TopPodcast.com
Menu
  • Home
  • Top Charts
  • Top Networks
  • Top Apps
  • Top Independents
  • Top Podfluencers
  • Top Picks
    • Top Business Podcasts
    • Top True Crime Podcasts
    • Top Finance Podcasts
    • Top Comedy Podcasts
    • Top Music Podcasts
    • Top Womens Podcasts
    • Top Kids Podcasts
    • Top Sports Podcasts
    • Top News Podcasts
    • Top Tech Podcasts
    • Top Crypto Podcasts
    • Top Entrepreneurial Podcasts
    • Top Fantasy Sports Podcasts
    • Top Political Podcasts
    • Top Science Podcasts
    • Top Self Help Podcasts
    • Top Sports Betting Podcasts
    • Top Stocks Podcasts
  • Podcast News
  • About Us
  • Podcast Advertising
  • Contact
Not in our directory?
Add Show Here
Podcast Equipment
Center

toppodcastlogoOur TOPPODCAST Picks

  • Comedy
  • Crypto
  • Sports
  • News
  • Politics
  • True Crime
  • Business
  • Finance

Follow Us

toppodcastlogoStay Connected

    View Top 200 Chart
    Back to Rankings Page
    Education

    Radiowissen

    Die ganze Welt des Wissens, gut recherchiert, spannend erzählt. Interessantes aus Geschichte und Archäologie, Literatur, Architektur, Film und Musik, Beiträge aus Philosophie und Psychologie. Wissenswertes über Natur, Biologie und Umwelt, Hintergründe zu Wirtschaft und Politik. Und immer ein sinnliches Hörerlebnis.

    Advertise
    • Apple Podcasts
    • Google Play
    • Spotify

    Latest Episodes:
    Gastrosophie - Eine Philosophie des Essens Jun 23, 2025
    Show notes

    Eine große Anzahl von Philosophen machte sich Gedanken über die Bedeutung des Essens, seine Auswirkungen auf unser Denken, sowie die Verbindung von Nahrungsaufnahme und philosophischen Disziplinen. (BR 2019) Autor: Michael Reitz

    Credits

    Autor/in dieser Folge: Michael Reitz
    Regie: Sabine Kienhöfer
    Es sprachen: Hemma Michel, Christian Baumann
    Technik: Adele Kurdziel
    Redaktion: Bernhard Kastner
    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
    RadioWissen hat noch weitere interessante Folgen zum Thema:
    Esskultur 1945 bis heute - Vom Jägerschnitzel zu Sushi
    JETZT ANHÖREN

    Göttlich gut? Essen in den Religionen
    JETZT ANHÖREN

    Superfood – Gar nicht super!
    JETZT ANHÖREN

    Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

    Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek.
    Wie wir ticken - Euer Psychologie-Podcast
    ZUM PODCAST


    Die Zeit der Schlafgänger - Die große Wohnungsnot um 1900 Jun 23, 2025
    Show notes

    Ende des 19. Jahrhunderts kommt es zu einem explosionsartigen Anwachsen der Städte. Viele der neu Zugezogenen wohnen zur Untermiete. Dabei haben "Schlafgänger" lediglich Anspruch auf ein Bett, das sie sich häufig sogar noch in einer Art Schichtbetrieb mit einem oder zwei anderen Schicksalsgenossen teilen. Von Carola Zinner (BR 2024) CreditsAutorin dieser Folge: Carola ZinnerRegie: Frank HalbachEs sprachen: Christoph Jablonka, Stefan Merki, Caroline EbnerTechnik: Andreas LuckeRedaktion: Nicole Ruchlak Im Interview: Prof. Dr. Stefan Fisch, emerit. Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte, insbes. Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte an der Universität Speyer Literatur Ernst Cahn: Das Schlafstellewesen in den deutschen Großstädten und seine Reform: mit besonderer Berücksichtigung der Stadt München. Reichard van Dülmen (Hersg.) Armut, Liebe, Ehre. Studien zur historischen Kulturforschung. Lena Christ: Die Rumplhanni. Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Sozialer Wohnungsbau - Geschichte eines umstrittenen KonzeptsDer soziale Wohnungsbau war wichtig für den Wiederaufbau in der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Wohnungsnot groß war. Eine Erfolgsgeschichte, doch heute ist das Konzept umstritten. (BR 2019) Autor: Georg GruberJETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATORIN Wir mieteten ein Kabinett, das wir für uns allein hatten. Auch mein jüngerer Bruder kam wieder zu uns und brachte einen Kollegen mit, mit dem er sein Bett teilte. So waren wir vier Personen in einem kleinen Raum, der nicht einmal ein Fenster hatte, sondern das Licht nur durch die Fensterscheiben erhielt, die sich in der Tür befanden. Als einmal ein bekanntes Dienstmädchen stellenlos wurde, kam sie auch zu uns, sie schlief bei meiner Mutter im Bett und ich musste zu ihren Füßen liegen und meine eigenen Füße auf einen angeschobenen Stuhl lehnen. ERZÄHLER/IN Im Jahr 1909 veröffentlichte die österreichische Sozialistin und Frauenrechtlerin Adelheid Popp mit ihrer „Jugendgeschichte einer Arbeiterin“ eine der wenigen Autobiographien, die aus eigener Erfahrung vom harten Dasein städtischer Unterschichten im 19. Jahrhundert erzählen. MUSIK ENDE Die Epoche war geprägt von einem noch nie dagewesenen Bevölkerungswachstum, das Städten wie München, Berlin oder Wien einen ungeheuren Boom bescherte. Dabei landete der größte Teil derer, die hierherzogen, um ihr Glück zu finden, in schlecht bezahlten Jobs und miserablen Wohnverhältnissen. Oft reichte der Verdienst lediglich für eine Schlafstelle als Untermieter in einem der Mietshäuser, die hastig aus dem Boden gestampft wurden. ZUSPIELUNG 1 (Fisch) In München gab es um 1900 etwa 500.000 Münchner. Von denen waren also nur sieben Prozent Eigentümer der Wohnung, in der sie gewohnt haben. - Und in Berlin sogar nur drei Prozent. Deswegen ist Berlin ja auch mal als die größte Mietskasernenstadt der Welt bezeichnet worden. ERZÄHLER/IN Der Historiker Prof. Stefan Fisch, Emeritus der Universität Speyer, verfasste mit seinem Buch „Stadtplanung im 19. Jahrhundert – Das Beispiel München“ ein grundlegendes Werk zur Bau- und Wohngeschichte jener Zeit. Als Quellen nutzte er unter anderem eine Wohnungsumfrage von 1904, die der damalige Münchner Bürgermeister Wilhelm von Borscht in Auftrag gegeben hatte. ZUSPIELUNG 2 (Fisch) Von den Mietern wohnten etwa hunderttausend in unvollständigen „Teilwohnungen“: Da konnte also eine Wohnung dann in Wirklichkeit aus drei Wohnungen bestehen und entsprechend verkleinert worden sein, damit man sie bezahlen konnte, nicht? Jetzt sagen wir noch etwas über den Standard der Wohnungen: also bei der Wohnungsumfrage hat man festgestellt, dass 45 Prozent der Wohnungen keine Toilette haben. Die Wohnung bestand aus Wohnraum und ´ner Küche mit ´nem Wasserhahn - mit viel Glück. Das war aber auch alles. Und 17 Prozent hatten durchgefaulte Fußböden, und 11 Prozent hatten das, was man in der Sprache der Wohnungs-Umfrage „schlecht beleuchtete Zimmer“ nennt und was in der Realität Zimmer ohne Fenster waren. MUSIK „Knowledge is Passed On“ ERZÄHLER/IN Dabei waren solche Behausungen alles andere als günstig, wie die Umfrage ergab: die Miete für eine 50 Quadratmeter-Wohnung betrug rund die Hälfte des Durchschnittsverdienstes. Der so niedrig war, dass der Rest nicht mehr genügte, um davon den Lebensunterhalt zu bestreiten. So blieb vielen Familien nichts anderes übrig, als unterzuvermieten: an Zimmerherren oder Zimmerfräulein – oder aber an Schlafgänger. MUSIK ENDE ZUSPIELUNG 3 (Fisch) Der Zimmerherr konnte es sich leisten, ein ganzes Zimmer zu mieten; das waren also die klassischen Studenten, das waren vielleicht auch unverheiratete junge Beamte oder sonstiger alleinstehende Personen, die einen etwas einkömmlicheren Beruf hatten und die auf diese Weise schnell eine Wohnung gefunden haben in den beengten Verhältnissen. Der Schlafgänger - oder Bettbursche - hat dagegen nur ein Bett zum Schlafen gemietet. Und da gibt es durchaus glaubwürdige Darstellungen, dass so ein Bett beim Schichtbetrieb an drei aufeinanderfolgende Schichtarbeiter reihum vermietet worden ist, dass also das Bett nie kalt geworden ist in der Nacht und am Tag. „Familiar things disappear“ ZITATOR Nahezu durchweg wird über Unreinlichkeit der Fußböden und Wände, besonders über den Schmutz der Bettwäsche Klage geführt. ERZÄHLER/IN Ernst Cahn: Das Schlafstellewesen in den deutschen Großstädten und seine Reform. Stuttgart, 1898. ZITATOR Es kommt zuweilen sogar vor, dass nach Verlassen einer Schlafstelle durch einen Schlafburschen nicht einmal die Bettwäsche gewechselt wird. Auch die Wände starren vor Schmutz. An Gebrauchsgegenständen ist meist nur das Allernotwendigste vorhanden. Ein Bett, ein Tisch und ein Stuhl, vielfach noch eine Kommode bilden die ganze Ausstattung. Aufbewahrungsgegenstände für die Kleider sind meist nicht vorhanden. Selbst Haken stehen nicht allzu oft zur Verfügung. Auch fehlen oftmals die Waschbecken und Waschkrüge. Da wird dann am Ausguss die Toilette besorgt und aus einem Maßkrug das notwendige Wasser zum Waschen in die Hand gegossen. MUSIK ENDE ERZÄHLER/IN Auch in vorindustriellen Zeiten wurden Lehrlinge, Gesellen und Personal meist extrem einfach untergebracht. Sie übernachteten in überfüllten Schlafräumen oder in den - im Winter eiskalten, im Sommer brütend heißen - Speichern. Hausmädchen schliefen häufig auf der Küchenbank, die dafür nachts mit einer dünnen Matratze belegt wurde, oder auf dem „Hängeboden“, einer Art Verschlag unter der Decke im Flur. Eines aber hatten all diese Schlaflager gemeinsam: sie befanden sich innerhalb des Herrschaftsbereichs der Arbeitgeber. Bei den Schlafgängern sieht die Sache anders aus: sie sind zahlende Mieter bei Außenstehenden, mit denen sie ansonsten nichts verbindet. ZITATOR (Ernst Cahn) Das Verhältnis zwischen Vermieter und Schlafburschen ist äußerlich betrachtet ein reines Vertragsverhältnis, beruhend auf geldwerter Leistung und Gegenleistung. Dieser Vertrag bedingt indes trotzdem eine enge Lebensgemeinschaft von schwerwiegenden sozialen und sittlichen Folgen. ERZÄHLER/IN Sprich, es gibt keine Kontrolle in traditioneller Form: Mieter und Vermieter sind weder verwandt, noch ist ganz eindeutig, wer hier hierarchisch oben steht und wer unten. Das birgt angesichts der räumlichen Enge einigen Sprengstoff, wie Ernst Cahn schreibt. ZITATOR Ehebruch, Verführung erwachsener Töchter in den Haushalten mit Schlafburschen ist durchaus nichts Seltenes. MUSIK „Time lapse“ ERZÄHLER/IN Mit seiner Zeichnung „Der späte Schlafbursche“ hat der Berliner Heinrich Zille die Situation mir der ihm eigenen Treffsicherheit festgehalten. Zu sehen ist ein überfüllter Wohnraum, durch den sich quer eine Leine mit zum Trocknen aufgehängter Wäsche zieht. Mehrere Kinder schlafen, ineinander verschlungen, teils auf dem Diwan, teils im Bett, auf dessen Rand, beleuchtet vom Schein einer Petroleumlampe eine halbentblößte, ungekämmte Frau ihr Baby stillt. Im Vordergrund wäscht sich, den Rücken zum Betrachter, ein rundliches nacktes Mädchen in einem Zuber. Zwischen ihr und der Mutter steht breitbeinig, die Hände in den Hosentaschen, der eben nach Hause gekommene Untermieter. Das Käppi sitzt schräg auf seinem Kopf; einige Knöpfe des Hosentürchens stehen offen. MUSIK ENDE MUSIK „Familiar things disappear“ ZITATORIN Einmal an einem Feiertag kam der Bettgeher abends allein nach Hause und wir gingen schlafen, ohne dass mein Bruder da war. ERZÄHLER/IN Adelheid Popp. ZITATORIN Ich lag neben der Mutter an die Wand gedrückt. Ich schlief noch nicht fest genug, denn plötzlich erwachte ich mit einem Schreckensschrei. Ich hatte über mir einen heißen Atem gespürt, konnte aber in der Finsternis nicht sehen, was es sei. Mein Schrei hatte die Mutter geweckt, die sofort Licht machte und die Situation erkannte. Der Bettgeher hatte sich von seinem Bette, dessen Fußende an unser Kopfteil stieß, erhoben und über mich gebeugt. Ich zitterte vor Schreck und Angst am ganzen Körper und ohne recht zu wissen, was der Mensch vorhatte, hatte ich den Instinkt, dass es etwas Unrechtes sei. MUSIK ENDE ERZÄHLER/IN Trotzdem lässt die Mutter zu Adelheids Verzweiflung den Untermieter noch so lange weiter bei ihnen im Zimmer schlafen, bis er ein neues Quartier gefunden hat. ZUSPIELUNG 4 (Fisch) Es gab da natürlich eine Riesenfluktuation. Den Schlafgänger, den wollte man wieder los sein. Da gibt es Berichte, dass also das Bett an den Schlafgänger vermietet ist und die übrige Familie auf dem Fußboden schläft und so, und dann war man froh, wenn der möglichst bald wieder gegangen ist. MUSIK „A Zed and Two Noughts“ ZITATOR Die meisten und größten Übel kamen jedenfalls durch das Schlafstellen- und Kostgänger-Unwesen. Das ist der Ruin der deutschen Arbeiterfamilie. Aber es ist für sie in den allermeisten Fällen eine wirtschaftliche Notwendigkeit. ERZÄHLER/IN So die Bilanz des Pastors und Sozialreformers Paul Göhre, der für drei Monate das Leben mit Fabrikarbeitern in Chemnitz geteilt hatte. ZITATOR Ein Handarbeiter meiner Kolonne, der eine energische, fleißige Frau, ehemalige Köchin, hatte und zwei herzlich geliebte und sorgsam gehütete Kinder, bewohnte in einem mit Menschen vollgestopften Hintergebäude mit drei jungen Schlossergesellen aus unsrer Fabrik ein enges zweifenstriges Zimmer, einen Alkoven und eine Bodenkammer. Hier schliefen Eltern und Kinder in je einem Bette zusammen, die fast den ganzen Raum einnahmen, und die drei Burschen in der etwas geräumigeren Bodenkammer ebenfalls nur in zwei Betten, also zwei einander fremde zusammen in einem Bette, und nur einer allein, wofür er natürlich entsprechend mehr zu bezahlen hatte. MUSIK ENDE ZUSPIELUNG 5 (Fisch) Dass man alle möglichen Krankheiten von der Krätze angefangen bis zur Tuberkulose sich durch diese Wohnungsverhältnisse holen konnte, ist relativ einsichtig. MUSIK M0089162 101„Knowledge is Passed On“ 00:21 ZITATOR In Bogenhausen fand ich eine Wohnung mit 3 Zimmern, deren eines von der Vermieterin, einer Witwe, bewohnt war. Das eine der abvermieteten Zimmer hatten 3 Arbeiter inne. Der Raum war ca. 40 Kubikmeter groß. Hier starrte alles förmlich vor Schmutz. MUSIK ENDE ERZÄHLER/IN Ein Raum von 40 Kubikmetern für drei Personen: das gilt sogar 1898, als Ernst Cahns Bericht erscheint, als überfüllt. Stefan Fisch: ZUSPIELUNG 6 (Fisch) Die Überfüllung hat man interessanterweise in Kubikmetern gemessen, also nach Luftraum. Und da war die Maßgabe 15 Kubikmeter pro Person. Und 15 Kubikmeter bei der damaligen Wohnungs-Höhe von drei Metern heißt fünf Quadratmeter pro Person. ERZÄHLER/IN Für die Zuwanderer vom Land gilt: sie müssen nehmen, was sie bekommen, denn für eine eigene Wohnung reicht ihr Lohn bei weitem nicht. Ob in Hamburg, der Stadt der Seeleute und Hafenarbeiter, oder in München, in Leipzig, Dresden oder Berlin, überall gilt dasselbe: Ledige mit geringem Einkommen, die nicht bei Verwandtschaft unterschlüpfen können oder vom Arbeitgeber untergebracht werden, übernachten irgendwo als Schlafgänger respektive als Schlafmädchen. Im Jahr 1900 gilt das allein in Berlin und seinen Vororten für rund 114 000 Menschen - bei einer Bevölkerung von knapp 1,9 Millionen. ZITATOR (Cahn) Die Schlafleute werden mit Notwendigkeit abends ins Wirtshaus auf den Tanzboden getrieben. Ein großer Teil des Lohns wird dann vertrunken oder sonst vertan. Die moderne Gestaltung des Schlafstellenwesens ertötet damit den Sinn für Familienleben, für Häuslichkeit, für den Wert eines traulichen Heims; damit wird aber auch jene Rohheit erzielt, die leider gerade in den Kreisen der jugendlichen Arbeiter in erschreckendem Masse zunimmt. Jene Genusssucht, die nichts gemein mehr hat mit den berechtigten Bestrebungen der Arbeiterklasse nach Anteilnahme an den Kulturgütern und nach einem besseren Dasein, jener Mangel an Sparsinn, der oft in Verschwendung ausartet. MUSIK „Der Truderinger“ ERZÄHLER/IN Mit solchen Menschen, da sind sich alle zeitgenössischen Studien mit der von Ernst Cahn einig, lässt sich wahrhaft „kein Staat machen“. ERZÄHLER/IN Das Leben in der Stadt stellt die Zuwanderer vor völlig neue Herausforderungen, zu denen neben der Wohnungsnot auch die Freizeitgestaltung gehört. In den bäuerlichen Betrieben auf dem Land, woher die meisten von ihnen stammen, wird vom Aufstehen bis zum Ins-Bett-Gehen in dem Tempo gearbeitet, das die Landwirtschaft vorgibt. In der Stadt, wo sie nun ihr Geld als Maurer oder als Kellnerin verdienen, in einer Fabrik, bei der Eisenbahn, der Post oder einer der großen Brauereien, gibt es feste Arbeitszeiten. Die betragen zwar um 1890 immer noch durchschnittlich 66 Stunden pro Woche, doch bleibt daneben trotzdem noch viel Zeit, die irgendwie gefüllt werden muss. Nur – womit? In der engen, überfüllten Unterkunft sind die Schlafgänger nicht gern gesehen, zumal die Betten ja oft schichtweise an mehrere Nutzer vermietet sind. Es bleiben die Kirche, die Straße und – das Wirtshaus, wo man nicht nur essen, trinken und diskutieren kann, sondern wo es auch ein immer größeres Unterhaltungsangebot gibt. (Musik instrumental evtl. hier hoch) Es wird die große Zeit der Volkssänger und Unterhaltungskünstler. Ob sie im Wirtshaus am Eck auftreten, im Krystallpalast oder in einer der bayerischen Bierhallen: ihr Publikum ist ihnen sicher. MUSIK ENDE ERZÄHLER/IN Es sind die Sehnsüchte und Alltagsthemen der einfachen Leute, die hier thematisiert werden, frech, kitschig, manchmal auch zotig-derb – aber immer so, dass es das Publikum berührt. Auf diese Art entsteht eine ganz spezifische Unterhaltungskultur, die prägend wird für die Entstehung einer gemeinsamen Identität. ERZÄHLER/IN Anders als etwa in Hamburg, Berlin oder Leipzig, wo die Szene stark von der wachsenden Arbeiterbewegung geprägt ist, gibt man sich im Süden Deutschlands eher gemütlich. Dabei gäbe es auch hier durchaus Anlass zu Protest, denn wichtige politische Entscheidungen wie etwa die zum Wohnungswesen der Stadt sind allein den Begüterten vorbehalten. Stefan Fisch: ZUSPIELUNG 8 (Fisch) Also grundsätzlich zu den politischen Verhältnissen in den bayerischen Städten bis 1918 ist festzuhalten, dass das Kollegium der Gemeindebevollmächtigten nicht von den Einwohnern der Stadt gewählt worden ist unter den üblichen Voraussetzungen – also damals nur Männer ab 25 oder sowas –, sondern dass diese Gemeindebevollmächtigten von den Münchner Bürgern gewählt worden sind. Und Bürger wurde man in München entweder wenn man Sohn eines Bürgers war oder Tochter eines Bürgers war oder wenn man sich das Bürgerrecht kaufte. Und das hat so ungefähr hundert Mark in die Gemeindekasse gekostet - für normale, vom Land zugezogene Zuwanderer, die als Schlafgänger gewohnt haben, war das also völlig undenkbar, das sich zu leisten. MUSIK „A Zed and Two Noughts“ ZITATORIN Das H…

    Full show notes at the publisher

    Fantasie - Das oft ungenutzte Potenzial Jun 23, 2025
    Show notes

    Wer über eine blühende Fantasie verfügt, ist in der Lage, allein in seiner Vorstellungskraft Bilder oder Szenarien zu erzeugen. Während Kinder im Spiel ständig fantasieren, wird bei Erwachsenen eine zu schillernde Fantasie allzu oft als verrückt abgetan. Dabei liegt in der Fantasie ein ungeheurer Schatz. Die lebendige Vorstellungskraft kann Raum öffnen für neue, ungewöhnliche Ideen öffnen. Von Karin Lamsfuß (BR 2023) CreditsAutorin dieser Folge: Karin LamsfußRegie: Sabine KienhöferEs sprachen: Hemma Michel, Christian BaumannTechnik: Christine FreyRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Heiko Ernst, Psychologe; Norbert Groeben, Psychologie-Professor Uni Heidelberg;Main Huong Nguyen, Psychotherapeutin und Achtsamkeitstrainerin; Gisa Klönne, Schriftstellerin;Johannes Golchert, Psychologe Linktipps: Süchtig nach Alles | Podcast | ARD Audiothek:Ob Substanzen wie Kokain und Ecstasy, Verhaltenssüchte wie Glücksspiel und Shopping oder die natürlichste Droge der Welt: die Liebe. In "Süchtig nach Alles" begibt sich Reporter Hubertus Koch auf eine Reise durch verschiedene Süchte.ZUM PODCAST Dissertation von Johannes Golchert über das gedankliche Abschweifen:EXTERNER LINK | https://refubium.fu-berlin.de/bitstream/handle/fub188/9395/diss_j.golchert.pdf?sequence=1&isAllowed=y Kurzzusammenfassung (englisch) zu a „Wandering mind is an unhappy mind“:EXTERNER LINK | https://greatergood.berkeley.edu/images/uploads/A_Wandering_Mind_Is_an_Unhappy_Mind.pdf Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.Wie wir ticken – Euer Psychologie Podcast Literaturtipps: Heiko Ernst: Innenwelten: Warum Tagträume uns kreativer, mutiger und gelassener machen. Klett Cotta 2011 Luisa Francia Blühende Fantasie: Die eigene Lebensvision gestalten, Knaur 2018 Für Eltern: Petra Samarah: Fantasie- und Körperreisen mit Kindern: 57 Imaginationen mit Gestaltungsmöglichkeiten Semnos Verlag, 2013 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Erzählerin: Ein schmaler, unbefestigter Pfad schlängelt sich immer tiefer in das Dickicht des Waldes hinein. Zugewuchert von Efeu und Farnen führt der Weg in verborgene Ecken, wo Blumen in den buntesten Farben blühen und glitzernde Bäche leise durchs Unterholz mäandern. Es ist die Heimat der Elfen, der Trolle und der Pflanzenwesen. Schon seit Jahrtausenden leben sie, von den Menschen unbemerkt, in dem geheimnisvollen Zauberwald. Nur wer seinen Geist öffnet und die Fantasie fließen lässt, kann sie sehen. Sprecher: Eine Reise in das Reich der Fantasie. Wir reisen alle dorthin. Unzählige Male am Tag. Fast 50% der wachen Zeit verbringt der Mensch mit Tagträumen, ergab eine Studie der Harvard University aus dem Jahr 2010. Früher ging man davon aus: Wenn das Gehirn nicht beschäftigt ist, dann verweilt es im Ruhemodus. Das ist falsch. Heute weiß man: Wenn das Gehirn nicht konzentriert denkt, dann geht es gedanklich auf Reisen. Musik: New hope 0‘42 Erzählerin: Der Tagträumer reist an magische Orte, in heile Welten, an den Traumstrand vom letzten Urlaub. Oder sie spielen in der Fantasie durch, wie das erste Date mit der attraktiven Kollegin oder dem attraktiven Kollegen verlaufen könnte. Aber auch unangenehme Dinge werden in der Fantasie durchdacht: etwa, dass das Finanzamt bald Stress machen könnte. Oder wie schrecklich die nächste Prüfung verlaufen wird. Die Fantasie hat ein riesiges Spektrum: In ihr reisen wir in entfernte Galaxien. Oder planen - ganz handfest – die nächste große Reise. O-Ton 1 Main Huong Nguyen (0‘13“): Es macht uns Menschen ja auch aus, dass wir die Fähigkeit haben, Dinge zu antizipieren, Dinge auszumalen, wir können dadurch viele Dinge planen, wir haben eine Fantasie, die uns unterstützen kann – das ist eine ganz große Ressource. Sprecher: … sagt die Psychotherapeutin Dr. Main Huong Nguyen. (s. Aussprache-Audio) Doch was ist Fantasie eigentlich? Musik: Her dream 0‘35 Sprecher: Fantasie – abstammend vom griechischen Wort Phantasia - heißt zunächst nichts anderes als „Vorstellung“ oder „Traumgesicht“. Während die Kreativität meist eine Absicht hat, nämlich etwas zu erschaffen, etwa eine Lösung für ein Problem, wabert die Fantasie meist absichtslos umher. Fantasie bedeutet gedankliches Abschweifen, Erschaffen von Gegenwelten, Filme im Kopfkino, Tagträumen. O-Ton 2 Heiko Ernst (0‘14“): Tagträume sind schon per se tröstlich, beruhigend, angenehm, ein Genuss an sich schon, also man kann auch Tagträume genießen, so wie man einen Film genießt, ich lieg irgendwo am Stand, es ist alles easy, alles in Ordnung … Sprecher: Heiko Ernst, Psychologe. In der Fantasie erklimmen wir die höchsten Gipfel, sind die Party-Königin, gewinnen Millionen im Lotto und bleiben ewig schön und faltenfrei. Doch wofür ist das gut? Das sind doch alles nur Hirngespinste! Nein, sagt der Psychologe Heiko Ernst. Fantasieren und Tagträume haben wichtige Funktionen: O-Ton 3 Heiko Ernst (0‘08“) Also man träumt diesen Tagtraum, um auch andere Gedanken abzublocken oder um sich in eine Stimmung zu bringen, in der man ruhiger wird. Musik: Premium 0‘32 Sprecher: Durch positive Fantasien wird das Leben entspannter, bunter und abwechslungsreicher. Fantasievolle Menschen können sich gut in andere hineinversetzen. Sie sind offen, neugierig und flexibel. In der Berufswelt führt Fantasie zu Fortschritt durch bislang ungeahnte Ideen. Wenn Fantasie so viele positive Effekte hat, stellt sich die Frage: Wie kann man diese Quelle anzapfen? O-Ton 4 Reportage Gisa Klönne (0‘15“): Ja, der Hängesessel…. Ich hab ein Dacharbeitszimmer, und dann hab ich mir hier einen Hängesessel gekauft. Erzählerin: Gisa Klönne auf der Suche nach der Fantasie. Die Schriftstellerin hat bereits sechs Krimis und drei Romane geschrieben. Gerade sitzt sie an ihrem vierten. Gisa Klönne braucht die Fantasie – wie alle Künstler und Kreativen - wie die Luft zum Atmen. Auch wenn am Anfang immer ein grobes Gerüst steht - und natürlich viel Recherche - folgt dann die Phase der Fantasie. In dieser Phase erweckt sie ihre Romanwelt zum Leben: Sie malt sich Orte aus, entwirft Charaktere und Handlungen und erschafft Stimmungen. Das klappt leider nicht auf Knopfdruck. Doch sie hat so ihre Techniken, die Fantasie zum Fließen zu bringen. Gerade schwingt sie in ihrem lindgrünen Hängesessel, der an der Decke befestigt ist. O-Ton 5 Reportage Gisa Klönne (0‘26“): Das ist ja so wie ein Baby in der Wiege, ich schaukele dann hier, ich hab hier immer neben mir inspirierende Lektüre, Notizbücher liegen, und morgens und auch, wenn ich nicht weiterkommen, mache ich hier ne Pause, schwinge so, gucke auf mein Bücherregal mit den Buchtiteln, gucke in die Wolken aus dem Dachfenster und schreibe vor mich hin. Ich schreibe dann z.B. schwingend im Hängesessel, und dann schreibe ich, was mir einfällt. Mit der Hand. Ganz wichtig! Erzählerin: So schwingt sie sanft hin und her, in der Hand einen Notizblock und einen Füller mit grüner Tinte. Das muss sein. Aufbruch (reduced 2) 0‘15 Sprecher: Experten gehen davon aus, dass beim Schreiben mit der Hand die visuell-räumlichen Fähigkeiten gefördert werden, also das, was für die Vorstellungskraft essenziell ist. O-Ton 6 Gisa Klönne (0‘22“): Die ersten guten Ideen kommen immer per Hand. Es ist unmittelbarer, näher an mir dran, also mehr an den Quellen, die in die Kreativität gehen, an das Unbewusste, das Anzapfen, d.h. ich schreibe weite Passagen oder auch wenn ich nachts aufschrecke, weil mir irgendeine Idee kommt, mit der Hand, und wenn ich dann an einem Roman bin, dann tippe ich sie ab. Sprecher: Der Psychologieprofessor Norbert Groeben nennt diesen Zustand, in dem die Fantasie sich zeigen darf, „defokussierte Konzentration“. O-Ton 7 Groeben (0‘28“): Man kann es auch „schwebende Aufmerksamkeit“ nennen. Diese schwebende Aufmerksamkeit, die gilt es zu erreichen, dafür gibt es eine Menge an Möglichkeiten: zum Beispiel manche Leute haben diese schwebende Aufmerksamkeit beim Musikhören. Andere unter der Dusche. Weil da diese körperliche Entspannung da ist, die den Geist auch frei macht, und zugleich aber der Geist immer noch schön arbeiten kann. Vital ist. Sprecher: Diese schwebende Aufmerksamkeit kann auch erlebt werden morgens vor dem Aufwachen. Sozusagen auf dem Weg aus den Träumen in die Realität. O-Ton 8 Gisa Klönne (0‘38“): Als Autorin geht bei mir immer parallel ein Film, in dem ich Geschichten sehe, Bilder, das kann dann z.B. auch sein, wenn ich morgens aufwache, wenn ich sehr in einem Roman bin und denke als erstes: Wie geht’s jetzt dieser Figur? Was macht die als nächstes? Und die sind für mich so real da wie die Menschen in meinem Umfeld oder mein Mann! Und der kennt das dann schon, wenn ich dann runterkomme in die Küche, dann sag ich: „Kann nicht! Schweigen!“ weil ich dann einfach diesen Figuren und dieser Geschichte in meinem Kopf erst mal zuhören will! Ich lass die einfach mal wie so ein Kopfkino ablaufen! Musik: Joy research (no drums) 0‘53 Sprecher: Ob Traum, Tagtraum, gedankliches Umherwabern, fantasievolles Abgleiten – das findet im Gehirn im so genannten „Default Mode Network“ statt. Im Ruhe-Zustands-Netzwerk. Zu diesem Netzwerk gehören mehrere miteinander verbundene Hirnregionen, darunter unter anderem der mediale präfrontale Kortex – zuständig für Zukunftsplanungen - und der Hippocampus, der „Arbeitsspeicher“ des Gehirns. Dieses Netzwerk ist – so Forschungsergebnisse des Dartmouth College in New Hampshire – bei Menschen in kreativen Berufen besonders aktiv. Gerade wenn es darum geht, sich wirklich Fantastisches und Utopisches fern der Realität vorzustellen. Musik Ende Sprecher: Früher dachte man, dass es zwei Arten von Menschen gibt: Diejenigen, die Kontrolle über ihre Gedanken haben und die, die abschweifen, so der Psychologe Dr. Johannes Golchert, der am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften über Tagträume geforscht hat: O-Ton 9 Golchert (0‘16“): Heute weiß man eigentlich, dass man das differenzierter betrachten muss, und dass es neben diesem spontanen Gedankenabschweifen, was man immer wieder erlebt, noch ne weitere Form gibt: Das ist eher das bewusstere Abschweifen, ein willkürlicher Prozess, für den ich mich entscheide und dem dann auch nachgehe … Atmo 15‘30“ Gong O-Ton 10 Klönne (0‘19“): Das sind beides tibetische Klangschalen, diese hier kann bis zu eine Minute nachhallen … (geht weiter) Erzählerin: Im Arbeitszimmer der Schriftstellerin Gisa Klönne liegen ein flauschiger Teppich und ein Sitzkissen auf dem Boden in der Mitte des Raums. Mit dem Gong der Klangschale bringt sie sich in einen Zustand, der ihren Geist für Einfälle öffnet. O-Ton 11 Klönne (0‘39“): Man muss quasi einen Teil des Bewussten ausschalten und sich verbinden, erden und auf eine andere Ebene kommen. Und öffnen. Auf irgendeine Weise öffnen für das, was wir nicht erklären können, was aber trotzdem da ist. Und zuhören, ich sage immer: Es ist ganz viel zuhören bei der Fantasie, die ich brauche, um einen Roman zu schreiben. Ich setze was vor, und dann lasse ich mich auf ein Thema ein, und dann muss ich auch teilweise die Geduld haben zu hören, was da von irgendwoher diktiert wird, was auf mich zufliegt… Musik: Immer mehr (reduced 2) 0‘21 Erzählerin: Was nie funktioniere, sagt sie, sei mit einem konkreten Auftrag in die Meditation zu gehen. Und trotzdem könne es sein, dass sie etwas „geschenkt bekommt“, wenn der Kopf leer wird. Einen Einfall, eine gedankliche Skizze, eine spannende Wendung ihres nächsten Romans. Dabei aber, so die Schriftstellerin, sei es ihr wichtig, nicht ziellos vor sich herzuträumen, die Gedanken vor sich hinwabern zu lassen, sondern das, was sich zeigt, sofort „mit dem Lasso“ einzufangen. Am besten schriftlich. Sie muss also switchen: von der Fantasie in die harte Realität. Ideen, Bilder, Gedanken zunächst in der Fantasie entstehen zu lassen, sie dann aber sofort mit dem wachen, klaren Geist einzufangen. Sonst verflüchtigen sie sich. O-Ton 12 Klönne (0‘22“): Man muss immer zweigeteilt sein als Autorin: Das Wichtigste ist erst mal dieses Intuitive, aber gleichzeitig muss man, um die Geschichte zu vollenden, sich komplett distanzieren und natürlich Erfahrung haben: Wie baue ich eine Geschichte auf, Spannungsbogen usw. aber um überhaupt eine Geschichte zu erfinden, um zu schreiben, um diesen Flow zu haben, muss ich das alles wieder zur Seite drängen. Also man ist immer ein Zwitter. Musik: Green planet red. 0‘33 Sprecher: Gedanklich ein Eisbad nehmen und dabei bibbern. Den trockenen, pfeifenden Wüstenwind wie einen Lufthauch auf der Haut fühlen. Den köstlichen Geschmack einer süßsauren Maracuja auf der Zunge spüren. Die Harvard-Studie über das Tagträumen ergab: Die selben Hirnareale sind aktiv – ganz egal, ob wir etwas real erleben oder es uns nur in der Fantasie vorstellen. Natürlich gibt es Menschen, die sich etwas schwerer tun als andere auf gedankliche Reise zu gehen. Ihnen, so die Psychotherapeutin und Achtsamkeitstrainerin Main Huong Nguyen, könnte es helfen, die Sinne zu trainieren. Zum Beispiel durch Achtsamkeit. O-Ton 13 Main Huong Nguyen (0‘20“): Weil in der Achtsamkeit trainieren wir immer wieder, das Bewusstsein auf alles, was in uns und um uns herum geschieht, zu lenken: Was sehen wir gerade? Was hören wir? Was riechen wir? D.h. wenn wir Achtsamkeit trainieren und immer wieder beobachten, dann entwickeln wir einen Fundus an Beobachtungen, auf die wir in der Imagination oder bei der Visualisierung zurückgreifen. Musik: Dream for reality 0‘34 Sprecher: Die Fantasie schafft auch Gegenwelten. Vor allem dann, wenn die Realität zu grau ist. Schüler beamen sich einfach weg: vom langweiligen Matheunterricht auf den Ponyhof. Erwachsene vielleicht vom langweiligen Meeting an den weißen Sandstrand Balis. Und während man in Geiste einen köstlichen Cocktail serviert bekommt, will die Chefin die letzten Zahlen wissen. Opppps! Ertappt! Musik: Magic rain (reduziert) 1‘02 In magische Klänge einbetten: Anmerkung: langer Text. Sprecher kann etwa in der Mitte der Geschichte darüber gelegt werden. Spätestens dann, wenn’s langatmig wird. Erzählerin: Tief in den verschlungenen Wäldern liegt ein verzauberter Bergsee, von Stille und Geheimnis umgeben. Seine Oberfläche schimmert wie ein silbriger Spiegel, der die Wunder der umgebenden Natur widerspiegelt. Plötzlich erhebt sich eine geheimnisvolle Nebelschicht aus dem See empor, winzige Lichter tauchen auf, die tief unten im klaren Wasser leuchten. Auf dem Grund des magischen Bergsees erscheint eine zauberhafte Welt: glitzernde Pflanzen, die in leuchtenden Farben erstrahlen, und kleine Kreaturen. Unterhalb des Gesteins liegt ein altes, von Moos überwuchertes Tor, das den Eingang zu einem vergessenen Reich markiert. Wer durch das Tor schreitet, begegnet flüsternden Wassergeistern, die ihn mit Geschichten aus längst vergangenen Zeiten verzaubern. In einem schimmernden Amphitheater, gebaut aus Kristallen, tanzen bezaubernde Wassernymphen ….. Sprecher: Solche Fantasiewelten haben für viele Menschen etwas sehr Anziehendes, Magisches. Diese Welten sprengen Grenzen. Sie sind unendlich, und alles ist in ihnen möglich. Fantasiewelten spenden ein wenig Zauber in einer hochtechnisierten, längst entzauberten Welt. Die Welten voller Feen, Elfen, Zwerge und Trolle haben etwas Magisches. Fantastische Werke wie „Herr der Ringe“ oder Der kleine Hobbit“ begeistern viele Menschen. Doch Fantasiereisen haben auch im Alltag einen ganz praktisch…

    Full show notes at the publisher

    Das Schwarze Meer - Die Geschichte eines umkämpften Raums Jun 23, 2025
    Show notes

    Das Schwarze Meer war einst ein Süßwassersee. Hier soll sich einst die Sintflut ereignet haben. Große Gebiete wurden überflutet. Seit Jahrrausenden ringen und kämpfen verschiedene Völker um den strategisch wichtigen Lebensraum. Autorin: Claudia Steiner

    Credits
    Autorin dieser Folge: Claudia Steiner
    Regie: Ron Schickler
    Es sprachen: Hemma Michel, Florian Schwarz
    Technik: Ralph Bienzeisler
    Redaktion: Thomas Morawetz

    Im Interview:
    Dr. Udo Schlotzhauer, Referent für Klassische Archäologie des nördlichen Schwarzmeerraums am Deutschen Archäologischen Institut in Berlin;
    Prof. Dr. Emil Stanev (Aussprache des Namens bei Stenev 0.14), Institut für Küstensysteme, Helmholtz-Zentrum Hereon in Geesthacht;
    Prof. Dr. Stefan Troebst, bis 2021 Professor für Kulturgeschichte des östlichen Europa an der Universität Leipzig

    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

    Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren:

    Die Straße von Gibraltar - Nadelöhr der Weltgeschichte
    JETZT ANHÖREN

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.


    RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:
    ARD Audiothek | RadioWissen
    JETZT ENTDECKEN


    Die Medusa - Schlangenhaar und tödlicher Blick Jun 20, 2025
    Show notes

    Mit ihrem Schlangenhaar und ihrem versteinernden Blick ist sie zum Inbegriff des schrecklichen Monsters geworden. Andererseits wurde ihr abgeschlagenes Haupt zum allgegenwärtigen Schutzsymbol. Doch Medusa war nicht von jeher ein Ungeheuer, sondern wurde erst durch männliche Gewalt und weiblichen Neid dazu. Autor: Frank Halbach (BR 2024) CreditsAutor dieser Folge & Regie: Frank HalbachEs sprachen: Katja Bürkle, Stefan Wilkening, Ines HollingerRedaktion: Andrea Bräu Im Interview:Prof. Dr. Volker Mergenthaler, LiteraturwissenschaftlerGiulia Grossi, Althistorikerin Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek.ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATORIN (zischend flüsternd) Fürchterlich bin ich, rund umher mit drohendem Schrecken umkränzt. SPRECHERIN Angst ist die älteste und stärkste Emotion des Menschen. ZITATORIN (wie oben, sich allmählich steigernd) In Grauen und bleichem Entsetzen lässt mein wutfunkelnder Blick euch erstarren. SPRECHERIN Der Mensch ist bedroht - von Anfang an. Um diesem ursprünglichen Gefühl numinoser Angst zu begegnen, begann er zu erzählen. SPRECHER „Angst muss immer wieder rationalisiert werden, sowohl in der Geschichte der Menschheit wie in der des Einzelnen. Das geschieht primär nicht durch Erfahrung, sondern durch Kunstgriffe, wie Erklärungen für das Unerklärliche, Benennungen für das Unnennbare. Was durch Namen identifizierbar geworden ist, wird aus seiner Unvertrautheit durch die Metapher herausgehoben, durch das Erzählen von Geschichten erschlossen…“ SPRECHERIN Schreibt der deutsche Philosoph Hans Blumenberg über den Ursprung mythischer Erzählungen in seinem Literaturklassiker „Arbeit am Mythos“. SPRECHER Mit den Mythen betrat der Held die Bühne menschlicher Fiktion. ZITATORIN (hasserfüllt) Mit Sichelschwert, Tarnhelm und spiegelndem Schild. SPRECHERIN Ihm gegenüber steht: das Monster. ZITATORIN (trotzig) Abscheulich, schlangenhaarig, menschenhassgetränkt! SPRECHER Was wäre Siegfried ohne Drachen? Beowulf ohne Grendel, Odysseus ohne den Zyklopen, Herkules ohne die Hydra, Ödipus ohne die Sphinx oder Perseus ohne… SPRECHERIN Die Medusa: Ihr Gesicht zur Fratze verzerrt, ihr Mund reißzahnbewehrt, statt Haaren züngelnde Schlangen. So grauenhaft sieht sie aus, dass zu Stein erstarrt, wer sie erblickt. SPRECHER Seit der Antike dargestellt in Skulpturen, Gemälden, besungen und in sich immer wieder verändernden Mythen erzählt, hat Medusa über Jahrtausende ihren Weg bis in die Popkultur der Gegenwart gefunden: Im Fantasy-Roman, Kinoblockbuster oder PC-Spiel. MUSIK hoch SPRECHERIN Oder besser ihr abgeschlagener Kopf. Medusa und ihre Geschichte sind eines der berühmtesten Motive der griechisch-römischen Mythenwelt. O-Ton 1 Mergenthaler Was man vielleicht vorweg stellen muss ist, dass man Medusa als mythologische Figur begreifen muss. Das heißt: da gibt es nicht irgendwie eine Quelle, die festlegt, was zu ihr dazugehört, sondern das ist das Ergebnis einer Akkumulation eines kontroversen differenzierten Akkumulationsprozesses, der über zweieinhalbtausend Jahre sich hinstreckt, mehr oder minder, und auch nicht eine Figur irgendwie produziert, sondern eine Reihe von Figuren, die unter dem Namen Medusa Karriere gemacht haben und unterschiedliche Ausprägungen genommen haben. Je nachdem, welchen Aspekt man verfolgt. SPRECHER Sagt der Literaturwissenschaftler Professor Volker Mergenthaler, der sich eingehend mit dem Mythos Medusa beschäftigt hat. MUSIK privat Take 001 „Prologue“; Album: Dracula Untold; Label: Back Lot Music – BLM0284; Interpret: Gavin Greenaway; Komponist: Ramin Djawadi; ZEIT: 01:04 SPRECHERIN Wie bei den meisten Mythen liegt der Ursprung der Geschichte der Medusa im Dunklen. Was von Medusa rein mündlich erzählt wurde, vermag niemand zu sagen. Doch schon in einem der ältesten schriftlich fixierten fiktionalen Werke Europas, Homers Ilias, zu datieren auf etwa das 8. Jahrhundert vor Christus, findet die Medusa Erwähnung. ZITATORIN Das gorgonische Haupt, des entsetzlichen Ungeheuers, Schreckenvoll und entsetzlich. SPRECHER Als furchterregendes Emblem auf dem Schild der Göttin Athene und des Anführers der Griechen im Trojanischen Krieg: Agamemnon. ZITATORIN Die Schreckengestalt der Gorgo drohete schlängelnd, Mit wutfunkelndem Blick, und umher war Graun und Entsetzen. SPRECHERIN Das Schreckliche an Medusa, das Furchtbare, das von ihr ausgeht ist… ZITATORIN (bitter) Ihr Antlitz. MUSIK ENDE O-Ton 2 Mergenthaler In den Details wird das dann unterschiedlich ausbuchstabiert: Sie hat Schlangenhaar, sie hat einen furchtbaren Blick, das Gesicht ist irgendwie zu einer Fratze geschnitten, mit bleckenden Zähnen und heraushängender Zunge. Also ich würde sagen, wenn man das irgendwie psychologisieren wollte, in unserer moderne Welt, würde ich sagen das ist eine Entstellungserfahrung. Da begegnet uns etwas, das wir als menschlich in seinen Grundzügen erkennen, das aber so verzerrt verrückt entstellt ist, dass es auf mich selbst zurückfällt und mir Angst macht, sozusagen. Ich könnte selbst so aussehen und ich mich versichern möchte, dass ich nicht so aussehe. (…) Was ist das Monster eigentlich? Es ist ein Gegenüber, das aus der Norm fällt und das nicht deswegen verunsichert und dann eben zu Stein oder wie auch immer erstarren lässt. SPRECHER Ein Monster verlangt nach einem Helden. Die Medusa nach einem der berühmtesten Heroen in der griechischen Mythologie: Perseus, Sohn des Zeus, der sich in Gestalt eines Goldregens seiner Mutter Danaë genähert hatte. MUSIK SPRECHERIN Dem König von Argos war geweissagt worden, ein Sohn seiner Tochter Danaë würde ihm einst zum Verhängnis werden. Er setzt daher Danaë und ihren Sohn Perseus auf dem Meer aus. Die Götter aber retten beide, so dass sie auf einer Insel der Kykladen an Land gespült werden. Hier weckt Danaë die Begierde des Königs Polydektes. SPRECHERIN Der auch vor Drohungen und Erpressungen nicht zurückschreckt, als er Danaë nachstellt. Perseus und dem Fischer, der Mutter und Sohn bei sich aufgenommen hat, gelingt jedoch immer wieder Danaë zu beschützen. SPRECHER Dieser Perseus muss weg. König Polydektes verlangt daher von Perseus, ihm das Haupt der Gorgone Medusa zu bringen, das jeden, der es sieht, zu Stein verwandelt. Die Gorgonen sind gemäß der griechischen Mythologie drei Schwestern, Kinder des Meeresgottes Phorkys und seiner Schwester Keto. Drei geflügelte Schreckensgestalten, welche jeden, der sie erblickt, zu Stein erstarren lassen. ZITATORIN Der Gorgonen Geschlecht, jenseits des Okeanos wohnend, Hart an der Grenze der Nacht, bei den singenden Hesperiden, Stheino, Eurýale auch, und die jammervolle Medusa. Sie war sterblich allein, doch Tod so wenig wie Alter Kannten die zwo. SPRECHER Als echter Held macht sich Perseus natürlich sofort auf den Weg. O-Ton 3 Mergenthaler Allerdings tut er das nicht als Soloplayer, sondern wenn man so will, als Teamplayer mit Backup. Und das Backup ist göttlicher Natur. Das ist Athene, die ihm ein bisschen was mitgebracht hat - wichtige Items: ein Sichelschwert, die „Harpe“, ein Beutelchen, Säckchen wie auch immer die „Kibisis“ und das entscheidende, die „Aigis“, ein Schild. Sie hat einen Schild mitgebracht, der blankpoliert ist, in dem man ein Spiegelbild sehen kann. ZITATORIN Perseus trat an die Schlafenden heran, mit abgewandtem Gesicht in seinen ehernen Schild blickend, der ihm das Bild der Gorgo zeigte, und indem ihm Athene die Hand führte, schnitt er ihr das Haupt ab. g Schwert + MUSIK ENDE O-Ton 4 Mergenthaler Also das ist die die Erfolgsgeschichte von Perseus. Und da ist eben, dass das Spannende dran, dass damit eigentlich erst mal eine Medientheorie verbunden ist: Also das denkbar Schrecklichste, dem kann ich mich eigentlich nicht aussetzen, ohne zugrunde zu gehen. Ich kann ihm aber begegnen, wenn ich es medialisiere. Das heißt, wenn ich vermittelt draufschaue. Und das kann man bis in unsere Zeit eigentlich übertragen. SPRECHERIN Dokumentierte Grausamkeiten aus dem ukrainischen Ort Butscha, verstörende Bilder ungeheurer Zerstörung und Gewalt aus Gaza, unerträgliche Aufnahmen von Morden der Hamas… O-Ton 5 Mergenthaler Das ist entsetzlich, was wir da zu sehen haben. Wir gucken es aber an, auf dem TV-Bildschirm, auf dem Handy, und halten das irgendwie aus. Und so würde ich sagen das ist das ist das, was uns der der Mythos im Grunde für heute liefern kann: mit dem mit dem Entsetzlichen, mit dem Grauenhaften Können wir irgendwie umgehen, wenn es eingekastelt wird, nicht, wenn es auf einem kleinen Bildschirm ist, der jederzeit signalisiert: das ist nicht in echt, das ist eine Repräsentation des Schrecklichen. Und dann lässt sich das bearbeiten, bewältigen und aushalten in irgendeiner Form. Das ist also das sozusagen das medientheoretisch Interessante am Mythos. SPRECHER Mythos bedeutet zu erzählen. Aber warum erzählen wir? SPRECHERIN Indem wir erzählen, übernehmen wir die Kontrolle. Der Literaturwissenschaftler Volker Mergenthaler: O-Ton 6 Mergenthaler Ich kann etwas in eine Ordnung bringen, das Unstrukturierte, das Schreckenerregende dieses Gegenübers, kann ich in eine Ordnung übertragen, indem ich sie auf die auf die Spiegelfläche bringe oder indem ich sie in eine Erzählung überführe. Beides sind Formen der Medialisierung. beides sind Formen der Strukturierung und der Ordnung. Und insofern Mythos das Schreckliche erzählt und weiterträgt und transformiert ist es immer auch eine Form der Kontrolle der Rationalisierung. Von daher ist dieser Medialisierungskniff, den Perseus mit Hilfe der Athene vollzogen hat, eben mythos-theorethisch interessant, aber auch für ganz moderne Medientheorie immer noch ganz brauchbar. MUSIK privat Take 001 „Mercy In Darkness”; Album: Archangel; Label: Two Steps From Hell Athene nahm das Haupt der Gorgo in die Mitte ihres Schildes. SPRECHERIN Als Unheil abwehrendes magisches Schutz- und Schreckmittel schmückt das sogenannte Gorgoneion fortan Waffen, Wagen, Schiffe, Stadt-mauern, Amulette, Gewänder, Möbel und Sarkophage. SPRECHER Der abgeschlagene Kopf ist ein Zeichen, das Macht demonstriert. Das Ungeheuer ist besiegt - doch zugleich gegenwärtig. ((ZITATORIN Vor dem Anblick jedem stirbt des Lebens Hauch. SPRECHER Das Antlitz der Medusa behält seine Wirkung: Zunächst als bluttriefend hervorgezogenes Haupt und später als Abbild auf dem Schild. SPRECHERIN Die Enthauptung: blutige Machtdemonstration von Königen, Revolutionären und Terrorristen. )) SPRECHER Aber was genau speziell am Haupt der Medusa ist so schrecklich? Und: Wie ist dieses schreckliche Monster entstanden? ZITATORIN (geflüstert) accipe quaesiti causam. clarissima forma multorumque fuit spes invidiosa procorum illa, nec in tota conspectior ulla capillis pars fuit: inveni, qui se vidisse referret. hanc pelagi rector templo vitiasse Minervae dicitur: aversa est et castos aegide vultus nata Iovis texit, neve hoc inpune fuisset, Gorgoneum crinem turpes mutavit in hydros. nunc quoque, ut attonitos formidine terreat hostes, pectore in adverso, quos fecit, sustinet angues. (darüber) Höre den Grund des, was du erfragst. Obsiegend in Schönheit War der beneidete Wunsch zahlreicher Bewerber Medusa; Aber es fiel kein Teil an der ganzen Gestalt in das Auge Mehr, als das Haar. So hört' ich von manchen, die selbst es gesehen. Diese entehrt der Fürst des Meers, wie es heißt, in Minervas Tempel. (wegblenden) [Von hinnen gewandt hielt Iupiters Tochter die Aigis Vor ihr keusches Gesicht, und damit nicht fehlte die Strafe, Ließ sie der Gorgo Haar sich wandeln in scheußliche Hydern. Jetzt noch immer, mit Angst zu schlagen erbebende Feinde, Trägt sie vorn auf der Brust von ihr selber geschaffene Schlangen.] darüber SPRECHERIN Im ersten Jahrzehnt nach Christi Geburt erzählt auch der antike römische Dichter Ovid in seinem mythologischen Gedicht „Metamorphosen“ von Perseus und Medusa. MUSIK ENDE O-Ton 7 Grossi I Und eine Innovation des Ovid ist, dass er uns jetzt aber noch einen Hintergrund zu dieser Figur erzählt. Und zwar sei diese Gorgone, diese Medusa, nicht einfach immer schon ein Monster gewesen, sondern sie sei ursprünglich mal eine wunderschöne junge Frau gewesen, die sich vor männlichen Verehrern kaum retten konnte und vor menschlicher Aufmerksamkeit. SPRECHER Die Althistorikerin Giulia Grossi hat sich dem Medusa-Mythos aus feministischer Perspektive genähert. O-Ton 8 Grossi Und diese wunderschöne junge Frau war allerdings eine Priesterin der Athene, also der Göttin, die später ganz wesentlich zu ihrem Tod beiträgt. Und ja, diese ungewollte männliche Aufmerksamkeit ist leider ein Leitmotiv ihres Lebens, denn sie zieht eben die Aufmerksamkeit von Poseidon beziehungsweise Neptun, auf sich, dem Meeresgott. Und dem kann sie leider nicht entkommen. Denn der tut ihr sexualisierte Gewalt an, und zwar in dem Tempel der Athene. Und statt also ihrer Schutzbefohlenen zu Hilfe zu kommen, sieht Athene das als ein schweres Vergehen gegen sie selbst, gegen die Integrität dieser Göttin und der Integrität dieses Heiligtums. Und sie bestraft Medusa dafür, indem sie ihr ein furchtbares Aussehen verleiht eben durch beispielsweise das Schlangenhaar, was heute noch ein sehr bekanntes Motiv oder das bekannteste ikonografische Motiv der Medusa ist und sie eben gleichzeitig auf diese Insel verbannt. Und zudem noch diese schreckliche Gabe des ja das versteinernden Blickes, was diese arme Frau, zusätzlich auch noch isoliert, komplett. MUSIK privat Take 001 „Mercy In Darkness”; Album: Archangel; Label: Two Steps From Hell SPRECHERIN Medusa wird vergewaltigt und dafür auch noch bestraft, von der, die sie eigentlich beschützen sollte, ihrer Priesterin. SPRECHER Sie wird also keineswegs nur Opfer männlicher Gewalt, sondern zugleich auch des weiblichen Neids. ZITATORIN Meine Locken wanden sich wild in Wut, mein Bewusstsein klammerte sich fest am Hass, der Wunsch nach Rache erfüllte mich und ich begann mich an ihm zu nähren. Mein Haar verwandelte sich in Vergeltung zischende Vipern und meine Augen sahen die Welt in Stein. MUSIK ENDE O-Ton 9 Gross Wir wissen ganz genau, den Kontext, den politischen Kontext, den gesellschaftlichen Kontext, in dem Ovid schreibt. Und zwar ist es in dem ja ziemlich brisanten Zeitalter des Übergangs einer republikanischen Staatsform in eine monarchisch Staatsform der römischen Kaiserzeit, die eigentlich jetzt beginnt, also mitschreibt um die Zeitenwende der Herrschaft des Augustus, mit dem er ein sehr angespanntes Verhältnis hat. Und er macht gar kein Geheimnis daraus, dass Augustus in seinem Epos als quasi-göttliche Figur gleichgestellt wird. Und ein sehr wichtiges Thema, was sich durch die Metamorphose vor allem die ersten Metamorphosen-Bücher durchzieht, wo auch dieser Medusa-Mythos beziehungsweise Perseus-Mythos drin erzählt, ist die Ohnmacht der Menschen vor göttlicher Macht. Also alle Menschen sind dieser göttlichen Macht, der absoluten Willkür dieser olympischen Götter zu allen Zeiten unterworfen. Und was wir in diesem Epos ja auch sehen, ist, dass es keinerlei Konsequenzen für Athene gibt oder für Perseus, der ja der Held dieser Geschichte ist, und die soll es auch nicht geben. SPRECHERIN In der patriarchalen Weltordnung hat die Schönheit Medusas eine gewaltige Schattenseite: Sie provoziert männliches Begehren und sexualisierte Gewalt. Erst mit der Verwandlung ins schlangenhaar-bewehrte zornige Ungeheuer gewinnt Medusa Sicherheit. Zudem kann sich die Medusa jetzt mit ihrem versteinernden Blick…

    Full show notes at the publisher

    Die Küche - Zwischen Kochen und Kommunikation Jun 20, 2025
    Show notes

    Elektroherd und Wasserhahn, Kühlketten und Lebensmittelgeschäfte: Im 20. Jahrhundert musste niemand seine Butter mehr selber stampfen, Kleinstküchen setzten sich durch. In ihrer Mitte stand und waltete die Hausfrau - allein. Dabei waren Küchen einst wichtige Orte der Kommunikation. Und sind es heute wieder. Oder? Von Julie Metzdorf (BR 2023) CreditsAutorin dieser Folge: Julie MetzdorfRegie: Kirsten BöttcherEs sprachen: Caroline Ebner, Johannes Hitzelberger, Carsten FabianTechnik: Andreas LuckeRedaktion: Nicole Ruchlak Im Interview:Dr. Josef Straßer, Design-Experte Die Neue Sammlung – The Design Museum;Prof. Dr. Tilman Allert Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Stühle, Sessel, Schemel - Wie wir sitzenJETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO Bratpfanne + offener Kamin Musik 1: Greenhouse – 45 Sek ERZÄHLERIN Kochen macht schlau. Gekochte Speisen haben vor Hundertausenden von Jahren das Gehirnwachstum unserer Vorfahren gefördert und so zur Entwicklung des Homo Sapiens geführt – davon gehen jedenfalls Anthropologen aus. Denn Kochen, Garen, Sieden oder Schmoren ist eine Art Vorverdauung außerhalb des Körpers. Die in der Nahrung enthaltenen Nährstoffe können besser verwertet werden, bzw. der Verdauungsapparat muss weniger Energie investieren. Die kann stattdessen ins Gehirn wandern. ERZÄHLER Das Kochen erweiterte außerdem die Nahrungspalette unserer Vorfahren: es eliminiert Gifte und macht manche Pflanzen überhaupt erst genießbar. Vor allem aber dürfte das Kochen das Sozialverhalten der frühen Menschen entscheidend geprägt haben. Der Soziologe Georg Simmel wies schon vor mehr als 100 Jahren darauf hin: ATMOS Essen + Murmeln + Sektgläser ZITATOR A Georg Simmel (gest. 1918, zit. nach: Der Zeitgeist, Beiblatt zum Berliner Tageblatt von 1910) Von allem nun, was den Menschen gemeinsam ist, ist das Gemeinsamste: dass sie essen und trinken müssen. ATMO Feuerstelle + Musik 2: Prelude - 40 Sek ERZÄHLERIN Die Feuerstelle war wohl von Anfang an ein Ort der Gemeinschaft und der Kommunikation. Die ersten nachweisbaren Küchen der Menschheit stammen aus der Zeit um 8000 vor Christus und wurden in der Nähe von Jerichow gefunden: Es waren offene Feuerstellen, einfache Lehmöfen und Mahlsteine in den Innenhöfen strohgedeckter Lehmhütten. Vermutlich wurden sie von den Bewohnern der umliegenden Hütten gemeinschaftlich genutzt. Kochen und Essen, das Zubereiten und die Aufnahme der Nahrung, waren also eng miteinander verknüpft. Design-Experte Josef Strasser: 1 OT Josef Strasser: Anfänge Ganz ursprünglich war das sehr natürlich nicht getrennt, sie hatten ein Feuer, auf dem Feuer wurde gegart, und dann gab es bald auch schon die ersten Keramiktöpfe, in denen dann auch Flüssigkeiten gekocht worden sind, das war nicht getrennt, das war in Einem. ERZÄHLER Im Lauf der Zeit verlagerte sich das Kochen in den Innenraum. Eine Feuerstelle am Boden, später auf einem gemauerten Sockel, wurde Küchenstandard für Jahrhunderte: 2 OT Josef Strasser: Wärme Die Küche war das Zentrum, das Feuer liefert auch Wärme, und das war das Entscheidende, deswegen war das ein sehr zentraler und wichtiger Raum. ERZÄHLER Doch Kochen ist auch gefährlich. Genauer gesagt: offenes Feuer ist gefährlich. Regelmäßig kam es zu Feuersbrünsten, denen ganze Stadtviertel zum Opfer fielen. Selbst ohne Unfälle war die Luft in Räumen mit offenem Feuer schlecht. 3 OT Josef Strasser: Ruß Viele kennen noch den Begriff der Schwarzkuchl, also der schwarzen Küche, das kommt daher, weil das Feuer in dem Raum Rauch entwickelt hat, und der Rauch hat das Ganze geschwärzt, letztendlich war der Raum verrußt. ATMO Feuerstelle ERZÄHLERIN Die Mahlzeit köchelte in einem Kessel, der an einer Kette über der Flamme hing. Mithilfe eines Kesselhakens konnte die Temperatur geregelt werden: Einen Zahn zulegen hieß, die Temperatur zu erhöhen. Der aufsteigende Rauch zog über Öffnungen im Dach ab, er konservierte das Gebälk, wehrte Ungeziefer ab und konnte immerhin zum Räuchern benutzt werden. Der Jurist und Historiker Justus Möser beschrieb 1767 in den „Osnabrückischen Intelligenzblättern“: Weiter Atmo Feuerstelle + Baby + Kessel + Kuh ZITATOR B Justus Möser (vom niedersächsischen Landesarchiv frei zur Verfügung online gestellt) Der Herd ist fast in der Mitte des Hauses und so angelegt, dass die Frau, welche bei demselben sitzt, zu gleicher Zeit alles übersehen kann. Ohne von ihrem Stuhle aufzustehen, übersieht die Wirtin zu gleicher Zeit drei Türen, dankt denen die hereinkommen, heißt solche bei sich niedersetzen, behält ihre Kinder und Gesinde, ihre Pferde und Kühe im Auge, hütet Keller, Boden und Kammer, spinnet immer fort und fort dabei. ERZÄHLER Für die einfache Bevölkerung blieb die Feuerstelle jahrhundertelang der Mittelpunkt des Hauses. Privilegierte Stände konnten die Küchenarbeit ans Personal delegieren und räumlich ausgrenzen. In Burgen, Schlössern oder Klöstern befand sich die Küche normalerweise in einem eigenen Wirtschaftsbau oder Küchenflügel, in bürgerlichen Haushalten im hinteren Teil der Wohnung. Die repräsentativen Räume blieben so rauch- und geruchfrei. ERZÄHLERIN Zum Heizen der Häuser setzten sich ab dem späten Mittelalter Kachelöfen durch. Sie standen in der Wohnstube und wurden von der Küche aus befeuert, der Raum mit dem Kachelofen selbst blieb rauchfrei. Damit war erstmals ein und derselbe Raum warm und rauchfrei. 4 OT Josef Strasser: Kachelofen Kachelofen ist mehr im Wohnbereich, die großen Gebäude mussten ja geheizt werden und dann gab es halt den Kochherd, die Küche, die meistens abgetrennt war. Da muss man natürlich schauen in welcher sozialen Ebene befinden wir uns. Das sind natürlich Unterschiede, ob ich ein kleines Haus habe mit einer kleinen Küche oder ob ich ein riesiges Schloss habe mit einer extra ausgestalteten Küche. ERZÄHLER Ausgenommen die Ärmsten unter den Armen, basierte der vormoderne Haushalt auf dem Prinzip der Vorratswirtschaft. Die meisten Güter wurden nicht als fertige Produkte gekauft, sondern im Haus selbst produziert: Man buk Brot und schlug Butter, es wurde geschlachtet, geräuchert und gepökelt, Wurst und Marmelade gekocht, man kelterte womöglich eigenen Wein, auch Kerzen wurden gezogen, Flachs zum Spinnen bearbeitet, Seife gekocht. „Betriebsleiterin“ war die Hausmutter. Diese Art des Wirtschaftens änderte sich im 19. Jahrhundert zunehmend mit der beginnenden Industrialisierung. Musik 3: The heroic weather-conditions of the universe, Part 2: Smoke / Fire - Z8034868 107 – 53 Sek ERZÄHLERIN Im Zuge der Industrialisierung entstand die Kleinfamilie: junge Männer und Frauen verließen den ländlichen Hof und die Großfamilie und arbeiteten in der Stadt in einer Fabrik, gelebt wurde in kleinen, meist dunklen Mietwohnungen, erst allein, dann mit Frau und Kindern. Für Brot und Wurst sorgten in den Städten nun Bäcker und Metzger. Auch vieles anderes konnte man nun einfach kaufen. Niemand musste mehr Butter stampfen oder Seife kochen. Die Küchen konnten kleiner werden. Und andersherum: man brauchte kleine Küchen: 5 OT Josef Strasser - Landflucht + Separierung Natürlich ist es in erster Linie die Wohnungsnot, durch die Landflucht, durch die Überbevölkerung der Städte, und in diesem Zusammenhang entstanden auch die sozialen Wohnungsbauprogramme. Und die große Reform war dann, dass man versucht hat, für möglichst viele Leute preiswerten Wohnraum zu schaffen, und dass dieser Wohnraum natürlich beengt war, liegt auf der Hand und aus dem Grund so hat sich da eine Neuentwicklung ergeben, dass man die Küche separiert hat. Statt eines Raumes, in dem alles integriert war, entstanden nun quasi zwei Zellen, du hast auf der einen Seite den eigentlichen Arbeitsraum, die Kochküche, auf der anderen Seite das Esszimmer. Musik 4: The king’s tulips – 37 Sek ERZÄHLER Voraussetzung für kleinere Küchen, in denen man nicht sofort am Ruß erstickte, war die Eliminierung des offenen Feuers. Der Architekt Francois de Cuvilliés der Ältere. baute in München nicht nur ein schickes Hoftheater, er erfand 1734 auch den Vorläufer unseres modernen Vierplatten-Herds, den sogenannten „Castrolherd“, von französisch „casserole“, Kochtopf. Für die kleine Amalienburg im Nymphenburger Schlosspark in München bedeckte er einen geschlossenen Feuerkasten mit einer durchlöcherten Eisenplatte. Die Brandgefahr verringerte sich erheblich. ERZÄHLERIN Benjamin Thompson alias Graf Rumford entwickelte – übrigens ebenfalls in München – die Sache weiter und leitete die Hitze des Feuers durch mehrere Kanäle gezielt an verschiedene Stellen der Herdplatte. Anfangs nur für wenige Wohlhabende erhältlich, verdrängten solche geschlossenen Herde nach und nach das offene Feuer aus den Häusern, die Küchen wurden rußfrei. ERZÄHLER Während der Industrialisierung wuchsen in Europa die Städte rasant an, für Arbeiter wurden große Siedlungen gebaut. 6 OT Josef Strasser – klein + Siedlungsbau Die soziale Frage hat sich ja überall in den Industriestaaten gestellt, England sowieso aber auch in Österreich oder Frankreich aber insbesondere auch in Deutschland und Frankfurt ist so ein großes Paradebeispiel, dass man einfach zehntausende von Wohnungen geschaffen hat. Musik 5: „Himmelspforte“ – 17 Sek ERZÄHLER Die Küchen für die Siedlungen in Frankfurt sollte Margarethe Schütte-Lihotzky gestalten, eine junge österreichische Architektin. Das Ergebnis ging in die Geschichte ein: die sogenannte „Frankfurter Küche“ von 1926 wurde zur Mutter aller Einbauküchen. 7 OT Josef Strasser - Taylorismus + Spüle Man muss aber ein bisschen zurückgehen in der Geschichte, es gab so Bestrebungen bereits im 19. Jahrhundert, ganz wichtig sind da die USA, auch die Frauenbewegungen, dass man sich gedacht hat, wie kann ich das Leben einfacher machen, also rationeller organisieren, … es gab ja diesen Taylorismus, die Rationalisierung in der Industrie und man versucht, das aufs Wohnen, aufs Private zu übertragen, also wie organisiere ich Arbeitsabläufe. ERZÄHLERIN Die Frankfurter Küche sollte vor allem preiswert und deswegen möglichst klein sein. Als Vorbild dienten der jungen Architektin die Speisewagenküchen der Eisenbahn, in denen bei einer Spurweite von etwas mehr als 1,40 Meter naturgemäß sehr platzsparend gekocht werden musste. 6,5 Quadratmeter Grundfläche hatte die Frankfurter Küche. Schränke, Herd, Arbeitsflächen und Spüle waren an den Wänden angeordnet, die Mitte blieb frei bzw. dort stand die Hausfrau und konnte mit wenigen Handgriffen rundum agieren. Platz für eine zweite Person im Raum gab es nicht. Es war eine Arbeitsküche. Ein Tisch hätte da nur gestört, gegessen wurde fortan in einem separaten Ess- oder Wohnzimmer. 8 OT Josef Strasser - Abtrennung Ein großer Vorteil ist die Hygiene, dass ich einen Raum habe, in dem ich Speisen zubereite und in dem Raum keine anderen Dinge mache, Kinder spielen und das zweite sind die Gerüche, die beim Kochen entstehen, auch Geräusche natürlich, dass das getrennt war, dass das weg war vom Wohnbereich. ERZÄHLER Doch die Küchen für die Arbeitersiedlungen sollten nicht nur klein sein. Sie sollten der Hausfrau die Küchenarbeit erleichtern und Zeit sparen. Margarethe Schütte-Lihotzky untersuchte daher die Bewegungsabläufe und versuchte sie zu optimieren. Musik 6: Gimme that shimmy – 42 Sek ERZÄHLERIN Ein höhenverstellbarer Drehstuhl sorgte für die optimale Position je nach Tätigkeit, Fenster ließen sich öffnen, ohne erst irgendwas wegräumen zu müssen, Küchenabfälle konnte mit einer Wischbewegung von der Arbeitsfläche direkt in eine Abfallrinne gewischt werden, war sie voll, konnte man sie wie eine Schublade herausziehen und entleeren. ERZÄHLER Oder das Bügelbrett: Es wurde mit einem Griff von der Wand heruntergeklappt und mit der Brettspitze auf den gegenüberliegenden Spülschrank aufgesetzt, es hatte also weder störende Füße, noch musste man es umständlich rein- und raustragen. 9 OT Josef Strasser - Abtropfen Wie mache ich das beispielsweise beim Spülen, dass ich nicht die Hände übergreifen muss, sondern ich hab die linke Hand, mit der halte ich das Geschirr mit der rechten spüle ich und ich lege es dann auch wider auf der linken Seite ab und nicht auf der rechten Seite. Es ging auch darum, dass man das Geschirr abtropfen ließ, sie hat ein Abtropfgestellt erdacht, um sich das Abtrocknen zu ersparen. ERZÄHLERIN Die Frankfurter Küche war ganz im Geist der Frauenbewegung entstanden. Schütte-Lihotzky war eine der ersten Architektinnen überhaupt, Frauen durften in Österreich erst Ende des 19., in Deutschland gar erst Anfang des 20. Jahrhunderts Architektur studieren. Dass sich die junge Vorreiterin nun ausgerechnet auf die Planung einer Küche stürzte, klingt nach einem Klischee, hatte aber Gründe: 10 OT Josef Strasser - Architektinnen Ein Mann, ein Architekt denkt sich die Küche so und so, da er nicht in der Küche arbeitet, hat er auch nicht diese Arbeitsabläufe intus. Um die Arbeitsabläufe zu verbessern, muss man sich halt einfach mal damit beschäftigen oder sich damit auskennen. Und deswegen liegt es ein bisschen auf der Hand, dass Frauen als Architektinnen da einen anderen Blick haben als Männer. ATMO Braten ERZÄHLER Die Frankfurter Küche war eine Küche von Frauen für Frauen. Doch vor allem aus konservativen Kreisen gab es von Anfang an Kritik. Sonntags dürften die Kinder aus der Nachbarschaft Puppenküche darin spielen, witzelte man angesichts der geringen Ausmaße der Küche. In der Tat war die Umgewöhnung natürlich enorm. Die Frau – die seinerzeit nun mal fast ausschließlich in der Küche stand – wurde hier zum Zentrum einer Art Maschine, die sie erst bedienen lernen musste. ERZÄHLERIN Von der Frankfurter Küche selbst wurden nur etwa 12.000 Exemplare gebaut – nicht viel angesichts des rasanten Anstiegs der Bevölkerung in jener Zeit. Und trotzdem: Die Idee Einbauküche setzte sich in Stadtwohnungen durch; die Frankfurter Küche war der Urtyp aller Einbauküchen. 11 OT Josef Strasser - Erfolg Sie hat eine große Wirkung gehabt, hat das Leben vereinfacht, Arbeit erspart, Zeit erspart und damit natürlich auch die damit verbundenen Kosten. Musik 7: Urgem X – 35 Sek ERZÄHLER Seit den 50ern wuchs parallel auch die Zahl der elektrischen Geräte in den Küchen: Toaster, Eierkocher, Rührgerät, Brotschneidemaschine, Waffeleisen, Mikrowelle: Die Küche wurde nach und nach zum Maschinenpark. In den 60ern hielt der elektrische Kühlschrank Einzug, dazu Fertigprodukte, Dosen und Brühwürfel. Das Leben der Hausfrau wurde in mancherlei Hinsicht tatsächlich einfacher. Wäre da nicht dieses eine Problem gewesen: 12 OT Josef Strasser - Ironie Man will das Beste, Rationalisierung, Arbeit sparen, Kräfte sparen, so dass die Frau Zeit gewinnt, für andere Tätigkeiten und was passiert: Isolierung. ERZÄHLERIN Die Kleinstküche wurde zunehmend als Hausfrauenknast gesehen, der Frauen eben nicht befreit habe, sondern in ihrem Kochlabor gefangen hielt, an den Rand der Wohnung gedrängt und vom Esszimmer und dem Rest der Familie getrennt. Um Wege zu verkürzen, baute man Durchreichen, ein Bedienfenster, damit das Essen auch ja warm auf den Tisch kam. ERZÄHLER Ende der 70er kam Bewegung in die Küchenfrage: Der Designer Otl Aicher, Mitbegründer der Hochschule für Gestaltung in Ulm war eine Art Star-Designer seiner Zeit, unter seiner Federführung wurden die Olympischen Sommerspiele in München in Regenbogenfarben gestaltet. Aicher war nicht nur ein Genussmensch, er kochte auch selbst gern. Als er den Auftrag zur Gestaltung einer neuen Küche bekam, begab er sich erstmal auf Recherchereise. Musik 8: With Compliments – 45 Sek ERZÄHLERIN Ein Jahr lang besuche er verschiedene Spitzen-Restaurants in Europa und teilweise in den USA und analysierte die dortigen Küchen. Denn von wem könnte man besser etwas über Küchen lernen als von Profis? Das Ergebnis: Aicher begriff Küchen als Orte der Kommunikat…

    Full show notes at the publisher

    Meditation und Krisen - Wenn der Blick nach innen zu intensiv wird Jun 19, 2025
    Show notes

    Meditation als Möglichkeit zur Entspannung ist sehr beliebt und mit Apps und Videos gibt es viele kostenlose Angebote. Doch beim Blick nach innen und der Konzentration auf sich selbst, können auch Gefühle, Gedanken, Krisen und Traumata zum Vorschein kommen, mit denen man nicht gerechnet hat. Von Eva DeinertCreditsAutorin dieser Folge: Eva DeinertRegie: Kirsten BöttcherEs sprachen: Berenike Beschle, Peter Veit, Jenny GüzelTechnik: Regine ElbersRedaktion: Yvonne Maier Im Interview:Dr. Ulrich Ott, Dr. Liane Hofmann, beide Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene e. V. Prof. em. Dr. Michael von Brück, Religionswissenschaftler Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Meditation - Übung mit tiefem SinnJETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: nah dran - die Geschichte hinter der NachrichtWorüber wird in dieser Woche alles gesprochen? Nah dran bietet euch immer freitags die Hintergründe zum Thema der Woche, persönlich, verlässlich und verständlich. JETZT ENTDECKEN Wie wir ticken - Euer Psychologie PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.Wie wir ticken – Euer Psychologie Podcast Linktipps: Mehr über die Beratungsstelle von Dr. Ulrich Ott und Dr. Liane Hofmann am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) HIER Hofmann, L., & Ott, U. (27. Februar 2024). Beratung bei spirituellen und meditationsinduzierten Krisen [Video]. YouTube Literatur: Hofmann, L. & Ott, U. (2024): Themenschwerpunktausgabe "Spirituelle und meditationsinduzierte Krisen". Zeitschrift „Bewusstseinswissenschaften – Transpersonale Psychologie und Psychotherapie“, 30(2). Hofmann, L. & Heise, P. (Hrsg.) (2017). Spiritualität und spirituelle Krisen. Handbuch zu Theorie, Forschung und Praxis. Stuttgart: Schattauer/ Klett-Cotta. von Brück, M. (2025): Wie wir Menschen werden. Anthropologie für die Zukunft. Interkulturelle Entdeckungen, Herder Verlag. Sedlmeier, P. (2016). Die Kraft der Meditation. Was die Wissenschaft darüber weiss. Rowohlt. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadiowissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Willkommen zu deiner Meditation. Nimm dir einen Moment Zeit, um anzukommen. Such dir einen Ort, an dem du für die nächsten Minuten ungestört sein kannst. Setz dich bequem hin – aufrecht, aber entspannt. Lass deine Schultern sanft sinken… und schließ, wenn du möchtest, langsam die Augen. „Spür den Boden unter dir. Spür, wie dein Körper getragen wird. Und dann… richte deine Aufmerksamkeit auf deinen Atem. Ein… und aus.“ SPRECHERIN (ab kursivem Text drüber) So beginnen viele Meditationsvideos, die es millionenfach im Internet auf YouTube oder in Apps zu finden gibt. Laut einer Umfrage des Statistik-Portals Statista hat fast jede bzw. jeder vierte Deutsche eine Meditationsapp auf dem Handy. Meditieren ist nicht mehr nur ein Trend, es ist ein Massenphänomen geworden. Viele meditieren, um Stress loszuwerden, Probleme zu bewältigen, besser zu schlafen, ruhiger und entspannter zu werden oder sich selbst besser kennenzulernen. Und die Wissenschaft gibt ihnen erstmal Recht: Studien zeigen, dass Meditation Stress reduzieren kann – unter anderem durch die Senkung des Stresshormons Cortisol. Oder dass Meditieren bei depressiven Verstimmungen zu einer Besserung und zur emotionalen Resilienz beitragen kann. Auch das Immunsystem profitiert von Meditation und wird dadurch nachweislich gestärkt . Bei Meditierenden verändert sich außerdem das Gehirn in den Bereichen, die für Emotionen und Aufmerksamkeit zuständig sind, es steigert also die Konzentration. Und wer meditiert, schläft besser, weil Meditieren das sogenannte "Gedankenkarussell" reduzieren kann, was viele Menschen vom Einschlafen abhält. MUSIK wird dunkler SPRECHERIN Im Internet tauschen sich Meditierende über ihre Erfahrungen aus. Zum Beispiel in offen einsehbaren Foren wie Reddit. Dort finden sich auch Erfahrungsberichte wie diese – die von einem scheinbar anderen Effekt erzählen. ZITATOR Ich habe seit Wochen einen sehr starken Druck auf der Brust und damit einhergehende Angstgefühle, wenn soziale Events bevorstehen. Habe deswegen angefangen, geführte Meditationen von Mady Morisson [auf Youtube] zu machen. Die ersten Male waren der Hammer und ich habe mich danach sehr befreit gefühlt. Das ist jetzt nach dem 5. - 6. Mal leider umgeschlagen und ich wurde beim Meditieren noch unruhiger, als ich es vorher war. Das hat heute seinen Höhepunkt gefunden, ich habe währenddessen Atemnot und Herzklopfen bekommen, weil ich so durch den Wind war. Jetzt fühle ich mich einfach nur sehr ausgelaugt und abgestumpft. SPRECHERIN Diplompsychologin Dr. Liane Hofmann vom Institut der Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg beschäftigt sich mit genau solchen Fällen und kennt die Phänomene, die für viele Menschen überraschend und unerwartet sind: ZSP 1 Hofmann: Aufhebung der Verdrängungsschranke Also insgesamt bringt die Meditation eben als erster Effekt erst mal diese Aufhebung der Verdrängungsschranke. Und es kommt ganz viel Material, auch in die Psyche, mit dem man dann umgehen muss, das man verarbeiten muss. Das ist eine der ersten Wirkungen. SPRECHERIN Liane Hofmann beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit dem Thema spirituelle Entwicklung und ihre möglichen Krisen. Die Verdrängungsschranke ist ein Begriff aus der Psychologie und beschreibt eine Art inneren Schutzmechanismus für unser Bewusstsein, der dafür sorgt, dass schmerzhafte Erinnerungen, unangenehme Gefühle und Traumata erstmal im Unbewussten bleiben und uns nicht im Alltag überwältigen. Meditation kann dazu führen, dass diese Verdrängungsschranke weicher wird und diese Inhalte manchmal plötzlich ins Bewusstsein dringen. Das kann ganz individuell sowohl als befreiend als auch beunruhigend empfunden werden. MUSIK ENDE SPRECHERIN Um zu verstehen, was bei Mediation also schieflaufen kann, muss man erstmal erklären, wie Meditation genau funktioniert. Meditation gibt es in vielen unterschiedlichen Praktiken und Formen: Zum Beispiel Atemmeditation, die sich auf das Ein- und Ausatmen konzentrieren, Achtsamkeitsmeditationen oder „Mindfulness“, die neben dem Atem auch andere Körperempfindungen beobachten. Zen-Meditationen, also das Sitzen in der Stille, mit dem Fokus auf das Atmen und „nicht-Denken“. Im östlichen Christentum wird das Herzensgebet rezitiert, also ein Satz mantraartig wiederholt, um den Geist zu konzentrieren. Auch Fasten und Schweigerituale gehören dazu. Dynamische Formen sind Gehmeditationen, QiGong oder auch Yoga-Praktiken. Ihren Ursprung haben viele davon: in der Religion. ZSP 2 von Brück: in allen Religionen bewusstseinserweiterungen Wir haben in allen Kulturen, in allen Religionen Techniken der Bewusstseinsbeeinflussung, Bewusstseinserweiterung gegenüber dem alltäglichen Bewusstsein. SPRECHERIN Der Theologe Michael von Brück ist emeritierter Professor der Religionswissenschaften der Ludwig-Maximilians-Universität München und Zen- und Yogalehrer. Er hat lang Meditationsformen in verschiedenen Religionen untersucht. ZSP 3 von Brück: jenseits Horizont Das wird dann in den Religionen natürlich mit dem Wunsch oder so möchte ich mal verknüpft, einen Erfahrungsbereich zu erreichen, der jenseits des alltäglichen, raumzeitlichen Gefühls, zweckorientierten Denkens, ich muss immer dies oder das tun, einen Horizont erweitert, in dem dann eben die religiösen Erfahrungen und die religiösen Erlebnisse möglich sind. SPRECHERIN Gäubige, die meditieren, haben über die Religionen hinweg einiges gemeinsam: ZSP 4 von Brück Ziel von Meditation Das Ziel tiefer in das, was ist eigentlich der menschliche Geist, was ist unser Leben, das kann doch nicht alles sein, sondern was ist eigentlich hinter dem allen. Daran zu kommen, nicht nur durch den Gedanken, sondern durch eine tiefe psychosomatische Erfahrung, das ist das Ziel der ganzen Geschichte, wobei noch dazukommt, dass viele dieser Rituale und der Techniken, die ich eben erzählt habe, in Gemeinschaft stattfinden. Also etwa das Trommeln, das Tanzen, aber auch das Meditieren, selbst das Sitzen im Schweigen, geschieht in Gemeinschaft und schafft eine Art von Kommunität, gemeinsamer Sicherheit auch, die für Menschen, die natürlich Angst haben, Angst vor dem Leben, Angst vor dem Sterben, ganz bedeutend ist und ganz starke heilende Wirkung haben kann. MUSIK SPRECHERIN Heute hat sich Meditation verändert: viele Menschen fangen nicht aus religiösen Gründen damit an. Sie wollen aber von den positiven Effekten, die Meditation haben kann, profitieren - der Beeinflussung des Bewusstseins und der positiven, heilenden Wirkung auf den Körper. Dr. Ulrich Ott ist Psychologe und Meditationsforscher am Institut der Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg und kennt weitere Gründe. ZSP 5 Ott: Motive zur Meditation bis Instrospektion So die wichtigsten sind erst mal die Entspannung und die Stressreduktion. Das ist auch oft eine Einstiegsmotivation. Dann die Steigerung der Konzentrationsfähigkeit und Leistungsfähigkeit generell. Die Selbsterforschung, also die eigenen Motive zu ergründen, sich so Introspektion zu betreiben, wer bin ich eigentlich, was will ich eigentlich in meinem Leben. SPRECHERIN Wer lernen möchte, sich besser zu entspannen und gelassener mit Stress umzugehen, sucht also die Möglichkeit, seine mentale Gesundheit sozusagen zu trainieren. Viele Gesundheits- und Fitnessinfluencer preisen auf Social Media daher Meditation für dieses Ziel an. Bei anderen steckt vielleicht ein Leidensdruck dahinter: ZSP 6 Ott: Motive zur Meditation – Umgang mit Problemen. Ein sehr großes Motiv ist auch der Umgang mit Problemen. Das können Schmerzen sein, belastende Gefühle, zum Beispiel nach Trennung oder auch körperliche Erkrankungen, die mit Beschwerden einhergehen. Und dann haben Sie den ganz großen Bereich der spirituellen Zielsetzungen, wo es um spirituelle Erfahrungen geht, mystische Erfahrungen bis hin zu Befreiungen, sehr tiefer Selbsterkenntnis in der Meditation. Also von Entspannung bis Erleuchtung haben Sie sozusagen ein Spektrum von Motiven, warum Menschen anfangen zu meditieren. SPRECHERIN Wie Meditation auf Körper und Gehirn wirkt, ist unabhängig von der Art der Praxis. Ulrich Ott erklärt diesen überraschenden Fakt so: ZSP 7 Ott: Die Aufmerksamkeit nach innen wenden Also was Sie beschreiben können, ist, dass wir normal im Alltag ja sehr geschäftig sind und mit vielen Dingen aus der Außenwelt uns beschäftigen und in der Meditation wenden sie ja die Aufmerksamkeit nach innen. und nehmen erst mal unseren Körper wahr. Der hat sehr viele wichtige Quellen von Emotionen, von Gefühlen, von unserem Seinsgefühl. Und damit nehmen Sie Kontakt auf. Also vieles, was unbewusst ist, was unterhalb einer Wahrnehmungsschwelle ist im Alltag, was aber die ganze Zeit da ist. Sie atmen ja die ganze Zeit. Ihr Herz schlägt die ganze Zeit. Sie haben ein Gefühl, wie es Ihnen geht im Bauch, ein Bauchgefühl. Zu diesen Quellen finden Sie einen Zugang. Und da sind eben nicht nur körperliche Empfindungen, sondern auch viele tiefe Gefühle zu Hause. Zum Beispiel eine Wut im Bauch oder eine alte Trauer oder eine Verletzung im Herzen. Und die werden dann wieder wahrnehmbar. SPRECHERIN Und das ist ja auch so gewollt in der Praxis der Meditation: Die bewusste Beschäftigung mit sich selbst, raus aus dem Alltag. Dabei kann schon bewusstes Atmen ausreichen, um eine Brücke zu bilden zwischen Bewussten und Unbewussten. Und diese Brücke führt dann hinter die Verdrängungsschranke - also hinter diese Barriere, die im Alltag dafür sorgt, dass Dinge häufig im Unbewussten bleiben. Was dort wohnt, kann dann auftauchen. ZSP 8 Hofmann: Ganz weit zurückreichen in die frühe Kindheit Das können Bilder sein, das können Gefühlszustände sein, Impressionen sein. Die können aus ganz frühen Zeiten kommen oder aus aktuellen Situationen heraus entstehen. Und manchmal ist das bekannt und man hat einen Bezug dazu. Aber manchmal tauchen da auch Gefühle und Eindrücke auf, wo man gar nicht weiß, wo kommt das eigentlich her. Das kann ganz weit zurückreichen in die frühe Kindheit. SPRECHERIN Für manche Menschen ist das nicht überraschend, sie kennen diese Wirkung von Meditation. Andere Menschen sind irritiert, wenn solche Bilder, Gefühle und Gedanken auftauchen und für sie ist es nicht einfach, damit umzugehen. Laut einer Untersuchung einer Arbeitsgruppe, an der auch Forschenden der Charité Berlin beteiligt waren, haben 22% der Meditierenden schon mindestens eine unangenehme Erfahrung erlebt beim Meditieren. 13% berichten sogar von einem negativen oder schädlichen Effekt, sie waren gesundheitlich beeinträchtigt oder brauchten Unterstützung. Welche Erfahrungen als unangenehm wahrgenommen werden, ist höchst individuell. Ulrich Ott: ZSP 9 Ott: sensorische Deprivation - innere Bilder dass Sie merken, da sind ungewöhnliche Empfindungen im Körper, vielleicht auch energetische Empfindung, das wird sehr oft berichtet, dass man irgendwo Energieströme oder Wirbel im Körper spürt, das ist am Anfang so. Es kann auch sein, dass sie mit geschlossenen Augen Lichterfahrungen haben, dass die Farben sehen. Das ist zum Teil einfach eine Wirkung der sensorischen Deprivation, das heißt dieses Rückzugs der Sinne aus der Außenwelt. Ja, dann sinken die Reizschwellen fürs Feuern im Gehirn und dann kann sein, dass sehr viel spontane innere Bilder auftauchen. SPRECHERIN Meditierende wollen bewusst die äußeren Reize, die Hektik, die Informationsflut, den Alltagsstress reduzieren und praktizieren in der Regel auch in einer ruhigen, geräuscharmen Umgebung möglichst ohne Störungen - das ist die Sensorische Deprivation. Das Gehirn hat dann weniger Input von außen – und beginnt, die inneren Wahrnehmungen hochzufahren. Körperempfindungen werden intensiver, z.B. nimmt man den Atem lauter wahr oder der Herzschlag wird spürbarer. Gedanken und Emotionen drängen sich deutlicher auf. Diese erhöhte Empfindsamkeit ist ein Zeichen der gesteigerten Wahrnehmung und ein natürlicher Effekt davon, dass die Aufmerksamkeit fokussiert wird. Das Nervensystem nimmt jetzt auch schwache Reize viel schärfer wahr. ZSP 10 Hofmann: Hypersensibilität Und das wird so stark, dass die Leute dann sagen, ich kriege viel mehr mit von meinen eigenen Zuständen und die sind zuweilen schwer zu ertragen. Oder ich bin auch empathischer geworden. Ich kriege mehr mit von den Stimmungen von anderen Menschen. Und das wirkt dann auf Dauer überwältigend. SPRECHERIN Hypersensibilität nennt das die Wissenschaft. Liane Hofmann und Ulrich Ott berichten, dass diese Nebenwirkung häufig beschrieben wird von den Anrufern in ihrer Beratungsstelle in Freiburg. Am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene beraten sie Menschen bei spirituellen und meditationsinduzierten Krisen. Viele beschreiben, dass sie ein gesteigertes Mitgefühl erleben, Stimmungen stärker wahrnehmen, als ständen ihre Antennen permanent auf Empfang. Also: Innere Bilder und alte Gefühle, die auftauchen, das bewusste Wahrnehmen von sonst normalen oder automatischen Prozessen im Körper und Hypersensibilität sind Wirkungen von Meditation, die irritieren und herausfordern können. Aber es gibt auch noch tiefergehende Krisen, die bei intensiver Praxis auftreten können. ZSP 11 Ott: Depersonalisation dann kann es auch dazu kommen, dass Sie so Ihre alten Rollen, Verständnisse und Denken, was Sie immer dachten, wer Sie sind und wie Sie sind, dass das hinterfragt wird. dass si…

    Full show notes at the publisher

    Indigene in Südamerika: "Wir sind seit 500 Jahren im Widerstand" Jun 18, 2025
    Show notes

    Mit der Konquista Südamerikas begann auch die Geschichte des indigenen Widerstands. Doch die Ausgangspositionen und die Strategien konnten unterschiedlicher nicht sein. Zuerst gegen Besetzung, Sklaverei und Zwangsarbeit in den Minen. Heute gegen Landraub, Extraktivismus und manchmal ums pure Überleben. Autorin: Ulrike Prinz (BR 2025)Credits Autorin dieser Folge: Ulrike Prinz Regie: Irene SchuckEs sprachen: Christian Baumann, Thomas Birnstiel, Silke v. Walkhoff, Peter VeitTechnik: Lorenz KerstenRedaktion: Thomas Morawetz Eine besondere Empfehlung der Redaktion: Atahualpa - Der letzte König der Inka Das Gold der Inka weckte die Gier der spanischen Konquistadoren. Der Inkakönig Atahualpa konnte sich zunächst nicht vorstellen, wozu die Eindringlinge in sein Reich fähig waren. Von Frank Halbach Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir: ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadiowissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLER: Die Jahre der Präsidentschaft des rechtsextremen Jaír Bolsonaro von 2019 bis 2023 waren für Brasiliens Indigene harte Zeiten: Er erkannte keinen Zentimeter der Territorien an, die ihnen rechtlich zustehen und der Umweltminister nutzte die Gunst der Stunde der Corona-Pandemie, um die Vorschriften zu lockern und den Regenwald weiter abzuholzen. Während der Corona-Pandemie wurden den Indigenen Hilfsmittel und Krankentransporte verweigert und die Behörde, die eigentlich zu ihrem Schutz eingerichtet worden war, besetzte Bolsonaro mit einem Evangelikalen Missionar. Der wollte die in „freiwilliger Isolation“ lebenden Völker während der Pandemie kontaktieren. Was aufgrund fehlender Antikörper ihren sicheren Tod bedeutet hätte. In letzter Minute schritt das Bundesgericht ein und schützte ihr Leben. MUSIK 1 "Toyos" ERZÄHLER: Dennoch betrachten die Indigenen das Mandat Bolsonaros nur als eine weitere Etappe in ihrem Widerstandskampf, den sie seit über 500 Jahren führen. MUSIK 2 "Who is Riley" - Aporia (Original Motion Picture Soundtrack) - Komponist und Ausführender: H. Scott Salinas - Länge: 0'43 ERZÄHLER: Im Jahr 1542 befand sich eine Brigantine auf dem Rio Marañón flussabwärts. Sie war bemannt mit 57 Soldaten, bewaffnet mit Armbrüsten und Schießpulver. Sie stand unter Befehl von Francisco Orellana, der einen befahrbaren Weg zur Amazonasmündung suchte. Doch dafür brauchte er Proviant. Um ihren Hunger zu stillen, überfielen seine Männer die am Ufer liegenden Dörfer. Und während sich die Indigenen „in Luft auflösten“, versorgten sich die sogenannten „Entdecker“ mit Maniokbrot und allen Nahrungsmitteln, derer sie habhaft werden konnten. MUSIK 3 "The Hunters" - Album: The Last of Us Original Score - Komponist: Gustavo Santaolalla - Länge: 0'30 ERZÄHLER: Doch je breiter der Fluss wurde, umso größer wurden die Siedlungen der Indigenen, und sie begannen sich zu wehren. Etwa zwischen den Zuflüssen des Río Madeira und des Rio Tapajóz waren die Angriffe so stark, dass der Chronist der Reise, der Dominikanerpriester Gaspard de Carvajal, sich das nur durch die Autorität von „Amazonen“ erklären konnte. Am 24. Juni 1542 notiert Carvajal in seinem Bordtagebuch: Musik 4 "Heaven #5 (Dost Thou Not Fear God)" - Album: The Phoenician Scheme (Original Score) - Komponist: Alexandre Desplat ZITATOR: „Ich möchte, dass Sie wissen, warum sich diese Indianer so sehr verteidigten. Sie sind nämlich Untergebene und Tributpflichtige der Amazonen, und nachdem sie von unserer Ankunft erfahren hatten, baten sie diese um Unterstützung und es kamen 10 oder 12, die wir sahen, sie kämpften allen voran als Anführerinnen so tapfer, dass die Indianer es nicht wagten, sich zur Flucht zu wenden; und jeden, der davonlaufen wollte, töteten sie vor unseren Augen mit Keulen.“ ERZÄHLER: Die Frauen hätten so viel Ärger gemacht wie zehn Männer, behauptet Carvajal. Eine von ihnen hätte eine Handvoll Pfeile in eine der Brigantinen geschossen, dass sie wie ein Stachelschwein aussah. Ob diese „Amazonen“, nach denen der größte Fluss der Erde benannt ist, tatsächlich existierten, weiß man nicht genau. Aber dass auch Frauen gegen die Kolonisatoren kämpften, war für die Historiker am spanischen Hof keine Neuheit. MUSIK 5 "Toyos" ERZÄHLERIN: Die Geschichte der Indigenen Südamerikas lässt sich als eine lange Abfolge unterschiedlicher Formen des Widerstands beschreiben. Denn die Reaktionen auf die „Eroberung“ waren ebenso vielfältig, wie die Kontaktsituationen selbst. Während die spanischen Eroberer und Kolonisatoren mit roher Gewalt vorgingen, fiel die Antwort der Indigenen unterschiedlich aus. Wenn sie konnten, zogen sie sich in unzugängliche Gebiete zurück oder organisierten bewaffneten Widerstand. Manche verbündeten sich mit den Eindringlingen, um ihre traditionellen Erzfeinde loszuwerden. Und manche versuchten, Handel zu treiben. Das Erstaunliche war, dass die Unterwerfung der großen amerikanischen Imperien der Maya in Mexiko und der Inka in Peru, vergleichsweise glatt über die Bühne gingen. Obwohl es auch dort Widerstand gegen die Eindringlinge gab. Musik 6 "Inca Gold" aus: "Ethnic" ERZÄHLER: Gut dokumentiert ist die Geschichte des Aufstandes von Túpac Amaru, des letzten Inka-Herrschers im Jahr 1572. Sie endet blutig und traumatisch für die Hinterbliebenen und schrieb sich tief ins kollektive Gedächtnis der Andenbevölkerung ein. Vierzig Jahre zuvor (1532) war das riesige Inka-Reich durch Francisco Pizarro und seine kleine Streitmacht von etwa 170 Männern eingenommen worden. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts erstreckte es sich mehr als 4.000 Kilometer entlang der Andenkette – vom heutigen Ecuador bis nach Chile und Argentinien. In der Mitte thronte die heilige Stadt Cuzco. Bis zur Ankunft der Spanier war dies der „Nabel der Welt“. Hier herrschte der „Sapa Inka“, der göttliche Sohn der Sonne. Über 10 Millionen Menschen waren ihm untertan und leisteten den Arbeitsdienst „Mita“, zur Unterstützung des Imperiums. Francisco Pizarro, der uneheliche Sohn eines Infanteristen aus dem dunklen Trujillo in der ärmlichen Extremadura, hatte sich bereits mit gewalttätigen Eroberungen einen Namen gemacht. Nun wollte er das Goldland der Inka unterwerfen. Pizarro traf auf ein Land, das sich im Bürgerkrieg befand. Der herrschende Inca Huayna Capac war an Pocken gestorben. Und im Streit um die Thronnachfolge, war ein Krieg zwischen seinen Söhnen Atahualpa und Huáscar ausgebrochen, den Atahualpa gewann. Pizarro wusste diese Situation für sich zu nutzen. Er verbündete sich mit den Adligen, die mit der Herrschaft Atahualpas unzufrieden waren und lockte ihn in einen Hinterhalt. Um das Leben des Inkas zu schonen, forderte Pizarro Lösegeld. Ein ganzer Raum wurde bis zur Decke mit Gold gefüllt und zwei weitere mit Silber. Trotzdem ließ er den Inka-König mit einem Würgeholz erdrosseln. Damit fiel das gesamte Inkareich unter spanische Herrschaft. Nach der Hinrichtung Atahualpas setzte Pizarro den „Marionetten-Inka“ Manco Inca Yupanqui ein, um das Volk zu beruhigen. Auch er war ein Sohn von Huayna Cápac und damit ein legitimer Prinz des Inkareichs. Anfangs spielte Manco Inca das Spiel mit. Doch drei Jahre nach der Ermordung seines Bruders, 1536, erkannte er die Manipulation Pizarros. Mit Zehntausenden Kriegern rannte er gegen Cusco an. Fast ein ganzes Jahr belagerte er die Hauptstadt des Inka-Reiches. Doch er konnte die Spanier nicht vertreiben. Also zog er sich in die unzugängliche Andenkordilleren von Vilcabamba zurück und errichtete dort sein eigenes Reich. Von hier aus dirigierte er Guerillaangriffe gegen die Spanier. Mit Zehntausenden Kriegern rannte er gegen Cusco an. Fast ein ganzes Jahr belagerte er die Hauptstadt des Inka-Reiches. Doch er konnte die Spanier nicht vertreiben. Also zog er sich in die unzugängliche Andenkordilleren von Vilcabamba zurück und errichtete dort sein eigenes Reich. Von hier aus dirigierte er Guerillaangriffe gegen die Spanier. Musik 7 "Toyos" ERZÄHLER: 36 Jahre hielt sich der Widerstand in Vilcabamba. Und als Manco Capac von schutzsuchenden Spaniern in seiner Festung ermordet wurde, folgte ihm der letzte Inkaherrscher Tupac Amaru. Er intensivierte die Angriffe auf die Kolonisatoren und machte sich den Ruf eines geschickten Guerilleros. MUSIK 8 "The Hunters" - Album: The Last of Us Original Score - Komponist: Gustavo Santaolalla - Länge: 0'29 ERZÄHLER: Zwei Jahre später, im April 1572, erklärte die spanische Krone ihm offiziell den Krieg. Sie schickte eine Strafexpedition unter Martín García de Loyola in das Widerstandsnest. Zunächst schien es, als könne Tupac Amaru mit seinen 500 Inkakriegern die Spanier schlagen. Der Chronist Fray Martín de Murua schreibt in seiner "Historia General del Piru" (1613): MUSIK 9 "Heaven #5 (Dost Thou Not Fear God)" - Album: The Phoenician Scheme (Original Score) - Komponist: Alexandre Desplat - Länge: 0'35 ZITATOR: „Sie schlugen sich mit so großer Hartnäckigkeit und Martín García de Loyola, sah sich in höchster Todesgefahr, denn während er kämpfte, erschien ein Riese von einem Indianer, der ihn so umschlang, dass er sich nicht mehr rühren konnte, doch da kam ihm ein befreundeter Indianer zur Hilfe, Curillo, einer der Unseren, der ihm mit dem Säbel einen Stich in die Beine versetzte, so dass es ihn umwarf und einen weiteren in die Schulter, sodass der Riese tot niedersank und jener seinem Anführer Martín García de Loyola das Leben retten konnte.“ ERZÄHLER: Während die Spanier die Inkaresidenz in Vilcabamba verwüsteten, flüchtete Túpac Amaru ins amazonische Tiefland. Doch in Begleitung seiner hochschwangeren Frau kam er nicht schnell genug voran. Er wurde gefasst und in goldenen Ketten nach Cuzco geführt. Obgleich García de Loyola versprochen hatte, sein Leben zu schonen, wenn er sich ergäbe, wurde der letzte Inkaherrscher Túpac Amaru 1572 auf dem Hauptplatz von Cuzco hingerichtet. Fray Martín de Murúa schildert, wie Túpac Amaru das Schafott erstieg: MUSIK 10 "Procesion" - Album: The Motorcycle Diaries - Komponist: Gustavo Santaolalla - Länge: 0'51 ZITATOR: “Da verstummten die Himmel und hallten wider mit ihren Schreien und ihrem Wehklagen; Während der auf dem Schafott stand, der Masse zu schweigen befahl; wozu der arme Túpac Amaru die Hände erhob und einmal klatschte, woraufhin alle Menschen verstummten und nicht eine einzige Stimme mehr zu hören war, was ein offensichtliches Indiz und Zeichen für den Gehorsam, die Furcht und den Respekt war, den die Indios vor ihren Herren und Herrschern hatten.“ ERZÄHLER: In diese schaurige Stille hinein hielt Túpac eine Rede. Mehrere Geistliche flehten den Vizekönig an, Túpac zu verschonen und ihn in Spanien vor Gericht zu stellen … Doch Toledo blieb hart. MUSIK 11 "Los golpes" Album: Pedro Páramo (Banda Sonora De La Serie De Netflix) - Komponist: Gustavo Santaolalla - Länge: 0'30 ZITATOR: „Er legte sein Haupt auf den Block. Der Scharfrichter griff ihm ins Haar und mit einem einzigen Schlag trennte er den Kopf vom Rumpf und hielt ihn in die Höhe. Da läuteten alle Glocken der Stadt und großer Kummer und Leid kamen über alle Anwesenden.“ ERZÄHLER: Es war das endgültige Ende des Inkareichs. ERZÄHLERIN: Doch wie konnte sich eine Hand voll Konquistadoren gegen zehntausende Indigene durchsetzen? Der Widerstand der Inka gegen die spanische Eroberung von 1532 bis 1572 war zwar intensiv, aber so sehr Schießpulver, Eisen und Pferde den Spaniern auch halfen, so sehr Epidemien ihnen den Weg ebneten, so sehr Feindschaften zwischen Völkern wichtige Verbündete schufen, der Hauptverbündete der Kolonisatoren waren die indigenen Imperien selbst. Die Inka, das am besten strukturierte Volk Amerikas, brach mit einem einzigen Schlag zusammen, als Pizarros Männer es enthaupteten. Selbst kritische Stimmen, wie die des indigenen Chronisten Guamán Poma, waren davon überzeugt, dass die Macht den Aristokraten gebührt – ob Inkas oder Spanier. Er beklagte, dass in den Kolonien Menschen mit niedrigem Status an der Macht waren. Gegen den Imperator selbst hatte er nichts einzuwenden. Ganz anders war das bei den unabhängigen indigenen Gruppen. Sie leisteten entschlosseneren Widerstand. ERZÄHLER: Zum Beispiel die Chiriguanos: ein kriegerisches Volk, das in den östlichen Andenregionen des heutigen Bolivien, Argentinien und Paraguay lebte. Im Handumdrehen hatten sie sich in ein wildes Reitervolk verwandelt, schmiedeten Eisenwaffen und überfielen spanische Siedlungen. Allerdings taten sie das auch mit ihren friedlichen Nachbarn, mit den Chanés, die sie zu verspeisen pflegten. Das Fleisch der Spanier hingegen verschmähten sie. Es war ihrer Meinung nach „ungesund“. Später verkauften sie ihre Gefangenen als Sklaven an die Spanier und wurden so Teil des kolonialen Kreislaufs. Erst im 19. Jahrhundert wurden sie von der bolivianischen Armee geschlagen. Sie verloren ihre politische Autonomie, die sie bis dahin eisern verteidigt hatten. Musik 12 "Inca Gold" aus: "Ethnic" ERZÄHLER: Nachdem Franzisco Pizarro 1542 das Vizekönigreich „Piru“ installiert hatte, das fast ganz Südamerika und Teile Nordamerikas umfasste, wies die spanische Krone den Eroberern riesige Ländereien zu. Alle darauf lebenden Indigenen gehörten automatisch dazu. Peru wurde das wirtschaftliche Zentrum der spanischen Kolonien in Südamerika. Es beutete die Silberminen von Potosí im heutigen Bolivien aus. Die Indigenen wurden zu unbezahltem Dienst gezwungen und in den Minen zu Tode geschunden. Immer wieder kam es zu lokalen Aufständen. Einer, der sich gegen das koloniale System auflehnte, war José Gabriel Condorcanqui. Condorcanqui war ein wohlhabender Mestize mit inkaischem Blut. Seine Großmutter war Tupac Amarus Tochter gewesen. Und nach diesem letzten Inka-Herrscher, Tupac Amaru, sollte er sich nennen. Condorcanqui war in einem Franziskaner-Kolleg ausgebildet und versuchte zunächst mit juristischen Mitteln gegen die hohen Steuern und die Zwangsarbeit vorzugehen. Doch alle seine Eingaben in Cuzco und am Hof in Lima scheiterten. Hinzu kam, dass in Tupacs Heimatbezirk ein ungeschlachter, arroganter und geiziger Mann die Steuern eintrieb: Antonio de Arriaga. Er mißhandelte die Indigenen und Tupac hatte ihn wegen Autoritätsmissbrauch und Veruntreuung von Steuergeldern verklagt – doch, wie immer – ohne Erfolg. Am 16.November 1780 proklamierte Tupac Amaru II seinen berühmten „Freiheitserlass“, in dem er die Abschaffung der Sklaverei und der Zwangsarbeit forderte. Zwei Tage darauf ließ er den spanischen Steuereintreiber Antonio de Arriaga verhaften und öffentlich hinrichten. Sofort hatte er eine große Gefolgschaft aus Indigenen, afrikanisch-stämmigen Sklaven und Mestizen hinter sich. Doch am 6. April 1781 setzten die spanischen Truppen Túpac und seine Verbündeten fest. Und als ob der Name mit dem Schicksal untrennbar verbunden war, sollte 200 Jahre später auch Túpac Amaru II., auf dem Platz der Tränen von Cuzco, öffentlich hingerichtet werden. ERZÄHLERIN: Doch die Ideen von Túpac Amaru II waren unsterblich. Sie gehörten weltweit zu den fortschrittlichsten. Er war der Erste, der die Abschaffung der Sklaverei forderte. Noch bevor sich die Unabhängigkeitskämpfer Simón Bolívar und San Martín oder Abraham Lincoln dafür einsetzten. Bis sie tatsächlich abgeschafft wurde, sollten noch 157 Jahre vergehen. Hatte Tupac Amaru I gegen die Kolonisatoren gekämpft, so wollte sein Wiedergänger die spanische Krone nicht stürzen. Er hatte nur versucht, die gröbsten Ungerechtigkeiten im Vizekönigtum zu beseitigen. Musik 13 "Altura novada y sol" ERZÄHLERIN: Als das spanische und portugiesische Kolonialreich im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts durch unabhängige Nationalstaaten abgelöst wurde, veränderte sich für die Indigenen wenig. Obgleich viele die Idee der Unab…

    Full show notes at the publisher

    Bodenentsiegelung - Wenn Asphalt und Beton weichen Jun 18, 2025
    Show notes

    Bodenentsiegelung macht Städte grüner und hilft, dass wertvolles Regenwasser versickern kann. Doch die Zauberlösung gegen Flächenfraß ist sie nicht. Denn ein von Beton und Zement befreiter Boden braucht Jahrhunderte, um all seine natürlichen Funktionen wieder zu erlangen. Von Brigitte Kramer (BR 2024) CreditsAutorin dieser Folge: Brigitte KramerRegie: Kirsten BöttcherEs sprachen: Werner Härtl, Gudrun SkupinTechnik: Matthieu BelohradskyRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Nadine Pannicke-Prochnow, Geo-und Agrarwissenschaftlerin, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, LeipzigJuliane Albrecht, Juristin, Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR), DresdenMatthias Rühl, Ingenieur und Raumplaner, Sugenheim/Mittelfranken Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Beton - Fasern, Poren, BakterienJETZT ENTDECKEN Die Geschichte der Stadt - Urbanes Leben als Motor der GesellschaftJETZT ENTDECKEN Sand - Überall vorhanden und doch zu knappJETZT ENTDECKEN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek.ZUM PODCAST Literatur:Studie des Umweltbundesamtes „Bessere Nutzung von Entsiegelungspotenzialen zur Wiederherstellung von Bodenfunktionen und zur Klimaanpassung“: ZUR HOMEPAGE Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: O-Ton 1 Matthias Rühl Wir haben die Bewerbung von Ipsheim damit begründet, dass wir gesagt haben, Ipsheim ist ein Asphaltsee. Das war wirklich so, dass alle Flächen im Ort komplett asphaltiert waren, also versiegelt waren. SPRECHER Der Raumplaner Matthias Rühl betreut seit mehr als 25 Jahren die Gemeinde Ipsheim in Mittelfranken, sowie rund zehn andere Orte in der Region. Er berät die Gemeinderäte in Sachen nachhaltige Städtebauförderung. Matthias Rühl setzt sich für mehr Grün in Städten und Dörfern ein. O-Ton 2 Matthias Rühl Bei jeder Maßnahme, die wir gemacht haben, war es eine Entsiegelung. Es ist viel Pflaster gekommen. Natürlich sind wir mitten in einem Ortskern bei den öffentlichen Flächen immer in der Notwendigkeit, dass es ja Verkehrsflächen sind. Man muss drauf gehen, man muss drauf fahren. Also Pflaster mit breiten Fugen oder eben ungebundene Bauweise. Das heißt, dass es auf Splitt verlegt ist und dass Regenwasser vor Ort versickert. ATMO 1 Baustelle in der Stadt SPRECHER drüber Pflastersteine statt Asphalt, das ist eine Form der Teilentsiegelung: Dichte Flächen werden aufgerissen und durch Pflaster oder Rasengitter ersetzt. Der Grund ist weiterhin befestigt, aber er nimmt Regenwasser auf – eine wichtige Bodenfunktion. Und er bietet Gräsern und Blumen Raum für Wurzeln. Vollentsiegelung bedeutet, dass Asphalt und Beton komplett weichen und das Erdreich freigelegt wird. Darauf können dann Sträucher oder Bäume wachsen, es entstehen Grünanlagen oder Parks. ATMO Stadtpark + Musik 2: Und was sagen die Freunde? - 38 Sek SPRECHER drüber Bodenentsiegelung wurde als eine effektive Maßnahme zur Klimaanpassung erkannt, vor allem in dicht bebauten Stadtteilen oder Ortskernen. Pflanzen binden Kohlendioxid und Staub, befeuchten die Luft, sorgen im Sommer für Kühlung. Derzeit herrschen in versiegelten Innenstädten bis zu zehn Grad höhere Temperaturen als im Umland. Und: Grün schlägt zwischen Wohnblocks Frischluftschneisen, steigert die Lebensqualität in Städten die Bewohner erleben, wie die Jahreszeiten wechseln. (Musik weg) Trotzdem müssen Menschen wie Matthias Rühl noch Überzeugungsarbeit leisten: O-Ton 3 Matthias Rühl Jeder Baum macht Dreck, heißt es immer. Dann sage ich: Ein Auto macht eher Dreck. Also ein Baum lebt ja, das ist ein Lebewesen wie wir auch. Er ist nur nicht so schnell wie wir. Und natürlich verliert er Blätter. Wir verlieren auch Haare und alles Mögliche. Das verstehen manche Leute nicht. Die Jüngeren glaube ich schon eher. Es gibt halt ein paar ganz Alte, die das noch ganz anders sehen. Da hat man einen Baum eher mit der Motorsäge gepflegt. SPRECHER Auch auf privaten Grundstücken steigern freie Flächen den Wert. Das ist besonders bei Altstadtsanierungen wichtig. Matthias Rühl spricht von „Aufräumen“: O-Ton 4 Matthias Rühl Das spielt eine große Rolle, weil der Altstadtkern ohnehin sehr stark überbaut ist. Im Laufe der letzten Jahrhunderte, muss man schon sagen, sind halt viele Anbauten entstanden und Nebengebäude und Garagen und alles Mögliche. Und wenn man jetzt in diesen Ortskern wieder Leben reinbringen möchte, in leerstehende Gebäude zum Beispiel, den Bestand weiter zu nutzen, zu verändern, das muss natürlich modernisiert werden. Das sind teilweise Häuser, wo vielleicht seit 80 oder 100 Jahren nichts gemacht wurde. Aber die Freiflächen muss man genauso betrachten, weil sonst braucht man ja das Haus gar nicht sanieren. Es ist Lebensnotwendigkeit, denn wenn Sie irgendwo wohnen wollen, dann brauchen Sie auch Freiflächen. Wenn Sie diese grünen Freiflächen nicht haben, ist es unattraktiv. ATMO Dorfstille SPRECHER drüber Auf dem Land, in Dörfern, wo die Jüngeren weggezogen sind, ist das Problem ähnlich: O-Ton 5 Matthias Rühl Wo früher Landwirtschaft war, da gab es Ställe, da gibt es Scheunen, da gibt es irgendwelche Maschinenhallen, die jetzt aber nicht mehr in Gebrauch sind. Und manches kann man eben nicht mehr umnutzen. Einen alten Schweinestall werde ich schwer zu einer Wohnnutzung umfunktionieren können. Da muss halt mal was abgebrochen werden. Und dann muss ich aber auch ein Konzept haben: Was mache ich mit dieser Fläche? ATMO Baustelle SPRECHER drüber Neuer Wohnraum ist die erste Option. Deutschland braucht Wohnungen und eine Bebauung bringt dem Eigentümer oder der Eigentümerin Geld. Letztlich braucht es Überzeugung, um sich gegen ein Gebäude und für eine Wiese, einen Garten oder einen Park zu entscheiden. Man muss den Wert von Freiraum erkennen. MUSIK 3: Und was sagen die Freunde? – siehe vorne – 31 Sek SPRECHER drüber Theoretisch wird Entsiegelung in Deutschland gefördert, und zwar in mehreren Gesetzen: Im Paragrafen 179 des Baugesetzes steht ein „Rückbau- und Entsiegelungsgebot“: Eine Gemeinde kann einen Eigentümer dazu verpflichten, den Abriss oder Teilabriss eines Gebäudes zu dulden, wenn dieses … MUSIK 1 weg ZITATORIN „… den Festsetzungen eines Bebauungsplans nicht entspricht und ihnen nicht angepasst werden kann oder Missstände oder Mängel aufweist, die auch durch eine Modernisierung oder Instandsetzung nicht behoben werden können“. SPRECHER Leere Garagen, Kasernen, Fabrikanlagen …. Ställe, Verkaufsräume, Lagerhallen – könnten also alle weg. Und im Bundesbodenschutzgesetz aus dem Jahr 1999 besagt der Paragraf fünf, dass … ZITATORIN „Die Bundesregierung per Rechtsverordnung und mit Zustimmung des Bundesrates Grundstückseigentümer dazu verpflichten kann, bei dauerhaft nicht mehr genutzten Flächen, deren Versiegelung im Widerspruch zu planungsrechtlichen Festsetzungen steht, den Boden so weit wie möglich und zumutbar wiederherzustellen“. MUSIK 4: Aufbruch – xxx – 59 Sek SPRECHER drüber Die beiden Paragrafen wurden allerdings nach Recherchen von Juliane Albrecht kaum angewandt. Albrecht ist Juristin und arbeitet am Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung in Dresden. Sie nennt sie „nicht vollzugstauglich“. Sie fordert, dass das Baugesetz und das Bodenschutzgesetz überarbeitet werden. Sprich: Sie müssen an die heutigen, drastischen Umwelt-Herausforderungen angepasst werden – und hier hat Entsiegelung eine große Bedeutung. MUSIK hoch SPRECHER drüber Auch auf öffentlichem Grund wird Entsiegelung gefördert, hier wird sie auch öfter umgesetzt. Die Kommunen bekommen Subventionen, wenn sie Grünflächen schaffen, das steht in den Städtebauförderungsrichtlinien. Und die „Baunutzungsverordnung“ setzt Gemeinden Obergrenzen für Bebauung und Versiegelung . Dazu kommt die sogenannte „Eingriffsregelung“ im Naturschutzgesetz aus den 1970er Jahren: O-TON 6 Juliane Albrecht Das wichtigste Instrument in der Praxis ist eigentlich die Naturschutzrechtliche Eingriffsregelung. Diese ist im Bundesnaturschutzgesetz verankert und besagt letztlich, dass wenn man in Natur und Landschaft eingreift, zum Beispiel eine Straße neu baut oder eine andere bauliche Anlage errichtet und in den Naturhaushalt eingreift, dass man dann eine Kompensation erbringen muss. Und diese Kompensation, die kann eben durchaus auch in Form von Entsiegelungsmaßnahmen erbracht werden. Musik 5: Detached –1:50 Min SPRECHER Juliane Albrecht hat im Jahr 2022 mit anderen Fachleuten im Auftrag des Bundesumweltamtes einen Forschungsbericht erstellt. Er heißt „Bessere Nutzung von Entsiegelungspotenzialen zur Wiederherstellung von Bodenfunktionen und zur Klimaanpassung“ und soll politische Entscheidungen erleichtern – für mehr Entsiegelung. In der Praxis wird zum Ausgleich von neu verbrauchtem, also verbautem Boden, auch tatsächlich immer wieder an anderer Stelle Boden entsiegelt. Das Problem: Es gibt zu wenig Grundstücke, die zur Entsiegelung taugen. Und: Die Ausgleichsvorschrift ist nicht zwingend. Derzeit muss man lediglich „verstärkt prüfen“, ob ausgleichende Entsiegelungen möglich sind. Außerdem ist Kompensieren ein Deal, bei dem die Natur draufzahlt. Denn Bodenversiegelung heißt, fruchtbare Erde luft- und wasserdicht abzudecken. Das führt zum Verlust aller physikalischen, chemischen und biologischen Bodenfunktionen und ist erstmal irreversibel. Boden ist ein komplexes Ökosystem, das aus Bakterien, Pilzen, Tieren, Wurzeln, Steinen, Erde und organischen Resten besteht. Er spielt eine zentrale Rolle im Naturhaushalt, vor allem für die Wasser- und Nährstoffkreisläufe. Der Mensch kann diesen Naturzustand nicht einfach wiederherstellen, er muss sich über Jahrhunderte wieder von selbst bilden. Ist es also sinnvoll, hier fruchtbare Erde unter Asphalt oder Zement zu begraben, für eine Wohnsiedlung, einen Straßenausbau oder einen Gewerbepark, und dort überbauten und verdichteten, also toten Boden, freizulegen? ATMO Wiese, Vögel, Insekten SPRECHER Natürlicher Boden wächst in unseren Breiten einen Millimeter pro Jahr. Das heißt: ein Meter Boden entsteht in etwa tausend Jahren. Der fruchtbare Mutterboden und der Unterboden eines Ackers sind also mehrere tausend Jahre alt. ATMO Baustelle SPRECHER drüber Jeden Tag werden in Deutschland durchschnittlich 55 Hektar neu versiegelt. Es war aber mal schlimmer: Im Jahr 2000 waren es noch 129 Hektar pro Tag. Das zeigt, dass es ein Problembewusstsein gibt. ATMO 1 weg Bis 2030 sollen weniger als 30 Hektar am Tag neu in Anspruch genommen werden, und bis 2050 strebt die Bundesregierung in ihrer Nationalen Nachhaltigkeitsstrategie sogar eine „Netto Null“-Versiegelung an. Die zugrunde liegende Erkenntnis lautet: Boden ist ein endliches Gut. Das heißt: Auch bei kompletter Entsiegelung, Sanierung und Wiederherstellung einiger Funktionen wird aus Boden, der von Asphalt und Beton „befreit“ ist, kein gesunder, fruchtbarer Boden. MUSIK 6: Fragile life – 1:17 Min SPRECHER drüber Der Naturzustand ist also kurz- und mittelfristig unerreichbar. Trotzdem ist Bodenentsiegelung sinnvoll und notwendig, denn eine der Bodenfunktionen, die physikalische, ist relativ schnell wieder hergestellt: Die Wasserbindung. Schwieriger wird es bei den chemischen Funktionen, der Speicherung von Nährstoffen zum Beispiel für gesundes Pflanzenwachstum. Die findet im Mutterboden statt, der nach der Entsiegelung schichtweise neu aufgetragen werden muss. MUSIK 2 hoch SPRECHER drüber Bodenlebewesen schließlich, wie Regenwürmer, Tausendfüßler, Asseln oder Milben erfüllen enorm wichtige biologische Funktionen. Sie zersetzen Biomasse, also abgestorbenes organisches Material wie Laub oder tote Tiere. Dabei entstehen Nährstoffe für Pflanzen, die mit ihren mehr oder weniger tiefen Wurzeln den Boden durchlüften und auflockern. Viele Pflanzen dienen uns als Nahrung. Ohne lebendige Böden gäbe es also auch uns nicht. Sie sind wortwörtlich unsere Lebensgrundlage. Was muss sich ändern, damit mehr Boden freigelegt wird? O-TON 7 Juliane Albrecht Man braucht Entsiegelungskataster, dass man überhaupt erst einmal die Information auch hat, wo Flächen sind, die in Betracht kommen. Man braucht aber auch für die Behörden, von oben sage ich mal, eine Rückendeckung. Man braucht Vollzugshinweise. Ist natürlich, wenn man so diese Regelung anwendet und auch gar keine Rechtsprechung hat, keine Rechtssicherheit, dann fürchten Sie ja teilweise dann natürlich auch die Auseinandersetzung mit den Bürgern. Es kann zu Gerichtsverhandlungen kommen. Also da ist meines Erachtens wirklich so eine strategische Herangehensweise erforderlich. SPRECHER Es fehlen eine Strategie und eine klare Rechtslage, das ist Juliane Albrechts Erkenntnis. Das Naturschutzgesetz aus den 1970er Jahren wird immer wieder überarbeitet, mit Handlungsempfehlungen und neuen Berechnungsschlüsseln zum Flächenausgleich. In Berlin beispielsweise soll der Abriss von mehrstöckigen Gebäuden als Ausgleichsmaßnahme besonders berücksichtigt werden, weil dabei große Lücken im Stadtbild entstehen, die die Luftzirkulation verbessern und also der Klimaanpassung dienen. MUSIK 7: Und was sagen die Freunde? – siehe vorn – 31 Sek SPRECHER drüber Im Koalitionspapier der Bundesregierung ist zumindest eine Handlungsabsicht verankert: Darin steht, dass das Bodenschutzrecht von 1999 angepasst werden soll, an die Artenvielfaltskrise und die Klimakrise. Und dass Entsiegelung einen neuen Stellenwert bekommen soll. Und im neuen Klimaanpassungsgesetz von November 2023 ist Entsiegelung Teil der Lösung: ZITATORIN „Träger öffentlicher Aufgaben sollen darauf hinwirken, dass versiegelte Böden, deren Versiegelung dauerhaft nicht mehr für deren Nutzung notwendig ist, in den natürlichen Bodenfunktionen, soweit dies erforderlich und zumutbar ist, wiederhergestellt und entsiegelt werden.“ Beides kann man als Ergebnis des Forschungsberichts zum Entsiegelungspotenzial deutscher Böden werten. MUSIK 8: „Und was sagen die Freunde?“ – s.o. – 7 Sek O-TON 8 Nadine Pannicke-Prochnow Insgesamt habe ich den Eindruck, dass seit der Veröffentlichung der Studie das Thema Entsiegelung schon mehr ins gesellschaftliche und auch ins politische Bewusstsein gerückt ist. Wir brauchen hier auch ein Umdenken. Es ist tatsächlich auch zu beobachten, dass sich zunehmend mehr Kommunen mit dem Thema beschäftigen und geeignete Flächen und Maßnahmen identifizieren, vor allem auch im Hinblick auf eine wassersensible Stadtentwicklung und zur Umsetzung des Schwammstadtprinzips, was ja auch viel wieder in Richtung Klimaanpassung leisten und beitragen kann. SPRECHER Nadine Pannicke-Prochnow (sprich: Pánnicke-Prochnoff) hat das Expertenteam geleitet, das im Auftrag des Bundesumweltamtes 2022 die Studie erstellt hat. Die Geo- und Agrarwissenschaftlerin arbeitet heute am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Die Arbeit war für sie ernüchternd und lehrreich, auch, weil das Thema erstmals so umfassend behandelt wurde: O-TON 9 Nadine Pannicke-Prochnow Es war definitiv Neuland für mich. Ich habe festgestellt, dass die Flächen für Entsiegelungsmaßnahmen eben sehr knapp sind, also nur circa ein halbes bis ein Prozent der Flächen in unseren deutschen Städten können für Vollentsiegelungsmaßnahmen genutzt werden. Gerade weil diese Möglichkeiten eben wirklich sehr knapp sind, ist es umso wichtiger, diese wenigen Gelegenheiten dann eben auch zu nutzen. SPRECHER Doch wie nutzt man die wenigen Flächen am besten? Zum Beispiel auch durch unspektakuläre Teilentsiegelung kleiner Flächen, auch auf dem eigenen Grundstück: O-TON 10…

    Full show notes at the publisher

    Mord in der Villa - Ein mysteriöser Kriminalfall aus dem Jahr 1951 Jun 18, 2025
    Show notes

    Am 13. Dezember 1951 wird in der Starnberger Villa Adlon die Mieterin Sonja Bletschacher aufgefunden, ermordet mit zahlreichen Messerstichen. Der authentische Fall ist nicht nur für Krimi-Fans spannend, sondern auch für Geschichtsinteressierte. Denn die Akten gewähren einen lebendigen Blick in die Vergangenheit. Von Thomas Grasberger (BR 2024)

    Credits
    Autor dieser Folge: Thomas Grasberger
    Regie: Kirsten Böttcher
    Es sprachen: Katja Amberger, Stefan Wilkening
    Technik: Anton Wunder / Atrium Studios
    Redaktion: Thomas Morawetz

    Im Interview:
    Dr. Ulrike Claudia Hofmann, Historikern und Archivarin im Staatsarchiv München, Autorin des Buches "True Crime Starnberger See. Mord im Hause Adlon"
    Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

    Alles Geschichte - Der History-Podcast

    VERBRECHEN FRÜHER - Kriminaltechnik

    Mit der Abschaffung der Folter im 18.Jahrhundert stand die Kriminalistik vor einem Problem: Das Geständnis als "Krone der Beweise"" verlor sein Gewicht. Neue Beweisführungen mussten her. Berühmte Kriminalfälle aus der Geschichte zeigen, welche wissenschaftlichen Errungenschaften den Weg in die moderne Kriminaltechnik ebneten. (BR 2017)
    JETZT ENTDECKEN

    Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir:
    Alles Geschichte – Der History-Podcast

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

    RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:
    ARD Audiothek | RadioWissen
    JETZT ENTDECKEN

    Das vollständige Manuskript gibt es HIER.


    Previous 1 61 62 63 64 65 221 Next

    Related Podcasts

    Making Sense with Sam Harris

    1

    Making Sense with Sam Harris Education
    Grammar Girl

    2

    Grammar Girl Education
    Good Life Project

    3

    Good Life Project Education
    Explain It to Me

    4

    Explain It to Me Education
    Team Never Quit

    5

    Team Never Quit Comedy
    Optimal Living Daily – Personal Development and Self-Improvement

    6

    Optimal Living Daily – Personal Development and Self-Improvement Alternative Health
    footer-logo

    Contact Us

    Toll Free: 844-670-7747

    Links

    • Home
    • Top Charts
    • Networks
    • Apps
    • Independents Podcasts
    • Podcast Advertising
    • Podcast News
    • Contact Us
    • About Us
    • Analytics & Insights

    Stay Connected

      Privacy, Terms of Use & Our Code of Ethics Protecting Content Creators Copyrights