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    Radiowissen

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    Latest Episodes:
    Kartoffel - Die nahrhafte Knolle Aug 19, 2025
    Show notes

    Die Kartoffel ist eines der wichtigsten Nahrungsmittel, sie wird seit langem kultiviert. Heute sind in Deutschland rund 200 Sorten zugelassen, sie enthalten viele Vitamine und essentielle Aminosäuren. (BR 2014)

    Lust bekommen auf Kartoffeln? Ein paar leckere Gerichte gibt es HIER auf BR.de

    Noch mehr köstliche Kartoffel-Gerichte gibt es außerdem in diesem Beitrag aus der Dokumentationsreihe "Unter unserem Himmel":
    ZUR BR MEDIATHEK


    Letzte Hilfe – Unterstützung am Lebensende Aug 18, 2025
    Show notes

    Einen sterbenden Menschen auf seinem letzten Weg gut zu begleiten - viele wünschen sich das. Nur wenige trauen es sich zu. Vor allem, weil sie nicht wissen, was sie erwartet. Doch all das kann man lernen. Sinnvoll ist, sich mit dem schwierigen Thema schon in guten Zeiten zu beschäftigen. Denn ein friedlicher Abschied kann tröstlich sein: für die Sterbenden und die nahen Begleiter. Autorin: Karin Lamsfuß (BR 2025)

    Credits
    Autor/in dieser Folge: Karin Lamsfuß
    Regie: Sabine Kienhöfer
    Es sprachen: Rahel Comtesse, Christian Baumann,
    Redaktion: Bernhard Kastner

    Im Interview:

    • Dr. Georg Bollig, Palliativmediziner und Erfinder der „Letzte Hilfe-Kurse“
    • Ulrike Lenhart, Palliativkrankenschwester, Kursleiterin „Letzte Hilfe-Kurse“
    • Anke Gerstein, Sterbeamme
    • Monika Müller, Pädagogin, Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin
    • Dr. Astrid Lueg, SAPV-Ärztin; Teilnehmende des „Letzte Hilfe-Kurses“

    Psychologie:

    Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast
    Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.
    Wie wir ticken – Euer Psychologie Podcast

    Linktipps:

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

    Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:
    ARD Audiothek | Radiowissen

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    Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

    Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

    Erzählerin:

    Ein sonniger Samstagmorgen. Draußen auf dem Rasen spielen Kinder, und drinnen im Saal geht es in den nächsten vier Stunden um den Tod.

    Im „Letzte Hilfe Kurs“, veranstaltet vom örtlichen Hospizverein. Diese Kurse gibt es in ganz Deutschland. Vermittelt wird darin, wie eine gute Begleitung in der letzten Lebensphase aussehen kann.

    In der Mitte des hellen Raums steht ein farbenfroher Blumenstrauß auf dem Boden. Drapiert in eine orangefarbene Samtdecke. Ein Stück Fröhlichkeit. Und ein Gegenpol zu dem schweren Thema dieses Vormittags.

    Atmo 2 Begrüßung

    Erzählerin:

    16 Frauen und zwei Männer betreten zaghaft den Raum. Zwei Bestatter sind dabei und eine Ärztin. Die anderen sind privat betroffen. Manche kämpfen mit den Tränen, als sie ihre Situation schildern.

    01 Zsp. Sterben Collage Vorstellungsrunde:

    Sonja: Ich bin betroffen, weil mein Mann unheilbar an Krebs erkrankt ist, es ist der Wunsch meines Mannes, es ist mein Wunsch, ihn zu begleiten, ich mach das, so lange ich kann…

    Caroline: Mein Name ist Caroline und meine Mutter ist schwer erkrankt, hat aber den Wunsch, zu Hause zu sterben, und deswegen würde ich gerne schauen, ob ich mir das zutraue.

    Inge: Mein Name ist Inge, ich hab nen sehr kranken Mann zuhause und versuche, hier ein bisschen Hilfe zu bekommen.

    Lenhart: Danke schön! Ganz unterschiedliche Motivationen, die Sie hierhergeführt haben, und: Ja, ich geh’s jetzt einfach mit Ihnen an!

    Musik: Foreboding fate

    Sprecher:

    Es ist kein schönes Thema. Und trotzdem verschont es niemanden. Irgendwann kommt der Tod ins Leben: sei es bei geliebten Menschen oder bei einem selbst. Das macht Angst. Je größer die Unsicherheit, desto mehr wächst die Angst.

    Zu viele Bilder sind präsent: von Schwerkranken, die hilflos und ohnmächtig an Schläuchen und Maschinen hängen. Alles über sich ergehen lassen. Die Schmerzen… und Atemnot haben.

    Doch all das muss nicht unbedingt sein. Die letzte Lebensphase kann durchaus selbstbestimmt gestaltet werden. Voraussetzung ist, eins der größten Tabus zu brechen.

    02 Zsp. Sterben Anke Gerstein:

    Ich glaube, sterben ist einfacher für die Menschen, die sich damit schon befasst haben. Wenn das so ein Wabber-Ding ist oder ich lass mich überraschen, und ich bin dann auf einmal im Sterbeprozess und es überkommt mich alles, dann ist es schlimm.

    Erzählerin:

    Sagt die Sterbeamme Anke Gerstein (Aussprache: Gehr-stein). „Sterbeammen“ sehen sich als Pendant zu Hebammen. Sie begleiten nicht ins Leben, sondern aus dem Leben heraus. Anke Gerstein sieht sich als seelische und spirituelle Begleiterin für Sterbende und deren Angehörige auf dem letzten Lebensweg und in der Zeit der Trauer.

    03 Zsp. Sterben Monika Müller:

    Wenn ich an alte Bilder denke, die ich als junges Mädchen hatte von dem so genannten „Badezimmersterben“, wo Menschen in ein Badezimmer geräumt wurden, als sie noch lebten und da ihrem Sterben entgegensahen. Also das sind Schreckensbilder, die im Kontext von Hospizarbeit und Palliativmedizin nicht mehr zutreffen.

    Erzählerin:

    Monika Müller, eine der Pionierinnen der Hospizarbeit in Deutschland.

    Sprecher:

    Ausgeliefert sein. Und ohnmächtig zuschauen. An Profis delegieren. Ohne selbst Entscheidungen zu treffen. Viele wollen das nicht mehr. Und so haben weltweit in den letzten zehn Jahren weltweit über 100.000 Menschen an den Letzte-Hilfe-Kursen teilgenommen.

    04 Zsp. Sterben Georg Bollig:

    Die Zeit ist reif. Ich glaube, es ist einfach so, dass die Menschen in letzten Jahrzehnten verlernt haben, andern beim Sterben beizustehen.

    Erzählerin:

    Sagt Dr. Georg Bollig, Palliativmediziner und Gründer der „Letzte Hilfe-Kurse“.

    05 Zsp. Sterben Georg Bollig:

    Mögliche Ursache ist vielleicht auch die Situation nach dem Zweiten Weltkrieg, weil man so viel Tod und Sterben gesehen hatte, dass das institutionalisiert worden ist, also in Pflegeheim nur noch stattfindet oder in Krankenhäusern. Und wenn die heutigen Menschen angucke, die Generation, die jetzt 40, 50 oder älter sind, und die haben noch nie nen toten Menschen gesehen und haben dann natürlich auch Berührungsängste und wissen auch nicht, wie verhalte ich mich im Sterben gegenüber?

    Musik: Secret proofs red

    Sprecher:

    Zuhause sterben. Das wünschen sich nach Umfragen neun von zehn Menschen. Doch tatsächlich verbringen 80 Prozent ihre letzten Stunden in Einrichtungen: Altenheim, Pflegeheim, Krankenhaus oder Hospiz. Das hat viele Gründe. Einer davon ist, dass das Wissen über Sterbephasen und Sterbephänomene zwar durchaus für jeden verfügbar ist, aber die meisten Menschen lieber einen großen Bogen um das Thema machen.

    Musikzäsur, Kreublende in Atmo 3 Letzte Hilfe Kurs

    Darüber Erzählerin:

    Der erste Baustein im Letzte-Hilfe-Kurs nennt sich „Sterben als Teil des Lebens“. Palliativkrankenschwester und Kursleiterin Ulrike Lenhart erklärt, dass Sterben selten ein plötzliches Ereignis ist, sondern meist ein Prozess mit vielen Vorboten.

    06 Zsp. Sterben Ulrike Lenhart:

    Also das Interesse an vielen Dingen schwindet immer mehr, Essen und Trinken spielt keine Rolle mehr, das nimmt immer weiter ab, bis hin, dass jemand sagt „Ich will nicht mehr essen, ich will nicht mehr trinken. (geht weiter)

    Darüber Erzählerin:

    Nahrung und Flüssigkeit zu verweigern, erklärt die Kursleiterin, ist ein ganz normaler Bestandteil des Sterbeprozesses. Und kein Notfall! Trotzdem ist der Griff zum Telefon, zur 112, dabei fast schon ein Reflex der Angehörigen. Einmal in der Klinik ist schnell die Magensonde gelegt oder der Venenzugang zur Flüssigkeitszufuhr. Georg Bollig, der Erfinder der Kurse, arbeitet selbst in einem Krankenhaus und sieht diese Überversorgung sehr kritisch:

    07 Zsp. Sterben Georg Bollig:

    Für uns Ärzte ist es so, dass wir ‚Leben retten‘ im Kopf haben, das ist für uns ne ganz wichtige Sache, und das macht’s manchen meiner Berufskollegen auch schwierig, Dinge sein zu lassen.

    Musik: Complex questions

    Erzählerin:

    Er wünscht sich, dass das Thema „Sterben und Tod“ in die Kliniken einzieht. Nicht als eine Katastrophe oder das Ergebnis ärztlichen Versagens, sondern als eine Selbstverständlichkeit.

    Musik hoch

    Erzählerin:

    Die ausgebildete Sterbeamme Anke Gerstein arbeitet seit vielen Jahren als Krankenschwester in einem Hospiz. Und stellt immer wieder fest: Auch wenn jeder Sterbeprozess anders ist, ähnelt sich vieles. Wie etwa die psychischen Reaktionen auf eine schwere Diagnose:

    08 Zsp. Sterben Anke Gerstein

    Nicht wahrhaben wollen, hadern damit, verhandeln, wütend sein und dann annehmen. Und die Angehörigen machen parallel diese Phasen auch durch. Wichtig ist, dass die Angehörigen über diese Phasen Bescheid wissen, weil wenn die Sterbenden so wütend sind, dann sind die oft sehr ungerecht.

    Sprecher:

    Einem Sterbendem beizustehen, ist kein Spaziergang. Und trotzdem: Wissen über das, was kommt, was kommen kann, gibt ein kleines Stück mehr Sicherheit bei dieser höchst anspruchsvollen Lebensaufgabe.

    Erzählerin:

    Zu diesem Wissen gehört auch, so erklärt Monika Müller, Expertin für Hospizarbeit, dass es manchmal nicht wirklich etwas zu tun gibt. Oft heißt begleiten einfach nur: Still da sein und aushalten:

    09 Zsp. Sterben Monika Müller

    Es gibt keinen verbalen Trost, Sie können alle Weisheitsbücher der Welt auswendig gelernt haben, es gibt nichts, was dem anderen die Trauer nimmt, den Schmerz nimmt, und vielleicht wäre es sogar ein Verbrechen, das zu wollen, weil, die Auseinandersetzung mit dem Leid gehört dazu.

    Erzählerin:

    Nicht nur die Psyche, auch der Körper durchläuft verschiedene Sterbephasen. Für diese Phänomene gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Sowohl biologische, als auch spirituelle.

    Musik: C1461890020 New values:

    Ein Ansatz ist – neben anderen – im tibetischen Totenbuch zu finden. Gemäß dieser buddhistischen Auffassung verlaufen die Sterbephasen analog zu den vier Elementen.

    Sprecher:

    Zunächst beginnt sich das Element Erde aufzulösen: Das Gehen fällt schwer, die Knochen werden brüchig. Im Element Wasser kann der Körper den Flüssigkeitshaushalt nicht mehr regulieren: Wasseransammlungen und Inkontinenz sind mögliche Folgen. Beim Element Feuer schafft der Körper es nicht mehr, die Temperatur zu regulieren: Fieber kann auftreten, aber auch kalte Arme oder Beine. Und das letzte Element ist die Luft:

    10 Zsp. Sterben Anke Gerstein:

    Das ist dann die letzte Phase: dass derjenige Atempausen bekommt oder eben dieses finale Rasseln, was den Angehörigen so viel Angst macht. Man denkt: ‚Der leidet so, aber das ist für den Sterbenden nicht so schlimm wie für den Angehörigen, der daneben sitzt. Ich bin eigentlich dazu da, um den Angehörigen die Sicherheit zu geben, dass das alles normal ist. Dass das alles dazu gehört.

    Atmo 3 Letzte Hilfe Kurs:

    Darüber Erzählerin:

    All das ist normal und kein Grund, den Notarzt zu rufen. Das lernen auch die Teilnehmenden im „Letzte Hilfe-Kurs“. Nach der Kaffeepause erklärt Ulrike Lenhart, was im Körper eines sterbenden Menschen vor sich geht.

    11 Zsp. Sterben Ulrike Lenhart:

    Im Körper reduziert sich im Sterbeprozess alles mehr auf Herz, Lunge, Hirn. Die Durchblutung ist im Sterbeprozess nicht mehr so intensiv… (geht weiter)


    Die Zecke - Kleiner Parasit mit großem Risiko Aug 18, 2025
    Show notes

    Zecken sitzen auf Gräsern und warten auf einen Wirt. Warum? Die Parasiten brauchen Blut. Für Menschen ist der Stich an sich zwar nicht gefährlich, wohl aber die Krankheitserreger, die übertragen werden können. Von Claudia Steiner (BR 2020)

    Autorin dieser Folge: Claudia Steiner
    Regie: Christiane Klenz
    Es sprachen: Caroline Ebner, Shenja Lacher
    Technik: Robin Auld
    Redaktion: Bernhard Kastner

    BR Fernsehen hat einen weiteren spannenden Beitrag zum Thema:
    Von Jagd-Zecken, Tigermücken und Fledermäusen - Klimakrise befördert Ausbreitung neuer Erreger
    ZUM BEITRAG

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

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    Wie die Körpergröße unsere Gesellschaft prägt Aug 18, 2025
    Show notes

    Körpergröße ist eines unserer bestimmenden Merkmale. Was wir sehen, sind die Unterschiede: zu uns selbst, aber auch statistisch. Weil etwa größere Menschen erfolgreicher und gesünder sind. Biologisch bestimmen vor allem die Gene unsere Größe. Doch wie beeinflussen sich Größe und Gesellschaft? Von Sebastian Kirschner (BR 2024) CreditsAutor dieser Folge: Sebastian KirschnerRegie: Irene SchuckEs sprachen: Andreas Neumann, Friedrich SchlofferTechnik: Susanne HarasimRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Dr. Eva Rosenstock, Archäologin (Universität Bonn); Prof. Dr. Michael Hermanussen, Kinder- und Jugendmediziner; Dr. Christiane Scheffler, Humanbiologin (Universität Potsdam); Dr. Gert Stulp, Soziologe (Universität Groningen, NL)Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Warum sind wir nicht winzig klein? Arte 42 - die Antwort auf fast alles JETZT ENTDECKEN Wie wir ticken - Euer Psychologie PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.ZUM PODCAST Literaturtipps: - Michael Hermanussen/ Christiane Scheffler, „Größenwahn – Zur Evolution biologischer Signale im sozialen Miteinander“ (Springer-Verlag, ab Oktober 2024): zeigt allgemeinverständlich, auf welche Weise sich Körpergröße auf unseren Alltag auswirkt, wie sie unser soziales, politisches und wirtschaftliches Leben beeinflusst; viele weiterführende Literaturhinweise - Barry Borgin, „Patterns of human growth“ (2020): Welche Faktoren beeinflussen das menschliche Wachstum und wie spielen sie zusammen? Barry Borgin erklärt es. - Frank Siegmund, „Die Körpergröße der Menschen in der Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas und ein Vergleich ihrer anthropologischen Schätzmethoden“ (2010): eines der Standardwerke, wenn es um Körpergrößen jenseits der Neuzeit geht – und wo die Probleme liegen, sie zuverlässig zu ermitteln - John Komlos, „Körpergröße und Wohlstand“ in: Spektrum der Wissenschaft (9) 2005: prägnante und verständliche Sicht eines Wirtschaftshistorikers. Komlos gilt als einer DER Vertreter, dass sich an Körpergrößen ablesen lässt, wie gut es einer Gesellschaft geht - John Tyler-Bonner, „Why size matters“ (2006): Psychologie und Gesellschaft beiseite; wie anders sich die Physik für die Allergrößten (und Allerkleinsten) auswirkt Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadiowissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Klein und ein Tyrann. Einer, der seine geringe Größe mit Macht kompensieren musste. Der den Spott über seine kurze Statur mit diktatorischer Härte und der Herrschaft über halb Europa ausgeglichen hat. So ist Napoleon Bonaparte zum Teil bis heute noch im kollektiven Gedächtnis verankert. Körpergröße, die eng mit dem Charakter verbunden scheint. Als sogenannter „Napoleon-Komplex“ hat es dafür zeitweise sogar einen psychologischen Fachbegriff gegeben. Wissenschaftlich ist der zwar überholt – aus der breiten Öffentlichkeit aber längst nicht verschwunden. Denn Körperhöhe bewegt uns, sie ist mehr als nur ein biologisches Maß. Jeder misst Größe eine Bedeutung bei: ZUSP_01 … dass kleine Männer zum Beispiel energiegeladen bis aggressiv durchsetzungsfähig sind, um irgendetwas zu kompensieren. Dass bei gleicher Qualifikation zweier beruflicher Bewerber auf eine Stelle gerne gerade bei Männern der größere genommen wird, weil Körperhöhe offensichtlich doch irgendwie positiv konnotiert ist. SPRECHER Dass Körpergröße unsere Gesellschaft in vielerlei Hinsicht beeinflusst, scheint außer Frage zu stehen. Doch offenbar funktioniert das Ganze nicht nur in eine Richtung. Psychologen, Wirtschaftswissenschaftler und Archäologen wie Eva Rosenstock spüren längst weiteren Faktoren von Körperhöhe nach und wie sich die auswirken. Könnte unsere Gesellschaft auch die Körpergröße beeinflussen? Und wenn ja: ZUSP_02 Woran liegt es? Steckt da auch Kultur drin? Und natürlich: Steckt da auch irgendwie Umwelt drin, im Sinne von Ernährungszustand? All diese Dinge sind noch relativ unerforscht. MUSIK 2 "Minamisoma" - Album: Grüsse Aus Fukushima (Original Score) - Komponistin und Ausführende: Ulrike Haage - Länge: 0'30 SPRECHER Eines ist offensichtlich: Körpergröße bestimmt unser Leben. Große Menschen sind statistisch gesehen erfolgreicher als kleinere, Frauen sind im Schnitt kleiner als Männer. Und kleine Kinder wollen oft nur eines: endlich groß sein! Körpergröße ist für uns allgegenwärtig. Für den niederländischen Soziologen Gert Stulp ist auch völlig klar, warum das so ist: ZUSP_03 height is one of the first things that you notice. height is a very a distinguishing feature. and we cannot help not looking at height VOICEOVER-männlich Größe fällt uns sehr schnell auf. Sie ist ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal. Wir können gar nicht anders, als darauf zu achten. SPRECHER Mit zwei Metern Größe weiß Gert Stulp, wovon er spricht. Egal, was wir tun, wohin wir schauen – wir nehmen unsere Körpergröße wahr, physisch und psychisch: Etwa, wenn wir ins Auto steigen und erstmal den Sitz verstellen müssen. Oder wenn wir im Bus vielleicht kaum an die Haltestangen reichen. Wenn wir Treppen steigen, am Tisch sitzen oder im Bett liegen: Unsere Umgebung haben wir an Durchschnittswerte unserer Größe angepasst. Und mehr noch: Blicken wir auf unsere Mitmenschen, dann registrieren wir – bewusst oder unbewusst – als eines der ersten Dinge deren Statur. Wollen wir jemanden beschreiben, dann wohl kaum ohne dessen Größe. Nicht umsonst steht sie in jedem Pass. Dementsprechend messen wir ihr auch zwischenmenschlich beim ersten Eindruck so viel Bedeutung bei: ZUSP_04 If you only have three minutes to judge a person, you will judge a person on easy to measure characteristics. So those are height, weight, the face. But that is also because there are no real alternatives. VOICEOVER-männlich Wenn Sie nur drei Minuten Zeit haben, eine Person zu beurteilen, werden Sie auf einfache Merkmale schauen: Körpergröße, Gewicht, das Gesicht. Auch deswegen, weil es keine Alternativen gibt. SPRECHER Die Auswirkungen davon sind enorm. Musik 3: "Minamisoma" - Album: Grüsse Aus Fukushima (Original Score) - Komponistin und Ausführende: Ulrike Haage - Länge: 0'36 Sprecher: Wer groß ist, hat es tendenziell besser in unserer Gesellschaft. Immer wieder belegen Studien: Größere Menschen haben tendenziell mehr Sex, finden leichter einen Job, sie verdienen im Schnitt mehr Geld. Selbst unsere Sprache transportiert, wie wichtig groß sein ist: Egal ob jemand einen hohen Status hat oder großes erreichen will – Größe zählt. Und nicht zuletzt leiden etliche, weil sie mit ihrer Statur nicht ins gängige Ideal passen, weiß Archäologin Eva Rosenstock: ZUSP_05 Zum Beispiel sollte der männliche Partner größer sein als die Partnerin, mindestens gleich groß. Wenn kleiner, wird es eher schwierig oder gilt als mutige Verpartnerung, dass man sich über Schönheitsideale und Vorstellungen hinwegsetzt. Also, das ist ein sehr, sehr starkes Attribut, was einem auch Rollen zuweist in unserer Gesellschaft. SPRECHER An unserer Körperhöhe führt also kein Weg vorbei. Sie hat erheblichen Einfluss auf unsere Gesellschaft, unser soziales Miteinander. So weit, so gut. Nun zeigen aber neuere Studien, das Ganze funktioniert wohl auch umgekehrt. Sprich: Unsere Kultur bestimmt maßgeblich, wie groß wir überhaupt werden. Wie kann das sein? Beißt sich die Katze damit nicht in den Schwanz? An dieser Stelle eine kurze Wiederholung für alle, die ihren Biologieunterricht nicht mehr so präsent haben: Musik 4 "Forest Of Fairytales" - Komponist und Ausführender: Lauschgold - Länge: 0'38 SPRECHER Die Natur gibt unserem körperlichen Wachstum bestimmte Grenzen vor. Physikalische, die den Bauplan unseres Körpers betreffen. Und physiologische, die die Funktionen und Abläufe in unserem Organismus anbelangen. Kurz gesagt: Wir können nicht etwa fünf Meter groß werden – unsere Knochen würden dabei brechen. Wir können auch nicht zehn Zentimeter klein werden – darauf sind etwa Atmung und Blutkreislauf nicht ausgelegt. Das alles ist in unserem Erbgut, unseren Genen festgelegt. Sie geben unsere Größe vor. Und trotzdem, so sagt Kinderarzt und Größenforscher Michael Hermanussen: ZUSP_07 Der Rahmen ist riesig. Wir können in einem Bereich von etwa 30 Zentimetern wanken. Alles, was wir zwischen 1,40 will ich mal sagen und 1,90 für Männer sehen – es ist im Rahmen unserer Genetik. Nur die Feinabstimmung, die erfolgt dann später. SPRECHER Soll heißen: Nach der Geburt und unabhängig von unseren Genen stellt sich heraus, wo wir innerhalb dieser Bandbreite als Erwachsene landen. Ausschlaggebend dafür ist – so die gängige Erklärung: ZUSP_08 If you will have a good environments when you are young, with many resources available, that will impact your growth. VOICEOVER-männlich Wenn Sie in jungen Jahren ein gutes Umfeld haben, mit vielen Ressourcen, dann wird das ihr Wachstum beeinflussen. Musik 5 "Forest Of Fairytales" - Komponist und Ausführender: Lauschgold - Länge: 0'30 SPRECHER Und irgendwie scheint das auch ganz gut zu passen: Denn die meiste Zeit in den letzten Jahrtausenden hat sich unsere Durchschnitts-Größe nur mäßig verändert. Erst in den vergangenen 150 Jahren sind wir sehr schnell deutlich größer geworden – weltweit im Schnitt um mehr als zehn Zentimeter. Fachleute wie Eva Rosenstock nennen das die ‚säkulare Akzeleration‘: ZUSP_09 Was hat sich verändert? Da sehen wir eben Fortschritte in ganz verschiedenen Bereichen. Wir sehen in der Landwirtschaft zum einen Kunstdünger mit höheren Erträgen, auch höherem Proteingehalt, den dann die Feldfrüchte haben, insbesondere die Getreide. Wir sehen eine Intensivierung, eine massive der Milchwirtschaft. Das geht wahrscheinlich Hand in Hand mit dem pasteurisieren können. Dann verbesserte Hygiene, weniger Wachstumsverzögerungen, die einfach entstehen, wenn der Mensch ständig gegen Krankheiten ankämpfen muss. SPRECHER Körpergröße ist demnach offenbar eng an unsere wirtschaftliche Entwicklung geknüpft. Kurz gesagt: ZUSP_10 Es ist ein Wohlstands-Indikator. SPRECHER Beispiel Niederlande, also dem Land, in dem gegenwärtig die Menschen weltweit am größten sind. Mit Frauen zuletzt 1,70 Metern und Männern 1,84 Metern, im Schnitt wohlgemerkt. Mitte des 19. Jahrhunderts war das noch anders. Damals maßen sie durchschnittlich knapp 20 Zentimeter weniger, sagt der Niederländer Gert Stulp: ZUSP_11 the first reason is that the Netherlands have a very good health care system and also very equal access to health care. And this is important because lets take as an example America. The top American healthcare system is probably better than what we get in the Netherlands. VOICEOVER-männlich Die Niederlande haben ein sehr gutes Gesundheitssystem und haben einen sehr gleichberechtigten Zugang dazu. Und das ist entscheidend. Beispiel USA: Deren bestes System ist wahrscheinlich besser als unseres hier. SPRECHER Aber nur wenige Menschen können sie sich leisten. Wirtschaftswissenschaftler argumentieren, dass US-Amerikaner aufgrund dieser Arm-Reich-Schere heute im Schnitt sechs Zentimeter kleiner sind als Niederländer. Dabei waren sie noch im 19. Jahrhundert die weltweit größten. Musik 6 "Stones Throw" - Album: Language Barrier - Komponist: Lusine Icl - Länge: 0'31 SPRECHER Doch ist unsere Körperhöhe dann tatsächlich eine Frage der Wirtschaftsleistung? Ein Zeichen also für unseren Fortschritt und stetig wachsenden Wohlstand? Oder ist sie vielleicht eher von der Kultur, der Gesellschaft abhängig? Weil die zum Beispiel darüber bestimmt, wer wie viel Zugang zu Ressourcen bekommt. Das hat sich unter anderem auch Archäologin Eva Rosenstock gefragt: ZUSP_12 Können wir das quasi als so ein Bruttoinlandsprodukt-Ersatz für die Vorgeschichte verwenden? Das war die ursprüngliche Idee. Und je weiter wir geforscht haben, wurde uns immer klarer, dass so ein eindeutiges Bild, wie das Wirtschaftshistoriker zeichnen können, das hat sich halt für die Vorgeschichte gar nicht so abgezeichnet. SPRECHER … sagt die Forscherin von der Universität Bonn – laut Pass übrigens 1,66 Meter groß. Doch zurück zum Thema. Was hat sie mit Kollegen aus Österreich und den USA genau untersucht? Die Genetiker und Altertumswissenschaftler haben Daten von über 1.500 Skeletten ausgewertet, allesamt zwischen 6.000 und 8.000 Jahren alt. Gefunden bei Grabungen in Mitteleuropa, auf dem Balkan und im Mittelmeerraum. Knapp 130 Proben stammen auch aus der Gegend des heutigen Sachsen-Anhalt. Sie gehören zu Menschen aus der Gruppe der sogenannten Linienbandkeramik: ZUSP_13 Die sind in der zweiten Hälfte des sechsten Jahrtausends aus Südosteuropa nach Mitteleuropa zu uns gekommen und haben die bäuerliche Lebensweise, also Viehhaltung und Pflanzenbau, zu uns gebracht. SPRECHER Das besondere dieser Linienbandkeramiker: Sie besiedelten nahezu ausschließlich Gegenden mit fruchtbarem Lössboden. In dem erhalten sich Knochen meist sehr gut. Deshalb kann man mit ihnen auch gut ermitteln, wie groß die Menschen waren. ZUSP_14 So durch die Bank rum haben wir, dass Männer irgendwo um die 1,65 bis maximal 1,70 rangieren und Frauen doch deutlich drunter. 1,55, maximal 1,60. Auf jeden Fall deutlich kleiner als das, was wir heute so gewohnt sind. SPRECHER Gleichzeitig ergab sich anhand genetischer Proben aber: Die Menschen haben ihr vorgegebenes Wachstumspotenzial damals nicht ausgeschöpft – genetisch hätten sie größer sein können. Warum also waren die Männer und Frauen damals relativ klein? Zum Teil liegt das nach Ansicht der Wissenschaftler an der damaligen Umwelt und Lebensweise: Körperliche Schwerstarbeit beim Ackerbau, aufwendige und in reiner Handarbeit konstruierte Häuser – tagtäglich enorme Belastungen, die sich auch auf die Körpergröße ausgewirkt haben müssen. Allerdings reicht das nicht, um zu erklären, was Eva Rosenstock noch festgestellt hat – beim Vergleich von nördlichem Mitteleuropa und Mittelmeerraum: ZUSP_15 Was auffällig war: dass die mediterranen Männer und Frauen ein- und derselben Kulturzeit weniger starke Unterschiede aufweisen als die Bandkeramiker. SPRECHER Soll heißen: In der Gegend des heutigen Sachsen-Anhalt waren die Frauen deutlich kleiner als Männer, im Süden dagegen waren Frauen und Männer annähernd gleich groß. An Ernährung, Krankheiten oder Mangelzuständen kann das aber nicht gelegen haben, sagt die Archäologin. Das lässt sich aus den Analysen von in den Knochen eingelagertem Kohlenstoff und Stickstoff ableiten. Die zeigten keine auffälligen Unterschiede zwischen den Geschlechtern. ZUSP_16 Sodass wir jetzt einfach den Schluss ziehen müssen: Da muss es irgendetwas geben, was kulturell getrieben auf die Körperhöhe einwirkt und werdende Männer begünstigt und werdende Frauen benachteiligt hat. SPRECHER Die plausibelste Erklärung für die Wissenschaftler ist, dass Frauen weiter im Norden offenbar mehr leisten mussten als Männer. ZUSP_17 Was wir wissen, ist, dass die Bandkeramiker ihre Frauen von woanders hergeholt haben. Und da kann man dann so sich Szenarien ausspinnen, wie ist das für so eine junge Frau, die verheiratet wird, den Ort wechselt? Das ist eine emotionale Belastung. Gab es schon so etwas wie Teenager-Schwangerschaften? Also eine Kombi aus früher Schwangerschaft, man wächst selber noch und muss aber auch schon arbeiten. MUSIK 7 "Stones Throw" - Album: Language Barrier - Komponist: Lusine Icl - Länge: 0'30 SPRECHER Belegen können die Forschenden um Eva Rosenstock diese Theorie derzeit noch nicht. Es mehren sich aber die Hinweise darauf, dass nicht nur Wohlst…

    Full show notes at the publisher

    Guanchen - Das rätselhafte Urvolk der Kanaren Aug 18, 2025
    Show notes

    Fernab der einst bekannten Welten entwickelte sich um Christi Geburt auf den Kanaren eine rätselhafte Kultur. Die ersten Bewohner der Inseln im Atlantik scheinen weder über seetaugliche Boote noch über Kenntnisse der Schifffahrt verfügt zu haben. Wie aber waren sie dann auf die Inseln mitten im Meer gekommen? - Nur eines der vielen spannenden Rätsel rund um die Ur-Kanaren, die Guanchen.CreditsAutor dieser Folge: Lukas GrasbergerRegie: Kirsten BöttcherEs sprachen: Christian Baumann, Carsten Fabian, Katja Schild, Jennifer GüzelTechnik: Matthieu BelohradskyRedaktion: Thomas Morawetz Im Interview:Dr. Teresa Delgado, Archäologin und Konservatorin, Museo Canario, Las Palmas de Gran Canaria Prof. Harald Braem, Autor „Auf den Spuren der Ureinwohner: Ein archäologischer Reiseführer für die KanarenDr. Rosa Fregel, Genetikerin, Universidad de La Laguna, TeneriffaDr. José Ignacio Sáenz, Direktor Museum Cueva Pintada, Gáldar, Gran Canaria Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Angkor - die rätselhafte StadtAngkor ist die größte Tempelanlage der Welt. Doch wieso ist diese mittelalterliche Megacity der Khmer verlassen worden? Schuld daran waren auch Klimaveränderungen.JETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecher Touristen schlendern über die Strandpromenade von Maspalomas auf Gran Canaria. Einige schlürfen Eis, andere lassen den Blick über den tiefblauen Atlantik streifen. Für die ovale Steinformation zu ihren Füßen, ein paar Meter strandwärts, scheinen sich die meist deutschen Urlauber kaum zu interessieren. Musik 2: ARD-Labelmusik Drifting beauty red – Z8021443108 – 29 Sek …Ganz anders die kanarische Archäologin Teresa Delgado. Für Forschende wie sie sind die Spuren derjenigen, die bereits ein paar Tausend Jahre vor den Touristen auf die Insel kamen, ein spannendes Rätsel - das sie nur nach und nach zu lösen lernen. O-Ton 1 Dr. Teresa Delgado, Konservatorin am Museo Canario, Las Palmas, span. Voice Over weiblich „Das sind Reste einer Siedlung, wie sie für die Ureinwohner der kanarischen Inseln typisch war. Damals boomte die Bevölkerung auf Gran Canaria, ihre Kultur blühte. Menschen, die seinerzeit in Berg-Höhlen lebten, zogen an die Küsten. Die Gesellschaft war im Aufbruch: Vormalige Viehzüchter entwickelten ihre Fähigkeiten im Ackerbau - und begannen auch den Ozean intensiv auszubeuten.“ Sprecher In den Ruinen von „Punta Mujeres“ fanden die Archäologen Hinterlassenschaften, die auf einen reichhaltigen Fischkonsum der ersten Bewohner Gran Canarias hindeuteten. Doch da war eine Sache, die die Forscher bald ins Grübeln bringen sollte... O-Ton 2 Delgado Voice Over weiblich „Bei dieser und anderen Ausgrabungen haben die Archäologen nie Gräten oder Köpfe von Hochsee-Fischen gefunden. Die ersten Bewohner der Inseln haben wohl nur an oder nahe der Küste gefischt. Darauf, dass sie das ohne Boote taten, weist eine besondere Ohrerkrankung hin, die man in Schädeln der Urkanarier gefunden hat. Diese hatten einen Tumor im Hörkanal, der bei häufigem Kontakt mit kaltem Wasser entsteht – etwa, wenn man am Ufer nach Meerestieren taucht. Auch hat man bei Ausgrabungen nie Überbleibsel von Schiffen entdeckt. In der Gesamtschau verleitet uns das zu dem Schluss, dass die frühen Bewohner der Inseln weder über Boote, noch über Fähigkeiten der Navigation verfügt haben dürften.“ Atmo Meeresrauschen + Musik 3: ARD Labelmusik Drifting beauty red – siehe oben – 19 Sek Sprecher Wie aber waren die ersten Siedler dann auf die kanarischen Inseln gekommen – und warum? Und: Falls sie doch eigene Boote hatten: Weshalb hatten sie sich überhaupt auf die lebensgefährliche Überfahrt übers offene Meer, in unbekannte Gefilde, begeben? Musik aus Sprecher Vieles zur Herkunft und Lebensweise der kanarischen Ureinwohner erscheint uns heute, gut 500 Jahre nach der endgültigen Einnahme der Inseln durch die Spanier, geheimnisvoll. Die iberischen Eroberer haben die Guanchen, Canarios, Majos und Majoreros, die Gomeros, Bimbaches und die Benahoaritas gnadenlos ausgerottet. Deren Kultur und Zivilisation versank im Dunkel der Geschichte. Musik 4: Weak Sunlight Grabungs-Funde haben nachgewiesen, dass das mediterrane Seefahrer-Volk der Phönizier bereits im zehnten Jahrhundert vor Christus einen Fuß auf die Insel Lanzarote setzte. Später kamen die Römer. Doch beide waren keine Siedler, betont die Archäologin Teresa Delgado: Es waren wenige Menschen, die dort saisonal Stützpunkte für den Handel, etwa mit Purpur, betrieben. Die Urkanarier, das erste Volk, das die Inseln im Atlantik dauerhaft besiedeln sollte, waren andere... O-Ton 3 Delgado Voice Over weiblich „Die erste nachhaltige Besiedlung der Inseln fand durch Berber-Völker aus dem Nordwesten Afrikas statt. Darauf deuten auch die jüngsten Untersuchungen von Spuren alten Erbguts hin.“ O-Ton 4 Dr. Rosa Fregel, Genforscherin, Universidad de La Laguna, Teneriffa, span. Voice Over weiblich „Nach unseren genetischen Analysen waren die ersten dauerhaften Bewohner der Kanaren Berber, die aus dem Norden Afrikas stammen.“ Sprecher ...bestätigt die Forscherin Rosa Fregel von der Universität von La Laguna auf Teneriffa. Die Biologin untersuchte mit ihrer Arbeitsgruppe das Erbgut von 48 Menschen, deren Überreste Archäologen an verschiedenen Orten der Inseln ausgegraben hatten. Die alten Erbgutspuren verraten, dass die Ur-Kanarier offenbar in zwei Wellen übers Wasser kamen: In Fregels Analysen zeigte das Erbgut der ersten Bewohner der östlichen Kanareninseln Lanzarote, Fuerteventura und Gran Canaria einen größeren europäischen Einschlag - während bei den westlicher gelegenen der Anteil an nordafrikanischen Genen überwog. Und: Es war kein homogenes Berber-Volk, das da aus Nordafrika auf das Atlantik-Archipel gelangte. O-Ton 5 Fregel Voice Over weiblich „Es war bereits ein Völkergemisch. Das Erbgut der ersten kanarischen Siedler weist nordafrikanische und mediterrane Elemente auf – sowie aus Subsahara-Afrika. Vor der ersten Migration auf die Kanaren dürfte es größere Wanderungsbewegungen im und in den Norden Afrikas gegeben haben. Auch von Menschen, die südlich der Sahara aufbrachen, Richtung Norden.“ Sprecher Waren es Verwerfungen rund um die römische Einnahme von Nordafrika, die Menschen unterschiedlicher Herkunft und in großer Zahl vertrieben, und diese zu einer Wanderung bis auf die kanarischen Inseln veranlassten? Nicht nur genetisch, auch ihrem Aussehen nach unterschieden sich die Guanchen, die Ureinwohner Teneriffas, frühen Beschreibungen zufolge deutlich. Der Dominikaner-Pater Fray Alonso de Espinosa, der mit den spanischen Eroberern auf die Insel kam, schilderte die Urbevölkerung einerseits als „dunkel und braungebrannt“; andererseits fand der Priester und Geschichtsschreiber im Norden des Eilands „hellhäutige“ Menschen vor - darunter Frauen „mit blondem und schönem Haar“. Die Forschung der Biologin Rosa Fregel und ihrem Team bestätigt, dass es besonders unter den Ureinwohnern der großen Inseln Teneriffa und Gran Canaria eine große genetische Vielfalt gab. Musik 5: Weak sunlight – siehe vorne – 29 Sek Doch: Wer genau wann auf die Inseln kam – und vor allem warum: Diese Fragen lassen sich auch mit Erbgut-Analysen nicht zufriedenstellend beantworten. Für Teresa Delgado passen die Erkenntnisse ihrer Forscher-Kollegin Fregel zumindest zu zwei Theorien über die Ankunft der ersten Siedler auf den Kanaren. O-Ton 6 Delgado Voice Over weiblich „Die erste These geht davon aus, dass ein anderes Volk – wie die Römer – die ersten Inselbewohner herübergebracht, sie quasi auf den Inseln ausgesetzt hat: Als Gefangene oder Sklaven. Eine zweite These ist, dass sie aus eigenem Antrieb und mit eigenen Mitteln gekommen sind. Demnach hätten die Ur-Kanarier die Kunst der Schifffahrt mit der Zeit einfach verlernt. “ Sprecher Es gibt Quellen, die Wissenschaftler an der These vom Inselvolk ohne jegliche Kenntnisse und Mittel zur Seefahrt zweifeln lassen. So erwähnt der italienische Geschichtsschreiber Leonardo Torriani nach der spanischen Eroberung im 16. Jahrhundert, Boote von Ureinwohnern, gefertigt aus dem Holz von Drachenbäumen. Der deutsche Kanaren-Forscher Harald Braem verweist in diesem Zusammenhang auf Zeugnisse, die die indigene Bevölkerung selbst hinterließ. O-Ton 7 Braem „Gran Canaria ist stark vertreten mit interessanten Darstellungen…. die Felsbilder natürlich, sogar von einem Schilfboot. Was jetzt wirklich interessant diskutiert wird, ist, dass diese Boote Schilfboote waren. Dieses Schilf ist quasi unsinkbar, weil es ja hohl ist innen. Und dass mit diesen Schilfbooten diese Expeditionen gemacht wurden.“ Sprecher Ob es diese Boote wirklich gab, und wie groß der Bewegungsradius damit gewesen sein mag – dies ist und bleibt eine weitere Unbekannte in der Geschichte der Urkanarier. In jedem Fall dürften die ersten Bewohner der Kanaren ihr Dasein über 1000 Jahre lang in Isolation gefristet haben - bis die Europäer die Inseln im späten Mittelalter wiederentdeckten. Selbst die benachbarten Inseln waren stets zum Greifen nah – und doch unerreichbar. Mangels Metallvorkommen stellten die Ur-Kanarier Werkzeuge und Waffen aus Stein und Knochen her. Und noch eine These wird durch DNA-Analysen von Rosa Fregel gestützt: dass sich Wirtschaft und Gesellschaft jeder einzelnen der Kanareninseln unabhängig voneinander entwickelten, Handel oder sonstiger Austausch fand nicht statt: Ton 8 Fregel Voice Over weiblich „insgesamt recht seltene Krankheiten, die auf El Hierro gehäuft auftraten, deuten auf eine starke Blutsverwandtschaft hin - und eine geringe genetische Vielfalt der Bewohner. Auf Gran Canaria dagegen hat sich eine große genetische Diversität erhalten. Möglicherweise hängt das damit zusammen, dass es auf dieser ungleich größeren Insel mehr Vieh und Getreide hab – und mehr Wasser, um auch eine größere Bevölkerung durch Krisenzeiten zu bringen.“ Atmo Plätschern Wasserquelle, darüber weiter mit Sprecher Wasser – das gibt und gab es auf der nordwestlichsten Kanareninsel La Palma im Überfluss. Noch heute füllen die unterirdischen Quellen zuverlässig die Trinkwasserreservoirs. Die Nähe zum Wasser: Sie war ein entscheidender Grund, warum gerade hier die einst wichtigste Siedlung der Ureinwohner entstand. O-Ton 9 Braem „Wir sind hier im barranco gomeros, im Westen von La Palma, und das ist eine besondere Zone, mit 35 Höhlen der Ureinwohner. (...) Hier in dem barranco werden, hochgerechnet, 200 bis 250 Menschen gelebt haben, Männer, Frauen Kinder.(…) Die Population der Einwohner hier, der Ureinwohner, wird ungefähr auf 10.000 geschätzt, zur Ankunft der Spanier, in zwölf Stämmen aufgeteilt.“ Atmo Schritte, Abstieg in den barranco Sprecher Über unwegsames Gelände geht es hinunter, zum Grund der Schlucht. Vor Ankunft der spanischen Eroberer, die Bäume und Sträucher in großer Zahl abholzten, dürfte der Barranco de Los Gomeros bewachsen und die Höhlensiedlung besser zugänglich gewesen sein. Heute prägen Sand, Fels und Geröll eine zerklüftete Landschaft, die schließlich ins Meer mündet. O-Ton 10 Braem „Grundnahrungsmittel war das Meer. Dann war ja hier die Anbaumöglichkeit hier am Bach gegeben… Oder natürlich die Ziegen, die meiste Grundlage beruhte auf Ziegen. Also sowohl die Felle, für Kleidung. Oder die Sehnen, die Hörner. Also man konnte von der Ziege das Fleisch, alles verwenden. Das war hier so eigentlich eine ganz gut ausgewogene Kost zwischen Früchten… Beerensammler, nä? Und Gofio gabs ja auch. Gofio, das war die geröstete Wurzel des Farnkrauts...und dann hat man ein Mehl, so n Hirte hatte nen Beutel mit Gofio dabei für unterwegs: Schnell mal ein kleines Brot backen, oder so.“ Sprecher In den Höhlen des Barranco de Los Gomeros fördern Archäologen noch immer zahlreiche Utensilien der Urkanarier zu Tage, weiß Harald Braem. Atmo Braem klettert in Höhle herum O-Ton 11 Braem „Die interessantesten Sachen sind natürlich immer im vorderen Bereich, wo die Feuerstelle war, und wo man die Abfälle ´rauswarf. Und da findet man am meisten.“ Musik 6: Automatique love Sprecher Kunstvolle, aus Knochen geschnitzte Nadeln, mit denen die Ureinwohner Kleidung aus dem Leder der Ziegen nähten, fanden sich in den Höhlen ebenso wie steinernes Werkzeug, mit denen sie Fleisch schnitten. Unmengen an Splittern tönerner Töpfe lassen erahnen, dass hier groß aufgekocht wurde: Die Benahoaritas, so der Name der ersten Siedler auf La Palma, lebten wohl in Verbünden von Großfamilien zusammen. Ein Grund, warum die kanarischen Ureinwohner nicht in einzelnen Höhlen wohnten – sondern sich in Höhlenkomplexen niederließen: Überall dort, wo ihnen die vulkanische Geographie der Inseln genügend Platz bot. O-Ton 12 Dr. José Ignacio Sáenz, Leiter der archäologischen Stätte Cueva Pintada, Gáldar, Gran Canaria, span., Voice Over männlich „Diese Orte bestehen teils aus natürlichen Höhlen, teils aus künstlichen Eintiefungen, die die Ureinwohner so in den Berg schlugen, dass sie einerseits unterirdische Wohnräume hatten, andererseits aber auch die Flächen der Terrassen nutzen konnten, die die Geografie der Hanglage für sie bereithielt. Später kamen auch freistehende, runde Steinhäuser dazu. Es entstanden nach und nach immer komplexere Siedlungen, wie etwa im Gáldar – wo sich mehr als 60 Häuser rund um die Cueva Pintada, die „bemalte Höhle“, gruppieren.“ Sprecher ...sagt José Ignacio Sáenz. Er leitet das Museum Cueva Pintada in Gáldar, im Nordwesten von Gran Canaria. Der heute knapp 25.000 Einwohner zählende Ort war einst Hauptstadt des Nordreiches der Altkanarier. An der Cueva Pintada von Gáldar zeigt sich, dass die kanarischen Ureinwohner Höhlen nicht nur für weltliche Zwecke nutzten (()) O-Ton 13 Sáenz Voice Over männlich „Die Cueva Pintada war keine normale Grabkammer. Bei den dort aufgebahrten Mumien dürfte es sich, ähnlich wie bei christlichen Heiligen-Reliquien, um bedeutende Persönlichkeiten gehandelt haben. Diese Bestattung, möglicherweise eines kanarischen Herrschers, dürfte die Höhle zu einem ,heiligen Ort’ aufgewertet haben.“ Musik 7: Dark Lake Sprecher Auch die „bemalte Höhle“ von Gáldar hält, wie José Ignacio Sánz einräumt, letztlich mehr Fragen als Antworten über das Leben und Sterben der kanarischen Ureinwohner bereit. Denn deren Kenntnisse der Mumifizierung wollen nicht recht zu einem ausgewanderten Berbervolk aus Nordafrika passen: Dies rief den französischen Forscher Jean-Paul Canamas auf den Plan: Der behauptete, verbannte oder verschleppte Ägypter seien einst gemeinsam mit den Berbern auf die Inseln gelangt, und hätten dort ihre Bestattungsbräuche eingeführt. Doch warum unterscheiden sich die Arten der Mumifizierung der alten Ägypter und der Altkanarier dann so deutlich? Wie erklärt sich, dass die Ägypter Verstorbene ausweideten, die Urkanarier ihren dagegen mitsamt aller Organe einbalsamierten – und die Leichen schließlich auch noch in Lederhäute einnähten? Musik aus. Auch der Sinn und Zweck der Zeichen und Formen an der Wand der Cueva Pintada von Gáldar bleibt bis heute im Dunkel der Vergangenheit verborgen. Markierten die Kreise und Dreiecke, die Archäologen in unterschiedlicher Ausprägung auf allen Kanareninseln entdecken, die Zugehörigkeit zu einem Volk, Stamm oder Familie? Dienten sie einst als eine Art Kalender – oder für religiösen Riten? Die Forscherin Teresa Delgado glaubt: In der vorzeitlichen Gesellschaft der Urkanarier waren handfeste landwirtschaftliche Zwecke und spirituelle Praxis kaum zu trennen. O-Ton 14 Delgado Voice Over weiblich „Diese Menschen mussten den Blick nach oben richten, die Sterne, das Wetter und die Jahreszeiten verfolgen: Sie sahen sich also im wahrsten Sinn des Wortes den Himmelsmächten ausgesetzt.“ Sprecher Ob sich die Geheimnisse der indigenen Bildersprache jemals vollständig lüften lassen? José Ignacio Sáenz hat daran Zweifel: Denn die ersten Bewohner der kanari…

    Full show notes at the publisher

    Endlich Pause - Der Sinn von Leerlauf Aug 15, 2025
    Show notes

    Pause machen - ein zutiefst menschliches Grundbedürfnis, das in den letzten Jahrhunderten sehr unterschiedlich gehandhabt wurde. Autorin: Kirsten Zesewitz (BR 2019)

    Credits
    Autor/in dieser Folge: Kirsten Zesewitz
    Regie: Christiane Klenz
    Es sprachen: Xenia Tiling, Jerzy May
    Technik: Siglinde Hermann
    Redaktion: Nicole Ruchlak

    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

    Interviewpartner/innen:
    Prof. Ulrich Wengenroth, Technikhistoriker, TU München (emeritiert);
    Prof. Götz Bachmann, Ethnologe, Zentrum für Digitale Kulturen, Leuphana Universität Lüneburg

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    Friedrich von Gärtner - Der Baumeister von Ludwig I. Aug 14, 2025
    Show notes

    Als Sohn des königlich-bayerischen Hofbauintendanten Andreas Gärtner sollte und wollte Friedrich in die Fußstapfen des Vaters treten. Wurde der Vater seinerzeit von Leo von Klenze aus seiner Stellung vertrieben, nahm Friedrich nun Rache und wollte seinerseits Leo von Klenze vom Hofe des Königs jagen. Autor: Martin Trauner (BR 2025)

    Credits

    Autor/in dieser Folge: Martin Trauner
    Regie: Martin Trauner
    Redaktion: Thomas Morawetz


    Interviews mit:

    • Prof. Winfried Nerdinger (Architekturhistoriker, ehem. Leiter des Architekturmuseum der TU München)
    • Prof. Egon Johannes Greipl - ehemaliger (seit 30-11-2013) bayerischer Generalkonservator

    Geschichte:

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    Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

    Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

    ERZÄHLERIN

    Endlich, nach beinahe 16 Jahren Planungs- und Bauzeit ist es soweit. - Jetzt, 1843, ist sie fertiggestellt: Die königliche Hof- und Staatsbibliothek in München.

    ZITATOR (Architekturführer)

    Dieser in den großartigsten Verhältnissen angelegte Bau wurde im italienischen-mittelalterlichen Style ausgeführt. -

    ERZÄHLERIN

    - schreibt ein zeitgenössischer bautechnischer Führer -

    ZITATOR (Architekturführer)

    - In seinen ausgedehnten Räumlichkeiten umschließt das Gebäude die außerordentlich reiche, gegenwärtig 1.300.000 Bände zählende Staatsbibliothek.

    MUSIK

    1. ZUSPIELUNG (Greipl)

    Da denkt man - riesengroß - da müssen alle Bücher der Welt hineinpassen -

    ERZÄHLERIN

    Sagt Egon Greipl, (ehemaliger) oberster Denkmalschützer in Bayern. -

    2. ZUSPIELUNG (Greipl)

    - und dann geht man hinein und sieht, da ist eine Menge Platz verschenkt worden für eine Treppe und solche repräsentative Sachen.

    MUSIK

    ERZÄHLERIN

    Eine Prachttreppe, die seinerzeit nur der König benutzen durfte. An ihr hat man bis zuletzt gearbeitet. 54 Stufen muss die Majestät überwinden, um aus dem dunklen Eingangsbereich in das Licht, zu den Büchern, zur Wissenschaft zu gelangen. - Obwohl der König in den letzten Jahren meist ein schwieriger Auftraggeber gewesen ist, ständig an den Plänen etwas ändert oder ändern lässt, die Treppe findet selbst der Architekt so schlecht nicht:

    ZITATOR GÄRTNER

    Für die Haupttreppe stehe ich gut, das ist die pompöseste die wenigstens in Deutschland existiert. Diese gefällt mir selbst.

    MUSIK

    ERZÄHLERIN

    Und das ist der Baumeister des 152 Meter langen und 24 Meter hohen Monumentalbaus: Friedrich von Gärtner. Die Bibliothek: sein erster Auftrag für König Ludwig I. - Vor 16 Jahren, 1827, ließ Ludwig den gar nicht mehr so jungen Architekten gewähren: Gärtner soll nun endlich sein erstes Gebäude überhaupt bauen. Und dann gleich ein so großes.

    3. ZUSPIELUNG (Nerdinger)

    Ein riesiger Bau. Und die besondere Pointe oder Gemeinheit könnte man auch sagen, liegt darin, dass er diesen Bau an der von Klenze geplanten Ludwigsstraße vorgesehen hat...

    ERZÄHLERIN

    - so Winfried Nerdinger, Architekturhistoriker aus München. - Die Ludwigsstraße, sie ist des Königs Lieblingskind, sie soll seine Prachtmeile werden...

    4. ZUSPIELUNG (Nerdinger)

    Klenze hat ja diese Straße komplett geplant, das war "seine Straße", er hat den ganzen südlichen Teil bereits mit Neubauten bestückt und jetzt mitten hinein in seine Straße, der größte Bau überhaupt bis dahin, die Staatsbibliothek, da bekommt ausgerechnet sein Konkurrent den Auftrag. Und das war sicherlich für Klenze ein Schlag.

    MUSIKAKZENT

    ERZÄHLERIN

    Friedrich Gärtner und Leo Klenze, zwei Baumeister in königlichen Diensten - ein Berufsleben lang lauern sie wie Skylla und Charybdis, die beiden Ungeheuer, an der Meerenge von Messina. Und, um im mythologischen Bild zu bleiben, kein königlicher Auftrag soll an ihnen ungeschoren vorbei kommen.

    5. ZUSPIELUNG (Nerdinger)

    Die waren beide nicht von Pappe, um es mal salopp zu formulieren und haben mit allen Mitteln sich gegenseitig bekämpft und für ihre Karriere gekämpft.

    ERZÄHLERIN

    26 Jahre ist er alt, da wird der junge begabte Nachwuchsarchitekt Friedrich Gärtner Ludwig vorgestellt. Und wer bringt ihn zum Kronprinzen? Der 7 Jahre ältere Klenze. Der, ein protestantischer Preuße, ist schon seit einem Jahr in Diensten des Königshofs.

    ZITATOR GÄRTNER

    Dass dieser zum Faktotum geworden ist, ersah ich schon längst, den Grad aber ersah ich da näher.

    6. ZUSPIELUNG (Nerdinger)

    Als drittes muss man immer noch den König mit einbeziehen, genauer gesagt, den Kronprinzen, der beide letztlich wie Schachfiguren in seinem Spiel benutzt hat.

    ZITATOR GÄRTNER

    Ich sah nur zu deutlich, dass einem schlechten Schachspieler leicht eine Figur genommen und die andere dafür hingesetzt werden kann.

    MUSIKAKZENT

    ERZÄHLERIN

    Über Gärtners Karriereleiter sind wir Sprosse um Sprosse relativ gut informiert. Denn mehr als 30 Jahre lang schreibt er Briefe, an Martin von Wagner. -

    7. ZUSPIELUNG (Nerdinger)

    Nun: der Martin von Wagner war eigentlich der Kunsthändler des Kronprinzen in Rom.

    ERZÄHLERIN

    Martin von Wagner ist der Freund von Friedrichs Vater, dem Hofbauintendanten Andreas Gärtner. Und auch wenn die Mutter Bedenken gegenüber Wagner äußert, Friedrich beschwichtigt:

    ZITATOR GÄRTNER

    Deine Warnung, gute Muttern über Wagner ist recht gut, allein sei versichert, sie war nicht nötig. So kenne ich meine Leute noch. Wagner ist ein guter, ernsthaft rechtschaffener Mann, allein nie für einen Freund geschaffen.

    ERZÄHLERIN

    Friedrich Gärtner und Wagner werden trotzdem Freunde, gute Freunde. Netter Nebeneffekt für Gärtner: Wagner hat einen sehr guten Draht zum Kronprinzen. - Gärtner macht in seinen Briefen aus seinem Herzen keine Mördergrube. Winfried Nerdinger:

    8. ZUSPIELUNG (Nerdinger)

    Ich glaube auch, dass man natürlich mit gewissen Abstrichen diesen Briefwechsel als ziemlich wichtige authentische Aussage nehmen kann, weil er sich da einem Freund geöffnet hat - Wir können da doch relativ tiefe Einblick in das Gefühlsleben Gärtners tun und in das Intrigenspiel bei Hofe.

    ERZÄHLERIN

    Über 100 Mal wird die Post von Gärtner die Zeiten überdauern, die Post von Wagner retour dagegen nicht. - Kennen gelernt haben sich die beiden in Rom. -

    ZITATOR GÄRTNER

    Rom ist nebenbei gesagt der herrlichste Ort, um einem als Mensch die besten Lebensregeln zu erteilen!

    MUSIK


    ERZÄHLERIN

    Im Oktober 1814 kommt Gärtner nach Rom. Nach seinem Architekturstudium in München bei Carl von Fischer, nach Lehrjahren in Paris, zieht der 22-Jährige in die deutsche Künstlerkolonie. "Quartiere degli Infedeli", "Viertel der Abtrünnigen", nennen es die Römer, wegen der vielen deutschen Protestanten. Der Katholik Gärtner kennt bald alle Trattorien und Weinstuben rund um seine Wohnung in der Via Sistina, nahe der spanischen Treppe. Jetzt will er wieder lernen, dieses Mal aber das Leben:


    MUSIK

    ZITATOR GÄRTNER

    Der Durst war groß, der Wein war gut und so wurde allgemeiner Jubel unter der Gesellschaft. Eine Gitarre, die uns begleitete, spielte bald ihren Saltarello, bald ihren Walzer...

    ERZÄHLERIN

    Martin von Wagner nimmt Friedrich in seine Obhut, im Auftrag von Andreas Gärtner, dessen Vater. Er zeigt ihm die mediterrane Lebensart, er bringt ihn in die Kreise der Rom-liebenden deutschen Künstler. Die feiern sich und "ihren" bayerischen Kronprinzen, den Kunstmäzen, am liebsten im Caffè Greco - keine zwei Minuten von der Wohnung Gärtners entfernt. Hier treffen sich auch die Mitglieder eines von Martin von Wagner initiierten Geheimbundes: "Nemesis" heißt er :

    MUSIK

    9. ZUSPIELUNG (Nerdinger)

    Diese Künstler haben sich die Nemesianer genannt. - Die Nemesis als ihre Göttin, die dem einzelnen das Geschick zuweist, dem einen das Gute, dem anderen das schlechte. So etwas, was für Künstler ja ganz wichtig ist: Der eine steigt auf, der andere steigt ab...

    ERZÄHLERIN

    Nemesis gibt sich zunächst wankelmütige, was das Schicksal des jungen Friedrich betrifft. Der "Orlando furioso", wie ihn seine Freunde jetzt rufen, genießt zwar in Rom das süße Leben in vollen Zügen, ganz untätig ist er freilich nicht. Er zeichnet etliche antike Ruinen, fährt nach Pompeji und Sizilien, besteigt die Vulkane Italiens. Und er beteiligt sich - auf sanftes Drängen seines Vaters - am Wettbewerb zum Bau der Münchner Glyptothek. Mit Hilfe seines Vaters, der die Pläne ein wenig korrigiert und nachbessert, wird sein Entwurf vom Preisgericht als der für den Bau geeignetste befunden. Den Auftrag bekommt, allem zu Trotz, wie kann es anders sein, Leo Klenze.

    MUSIK

    ZITATOR GÄRTNER

    Thermometer 5 Grad Beaumont -

    Pluvianopolis am 12ten des 8. Regenmonats 1817 nach Christi Geburt -

    Parameter (wie gewöhnlich): Regen, Hagel, Wind.

    ERZÄHLERIN

    Gärtner ist nach fast drei Jahren Sommer, Sonne, Kaktus wieder in München. In Pluvianopolis, der Regenstadt. Er schreibt an Wagner nach Rom:

    ZITATOR GÄRTNER

    Der ewigen Nemesis zum Gruße! Ohne Nachrichten aus Rom bin ich ein geschlagener Mensch. Oh große Nemesis! Was habe ich verschuldet, dass du gerade jetzt mich ins Exil geschickt, wo ich dickes Bier um 12 Uhr saufen muss.

    MUSIK

    ERZÄHLERIN

    Nemesis meint es tatsächlich nicht gut mit ihm. Nicht nur dickes Bier und saurer Wein schlagen ihm auf den Magen: In München, im Exil, findet er keine adäquate Anstellung, obwohl sein Vater immer noch königlich bayerischer Hofbauintendant ist, also de facto der oberste Baumeister. Und er würde so gerne in dessen Fußstapfen treten.

    ZITATOR GÄRTNER

    Es ist traurig, wenn man mehrere Jahre sich bemüht, um etwas zu lernen und am Ende wieder dort hingestellt ist, von wo man ausgegangen. Seit meiner Zurückkunft sitze ich da und lege die Hände in den Schoß.

    ERZÄHLERIN

    26 Jahre ist Gärtner mittlerweile. Er sehnt sich nach Rom. Hier im kalten Norden, in München: - "Ein Windloch". Die Mutter stirbt. Er fühlt sich dazu verpflichtet, die Familie finanziell zu unterstützen, lebt aber im Gegenteil vom Geld des Vaters. Und dann auch noch das:

    ZITATOR GÄRTNER

    Mit unverändertem Gemüte durchlas ich heute die Entlassung meines alten und würdigen Vaters von seinem treuen Dienste und dessen Erstattung durch Klenze mit einer vermehrten Besoldung von 3000 fl.

    10. ZUSPIELUNG (Nerdinger)

    Aus den Briefen, die er an seinen Freund Martin von Wagner schrieb, kommt ganz klar heraus, dass diese Verdrängung seines Vaters als Hofbauintendanten für die Familie sehr belastend war und in der Familie dann ein Hass auf Klenze aufgebaut worden ist.

    ERZÄHLERIN:

    Wobei man hinzufügen muss, dass sein Vater bei seiner Entlassung bereits 74 Jahre alt ist. Und obwohl Klenze ihm noch am selben Tag einen Job verschafft -


    Allergietests - Warum das Immunsystem verrückt spielt Aug 14, 2025
    Show notes

    Wer eine Allergie hat, sollte wissen, welcher Stoff die Beschwerden verursacht. Nur dann kann man diese Substanz meiden. Deshalb sind Allergietests nötig, die manchmal Detektivarbeit sind. Autor: Hellmuth Nordwig (BR 2025)

    Credits
    Autor/in dieser Folge: Hellmuth Nordwig
    Regie: Frank Halbach
    Es sprachen: Katja Amberger, Patrick Zeilhofer

    Technik: Roland Böhm
    Redaktion: Nicole Ruchlak


    Im Interview:

    - Dr. Eva Oppel, Leiterin der Allergieambulanz der LMU München

    - Prof. Ulf Darsow

    - Niko Mirissas, Allergieambulanz der TU München; Patienten

    - Dr. Josef Kornwachs, Arzt, München

    - Dr. Michael Szardenings, Fraunhofer IZI, Leipzig


    Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

    Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung:
    BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG


    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

    Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:
    ARD Audiothek | Radiowissen
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    Das vollständige Manuskript gibt es HIER.

    Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript:

    ATMO 1: ALLERGIEAMBULANZ, PATIENTEN SPRECHEN, HUSTEN


    darüber SPRECHER:

    In der Allergieambulanz der Universität München warten Dutzende Patienten. Wer sich zu ihnen setzt, blickt in gerötete Augen und geschwollene Gesichter, ist umgeben von vielstimmigem Husten und schniefenden Nasen. Vielen Menschen geht es richtig schlecht, sie können vor Heuschnupfen oder Asthma kaum atmen. Andere sind hier, weil ihr Körper auf ein Medikament oder ein Lebensmittel heftig reagiert hat, zum Beispiel mit Schwellungen oder Juckreiz. Wieder andere haben einen Haut¬ausschlag, bei dem die Ursache nicht klar ist.


    O-TON 1: PATIENT

    Wenn Sie meine Füße anschauen: Ich habe an den Füßen eine Art Ekzem. Und da wird jetzt getestet, dass man rausbekommt, woher das ist, damit man eine Diagnose bekommt, was es ist und dementsprechend auch behandeln kann.


    SPRECHERIN:

    Allergietests. Warum das Immunsystem verrückt spielt. Eine Sendung von Hellmuth Nordwig.


    O-TON 2: OPPEL

    Hier wird jetzt der Goldstandard der Allergiediagnostik durchgeführt, der sogenannte Pricktest. Es werden in einer Standardreihe die häufigsten Allergene, die in der Luft getragen werden, aufgetragen in einer Lösung. Das ist immer eine definierte Menge an Allergen. Und dann mit einer kleinen Lanzette in die oberste Hautschicht eingebracht. (25")


    SPRECHER:

    Dr. Eva Oppel leitet die Allergieambulanz. Gerade hat eine Assistenzärztin ein Tröpfchen Flüssigkeit auf den Unterarm des Patienten gegeben. Jetzt ritzt sie dort die Haut ein kleines bisschen ein. Ganz wenig, nur so als würde man sich aus Versehen mit dem Fingernagel kratzen. Das macht sie rund 20 Mal mit verschiedenen Testlösungen. Die enthalten Extrakte von sogenannten Allergenen: von Pollen, Hausstaub oder anderen Substanzen, die in der Luft herumschwirren. Manche Menschen reagieren allergisch darauf, und zwar so rasch:


    O-TON 3: OPPEL

    Dass Sie nach ca. 20 Minuten den Test ablesen können. Das ist also ein sehr schnelles Ergebnis, das wir haben. 21:37 Im Falle einer positiven Reaktion sehen Sie eine kleine Quaddel an der Stelle. Die entsteht, weil über Botenstoffe in der Haut - natürliche Botenstoffe wie das Histamin beispielsweise - dann solche klassischen Reaktionen auf der Haut auftreten.


    SPRECHER:

    Der Körper schüttet diese Botenstoffe aus, weil das Immunsystem Alarm schlägt. Eigentlich soll uns die Körperabwehr ja vor Krankheitserregern schützen. Sie registriert aber auch, wenn wir mit Stoffen aus der Umwelt in Kontakt kommen, etwa mit Staub oder Pollen. Bei einigen Menschen reagiert das Immunsystem dann besonders sensibel. Gegen die Umwelteinflüsse bildet es Abwehrmoleküle, die auch Antikörper heißen. Dafür sind bestimmte Gene verantwortlich, und die hat nicht jeder. Die Quaddeln beim Hauttest zeigen an, dass der Organismus Antikörper gegen das Allergen produziert, also gegen den getesteten Stoff aus der Umwelt. Quaddeln zu haben bedeutet aber noch nicht, dass die Person gegen die Substanz wirklich allergisch ist.


    O-TON 4: OPPEL

    Wenn Sie da etwas finden, dann nennt sich das Sensibilisierung. Sie können zum Beispiel Antikörper gegen die Katze haben, wenn der Patient aber sagt: Ich habe eine Katze zu Hause, ich niese nicht, wenn ich sie in die Hand nehme und streichle, und ich habe auch sonst keine Beschwerden, dann ist das eine stumme Sensibilisierung, die man dann aber nicht Allergie nennt.


    SPRECHER:

    Denn bei der müssen neben den Quaddeln passende Symptome dazu kommen. Deshalb halten Allergieexperten nichts davon, einfach so drauf los zu testen. Von Selbsttests, die man on¬line bestellen kann, raten sie dringend ab, auch wenn man auf einen Termin bei einem Spezialisten oft lange warten muss. Doch der kann auch einen anderen Typ von Allergie erkennen. Dabei treten die Beschwerden erst nach einigen Tagen auf, als Hautausschlag, der bei den Fachleuten Kontaktekzem heißt. Metalle, Latex oder Chemikalien sind typische Auslöser. Dafür gibt es einen anderen Hauttest, bei dem Allergene als Salbenzubereitungen auf den Rücken aufgetragen werden. Dort werden sie mit einem Pflaster fixiert und bleiben mehrere Tage auf der Haut. Das war auch bei einer Patientin so, die Eva Oppel jetzt untersucht.


    O-TON 5: OPPEL

    (Pflaster abreißen) Was man bei der Dame hier auch sieht, ist die Tätowierung. Wir haben immer mehr Patienten, die tätowiert sind, weil das heute sehr gewünscht wird und gemacht wird. Und da ist es tatsächlich so, dass man gerade auf die schwarze Tätowierungsfarbe ganz starke Kontaktallergien entwickeln kann und eigentlich jeder Patient, bevor er eine Tätowierung durchführen lässt, aufgeklärt werden müsste.


    SPRECHER:

    Doch bei der Patientin stellt sich etwas ganz anderes heraus. Tatsächlich ist die Haut in einem der Testfelder deutlich gerötet, auch kleine Bläschen sind zu sehen. Und zwar dort, wo Eva Oppel zwei Tage zuvor ein häufig verwendetes Desinfektionsmittel aufgetragen hatte.


    O-TON 6: OPPEL

    Die Dame bekommt dann einen Ausweis und sollte dann eben nachschauen in jedem Waschmittel, in jeder Körperlotion, ob der Stoff enthalten ist und sollte ihn dann auch meiden in Zukunft. 19:44 In der Mitte wird der Stoff eingetragen mit seiner Bezeichnung, und auf der rechten Seite sehen Sie dann, da steht: Diese Stoffe sind beispielsweise enthalten in ... , und dann kommt eine Auflistung, in welchen Materialien dieser Stoff vorkommen kann.


    MUSIKAKZENT


    SPRECHER:

    Manchmal werden diese Ergebnisse im Labor abgesichert, um ganz sicher zu gehen. Das ist nötig, wenn das Testresultat gravierende Folgen hat. Zum Beispiel, wenn jemand ein Zahnimplantat nicht verträgt oder das Metall in einem künstlichen Hüftgelenk. Solche Patienten müssen meist ein zweites Mal operiert werden und bekommen dann ein Implantat aus einem anderen Material. Zuvor muss aber ganz sicher feststehen, dass es sich um eine allergische Reaktion handelt. An der Allergieambulanz der Uni München testet Dr. Burkhard Summer direkt die Immunzellen von Patienten daraufhin, ob sie auf bestimmte Metalle reagieren. Aus dem Blut hat er die Zellen gewonnen und auf Testplatten verteilt. Die bewahrt er in einem Brutschrank bei 37 Grad Celsius auf.


    O-TON 7: SUMMER

    Das hier ist mal so ein Test. Man sieht hier kleine Punkte, die Zellen. Und hier sind verschiedene Metalle. Kobalt, Nickel und Chrom in verschiedenen Konzentrationen mit den Zellen in Kontakt. Die sind als Lösungen zugegeben.


    SPRECHER:

    Fünf Tage lang wartet der Arzt, ob sich die Immunzellen vermehren. Das tun sie nur, wenn der Patient allergisch auf das Metall reagiert. Und das ist nicht selten, beob¬achtet Burkhard Summer.


    O-TON 8: SUMMER

    Nickel-Kontaktallergie in der Allgemeinbevölkerung ist bei 15 Prozent ungefähr, Kobalt und Chrom eher bei 2, 3 Prozent. Wir sehen aber bei den Patienten, die zu uns kommen mit einem Verdacht auf so eine Metallallergie in Bezug auf ein Implantat, Nickelallergiker etwa 20 Prozent, und deutlich mehr Kobalt- und Chromallergiker.


    SPRECHER:

    Trotzdem werden Patienten nicht routinemäßig vor einer Operation getestet, ob sie die Metalle vertragen oder nicht. Klingt erstaunlich, hat aber einen einfachen Grund: Eine Kontaktallergie kann erst dann entstehen, wenn der Körper in Berührung mit dem Fremdstoff kommt. Vorher hätte der Zelltest im Labor ein negatives Ergebnis.


    O-TON 9: SUMMER

    Wir testen die Metalle vorher, wenn ein Patient schon mal den Verdacht hat. Also wenn ein Patient auf Modeschmuck reagiert und er weiß, er hat Probleme mit Metallen, dann werden die Metalle vorher getestet. Aber im Normalfall, wenn kein Verdacht besteht, wird nicht getestet.



    Grüner Salat: Wie kam es zu dem Hype? Aug 13, 2025
    Show notes

    Salat soll gesund sein, gesünder als anderes Gemüse. Und auch beim Abnehmen soll das Essen von Salat helfen. Aber stimmt das auch? Über Jahrhunderte war das Essen von Salat der Not geschuldet: Ohne die grünen Blätter wären die Menschen nicht satt geworden. Das hat sich geändert, an Salat kommt heute kaum noch jemand vorbei. Zu Recht? Autorin: Daniela Remus (BR 2025) CreditsAutorin dieser Folge: Daniela RemusRegie: Sabine KienhöferEs sprach: Julia Fischer Technik: Heiko HinrichsRedaktion: Iska Schreglmann Im Interview: Prof. Matthias Fasshauer, Ernährungswissenschaftler, Universität Gießen Prof. Gunter Hirschfelder, Kulturwissenschaftler, Universität Regensburg Gabriele Kaufmann, Ökotropholin, Bundeszentrum für Ernährung, Bonn Prof. Christian Zoerb, Agragwissenschaftler, Universität Hohenheim Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Mit Ernährung Krankheiten in den Griff bekommen oder sogar heilen. Das geht! Und die NDR Ernährungs-Docs wissen, wie es geht. Wissenschaftsjournalistin Julia Demann spricht mit Dr. Silja Schäfer, Dr. Viola Andresen und Dr. Matthias Riedl über ihre spannendsten Fälle und erstaunlichsten Erfolge. "Essen als Medizin" lautet ihre Strategie, die Themen reichen von antientzündlicher Ernährung bis Zuckerersatz. Gemeinsame Mission: eine Ernährung, die schmeckt, die beim Gesundwerden und -bleiben hilft und die man leicht zubereiten kann. JETZT ENTDECKEN Weitere handverlesene Hörtipps der Redaktion: IQ - Wissenschaft und Forschung · Ist das noch Essen? - Hochverarbeitete Lebensmittel - So wirken sie auf den Körper · Podcast in der ARD Audiothek Radiowissen · Was bringt nachhaltige Ernährung? Alles Natur · Podcast in der ARD Audiothek Radiowissen · Rezepte des Überlebens (1) - Meine Familie und der Hungerwinter · Podcast in der ARD Audiothek Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadiowissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN Rucola, Feldsalat, Endivie, Radiccio oder Lollo Rosso: Blattsalat gibt es heute in vielen Variationen. Selbst in jedem Supermarkt, eine große Auswahl. MUSIK SPRECHERIN Und solche Salatblätter haben die Menschen, nach allem, was bisher bekannt ist, schon immer gegessen. Aber offenbar hatten diese mehrheitlich grünen Blätter in der Menschheitsgeschichte nicht immer ein so idealisiertes Image wie heutzutage. Lange galten sie eher als Hasenfutter, kalte Küche oder Arme-Leute-Essen. TAKE 1 (O-Ton Hirschfelder) Eigentlich sind wir schon immer Salatesser gewesen, wenn wir mit dem Wort mal beginnen, dann kommt das Wort Salat ja aus den romanischen Sprachen und bedeutet, etwas ist in irgendeiner Form eingesalzen, also wir haben schon eine markante Kulturtechnik, die können wir in den frühen Hochkulturen und v.a. in der klassischen Antike beobachten. Aber das Grundmuster ist ja, dass wir irgendein Grünfutter aus der Umgebung sammeln und niedrigschwellig zubereiten und essen. SPRECHERIN Erklärt Gunter Hirschfelder. Er ist Professor für kulturwissenschaftliche Ernährungsforschung und Agrarwissenschaft an der Universität Regensburg. „Irgendein Grünfutter aus der Umgebung sammeln”, diese saloppe Bemerkung des Kulturhistorikers passt auf den ersten Blick nicht so ganz zu der Bedeutung, die dem Salat heute von Ernährungswissenschaftlern und auch von selbsternannten Influencerinnen und Ernährungscoaches zugesprochen wird. MUSIK: Change your mind SPRECHERIN Ein Blick auf die verschiedenen SocialMedia-Plattformen und in die Regale mit Ratgeberliteratur zeigt: Heute soll Salat gesund und schlank machen, das Wohlbefinden und das Hautbild verbessern, unverzichtbar für die Fitness sein. Salat soll den Körper entgiften und die Vitalität steigern - und schön und schlank macht er angeblich auch noch! SPRECHERIN Und einiges davon trifft, auch wissenschaftlich betrachtet, tatsächlich auf die Blattmahlzeiten zu, erklärt Matthias Fasshauer, Professor für Ernährungswissenschaften an der Universität Gießen. TAKE 2 (O-Ton Fasshauer) Generell kann man sagen, dass Salate gesund sind, gehören zum Gemüse und wir haben exzellente Daten, dass Gemüsekonsum gut ist für den Menschen. Also wenn ich sehr viel Gemüse esse und dazu gehört eben auch der Salat, dass ich dann weniger Krankheitshäufigkeit habe gerade auch für metabolische Erkrankungen wie Typ II Diabetes mellitus, wie Fettstoffwechselstörung, wie auch Gewicht, ist eher günstig, wenn ich viel Salat esse. SPRECHERIN Ganz pauschal lässt sich also festhalten, dass es tatsächlich gesundheitsfördernd ist, diese Gemüsepflanzen zu essen, die wir unter dem Oberbegriff Salat zusammenfassen. Denn die Blattsalate enthalten viel von dem, was unser Körper braucht, um leistungsfähig und gesund zu bleiben. TAKE 3 (O-Ton Kaufmann) Weil, sie haben … viele gesunde Inhaltsstoffe, aber haben kaum Kalorien, weil sie so wasserhaltig sind, irgendwo muss das ja alles untergebracht sein das Gesunde. Und so können wir uns am Salat ganz getrost satt essen. Und da sind wir gleich bei einem wichtigen Inhaltsstoff, bei Ballaststoffen und die machen ja bekanntlich satt. SPRECHERIN Gabriele Kaufmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Bundeszentrum für Ernährung, einer Einrichtung, die zum Bundeslandwirtschaftsministerium in Berlin gehört. Die Sattmacher Ballaststoffe sind Pflanzenbestandteile, die im Darm nicht vollständig abgebaut werden können. Sie gehören zu den sogenannten Makronährstoffen. Makro, der Begriff kommt aus dem Griechischen und bedeutet groß, weit oder lang. Und diese Nährstoffe heißen so, weil unser Bedarf an ihnen groß ist. TAKE 4 (O-Ton Kaufmann) Wir haben Makronährstoffe, zu denen zählen die Proteine und Eiweiße, Fette, die Kohlenhydrate und Ballaststoffe haben wir auch. Und Ballaststoffe unterscheiden sich nochmal in verdauliche und unverdauliche und das ist neben den Proteinen, der Stoff, der satt macht. Musik: Micro science SPRECHERIN Auch wenn es schwer vorstellbar ist. Salatblätter enthalten Proteine, Eiweiße und Fette. Wenn auch in minimalen Mengen. Und in deutlich geringerer Konzentration als z.B Fleisch, Käse oder Fisch. Diese Makronährstoffe sind essentiell wichtig für uns: Ohne sie wären wir nicht nur schwach, müde und antriebsarm, sondern könnten letztendlich auch nicht überleben. Denn ohne diese Nährstoffe würde unser gesamter Organismus regelrecht verkümmern: Unser Gehirn wäre außerstande zu denken, die Muskeln könnten nicht arbeiten, Zellen würden sich nicht mehr erneuern und der ganze Stoffwechsel würde schließlich kollabieren. Genauso essentiell für den Körper sind allerdings auch die Mikronährstoffe. Auch wenn wir von denen weitaus geringere Mengen benötigen als von den Makronährstoffen. Deshalb der Name Mikro. Zu den Mikronährstoffen gehören beispielsweise Vitamine und Spurenelemente, sagt die Ökotrophologin Gabriele Kaufmann: TAKE 5 (O-Ton Kaufmann) In Salaten sind viele Vitamine und Mineralstoffe drin, die wir auch brauchen., weil der Körper sie zu einem Großteil gar nicht selber bilden kann, aber wir funktionieren ohne nicht! Dazu gehören vor allem auch in Salaten Co-Vitamin A, das Betacarotin, Vitamin C ist drin, B-Vitamine B1, B2, Folsäure, Folate sind drin. Musik: Microelements SPRECHERIN Vitamin C braucht unser Immunsystem, um schlagkräftig arbeiten zu können, also beispielsweise, um Krankheitserreger zu bekämpfen. Die B-Vitamine dagegen sind gut für die Nervenfunktionen und Folat ist entscheidend für den zellulären Stoffwechsel. Ein Mangel an Folat hemmt sogar die Zellteilung und das Zellwachstum. Und das bedeutet beispielsweise, dass die Blutbildung gestört ist. Folat kann wie die meisten anderen Vitamine und Spurenelemente heutzutage auch im Labor synthetisch hergestellt werden. Dann trägt es den Namen Folsäure. TAKE 6 (O-Ton Kaufmann) Und dann sind die Mineralstoffe noch da und dazu gehören dann auch Eisen, Kalzium, Magnesium und Salate haben auch sehr viel Kalium, was für unseren Wasserhaushalt und die Zellgesundheit ebenfalls sehr gesund ist. SPRECHERIN Mit all diesen Stoffen versorgen uns die grünen, gelben oder roten Salatblätter, wenn wir sie verspeisen, allerdings in unterschiedlicher Konzentration: Spinatsalat beispielsweise ist eine gute Eisenquelle, während Rucola besonders viel Calcium enthält. Andere Pflanzen, wie z.B. der Kopfsalat sind sehr wasserhaltig und eignen sich deswegen besonders gut zum Kaloriensparen. Allerdings gibt es Grenzen für das Lob auf den Salat als gesundes Lebensmittel: Wollten wir damit nämlich unseren täglichen Bedarf an Nährstoffen, Vitaminen und Spurenelementen decken, dann würde das nicht klappen. So viel Salat, wie wir benötigten, um nicht nur satt, sondern auch optimal mit den lebenswichtigen Nährstoffen versorgt zu sein, könnten wir schon rein volumenmäßig gar nicht zu uns nehmen. Denn im Vergleich zu anderem Gemüse enthalten Salatblätter viel zu wenig Nahrhaftes, sagt Christian Zoerb, Professor für Agrarwissenschaft an der Universität Hohenheim. TAKE 7 (O-Ton Zoerb) Also da sind Kartoffeln besser oder anderes Gemüse, das ist da deutlich besser, das hat deutlich mehr wertgebende Inhaltsstoffe, das sind Blätter. Das ist immer so bei Blättern, Pflanzen speichern halt in Blättern nicht so viel wie in Samen oder in Wurzeln. Musik:Green aspects SPRECHERIN Biologisch betrachtet, sind Blätter längst nicht so nährstoffreich wie andere Pflanzenteile, gibt der Agrarwissenschaftler zu bedenken. Deshalb sei es zwar gesund, Salat zu essen, aber Salat als Vitaminbombe oder Superfood zu hypen, dazu taugten die bunten Blätter nicht. Doch sie haben einen anderen deutlichen Pluspunkt für die Gesundheit, sagt Ernährungswissenschaftler Matthias Fasshauer, sie sind nämlich sehr ballaststoffreich. TAKE 8 (O-Ton Fasshauer) Erstmal muss man sagen, Ballaststoffe sind für den Körper unverdauliche Stoffe, die man früher als Ballast angesehen hat, deshalb dieser Begriff, und heute weiß man, dass sie eine ganz wichtige Funktion haben im Organismus, die sind z.B. begünstigend dafür, dass die guten Darmbakterien gut wachsen können und schädliche Darmbakterien eher zurückgehalten werden im Wachstum, dass also das sogenannte Mikrobiom günstig sich verhält. Wir wissen auch, dass sie verdauungsfördernde Aspekte haben, das heißt also regelmäßige Stuhltätigkeit ermöglichen. SPRECHERIN Und Ballaststoffe tragen dadurch mit dazu bei, dass die Darmoberfläche gesund bleibt, Entzündungen und selbst tumorartige Veränderungen lassen sich dadurch verhindern. Aber Ballaststoff ist nicht gleich Ballaststoff. Die Forschenden unterscheiden lösliche von unlöslichen Ballaststoffen. Löslich bedeutet, sie lösen sich in Wasser auf, wie beispielsweise Zucker oder Salz. TAKE 9 (O-Ton Fasshauer) Die haben als gesundheitliche Vorteile dass sie die Verdauung verlangsamen auch die Fettspiegel senken, … und dann haben wir die unlöslichen Ballaststoffe das sind die, die sich nicht in Wasser lösen und weitgehend unverändert dann wieder ausgeschieden werden, die sind dann v.a. die, die Verstopfung vorbeugen, und auch zu einem erhöhten Stuhlvolumen führen und damit insgesamt dazu dienen, die Darmtätigkeit anzuregen. MUSIK: New ideas SPRECHERIN Salat enthält vor allem viele der unlöslichen Ballaststoffe, sie sitzen in den Zellwänden der Salatblätter. Wie wichtig diese löslichen und unlöslichen Ballaststoffe für unsere Gesundheit sind, war lange nicht bekannt. Auch wenn die ersten Wissenschaftler sich bereits Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Darmflora beschäftigt haben, so richtig an Fahrt aufgenommen hat die Mikrobiomforschung erst vor ungefähr 15 bis 20 Jahren. Seither arbeiten Forschende daran, das Mikrobiom, also die Gemeinschaft der Milliarden von Bakterien, Pilzen und Viren in unserem Darm, zu verstehen. Mittlerweile ist zum Beispiel klar, dass das Mikrobiom sogar unser Immunsystem beeinflusst, vermutlich auch unsere Stimmung und unsere kognitiven Fähigkeiten. In Tierversuchen ließ sich z.B. zeigen, dass komplett keimfreie Mäuse nur ein stark unterentwickeltes Immunsystem haben. Noch haben die Forschenden vieles nicht verstanden, aber es ist mittlerweile in der Wissenschaft unbestritten, dass ein gesundes, ausbalanciertes Mikrobiom enorm wichtig ist für die Gesundheit. Aber Fakt ist auch, dass das Mikrobiom bei vielen Menschen in den westlichen Industrienationen gestört ist. Beispielsweise durch die Einnahme von Medikamenten, aber eben auch, weil sie zu wenig Ballaststoffe zu sich nehmen. Stattdessen essen viele Menschen tagein tagaus leicht Verdauliches wie Pizza, Nudeln oder einen Burger. MUSIK: Aphrodite’s temple SPRECHERIN Dabei ist das Wissen um die gesundheitsfördernde Wirkung von Salatblättern bereits seit der Antike bekannt. TAKE 10 (O-Ton Hirschfelder) Es gibt durchaus Quellenhinweise, dass man schon im alten Ägypten also vor 4-2000 Jahren bestimmte Formen von Salat kannte. Die Ägypter pflanzten eine wildwachsende Pflanze namens Lactuca an, das sind Dinge, die wir heute als Lattich bezeichnen. Der Lattich ist ursprünglich für seine beruhigenden Eigenschaften. Tatsächlich wird Salat schon in ägyptischen Hieroglyphen erwähnte und es gibt Hinweise, darauf, dass vor allem Heilpflanzen gegessen worden sind. SPRECHERIN Erzählt Gunter Hirschfelder. Aber nicht nur in der Hochkultur der Ägypter wurde Salat gegessen, auch bei den Römern und Griechen standen die damals noch ausschließlich grünen Blätter hoch im Kurs: TAKE 11 (O-Hirschfelder) In der griechischen und römischen Antike haben wir dann eine Weiterentwicklung des Salats, aber eher als krautige Beilage. Und der römische Historiker Plinius der Ältere berichtet dann von verschiedenen Sorten, die schon im 1. Jahrhundert nach Christus angebaut worden sind. Aber hier stehen eben auch die gesundheitsförderndne Dinge im Fokus. Die römische Geschichte, die römische Kultur, sind ja sehr erfolgsorientiert, und da essen und trinken wir vor allem Dinge, die eine Mehrheitsbevölkerung gesund und stark machen sollen und da spielen eben Salate eine besondere Rolle. Musik: Old civilizations SPRECHERIN Allerdings haben sich die Salatmahlzeiten deutlich davon unterschieden, wie wir heute in Mitteleuropa häufig Salat essen: Die Blätter wurden von den Römern mit Salz haltbar gemacht, eingemacht und fermentiert. Ein bisschen so, wie es auch heute noch in der osteuropäischen oder in der ostasiatischen Küche üblich ist. Mit dem Zusammenbruch des römischen Reichs geht damals auch viel Wissen aus der Antike verloren. Und zwar nicht nur die Fähigkeit, astronomische Berechnungen oder medizinische Operationen durchzuführen, sondern z.B. auch die Kenntnis der gesundheitsfördernden Wirkung von Salat. Zwar essen die armen Menschen in der Zeit des Mittelalters vermutlich auch Salatblätter, aber eher aus Not, gegen den Hunger, und nicht, weil sie damals gesundheitsbewusst sind. MUSIK: Romanesca u. Passamezzo SPRECHERIN Erst mit der frühen Neuzeit, also ungefähr ab dem 15. Jahrhundert, ändert sich das, sagt der Kulturwissenschaftler Gunter Hirschfelder: TAKE 12 (O-Ton Hirschfelder) Der Salat beginnt dann seine zweite Karriere sozusagen im Übergang zur Neuzeit. In der Renaissance des 15. und des 16. Jahrhunderts, als wir die großen Gartenanlagen der europäischen Fürstenhöfe haben, bei denen das Gärtnern zu einer Art Hobby, zu einer Art Schaufenster geworden sind. Wo man zeigen konnte, ich hab viel, ich kann viel und ich weiß viel! Ich habe eine bestimmte Nähe zur Natur. Und jetzt begannen europäische Gärten mehr Sorten von Salatpflanzen zu kultivieren und weiterzuentwickeln und die berühmtesten europäischen Gärten dieser Zeit förderten die Zucht von Salatarten. SPRECHERIN In dieser Zeit wird Salat modern. Er schafft es jetzt in unterschiedlichen Sorten auf die Eßtische der vornehmen Bevölkerung. Er wird sogar zu einem Nachweis der Kultiviertheit und etabliert sich damit als kalte Beilage zu den Hauptmahlzeiten. Und es gibt erste Berichte darüber, dass er mit Essig und Öl angemacht wurde, um ihn zu würzen.…

    Full show notes at the publisher

    Heinrich II. – Das mühsame Leben eines reisenden Herrschers Aug 13, 2025
    Show notes

    Das mittelalterliche Kaisertum war kein Zuckerschlecken. Ständig galt es für den Herrscher, die Macht zu festigen, und Kriege zu führen. Dafür war der letzte Kaiser aus dem Geschlecht der Ottonen, Heinrich II. (973-1024), mit seinem Hofstaat fast ständig zu Pferd auf schlechten Straßen unterwegs. Von Susanne Roßbach

    Credits
    Autorin dieser Folge: Susanne Roßbach
    Regie: Anja Scheifinger
    Es sprachen: Caroline Ebner, Christian Baumann
    Technik: Simon Lobenhofer
    Redaktion: Nicole Ruchlak

    Im Interview:
    Karin Schneider-Ferber, Historikerin und Buchautorin, Berlin
    Dr. Klaus van Eickels, Professor für mittelalterliche Geschichte an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg

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