinn), der mit dem Roman „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ berühmt-berüchtigt wurde. Billy Wilder will erst mit Cain direkt arbeiten, aber der ist bereits bei einem anderen Studio unter Vertrag. Also fällt die Wahl auf Raymond Chandler. Wilder ist begeistert von dessen Roman „The Big Sleep“, der unter dem Titel „Tote schlafen fest“ mit Humphrey Bogart erfolgreich verfilmt werden wird. MUSIK z.B Miles Davis, „Fahrstuhl zum Schafott“ ERZÄHLERIN Persönlich hassen sich die beiden so gegensätzlichen Typen. Billy Wilder, der leutselige Österreicher, bringt mit seiner wuseligen Art den introvertierten Raymond Chandler zur Weißglut. Chandler flutet die Paramount Büros mit Beschwerdebriefen und beginnt wieder zu trinken. Eine Sucht, der viele Noir-Autoren verfallen, etwa Dashiell Hammett. Sie trinken, wie ihre literarischen Geschöpfe, Whisky, Bourbon, und anderes Hochprozentiges und rauchen stangenweise Zigaretten, aber sie bringen auch den Sound der Straße in die amerikanische Literatur und Filmwelt. ZITATOR Wir beide gehören zusammen. Ich weiß nicht, wie. Vielleicht so, wie Kanonen und Munition zusammengehören. ERZÄHLERIN Knappe Dialoge, wie hier aus „Gefährliche Leidenschaft“, die nur ein Minimum an Gefühlen zur Schau stellen, Gefühle, die sich stattdessen in inneren Monologen Bahn brechen. Für Noir-Fan Paul Duncan bis heute große schriftstellerische Kunst. OTON VOICEOVER PAUL DUNCAN 4 These voiceovers, … coming into the world. Diese innere Monologe stammen aus den Vorlagen, den Kurzgeschichten und Romanen, von Autoren wie Raymond Chandler und Dashiell Hammett, 'Däschell (sch=stl.) 'Hämmitt, (im Vornamen KEIN i sprechen) die oft aus der Sicht von Privatdetektiven erzählen. Es gibt so viele tolle Romane, etwa von Horace McCoy,('Horress Me'koi) Jim Thompson, (Dschimm (sch=sth.) 'Tommsenn (s=scharf)) David Goodis, ('Däiwwidd 'Guddiss (ss=scharf)) die auch heute noch fantastisch zu lesen sind, da man wirklich in die Gedanken der Figuren eintauchen kann. Wie bei „Der Fremde“ von Albert Camus (All'bähr Ka'mü) passen die Noir-Romane philosophisch zum Existentialismus und auch zu einer nihilistischen Stimmung, die immer mehr um sich griff. ZITATOR Ich sah sie nie im Tageslicht - wir schienen bei Nacht zu leben. Was vom Tage übrig blieb, verflog wie der Rauch einer Schachtel Zigaretten. MUSIK düster, z.B. Can’t Sleep 2, Thomas Newman, Soundtrack „In the Bedroom“ ERZÄHLERIN Stilistisch blickt der Film Noir zurück in die deutsche Filmgeschichte und orientiert sich am expressionistischen Film der Weimarer Republik, an Werken wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ oder die Dr. Mabuse-Filme von Fritz Lang. Der wandert nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten nach Amerika aus, und dreht in Hollywood düstere Noirs, wie auch seine Regiekollegen Billy Wilder und Robert Siodmak (dt. gesprochen). MUSIK düster, z.B. Beginn „North on 73“, Thomas Newman ERZÄHLERIN Den inneren Aufruhr der Figuren extern…

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    Heimweh - Sehnsucht oder Krankheit? Jun 27, 2025
    Show notes

    Heimweh, diese bohrende Sehnsucht nach Wohlvertrautem, die einen in der Fremde packen kann. Viele zwickt es nur ein wenig, andere sind so arg gebeutelt, dass es sie regelrecht krank macht und einschränkt: Kinder kann es genauso treffen, wie Erwachsene oder Alte. Gut zu wissen, wie Heimweh sich lindern lässt. Von Anja Mösing (BR 2024) CreditsAutorin dieser Folge: Anja MösingRegie: Christiane KlenzEs sprachen: Stefan Wilkening, Florian SchwarzTechnik: Regina StaerkeRedaktion: Susanne Poelchau Im Interview:Dr. Gerd Schuster, Psychologe, Pflegewissenschaftler, NürnbergBrigitte Reysen-Kostudis, Psychologin und Psychotherapeutin der psychologischen Beratung der Freien Universität BerlinJosefina, Studentin, Wien Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren:Nostalgie – Der Traum vom besseren Gestern Nostalgische Gefühle verklären vergangene Ereignisse und Zustände. Bei aller Wehmut verbessern sie deshalb die Stimmung und können über aktuelle Notlagen hinwegtrösten. So birgt die gute, alte Zeit auch ein zukunftsweisendes Potential - bei aller Gefahr, die im rückwärtsgewandten Denken liegt. Autorin: Justina Schreiber JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadiowissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATOR Fortwährende Traurigkeit, häufige Seufzer, fortwährendes Denken an die Heimat, unruhiger Schlaf, Abnahme der Kräfte, geringerer Appetit, Herzensängste und unregelmäßiger Herzschlag, Fieber, Störung der Verdauung, Abmagerung und Schwächung und schließlich: Tod. ERZÄHLER So wurden im 18. Jahrhundert die typischen Symptome von Heimwehkranken beschrieben. Heimweh - ein Krankheitsbild, das zuerst der junge Elsässer Medizinstudent Johannes Hofer im Jahr 1688 erforscht hat. MUSIK 2 Kuhreihen für Alphorn solo 0’30 ERZÄHLER Schweizer Krankheit wurde es auch genannt, nach Schweizer Söldnern, oft arme Bauernsöhne aus den Bergen, die in der Fremde an dieser rätselhaften Todesursache starben. Traditionelle Hirtenlieder wie den Schweizer Kuhreihen zu singen, wurde angeblich verboten, um Heimweh nicht ausbrechen zu lassen. Als einzige Kur gegen die Krankheit galt damals: die Leidenden umgehend nachhause zu schicken. ZSP 1 Reysen Ich würde sagen, 20 bis 30 Prozent der Neuankömmlinge haben doch sehr große Probleme und entwickeln dann eben auch Heimweh. MUSIK 3 Kings Of Convenience – Homesick 0’21 ERZÄHLER Für Neuankömmlinge in einer Stadt, Studierende zum Beispiel, ist Heimweh auch heute noch ein großes Thema. Das weiß Brigitte Reysen-Kostudis aus 30 Jahren Erfahrung in der psychologischen Beratung der Freien Universität Berlin. Die Studierenden, die zu ihr in die Beratung kommen, sind zwischen 20 und 27 Jahre alt: ZSP 2 Reysen In der Regel kommen die jungen Menschen nicht zu mir und sagen gleich zu Beginn: Ich habe Heimweh. Es fällt gerade den jungen Leuten in dieser Schwellensituation zwischen Kindsein und Erwachsensein oft schwer, das von sich selbst zu sagen. Weil das oft als nicht passend zum Erwachsensein angesehen wird. Aber im Verlauf des Gespräches kommen wir darauf: Warum hast du diese Symptome? Ist es vielleicht tatsächlich deshalb, weil Du ganz oft an Dein altes Zuhause denkst? MUSIK 4 Kings Of Convenience – Homesick 0’47 ERZÄHLER Im Englischen sagt man homesickness, im Französischen mal du pays und immer noch mal du Suisse. Das Wort Krankheit steckt in jedem dieser Begriffe. Auch das deutsche Heimweh klingt wie Bauchweh und Zahnweh nach körperlichem Schmerz. Als tödliche Krankheit wird Heimweh aber nicht mehr gefürchtet: ZSP 3 A Reysen Weil da ja keine körperliche Erkrankung im Hintergrund ist, die behandelt werden müsste. Es ist schon ein seelisches Leiden und das kann Schmerzen verursachen, das kann Magenprobleme verursachen, Kopfschmerzen verursachen, die dann allerdings psychische Ursachen haben. ZSP 3 B Josefina Bei mir hat es immer im Bauch angefangen, wie wenn man so einen Klumpen im Bauch hat. Und dann kommt es oft auf Herzhöhe. Und dann hat man so eine Enge ums Herz. Und man ist ganz-ganz vorsichtig und starr in so einer Habacht-Haltung. Ich bin ganz, ganz still geworden und habe alles beobachtet, als ob jetzt gleich was Schlimmes passieren könnte. Und irgendwann ist es dann so hoch im Kopf gestiegen, dass man gar nicht mehr an anderes denken konnte als: Da kommt jetzt gleich was. Und ich muss Heim! Und ich will in Sicherheit sein! Und Sicherheit war halt daheim sein. MUSIK 5 Regina Spektor – Open 0‘28 ERZÄHLER Josefina ist Mitte 20 und unfreiwillig Heimweh-Expertin, sie kennt das Gefühl seit frühester Kindheit. Einen allerersten Auslöser, ein traumatisches Erlebnis, so etwas gab es für ihr Heimweh nicht: ZSP 4 Josefina Ich kann mich nicht daran erinnern, dass es irgendwann angefangen hat, sondern es war halt immer schon da. ERZÄHLER Zur Zeit des Interviews studiert Josefina im vierten Semester Psychologie in Wien. Aufgewachsen ist sie in München. Ihr letztes großes Heimweh, das hatte sie zu Beginn ihres Studiums: ZSP 5 Josefina Da war ich 22 und bin nach Wien gezogen. Das Heimweh war da zum ersten Mal dieses Gefühl: Okay, du kannst traurig sein! Du darfst das vermissen! Du darfst Sehnsucht haben! Und du darfst weinen deshalb, das ist okay, das ist ein Grund! Und vom Gefühl her Heimweh, aber in dem Fall positive Sehnsucht eher. MUSIK 6 Jonathan Jeremiah – Happiness 0’50 ERZÄHLER Der Entwicklungsschritt vom Heimweh hin zur bloßen „Sehnsucht nach zuhause“ war für Josefina groß. Denn Heimweh hatte sie oft komplett besetzt. Dass sie jetzt so selbständig und fröhlich in Wien studieren kann, hat sich Josefina hart erarbeitet, sagt sie. Mit zwei Jahren Psychotherapie. Kandidatinnen oder Kandidaten für starke Heimwehsymptome sind vor allem Menschen, die Angst vor unvorhergesehenen Ereignissen haben, egal ob als Kind oder als Erwachsene. Das erklärt die Psychologin Brigitte Reysen-Kostudis,: ZSP 6A Reysen Das gehört schon zusammen: Dieses Bedürfnis nach Kontrolle und die Angst, die Kontrolle zu verlieren. Und in einer neuen Umgebung habe ich natürlich nicht die Kontrolle über das, was passieren kann. Also alles ist noch neu. Es können Dinge passieren, die ich vorher noch nie erlebt habe. Und das ist für manche eine große Herausforderung. Für andere ist es toll, dass ständig neue Sachen passieren, neue Begegnungen möglich sind. Für andere ist es totaler Stress. MUSIK 3 Gerd Baumann – Martha 0‘47 ZSP 6 B Josefina Schullandheim zum Beispiel: Da war nicht unbedingt ein Auslöser. Also, das stapelt sich dann so: Das Essen ist doof. Und dann bin ich mit jemandem im Zimmer, mit der ich mich davor gestritten habe. Oder es ist ein sehr-sehr großes Zimmer, wo viel Trubel ist und ich mich nicht mal eine Minute zurückziehen kann und sagen: Okay, tief durchatmen, das wird wieder. Und das waren dann alles Faktoren, wo ich gesagt habe: ich fühle mich hier ganz-ganz unwohl. Und ich habe keine Kontrolle mehr über diese Situation, von meiner Sicht aus. Und anstatt zu sagen: Ja gut, jetzt ist die Bettdecke ungemütlich, meine Güte! Es gibt nicht mein Lieblingsessen, okay kann man ne Woche mit leben! Das ist dann viel-viel größer geworden als es eigentlich war. ERZÄHLER Für Außenstehende wirkt es oft, als wolle ein Kind plötzlich nach Hause, nur weil das Essen nicht schmeckt wie gewohnt. Der Grund fürs Nachhause wollen liegt aber viel tiefer: ZSP 6 C Reysen Auf dieser diagnostischen Ebene fällt Heimweh unter eine Anpassungsstörung. Das ist so der medizinische Terminus. Wenn jemand Schwierigkeiten hat, sich an neue Umgebungen und neue Bedingungen anzupassen. MUSIK 8 Deine Freunde – Heimweh 0’47 ZSP 6 D Josefina Heimweh war für mich immer ein bisschen wie so eine Überforderung, weil ich mich so unwohl in der Situation gefühlt habe, wo ich quasi dann alleine war und keinen Anker hatte, wo ich wusste, da kann ich einfach ganz entspannt sein. Sondern ich war immer komplett angespannt. Und diese Anspannung war da natürlich irgendwann zu viel. ERZÄHLER Heimweh kann so dominierend werden, dass es sich wie ein grauer Schleier auf Dinge legt, auf die man sich eigentlich gefreut hätte: Eine Einladung zum Wochenendausflug, eine Geburtstagsübernachtung oder eine Fackelwanderung im schneeverwehten Wald. Allein schon die Angst davor, Heimweh zu bekommen, schränkt die Betroffenen ein: ZSP 7 Josefina Weil dir einfach ganz viele schöne Momente von dem Gefühl kaputt geschossen werden. Weil du dann in deinem kleinen pessimistischen Kokon sitzt und eigentlich hättest du den Spaß des Lebens. MUSIK 9 Gerd Baumann – Sophies Thema 0‘37 ERZÄHLER Schon mit sechs Jahren hat Josefina zusammen mit den Eltern Strategien entwickelt, um Heimwehsituationen durchzustehen: Alles, was neu sein könnte, haben sie vorher besprochen. Und Josefina hat immer einen Talisman von daheim mitgenommen, eine Halskette ihrer Mutter. Solche so genannten Übergangsobjekte sind tröstende Klassiker für Heimwehkinder! Auch ein heimliches Not-Handy kann mit, falls die Sehnsucht nach zu Hause zu groß wird. ZSP 8 Reysen Was ich eine ganz schöne Strategie finde, ist, wenn so ein kleines Klassenfahrt-Tagebuch geführt wird. Wenn dann die Begleitpersonen sagen: Ach, mal doch mal ein Bild für deine Mutter oder deinen Vater. Und wenn du wiederkommst, kannst du das zeigen, damit sie auch sehen, wie es hier ausgesehen hat. Das ist auch eine Art und Weise dem Kind zu signalisieren: Ja, du wirst wieder zurückkommen! Das gibt Sicherheit. Das kommt bei Kindern oft total gut an, weil die sich dann auch ernst genommen fühlen als Handelnde. Solche Strategien helfen dabei, dass das Kind sich aktiv mit der Situation auseinandersetzen kann. ERZÄHLER Aktiv sein, ist wichtig! Wenn Studierende in Berlin zu Brigitte Reysen-Kostudis in die Psychologische Beratung der Universität kommen, haben sie oft schon viel Heimweh und Ängste durchlitten. Die jungen Leute haben sich darauf gefreut, endlich in der großen Stadt zu studieren. Und irgendwann stehen sie vor lauter ungeahnten Problemen: ZSP 9 Reysen Entweder: Ich kann die Aufgaben nicht erledigen, die ich eigentlich machen sollte. Ich habe Antriebsstörungen, Schlaflosigkeit, merke, dass ich mich auf bestimmte Dinge gar nicht mehr konzentrieren kann. Ich kann Texte nicht lesen. Ich sitze zu Hause und bin traurig. Oder aber es sind extreme Ängste da. Ich traue mich nicht, mit der U-Bahn zu fahren, mit Straßenbahn zu fahren, das sind mir alles viel zu viele Leute. Und ich habe vielleicht sogar auch schon mal eine Panikattacke gehabt. Und jetzt habe ich so enorme Ängste, dass so etwas wieder passieren könnte. MUSIK 10 Gerd Baumann – Vom Ende 1‘07 ERZÄHLER Heimweh kann theoretisch jeden treffen. Aber ängstliche Menschen trifft es häufiger als andere, so die Psychologin: ZSP 10 A Reysen Ja, ich denke, dass Angst ein wesentlicher Faktor ist. Heimweh in einem Maße, wo es wirklich beunruhigend ist und stark einschränkend ist, vor allem für Menschen, die eben Probleme haben, auf andere zuzugehen, die in Situationen, die neu sind, sich oft nicht wohlfühlen. Also alles, was in dies Spektrum von ängstlichen Persönlichkeiten hineingehört. ZSP 10 B Josefina Ich habe sehr-sehr viel nachgedacht immer über Situationen. War sehr vorsichtig und bin nie einfach ins Wasser gesprungen, sondern habe mir das alles immer erst mal angeschaut. Und habe andere Leute beobachtet, wie die ins Wasser gesprungen sind. Und dann bin ich auch reingesprungen. Und ich glaube, das kann überhandnehmen, dass man sich dann so reinsteigert, dass das einfach der Mechanismus ist, wie man so durch die Welt geht. ERZÄHLER Die konträre Haltung wäre: Was soll schon passieren? Mache ich halt einfachmal, das wird dann schon! ZSP 11 Reysen Ich finde es immer sehr bewundernswert, wenn Leute zu mir sagen: Ah, ich habe wirklich eine schöne Kindheit gehabt und Jugend und da haben wir das und das gemacht. Und ich fühlte mich wohl. Das ist ein Schatz, den sie bewahren können. Aber es geht weiter. Weil gerade dieses Gefühl verbunden zu sein, auch mit einer Landschaft verbunden zu sein, mit Menschen verbunden zu sein, kann ja auch Kraft geben, noch einmal neu zu starten, für neue Herausforderungen, die ich bestehen muss. Weil ich ja weiß, es gibt Menschen und Orte, die mir vertraut sind. Und warum sollte es mir nicht gelingen, das woanders auch aufzubauen? ERZÄHLER Heimweh ist Teil der Suche nach sich selbst, glaubt Reysen-Kostudis. Wer Heimweh hat, ist auf der Suche nach der eigenen Heimat, nach einem Ort, wo man glücklich werden kann. Manchmal hilft es sogar, Verbindung zur alten Heimat aufzunehmen. ZSP 12 Reysen Das kann sein, dass ich mein Lieblingsgericht zubereite, was aus einer bestimmten Region kommt. Das kann sein, dass ich sage, ich telefoniere regelmäßig, Skype regelmäßig mit Menschen, die mir wichtig sind. Aber nicht ständig! Dass ich versuche, das ein bisschen zu regeln, dass ich dann bestimme, an welchen Tagen, zu welchen Zeiten ich mich diesem Gefühl auch überantworten kann und das auch genießen kann. Die Verbundenheit mit diesem Ort hört ja nicht auf. MUSIK 11 Gerd Baumann – Flimmern 1‘10 ERZÄHLER Um schneller heimisch zu werden hilft vor allem eins: Neu geknüpfte Beziehungen! ZSP 13 Reysen Was in allen Forschungen über Glück oder auch Zufriedenheit immer drin ist, ist dieses Eingebundensein. Das kann Eingebundensein in Bezug auf zwischenmenschliche Kontakte, aber auch so eingebunden zu sein in ein Wertesystem. Wenn ich mich zugehörig fühle einer bestimmten Gruppierung, das kann eine religiöse Gemeinschaft sein, das kann eine politische Gemeinschaft sein, dann hilft das auch, um in ungewohnten neuen Situationen auch gleich so andocken zu können, zu einem bestimmten Thema. Wo dann diese direkten menschlichen, persönlichen Kontakte nachträglich kommen können, aber erst einmal auch ein Gefühl von Eingebundensein entstehen kann. ERZÄHLER Ob es der Skaterpark ist, wo man Gleichgesinnte findet oder das Studentenradio, der Arbeitskreis für eine vegane Lebensweise oder die Tangogruppe: Heimwehkranke, die freiwillig in eine fremde Umgebung gezogen sind, haben gute Chancen ihr Leiden mit solchen Strategien zu überwinden. Wie hartnäckig Heimweh in der Fremde auftritt, hängt aber immer auch von den Gründen ab, aus denen das alte Zuhause verlassen wurde: ZSP 14 Reysen Ganz extrem bei Geflüchteten, die wir auch in der Studierendenschaft haben, die eben nicht freiwillig ihre Heimat verlassen haben. Sondern gegangen sind, weil Krieg, Notzustände, Verfolgung da war. Weil dann die Gedanken da sind: Was passiert jetzt eigentlich in meiner Heimat? Ich bin jetzt hier. Aber irgendwie komme ich gar nicht an, weil ich in Gedanken immer noch woanders bin. MUSIK 12 Sting – Shape Of My Heart 0‘23 ERZÄHLER Wer nicht freiwillig am Ort ist, der die neue Heimat werden soll, braucht besonders gute Strategien, um heimisch zu werden. Das konnte auch der Psychologe und Gerontologe Gerd Schuster feststellen. Für seine Dissertation Heim und Heimweh befragte Schuster alte Menschen nach ihrem Umzug ins Pflegeheim: ZSP 15 Schuster Und das sind natürlich besonders krasse Umstände des Umzugs! ERZÄHLER So unterschiedlich die Biographien der Hochbetagten waren, so häufig hörte Schuster von den Befragten, dass es besonders die Art des Umzugs war, die Heimweh ausgelöst hatte: ZSP 16 Schuster Der Eintritt in ein Pflegeheim war für die allerallermeisten eine sehr traumatische Situation. Vor allen Dingen deshalb, weil…

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    Wer hat die Hosen an? - Geschichte einer Bekleidung Jun 27, 2025
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    Von Männern in Strumpfhosen zu Frauen im Hosenanzug - jahrhundertelang war die Hose in Europa Symbol von Männlichkeit und Macht, Klassenkonflikten und Geschlechtsunterschieden. Und deshalb heiß umstritten, in der Französischen Revolution wie im Kampf um die Emanzipation und der Jugendrevolte des 20. Jahrhunderts. Autorin: Ulrike Rückert (BR 2024) CreditsAutorin dieser Folge: Ulrike RückertRegie: Irene SchuckEs sprachen: Berenike Beschle, Stefan Wilkening, Katja BürkleTechnik: Susanne HerzigRedaktion: Nicole Ruchlak Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir:ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks.EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN Die Sängerin Esther Ofarim trug edlen schwarzen Samt und Perlenkette, als sie an einem Abend im September 1966 die Bar im Hamburger Grandhotel Atlantic betrat. Ein Angestellter forderte sie auf, die Bar zu verlassen und sich umzuziehen, wenn sie wiederkommen wolle. Der Grund für den Affront: das todschicke Outfit des Weltstars war – ein Hosenanzug. MUSIK 2 "48 Hours" - Album: Mark Felt: The Man Who Brought Down the White House (Original Motion Picture Soundtrack) - Künstler: James Horner / Daniel Pemberton - Komponist: Daniel Pemberton - Länge: 0'42 ERZÄHLERIN Die Sache schlug Wellen. Einer Reporterin erklärte der Hoteldirektor, man erwarte von den Gästen „vorschriftsmäßige Garderobe“, und sobald die Damenhosen „offiziell anerkannt“ seien, werde man sie selbstverständlich akzeptieren. Die Hamburger Hosenaffäre ist ein Beispiel für das Konfliktpotential in der Geschichte des zweigeteilten Beinkleids. ZITATOR Hosen. Sind eine bekannte Kleidung, womit die Manns-Personen den Unter-Leib bedecken. ERZÄHLERIN So definiert ein Lexikon aus dem 18. Jahrhundert und erläutert weiterhin: ZITATOR „Hosen ihres Mannes hat das Weib.“ Ist ein bekanntes Sprüchwort, so von denen herrschsüchtigen Weibern gesaget wird, welche ihren Männern in allen befehlen und das Regiment über selbige führen wollen. ERZÄHLERIN Die Geschichte der Hose ist lang. Ötzis Beinlinge aus Fell waren ein Vorläufer. Die ältesten richtigen Hosen, die Archäologen ausgegraben haben, gehörten asiatischen Reiten vor dreitausend Jahren. Germanen und Kelten trugen Hosen, Griechen und Römer allerdings fanden die Dinger barbarisch. Auch ist die Hose nicht von Natur aus männlich, zwischen Indien und Grönland finden sich in der Geschichte der Menschheit viele Völker mit behosten Frauen. Aber im Mittelalter wurde die Hose in Europa zum Symbol von Männlichkeit und von Macht im Verhältnis der Geschlechter zueinander. Die Redensart von der Frau, die die Hosen anhaben will, war schon im 13. Jahrhundert geläufig, jedoch ging es damals nicht um das Oberbekleidungsstück, das im Deutschen heute Hose heißt. Denn das war auch bei Männern aus der Mode. MUSIK 3 Tante belleçe in questa donna stanno- Künstler: La Reverdie - Album: Landini: L'Occhio del Cor - Komponist: Francesco Landini ZITATOR Der Gast schritt an das Bett, da war ein weißes Gewand für ihn bereitet. Einen Bruchgürtel von Gold und Seide zog man darunter. Rote Hosen aus Scharlach streifte man ihm über. ERZÄHLERIN So beschreibt Wolfram von Eschenbach in seinem Roman „Parzival“ um das Jahr 1200 das Outfit eines Ritters bei Hofe. Das Gewand war lang, und „Hosen“ ist das mittelhochdeutsche Wort für Strümpfe oder Beinlinge. Die trugen auch Frauen unterm Kleid. Der „Bruchgürtel“ hielt die Bruch – eine Unterhose. Musik 4 "Poiché partir convienmi, donna cara" - Künstler: La Reverdie - Album: Landini: L'Occhio del Cor - Komponist: Francesco Landini ERZÄHLERIN: In Heinrich Wittenwilers Satire „Der Ring“, verfasst rund zweihundert Jahre später, bekommt der Bräutigam bei einer Bauernhochzeit guten Rat: ZITATOR Das sag ich dir ganz grad heraus: Du bist der Herr in deinem Haus! Wiss’, und trägt dein Weib die Bruch, Sie wird dein Unglück und dein Fluch wider Gott und sein Gebot! Hierzu wirst du der Leute Spott. ERZÄHLERIN Die Unterhose machte den Mann. Und der Mann hatte dafür zu sorgen, dass er der Herr im Haus war, wie es auch die Bibel bestimmte. Frauen galten als launisch, eitel, gierig und herrschsüchtig, und hielt man sie nicht unter Kontrolle, geriet die Welt aus den Fugen. So waren französische Schwänke, italienische Novellen und deutsche Fastnachtsspiele bevölkert von Frauen, die – oft ganz handgreiflich – versuchten, ihrem Mann die Hose zu entreißen. Die Geschichten warnten unbotmäßige Frauen vor drastischen Strafen oder führten dem männlichen Publikum vor, welche Demütigungen ihm bei einer Niederlage drohten: Musik 5 "Hal with Reznor" - Komponist und Ausführender: Daniel Pemberton - Album: The Haunted Airman (Soundtrack) ZITATOR Die Betten machen, kehren, waschen, sudeln und prudeln in der Aschen. Eine Revolution in der Männermode nach der Großen Pest im 14. Jahrhundert brachte die Hose als Oberbekleidung zurück. In einer Chronik ist zu lesen: ZITATOR Nachdem das Sterben ein Ende hatte, da hob die Welt wieder an zu leben und fröhlich zu sein, und machten die Männer neue Kleidung. Die Röcke waren so eng, dass ein Mann nicht darin schreiten konnte, und waren eine Spanne über die Knie. Danach machten sie die Röcke ganz kurz, eine Spanne über den Gürtel. ERZÄHLERIN Die jungen Männer schnitten immer mehr von ihren Gewändern ab, bis nur ein Wams übrigblieb, das kaum noch den Po bedeckte. Das rückte wohlgeformte Beine – Gipfel männlicher Schönheit – in vorteilhaftes Licht, aber zwischen dem Wams und den langen Strümpfen blitzte die Bruch und womöglich blanke Haut hervor. Zur Abhilfe nähte man die Beinlinge hinten zusammen und setzte vorn einen Latz ein. Voilà, die Hose war wieder da, und im Deutschen trug sie nun auch diesen Namen. Von nun an war sie das männliche Kleidungsstück. Und bald in den wunderlichsten Erscheinungen zu sehen. MUSIK 6 "Rondes I & VII" - Album: Hirschfelder - Elizabeth (Original Motion Picture SoundTrack) - Komponist: Tielman Susato - Länge: 0'37 ZITATOR Mir kann keiner eine zu abenteuerliche Form eines Kleids aufbringen, denn je seltsamere Kleidung, nach Schnitt von Hosen, Wams und Schuhen, einer aufbringt, je lieber trag ich’s. ERZÄHLERIN … bekannte der Augsburger Konrad Schwarz im 16. Jahrhundert, durchaus typisch für den modebewussten Mann der Renaissance. Männer von Adel und nun auch die stolzen Bürger der Städte zeigten nicht nur Figur, sondern auch, wer sie waren und was sie sich leisten konnten. Wie ein Pfau spreizte man das schillernde Gefieder. Nach der Strumpfhosenphase waren Hosen für drei Jahrhunderte mehr oder weniger kurz und meist farbenfroh. Die Hosenwissenschaft kennt Dutzende von Namen für Modestile, die miteinander konkurrierten oder sich abwechselten - eng anliegend oder bauschig weit, kugelig rund ausgepolstert, geschlitzt mit kontrastfarbig herausquellendem Futter, bestickt, mit Bändern und Schleifen verziert. Und das Gemächt verpackt in protzig großen Schamkapseln. ZITATOR Und möchte mancher meinen, er sehe einen Kramladen aufgetan, so mit mancherley Farben von Nesteln, Bändeln, Schlüpffen sind sie an Haut und Haaren, an Hosen und Wambs, an Leib und Seel behenket, beschlencket, beknöpfet und beladen. ERZÄHLERIN … spottete der Satiriker Johann Michael Moscherosch zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Und dann kam die Rheingrafenhose – die ein Rock war. Ein knielanger, weiter Rock, üppig garniert mit Spitzen, Bänderbüscheln und Schleifen, und darunter schaute eine Pluderhose mit breiten Spitzenvolants heraus. Eine Zeitlang war das der Hit an Europas Fürstenhöfen. Zur selben Zeit sah Samuel Pepys in London Irritierendes: ZITATOR In den Gallerien finde ich die Hofdamen in ihrer Reitkleidung, mit Mänteln und Wämsern gerade wie meine, mit Perücken und mit Hüten, so dass, würde nicht ein langer Unterrock unter ihren Männermänteln schleifen, niemand sie für Frauen halten könnte, was ein seltsamer Anblick war und mir nicht gefiel. MUSIK 7 "Quanta Qualia" - Komponist: Michael Riessler - Album: Héloise - Länge: 1'06 ERZÄHLERIN Die Ordnung der Geschlechter verlangte auch sichtbare Verschiedenheit, was ebenfalls auf biblischem Gebot beruhte: ZITATOR Ein Weib soll nicht Mannsgewand tragen und ein Mann soll nicht Weiberkleider antun. ERZÄHLERIN Das Verbot galt für beide Geschlechter, doch es ist nicht für beide dasselbe, wenn die Frau dem Mann untergeordnet ist. Der Unterschied besteht darin, so der Schriftsteller Eugen Isolani, dass … ZITATOR … die erhabene und herrschende Stellung des Mannes nicht erniedrigt werden solle durch das Weib, das sich als Mann zeigt, und nicht durch die Selbsterniedrigung des sich als Weib gebärdenden Mannes. ERZÄHLERIN Wenn Frauen sich Männerkleider aneigneten, sah man die Männermacht bedroht. Das war nicht nur eine Frage der Optik - man hegte den Verdacht, dass die Kleidung Frauen auch ein anderes Selbstgefühl gebe. Im 16. Jahrhundert schrieb der englische Humanist Richard Hyrde: ZITATOR Eine Frau soll nicht Männerkleidung verwenden, denn es ließe sie denken, sie hätte den Stolz eines Mannes. ERZÄHLERIN Etwas prosaischer bemerkte das Journal des Luxus und der Moden 1802 über die damals aktuellen absatzlosen Frauenschuhe: ZITATOR Flache Sohlen geben Sicherheit und Bestimmtheit, der Gang wird selbständiger, und niemand kann läugnen, daß die hohen Hacken jedem Weibe ungesehene Fesseln anlegen, wodurch die Hülfe des Mannes ihm auf jedem Schritte nöthig wurde. ERZÄHLERIN Hutformen, Jackenschnitte und Absätze waren eine Sache, doch die Hose blieb ein Tabu. Aber auch dieses wurde oft gebrochen. Viele Frauen reisten in Hosen, weil es bequemer war. Englische Aristokratinnen gingen in Hosen auf die Jagd. Königin Christina von Schweden trug gern Männerkleider. Katharina die Große und Marie Antoinette ritten im Herrensitz in Hosen, Männerrock und Dreispitz, und ließen sich auch so malen. Und was ist mit dieser Anmerkung in einem Lexikon aus den Siebzehnhundertachtzigern gemeint? ZITATOR Bisweilen trägt auch das Frauenzimmer, besonders zur Winters=Zeit, Beinkleider, um sich desto besser vor der Kälte zu verwahren; und es wäre zu wünschen, daß sich das Frauenzimmer, der Gesundheit wegen, dieser Tracht mehr bediente. ERZÄHLERIN Um 1700 herum hatte die Männerhosenpracht ein Ende. Man trug nun schlichte Kniebundhosen, die fast völlig verschwanden unter langen Jacken mit weiten Schößen. Im Laufe des Jahrhunderts wurde die Silhouette schlanker, die Jacken offen getragen und die Schöße schräg zurückgeschnitten. Man zeigte wieder Bein, in knallengen Hosen. Wer keine muskulöse Adonis-Statur vorweisen konnte, packte gern Polster und Wachsprothesen unter die Hosen. MUSIK 8 "Marseillaise St Cyr Defile Avec Tambours Et Clairons..." Ausführende: "Garde Républicaine & Roger Boutry" - Album: Musiques Militaires Garde Republicaine - Länge: 0'26 ERZÄHLERIN Die Revolution in Frankreich war auch eine Revolution der Hosen. Die radikalsten Umstürzler erklärten die Kniebundhose, die „Culotte“, zum Symbol der aristokratischen Willkürherrschaft, weshalb man sie „Sansculotten“ nannte, „ohne Kniehosen“. Zeichen des republikanischen Geistes sollten die „Pantalons“ sein, lange Hosen. Musik 9 "Let that door open" - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play ERZÄHLERIN Mit diesen zeigten sich auch einige Revolutionärinnen. Frauen waren überall dabei, sie diskutierten in der Öffentlichkeit mit, gründeten politische Clubs und forderten gleiche Bürgerrechte für ihr Geschlecht. Das ging den Herren dann doch zu weit. Sie verboten den Frauen die Clubs und Versammlungen, und die Männerhosen auch. Da vermeldete das Journal des Luxus und der Moden eine neue Revolution: Musik 10 "48 Hours" - Album: Mark Felt: The Man Who Brought Down the White House (Original Motion Picture Soundtrack) - Künstler: James Horner / Daniel Pemberton - Komponist: Daniel Pemberton - Länge: 0'20 ZITATOR Der Anzug der Damen ist ganz ohne Beyspiel. Sie tragen nemlich, wie die Männer, Pantalons von fleischfarben seidnem Zeuche, und darüber einen Rock von feinstem Mousseline, der an der Seite bis aufs Knie aufgeschürzt, und mit einer Agraffe befestigt wird. ERZÄHLERIN Tatsächlich hatten diese Pantalons mit denen der Männer nichts gemein, es waren Leggings aus Trikotstoff - so ziemlich das einzige, was die Pariserinnen noch unter hauchdünnen Kleidern trugen, nachdem sie Korsetts und Unterröcke beiseite geworfen hatten. Dennoch hielt man sie offensichtlich für gewagter als die sogenannte „Nuditäten-Mode“ der durchsichtigen Chemisenkleider. Diese Welle überrollte Europa, doch die Pantalons machten nur wenige mit. Die spätere Schriftstellerin Bettina Brentano schrieb an Goethes Mutter: ZITATORIN Jetzt raten Sie einmal, was der Schneider für mich macht! Ein paar Hosen? Ja! Vivat! jetzt kommen andre Zeiten angerückt. ERZÄHLERIN Andere Zeiten kamen in der Tat, allerdings brachten sie keine größeren Freiheiten, nicht einmal modische. In der auf göttliches Gebot gegründeten Weltordnung war jedem sein Platz zugewiesen, bestimmt durch Stand und Geschlecht, und man hatte sich dementsprechend zu verhalten. Mit der Aufklärung und der Erschütterung des Ständesystems war diese Ordnung obsolet geworden. Die Unterordnung der Frauen war damit nicht abgeschafft, aber sie brauchte eine neue Begründung. Sie fand sich im Geschlechtscharakter. Frauen und Männer seien, so Wilhelm von Humboldt, von Natur aus völlig verschieden, mit ganz gegensätzlichen Eigenschaften, so dass … ZITATOR … vernünftiger Weise auch nicht einmal der Gedanke entstehen kann, den Charakter des einen mit dem des anderen zu vertauschen. ERZÄHLERIN Bislang waren Sanftmut, Geduld und Fügsamkeit Verhaltensweisen, die von Frauen erwartet wurden. Nun war es ihre Natur. Benahmen sie sich anders, galten sie nicht mehr als widerspenstig, sondern als unnatürlich, krankhaft. Eine richtige Frau war der liebevolle Engel im Haus und verlangte weder in der Ehe noch in der Gesellschaft gleiche Rechte. Damit war das Thema des Zanks um die Hosen keineswegs aus der künstlerischen Welt geschafft. Die Frau, die die Hosen anhaben will, war im 19. Jahrhundert ein höchst beliebtes Sujet für Karikaturisten. Eine Zeichnung allein wurde über Jahrzehnte in mehreren Ländern mit kleinen Veränderungen immer wieder kopiert: ein Mann und ein Frau zerren an einer Hose, angefeuert von einem anderen Paar, bei dem er schon der Hose beraubt ist, die sie unter ihrem Rock trägt. Aus den Bildtexten der deutschen Version: Musik 11 "Winners" - Album: Tommy's Honour (Original Score) - Komponist und Ausführende: Christian Henson ZITATORIN Grosser Zank, Zwischen einem Mann und seiner Frau: wer von beyden die Hosen tragen und im Haus die Ober-Herrschaft haben soll. ZITATOR Lieber sterbe ich, als meiner Frau die Hosen zu lassen; der Mann soll immer der Herrscher seyn. ERZÄHLERIN Dabei lassen sich in den verschiedenen Versionen dieser Karikatur auch die Hosenmoden der Zeit verfolgen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts zeigten sich die Männer in engen Pantalons zu Frack und Weste noch figurbetont und gedämpft farbenfreudig, am Ende steckten sie in der Uniform des dunklen Anzugs. Industrialisierung und Gründerboom verlangten Effizienz statt eitler Selbstpräsentation. Mit den Worten des Ästhetikprofessors Friedrich Theodor Vischer aus dem Jahr 1879: ZITATOR Das männliche Kleid soll überhaupt nicht für sich schon etwas sagen, nur der Mann selbst, der darin steckt, mag durch seine Züge,…

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    Schwaben- und Hütekinder - Schwerstarbeit statt Schule Jun 26, 2025
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    Über 300 Jahre lang machen sich Scharen von Kindern im Frühjahr aus den Alpengebieten nach Oberschwaben auf, um sich dort als saisonale Arbeitskräfte zu verdingen. Sie sind zwischen sechs und 14 Jahren alt und leisten als so genannte Schwaben- oder Hütekinder Schwerstarbeit, statt zur Schule zu gehen. Das Phänomen des "Schwabengehens" endet erst Mitte des 20. Jahrhunderts. Autorin: Ulrike Beck (BR 2024)Credits Autorin dieser Folge: Ulrike BeckRegie: Frank HalbachEs sprachen: Rahel Comtesse, Christian Baumann, Julia FischerTechnik: Andreas LuckeRedaktion: Andrea Bräu Im Interview:Sabine Mücke, Historikerin, Leiterin des Museums Humpis Quartier in Ravensburg Dr. Tanja Kreutzer, Kunsthistorikerin, Leiterin des Bauernhaus Museums Wolfegg Literaturtipps: Regina Lampert, „Die Schwabengängerin - Erinnerungen einer jungen Magd aus dem Vorarlberg 1864-1874“. Ein anschaulicher und lebendiger Einblick in Regina Lamperts Leben und Alltag als Schwabenkind. Diese Memoiren hat Lampert 1929 im Alter von 75 Jahren in Heften für ihre Familie niedergeschrieben. Elmar Bereuter, „Die Geschichte des Kaspanaze - Die Schwabenkinder“. Der Roman erschien 2002 und diente Jo Baier als Vorlage für seinen Film „Schwabenkinder“. Eine sehr berührende und anschauliche Darstellung der Erfahrungen des Schwabenkindes Kaspar. Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSENSkurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks.DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks.EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Zitatorin (Lampert Die Schwabengängerin S. 66) Eines Tages sagte der Bauer etwa Ende Juli: “Die Gäns verlieren schon viel Federn, die müssen gerupft werden, bevor die Ernte angeht, denn dann hat man keine Zeit mehr, die Viecher zu rupfen. So zehn Stück solltest rupfen können im Tag.“ …Zuerst ging es nicht gut; an der ersten hatte ich fast ein halben Tag, bittere Tränen hab ich geweint dabei, bis ichs endlich gemerkt habe, wie das geht.“ Erzähler Das schreibt Regina Lampert in ihren autobiografischen Memoiren „Die Schwabengängerin - Erinnerungen einer jungen Magd aus Vorarlberg“. Erzählerin Sie ist zehn Jahre alt, als sie im Frühjahr 1864 zum ersten Mal aus ihrem Heimatdorf Schnifis aufbrechen muss, um bis zum Herbst auf einem Bauernhof in Berg am Bodensee zu arbeiten. MUSIK ENDE Erzähler Sie ist eine von zigtausenden so genannten Schwabenkindern, die sich über 300 Jahre lang in der Fremde verdingt haben. Aber sie ist die Einzige, deren Erlebnisse 1996 als Buch erscheinen, das eine Welle der Erinnerung auslöst. Erzählerin Und mit den Impuls gibt für grenzüberschreitende Projekte in Europa, für die sich Historiker und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein und Italien ab 2006 auf die Spuren der Schwabenkinder machen. Erzähler Im Bodenseekreis und im Landkreis Ravensburg durchforsten sie Dienstbotenverzeichnisse und werden fündig. Dort sind die Namen aufgelistet, genau wie das Alter, der Herkunftsort und der jeweilige Dienstherr. Erzählerin Zusammen mit den Informationen aus den Schulakten, sowie Zeitzeugenberichten, die die Nachfahren der ehemaligen Schwabenkinder und Archive beisteuern, setzt sich ein Puzzle zusammen, wie das Leben der bis dahin meist Unbekannten ausgesehen haben könnte. Erzähler Am Ende sind es 14.000 Biografien, die in die Schwabenkinderdatenbank aufgenommen und abgerufen werden können. MUSIK privat Take 001 „Gute Nacht“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 01:05 Erzähler Die Geschichte des Schwabengehens beginnt bereits Ende des 16., Anfang des 17.Jahrhunderts. Als die ersten Bergbauernkinder aus Vorarlberg, Tirol, Südtirol, der Schweiz und Liechtenstein sich nach Oberschwaben aufmachen – so nannte man damals die Gegend im südöstlichen Baden-Württemberg und im südwestlichen Bayern. Erzählerin Eine Gegend, die durch den Getreideanbau und auch den Getreideexport in die Schweiz und nach Österreich längst als Kornkammer im Alpenraum bekannt ist. Eine Gegend, in der auch Kinder als Arbeitskräfte an den großen Höfen gebraucht werden. Erzähler Die Historikerin Sabine Mücke leitet das Museum Humpis Quartier in Ravensburg und hat sich im Rahmen der EU-geförderten Projekte intensiv mit der Geschichte des besonderen Phänomens des Schwabengehens beschäftigt. MUSIK ENDE 1.O-Ton (Mücke Ausstellung Humpis Museum ab 5:46) Der Grund (…) dass sehr viele Menschen aus den Alpenregionen, vor allen Dingen Tirol, auch Graubünden bis hin nach Südtirol, Vorarlberg natürlich auch nach Oberschwaben kamen, war die Tatsache, dass es schon nach dem Dreißigjährigen Krieg ja hier ein Bevölkerungsvakuum gab. Die Bevölkerung war durch Kriegseinwirkungen, durch Seuchen, Pest und so weiter stark reduziert worden in einem ohnehin schon dünn besiedelten Gebiet. Hier gab es eben große Höfe, die einfach auch Arbeitskräfte benötigten. (…) Und deswegen war es eigentlich fast natürlich, dass es diese Arbeitsmigration gab. Das waren auch Erwachsene, die saisonal sich dann hier Arbeit gesucht haben und diesen Migrationsbewegungen folgten dann letztlich auch die Kinder. Erzähler Im Laufe der Jahrhunderte etabliert es sich, dass die Kinder allein geschickt werden und die Eltern daheim bleiben. Anfang bis Mitte des 19.Jahrhunderts erreichen die Kinderwanderungen ihren Höhepunkt. Erzählerin Laut Schätzungen sind es pro Jahr 5000 Buben und Mädchen, die aus dem nördlichen Alpenraum ins Schwabenland ziehen, um auf den Höfen als Hütejungen, Mägde oder Knechte zu arbeiten. Kinder, die zwischen sechs und 14 Jahre alt sind. 2.O-Ton (Mücke Ausstellung ab ca. 9:11) Man muss aber sagen, dass die Zahlen so hoch waren, weil das eine Zeit war, die durch Hungerkrisen also gerade 1816/ 17 und die folgenden Jahre auch hier durch hohe Auswanderung, also auch im Königreich Württemberg oder in Baden gab es viel Armut und Auswanderung nach Amerika, was aber gleichzeitig dann wieder Arbeitskräftemangel hier evoziert hat und so lag also dieser Höhepunkt dieser Wanderung dann in diesen Jahrzehnten. MUSIK privat Take 001 „Gute Nacht“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 00:55 Erzählerin Es ist die Armut, die ihre Eltern dazu bringt, eines oder mehrere ihrer zahlreichen Kinder in die Fremde zu schicken. Die die beschwerliche Wanderung aber nicht allein bewältigen müssen, sondern sich als Gruppe mit anderen Kindern aus dem Dorf aufmachen. Erzähler Sie sind nicht ganz ohne Schutz unterwegs, sondern immer in Begleitung eines Erwachsenen. Wie notwendig diese Begleitung ist, das geht aus der nachgestellten Erzählung des ehemaligen Schwabenkindes Katharina hervor. Die so im Bauernhaus-Museum Wolfegg zu hören ist. Katharina ist 11 Jahre alt, als sie sich 1836 von Graubünden aus auf den Weg macht: MUSIK ENDE 3.O-Ton [0:00:09] (Katharina) : Wie wir aufbrechen am frühen Morgen ist wie gsagt überall noch Schnee. Acht Kinder sind wir und die Frau, die uns begleitet. Der Vater sagt: die bringt euch ins Schwabenland und holt euch wieder ab im Herbst. Tut, was sie sagt. Der Weg ist steil von Samnaun hinunter ins Inntal. Wir laufen hintereinander, ich bin hinten und habe Mühe im Schnee. Vor mir ist mein Bruder und hinter mir noch die kleine Anna. Aber plötzlich, als ich zurückschaue, ist sie nicht mehr da. Die Anna schrie ich. Die Führerin hält sofort an, schaut, kommt zurück und geht eilig den Berg hinauf. Ich gehe mit, und wir finden sie. Anna hockt im Schnee. Sie ruft nach ihrer Mutter und weint. Und auch bei mir kommen die Tränen. Unsere Führerin kniet bei der Anna, hält sie fest, redet ihr leise zu und beide stehen auf. Sie führt sie an der Hand. Ich folge den beiden stumm. MUSIK privat Take 012 „Einsamkeit“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 00:20 Erzählerin Neben dem Heimweh und der Ungewissheit, was sie im Schwabenland erwartet, ist auch der Weg für die Jungen und Mädchen eine Tortur. Sabine Mücke: 4.O-Ton (Mücke Int. ab 1:07) Da die Kinder um Mitte März herum schon in Oberschwaben sein mussten, weil da beginnt einfach dann so das bäuerliche Arbeitsjahr mit Aussaatarbeiten, mussten sie sich eben dann auch auf den Weg machen. Und Mitte März lag eben in den Alpen in den höheren Regionen auf jeden Fall immer noch Schnee. Das heißt vor allen Dingen für die Kinder (1:31), die aus Südtirol, auch aus Tirol kamen, stand der Arlberg im Weg. (…) Und man muss sich eben vorstellen, wenn dann diese Kinder sich zu Fuß durch den noch meterhohen, schweren Schnee auf den Weg machen mussten (ab 02:09…) Also da gibt es wirklich auch beeindruckende Schilderungen, wie gefährlich und auch wie unheimlich und wie anstrengend das war. (…) Erzähler Die Kinder sind mit sehr wenig Proviant, zu dünner Kleidung und schlechtem Schuhwerk unterwegs.Mit dem Bau der Arlbergbahn 1884 wird der Weg zumindest für diejenigen aus Tirol deutlich unbeschwerter. 5.O-Ton (Mücke Int. ab ca. 4:00) Und dann sind auch die Kinder aus Südtirol, die ja sowieso auch noch erst einmal über den Reschenpass kommen mussten und dann hat man sich eben in Landeck in den Zug setzen können, konnte bis Bregenz mit dem Zug fahren. Und dann eben teilweise sind die Kinder dann mit dem Schiff nach Friedrichshafen oder eben zu Fuß weiter nach Oberschwaben oder auch ins oberschwäbische Allgäu. Erzähler Je jünger die Kinder sind, desto größer ist das Heimweh. Je älter sie sind, desto häufiger sind sie auch stolz, im Schwabenland ein paar Gulden für ihre Familie daheim dazu zu verdienen. Und sich hoffentlich satt essen zu können. 6.O-Ton (Mücke Int. ca. 6:00) Weil sie wussten auch zuhause wird das Essen eben knapp gerade am Ende vom Winter. Man muss, glaube ich immer sich vor Augen halten, dass sie nicht so viele Wahlmöglichkeiten hatten, nun das dann einfach mehr oder weniger so auf sich genommen haben. MUSIK privat Take 001 „Gute Nacht“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 00:25 Erzählerin Kaum in Friedrichshafen oder Lindau angekommen, geht es auf einen der Hütekindermärkte, die bis ins Zwanzigste Jahrhundert hinein regelmäßig um Josephi, also am 19.März stattfinden. Es ist der Ort, wo die Arbeitsstellen vergeben werden. Erzähler Kindergesindemärkte gibt es in Ravensburg, Friedrichshafen, Kempten und - je nach Bedarf auch in Wangen, Weingarten, Tettnang und Bad Waldsee. Die zentrale Anlaufstelle ist Mitte des 19.Jahrhunderts der in Ravensburg. MUSIK ENDE 7.O-Ton (Mücke Int. ab 9:51 Humpis Quartier) (9:51) Der Treffpunkt war in der unteren Bachstraße im Bereich des damaligen Gasthaus Krone (…) Und eben vor diesem Gasthaus war der Kindergesindemarkt, Hütekindermarkt, Schwabenkindermarkt. (weiter ab 10:18) Dort trafen sowohl die Kinder ein (…) 11:04 Und dann kamen (…) die Bauern, sprachen verschiedene Kinder oder auch deren Begleiter an, je nachdem, was sie halt suchten. Die einen suchten eine Gänsemagd wie das Regina Lampert ja auch schön erzählt oder vielleicht jemand, der in der Küche im Haushalt hilft. Erzählerin Andere suchen nach einem Knecht, der das Vieh hüten, sich um die Kühe kümmern und bei der Ernte mithelfen kann. Erzähler Die Bauern begutachten die Kinder, fragen wie alt sie sind und sobald die Wahl getroffen ist, geht es um den Lohn, den die Buben und Mädchen für ihre Arbeit bekommen sollen. Der meist höher ausfällt, wenn die Person die Verhandlungen übernimmt, die sie auf dem Weg begleitet hat: 8.O-Ton (Mücke Int. ab 12:01) Da gab es natürlich so übliche Bedingungen, wieviel Lohn für so einen Schwabenkind sein sollte. Von fünf bis zehn Gulden ist oft die Rede. Aber ganz wichtig war natürlich auch die Zusatzleistung wie das berühmte doppelte Häs, also ein doppeltes Gewand Kleidung mit Schuhen am besten noch und das eben in zweifacher Ausführung. Kost und Logis natürlich mit dabei. Manchmal wurde auch so was - sie hat am Sonntag frei noch mit verhandelt. Aber es gibt auch Aussagen von Kindern, die sagen, sie haben eigentlich gar keinen Geldlohn bekommen, sondern wirklich nur dieses Essen. Und wurden am Schluss in Naturalien ausbezahlt, also durch Kleidung. MUSIK privat Take 011 „Frühlingstraum“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 00:22 Erzählerin Um die Kinder vor der Willkür ihrer Dienstherren zu schützen, gründen Venerand Schöpf und Josef Anton Geiger 1891 den Tiroler Hütekinderverein. Schöpf ist damals Pfarrer und war als Kind selbst ein Schwabengänger. MUSIK ENDE Geiger ist Gemeindevorsteher aus Pettneu am Arlberg. Erzähler Sie erstellen nicht nur Muster-Dienstverträge und versuchen damit, einen gerechteren Lohn für die Kinder festzulegen. Sondern besuchen auch die jungen Mägde und Knechte während des Sommers auf den Höfen. Erzählerin Um nachzusehen, ob es den Kindern gut geht, wie die Kunsthistorikerin Tanja Kreutzer ausführt. Sie ist Leiterin des Bauernhaus-Museums in Wolfegg. 9.O-Ton (ab 1:44 Kreutzer Nachgestellte Stimmen - zum Verein) Es sind (…) Geistliche, die sich um das Wohl dieser Kinder sorgen und sagen: Nein, da muss man was tun. Und dann muss man reglementieren. Vor allem auch hier in Oberschwaben. Pfarrer, die sagen, sie fahren mit dem Fahrrad jeden einzelnen Hof auch ab. Deswegen ist auch hier das Fahrrad noch einmal ausgestellt. Um eben zu gucken: Wird dieser Vertrag auch eingehalten, der jetzt erstmals eben auch schriftlich fixiert wird? Und geht es den Kindern gut in ihrer jeweiligen Arbeitsstätte? Erzähler Der Hütekinderverein kümmert sich auch um die Bildung der Schwabenkinder. Denn auch wenn im Königreich Württemberg seit 1836 die Schulpflicht besteht, gilt sie bis 1921 nicht für ausländische Kinder. Erzählerin Bis dahin sind die Jungen und Mädchen in ihren Heimatregionen jedes Jahr für die Zeit des Schwabengehens von der Schulpflicht befreit. Ihnen bleiben damit nur die vier Wintermonate, in denen sie zu Hause sind, um ein bisschen Stoff nachzuholen. 10.O-Ton: (Kreutzer Int. ab ca. 12:00) Das ist natürlich auch etwas, dass diese Kinder prägt. Wobei es durch den Tirolerhüte Kinderverein die Bemühungen gab, dass man wenigstens den sonntäglichen Kirchgang und die anschließende Betschule auch für diese Kinder öffnete. Und dass die tatsächlich dann auch vom hiesigen Pfarrer in Oberschwaben eine Bestätigung brauchten, dass sie da teilgenommen haben, was sie dann wiederum in ihren Heimatorten abgeben mussten. MUSIK privat Take 010 „Rast“; Album: Die Winterreise; Label: CD BABY.COM/INDYS; Interpret: Yi-Tzu Pan & Hendrik Heilmann; Komponist: Franz Schubert; ZEIT: 00:30 Erzähler Die Kinder werden sehr unterschiedlich behandelt, wie aus den Quellen hervorgeht, die Tanja Kreutzer durchforstet hat. Je nachdem, ob sie auf einem reichen oder armen Bauernhof arbeiten. Dabei es kommt es sehr auf den Dienstherren an, für den sie arbeiten. MUSIK ENDE 11.O-Ton (Kreutzer Int. ab ca. 7:30) So unterschiedlich wie die Menschen sind, so unterschiedlich ist dann auch die Behandlung, die diese Kinder erfahren haben. Also zum Teil gibt es eben auch Berichte von Misshandlungen. Das wissen wir auch aus einigen Gerichtsakten oder amtlichen Zeugnissen, dass eben auch Anzeige erstattet wurde, weil ein Kind wieder nach Hause gehen musste, weil es so verhauen wurde und missh…

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    Kühltechnik - Wie künstliche Kälte unser Leben beeinflusst Jun 26, 2025
    Show notes

    Eis im Sommer, Kirschen im Winter und Tiefkühlkost, wann immer wir wollen: Die Gefriertruhe hat unseren Speisezettel revolutioniert - und Klima- und Kältetechnik unseren Alltag. Aber: wie funktioniert künstliche Kälte eigentlich? (BR 2018) Autorin: Inga Pflug

    Credits
    Autor/in dieser Folge: Inga Pflug
    Regie: Christiane Klenz
    Es sprachen: Xenia Tilling, Jerzy May, Rahel Comtesse
    Technik: Roland Böhm
    Redaktion: Nicole Ruchlak

    Interviewpartner/innen:
    Matthias Murko (langjähriger Mitarbeiter und Leiter Museum Industriekultur, Nürnberg);
    Thomas Röber (Deutsches Museum München, Kurator für Kraftmaschinen);
    Reinhard Hüßner (Kirchenburgmuseum Mönchsondheim, Museumsleiter);
    Günter Wolf (Kirchenburgmuseum Mönchsondheim, Museumsvorstand);
    Jonas Bollmann (Lehrstuhl für Technische Thermodynamik, Universität Erlangen-Nürnberg, wissenschaftlicher Mitarbeiter);
    Stefan Will (Universität Erlangen-Nürnberg, Leiter Lehrstuhl für Technische Thermodynamik)

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    Clausewitz reloaded - Die Philosophie und der Krieg Jun 25, 2025
    Show notes

    Was ist der Krieg? Und wieso tendiert er in der Moderne oft zur äußersten Gewalt? Antworten darauf gibt es bei einem Klassiker der Militärtheorie: Carl von Clausewitz. Ein Denker, der das Verhältnis von Krieg und Politik auslotet und dessen Theorie heute wieder erschreckend aktuell geworden ist. Von Jerzy Sobotta (BR 2024) CreditsAutor dieser Folge: Jerzy SobotaRegie: Kirsten BöttcherEs sprachen: Thomas Loibl, Hemma Michel, Florian SchwarzTechnik: Lorenz KerstenRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Prof. Herfried Münkler, Politikwissenschaftler, Berlin; Prof. Gunnar Hindrichs, Philosoph, BaselDiese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Frieden - Persönliche Sehnsucht - Politische UtopieFrieden ist ein großes Ideal, ein alter Menschheitstraum - und mehr als die Abwesenheit von Krieg. Er schafft die Konflikte nicht aus der Welt, sondern hegt sie ein. Und vielleicht bedeutet nicht einmal der innere Frieden die absolute Stille aller Wünsche. Was macht Frieden aus? (BR 2022) Von Beate Meierfrankenfeld JETZT ENTDECKEN Vergebung als Chance - Ein Prozess der inneren AussöhnungWenn Beziehungswunden nicht heilen, können sie unser ganzes Leben verdunkeln. Die Verwundungen des Lebens holen uns immer wieder ein. Ein Plädoyer für echte Vergebung. (BR 2015) Von Elke Worg JETZT ENTDECKEN Kriegsenkel - Das besondere Erbe dieser GenerationTransgenerationale Weitergabe nennen Psychologen das Phänomen der emotionalen Weitergabe von Kriegserlebnissen während des Zweiten Weltkriegs, von dem wohl rund ein Drittel der Kriegsenkel betroffen ist. (BR 2017) Von Daniela Remus JETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek.ZUM PODCAST Literaturtipps: Carl von Clausewitz, „Vom Kriege“: Das Hauptwerk des Kriegstheoretikers, erstmals 1832 posthum veröffentlicht. Auch als günstige und gekürzte Reclam-Ausgabe erhältlich. Dietmar Schlösser, „Carl von Clausewitz“: Eine kurze Einführung in sein Denken und Leben. Gibt einen guten Überblick zur Erstbeschäftigung. Gunnar Hindrichs, „Abseits des Krieges“: Ein nachdenklicher philosophischer Essay, der die aktuelle Rückkehr des Krieges aus dem Blick bedeutender Philosophen – u.a. Clausewitz – verstehen und historisch fassen will. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN: Es gibt Stunden, in denen die Geschichte plötzlich über das Leben der Menschen hereinbricht und alles verändert. Einer dieser Momente war die Nacht zum 24. Februar 2022. ATMO: Luftalarm-Kiew 01 OT: ARD-Nachrichtensprecher: Der russische Präsident Putin hat eine Militäroperation auf ukrainischem Gebiet angekündigt. Er habe die Entscheidung getroffen, sagte er in der Nacht in einer Fernseheransprache. 02 OT: Putin: … (russisch, 6 Sek. – Ohne OV) Overvoice männlich: Wir haben eine militärische Spezialoperation eingeleitet 03 OT: Wolodimir Selenskyj: Russland hat unser Land am frühen morgen brutal angegriffen, so wie es Nazi-Deutschland während des zweiten Weltkriegs tat. (OT ist overvoiced) SPRECHERIN Für die Ukraine hat Russlands militärischer Großangriff unermessliches menschliches Leid gebracht. Für Europa hat er eine Idee zerstört: Die Idee einer Europäischen Friedensordnung. Der Krieg ist zurück und er scheint die Welt in sich hineinzuziehen … Musik 2: The war rooms - 29 Sek SPRECHER Doch was ist Krieg? Wie bricht er aus? Und wieso führt er immer wieder in die äußerste Gewalt? Das sind Fragen, die sich auch Carl von Clausewitz gestellt hat: Der wohl wichtigste moderne Theoretiker des Krieges. Ein preußischer Offizier, der viele Kriege gesehen und sein ganzes Leben über sie nachgedacht hat. 04 OT Münkler: Intellektueller der das Wesen… „Also im Prinzip würde ich sagen: Clausewitz ist ein verkleideter Intellektueller, der versucht, ja im buchstäblichen Sinne das Wesen des Krieges – nicht seine Erscheinungen – sondern das Wesen des Krieges gedanklich zu erfassen.“ SPRECHER Das sagt der Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit Clausewitz. „Vom Kriege“ heißt das dicke Buch, in dem der Preuße posthum seine Gedanken über den Ursprung und die Natur des Krieges hinterlassen hat. Ein fast 200 Jahre alter Wälzer, den man heute wieder lesen muss, sagt Herfried Münkler. 05 OT Münkler: Clausewitz als politische Erkundungsfahrt „Ein intellektuelles Abenteuer ist er in Zeiten, in denen allgemein Frieden herrscht. Eine politische Erkundungsfahrt ist es hingegen in Zeiten, in denen wir das Gefühl haben, der Krieg drängt von vielen Seiten auf uns herein. Und wir kommen nicht weiter, wenn wir sagen: Und du bleibst draußen.“ Musik 3: The war rooms – siehe oben – 58 Sek 06 OT Münkler: Gefährliche Welt mit Gedanken durchdringen „Also Clausewitz gibt uns Kategorien in die Hand, mit denen wir auch in eine bedrohliche und gefährliche Welt hineinschauen können. Und sie überwältigt uns nicht, sondern wir durchdringen sie mit der Kraft des Gedankens.“ ATMO: Luftalarm: Ukraine 07 OT Von der Leyen: It is president Putin who is bringing war back to Europe. 08 OT Baerbock: Wir sind heute in einer anderen Welt aufgewacht. 09 OT Steinmeier: Ja dies ist eine Zäsur, eine tiefe Zäsur und wir spüren das bis ins Mark. Sie, Ihre Familien und auch ich selbst. SPRECHERIN Der Krieg als Zäsur. Er hat in ganz Europa den Glauben erschüttert, dass mit dem Fortschritt der Frieden kommt. Plötzlich ist sie zurück, die Angst vor einem Zustand der nackten Gewalt. Wie umgehen mit ihr? Was offenbart der Krieg über unsere Gesellschaft? (Musik aus) Um einige Antworten zu bekommen, können wir zurückgehen, zum Ursprung des modernen Krieges: Zurück in die Zeit von Carl von Clausewitz. MUSIK 4 – Old and new – 59 Sek SPRECHER Auch er erlebt eine Welt im Aufruhr: Geboren 1780, zu Beginn der Französischen Revolution ist er 9 Jahre alt. Mit zwölf tritt Clausewitz in die preußische Armee ein, um Offizier zu werden. In diesem Jahr beginnt der Revolutionskrieg Frankreichs gegen die europäischen Königtümer – und mit ihm ein über zwei Jahrzehnte andauernder Europäischer Großkrieg um die Zukunft des Kontinents. SPRECHERIN Clausewitz sieht diesen Krieg schon mit Dreizehn in den Schützengräben von Mainz. Er sieht ihn als junger Offizier in der großen Schlacht vor Jena und Auerstedt, als Preußen verheerend geschlagen wird. Und er sieht ihn 1812, als er im Dienste Russlands gegen Napoleon kämpft. Er sieht, wie dessen 600.000 Mann starke Armee im russischen Winter von Hunger, Frost und Kanonen aufgerieben wird. SPRECHER Über zwanzig Jahre Krieg und die Umwälzung der politischen Ordnung in ganz Europa. Etwas an diesem Krieg hat sich fundamental verändert: Was genau es ist, darauf sucht Clausewitz sein Leben lang nach einer Antwort. Es hat etwas mit der Natur des Krieges in der Moderne zu tun. SPRECHERIN Auf dem Schlachtfeld beobachtet er bei den französischen Soldaten eine noch nie dagewesene Energie und Kampfbereitschaft. Es ist die Hingabe für die Sache der Revolution, die sie von einem Sieg zum nächsten eilen lässt. Musik 5: Lashed tot he Mast – 13 Sek ZITATOR CLAUSEWITZ Der Krieg war urplötzlich wieder eine Sache des Volkes geworden, und zwar eines Volkes von 30 Millionen, die sich alle als Staatsbürger betrachteten. SPRECHERIN Im Kampf ums Überleben erlässt die junge Republik 1793 eine Wehrpflicht – die Levée en masse. Es ist die erste Wehrpflicht in Europa, die hunderttausende begeisterte junge Männer zu Soldaten macht. Statt Diplomatie und den Kabinettstischen der Monarchen, ist es nun Propaganda für Millionen, die über Sieg und Niederlage entscheidet: Im entfesselten Krieg der politischen Ideologien kämpfen ganze politische Systeme ums Überleben, um Sein oder Nichtsein. SPRECHER Diese Erfahrungen lassen Clausewitz völlig neu über den Krieg nachdenken. Dabei leitet ihn eine wichtige Einsicht, sagt Herfried Münkler: 10 OT Münkler: Nicht Waffen sondern Ideen entscheiden Kriege Nicht waffentechnische Innovation, nicht technologische Neuerungen sind entscheidend dafür, dass eine Seite überlegen und die andere Seite unterlegen. Sondern der politische Wille: Die Opferbereitschaft und Leidensbereitschaft einer Bevölkerung und letzten Endes die politischen Konstellationen, die Durchhaltefähigkeit, die Opferbereitschaft entscheidet einen Krieg. Das ist schon ein gewichtiger Punkt, den er damals gesehen hat und der im weiteren Sinne bis heute Gültigkeit hat. Musik 6: Penny taken to the hospital – 1 Min. 11 OT Selenskyj: Mut der Ukrainer Overvoice männlich Die Ukrainer und ihr Mut haben die ganze Welt beseelt. Sie haben der Menschheit eine neue Hoffnung gegeben: Dass die Gerechtigkeit unsere zynische Welt nicht endgültig verlassen hat. Dass nicht die Gewalt siegt, sondern die Wahrheit, nicht das Geld, sondern die Werte, nicht Öl, sondern Menschen. SPRECHER Den Kampf um die Emotionen seines Volkes und die seiner Verbündeten, hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj schon in den ersten Wochen des Krieges gewonnen. Ein wichtiger Sieg. Denn wenn Emotionen und Ideen das ganze Volk ergreifen, dann wirken sie wie „blinder Naturtrieb“ – schreibt Clausewitz. Sie setzen die Energie des Kampfes frei – und die Energie der Gewalt. Für ihn eine durch und durch ambivalente Größe: Unverzichtbar im Krieg aber mitunter auch unkontrollierbar und unsteuerbar, mit einem Hang zum Anarchischen. MUSIK aus SPRECHERIN: Doch es ist nicht nur politische Propaganda, die in der Moderne ganze Nationen in einen Strudel der Gewalt hineinreißt. Es ist die Logik des Krieges selbst. Clausewitz versucht diese Dynamik der Enthemmung bereits in seiner Definition des Krieges zu erfassen. Dafür entwirft er folgendes Bild: Man stelle sich zwei Ringende vor, die sich im Zweikampf befinden. ZITATOR CLAUSEWITZ Jeder sucht den anderen durch physische Gewalt zur Erfüllung seines Willens zu zwingen; sein nächster Zweck ist, den Gegner niederzuwerfen und dadurch zu jedem ferneren Widerstand unfähig zu machen. Der Krieg ist also ein Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen. SPRECHERIN Diese Definition ist das Herzstück der Theorie des Krieges von Clausewitz: Im Krieg geht es darum, dem Gegner seinen Willen aufzuzwingen – mit nackter Gewalt. Weiter heißt es: ZITATOR CLAUSEWITZ Die physische Gewalt (..), ist also das Mittel, dem Feinde unseren Willen aufzudringen, der Zweck. Um diesen Zweck sicher zu erreichen, müssen wir den Feind wehrlos machen, und dies ist dem Begriff nach das eigentliche Ziel der kriegerischen Handlung. ATMO: Explosionen von Bomben + Musik 7: Escape from the train – 48 Sek SPRECHERIN Vom Krieg erfasst, kann sich keiner der Gegner mehr aus ihm herausziehen – ohne den anderen zu unterwerfen. Hieraus ergibt sich eine eigentümliche Tendenz zur Eskalation der Gewalt, zur Verlängerung des Blutvergießens. ATMO: Explosionen, Düsenflieger ZITATOR CLAUSEWITZ Der Krieg ist ein Akt der Gewalt, und es gibt in der Anwendung derselben keine Grenzen; so gibt jeder dem anderen das Gesetz, es entsteht eine Wechselwirkung, die dem Begriff nach zum äußersten führen muss. ATMO: Bomben SPRECHERIN Es ist die berühmte Gewaltspirale: Das Wettrüsten, das schnelle Auflodern von bewaffneten Konflikten. Einmal in Gang gesetzt – ist sie nur noch schwer zu stoppen. (Musik aus) Clausewitz findet drei eskalierende Faktoren, die diese verhängnisvolle Wechselwirkung antreiben: SPRECHER Erstens: Wer mehr Gewalt anwendet, der ist im Vorteil – das gilt für beide. Zweitens: Man muss den Gegner wehrlos machen und ihn dauerhaft schwächen. Andernfalls schlägt er zurück. Damit zwingen sich beide gegenseitig aufs Ganze zu gehen. Das Maß der Enthemmung bestimmen nicht sie selbst, sondern jeweils der Gegner. Und Drittens: Die Feinde schätzen die Widerstandskraft des anderen ab. Und jeder will sie übertreffen. SPRECHERIN Diese Logik der Gewalteskalation kann bis zur völligen Vernichtung der Gegenseite führen. Clausewitz nennt das den „absoluten Krieg.“ 12 OT Münkler: absoluter Krieg Er führt den Begriff des ‚absoluten Krieges‘ ein, um die zumindest zunächst mal Denkmöglichkeit einer Steigerung bis zum Äußersten einzuführen. Und dann hinzuzufügen: Dass das auch Wirklichkeit wird – oder in die Wirklichkeit hereinspielt, davon müssen wir ausgehen. SPRECHERIN Erläutert der Politikwissenschaftler Herfried Münkler. Aus Clausewitz Begriff heraus kennt der Krieg also keine Mäßigung. Doch der „absolute Krieg“ beschreibt mehr die logische Tendenz des Krieges – die Richtung, die er seinem Begriff nach nimmt. Tritt der Krieg aber in die Wirklichkeit, so wird er sogleich ausgebremst und abgeschwächt. Denn dort wirken drei moderierende Tendenzen: SPRECHER Erstens: Feinde kennen und beobachten sich. Sie wissen um die Schwächen und Ressourcen des Gegners und können abschätzen, wie weit er gehen kann. Das mäßigt auch die Gegenseite. Zweitens: An die Stelle der Furcht vor einem Totalangriff tritt die Wahrscheinlichkeitsrechnung, was der Gegner wo und wie einsetzen wird. Und Drittens: Eskalationen können unterlassen werden, als politisches Zeichen an die Gegenseite, dass man nicht aufs Äußerste geht. MUSIK 8: Old and New – siehe oben – 41 Sek SPRECHER Trotz aller mäßigenden Tendenzen der Wirklichkeit – der fast zwanzigjährige Krieg Frankreichs gegen den Rest Europas ist für Clausewitz besonders: Hier hat sich der wirkliche Krieg dem absoluten Krieg in beunruhigender Weise angenähert. Es ist ein Krieg aufs Äußerste, in dem sich bereits düster das Millionensterben der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts ankündigt. In ihnen trifft die politische Massenmobilisierung dann auf industrielle Massenproduktion: Hinterlader, Maschinengewehre, Giftgas, Panzer, Bomber … und letztlich die Atombombe. SPRECHERIN Clausewitz hat diese verhängnisvolle Dialektik des Fortschritts bereits mitgedacht. Er schreibt: ZITATOR CLAUSEWITZ Da der Gebrauch der physischen Gewalt in ihrem ganzen Umfange die Mitwirkung der Intelligenz auf keine Weise ausschließt, so muß der, welcher sich dieser Gewalt rücksichtslos, ohne Schonung des Blutes bedient, ein Übergewicht bekommen, wenn der Gegner es nicht tut. SPRECHERIN Der Fortschritt der Intelligenz und der Gebrauch der Gewalt stehen also nicht im Widerspruch zueinander. Das ist auch ein Urteil über die Aufklärung. Für Clausewitz wäre es falsch zu denken, dass der Prozess der Zivilisierung zu einer Abmilderung der Gewalt führt. Das nennt er sogar den „Irrtum der Gutmütigkeit“. Der Fortschritt geht vielmehr mit einer immer raffinierteren Entwicklung der Waffen einher. Damit setzt Clausewitz sich ab vom Philosophen Immanuel Kant, dessen eifriger Leser er ist. Gunnar Hindrichs, Philosophie-Professor an der Universität Basel, erläutert: 13 OT Hindrichs: Kant und der Friede Die Kantische Geschichtsphilosophie ist unter der Idee des Friedens gefasst. Friede als letzter Gesichtspunkt, unter dem menschliche Geschichte begriffen werden kann - auf den hinzulaufend menschliche Geschichte gedeutet werden muss. Und das bedeutet für Kant die zunehmende Verrechtlichung menschlicher Verhältnisse. SPRECHERIN Über das Recht und den Frieden macht Clausewitz sich nur wenig Gedanken. Für den Theoretiker des Krieges wäre Frieden vermutlich nur eine zeitweise und brüchige Abwesenheit von Krieg. Krieg ist für ihn vielmehr ein menschliches Faktum, das es zu verstehen und zu meistern gilt. 14 HINDR Clausewitz kennt keinen Frieden Und da könnte man sagen, dass Clausewitz diese Art von Versöhnung in der starken Emphase nicht kennt. SPRECHERIN Zwar ist C…

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    Das Automobil - Die ersten 50 Jahre Jun 25, 2025
    Show notes

    Das Auto - vielgeliebt und vielgehasst. Was für die einen die absolute Freiheit bedeutet, ist für andere nur ein lärmender Klimakiller. Doch es dauerte lange, bis das Auto zum Massenvehikel wurde. Auf dem Weg dahin wurden auch einige Möglichkeiten ausgelassen - z.B. der Antrieb durch Elektromotor. Von Markus Mähner (BR 2021)

    Credits
    Autor dieser Folge: Markus Mähner
    Regie: Martin Trauner
    Es sprachen: Julia Fischer, Peter Weiß
    Technik: Ruth-Maria Ostermann
    Redaktion: Thomas Morawetz

    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

    Interviewpartner:
    Prof. Kurt Möser, KIT Karlsruhe

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    Linktipps:

    Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir:
    ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN
    Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks.
    DAS KALENDERBLATT
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    Ein Freistaat unter Strom - Bayerns Hunger nach Energie Jun 24, 2025
    Show notes

    Als Bayern sich zum Industriestaat entwickelte, wurde sein Hunger nach Energie immer größer. Vor allem auch der Hunger nach elektrischem Strom. Dabei gilt für Bayern, ein Land mit wenig Rohstoffen und ohne Meereszugang, schon lange: Der Zugang zu bezahlbaren Energieträgern ist ein Dauerthema. Von Lorenz Storch (BR 2024) Credits Autor dieser Folge: Lorenz StorchRegie: Martin TraunerEs sprach: Julia FischerRedaktion: Thomas Morawetz Im Interview:Prof. em. Dirk Götschmann (Uni Würzburg) Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:Die Welt in unter 30 Minuten besser verstehen? Das geht nicht? Doch, das zeigt der tagesschau Podcast 11KM JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN: 9. September 1957. Bayern an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter. Euphorie im frisch gebauten „Atomei“ von Garching bei München. Viele Politiker sind da, und alle haben sie ein Strahlen im Gesicht, sie drängen sich um den Ort des Geschehens. Professor Heinz Maier-Leibnitz, Chef des neuen Atomforschungszentrums, geleitet die Ehrengäste zum Höhepunkt. ZUSP. 1 (vorne Atmo) „Also das ist jetzt ein Original-Element. Vielleicht können wir das Element nochmal hochhalten und das dann als eröffnet betrachten, wenn es Ihnen recht ist. Herr Ministerpräsident, wenn Sie es selber in die Hand nehmen wollen? Das ist unschädlich!“ (hinten Atmo, Gelächter, Ah, Oh) SPRECHERIN: Ein Mann im eleganten hellgrauen Anzug reckt mit einer Hand ein Bündel empor, das aussieht wie ein verschnürter Sack voll Zeltstangen. (ATMO Applaus aus Cartwall) SPRECHERIN: Euphorie, Siegerpose. Das Bündel enthält einen von 39 angereicherten Uran-Brennstäben – vor Kurzem eingetroffen aus den USA! Zwei Wochen lang waren sie mangels anderer Möglichkeiten im Tresor der Bayerischen Staatsbank zwischengelagert, aber nun ist das Uran ja angekommen in Garching. Und der dynamische Herr, der das Brennelement per Taschenmesser aus seiner Transportkiste geholt hat (ein Schraubenzieher war grade nicht zur Hand) - das ist der bayerische Ministerpräsident. Wilhelm Högner. Der einzige Sozialdemokrat, der jemals an der Spitze des Freistaats stand, macht Bayern zum Atomstaat. ZUSP. 2 „Im Namen der Obersten Baubehörde im Bayerischen Staatsministerium des Inneren heiße ich Sie im ersten Atommeiler Deutschlands herzlich willkommen.“ SPRECHERIN: Unter tätiger Mithilfe des Bundesministers für Atomfragen, Franz-Josef Strauß von der CSU. Der Atomminister, knapp über 40 Jahre alt, von Journalisten als „jugendlich-aggressiv“ beschrieben, sieht sich als Zukunftsminister. Auf die Frage, welche Schutzmaßnahmen für die Zivilbevölkerung nötig sein werden, wenn jetzt auch Bayern einen Atomreaktor hat, sagt Strauß: ZUSP. 3 „Es handelt sich um reine Forschungsreaktoren von geringer Kraft- und Wärmeleistung. Im Falle München von 1000 Kilowatt Leistung. Außerdem sind bereits mehrere Exemplare dieses Typs in den USA und anderen Staaten aufgestellt worden. Dieser Reaktor weist bereits hunderttausende von Betriebsstunden auf, ohne dass der geringste Unfall bisher passiert ist.“ SPRECHERIN: Die 1950er Jahre waren auch und gerade in Bayern eine Zeit ungeheurer Atomeuphorie. Man erhoffte sich von der Kernkraft billige Energie im Überfluss. Heimischer Kernbrennstoff sollte aus Uranbergwerken im Fichtelgebirge gewonnen werden. Was nie klappte, weil der Abbau dort sich als zu teuer erwies. Das vom Ministerpräsidenten begeistert gefeierte erste Paket mit Brennelementen musste 1958 in die USA zurückgeschickt werden, weil sich Fertigungsmängel zeigten. Und auch sonst kollidierten die hoch gesteckten Erwartungen an die Kernkraft alsbald mit der Realität, erzählt Historiker Dirk Götschmann, der eine Wirtschaftsgeschichte Bayerns geschrieben hat. ZUSP. 4 „Erwies sich dann natürlich doch alles als schwieriger, als man zunächst erhofft hatte. Das war natürlich langwieriger. Der Unterschied zwischen einem Forschungsreaktor und einem Reaktor zur Gewinnung von Energie. Der ist natürlich schon enorm. Und tatsächlich war es ja so, dass der Atomstrom über Jahrzehnte nicht konkurrenzfähig war. Wenn man also die ganzen Kosten mit einberechnet hat, die also der Bau und der Betrieb eines Atomkraftwerkes erforderte. Trotzdem hat man gemeint, dass das eben die Energiequelle der Zukunft sein wird, und man hat also daran festgehalten und hat das weiterentwickelt.“ SPRECHERIN: Einen substanziellen Beitrag zur Stromgewinnung in Bayern leistete die Kernkraft erst ab Ende der 1970er Jahre. Auf dem Höhepunkt, ab den 1990er Jahren, lieferte die Kernkraft dann allerdings zwei Drittel des bayerischen Stroms. Mit fünf Reaktoren an den Standorten Grafenrheinfeld bei Schweinfurt, Isar bei Landshut und Gundremmingen im Landkreis Günzburg. (MUSIK) SPRECHERIN: Angefangen hat die Geschichte der Elektrifizierung Bayerns jedoch mit einer anderen Energiequelle. Der Wasserkraft. Das Walchenseekraftwerk war der Ursprung des flächendeckend zusammenhängenden Stromnetzes in Bayern. ZUSP. 5 (Sprecher Fernsehbeitrag 1960er Jahre) „Oskar von Miller, Bayerns großer Ingenieur. Ihm ist nicht nur das Deutsche Museum zu verdanken. Er wurde 1918 von der Regierung zum ehrenamtlichen Staatskommissar für den Bau des Walchenseewerks und des Bayernwerks ernannt und hat mit seinem Stab tüchtiger Männer diese vielbestaunte Pioniertat vollbracht. Das Wasser des Walchensees wird durch einen Stollen im Berg in ein Becken, das Wasserschloss am jenseitigen Hang, geführt. Durch riesige Druckrohre schießt das Wasser zu Tal. Die Energie des Walchenseewerkes speist über die große Stromschiene der Bayernringleitung das deutsche Verbundnetz. Damals 1918/19/20 war man in Bayern skeptisch. Was wollte Miller mit diesem Überfluss an elektrischer Energie?“ SPRECHERIN: Das Walchenseekraftwerk liefert seinen Strom bis heute teilweise in das Netz der Deutschen Bahn. Und bereits der Bau des Kraftwerks damals war eng verknüpft mit dem Plan zur Elektrifizierung der Eisenbahn in Bayern. Ähnlich wie in der nahen Schweiz wurde diskutiert, möglichst das gesamte bayerische Schienennetz elektrisch zu betreiben. Allerdings erhoben die bayerischen Generäle Einspruch: Was, wenn im Kriegsfall der Strom ausfällt? Wie sollten dann Truppen transportiert werden? Noch gewichtiger war aber ein zweiter Einwand, so Wirtschaftshistoriker Dirk Götschmann: ZUSP. 6 „Dass eben die bayerischen Lokomotivhersteller zu diesem Zeitpunkt noch nicht so ganz fit waren, was die Produktion von elektrischen Lokomotiven anbelangte und man eigentlich, wie soll ich sagen, diesen Zukunftsmarkt nicht irgendwelchen auswärtigen preußischen Herstellern überlassen wollte, Und dann hat Krauss-Maffei eben zu diesem Zeitpunkt eine besonders effektive Dampflokomotive entwickelt, die damals wirklich konkurrenzlos gut war, sparsam im Gebrauch und schnell, sodass man also gesagt hat: Wenn wir jetzt eine solche Super-Dampflokomotive haben, wozu brauchen wir dann eine elektrische Bahn: Das geht doch so auch.“ SPRECHERIN: Und so fehlt dank der damaligen Rücksicht auf die bayerische Dampflokindustrie bis heute an der Hälfte der Bahnstrecken im Freistaat die Oberleitung. Während das Bahnnetz der Schweiz zu 100 Prozent elektrifiziert ist. (MUSIK) SPRECHERIN: Statt mit elektrischem Strom fuhren die meisten Loks in Bayern also weiter mit Kohle. Aber auch in der Stromproduktion kam Bayern – trotz der Wasserkraft – nicht ohne Kohle aus. Schon bei den ersten Anfängen im 19. Jahrhundert, als noch kein Verbundnetz für Strom existierte, lieferten Dampfmaschinen die Elektrizität überall dort, wo Wasserkraft nicht zur Verfügung stand. Später mussten die Kohlekraftwerke vor allem im Winter einspringen, wenn in den Flüssen weniger Wasser fließt. Und auch sonst lieferten die Kohlekraftwerke regelmäßig, vor allem zu Spitzenzeiten des Verbrauchs. Und mit der Zeit immer häufiger, denn der Stromverbrauch in Bayern stieg. Was vor allem mit dem Aufstieg der bayerischen Industrie zu tun hatte. ZUSP. 7 „Damals war der Motor der wirtschaftlichen Entwicklung eben alles, was mit Elektroindustrie zu tun hatte. Nicht nur die Elektroindustrie selbst, die Maschinen und derartiges hergestellt hat, sondern auch die Industrie, die also in starkem Umfange Strom benötigt hat, zur Produktion ihrer eigenen Güter, dazu dann elektrische Maschinen und so weiter im Einsatz hat. Und es waren sehr viele Maschinen. Also alle Bohrmaschinen, Drehbänke, Fräsmaschinen und so weiter wurde ja dann schon elektrisch betrieben.“ SPRECHERIN: Schwerindustrie wie Stahlhütten, die in großem Maße Kohle verbraucht, spielte in Bayern stets eine geringere Rolle. Weil die großen Kohlereviere Westdeutschlands zu weit entfernt waren. Zwar konnte die Kohle von dort mit der Eisenbahn nach Bayern transportiert werden. Was der bayerischen Staatsbahn auch schöne Einnahmen brachte. Aber dadurch wurde der Brennstoff teuer. Was zu einer Chance für Bayerns heimische Kohle wurde. Die Pechkohle im Alpenvorland war von schlechter Qualität, für Hüttenwerke nicht geeignet. Und kam in dünnen Flözen vor, eher schwierig abzubauen. Trotzdem gab es für einige Jahrzehnte eine Marktlücke für diese oberbayerische Kohle. Für die Kriegswirtschaft im Zweiten Weltkrieg spielte sie eine große Rolle, auch noch in der unmittelbaren Nachkriegszeit. Dann ging es aber schnell bergab. ZUSP. 8 (Sprecher TV-Beitrag) „Die Arbeit des Bergmannes war ein Fundament wirtschaftlicher Macht. Leistung und Tradition schufen den Bergleuten eine Stellung, die erst vor einem Jahrzehnt ins Wanken geriet. Seit 1958 steckt der deutsche Bergbau in einer Krise. Auch der oberbayerische Pechkohlenbergbau war davon betroffen. In den vier Zechen Marienstein, Penzberg, Hausham und Peißenberg waren die Schwierigkeiten noch größer, weil dort ohnehin unter ungünstigeren Verhältnissen abgebaut werden musste, als bei der Konkurrenz an Saar und Ruhr.“ SPRECHERIN: 1971 schloss das letzte bayerische Bergwerk, wo unter Tage Kohle abgebaut wurde, in Peißenberg. In der Oberpfalz dagegen, wo Braunkohle im Tagebau gefördert werden konnte, war sie konkurrenzfähig. Hier erreicht die Kohleförderung mit großen Schaufelradbaggern erst in den 1970er Jahren ihren Höhepunkt. ZUSP. 9 (TV-Sprecher) „Schließlich entfalten die Braunkohlenfelder, die sich vor allem im Schwandorfer Gebiet befinden und rund hundert Millionen Tonnen umfassen, einen wichtigen Rohstoff. Hier hat vor kurzem die BBI, die bayrische Braunkohlenindustrie AG, ein großes neues Abbaugebiet in Rauberweiher erschlossen. Das ist eine zwar nicht sehr leistungsstarke, aber billige Kohle, die das nahegelegene Dampfkraftwerk Dachelhofen bei Schwandorf speist. Dieses Kraftwerk ist für die Stromversorgung Bayerns von großer Bedeutung.“ SPRECHERIN: 1981 ist das Kohlevorkommen bei Schwandorf jedoch erschöpft. Danach werden die Gruben geflutet – sie bilden heute das Oberpfälzer Seenland. (MUSIK) SPRECHERIN Aber die Tage der Kohle als Haupt-Energieträger waren da ohnehin längst vorbei. Nach dem Zweiten Weltkrieg brach die Zeit des Öls an. Im Autotank, als Treibstoff für die Massen-Motorisierung. Als Heizöl in den Kellern der Häuser. Aber auch zur Herstellung von Strom: Vor den Ölkrisen war Erdöl billig, deshalb wurden damals Heizöl-Kraftwerke gebaut. Unter anderem an der Donau, in Irsching bei Ingolstadt und Pleinting bei Vilshofen. Und weil man diesen neuen Energieträger per Pipeline transportieren konnte, sah Wirtschaftsminister Otto Schedel von der CSU eine neue Chance für das energie-arme Bayern. Eine Pipeline vom Mittelmeerhafen Triest nach Ingolstadt an der Donau! ZUSP. 10 „Ich wollte die günstige Lage des Landes zu den Ländern, in denen Öl gefördert wird, ausnutzen. Was ich damit meine, zeigt ein Blick auf die Karte, wenn die Pipeline, die in drei Ländern im Bau sich befindet, Ingolstadt-Triest, fertig ist und der Seeweg noch kürzer wird. Wir sparen 4500 Kilometer, haben nur noch die Hälfte der Transportwege. Das bedeutet billiges Öl und billige Energie in Bayern. Das bedeutet Überwindung der Revierferne.“ SPRECHERIN: Rund um Ingolstadt entstehen durch den Bau der neuen Pipeline fünf Raffinerien. Damit ist Regensburg ausgebootet, das mit seinem Donauhafen bis dahin das Zentrum der bayerischen Ölindustrie gewesen war. Nach den Ölkrisen der 1970er Jahre wird das Erdöl allerdings deutlich teurer. Eine weitere Raffinerie, die Texaco im Raum Ingolstadt plante, wird deshalb nie gebaut. Heute sind von den ursprünglich sechs bayerischen Raffinerien noch vier in Betrieb. (MUSIK) SPRECHERIN: Und auch das Öl bekommt neue Konkurrenz: Durch Erdgas. Erst aus eigener Produktion im bayerischen Alpenvorland. Dann aber folgt schnell importiertes Erdgas. Bayerische Politiker waren führend beteiligt daran, die so genannten Erdgas-Röhren-Geschäfte mit der Sowjetunion anzubahnen. Und 1973 ist es dann so weit. ZUSP. 11 (TV-Sprecher) „Für die Energieversorgung der Zukunft fressen sich also die kostspieligen Rohrleitungen durch die idyllische Landschaft der Oberpfalz wie hier bei Nabburg. Die Bewältigung der umfangreichen Schweißarbeiten liegt dabei fest in indischer Hand. Die billigeren, angelangten Kräfte aus Fernost mit einem Sonder-Gastarbeiterstatus ersetzen die deutschen Fach-Schweißer, für die Spitzenlöhne bis zu 6000 Mark gezahlt werden müssten. Trotz solcher Sparmaßnahmen belaufen sich die Kosten pro laufendem Meter Erdgasleitung aus druckfestem und gleichzeitig schweißfreundlichem Spezialstahl auf 1500 Mark. Der Kilometer kommt also auf 1,5 Millionen ohne Planungs- und Rechteerwerbskosten für den Grund und Boden. SPRECHERIN: Schon damals ist der Bau neuer Energie-Infrastruktur ein Eingriff in die Landschaft. Schon damals auch sehr teuer. Und: Schon damals subventioniert der Staat den Bau der neuen Leitungen für Erdgas. Es gibt Werbekampagnen, um die Bevölkerung davon zu überzeugen, ihre Heizung und ihre Herde auf Erdgas umzustellen. Mit Erfolg – wie dieses Interview mit einem Vertreter der Münchner Stadtwerke zeigt: ZUSP. 12 „Herr Stahlknecht, wie notwendig ist für die städtische Energieversorgung die Umstellung von Stadtgas auf Erdgas?“ – „Die Nachfrage nach dem Energieträger Erdgas steigt laufend. Wir haben derzeit in München Steigerungswerte von 20 Prozent. In exakten Zahlen haben wir im Jahr 1972 2,7 Milliarden Kubikmeter Gas abgegeben. Diese riesigen Mengen an Gas können nicht mehr durch Stadtgas, das man früher aus Kohle gewonnen hat, gedeckt werden.“ SPRECHERIN: Auch in den Städten müssen die Leitungen – und auch die Gas-Herde - umgebaut werden, weil das Erdgas einen anderen Heizwert hat und einen anderen Betriebsdruck als das Stadtgas, das zuvor jeweils vor Ort aus Kohle hergestellt worden war. Teilweise gibt es Zuschüsse, um die Umstellung den Kundinnen und Kunden schmackhaft zu machen. Über die Abhängigkeit von der Sowjetunion, die Deutschland durch die Erdgasgeschäfte eingeht, wird damals durchaus diskutiert. Aber Wirtschaftsvertreter beschwichtigen. Im BR-Fernsehen 1973 ein Herr Dehner: ZUSP. 13 „Von dem gesamten Erdgas-Aufkommen der Bundesrepublik wird das sowjetische Erdgas nach gegenwärtigem Sachstand vielleicht 15 Prozent ausmachen. Sie sehen also, dass ein Abschalten des russischen Gases aus politischen Gründen oder auch aus technischen Gründen vielleicht zu örtlichen Störungen führen würde. Einen Zusammenbruch unserer Energieversorgung aber würde es jedenfalls nicht riskieren.“ SPRECHERIN: 2021, vor dem Überfall Russlands auf die Ukraine, lag der russische Anteil an den deutschen Erdgasimporten dann allerdings bei vollen 65 Prozent. ZUSP. 14 „Eine sehr viel genutzte Energiequelle. Und die war tatsächlich auch unschlagbar billig. Das muss man eindeutig sagen. Es hat also zu dem industriellen Aufschwung, der sich dann in Bayern fortgesetzt hat, in den letzten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts, hat diese billige Energie durchaus einen Beitrag geliefert. Das kann…

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    Wer bin ich, woher komme ich? Die Sehnsucht nach Herkunft Jun 24, 2025
    Show notes

    Manche Menschen leiden, weil sie adoptiert oder in einer Babyklappe abgelegt wurden, das Produkt einer Samenspende sind oder die Vorfahren ermordet wurden. Warum ist das so schwierig für sie - selbst wenn sie von wohlwollenden, zugewandten Menschen großgezogen wurden? (BR 2020)

    Credits
    Autorin dieser Folge: Ariane Stolterfoht
    Regie: Rainer Schaller
    Es sprachen: Christian Jungwirth, Katja Schild, Jennifer Güzel
    Technik: Daniela Röder
    Redaktion: Bernhard Kastner

    Im Interview:
    Stefan Müller (Alias, Name der Redaktion bekannt), vaterloser Mann
    Verena Gräfin von Plettenberg, Krisenpädagogin und Sterbebegleiterin
    Irmela Wiemann, Diplompsychologin, Psychologische Psychotherapeutin, Familientherapeutin;
    Helen Epstein, Journalistin und Buchautorin („Die Kinder des Holocaust“); Isabelle M. Mansuy, Professorin für Neuroepigenetik, Universität & ETH Zürich;
    Wilhelm Vossenkuhl, Philosoph und Professor Emeritus für Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München

    Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

    Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast
    Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.
    Wie wir ticken – Euer Psychologie Podcast

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

    Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:
    ARD Audiothek | Radiowissen
    JETZT ENTDECKEN

    Das vollständige Manuskript gibt es HIER.


    Die Mandäer - Die Erben von Johannes dem Täufer Jun 24, 2025
    Show notes

    Wenn an bayerischen Seen oder Flüssen Gläubige in weißen Gewändern ihr Tauf-Ritual zelebrieren, sind es möglicherweise Mitglieder der alten Glaubensgemeinschaft der Mandäer. Sie beten auf Aramäisch, der Sprache von Jesus, ihr Messias ist aber Johannes der Täufer. Seit ihrer Flucht aus dem Irak haben sich kleine Gemeinden in Bayern gebildet. Autor: Bernd-Uwe Gutknecht (BR 2022)

    Credits

    Autor/in dieser Folge: Bernd-Uwe Gutknecht
    Regie: Silke Wolfrum
    Es sprachen: Katja Schild, Hans Jürgen Stockerl
    Technik: Daniela Röder
    Redaktion: Bernhard Kastner
    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
    RadioWissen hat noch weitere spannende Folgen zum Thema:
    Die Jesiden - Das Volk des Engel Pfau
    JETZT ANHÖREN

    Der Zoroastrismus - Die Religion zwischen Glauben und Philosophie
    JETZT ANHÖREN

    Chassidismus - Die Welt der frommen Mystiker
    JETZT ANHÖREN
    Literaturtipps:

    Im Namen des Großen Lebens. Gabriele Mayer. Harrassowitz Verlag

    Haran Gauaita. Ein Text zur Geschichte der Mandäer. Bogdan Burtea. Harrassowitz Verlag

    Kleines Lexikon des Christlichen Orients. Hubert Kaufhold. Harrassowitz Verlag




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