TopPodcast.com
Menu
  • Home
  • Top Charts
  • Top Networks
  • Top Apps
  • Top Independents
  • Top Podfluencers
  • Top Picks
    • Top Business Podcasts
    • Top True Crime Podcasts
    • Top Finance Podcasts
    • Top Comedy Podcasts
    • Top Music Podcasts
    • Top Womens Podcasts
    • Top Kids Podcasts
    • Top Sports Podcasts
    • Top News Podcasts
    • Top Tech Podcasts
    • Top Crypto Podcasts
    • Top Entrepreneurial Podcasts
    • Top Fantasy Sports Podcasts
    • Top Political Podcasts
    • Top Science Podcasts
    • Top Self Help Podcasts
    • Top Sports Betting Podcasts
    • Top Stocks Podcasts
  • Podcast News
  • About Us
  • Podcast Advertising
  • Contact
Not in our directory?
Add Show Here
Podcast Equipment
Center

toppodcastlogoOur TOPPODCAST Picks

  • Comedy
  • Crypto
  • Sports
  • News
  • Politics
  • True Crime
  • Business
  • Finance

Follow Us

toppodcastlogoStay Connected

    View Top 200 Chart
    Back to Rankings Page
    Education

    Radiowissen

    Die ganze Welt des Wissens, gut recherchiert, spannend erzählt. Interessantes aus Geschichte und Archäologie, Literatur, Architektur, Film und Musik, Beiträge aus Philosophie und Psychologie. Wissenswertes über Natur, Biologie und Umwelt, Hintergründe zu Wirtschaft und Politik. Und immer ein sinnliches Hörerlebnis.

    Advertise
    • Apple Podcasts
    • Google Play
    • Spotify

    Latest Episodes:
    „Immer diese Jugend!?“ - Der ewige Generationenkonflikt Aug 12, 2025
    Show notes

    Das Stereotyp der respektlosen Jugend ist so alt wie die Menschheit. Sie ist verdorben, faul, egoistisch, hat keine Moral und verstößt gegen die guten Sitten. Was steckt hinter den Klagen über Werte- und Moralverlust? Von Claudia Heissenberg (BR 2020)

    Credits
    Autorin dieser Folge: Claudia Heissenberg
    Regie: Martin Trauner
    Es sprachen: Caroline Ebner, Frank Manhold
    Technik: Peter Preuß
    Redaktion: Bernhard Kastner

    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

    Interviewpartner/innen:
    Klaus Hurrelmann (Dr.; Professor, Sozialwissenschaftler und Jugendforscher);
    Pauline Brünger (Fridays for Future-Aktivistin);
    Rolf Sistermann (Dr.; Philosophielehrer im Ruhestand);
    Janine Engel (Philosophielehrerin);
    Stefan Ochs (Fachleiter Philosophie am Seminar Leverkusen)

    Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren:

    Die Bravo - Starschnitt, Sextipps und Fotostories
    JETZT ANHÖREN

    Woodstock - Der rebellische Sound der Utopie
    JETZT ANHÖREN

    Die Eltern im Kopf - Lebenslange Begleitung
    JETZT ANHÖREN

    Die Geschichte der Kindheit - Die Entdeckung eines Lebensalters
    JETZT ANHÖREN

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
    RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:
    ARD Audiothek | RadioWissen
    JETZT ENTDECKEN


    Die Zunge - Ein Meisterwerk der Evolution Aug 12, 2025
    Show notes

    Beim Salamander ist die Zunge extra klebrig und kann greifen, die Giraffe kann sie in die Länge ziehen, die Schlange mit ihr in zwei Richtungen riechen - und der Schnecke wachsen auf der Zunge kleine Raspelzähne: ein Meisterwerk der Evolution und Inspirationsquelle für Technik und Robotik. Von Katharina Hübel CreditsAutorin dieser Folge: Katharina Hübel-GohrRegie: Martin TraunerEs sprachen: Katja Amberger, Sebastian FischerTechnik: Redaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Prof. Kurt Schwenk, Evolutionsbiologe University of Conneticut; Dr. Wencke Krings, Zentrum für Taxonomie und Morphologie am Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels in Hamburg; Dr. Ian Whishaw, Neurowissenschaftler an der University of Lethbridge Linktipps: Das wissenschaftliche Paper von Wencke Krings darüber, wie Landschnecken ihre Radula zum Fressen benutzen HIER Dazu passend ein Video, das Wencke Krings von einer fressenden Schnecke gedreht hat: Youtube Ein halbstündiges Audio-Interview der Uni Hamburg mit Wencke Krings darüber, wie das Wissen über Schneckenzungen in der Robotik helfen kann HIER Mehr über Krägtemessung von Schneckenzungen, die Wencke Krings im Labor gemacht hat und Fotoaufnahmen der Radula unterm Rasterelektronenmikroskop: Hier und HIER Einige Publikationen von Ian Whishaw von der Universität in Lethbridge zu Mäusen und Primaten, die greifen – und was da sonst noch so dran hängt aus neurobiologischer und evolutionärer Sicht: HIER und HIER und HIER Den Reptilienzungen hat Kurt Schwenk von der Universität in Conneticut sein Forscherleben verschrieben. Hier sein Buch:Schwenk, Kurt: Feeding: Form, Function and Evolution in Tetrapod Vertebrates. Academic Press, San Diego. 2000. Ein Artikel von Kurt Schwenk zum Züngeln der Schlangen (2022): ARTIKEL Eine Übersicht über seine vielfältige Forschung zu Reptilienzungen inklusive einiger Links und Aufnahmen: HIER Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadiowissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. OT 01 Overvoice Ian Whishaw Eigentlich eine lustige Geschichte. Ich trainierte gerade Mäuse darauf, nach Essen zu greifen. Mäuse sind wirklich gut darin. Dabei habe ich bemerkt, dass die Mäuse jedes Mal, wenn sie mit der Hand gezielt haben, ihre Zunge herausstreckten. Sprecherin Ian Whishaw, Forscher an der Universität von Lethbridge, ist Neurowissenschaftler und fragt sich bei seinem Laborversuch: Ist das Verhalten der Mäuse nur Zufall? Oder was ist da im Gehirn los? Braucht die Maus etwa die Zunge, um besser greifen zu können – oder weshalb gehen Zunge und Hand einher? Zeigen auch andere Lebewesen ein solches Verhalten? Er schaut sich Videos von Profisportlern an, die mit der Hand zielen. Wie Basketball-Legende Michael Jordan. OT 02 Overvoice Ian Whishaw Ich hab etliche Videoaufnahmen von ihm angeschaut. Immer wenn er auf den Korb zielte, um den Ball zu versenken, genau dann hat er die Zunge herausgestreckt. Und wenn er ihn versenkt hat, war die Zunge wieder zurück im Mund. Das war genau das Gleiche, was die Maus in meinem Experiment gemacht hat. Sprecherin Ian Whishaw analysiert professionelle Dartspieler. Auch bei ihnen derselbe Befund. OT 03 Overvoice Ian Whishaw Das scheint ein sehr übliches Verhalten zu sein – bei Mäusen und bei Menschen, wenn sie etwas erreichen wollen. Sprecherin Mit bildgebenden Verfahren und fluoreszierenden Proteinen kann Ian Whishaw Zellen im Gehirn sehen, wie sie miteinander vernetzt sind, welche aktiv sind, wenn die Maus nach etwas greifen will oder gerade die Zunge herausstreckt. Das, was er dabei sieht, lässt ihn nachdenken. Auch über den Menschen. Es wird ihn dazu bringen zu sagen: Die Zunge ist für den Menschen das Zentrum seines Seins. Eines komplexen Seins. Das allerdings vor vielen hunderten von Millionen Jahren noch nicht annähernd so in der Natur existiert hat. Einst sahen die Lebewesen auf dem Planeten Erde ganz anders aus. Manche Arten haben lange Zeit überdauert. Und ihre Zungen haben sich vielfältig entwickelt. MUSIK Sprecherin Schon seit rund 600 Millionen Jahren existieren Schnecken auf diesem Planeten. Sie haben so einiges an Evolution hinter sich. Schnecken gab es bereits lange, bevor überhaupt die ersten Amphibien an Land gekrochen sind. OT 05 Wencke Krings Schnecken haben ja leider wenig Liebhaber, es sei denn, es geht um die Meeresschnecken, die bunt sind und die alle cool finden. Es ist halt so das täglich Brot, dass die meisten Menschen Schnecken gar nicht so wahrnehmen. Sprecherin … und ihnen erst recht nicht in den Mund und auf die Zunge schauen. Schneckenforscherin Wencke Krings macht aber genau das. Sie arbeitet in Hamburg am Leibniz-Institut. Auch für Forscher war es lange nicht einfach, Schneckenzungen in Bewegung zu untersuchen. Zu verborgen liegen sie im Schlund. Radula ist der Fachbegriff – auch Raspel- oder Reibezunge genannt. Und auf dieser Zunge – das ist das Besondere: Sind viele kleine Zähnchen. OT 06 Wencke Krings Schneckenarten lassen sich in den meisten Fällen wirklich anhand von diesen Zähnen unterscheiden. Man kann eine Schneckenzunge unters Raster-Elektronenmikroskop legen. Man kann dann sich die Formenvielfalt anschauen und damit auch Artenbeschreibungen sehr gut machen, weil die sehr unterschiedlich sein können. Sprecherin Die Zunge selbst ist relativ kurz. Die Schnecke drückt sie aus dem Schlund wie eine kleine Vorwölbung. Sie ist genau genommen ein Stütz-Polster. OT 07 Wencke Krings Da können Knorpelstrukturen drin sein, um Kräfte abzufedern, um die Bewegung der Radula zu koordinieren. Es kann aber auch einfach Bindegewebe sein, was drunter liegt. Es kann auch eine muskulöse Radula sein, also ganz unterschiedlich. Sprecherin Wencke Krings lässt Schnecken auf Glasplatten Substrat ablecken und filmt sie dabei mit einer high-speed-Kamera. So kann sie dann ganz nah ran an den Schneckenschlund und den Tieren in Slowmotion auf die Radula schauen. Sie untersucht auch deren chemische Zusammensetzung. Radula-Zähne sind aus Chitin. Anders als Säugetier-Zähne, die aus Kollagen bestehen. Für Wencke Krings liegt es daher nahe zu vermuten, dass Schnecken ihre Zungen-Zähne auch anders einsetzen. OT 08 Wencke Krings Und jetzt wird das Ganze kompliziert, weil wir natürlich nicht durch die Nahrung durch filmen können, das heißt, wir müssen Umwege gehen, wenn wir das erforschen wollen. Das hört sich jetzt ein bisschen brutal an, aber die Tiere spüren davon natürlich nichts, weil in den Zähnen sind ja keine Nerven drin (…). Jetzt kann man die Tiere auf Schleifpapier fressen lassen, dabei werden natürlich die Zähne abgenutzt, danach guckt man an den Zähnen: Wo sind die Verschleißspuren. Welche Zähne haben überhaupt Kontakt mit dem Untergrund? Sprecherin Bei dem Versuch hat Wencke Krings festgestellt: Schnecken nutzen die Radula-Zähne tatsächlich nicht, um abzubeißen oder zu kauen. Sondern: Um die Zunge zu biegen. OT 09 Wencke Krings Das heißt, die Zähne bilden wie so kleine Gelenke und klappen die Radula auf oder halten sie in einer bestimmten Form aufgespannt. OT 09.2. Wencke Krings Da kommt natürlich hinzu, dass die Tiere ja keine Hände haben. Mit dem Fuß können die auch greifen, also im Zusammenspiel zwischen Fuß und Mund. Aber viele können die Radula wirklich falten. Und dann große Algen, Fetzen oder Blätter greifen und dann reinziehen. Sprecherin Die Zunge ist für viele Schnecken also ein Greifwerkzeug. Die Zähnchen auf ihr ersetzen die fehlenden Knochen und Gelenke, damit das funktioniert. Eine Inspirationsquelle für Ingenieure, die versuchen, das Prinzip für Roboter nachzubauen. Und auch die Materialwissenschaften interessieren sich für die Schneckenzungen. Denn diese haben weitere bemerkenswerte Eigenschaften. Beispielsweise bei Arten, die in Küstenregionen leben. OT 10 Wencke Krings … die grasen halt Algen von Steinen ab, das heißt, die leben halt in der Brandungszone und fressen die Algen direkt vom Stein. Sprecherin Dabei könnten die Schnecken ihre Zähne schnell abschaben. Das passiert aber nicht. Mit den abgehobelten Algen gelangen nämlich kleine Steinpartikel und damit auch Eisenoxide in die Schnecke, die sich in den Radula-Zähnen einlagern. Dadurch sind diese extrem hart. ((Wencke Krings hat für ihre Promotion Schnecken aus dem afrikanischen Tanganjikasee untersucht. Ein Mekka für rund 50 verschiedene Napfschnecken-Arten, kleine Küstenmuscheln mit häubchenförmiger Schale, die sich auf Steinen, die von Wasser umspült werden, festsaugen. OT 12 Wencke Krings Da haben zum Beispiel die ganzen Schnecken, die da leben, gar keine Eiseneinlagerungen, keine Sillikate. Trotzdem können die auf Steinen sitzen und die Algen abfressen, ohne hohen Verschleiß. Sprecherin Wie können diese Zungen den Steinen trotzen? OT 13 Wencke Krings Da haben wir kleine Kraftsensoren genommen und haben damit – natürlich bei toten Tieren – diese kleinen Zähne auf der Zunge belastet und geguckt, wie die Kräfte aushalten können. Wann brechen diese Zähne? Sprecherin Das Ergebnis: Die Zähne der Napfschnecken aus dem Tanganjikasee halten die gleichen Kräfte aus wie die Zähne der Tiere mit Eiseneinlagerungen. OT 14 Wencke Krings Das kann man damit erklären, dass sich diese Zähne von den Tieren im Tanganjikasee gegenseitig abstützen können. Die Zähne, die stehen ja so hintereinander auf der Zunge, wenn die jetzt belastet werden, dann können sie sich so biegen und nehmen Kontakt auf. Und genau deswegen, weil sie halt keine Eisenablagerungen haben, sind sie natürlich sehr flexibel. Sprecherin Die rund 50 unterschiedlichen Napfschneckenarten haben eine Vielzahl an Schneckenzungen hervorgebracht. Ein ganzes Bündel an Lösungsansätzen für das Problem: Überleben auf algenbewachsenen Steinen. OT 15 Wencke Krings Evolutionsbiologen, die an Schnecken interessiert sind, für die sind halt die Pallodomidae ein bisschen das, was die Darwinfinken für die anderen Evolutionsbiologen sind.)) Sprecherin Doch es gibt noch völlig andere Schneckenzungen. Für Schnecken, die nicht etwa Algen abweiden, sondern Fleischfresser sind. Sie brauchen eine völlig andere Zunge. OT 16 Wencke Krings Ein Extrembeispiel wäre Konus. Kegelschnecken, diese hochgiftigen Raubschnecken, die in den Tropen zu finden sind. Die haben nur einen einzigen Zahn, der aktiv genutzt wird. Der wird mit Gift gefüllt. Und dann wird er ausgeschossen aus der Zunge und trifft auf den Fisch. Da gibt es einen kleinen Rückholfaden, da ist so ein kleiner Zahn, der sieht aus wie eine Harpune und wird dann zurückgezogen. Der Zahn ist mit wirklich Dutzenden Toxinen beladen, die direkt wirken bei Wirbeltieren. Sprecherin Kegelschnecken zählen aufgrund dieser Harpunen-Zunge zu den gefährlichsten Tieren der Welt. ((Andere räuberische Schneckenarten wie die Wellhornschnecke, die auch in Deutschland an der Nord- und Ostsee vorkommt, hat besonders kräftige und gut klebende Zungen. Sie spucken ihren Speichel auf Muscheln. OT 17 Wencke Krings Und dann löst der Speichel genau die Schale der Muschel in dem Moment auf. Dann gehen sie mit ihrer Zunge in die Schale rein und holen das Fleisch raus.)) Sprecherin 80.000 Schneckenarten gibt es vermutlich weltweit. 80.000 verschiedene Zungen, 80.000 verschiedene Arten, in der Welt zu überleben. Eine funktionierende Zunge zu haben, bedeutet Zugriff zur Welt zu haben. Sie ist eine Brücke zwischen Innen und Außen. Ein sensibler Bereich. OT 19 Wencke Krings Das ist für mich gerade sehr, sehr spannend vor dem Hintergrund der Meeresversauerung. Das ist gerade das Herzensthema, an dem ich ganz stark arbeite. Sprecherin Je saurer das Meer, desto weicher die Zähne der Meeresschnecken. Irgendwann klappen die bisherigen Ernährungsstrategien der Muscheln nicht mehr. Und dann kippt ein ganzes Ökosystem, denn die Schnecken sind nach den Insekten die zweitgrößte Tiergruppe der Welt. Ihre Zungen könnten sprichwörtlich ein Zünglein an der Waage sein. MUSIK / TRENNER OT 20 Overvoice Kurt Schwenk Ich bin zu dem Forschungsfeld gekommen, weil ich nicht nur wissen wollte, wie das genau funktioniert, dass sich Tiere ernähren können, sondern auch: wie sich die Anatomie dazu und die Strategien der einzelnen Tiere entwickelt haben im Laufe der Evolution. Es ist nicht nur eine Zunge, es ist ein komplexes System, über das wir hier reden. Und wenn man auf Reptilien schaut, insbesondere auf Eidechsen und Schlangen, da kann man einen unfassbaren Variantenreichtum sehen. Ihre Zungen sind einfach total verrückt. Und als ich angefangen habe, sie zu erforschen, da hatte keiner eine Vorstellung davon, wie sie sie wirklich benutzen, geschweige denn, wie sich Reptilienzungen entwickelt haben im Verlauf der Evolution. Sprecherin Kurt Schwenk ist Evolutionsbiologe an der Universität von Conneticut. Er wäre eigentlich schon im Rentenalter, ist aber noch lange nicht fertig mit seinem lebenslangen Projekt: Reptilienzungen. Er hat viel zu Schlangen geforscht. Die züngeln. Mit gesplitteter Zunge. Sie brauchen diese aber nicht etwa zum Fressen. OT 20.2 Overvoice Kurt Schwenk Schlangen sammeln Duftmoleküle mit ihrer Zunge ein; wenn sie etwas mit der Zungenspitze berühren – aber vermutlich können sie auch Duftmoleküle aus der Luft fischen. Wir können das noch nicht beweisen, haben aber Daten, die das nahelegen. Sprecherin Die Schlangenzunge ist vorne aufgespalten. Und so wie Menschen mit zwei Ohren hören, aus welcher Richtung ein Geräusch kommt, kann die Schlange wahrnehmen, aus welcher Richtung ein Duft kommt. Riechen können die Schlangen mit der Zunge jedoch nicht. Das passiert im Inneren des Mauls. OT 20.3. Overvoice Kurt Schwenk Die eingesammelten Duftmoleküle werden im Speichel auf der Zunge gebunden. Wenn die Zunge ins Maul zurückgezogen wird, zieht die Schlange den Speichel durch zwei kleine Löcher, die im Gaumen sind, hoch. Das ist wie eine zweite Nase. Wir verstehen momentan noch nicht, weshalb Schlangen zwei Geruchsorgane haben. Sprecherin Ein Forscherleben, ein Menschenleben reicht offensichtlich nicht aus, um Reptilienzungen bis ins letzte Detail zu verstehen. Das Organ ist komplex – und all die Prozesse, die damit verbunden sind. Kurt Schwenk interessiert vor allem eine Frage: OT 22 Overvoice Kurt Schwenk Wie konnte eine solche Vielfalt entstehen? Sprecherin Der erste Schritt zu einer Antwort ist für den Evolutionsbiologen, sich die Mechanismen bei den einzelnen Tieren genau anzuschauen. OT 23 Overvoice Kurt Schwenk Ich wollte mal eine Filmaufnahme von einer Eidechse machen, wie sie ein Insekt fängt mit ihrer Zunge. Da war ich frustriert, weil der kleine Mehlkäfer, mit dem ich die Eidechse füttern wollte, einfach immer aus dem Fokus der Kamera gekrochen ist. Dann habe ich den Mehlwurm mit einem klitzekleinen Tropfen Kleber fixiert, ich dachte, er würde sich schon lösen. Die Eidechse streckte also ihre Zunge Richtung Wurm aus, der Wurm blieb erwartungsgemäß an ihrer Zunge kleben, die Eidechse zog daraufhin die Zunge wieder in den Mund ein. Aber der Wurm blieb am Boden kleben, anders als ich es gedacht hatte. Da die Zunge der Eidechse extrem klebrig ist, hat sich der Wurm aber auch nicht von ihrer Zunge gelöst. Dann hat es die ganze Eidechse zum Wurm hin katapultiert, es hat sie durch die Luft hoch geschleudert. Es sah sehr lustig aus. Das hat mir gezeigt, dass die Zunge so sehr am Wurm geklebt hat, dass sie das Gewicht der Eidechse hochheben konnte – und das ist doch schon sehr erstaunlich. Das ist, wie wenn man seine Zunge zu einer anderen Person hinstreckt…

    Full show notes at the publisher

    Zum Weltkatzentag: Die Wildkatze - Rückkehr der Unzähmbaren Aug 07, 2025
    Show notes

    Die Wildkatze kehrt zurück in unsere Wälder. Damit sie und andere Tiere dauerhaft überleben können, müssten die Wälder vernetzt werden. Doch wie soll das gehen, in einem Land, das wie kaum ein zweites durch Straßen zerschnitten ist? Autor: Marko Pauli (BR 2018)

    Credits
    Autor dieser Folge: Marko Pauli
    Regie: Christiane Klenz
    Es sprachen: Laura Maire, Stefan Merki
    Technik: Helge Schwarz
    Redaktion: Bernhard Kastner

    Im Interview:
    Andrea Krug (BUND, Projektkoordinatorin "Rettungsnetz Wildkatze");
    Antje Oldenburg (Dr.; BUND, ehrenamtliche Mitarbeiterin);
    Till Hopf (NABU, Team Naturschutz und Landnutzung);
    Pierre Ibisch (Professor; für Naturschutz an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung, Eberswalde);
    Gerd Jülke (Revierleiter, Revierförsterei Ahlden)

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.


    RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:
    ARD Audiothek | RadioWissen
    JETZT ENTDECKEN

    Das vollständige Manuskript gibt es HIER.


    Placeboeffekt - Wie wirksam er wirklich ist Aug 07, 2025
    Show notes

    Placebos sind Scheinbehandlungen und Pillen ohne Wirkstoff. Trotzdem helfen sie in vielen Fällen - sogar dann, wenn Patientinnen und Patienten wissen, dass sie ein Medikament ohne Inhalt schlucken. Forschende rätseln noch, warum wir uns von Placebos überlisten lassen. Von Veronika Bräse (BR 2024)

    Credits

    Autorin dieser Folge: Veronika Bräse
    Regie: Martin Trauner
    Es sprach: Katja Amberger
    Technik:
    Redaktion: Yvonne Maier

    Im Interview:
    Prof. Dr. med. Ulrike Bingel, Professur für Klinische Neurowissenschaften, Leiterin Zentrum für universitäre Schmerzmedizin am Universitätsklinikum Essen
    Prof. Dr. med. Dominik Irnich, Leiter der interdisziplinären Schmerzambulanz und Tagesklinik am Campus Innenstadt der LMU München
    Dr. Marcel Wilhelm, klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Marburg

    Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

    Frag dich fit mit Doc Esser und Anne Schneider - WDR 2
    Doc Esser beantwortet jeden Freitag Eure Gesundheitsfragen. Zusammen mit Anneg gibt er Tipps für ein besseres und gesünderes Leben JETZT ENTDECKEN

    Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast
    Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.
    ZUM PODCAST

    Linktipps:

    Ulrike Bingel: Erwartungen beeinflussen den Behandlungserfolg HIER

    NDR-Info: Die Macht der Erwartung - Placebo- und Nocebo Effekte HIER

    WDR: Die Akte Placebo - viel stärker als man denkt? HIER

    Wissen Weekly: Placebo-Effekt: Ist er wirklich nur Einbildung? HIER

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

    Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:
    ARD Audiothek | Radiowissen
    JETZT ENTDECKEN

    Das vollständige Manuskript gibt es HIER.


    Hiroshima und Nagasaki - Atombomben auf Großstädte Aug 06, 2025
    Show notes

    1945 warfen die USA Atombomben über Hiroshima und Nagasaki ab. Die Begründung damals: So wurde Japan zur Kapitulation gezwungen und der Zweite Weltkrieg verkürzt. Heute gibt es Zweifel an diesen Annahmen. Von Linus Lüring (BR 2020) CreditsAutor dieser Folge: Linus LüringRegie: Irene SchuckEs sprachen: Hemma Michel, Andreas Neumann, Jerzy MayTechnik: Peter PreußRedaktion: Thomas Morawetz Im Interview:Gerhard Krebs (Dr.; Historiker und Japanologe) Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir:ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSENSkurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks.DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks.EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Musik 1 "Overtones, Pt. 1" - Komponist: Martin Todsharow Album: Der Hauptmann (Original Motion Picture Soundtrack) Länge: 0'52 Sprecher Anfang August 1939 - Albert Einstein ist in großer Sorge. Er schreibt einen Brief an den damaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Sprecherin Neue wissenschaftliche Untersuchungen würden darauf hindeuten, schreibt Einstein, dass es schon bald möglich sein könnte, eine nukleare Kettenreaktion in einer großen Masse von Uran auszulösen. Das würde gewaltige Energiemengen freisetzen. Und dann kommt der Schlüsselsatz: Zitator „Dieses Phänomen könnte auch zum Bau von Bomben führen.“ Sprecher Und Einstein warnt, dass jemand bereits dabei sein könnte, diese neue, ungeheuer gefährliche Bombe zu bauen: Die Nationalsozialisten. Er empfiehlt den USA, selbst eine solche Bombe zu bauen – eine Atombombe. Sprecherin Die US-Führung ist jetzt alarmiert, erklärt Gerhard Krebs. Der Historiker hat intensiv zur Endphase des Zweiten Weltkriegs geforscht und unter anderem in Berlin und Tokio gearbeitet. Zusp 1 Krebs Man fürchtete, dass die Deutschen den Amerikanern zuvorkommen und die Atombombe zuerst einsetzen. Deswegen brauchte man ein Gegengewicht. Und Abschreckungswaffe. Dass die schließlich gegen Japan eingesetzt wurde, lag daran, dass sie zu spät fertig wurde für Deutschland Musik 2 "End of War" - Album: The Imitation Game (Original Motion Picture Soundtrack) K: Alexandre Desplat - Länge: 0'33 Sprecher Im August 1945, fast auf den Tag genau sechs Jahre nach Einsteins Brief, werden die USA die weltweit erste Atombombe abwerfen - über der japanischen Stadt Hiroshima, drei Tage später eine weitere über Nagasaki. Der Einsatz der Atombomben ist bis heute umstritten. Waren die Bomben und das Leid, das sie verursachten, gerechtfertigt? Wurde der Zweite Weltkrieg damit tatsächlich schneller beendet? Musik 3 "Tadaima" - K: Ulrike Haage - Grüsse Aus Fukushima (Original Score) - Länge: 0'40 Sprecherin Im Sommer 1939 aber herrscht in den USA noch große Einigkeit: Man möchte den Nationalsozialisten unbedingt zuvorkommen und die Atombombe zuerst entwickeln. Die Eile ist verständlich. Dem Deutschen Otto Hahn ist kurz zuvor in Berlin die erste Kernspaltung gelungen. Deutsche Wissenschaftler gelten als führend auf dem Gebiet der Kernphysik. Sprecher Präsident Roosevelt befiehlt umgehend den Ausbau der US-amerikanischen Atomforschung. Musik 4 "These Walls" K: Tyler Bates, Album: The Belko Experiment (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 1'03 Sprecher 1942 startet dann ein gigantisches Forschungsprogramm: Das sogenannte Manhattan-Projekt. In der Wüste New Mexicos entsteht ein streng geheimes Labor: Los Alamos. Hier arbeiten Tausende hochqualifizierte Physiker und Techniker. Albert Einstein gehört übrigens nicht dazu. Er gilt politisch als nicht zuverlässig genug. Im Wettlauf um die Atombombe mit den Nazis spielt Geld jetzt keine Rolle. Insgesamt werden in das Manhattan-Projekt damals zwei Milliarden Dollar investiert. Umgerechnet auf die heutige Kaufkraft wären das schätzungsweise über 20 Milliarden Dollar. Sprecherin Der Zweite Weltkrieg ist voll entbrannt. Die USA unterstützen zwar ihren Hauptverbündeten Großbritannien massiv, bleiben offiziell aber neutral. Das ändert sich im Dezember 1941. Japan greift überraschend Pearl Harbor an, den Hauptstützpunkt der US-Pazifikflotte auf Hawaii. Dutzende Schiffe werden zerstört. Weit über 2000 Menschen sterben. Nur einen Tag später erklären die USA Japan den Krieg. Sprecher Die amerikanische Öffentlichkeit war mehrheitlich lange dagegen, dass sich die USA am Zweiten Weltkrieg beteiligen. Pearl Harbor ändert die Stimmung. Viele US-Bürger drängen jetzt immer stärker auf eine harte Bestrafung der Japaner Sprecherin Die US-Wissenschaftler machen unterdessen gewaltige Fortschritte. 1942 gelingt die erste von Menschen eingeleitete nukleare Kettenreaktion. Diese könnte riesige Energiemengen produzieren – ein Meilenstein auf dem Weg zur Atombombe. Sprecher Von solchen Erfolgen sind die Forscher im Deutschen Reich zur gleichen Zeit weit entfernt. Deshalb werden andere Prioritäten in der Waffenentwicklung gesetzt. Ganz eingestellt wird die Forschung an der Atombombe zwar nie, aber der von den USA angenommene Wettlauf mit dem NS-Regime – er ist schon früh keiner mehr. Das wird endgültig klar, als Anfang 1945 die größten Teile Deutschlands besetzt sind - die Entwicklung der Atombombe wird in den USA trotzdem mit großem Einsatz fortgesetzt. Sprecherin Mitten in der entscheidenden Schlussphase des Kriegs, am 12. April 1945, stirbt völlig unerwartet Präsident Roosevelt. Der Mann, der den Bau der Atombombe befohlen und maßgeblich vorangetrieben hat. Neuer Präsident der Vereinigten Staaten wird Harry S. Truman, der bisherige Vize-Präsident. Und jetzt zeigt sich, wie geheim die Entwicklung der Atombombe tatsächlich ist: Sprecher Truman wird erst nach seiner Amtseinführung in das Projekt eingeweiht. Dazu kommt: Truman gilt auf der Bühne der Weltpolitik als völlig unerfahren. Viel Zeit zur Einarbeitung hat er nicht. Jetzt - gegen Ende des Zweiten Weltkriegs muss er täglich wichtige Entscheidungen treffen – darunter auch den weiteren Umgang mit der Atombombe. Zwar kapituliert das Deutsche Reich am 8. Mai und der Krieg in Europa ist beendet. Aber Präsident Truman warnt: Zusp 2 Truman Rede Our victory is but half-won. The West is free, but the East is still in bondage to the treacherous tyranny of the Japanese. When the last Japanese division has surrendered unconditionally, then only will our fighting job be done. Zitator Overvoice Truman Unser Sieg ist nur halb gewonnen. Der Westen ist frei, aber der Osten ist immer noch der verräterischen Tyrannei der Japaner ausgeliefert. Erst wenn die letzte japanische Einheit bedingungslos kapituliert hat, dann ist unsere kämpferische Aufgabe erledigt. Sprecherin Im Frühjahr 1945 haben die USA fast uneingeschränkte Lufthoheit über den japanischen Inseln. Die US-Luftwaffe fliegt jetzt immer verheerendere Bombenangriffe. Aber trotz der immer hoffnungsloseren Lage ist Japan weit davon entfernt sich zu ergeben. Noch immer kontrolliert es unter anderem die koreanische Halbinsel und die Mandschurei, ein großes Gebiet im Nordosten Chinas. Noch immer verkündet die japanische Führung aggressive Durchhalte-Parolen. Musik 5 "Tadaima" - K: Ulrike Haage - Grüsse Aus Fukushima (Original Score) - Länge: 1'36 Sprecher In den USA ist Präsident Truman inzwischen informiert worden, dass die erste Atombombe schon in wenigen Wochen fertig ist. Eine Frage wird jetzt immer drängender: Ob und wie sollte eine Atombombe eingesetzt werden? Ursprünglich waren ja nur deutsche Städte als Abwurfziele vorgesehen. Jetzt gerät Japan in den Fokus. Wissenschaftler um den Physiker James Franck versuchen in dieser Zeit, Truman davon zu überzeugen, die Bombe nicht gegen Japan einzusetzen. Im sogenannten Franck-Report warnen sie vor einem Wettrüsten und schlagen stattdessen eine Demonstration der Atombombe vor der Weltöffentlichkeit über unbewohntem Gebiet vor. Sprecherin Solche Vorschläge werden im sogenannten Interim Committee beraten. Politiker, Militärvertreter und andere Experten besprechen unterschiedliche Strategien zum Umgang mit der Atombombe. Die überraschend eindeutige Empfehlung lautet schließlich: Die Bombe soll so schnell wie möglich und ohne Vorwarnung über japanischen Städten abgeworfen werden. Sprecher Der persönliche Berater von Präsident Truman und spätere US-Außenminister, James Byrnes, spielt bei dieser Empfehlung eine entscheidende Rolle. Er hat vor allem die Bevölkerung in den USA im Blick. Eine Mehrheit fordert nach dem Angriff auf Pearl Harbor maximale Härte gegenüber Japan. Byrnes hat großen Einfluss auf den unerfahrenen Truman, erklärt Gerhard Krebs. Zusp 3 Krebs Eigentlich war die Mehrheit der Politiker und Militärs dafür, die Waffe nicht gegen Japan einzusetzen ohne Vorwarnung und möglichst nur gegen militärische Ziele. Der Scharfmacher war dann Byrnes. Mit Byrnes kippte die Stimmung. Weil der das Ohr von Truman erhielt. Wer das Ohr des Präsidenten hat, der entscheidet. Musik 6 "These Walls" K: Tyler Bates, Album: The Belko Experiment (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'16 Sprecherin Im Juli 1945 überschlagen sich dann die Ereignisse. In den Laboren von Los Alamos ist es gelungen, die erste Atombombe der Welt fertigzustellen und für eine Testzündung vorzubereiten. Musik 7 "Head Tag" - K: Tyler Bates, Album: The Belko Experiment (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'41 Sprecherin Am 16. Juli explodiert sie am frühen Morgen in der Wüste von New Mexico. Auf einen gleißend hellen Blitz folgt ein orange-gelber Feuerball, der in Sekunden in den Himmel steigt. Zum ersten Mal entsteht der typische Atompilz. Noch in über 100 Kilometern Entfernung ist die Druckwelle zu spüren. Die Wissenschaftler sind völlig überrascht. Die Explosion ist dreimal so stark wie berechnet. Es ist tatsächlich die verheerende Bombe eines neuen Typs, die Einstein vorhergesagt hatte. Sprecher Währenddessen reist US-Präsident Truman nach Potsdam. Nach dem Ende des Kriegs in Europa wollen die Alliierten hier beraten, wie es weitergehen soll. Auch der britische Premierminister Winston Churchill und Josef Stalin, der sowjetische Regierungschef, kommen zur sogenannten Potsdamer Konferenz. Als Truman die Nachricht vom erfolgreichen Atombombentest erhält, ist er euphorisiert. Nicht eingeweihte Beobachter in Potsdam registrieren überrascht, wie selbstbewusst Truman plötzlich auftritt. Stalin kann er allerdings kaum beeindrucken. Durch einen Spion in Los Alamos ist er bestens über die Fortschritte der Amerikaner informiert. Musik 8 "Tadaima" - K: Ulrike Haage - Grüsse Aus Fukushima (Original Score) - Länge: 0'38 Sprecherin Der 24. Juli ist dann ein entscheidender Tag: Truman berät sich mit seinen engsten Vertrauten, darunter auch Hardliner James Byrnes. Und dann ordnet er von Potsdam aus an: Über Japan sollen Anfang August Atombomben abgeworfen werden. Im Einsatzbefehl werden auch gleich vier mögliche Ziele genannt. Darunter die Städte Hiroshima und Nagasaki. Beide Städte haben Militärbasen oder Rüstungsindustrie. Vor allem aber wurden sie bislang nur wenig zerstört, ideal, um die Wirkung der neuen Bombe zu testen. Sprecher Wenige Tage nach diesem Befehl wird die sogenannte Potsdamer Erklärung veröffentlicht. Unterzeichnet ist sie von den USA, nicht aber von der Sowjetunion. Diese befindet sich offiziell nicht mit Japan im Krieg und gilt als neutral. Die Erklärung soll eine letzte Warnung an Japan sein. Am Ende heißt es: Zitator Wir rufen die Regierung Japans auf, nunmehr die bedingungslose Kapitulation aller bewaffneten Kräfte Japans zu erklären und angemessene und adäquate Garantien ihres guten Willens in dieser Aktion zu zeigen. Die Alternative für Japan ist seine prompte und vollständige Zerstörung. Sprecherin Dass damit auch der Einsatz von Atomwaffen gemeint ist, erfährt die Öffentlichkeit nicht. Sprecher Niemand rechnet damit, dass Japan jetzt kapitulieren würde. Und tatsächlich erklärt der japanische Premierminister in einer Pressekonferenz, dass seine Regierung die Potsdamer Erklärung „ignorieren“ werde. Diese eindeutige Haltung der japanischen Regierung bedeutet in den Augen der USA: Die Atombomben werden abgeworfen. Der erste Atomsprengkörper ist da bereits auf einem Schiff unterwegs zu US-Stützpunkten im Südpazifik. Sprecherin Diese öffentlich verkündete Absage Japans passt allerdings nicht zu dem, was hinter den Kulissen in der japanischen Führung diskutiert wird. Hier gibt es sehr wohl kritische Stimmen. Weil die Lage hoffnungslos ist, wollen sie ein schnelles Kriegsende erreichen. Der japanische Botschafter in Moskau sendet seit einiger Zeit vorsichtige Signale an die sowjetische Führung. Die Idee: Die offiziell neutrale Sowjetunion soll zwischen den Kriegsparteien vermitteln. Die japanische Elite hofft dabei noch einen akzeptablen Frieden zu erreichen und die geforderte bedingungslose Kapitulation zu verhindern. Denn eine zentrale Bedingung haben die Japaner, erklärt der Historiker und Japanologe Gerhard Krebs: Sie wollen um jeden Preis das Kaisertum erhalten. Zusp 4 Krebs Japan betrachtete sich als einmalige Staatsform in der Welt und der Kaiser war ja immerhin göttlicher Abkunft. Ohne Kaiser konnten sich die Japaner einen Weiterbestand ihrer Nation einfach nicht vorstellen. Sprecher Für Kaiser Hirohito sind die Japaner bereit, den schon so gut wie verlorenen Krieg fortzusetzen, auch wenn das den Untergang bedeutet. Sprecherin Die Reaktionen aus Moskau auf die japanischen Botschaften waren allerdings sehr verhalten. Die Sowjetunion hatte längst beschlossen, Japan in Kürze selbst den Krieg zu erklären. Die Sowjets wollten sich die von Japan besetzten Gebiete sichern. Musik 9 "With Suspicion" - Album: Gone Girl (Soundtrack from the Motion Picture) K und Ausführende: Atticus Ross & Trent Reznor Länge: 0'47 Sprecher Dann kommt der 6. August 1945: Vom US-Luftwaffenstützpunkt Tinian, mitten im Südpazifik, startet um kurz nach Mitternacht ein B29-Bomber: Sein Ziel ist Hiroshima, etwa 2500 Kilometer weit weg. An Bord ist nur eine einzige Bombe. Es ist die Atombombe mit dem Codenamen „Little Boy“, kleiner Junge. Etwa drei Meter lang, vier Tonnen schwer. Sprecherin Um 8.15 Uhr kommt Hiroshima in Sicht. In einer Höhe von 10000 Metern klinkt die Besatzung die Bombe aus und dreht ab. Musik 10 "Head Tag" - K: Tyler Bates, Album: The Belko Experiment (Original Motion Picture Soundtrack) - Länge: 0'18 Sprecherin Sekunden später explodiert die Atombombe über dem Stadtzentrum. Ein gleißend heller Blitz zuckt durch den Morgenhimmel. Im Kern der Explosion ist es mehrere Millionen Grad heiß. Am Boden herrschen immer noch an die 3000 Grad. Gebäude und Bäume verglühen. Musik 11 "Morbid Beauty" - K: Martin Todsharow - Album: Der Hauptmann (Original Motion Picture Soundtrack) - 0'53 Sprecher Die folgende Druck- und Hitzewelle zerstört die Innenstadt Hiroshimas fast komplett. Die Explosionskraft der Bombe entspricht etwa der von 11-13 Tausend Tonnen des herkömmlichen Sprengstoffs TNT. Eine genaue Zählung der Toten ist unmöglich. An die 70-80 Tausend Einwohner Hiroshimas sterben sofort. Von vielen bleibt nichts zurück. Die Körper verdampfen in der Explosions-Hitze. An den Spätfolgen der radioaktiven Strahlung werden in den Jahren danach noch weitere zehntausende Menschen sterben. Darunter sind zwar auch Soldaten, die übergroße Mehrheit sind Zivilisten. Sprecherin Dieses Leid ist für US-Präsident Truman weit weg. In einer Ansprache stellt er das Geschehen anders dar. Zusp 5 Truman Rede The world…

    Full show notes at the publisher

    Antibiotika - Medizin-Revolution mit Nebenwirkungen Aug 06, 2025
    Show notes

    Wir leben im Zeitalter des Antibiotikums. Krankheiten wie Tuberkulose sind heilbar, auch entzündete Wunden können uns kaum etwas anhaben. Doch Resistenzen werden immer häufiger. (BR 2019)


    Uruk und wie alles begann - Die Anfänge der Moderne in der Vorgeschichte Aug 06, 2025
    Show notes

    Eine antike City der Superlative: Uruk. Die Stadt war die erste Stadt der Welt - eine Megapolis mit bis zu 50 000 Menschen. Sie entstand im 5. Jt. v.Chr. im Süden des heutigen Irak. Von Christine Hamel (BR 2023)

    Credits
    Autorin dieser Folge: Christine Hamel
    Regie: Irene Schuck
    Es sprachen: Berenike Beschle, Christian Baumann, Friedrich Schloffer, Katja Amberger
    Technik: Wolfgang Lösch
    Redaktion: Nicole Ruchlak

    Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren:

    In Mesopotamien, im heutigen Irak, entstand vor rund 5.200 Jahren die erste Schrift. Die Keilschrift war kompliziert und dennoch sehr weit verbreitet. Lesen und Schreiben war der Oberschicht vorbehalten.
    Die Erfindung der Schrift - Vom Bild zum Symbol
    JETZT ANHÖREN

    Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

    Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast
    Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.
    ZUM PODCAST

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
    RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:
    ARD Audiothek | RadioWissen
    JETZT ENTDECKEN

    Das vollständige Manuskript gibt es HIER.


    Die Bavaria - Symbol und Wahrzeichen Bayerns Aug 05, 2025
    Show notes

    Sie ist weibliche Symbolgestalt und weltliche Schutzherrin des Freistaats: Die Bavaria. Als Statue, auf Gemälden, in Wappen oder über Hauseingängen begegnet sie uns. Doch ihre berühmteste Darstellung ist die fast 20 Meter hohe Statue, die vor der Ruhmeshalle über die Theresienwiese wacht. Von Frank Halbach (BR 2024) CreditsAutor und Regisseur dieser Folge: Frank HalbachEs sprachen: Irina Wanka, Thomas Birnstiel, Peter Weiß, Peter VeitTechnik: Daniela RöderRedaktion: Andrea Bräu, Karin Becker Im Interview:Dr. Thorsten Marr, Bayerische Verwaltung der staatl. Schlösser, Gärten und Seen Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren:Ludwig Schwanthaler - Gestalter der Münchner BavariaJETZT ENTDECKEN Das Münchner Oktoberfest - Brotzeit, Bier und BelustigungJETZT ENTDECKEN Regent im Rebenland - König Ludwig I und die PfalzJETZT ENTDECKEN Literaturtipps: Bayerische Schlösserverwaltung: Ruhmeshalle und Bavaria. Bearbeitet von Manfred F. Fischer und Sabine Heym. München 2009. [Amtlicher Führer der Bayerischen Schlösserverwaltung, der einen umfassenden Überblick bietet] Frank Otten: Die Bavaria. In: Hans-Ernst Mittig, Volker Plagemann: Denkmäler im 19. Jahrhundert. München 1972 [kunsthistorische Einordung in die Geschichte der Denkmäler des 19.Jahrhunderts]. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadiowissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATOR 1 Ich hab‘ viel des Schönen gesehen - so Schönes noch nie! SPRECHER Das hat König Ludwig I. von Bayern über sie gesagt: SPRECHERIN Die einst vielleicht mächtigste Frau des Freistaats: imposant, monumental, majestätisch. SPRECHER Auf einem steinernen Sockel thront sie. 48 Stufen führen zu ihr empor. Da steht sie - würdevoll: Achtzehneinhalb Meter hoch. SPRECHERIN (genießerisch) Von dort blickt sie frei über die Theresienwiese weit hinüber bis zum Wetterturm des Deutschen Museums und zur mächtigen Maximilianskirche im Glockenbachviertel. SPRECHER Kolossale 1.560 Zentner ist sie schwer. SPRECHERIN Aus dem Erz türkischer Kanonen gegossen. SPRECHER Die Bavaria: Weltliche Patronin Bayerns, das Gesicht Münchens und personifizierte Allegorie für den Freistaat. MUSIK ENDE O-Ton 1 Marr (33:50) Im Grunde ist die Bavaria und die Theresienwiese mit dem Oktoberfest die Verkörperung Bayerns. SPRECHER Sagt Konservator und Museumsreferent Dr. Thorsten Marr von der Bayerischen Schlösserverwaltung, der uns im Schloss Nymphenburg empfängt. O-Ton 2 Marr (13:09) Die Bavaria steht ja als gewaltige Kolossalstatue zwischen den beiden Flügeln der Ruhmeshalle. Und sie ist gewissermaßen der Augenpunkt für Besucher, die auf das Denkmal zu gehen. Und insofern ist auch die Statue ikonografisch auf Fernwirkung ausgerichtet. MUSIK „Festlicher Marsch“; ZEIT: 00:30 SPRECHERIN Sie trägt ein Bärenfell über ihrem schlichten Gewand. In ihrer Rechten hält sie etwas Eichenlaub und ein umwickeltes Schwert, das in der Scheide ruht. Mit der Linken hebt sie einen Ruhmeskranz aus Eichenlaub hoch über ihr Haupt. Zu ihrer Rechten sitzt kraftvoll und stark ein Löwe. MUSIK ENDE SPRECHER Warum steht sie da? Ausgerechnet da? Was soll der Lorbeer… – pardon Eichenkranz? Und wer hat das Standbild dieser bayerischen Amazone dort aufstellen lassen? Und wieso? ZITATOR 1 Möchten alle Deutschen, welchen Stammes sie auch seien, immer fühlen, dass sie ein gemeinsames Vaterland haben, ein Vaterland auf das sie stolz sein können, und jeder trage bei, soviel er vermag, zu dessen Verherrlichung. SPRECHERIN Meinte König Ludwig I. 1842 bei der Einweihung der Walhalla nahe Regensburg. Die Idee für diesen und weitere Gedächtnisorte keimte in Ludwig seit dem als schmachvoll empfundenen Siegeszug der napoleonischen Armeen. Über der Jugendzeit des Königs lagen die Schatten der Machtansprüche Napoleons auf der einen und Österreichs auf der anderen Seite. SPRECHER Sein Haus, das der Wittelsbacher, drohte zum Spielball der beiden Großmächte zu werden. Bayern wurde mehrfach Kriegsschauplatz mit allen dazugehörigen fatalen Folgen für das Land. SPRECHERIN Erst mit der Niederlage Napoleons bei der Völkerschlacht bei Leipzig im Jahr 1813 begann in Bayern eine Periode des Friedens. Für Ludwig I. Zeit, Zeichen zu setzen: von künstlerischer und zugleich politischer Einheit. MUSIK Bayernhymne. Bearbeitet für Streicher; ZEIT: 00:25 ZITATOR 1 Ein Baiern aller Stämme, eine größere deutsche Nation. SPRECHER Ein Motiv, das Ludwig zu einer ganzen Reihe von Bauprojekten für Nationaldenkmäler inspirierte. Darunter die Bavaria und die Ruhmeshalle, die der König 1834 in Auftrag gab. Thorsten Marr: MUSIK ENDE O-Ton 3 Marr (01:19) Ludwig I. als König, als bayerischer König, hatte den Auftrag gegeben und zunächst einmal einen Wettbewerb ausgelobt. Und Ende des Wettbewerbs bekam dann Leo von Klenze den Auftrag, die Ruhmeshalle mit der Bavaria, und zwar beides zusammen, zu errichten. Die Bavaria war nie als einzelnes Monument gedacht, sondern hat sich aus dem Wettbewerb entwickelt. Und Klenze hatte in seinem Wettbewerb einer Ruhmeshalle zusätzlich die Bavaria als übergeordnete Instanz derer, die in der Halle geehrt werden, gewählt. Und als Ort wurde ja die Theresienwiese ausgedacht oder ausgewählt.Und das hängt zweifellos mit dem patriotischen Hintergrund, sage ich jetzt mal etwas vollmundig, der Theresienwiese zusammen. SPRECHERIN Nach der Niederlage der verbündeten französischen und bayerischen Truppen in der Schlacht von Höchstädt im Jahr 1704 hatten die Habsburger das bayerische Oberland und die Residenzstadt München besetzt und außerdem die Steuern drastisch erhöht. SPRECHER Es kam bald zu ersten Aufständen, die schließlich 1705 in der Sendlinger Mordweihnacht und einem bayerischen Volksaufstand gipfelten, der gnadenlos niedergeschlagen wurde. ZITATOR2 Lieber bayerisch stea'm als kaiserlich verdea'm. SPRECHERIN Hundert Jahre später galt der Aufstand als patriotische Tat zum Wohle des Hauses Wittelsbach und zur Wiedereinsetzung des Kurfürsten und zur Rettung der Souveränität des Kurfürstentums. SPRECHER Die Sendlinger Anhöhe am Rande der Theresienwiese war somit ein symbolträchtiger und wohl überlegter Ort für ein Nationaldenkmal. MUSIK Instrumentaleinleitung zu "Bayerischer Schützenmarsch"; ZEIT: 01:00 SPRECHERIN Und nutzte zudem die Popularität der Festwiese, auf der seit der Hochzeit von Kronprinz Ludwig von Bayern und Prinzessin Therese im Jahr 1810 alljährlich ein Volksfest stattfand. ZITATOR 2 Der anwesenden Königsfamilie huldigten damals Kinder in bayerischen Volkstrachten mit Gedichten, Blumen und Früchten des Landes. Zu Ehren der Braut war die Festwiese „Theresens-Wiese“ getauft worden. SPRECHER Hier, auf der Sendlinger Anhöhe entstand die U-förmige Säulenhalle, die das Gelände nach hinten abschließt. Und zwischen den beiden Flügeln steht sie: die Bavaria. Wie die Ruhmeshalle blickt sie auf die Theresienwiese, von der eine Treppenanlage hinauf zur Bavaria gebaut wurde, von der aus man wieder über Stufen weiter zur Ruhmeshalle gelangt. SPRECHERIN Eine gestalterische Verknüpfung. MUSIK ENDE O-Ton 4 Marr (11:44) Also insofern ist auch ein geschicktes Miteinander und eine geschickte Wechselwirkung zwischen Statue einerseits und Ruhmeshalle geschaffen. Und das immer ausgerichtet auf den Besucher, der von der Theresienwiese aus kommt. Aber es war immer schon ausgerichtet auf die Besucher, die dann bei einem Fest auf der Wiese waren und das heißt mindestens einmal im Jahr mit dem Oktoberfest Blick hatten auf das Ensemble, auf das Denkmal. SPRECHERIN Die Bavaria selbst hatte in den ersten Entwürfen eine ganz andere Gestalt. SPRECHER König Ludwig I. vergötterte alles Griechische. ZITATOR 1 Ich will nicht eher ruhen, bis München aussieht wie Athen! SPRECHERIN Ein Isar-Athen! Wenig verwunderlich also, dass sich Leo von Klenzes ursprüngliche Bavaria, deren erster Entwurf bereits 1824 erstellt wurde, stark an griechischen Vorbildern ausrichtete. SPRECHER Die Bavaria des Erstentwurfes war eine griechische Amazone, im Chiton, - einer Art Tunika, mit Sandalen und einer mit bayerischen Rauten geschmückten Aegis, einem Brustpanzer mit Medusenhaupt. Dazu ein kleiner Löwe, eher ein zahmes Kätzchen zu ihren Füßen. Ungewöhnlich auch die viergesichtige Herme, also ein Pfeiler mit aufgesetztem Kopf, an den sie sich lehnt, und dessen vier Gesichter die Kunst und Wissenschaft, sowie die Staats- und Kriegsführung symbolisieren sollten. SPRECHERIN Nach der Beauftragung durch den König geriet die Bavaria in einem weiteren Entwurf gar zur "Athena Promachos" – der Schutzgöttin Athens mit Helm, Schild und Speer: Eine klassisch griechische Bavaria. SPRECHER Doch das Neue an Klenzes Entwurf: Indem er Motive verschiedener Herkunft mischt, erschafft er einen neuen Typ der bildlichen Darstellung für die Personifikation Bayerns. SPRECHERIN Und die Bavaria entwickelte sich weiter. Thorsten Marr: O-Ton 5 Marr (16:17) Und während des Planungs- und Konzeptionszeitraums wurde allmählich aus der griechischen Figur einer Siegesgöttin die germanische Siegesgöttin Bavaria in diesem Fall umgewandelt. SPRECHER Ein Wandel, der auf den Einfluss des Bildhauers Ludwig Schwanthaler zurückzuführen ist, den Ludwig I. zusammen mit den Erzgießern Johann Baptist Stiglmaier und Ferdinand von Miller hinzugezogen hatte. SPRECHERIN Mit der Antike hatte Schwanthaler nicht so viel am Hut. Er war Anhänger der romantischen Bewegung und gehörte mehreren Münchner Mittelalter-Zirkeln an, die für das „Vaterländische“ brannten. Fremdes, auch aus der Antike, war da wenig gelitten. Schwanthalers Vision und Klenzes klassizistisches Vorhaben widersprachen sich also. SPRECHER Aber ganz offensichtlich war genau das die Strategie des Königs: Ludwig I. ließ konträre Kunstauffassungen in dasselbe patriotische Projekt einfließen. ZITATOR 1 Ein Denkmal, das die zerstrittenen Lager unter dem Dach einer Nation eint. SPRECHERIN Diese Synthese der klassizistischen und der romantisch-gotischen Stilrichtung nennt man heute: ZITATOR 2 Romantischen Klassizismus SPRECHER Oder: ZITATOR 2 Ludovizianischen Stil. MUSIK „Bayerische Königs-Hymne“; ZEIT: 00:50 SPRECHERIN Die Bavaria wird eine Germania. Mit Bärenfell über dem bodenlangen Kleid und Eichenkranz im langen Haar. Und auch die strengen Gesichtszüge werden mädchenhafter. SPRECHER Dazu der Löwe als Symbol Bayerns, der zugleich als Zeichen der Kraft und Stärke seit jeher auf Herrscherportraits zu sehen ist. Das Schwert: ein allgemeines Symbol für Macht und Wehrhaftigkeit. SPRECHERIN Am wichtigsten aber: der Eichenkranz, den die Bavaria in der linken Hand hält. Im Verständnis der Zeitgenossen bezog sich der Eichenkranz speziell auf die bürgerlichen Tugenden. Dieser Kranz ist die Ehrengabe für all jene, deren Büsten im Inneren der Ruhmeshalle aufgestellt sind. MUSIK ENDE O-Ton 6 Marr (05:04) Man ehrt mit Büsten in der Ruhmeshalle diejenigen, die sich für Bayern verdient gemacht haben oder aber Bürger Bayerns sind. Also das Kurfürstentum zunächst oder des Königreichs. Und damit die Deutung der Ruhmeshalle mit der Bavaria in keinem Fall falsche Bahn läuft, sondern die Deutungshoheit beim König bleibt, hat der König im Grunde eine Inschrift auch in der Bavaria an der Tür hinterlassen. Und die ist für jeden Eintretenden gut sichtbar und gut lesbar: MUSIK Bayernhymne. Bearbeitet für Streicher; ZEIT: 00:25 ZITATOR 2 Als Anerkennung Bayerischen Verdienstes und Ruhmes ward diese Halle errichtet von Ludwig I. König von Bayern. Ihr Erfinder und Erbauer war Leo von Klenze. Begonnen den 15. Oktober 1843, vollendet, den 15. Oktober 1853. MUSIK ENDE SPRECHERIN Bildliche Darstellungen einer Frau, die Bayern symbolisiert, gibt es freilich schon lange Zeit vor der Entstehung der Ruhmeshalle und der Geburt der kolossalen germanischen Bavaria davor. MUSIK „Ave Maria“; ZEIT:01:55 SPRECHER Die Tellus Bavarica. Eine schon seit Jahrhunderten gebräuchliche Allegorie der „bayerischen Erde“. SPRECHERIN Der archetypischen Mutter Erde, der griechischen Gaia, entspricht in der römischen Mythologie die Gottheit Tellus. Von ihr leitet sich die Tellus Bavarica, die bayerische Mutter Erde ab. SPRECHER Sie ziert Wappen, Gemälde und Reliefs über Hauseingängen. Die Kuppel des zentralen „Dianatempels“ im Münchner Hofgarten zierte ursprünglich eine bronzene Statue der römischen Jagdgöttin Diana. Sie 1623 wurde sie zur Bavaria umgestaltet: Ihr Helm wurde zum Kurfürstenhut und der Ährenkranz in ihrer Hand durch einen Reichsapfel ergänzt. SPRECHERIN Im Kloster Fürstenzell bei Passau platzierte der österreichische Freskenmaler Bartolomeo Altomonte eine Bavaria im Zentrum des Deckenfreskos im Fürstensaal: Als Königin, die von einem Engel gekrönt wird, umgeben von Allegorien der Kirche, des Handels, der Landwirtschaft und der Künste. SPRECHER Ein Gemälde der Münchner Historienmalerin Marianne Kürzinger zeigt eine zarte mädchenhafte Bavaria in weiß-blauem Gewand, die sich an eine große, wehrhafte Amazonenkriegerin schmiegt: „Gallia schützt Bavaria.“ So der Titel. Das Bild stellt die Allianz von Bayern und Frankreich in jener Zeit dar. ZITATOR 2 Ich werde Bayern nicht nehmen, ich werde es verschlingen. SPRECHERIN Hat der Habsburger Kaiser Franz gedroht. Es gäbe eine Reihe weiterer Beispiele – doch in der öffentlichen Wahrnehmung wird die Bavaria heutzutage fast ausschließlich mit der monumentalen Statue auf der Theresienwiese identifiziert. MUSIK ENDE SPRECHER Und deren Vollendung war auch nach von Ihrer Majestät abgesegneten Entwürfen eine schwere Geburt. SPRECHERIN Eine Bronzefigur mit der enormen Größe von 18,52 Metern bedarf ausgefeilter Technik. Schon die Ausgestaltung der Figur durch Ludwig Schwanthaler dauerte ihre Zeit. Ebenso war der Aufwand in der Königlichen Erzgießerei an der Nymphenburger Straße enorm: O-Ton 7 Marr (21:42 Also dafür mussten dann zu Beginn der Vierzigerjahre zusätzliche Gebäude errichtet werden. Ein Gußhaus und schließlich sogar eine Holzhütte, in der die Bavaria im Format eins zu eins errichtet wurde. Das heißt, man brauchte keine flache Holzhütte, sondern brauchte einen Holzturm, der mindestens 18 Meter noch was hoch ist und darüber einen Dach noch hat. Und in diesem Holzhaus oder im Holzturm hat dann Schwanthaler 1840 folgende Jahre seine Gipsfigur geschaffen. Die Gipsfigur wurde dann wiederum 1843 in Einzelteile zerlegt, zwölf Einzelteile. Und von diesen Einzelteilen wurden dann Gussmodelle, also Modelle, von denen dann der Guss, der Bronzeguss gemacht werden konnte, gemacht. Und dann ergibt sich dann schon dass 1844 mit dem Gießen begonnen wurde und bis 1850 waren die Einzelteile gegossen und auch die Oberflächen bearbeitet. SPRECHERIN An den Ort der Herstellung erinnern heute noch die Münchner Erzgießereistraße sowie die parallele Sandstraße, an der die für den Guss notwendige Sandgrube lag. SPRECHER Parallel dazu lief der Bau der Ruhmeshalle. SPRECHERIN Wie alle Nationaldenkmäler wurden Bavaria und Ruhmeshalle aus der Privatschatulle des Königs finanziert. Als Ludwig 1848 unter Druck nach der „Affäre Lola Montez“ zu Gunsten seines Sohnes Maximilian abdankte, versprach Maximilian zwar, das Projekt zu vollenden. Er plante dafür aber lediglich ein Budget von 9000 Gulden pro Jahr ein. SPRECHER Viel zu wenig. Erst als der abgedankte König die Finanzierung wieder aus seiner Privatschatulle übernahm, konnte die Bavaria fertiggestellt werden. SPRECHERIN Zum Oktoberfest des Jahres 1850 – es wäre Ludwigs 25. Regierungsjahr gewesen - wurde die Bavaria am 9. Oktober feierlich enthüllt. MUSIK „Vorspiel zum 3. Akt aus Lohengrin“; ZEIT: 01:15 ZITATOR 1 Nero und ich sind die einzigen, die so Großes gemacht haben. SPRECHER Notierte sich der Monarch im Ruhestand. Das Fest geriet zur Huldigungsfeier für den abgedankten König – und für das, was er aus München gemacht hatte, der Stadt… ZITATOR 1 …die Teutschland so zur Ehre gereichen soll, dass keiner Teutschland kennt, wenn er n…

    Full show notes at the publisher

    Schuldgefühle - Wenn Selbstvorwürfe zur Qual werden Aug 04, 2025
    Show notes

    Schuldgefühle drücken nieder. Sie können Selbstwertgefühl und Verhalten stark beeinflussen. Nach dem Motto: Buße tun hilft vielleicht. Doch oft lohnt der Blick auf zu Grunde liegende Ängste und Konflikte mehr. Autorin: Justina Schreiber (BR 2020) Credits Autorin dieser Folge: Justina SchreiberRegie: Irene SchuckEs sprachen: Katja Amberger, Andreas NeumannTechnik: Helge SchwarzRedaktion: Susanne Poelchau Im Interview: - Heidi Spanl, Psychoanalytikerin, und Helga Kernstock-Redl, Psychotherapeutin Psychologie: Wie wir ticken - Euer Psychologie PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.Wie wir ticken – Euer Psychologie Podcast Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek: ARD Audiothek | RadiowissenJETZT ENTDECKEN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN: Es war ein Fehler. Man hat etwas verkehrt gemacht. Etwas Wichtiges versäumt. Wie furchtbar. Wie konnte man nur! SPRECHER: Schuldgefühle drücken nieder. Es sind schwere Gefühle. SPRECHERIN: Der Übel größtes ist die Schuld! SPRECHER: Sagt ein Sprichwort. SPRECHERIN: Man grübelt und zermürbt sich. Vielleicht hängen die Schultern. Der Blick ist gesenkt, die Stimmung im Keller. SPRECHER: Gute Laune ist etwas anderes. Nicht ohne Grund zählen Schuldgefühle zu den negativ bewerteten Gefühlen, sagt die Wiener Psychotherapeutin Helga Kernstock-Redl. O-TON 01: (Kernstock-Redl) „Schuldgefühle sind belastend, quälend werden sie beschrieben. Sie lösen auch Angst aus, einerseits die Angst vor Strafe, wer Schuld hat, wird vielleicht bestraft.“ SPRECHERIN: Alle Schuld rächt sich auf Erden. O-TON 02: (Kernstock-Redl) „Aber auch Angst vor dem Gefühl selbst, weil es eben so ein unangenehmes Gefühl ist.“ SPRECHERIN: Jeder Mensch kennt es. Weltweit in allen Kulturen kommen Schuldgefühle vor. Dass sich auch Tiere, vor allem Primaten, schuldig fühlen können, wird vermutet, lässt sich aber nicht so leicht belegen. SPRECHER: Schuldgefühle werden schnell mit Scham oder Angst verwechselt. Unter Wissenschaftlern gelten sie als schwer zu fassende, komplexe Emotionen. O-TON 03: (Kernstock-Redl) „Hirnscans zeigen, dass viele Hirnareale da beteiligt sind, vor allem das Denken, also die Hirnareale, wo es um Gedanken geht, um Soziales geht, die sind auch sehr stark aktiv bei Schuldgefühlen.“ MUSIK 2 "Massage" - Komponist: Daniel Pemberton - Album: The Haunted Airman (Soundtrack) Länge: 0'44 O-TON 04: (Heidi Spanl) „Erst einmal finde ich es wichtig, darauf hinzuweisen, dass Schuldgefühle nichts direkt mit Schuld zu tun haben. Also, man hat sich keine Schuld aufgeladen, nur weil man ein Schuldgefühl hat, die existieren sozusagen unabhängig davon.“ SPRECHER: Ihre Entstehung belegt es, erklärt die Psychoanalytikerin Heidi Spanl. Kinder kommen ohne eigene Schuld, also „unschuldig“ zur Welt. (Auch wenn die Lehre von der Erbsünde etwas anderes behauptet.) SPRECHERIN: Trotzdem verfügen Neugeborene offenkundig über die Fähigkeit, Schuldgefühle zu entwickeln. Der Lernprozess beginnt mit der Geburt. O-TON 05: (Heidi Spanl) „Man kann sich das ganz schwer nur vorstellen. Aber dass Erwachsene den Kindern schon, den Neugeborenen ein Stück Schuldgefühle auch vermitteln für bestimmte Dinge, die sie tun, dass sie besonders laut brüllen, wenn sie Hunger haben und nicht sofort gestillt oder gefüttert werden.“ SPRECHER: Ein „Nein“ folgt dann vielleicht als Reaktion. Oder ein Stirnrunzel, ein Zögern, ein Genervtsein. SPRECHERIN: Säuglinge nehmen die Forderungen ihrer Umgebung wahr. Abhängig wie sie sind, passen sie sich immer auch den Bedingungen an. Empathisch zu sein, erweist sich als nützlich. Auch in späteren Jahren. O-TON 06: (Heidi Spanl) „Also, man möchte eigentlich auch den Eltern, den Pflegepersonen gefallen, damit man nicht ausgestoßen wird, damit man geliebt wird, damit man Anerkennung bekommt. Das brauchen wir einfach.“ SPRECHER: Ohne Zuwendung, ohne positives Feedback kann der Mensch, das soziale Wesen, nicht überleben. Es gilt, die Spielregeln möglichst schnell und gut zu verinnerlichen, um zu wissen, was „man“ tut und was „man“ nicht tut. MUSIK 3 "Massage" - Komponist: Daniel Pemberton - Album: The Haunted Airman (Soundtrack) Länge: 0'39 O-TON 07: (Heidi Spanl) „Man muss ja erst mal ein Gewissen entwickeln. Man kommt mit seinen Wünschen, also mit seiner triebhaften Ausstattung, mit den Instinkten auf die Welt, aber man hat noch keine Psyche und auch kein Gewissen: was ist gut, was ist böse?“ SPRECHERIN: Das ist die zentrale Frage. SPRECHER: Das biologische Programm lässt den Menschen nach egoistischer Wunsch- oder Triebbefriedigung streben. Das Gewissen, das sich dann im Laufe der Erziehung über positive und negative Verstärkungen Schicht für Schicht herausbildet, wirkt wie eine Art Korrektiv. SPRECHERIN: Sigmund Freud nannte diese innere Instanz „Über-Ich“. Es versucht, das „Ich“, das mehr oder weniger bewusst agierende Ego des Individuums zu dirigieren. Die Psychoanalytikerin Heidi Spanl erklärt: O-TON 08: (Heidi Spanl) „Das Über-Ich ist die Instanz, die alle Normen, alle Verbote aufnimmt, natürlich wieder vermittelt durch die Eltern auch, aber auch durch die Gesellschaft, durch die Sozialisation.“ SPRECHERIN: Wer gewissen Normen und Erwartungen entspricht, wird belohnt. Auch durch das eigene gute Gewissen. Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen. MUSIK 4 "End Credits" - Album: Shame - K und A: Harry Escott SPRECHER: Ganz anders das schlechte Gewissen, das sich in Schuldgefühlen äußert. Sie können für schlaflose Nächte sorgen. SPRECHERIN: Je nachdem wie rigide das Über-Ich ist beziehungsweise wie versagend die Erziehung war: Wer es wagt, eine verinnerlichte Regel zu brechen und einer an sich verbotenen Lust zu frönen, handelt sich „zur Strafe“ mal heftigere, mal schwächere Unlustgefühle ein. Im Brav sein, im Verzicht liegt also ein emotionaler Gewinn. Denn das Gewissen schweigt. SPRECHER: Das ist der Sinn und Zweck der Fähigkeit, Schuldgefühle zu empfinden: O-TON 09: (Kernstock-Redl) „Der Sinn liegt im Vermeiden.“ SPRECHER: Die Psychotherapeutin Helga Kernstock-Redl hat einen Ratgeber zum Thema verfasst. Sie nennt den psychischen Mechanismus einen „Kunstgriff der Natur“: Bringen Schuldgefühle die Menschen doch dazu, allgemein erwünschte, (in Anführungszeichen) „richtige“ Verhaltensweisen anzunehmen. O-TON 10: (Kernstock-Redl) „Wir haben so eine breite Straße von Verhaltensweisen, die für uns in Ordnung sind, und die gehen wir. Da folgen wir unseren inneren Regeln und spüren natürlich keine Schuldgefühle, wenn wir sie nicht brechen. Wenn wir aber diese vorgegebene Bahn verlassen, dann merken wir an diesem unangenehmen Gefühl: upps, ich bin quasi vom Weg abgekommen.“ MUSIK 5 "La marche de Henri IV (Henri IV)" - Musique de l'air de Paris - Album: Airs militaires anciens / Marches refrains batteries de la garde impériale / Fanfares royales et impériales - K: Robert Fayeulle & Robert Goutte Länge: 0'52 SPRECHERIN: Schuldgefühle erleichtern Eltern, Erziehern und staatlichen oder kirchlichen Institutionen die Arbeit. Sie sind Werkzeuge der Moral. SPRECHER: Weg geht es vom „Bösen“, hin zum Guten. Weg vom Körper, hin zum Geistigen. Weg vom Schmutz, hin zur reinen Weste. Hin zu Lob und Schulterklopfen. Die Tendenz zum Sich-Verbiegen gehört zum Programm. Wobei Schuldgefühle in einer Diktatur ganz andere Formen annehmen können als in einer Demokratie. SPRECHERIN: Helga Kernstock-Redl verweist als Beispiel auf die Kriegsgeneration, die Generation der Groß- und Urgroßeltern: O-TON 11: (Kernstock-Redl) „Da war die Regel: nur ja niemanden etwas schuldig bleiben! Das heißt, die konnten gar kein Geschenk annehmen, ohne es doppelt und dreifach zurückzuzahlen und hatten immer so dieses Gefühl, eben ein Schuldgefühl zu haben, ist das Schlimmste überhaupt. Viele kennen dann gar keine Dankbarkeit mehr.“ SPRECHER: Was eigentlich schade ist. O-TON 12: (Kernstock-Redl) „Wenn ich aber das innere Gesetz hab, ich darf nichts annehmen ohne es doppelt und dreifach zurückzuzahlen, entgeht mir dieses Gefühl der Dankbarkeit, weil es sofort überlagert wird von einem Schuldgefühl.“ SPRECHER: Es hält den Menschen auf Trab. Nur nicht lockerlassen. Geben ist seliger denn Nehmen! MUSIK 6 - "La marche de Henri IV (Henri IV)" - Musique de l'air de Paris - Album: Airs militaires anciens / Marches refrains batteries de la garde impériale / Fanfares royales et impériales - K: Robert Fayeulle & Robert Goutte Länge: SPRECHERIN: Je nachdem, welchen Prämissen eine Gesellschaft, eine Gruppe, eine Familie folgt: Schuldgefühle dienen der Dressur, dem Zurechtstutzen des Menschen, indem sie seine biologischen Anlagen, seine Faulheit, sein Begehren, kulturell überformen, also gewissermaßen veredeln. In Anführungszeichen „primitive“ Triebe oder egoistische Wünsche werden zu Gunsten sozial verträglicherer Verhaltensweisen unterdrückt. SPRECHER: Emotionale Energien werden kanalisiert. Die Psychoanalyse nennt den Vorgang „sublimieren“, erklärt Heidi Spanl. O-TON 13: (Heidi Spanl) „Durch die Schuldgefühle gelingt es dem menschlichen Individuum, das Triebhafte zu sublimieren, das heißt eben, anders zu nutzen als jetzt nur in einer triebhaften Wunschbefriedigung, und aber auch zu transformieren, also das Triebhafte in uns kann über Schuldgefühle sublimiert und transformiert werden.“ SPRECHER: Du sollst lieber beten statt morden. Arbeiten statt trinken. Lesen statt liederlich sein. So trägt das schlechte Gewissen des Einzelnen zum Gemeinwohl des größeren Ganzen bei. Es hat beileibe nicht das private Glück im Auge. SPRECHERIN: Nein! Schuldgefühle etablieren die Pflichterfüllung als wichtiges Gebot. Sie liefern den Kitt menschlicher Gemeinschaften: O-TON 14: (Kernstock-Redl) „Sie halten Gemeinschaften aufrecht, weil sie Konflikte vermeiden helfen, weil sie so einen moralischen Überbau gewährleisten, weil wir einander vorhersagbar werden dadurch, weil ich ungefähr weiß oder hoffen darf, dass sich die anderen in meiner Gemeinschaft an dieselben Regeln halten wie ich.“ MUSIK 7 "Litany of Bananas" - K: Harry Escott - Album: River (Original Television Soundtrack) SPRECHER: Doch schon Sigmund Freud warnte vor dem „Unbehagen in der Kultur“. Die Decke der Zivilisation ist dünn. Darunter brodelt es. Verlangen die Schuldgefühle dem Menschen unterm Strich vielleicht zu viel an Selbstbeherrschung und Triebverzicht ab? SPRECHERIN: Hinzu kommt: die verinnerlichten Regeln können jeglicher Vernunft und Logik entbehren. Jedes Individuum verfügt ja über sein ganz persönliches Schuldgefühl, also über ein ganz persönliches Sammelsurium innerer Richtlinien, die sich auf unterschiedliche Weise manifestiert haben. O-TON 15: (Kernstock-Redl) „Diese sind anerzogen, beobachtet, eingeredet, sind eigene Schlussfolgerungen, wir erschaffen unsere Regeln auch ganz selber, also da sind auch eigene Schlussfolgerungen dahinter.“ SPRECHER: Schuldgefühle stellen den Sinn der Regeln, deren Einhaltung sie steuern, nicht in Frage. Vielmehr sorgen sie dafür, dass sich auch problematische oder gar schädliche Überzeugungen verfestigen. Zum Beispiel: O-TON 16: (Heidi Spanl) „Wenn Kinder nicht erwünscht sind, also keine Wunschkinder sind und immer das Gefühl haben, irgendwie eine Schuld zu tragen, dass sie überhaupt da sind oder wenn ein Geschwisterkind gestorben ist, dass sie dieses Kind ersetzen sollen und merken, sie schaffen das nicht.“ (REISST ETWAS AB) MUSIK 8 "Litany of Bananas" - K: Harry Escott - Album: River (Original Television Soundtrack) SPRECHER: So sehr sie sich auch bemühen: das Schuldgefühl bleibt. Denn die innere Regel, die die Bezugspersonen - wie auch immer - vermittelt haben, lautet: SPRECHERIN: Du bist nicht richtig, so wie du bist. Ein anderes Kind glaubt vielleicht: du bist nur richtig, wenn du dich still und unauffällig verhältst. SPRECHER: Oder jemand hat die Regel verinnerlicht, dass man alle Versprechen halten muss: O-TON 17: (Kernstock-Redl) „Das ist schon ein Gesetz, das extrem ist. Da werde ich relativ oft in meinem Leben Schuldgefühle haben. Wenn der Durchschnitt meiner Umgebung denkt: na, ich halte Versprechen, wenn es irgendwie geht, aber wenn nicht, macht es auch nichts. Die werden mir dann sagen: ja, was tust du dir an? Es ist halt manchmal so, man kann Versprechen nicht einhalten, Dinge ändern sich, das heißt, die können dann vielleicht gar nicht nachvollziehen, dass ich ein Schuldgefühl hab.“ SPRECHERIN: „Schuld“ und „Soll“ oder „Sollen“ haben dieselben sprachlichen Wurzeln. Es geht um Defizite, die ausgeglichen werden „sollten“. Wie auch immer. MUSIK 9 "Litany of Bananas" - K: Harry Escott - Album: River (Original Television Soundtrack) SPRECHER: Es ist gehupft wie gesprungen: Ob man sie nun brav vermeidet oder im Nachhinein das Zwicken ertragen muss - vor Schuldgefühlen gibt es kein Entkommen. SPRECHERIN: Nur gewissenlose Menschen kennen sie nicht. SPRECHER: Bestenfalls werden Schuldgefühle von freundlicheren Emotionen in Schach gehalten oder durch so etwas wie Gelassenheit abgemildert. SPRECHERIN: Aber es bleibt ein ständiges Ringen um psychische Stabilität. Vor allem bei Menschen, die die Moral hochhalten, kann schnell eine Katerstimmung überhandnehmen. SPRECHER: Oder das schlechte Gewissen breitet sich immer wieder aus, weil nahestehende Personen dazu neigen, ihr Befremden zu äußern - nach dem Prinzip: Wie konntest du nur? Das geht ja wohl gar nicht. O-TON 19: (Kernstock-Redl bei 23 Min) „Wir alle kennen so Menschen, die durch die Welt gehen und Vorwürfe ausstrahlen oder anderen ständig Vorwürfe machen, also ein Schuldgefühl suggerieren. Und das kann man sich dann schon auch mal einreden lassen. Und man entwickelt dann ein Schuldgefühl, obwohl man außerhalb der Beziehung, wenn man quasi sich wieder ein bissel wachgerüttelt hat, sich denkt: ich bin ja überhaupt nicht schuldig, warum lasse ich mir ein Schuldgefühl einreden?“ SPRECHER: Vielleicht weil man weiß, dass der Mensch schuldig werden kann, ohne es zu wollen. Wie schnell verstößt man gegen ungeschriebene Gesetze und Konventionen. Also lieber den Kopf einziehen. MUSIK 10 "End Credits" - Shame - K und A: Harry Escott SPRECHER: Wenn Schuldgefühle ausufern, wenn sie sich ständig vorwurfsvoll zu Wort melden. Wenn sie überlaut werden, dann geht die Lebensfreude verloren. SPRECHERIN: Dann zeigt das innere (oder auch ausgesprochene) Meckern, Mahnen und Hadern, dass die psychische Verfassung massiv aus dem Gleichgewicht geraten ist. Etwa, weil eine seelische Erkrankung vorliegt, ein Burnout oder eine Depression vielleicht. O-TON 21: (Kernstock-Redl) „Eine Untergruppe von depressiven Menschen leidet vorrangig unter Grübelzwängen und die drehen sich sehr oft um Schuld oder um Versagen, die eigene Schlechtigkeit.“ SPRECHER: Als wäre der eigene Zeigefinger immer erhoben: Der Ton war zu schrill, der sprachliche Ausdruck unangemessen, das Verhalten schlichtweg falsch. Und überhaupt kriegt man wohl nichts mehr auf die Reihe. wenn Schuldgefühle zu quälenden inneren Gesprächen werden, leidet das Selbstwertgefühl extrem. Als würde man nur noch durch die Gegend schleichen. SPRECHERIN: Oder ist es nicht eher umgekehrt: Dass ein schwaches Selbstwertgefühl drückenden Schuldgefühlen Tür und Tor öffnet? SPRECHERIN: Kann sein, sagt Helga Kernstock-Redl. Wer von übertriebenen Schuldgefühlen beherrscht wird, gleicht schlichtweg einem bankrotten Schuldner. O-TON 22: (Kernstock-Redl) „Ein innerer Faktor, der Schuld begrenzt, sind Rechte. Wenn ich ein Recht habe, etwas zu bekom…

    Full show notes at the publisher

    Der Fisch im Menschen - Unser evolutionäres Erbe Aug 04, 2025
    Show notes

    Der Mensch ist ein Tier unter Tieren, Ergebnis einer Milliarde Jahre dauernden Evolution. Spuren dieser Geschichte des Lebens sind in unserem Körper zu finden: Im Aufbau unseres Skeletts, in der Struktur unserer Organe, im Aufbau unserer Zellen. Evolutionär sind wir eigentlich Fische, die an Land gegangen sind und mit ihren früheren Flossen heute die Welt gestalten. Autor: Geseko von Lüpke (BR 2024) CreditsAutor dieser Folge: Geseko von LüpkeRegie: Kirsten BöttcherEs sprachen: Thomas Birnstiel, Susanne Schroeder, Johannes HitzelbergerTechnik: Redaktion: Iska Schreglmann Im Interview:Thassilo Franke (Biologe an den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns),Neil Shubin (Paläontologie-Professor an der University of Chicago), Joachim Haug (Prof. f. Zoomorphologe am GeoBioCenter der Universität München), Reiner Schoch (Professor f. Paläontologie an der Universität Hohenheim), Walter Salzburger (Professor f. Evolutionsbiologe an der Uni Basel), Axel Meyer (Prof. f. Evolutionsbiologie Universität Konstanz) Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Urvogel Archaeopteryx - Beweisstück der Evolution? JETZT ENTDECKEN Lebende Fossilien - Von der Evolution vergessen JETZT ENTDECKEN Literaturtipps: Harrison, Keith: Du bist (eigentlich) ein Fisch. Die erstaunliche Abstammungsgeschichte des Menschen, Spektum Akademischer Verlag 2007 Shubin, Neil: Der Fisch in uns. Eine Reise durch die 3,5 Milliarden Jahre alte Geschichte unseres Körpers, Fischer-Verlag 2010 Filmtipps: ‚Your inner fish‘ Website Your Inner Fish | PBS, Watch Your Inner Fish (pbs.org) ‚Der Fisch in uns‘ Der Fisch in uns Dokumentation in 3 Teilen Episodenguide – fernsehserien.de Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadiowissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Was sehen Sie, wenn sie morgens ins Badezimmer kommen und aus verschlafenen Augen einen ersten Blick in den Spiegel wagen? Ringe unter den halbgeöffneten Augen? Eine zerknautschte Frisur, die wachsenden Geheimratsecken, das leidige Doppelkinn oder – in Ganzkörper-Sicht – zu viel Fett irgendwo? SPRECHERIN Thassilo Franke, Münchner Biologe an den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns, hat morgens einen ganz anderen Blick. Und nicht, weil er gerade mit Taucherbrille und Schnorchel in seiner Badewanne unterwegs war. Sondern weil er evolutions-wissenschaftlich sich selbst in Augenschein nimmt: 1. ZUSPIELUNG Wort 13:49) Eigentlich, wenn Sie sich in den Spiegel schauen, dann sehen Sie den Fisch überall. Man sieht den Fisch in der Haut, man sieht den Fisch in den Haaren, man sieht den Fisch in den Ohren, in der Nase, in den Augen, in den Zähnen, in den Extremitäten. Überall haben wir Merkmale, wo wir Vorläuferstrukturen auch an unseren schuppigen, kiementragenden Vorfahren im Wasser nachweisen können. (0:56) Wir sind eigentlich Fische, die sich auf ihren Bauchflossen durchs Leben bewegen, die zu Beinen umgewandelt wurden und die mit ihren Brustflossen, die unsere Hände darstellen, die fantastischen Sachen machen können. Ich meine, mit unseren fünf Flossenstrahlen pro Brustflosse können wir Sonaten auf dem Klavier spielen. ZUSPIELUNG Musik 1 Klaviersonate von J.S. Bach, (schon drunter, kurz frei, unter Text) SPRECHER Moment mal! Klavierspielende Fische? Wesen mit Flossen, Kiemen, Gräten, Schuppen? (Musik weg) SPRECHERIN Genau diese! Wer mit dem Wissen der Evolutionsforschung und der Paläontologie auf den Menschen schaut, schaut quasi in ihn hinein, sieht Schichten von Geschichte in der Haut und darunter. Kann sehen, wie dieses Wunderwerk Mensch sich über die Jahrmillionen herausformte. Sieht Vorfahren, die zwar noch nicht am Flügel saßen (Musik wieder lauter), aber schon die Gliedmaßen besaßen, die ein paar Millionen Jahre später Bach-Kantaten zum Klingen bringen. Neil Shubin, Paläontologie-Professor an der University of Chicago und Autor des Buches ‚Der Fisch in uns‘ spricht im gleichnamigen Dokumentarfilm ganz ohne mystische Nebel von den ‚Geistern der Vergangenheit‘: OVERVOICE_SPRECHER: 2. ZUSPIELUNG Wort 1:00:14) When I look at my fellow humans, I see ghosts of animals past … Wenn ich auf meine Artgenossen schaue, sehe ich die Geister der vergangenen Tiere. Flüchtige Momente einer epischen Geschichte, die in uns allen verborgen ist (…) Wie unsere Hände zugreifen, mag uns noch an unsere Ahnen unter den Primaten erinnern. Aber schon wie unser Gehör sich formte, datiert zurück auf eine Spitzmaus. Und je weiter wir zurückgehen, desto fremdartiger wird es: (1:1:44) Richtig abenteuerlich wird es, wenn wir nach den längst verschwundenen Verwandten suchen, jenen Fischen, die vor Hunderten von Millionen Jahren aus dem Wasser an Land krochen. Ob es der Nacken oder unsere Lunge ist, unsere Extremitäten oder Hände – wir verdanken diesen mutigen Pionieren eine ganze Menge. Wenn Sie also wirklich verstehen wollen, wieso sie so gebaut sind, wie sie sind, wird es Zeit ihrem inneren Fisch zu begegnen.… time to meet your inner fish. SPRECHER Neil Shubin weiß, wovon er spricht. Er wurde weltberühmt, weil er nach 15 Jahren Steineklopfen 2008 ebenjenes Fossil aus dem Gestein der arktischen Küsten Westkanadas herausarbeitete, dass als bislang fehlende Verbindung, als sogenanntes ‚missing link‘ zwischen Wasser- und Landwesen gilt: Tiktaalik, ein Wesen zwischen Fisch und Amphibie, das aber schon Oberarmknochen, Elle, Speiche und Fingerknochen entwickelt hatte, wie sie als Grundmuster in jedem Mensch der Gegenwart zu finden sind. SPRECHERIN Und tatsächlich: Wer den Stammbaum aller Wirbeltiere zurückverfolgt, trifft irgendwann vor einer halben Milliarde Jahre auf einen gemeinsamen Vorfahren, aus dem sich Knorpelfische wie der Hai und Knochenfische wie zum Beispiel der Barsch entwickelten. Und letztere – die Knochenfische – wurden zu den Abenteurern der Evolution. Denn aus ihnen wiederum entwickelten sich Fleischflosser, wie die Lungenfische, die sich in den seichten Gewässern der Urmeere tummelten und neue Sinne und Formen entwickelten, erklärt Prof. Joachim Haug, Zoomorphologe am GeoBioCenter der Universität München … 3. ZUSPIELUNG Wort 13:18) Wir sind hochspezialisierte Fische. Und viele von den Merkmalen, auf die wir als Landwirbeltiere so stolz sind, die können wir relativ weit zurück verfolgen in der Evolution. (13:25) Wir haben eine Lunge, viele Fische haben eine Schwimmblase. (14:11) Das heißt, Lunge geht ganz weit zurück in der Evolution. Zum Beispiel ein Kiefer mit Zähnen ist ein Merkmal, das ja ganz früh eine Rolle spielt. (15:06) Einer unserer wichtigsten Sinnesorgane ist der Tastsinn. Der Tastsinn geht zurück auf die Seitenlinienorgane von vielen Fischen. (15:25) Genauso natürlich Linsenaugen, Wahrnehmung von Licht, das geht auch alles zurück auf diese Tiere, das ist da bereits evolviert mit dem komplexen Nervensystem, das dahinter steht, die Muskulatur, die Augen bewegen können. (15:56) Alles in Bezug auf Fische. SPRECHER Es liegt nahe und ist doch so fremd. Wer eine Forelle ausnimmt, findet in ihr Herz, Niere, Leber, Galle, Gehirn, Augen – ein Grundbauplan, der sich historisch in Wirbeltieren aller Art fortsetzte. Doch der ‚innere Fisch‘ findet sich auch im Blutkreislauf, im Salzgehalt unseres Körpers, der dem der Meere entspricht. Und wer im Restaurant mühsam das Fleisch von den Gräten trennt, mag sich angesichts der pieksigen Knöchelchen erinnert fühlen an die Rippen, welche die eigene Lunge schützen. SPRECHERIN Doch der detaillierte Blick auf den Fisch im Mensch ist eine Reise in die Tiefen der Zeit, ins ‚Erdaltertum‘ – das Paläozoikum, das Kambrium vor 540 Millionen Jahren. Zurück in eine Zeit, in der sich explosionsartig die Lebensformen fast aller Tierstämme entwickeln sollten. Eben aufgrund von kreativen zufälligen Erfindungen der Evolution, die sich in den Tiefen der Meere in winzigen Schritten Leben für Leben entwickelten. Aber ohne einen Plan, wozu das einmal gut sein sollte: Für Wesen, die aus dem Wasser klettern sollten, Millionen Formen annahmen, Säugetiere wurden, ja, Bewusstsein entwickelten! Neil Shubin beschreibt, wie er auf der Suche nach dem ersten Landgänger, dem Tiktaalik, in der kanadischen Arktis staunend durch die Schichtungen der Zeit reiste. OVERVOICE-SPRECHER: 4. ZUSPIELUNG Wort (1:23:15) It’s hard to believe when you look out across this frozen terrain Wenn man auf diesem kargen gefrorenen Land steht, ist es schwer vorstellbar, dass hier einst eine warm-wässrige Welt war, in der das Leben schwamm. Es ist eine riesiger Spalt zwischen dieser Urvergangenheit und der Gegenwart. Aber die Steine hier berichten uns von einer Zeit vor 375 Millionen Jahren von einer riesigen Auenlandschaft voller Flüsse, die auf- und abschwollen, Sümpfe und Ströme aller Größen formten …. and streams of all different sizes. SPRECHER In solcher Ur-Szenerie haben sich wohl urtümliche knochige Lungenfische auf der Flucht vor gefräßigen Raubfischen in die flachen Uferregionen gerettet, wo nach und nach aus Schwimm-Flossen unförmige Gliedmaßen wurden, aus Fischen letztlich Amphibien. Neil Shubins Fund, den er nach der Sprache der Inuits ‚Tiktaalik‘ taufte, konnte sich schon mit seinen Flossen abstützen, den Kopf aus dem Wasser strecken und links und rechts in die Welt seiner Nachfahren schauen. OVERVOICE-SPRECHER: 5. ZUSPIELUNG Wort (1:50:02) Here was an animal, Darwin had predicted …. Hier fanden wir das Tier, das Darwin vorausgesagt hatte, ein anatomischer Zwitter. Es hatte mit Schuppen, Flossen und Kiemen Züge eines Fisches, aber auch eine Lunge. Und zu unserem Erstaunen auch einen Nacken, den frühesten, der je gefunden wurde. Der Trumpf aber fand sich in der Flosse: Da war das erste Grundmuster von einem Knochen, zwei Knochen, vielen Knochen, dass wir auch in unseren heutigen Armen finden. Da gab es sogar eine Art Handgelenk, erste Hinweise auf das was mal eine menschliche Hand werden würde. Immer wenn wir eine Hand schütteln oder den Kopf drehen, können wir uns eigentlich bei Tiktaalik und seinen Cousins des Devons bedanken, die sich an das Leben dieser urtümliche Flüsse anpassten …adapting to life in these ancient streams. SPRECHER Diese rund einen Meter lange Wesen mit krokodilartigem Schädel sollten dann vor 375 Millionen Jahren zum gemeinsamen Vorfahren aller Landwirbeltiere werden, die man als Vierfüßler in der Biologie ‚Tetrapoden‘ nennt. Sie eroberten ein fast unbegrenztes Habitat, in das ihnen kein Raubfisch folgen konnten und füllten nach und nach alle ökologischen Nischen an Land, wo es bislang nur Algen, Moose, Pilze gab, kleine Wirbellose, winzige Insekten und andere Gliederfüßler. SPRECHERIN Doch als der Landgang einmal vollzogen war, bildeten sich aus diesen Pionieren rasant und in Schüben neue Äste am Baum der Evolution: Alle Amphibien, alle Reptilien, alle Vögel, alle Plazenta- und Säugetiere. Millionenfach – von der Schildkröte bis zum Dino, vom Salamander bis zum Adler, von der Spitzmaus bis zum Primaten. Bis zu uns, die wir – wie der Biologe Thassilo Franke – heute staunend vorm Spiegel das Ergebnis dieser Zeitreise in sich selbst sehen können: 6. ZUSPIELUNG Wort 50:00) Wenn man jetzt vom evolutionsbiologischen Standpunkt das Ganze betrachtet, gibt es ja keinen intelligenten Schöpfer, der hinter all dem steht. Sondern die treibende Kraft war natürliche Selektion, genetische Drift, die eigentlich ungerichtet abläuft. (12:26) Der Weg des geringsten Widerstands in der Evolution besteht eigentlich darin, Strukturen, die bereits vorhanden sind, umzustrukturieren und einer neuen Nutzung zuzuweisen. (52:57) Und wir Menschen sind nicht mehr als einfach die Spitze eines Zweiges unter Tausenden und Millionen und Abermillionen von Zweigen, die an diesem Baum entstanden sind. Nur durch das, was unsere geistigen Fähigkeiten eigentlich uns erlauben zu tun, unterscheiden wir uns im Handeln von den vielen anderen Lebewesen. Aber was unseren Bauplan betrifft, sind wir eigentlich nichts Besonderes. SPRECHER Fische halt, ebenso wie jedes Reptil, jeder Vogel, jeder Säuger. Alles besondere, hochspezialisierte Fische. Keine gerade Linie der Entwicklung, eher ein fraktales Baum-Muster mit vielen Möglichkeiten und Richtungen. Ein Mosaik aus Lebenslinien, dass mit erfolgreichen Bausteinen immer wieder neue Körper baut, neue Sinne, neue Fähigkeiten. (Musik wieder rein) Wo nicht nur aus Flossen klavierspielende Finger wurden, sondern aus Kiemen weitere Wunder wuchsen, welche diese Worte sprechen und Ihre Ohren hören lässt, erklärt Reiner Schoch. Professor für Paläontologie an der Universität Hohenheim. 7. ZUSPIELUNG Wort 12:14) Die Tatsache, dass ich zu Ihnen sprechen kann, hängt damit zusammen, dass mein Vorfahr einen Kiemenkorb hatte und ein Teil dieses Kiemenkorbes wurde, umgebaut zu dem Hyalknorpel, mit dem ich sprechen kann. Und die Tatsache, dass die Zuhörer mich hören können, liegt ebenso an diesem Kiemenkorb, denn ein anderer Teil dieses Kiemenkorbes wurde zu einem Gehörknöchelchen umgebaut. Das ging nicht mit einem Schritt, sondern, wie vorhin bereits erwähnt, über viele kleine Einzelschritte, bei denen jeder so ein bisschen in eine neue Richtung geführt hat. (22:05) Das heißt, wir sind ein Teil der Fische. Zusammen mit den Haien und den Knochenfischen bilden wir eine Teilgruppe der Fische. Und natürlich zusammen mit den Stachelhäutern, also zum Beispiel den Seeigeln oder zusammen mit der Stubenfliege bilden wir die Tiere. SPRECHER Die innere Stubenfliege? Auch das! Ihr Körper ist genetisch genau wie unserer in Kopf, Rumpf und Extremitäten gegliedert – uralte ‚Hox-Gene‘ geben diesen Aufbau seit Urzeiten von Wesen zu Wesen weiter. Und der innere Hai? ZUSPIELUNG Musik 3 (Und der Haifisch, der hat Zähne und die trägt er im Gesicht…) SPRECHERIN Bei der Moritat von Mecky Messer aus der Dreigroschenoper aber irrte Texter Bertolt Brecht vor rund 100 Jahren. Zwar können Menschen sich wie Raubfische verhalten! Aber Haie tragen ihre Zähne nicht nur im Gesicht, sondern – das wissen wir heute – als winzige schuppige Hautzähnchen am ganzen Körper: Von wo sie dann auch in den menschlichen Mund gewandert sind. Noch einmal der Evolutionsbiologe und Haiforscher Rainer Schoch 8. ZUSPIELUNG Wort 19:30) Wir haben Zähne gemeinsam nicht nur mit Knochenfischen, sondern auch mit Haien. Und die heutigen Haie zeigen uns auch, wo die Zähne eigentlich herkommen. Denn der gesamte Körper des Haies ist überzogen mit kleinen Schüppchen, sogenannten Plakoidschuppen. Und die haben einen Aufbau, der völlig gleich ist mit dem der Zähne. Es ist also möglich, dass die Zähne erst entstanden aus solchen vergrößerten Schuppen, die am Mundrand gewachsen waren und die einfach zum Beißen umfunktioniert wurden. (20:45) Was aber auf jeden Fall klar ist, Schuppen und Zähne sind, wie wir sagen, homologe Strukturen. D.h., die sind verwandt miteinander. (21:03) Die Schuppe des Knochenfischs und mein Zahn z.B. haben einen gemeinsamen Vorfahren. SPRECHERIN Lächeln Sie sich mal im Spiegel an und ehren die 500 Millionen Jahre alten Haifischzähne im eigenen Gebiss! SPRECHER Denn natürlich endet die Verwandtschaft im Baum des Lebens nicht bei den Primaten, den Tetrapoden, den Fischen, sondern geht immer weiter zu den Wurzeln zurück. Bis man irgendwann zu einem hypothetischen Organismus kommt, der den Namen ‚LUCA‘ trägt, die Abkürzung für den ‚Last Universal Common Ancestor‘, dem Vorfahr aller Lebewesen, erklärt Prof. Walter Salzburger, österreichischer Evolutionsbiologe an der Universität Basel. 9. ZUSPIELUNG Wort 21:39) Genauso wie wir den Fisch in uns tragen, tragen wir auch den Wurm in uns oder den Einzeller in uns. An und für sich tragen wir alles in uns seit dem Ursprung des Lebens. (22:11) Und wenn wir nur weit genug zurückgehen, dann haben Pflanzen, Pilze, Bakterien und wir, als Menschen, Primaten, als Wirbeltiere, gehen wir alle auf diesen Ursprung des Lebens zurück. Und grundlegende Prozesse in uns…

    Full show notes at the publisher

    Previous 1 54 55 56 57 58 221 Next

    Related Podcasts

    Making Sense with Sam Harris

    1

    Making Sense with Sam Harris Education
    Grammar Girl

    2

    Grammar Girl Education
    Good Life Project

    3

    Good Life Project Education
    Explain It to Me

    4

    Explain It to Me Education
    Team Never Quit

    5

    Team Never Quit Comedy
    Optimal Living Daily – Personal Development and Self-Improvement

    6

    Optimal Living Daily – Personal Development and Self-Improvement Alternative Health
    footer-logo

    Contact Us

    Toll Free: 844-670-7747

    Links

    • Home
    • Top Charts
    • Networks
    • Apps
    • Independents Podcasts
    • Podcast Advertising
    • Podcast News
    • Contact Us
    • About Us
    • Analytics & Insights

    Stay Connected

      Privacy, Terms of Use & Our Code of Ethics Protecting Content Creators Copyrights