TopPodcast.com
Menu
  • Home
  • Top Charts
  • Top Networks
  • Top Apps
  • Top Independents
  • Top Podfluencers
  • Top Picks
    • Top Business Podcasts
    • Top True Crime Podcasts
    • Top Finance Podcasts
    • Top Comedy Podcasts
    • Top Music Podcasts
    • Top Womens Podcasts
    • Top Kids Podcasts
    • Top Sports Podcasts
    • Top News Podcasts
    • Top Tech Podcasts
    • Top Crypto Podcasts
    • Top Entrepreneurial Podcasts
    • Top Fantasy Sports Podcasts
    • Top Political Podcasts
    • Top Science Podcasts
    • Top Self Help Podcasts
    • Top Sports Betting Podcasts
    • Top Stocks Podcasts
  • Podcast News
  • About Us
  • Podcast Advertising
  • Contact
Not in our directory?
Add Show Here
Podcast Equipment
Center

toppodcastlogoOur TOPPODCAST Picks

  • Comedy
  • Crypto
  • Sports
  • News
  • Politics
  • True Crime
  • Business
  • Finance

Follow Us

toppodcastlogoStay Connected

    View Top 200 Chart
    Back to Rankings Page
    Education

    Radiowissen

    Die ganze Welt des Wissens, gut recherchiert, spannend erzählt. Interessantes aus Geschichte und Archäologie, Literatur, Architektur, Film und Musik, Beiträge aus Philosophie und Psychologie. Wissenswertes über Natur, Biologie und Umwelt, Hintergründe zu Wirtschaft und Politik. Und immer ein sinnliches Hörerlebnis.

    Advertise
    • Apple Podcasts
    • Google Play
    • Spotify

    Latest Episodes:
    Der Permafrost taut auf - Folgen für Mensch und Umwelt Jan 10, 2025
    Show notes

    Immer größere Flächen des Dauerfrostbodens oder Permafrosts in der Arktis tauen im Sommer auf - eine Folge des Klimawandels, aber auch eine Ursache für die weitere Erwärmung, denn der aufgetaute Boden setzt Klimagase frei. Von Renate Ell (BR 2022) CreditsAutorin dieser Folge: Renate EllRegie: Martin TraunerEs sprachen: Rahel Comtesse, Anna GreiterTechnik: Regina StaerkeRedaktion: Yvonne Maier Im Interview:Dr. Guido Große und Dr. Moritz Langer, Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung, Potsdam;Elena Popova, Doktorandin aus Jakutien, University of Manitoba, Kanada;Sheila Watt-Cloutier, Inuit-Aktivistin, Kanada Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Eisschmelze - Das große RauschenJETZT ANHÖREN Bergsturz - Bedrohte BergeJETZT ANHÖREN Linktipps: Bilder vom Permafrost und was ihn genau ausmacht, finden Sie auf der Seite des Alfred-Wegener-Instituts:EXTERNER LINK | https://www.awi.de/im-fokus/permafrost/permafrost-eine-einfuehrung.html Spanende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung:BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLERIN Die Eiszeiten sind zehntausende Jahre her – aber im hohen Norden, in Sibirien und Nord-China, Grönland, Alaska und Nord-Kanada sind sie immer noch gegenwärtig. In weiten Ebenen erstreckt sich die Tundra, wo nur Flechten, Moose, Gräser und Zwergsträucher wachsen, in Gegenden mit milderem Klima auch Nadelwälder. Und darunter: Permafrost, ein Relikt der Eiszeit. (1 ZUSP.) GUIDO GROßE Das ist ein gefrorener Boden, mindestens zwei Jahre, das ist die einzige Definition, die wir haben, für Permafrost. ERZÄHLERIN Erklärt Guido Große vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung in Potsdam. Der Permafrost kann einige Hundert Meter in die Tiefe reichen. (2 ZUSP.) GUIDO GROßE Die Oberfläche wird von der Auftauschicht bestimmt, die jährlich im Sommer auftaut, im Winter gefriert, eine dünne Schicht von 10, 20, 30 Zentimetern in der Hocharktis, je weiter wir nach Süden kommen, im Süden Alaskas oder im Süden Sibiriens, finden wir auch tiefere Auftauschichten, die zwei, drei Meter tief sein können. ERZÄHLERIN Aber fast überall reicht diese Auftauschicht heute tiefer als noch vor wenigen Jahrzehnten. Die Arktis erwärmt sich sehr viel schneller als andere Teile der Welt. Und das heißt nicht nur: Die Auftau-Saison für den Permafrost-Boden ist länger. Sondern die Sommer sind auch wärmer. Manchmal rutscht ein ganzer Hang ab, dann sieht man, was unter der Oberfläche ist. Meistens nur Boden, stellenweise auch Eis. (3 ZUSP.) GUIDO GROßE Zum Beispiel sogenannte Eiskeile entstehen durch Frostrisse, die in den Böden sich bilden, wenn die Böden sehr, sehr tief durchfrieren in den Wintern, dann aufreißen, das ist ähnlich wie Trockenrisse, und in diese Frostrisse dringt Wasser ein, im Frühjahr mit der Schneeschmelze, das gefriert dann dort im tiefen Boden, und das ist ein Prozess, der über viele Jahrhunderte oder Jahrtausende auch ablaufen kann und dann große Eiskörper im Boden bildet. MUSIK: „BUGS“ – C143243#003 (0:35) ERZÄHLERIN Wo Eis im Boden steckt, ist im Sommer manchmal an der Oberfläche erkennbar – wenn es auftaut, sinkt der Boden ein; Straßen bekommen dann auf einmal Wellen. Wo der Boden viel Eis enthält, kann sich die Landschaft dramatisch verändern. (4 ZUSP.) GUIDO GROßE In einigen Gebieten kann es 80 Prozent erreichen, von Volumen her, und wenn das natürlich auftaut, dann entstehen große Senken, die nennen wir Thermokarstsenken; die füllen sich recht schnell mit Wasser, so genannte Thermokarstseen; und diese Seen führen auch dazu, dass viel mehr Wärme noch in den Untergrund abgegeben wird. ERZÄHLERIN Denn das Wasser der Seen ist dunkel, es schluckt das Sonnenlicht, erwärmt sich und gibt diese Wärme an den Untergrund ab. Es ist eine so genannte positive Rückkoppelung im Klimawandel: Es wird wärmer, Permafrost taut auf, ein See entsteht, dadurch wird der Boden wärmer – und so weiter. Ein See – egal ob neu entstanden oder schon alt – kann aber auch verschwinden: Wenn die aufgetauten Ufer nach und nach abbrechen, bis sie an ein Flussufer oder die Meeresküste kommen, kann ein See auslaufen. (5 ZUSP.) GUIDO GROßE Das heißt also die Landschaft ist ein Mosaik, ein Mischmasch aus existierenden Seen verschiedenen Alters und alten Seebecken verschiedenen Alters. Das ist also eine sehr dynamische Landschaft, und es beschleunigt sich tatsächlich diese Landschaftsdynamik. MUSIK: „SPACE MOOD 5“ – C1484140032 (0:44) ERZÄHLERIN Die Jakutin Elena Popova (Betonung auf dem zweiten O) kennt die Folgen dieser dynamischen Landschaft aus eigener Erfahrung. Nirgendwo leben so viele Menschen auf Permafrost wie in Sibirien. Die Republik Jakutien im Nordosten Russlands hat rund eine Million Einwohner, ist allerdings fast so groß wie Indien. Die Hauptstadt Jakutsk mit rund 270.000 Einwohnern ist die größte Stadt auf Dauerfrostboden. Dort und in vielen anderen Orten stürzen immer wieder Gebäude ein, wenn der Boden instabil wird. (6 ZUSP.) ELENA POPOVA OVERVOICE WEIBLICH Ich komme vom Land, da sind die Veränderungen noch auffälliger. Die Straßen dort sind nicht asphaltiert. Wenn der Permafrost taut und es viel regnet, sind manche Orte unerreichbar, wegen Straßenschäden oder Überflutung. Pfade für die Jagd werden auch beschädigt. Und durch den schlechten Zustand von Weideland sinkt die Qualität des Futters, dann können Tiere krank werden. I come from a rural area, and there, the changes are more visible, I would say. Deformation of roads leads to inaccessibility to communities, because roads in my area is not asphalt, it's ground roads, so permafrost thaw and when we have lots of rain, it’s just flooded. Also degradation of hunting trails, and the melting can disrupt the condition of pastures. And then the quality of feed and eventually affect health of animals. ERZÄHLERIN In Jakutien werden Rinder, Pferde und Rentiere gehalten, für die Selbstversorgung mit Milchprodukten und Fleisch. In den Dörfern gibt es meist keinen Supermarkt. Deshalb hat der Dauerfrostboden auch ganz praktische, gleichwohl lebenswichtige Funktionen: Als Vorratskammer – und für die Trinkwasserversorgung. (7 ZUSP.) ELENA POPOVA OVERVOICE WEIBLICH Wir beginnen im Mai, uns auf den Winter vorzubereiten, mit Jagen, Fischen, Beeren sammeln, Heu machen – wir gehen jeden Tag in die Natur wie zur Arbeit. Alles wird in Eiskellern eingefroren. Die Vorbereitung endet im Oktober mit der Massenschlachtung von Rindern, Pferden und Rentieren. Stellen Sie sich vor, wie viel Essen wir für die kalten neun Monate für die ganze Familie unterbringen müssen, fünf, sechs Leute plus Verwandte. Im Winter heben wir alles draußen auf, da wird es bis minus 55 Grad kalt. Im Sommer brauchen wir die Eiskeller vor allem für Trinkwasser. In manchen Dörfern gibt es eine Wasserversorgung, in meinem nicht. Wir müssen Eis von zugefrorenen Seen holen, im Frühjahr bringen wir es in den Eiskeller. Basically we start preparing for winter in May, when the hunting season begins and picking berries, fishing, haymaking time, and every day we go to the nature like to the work. Then everything is frozen in ice cellars, and the preparation season ends at the beginning of winter like around October with the mass slaughter of cattle, cows, horses and reindeer and just imagine that all this food that you eat during cold nine months needs to be stored for five, six people and also for relatives; in winter, we usually keep everything outside, all the food, because temperature reaches down minus 55 centigrade, so it's kind of fridge itself. In summer, ice cellars are mainly used for drinking ice. In some villages they have water supply but not in mine, we need to prepare ice from the lake, and then we put it outside and when when spring comes we put it into these ice cellars. ERZÄHLERIN Immer häufiger brauchen die Menschen in Jakutien jetzt allerdings im Sommer große Tiefkühltruhen für ihre Vorräte. MUSIK: „SPACE MOOD 5“ – C1484140032 (0:06) [[Wenn der Permafrost auftaut, kommt manches zum Vorschein, was lange eingefroren war. Bekannt sind vor allem Mammut-Stoßzähne, sogar ein perfekt erhaltenes, wolliges Mammut-Jungtier wurde gefunden, und auch andere, zehntausende Jahre alte Tierkadaver.]] Wissenschaftler haben darin Bakterien und Viren entdeckt, die sie im Labor wieder zum Leben erwecken konnten. Tote Tieren aus jüngerer Zeit enthielten [[Milzbrand-Bakterien, mit denen sich Weidetiere und Menschen infizierten. 2016 starb dadurch ein Kind in Jakutien, inzwischen wird gegen Milzbrand geimpft. Es gibt allerdings auch so etwas wie chemische Altlasten:]] Zwar ist die Arktis weit weg von den dicht besiedelten, industrialisierten Weltregionen – aber giftiges Quecksilber wird seit langer Zeit mit Luftströmungen von dort in den Norden transportiert, wo es dann kondensiert wie Wasser an einer kalten Fensterscheibe. (8 ZUSP.) MORITZ LANGER Da ist jetzt ganz große Sorge, dass durch das Auftauen der Böden dieses Quecksilber eben wieder frei wird wird, das gelangt dann teilweise wieder zurück in die Atmosphäre, aber dann eben auch über den Wasser-Kreislauf in verschiedene Bereiche. ERZÄHLERIN Erklärt Moritz Langer vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeres¬forschung in Potsdam. Die Ökosysteme werden belastet, und letztlich landet das giftige Metall auch auf den Tellern der Menschen: Mit Beeren, die sie sammeln, mit dem Fleisch von Rentieren oder Jagdwild, oder mit Fisch. [[(9 ZUSP.) MORITZ LANGER Und am Ende kann es dann auch bei uns wieder auf den Teller landen, wenn wir über die Fischerei in der Arktis in arktischen Gewässern nachdenken, dann kommt das eben zurück.]] ERZÄHLERIN Es gibt aber auch Schadstoff-Quellen in der Arktis selbst. Weil manches genauso ist wie in südlicheren Breiten: Die Menschen fahren Auto und verwenden Einweg-Verpackungen. Es wird nach Öl und Gas gebohrt, es gibt Erz-Bergbau und Industriebetriebe, die diese Rohstoffe verarbeiten, außerdem Tourismus, Jagd und Fischerei, mancherorts Landwirtschaft und nicht zuletzt Militärbasen. Aber eines ist anders als im Süden: Alles, was man für gewöhnlich im Supermarkt kauft und alles, was die Industrie braucht, muss über riesige Distanzen dorthin transportiert werden. Und was davon übrig bleibt, wird nicht wieder weggebracht. (10 ZUSP.) MORITZ LANGER Aufgrund der wahnsinnigen Kosten, die dabei entstehen würden; weil sich dann das ein oder andere Geschäftsmodell, aber auch das Leben teilweise gar nicht mehr lohnen würde. ERZÄHLERIN Anders ausgedrückt: Die Müllgebühren wären extrem hoch. Deshalb landen alle Abfälle dort in Deponien. Die aber nicht immer mit Folien oder ähnlichem nach unten abgedichtet wurden – denn der gefrorene Boden galt als ausreichende Abdichtung. Und jetzt? Ist es schon für Siedlungsabfälle problematisch, wenn diese natürliche Abdichtung auftaut, insbesondere aber für Industrieabfälle wie etwa Bohrschlämme aus dem Bergbau. Damit ein Bohrer nicht stecken bleibt, füllt man Flüssigkeiten in das Bohrloch. Früher war das oft Kerosin oder Diesel, heute sind es zwar wasserbasierte Flüssigkeiten, sie enthalten aber viel Salz und weitere chemische Zusatzstoffe. Aber wo lagert wie viel solchen Sondermülls? (11 ZUSP.) MORITZ LANGER Das ist eines unserer größten Probleme momentan zur Beurteilung dieser Gefahren: Über den größten Teil der Arktis, nämlich den in Russland, haben wir so gut wie keine Informationen und auch keine uns zumindest öffentlich zugängliche Dokumentation. ERZÄHLERIN In Nordamerika dagegen gibt es schon lange die Pflicht, alle Abfälle zu dokumentieren, und sie müssen auch bis zu 30 Jahre lang überwacht werden. Aber was passiert, wenn diese Zeit abgelaufen ist?. (12 ZUSP.) MORITZ LANGER Die werden sozusagen sich selber überlassen. Und die Schäden, die dabei entstehen, werden dann eben der Allgemeinheit überlassen. ERZÄHLERIN Inzwischen sind die Verpflichtungen zur Sicherung und Überwachung gefährlicher Abfälle strenger geworden. Was aber nichts daran ändert, dass in alten Deponien giftige und salzhaltige Bohrschlämme oder andere problematische Hinterlassenschaften liegen – und der Permafrost drumherum auftaut. So gibt es in der Nähe von Erzminen auch Abraumhalden für Gestein, das weiter auszubeuten sich nicht lohnt. (13 ZUSP.) MORITZ LANGER Es gibt immer wieder Berichte darüber, dass es Probleme gibt, vor allem mit Schwermetallen, die austreten, zum Beispiel in Alaska gibt es die Red Dog Mine, die weltweit größte Zinkmine, da wird sehr, sehr darauf geachtet, dass bei dem Austrag von diesen Abwässern keine Grenzwerte überschritten werden, und das wird zunehmend problematisch. Das liegt vor allem am auftauenden Permafrost: Natürlich gebundene Schwermetalle, also Quecksilber vor allem, belasten zunehmend die Gewässer, sodass man jetzt schon auf natürliche Art und Weise durch den auftauen Permafrost sehr stark an den Grenzwerten ist; sie müssen große Becken anlegen oder teilweise die Mine selbst verwenden, um diese Abwässer zu speichern, um eben die geforderten Grenzwerte nicht zu überschreiten. MUSIK: „FULL CIRCLE“ – C124798#015 (0:44) ERZÄHLERIN In welchem Zustand wohl die Flüsse sind, wo nicht so penibel auf die Grenzwerte geachtet wird? Und wie sicher sind die Becken – könnte bei einer Havarie doch noch das ganze schwermetall-belastete Abwasser in die Landschaft fließen? Im sibirischen Norilsk, an einer großen Nickelhütte, gab 2020 der Boden unter einem Dieseltank nach – 21 Millionen Liter Treibstoff liefen aus, das meiste in den nächsten Fluss. Ursache war eine Hitzewelle schon im Mai. Und auch in Nordamerika passieren Unfälle im Umfeld von Industrieanlagen, weil der Boden nachgibt. Dann wird versucht, kontaminiertes Wasser aufzufangen und kontaminierte Böden auszugraben. (14 ZUSP.) MORITZ LANGER Das Problem ist, dass man diese Bodenmaterialien nicht aus der Arktis wegtransportiert und nach Standards, wie man sie unseren mittleren Breiten kennt versucht zu behandeln und gegebenenfalls zu entsorgen, sondern diese Stoffe verbleiben normalerweise in der Arktis, verbleiben auf Permafrost, werden dann aber durch technische Maßnahmen versucht zu sichern; also das Problem verlagert sich dann sozusagen nur lokal an eine andere Stelle und meist dann gewinnt man auch Zeit, aber auch da können diese technischen Maßnahmen, die ergriffen werden, dann wieder dem auftauenden Permafrost zum Opfer fallen. Es wäre tatsächlich die einzige Möglichkeit, nachhaltig mit diesem Problem umzugehen, industrielle Abfallstoffe langfristig wieder aus der Arktis abzutrans¬portieren, um sie dann einem Recycling oder einer vernünftigen Entsorgung zuzuführen. Ich sehe allerdings nicht, dass das in naher Zukunft passieren wird. ERZÄHLERIN Der Abtransport ist schlicht zu teuer. Vorerst bleibt nur, alle Industrieabfälle sorgfältig zu dokumentieren und zu lagern. Bei Siedlungsabfällen hingegen gibt es schon Überlegungen, die Situation zu verbessern, weil der Boden unter den Deponien auftauen kann. Zudem entsteht das Treibhausgas Methan, wenn Abfälle verrotten. Manchmal geraten sie auch unkontrolliert in Brand, dann können Schadstoffe bis hin zu Dioxinen entstehen. (15 ZUSP.) MORITZ LANGER Es gibt tatsächlich auch schon erste Anstrengung, Müllverbrennungsanlagen zu installieren, vor allem in den größeren Siedlungen, auf Grönland ist man da zum Beispiel auch dabei, eben aufgrund eines erhöhten Umweltbewusstseins. Aber die Praxis ist sehr neu und auch tatsächlich noch nicht überall verbreitet. ERZÄHLERIN Moderne Müllverbrennungs-Anlagen emittieren weniger Schadstoffe als eine Deponie, sie reduzieren die Menge des Mülls auf ein Minimum – und was übrig bleibt kann nicht mehr chemi…

    Full show notes at the publisher

    Das Tier und die Religion - Mitgeschöpf oder Mahlzeit? Jan 09, 2025
    Show notes

    Gebote wie "Du sollst nicht töten" oder die Aufforderung zu Mitgefühl für alle Lebewesen, finden sich in vielen Religionen. Doch wie sieht die gelebte Realität bei Christen, Moslems und Juden, bei Buddhisten und Hindus aus? Ist das Tier Mitgeschöpf oder Mahlzeit? Ist der Mensch die alleinige 'Krone der Schöpfung'? Von Sylvia Schopf (BR 2021)


    Schrödingers Katze - Legendäre physikalische Experimente Jan 09, 2025
    Show notes

    "Heureka” - soll der Grieche Archimedes in seiner Badewanne gerufen haben, "Ich hab es gefunden!" Was er gefunden hat? Na, das wissen die meisten von uns gar nicht so genau. Denn wir kennen zwar die Namen, kennen unter Umständen die Experimente, aber mal ehrlich, was die Experimente für die Physik, für die Wissenschaft, für uns bedeuten, da ist vielen nicht klar. Von Martin Trauner (BR 2022)

    Autor dieser Folge: Martin Trauner
    Regie: Martin Trauner
    Es sprachen: Hemma Michel, Florian Schwarz
    Technik: Christiane Gerheuser-Kamp
    Redaktion: Andrea Bräu
    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
    Literaturtipp:
    Adam Hart-Davis: „Schrödingers Katze“ – und 49 andere Experimente, die die Physik revolutionierten

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

    Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:
    ARD Audiothek | Radiowissen
    JETZT ENTDECKEN


    Seesterne - Bizarre Schönheiten der Meere Jan 08, 2025
    Show notes

    Seesterne haben so wenig Feinde, dass sie es sich leisten können, ruhig am Meeresboden oder an Felsen herumzuliegen. Die rund 1.600 Seesternarten verblüffen mit anmutigen Musterungen und bizarrer Lebensweise. Von Anja Mösing (BR 2017)


    Philosophie auf Abwegen - Eine kleine Geschichte der Verschwörung Jan 08, 2025
    Show notes

    Fakt oder Verschwörung? Im Zweifel an der Wirklichkeit kann sich das Denken in Verschwörungstheorien verlieren. Doch auch Philosophie zweifelt an der Wirklichkeit. Wo hört Denken auf - wo fängt der Wahn an? Eine Gratwanderung in die Abgründe der Skepsis. Von Jerzy Sobotta (BR 2022)

    Credits
    Autoin dieser Folge: Jerzy Sobotta
    Regie: Christiane Klenz
    Es sprachen: Ditte Ferrigan, Stefan Merki und Beate Himmelstoß
    Technik: Daniela Röder
    Redaktion: Bernhard Kastner

    Im Interview:

    Prof. Philipp Felsch, Kulturwissenschaftler an der HU Berlin
    Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren:

    Hexen und Heiler - Eine Schattengeschichte der Deutschen HIER

    Philosophie heute - Ratgeber statt Welterkenntnis? HIER

    Die Protokolle der Weisen von Zion - Geschichte einer Fälschung HIER

    Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

    Literaturtipps:

    Michael Butter: Nichts ist, wie es scheint. Über Verschwörungstheorien. Bonn 2018
    Aus Politik und Zeitgeschichte: Verschwörungstheorien. Heft 35-36, August 2021.
    Luc Boltanski: Rätsel und Komplotte. Berlin 2013.

    Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2. München 1975. S. 120ff.

    Richard Hofstadter: The Paranoid Style in American Politics. Harper’s Magazine, Nov. 1964, S. 77ff.

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

    Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:
    ARD Audiothek | Radiowissen
    JETZT ENTDECKEN

    Das vollständige Manuskript gibt es HIER.


    Wunsch und wünschen - Ansporn oder Realitätsflucht? Jan 08, 2025
    Show notes

    O, wär' ich doch, ach, hätt ich bloß! Wir wünschen, was das Zeug hält. Wir wünschen uns reich, schön, geliebt; wir wünschen den einen Glück und den andern die Pest an den Hals. Wir sind wahre Wunschmaschinen, weil uns das Wünschen guttut, weil wir es brauchen, weil es zu uns gehört und das Leben erträglicher macht. Von Simon Demmelhuber (BR 2023) CreditsAutor dieser Folge: Simon DemmelhuberRegie: Sabine KienhöferEs sprachen: Thomas Birnstiel, Hemma Michel, Johannes HitzelbergerTechnik: Daniela RöderRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Prof. Dr. Brigitte Boothe, Professorin em. für Klinische Psychologie, Psychotherapie und Psychoanalyse am Psychologischen Institut der Universität Zürich, Psychotherapeutin und PsychoanalytikerinDiese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Magie - Wenn der Glaube Berge versetztJETZT ANHÖREN Die Entwicklung des Glaubens - Wie Religion entstandJETZT ANHÖREN Linktipps: Wie wir ticken - Euer Psychologie-PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek.ZUM PODCAST Mia InsomniaWas ist das Hörspiel "Insomnia"? Und warum ist Podcasterin Mia die einzige Person auf der Welt, die sich an diese Hörspiel-Kassette aus ihrer Kindheit erinnert? Die Suche nach Antworten führt sie zu einer unheimlichen Erkenntnis: Entweder ihre Erinnerungen sind nicht echt - oder die Welt um sie herum. Mit ihrem Aufnahmegerät nimmt uns Mia auf ihre Suche mit. Was als scheinbar harmlose Reise beginnt, entwickelt sich zu einer großen Verschwörung. "Mia Insomnia" ist die Mystery-Hörspiel-Serie für Podcast-Fans und alle, die mit Detektivhörspielen aufgewachsen sind und eine Portion Horror nicht missen wollen.ZUM PODCAST Literaturtipps: Brigitte Boothe (Hg.): Wenn doch nur – ach hätt ich bloß. Die Anatomie des Wunsches. Zürich [rüffer & rub Sachbuchverlag] 2013. Brigitte Boothe (Hg.): Verlangen, Begehren, Wünschen. Einstieg ins aktive Schaffen oder in die Lethargie. seelisches und poetisches Phänomen wird erkundet. Göttingen [Vandenhoeck & Ruprecht] 1999. Brigitte Boothe, Res Wepfer, Agnes von Wyl (Hg.): Über das Wünschen. Ein seelisches und poetisches Phänomen wird erkundet. Göttingen [Vandenhoeck & Ruprecht] 1998. Brigitte Boothe, (Hg.): Wie kommt man ans Ziel seiner Wünsche? Modelle des Glücks in Märchentexten. [Psychosozial Verlag] 2002. Barbara Gobrecht, Harlinda Lox, Thomas Brücksteeh (Hg.): Der Wunsch im Märchen. Kreuzlingen/München [Heinrich Hugendubel Verlag] 2003. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO: Altarschellen (als Satztrenner) ZITATOR (seufzend) Ach, wär' ich bloß! O, hätt' ich doch! Ach, könnt' ich nur! Musik: Z8035449105 Life goes on 0‘40 SPRECHER Wir tun es dauernd; wir tun es bei jeder Gelegenheit: Wir wünschen, was das Zeug hält. Wir wünschen uns Liebe, den Traumjob, den Lottosechser oder auch nur, dass am Wochenende die Sonne scheint. Wir wünschen einander Glück oder die Pest an den Hals. ERZÄHLERIN Es passiert einfach. Wenn die Dinge nicht so laufen, wie wir wollen. Wenn etwas oder jemand fehlt, wenn uns Ungewissheiten, Zweifel, Ängste oder Entbehrungen plagen. SPRECHER Die Misere beginnt früh. ATMO: Ein Baby weint ERZÄHLERIN Ein Baby weint. Es will trinken. Jetzt! Sofort! Aber es muss warten. Der Blutzuckerspiegel fällt, Stresshormone fluten, das Kind schreit sich in Rage. ATMO: Das Weinen lässt nach ERZÄHLERIN Dann geschieht etwas Seltsames: Das Baby leckt sich die Lippen, als würde es schmatzend an einer Brust oder Milchflasche saugen und beruhigt sich allmählich. SPRECHER Kein Wunder, meint die Psychologieprofessorin Brigitte Boothe. Das Baby hat soeben zwei wichtige Erfahrungen gemacht: Es hat die Not des Wartens und die Kraft des Wünschens entdeckt. 01 O-TON BOOTHE (ca. 020 Sekunden) Die Fähigkeit, wünschen zu können, entsteht in der Säuglingszeit, in der Individuen in ihrer Abhängigkeit von Pflegeinstanzen darauf angewiesen sind, in ihrem Überleben gesichert zu werden. In dieser Wartesituation schaffen sie sich etwas Tröstendes. SPRECHER Das trockene Nuckeln des Babys hat offensichtlich den Hormonalarm gedämpft. Die Milch kommt keinen Augenblick früher, aber irgendwie wird das Warten leichter. Musik: Z8035049119 Lake views 0‘20 ERZÄHLERIN Einen bewussten Wunsch hat der Säugling natürlich weder gedacht noch ausgesprochen. Aber sein vegetatives Nervensystem hat Erinnerungen an früher erlebte Sättigungswonnen aktiviert und dadurch ein beruhigendes Gefühl, eine Art körperlicher Vorfreude ausgelöst. SPRECHER Sein Gehirn wird diese Erfahrung nie verlernen. Es wird sie ein Leben lang nutzen, um Mängel auszugleichen, Unrast zu mildern und Sorgen abzuwehren. ZITATOR O, nichts wünsch ich mir mehr! Wenn ich mir was wünschen dürfte! Ach, wenn es doch immer so bliebe! 02 O-TON BOOTHE (ca.020 Sekunden) Das Wünschen ist ein Lückenfüller. In Situationen, in denen ich selbst bedürftig bin, aber nicht handeln kann, kann das Wünschen als imaginatives Verfahren eingesetzt werden, um zu einer vorübergehenden Befriedung zu führen, um die Zeit auszufüllen, bis dann die Situation eintritt, in der das, worum es mir geht, genossen, konsumiert, erfahren werden kann. MUSIK: Z8028906109 The awakening 0‘32 SPRECHER Stopp! Langsam! Das würde ja bedeuten, dass der Wunsch nicht nur etwas herbeisehnt, sondern zugleich auch Vorstellungen und Gefühle produziert, die ein akutes Bedürfnis befriedigen? ERZÄHLERIN Ja! Genau das bringt die Sache auf den Punkt, erklärt Brigitte Boothe, die das Wünschen als Professorin für Klinische Psychologie an der Uni Zürich und als Fachautorin intensiv erforscht hat: 03-TON BOOTHE (ca. 018 Sekunden) Das Wünschen ist in einer Situation der Erwartungsspannung, die sich noch nicht gelöst hat, ein Surrogat für das reale Geschehen. Und dieses Surrogat ereignet sich in der Phantasie, in der Imagination, durchaus aber auch mit körperlichen Aspekten. SPRECHER Reines Kopfkino also! Nichts ist passiert, nichts hat sich verändert. Trotzdem sind wir gelassener und haben ein kleines, versonnenes Lächeln auf den Lippen. Wie geht das zu? Musik: Z8028906117 Childhood 0‘50 ERZÄHLERIN Es gelingt, weil jeder Wunsch seine Erfüllung halluziniert. Es gelingt, weil ein mentales Bild das Gehirn erfolgreich austrickst und dazu bringt, das Fantasiegebilde vorübergehend als real zu akzeptieren. Dass reine Vorstellungen tatsächlich Emotionen und körperliche Reaktionen auslösen, belegen mittlerweile zahlreiche Studien. Fantasien stimulieren dieselben Zentren, nutzen dieselben neuronalen Verbindungen wie Sinneswahrnehmungen und wirkliche Ereignisse. Sie muten täuschend echt an, deshalb kann das Gehirn zumindest kurzzeitig ein tatsächliches Geschehen von einer imaginären Wunscherfüllung kaum unterscheiden. SPRECHER Wünschen wirkt! Wenn auch nur, weil wir uns erfolgreich etwas vormachen. Der fantasierte Zauber verfliegt zwar rasch, aber zuvor schenkt er uns einen zufriedenen, erfüllten Moment. ERZÄHLERIN Auf diese Wirkung kommt es an. Sie ist ein Spezifikum des Wunsches, ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Genau das unterscheidet ihn vom Wollen, vom Begehren, Erhoffen, Verlangen und ähnlichen Zuständen, die eine Absicht, eine Forderung oder ein Erstreben ausdrücken. SPRECHER Aber wollen, begehren, wünschen – sind das nicht einfach verschiedene Wörter für ein und dieselbe Sache? ERZÄHLERIN Nein! Auch wenn es die Alltagssprache nicht so genau nimmt, und das Wort "wünschen!" oft nichts anderes als fordern, begehren oder ersehnen ausdrückt – beliebig austauschbar sind die Begriffe nicht. Es stimmt zwar, dass auch im Wünschen stets ein ungestilltes Verlangen steckt. Doch das ist lediglich der Auslöser. Was der Wunsch bewirkt, das macht den Unterschied. SPRECHER Nur der Wunsch hat die Kraft, akute Versorgungs- und Wohlfühllücken durch den imaginierten Genuss des Entbehrten zu füllen. Das ist seine Essenz, sein eigentlicher Markenkern. Das macht ihm kein Wollen, kein Gelüsten oder Erstreben nach. Musik: Z8034755101 Bright ideas 0‘30 ERZÄHLERIN Wer begehrt, verlangt, ersehnt, erhofft, steht im Soll: Was fehlt, muss noch geliefert, geleistet, beigebracht werden. Es ist noch nichts getan, die Gegenwart ist unverändert defizitär, alles liegt in der Zukunft. Der Wunsch ist anders gestrickt: Er schöpft aus dem Vollen und schafft das Vermisste, das Erhoffte und Ersehnte mühelos im Nu herbei. 04 O-TON BOOTHE (ca. 010 Sekunden) Das Wollen will meine Aktivität zur Veränderung der Welt. Das will der Wunsch noch nicht. Der Wunsch macht mich passiv und friedlich. Musik: Z8026958106 Nature existence 0‘20 SPRECHER Wünsche müssen nichts erreichen, alles ist schon da. Sie spendieren großzügig kurze Glücksmomente, die wir ohne Realisierungsdruck, ohne Rücksicht auf den Ernst des Lebens einfach nur wohlig seufzend genießen. ZITATOR Ach ja! SPRECHER Wünsche lindern leidvolle Erfahrungen mit Hilfe imaginierter Gegenwirklichkeiten. Dieses Potenzial, diese ganz besondere Wunschenergie hat sich auch kultur-, ideen- und geistesgeschichtlich als fruchtbar erwiesen. ATMO: Altarschellen ZITATOR Gib, was mein Herz begehrt! O, stille meine Not! Steh mir bei, erhöre mich! ERZÄHLERIN Die Frage, wie sehr das Wunschdenken die geistige Wirklichkeit des Menschen formt, treibt Mitte des 19. Jahrhunderts den Philosophen und Anthropologen Ludwig Feuerbach um. Seine furchtlosen Überlegungen münden in einer These, die im Wünschen den innersten Antrieb religiöser Phänomene ausmacht: C1616750111 Minimal Sphere A 0‘38 ZITATOR Der Ursprung, ja das eigentliche Wesen der Religion ist der Wunsch. Hätte der Mensch keine Wünsche, so hätte er auch keine Götter. ERZÄHLERIN Angesichts einer übermächtigen Natur, eines sicheren Todes, seiner unklaren Bestimmung und seiner zutiefst ungewissen Essenz erlebt sich der Mensch als ausgeliefert, machtlos und verängstigt. Auf unsicheren Grund gestellt, wünscht er herbei, was ihm fehlt: Schutz, spirituelle Geborgenheit, Unsterblichkeit, Herrschaft über Schicksal und Natur. SPRECHER Erfüllung finden diese existenziellen Wünsche im Glauben an allmächtige, ewige Götter, mit denen der Mensch in kultische Beziehung tritt. Es sind Götter, die er nach seinem Ebenbild formt und zur Beschwichtigung seiner Nöte an den Himmel projiziert. ZITATOR Was der Mensch sein möchte, aber nicht ist, dazu macht er seinen Gott. Wo der Mensch nichts mehr vermag, da kann er wenigstens noch beten, noch wünschen. ERZÄHLERIN Auch Sigmund Freud, der dem Wunsch sechs Jahrzehnte später eine Schlüsselrolle im Seelen- und Traumleben zumisst, teilt die von Feuerbach entwickelte Idee einer aus schierer Wunschenergie geformten Gottesgewissheit: ZITATOR Religiöse Vorstellungen sind Illusionen, Erfüllungen der ältesten, dringendsten Wünsche der Menschheit. Sie entspringen den Wünschen nach Schutz, Gerechtigkeit und Verlängerung der Existenz. SPRECHER Ob man Feuerbach und Freud zustimmt, ist Ansichtssache. Kaum übersehbar ist freilich, was Wunsch und Glaube funktional betrachtet äußerst eng verbindet: Beide gleichen Mangelerfahrungen aus, und beide tun es, indem sie das Fehlende als bereits erhalten oder zumindest glaubwürdig zugesichert imaginieren. ERZÄHLERIN Vom Triumph über eine ungerechte, grausame, kränkende Welt erzählen auch besondere Wunschgeschichten, wie sie alle Volkskulturen hervorgebracht haben. MUSIK: CD 447320W01 1. Satz 0‘47 Rimsky Korsakow, Sheherazade (Beginn) ZITATOR (träumerisch, mit Musik unterlegt) Es war einmal … in einem weit entfernten Land …, in einer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat ... ERZÄHLERIN Alles ist möglich. Die Regeln, Gesetze und Schranken der Wirklichkeit sind aufgehoben. Tiere sprechen, Gott und seine Heiligen wandeln auf Erden, was zerbrochen war, egal ob Dinge, Herzen oder Leben, kann wieder heilen. SPRECHER Der Bettler wird König, der Kater Minister, das Gute wird belohnt, das Böse bestraft, die Not hat ein Ende, das Glück währt ewig. ZITATOR Ach ja! ERZÄHLERIN Wir wissen, dass die Dinge in Wirklichkeit anders laufen. Aber es tut gut, sich eine Welt herbei zu fabulieren, die uns reich, kräftig, sorgenfrei, pappsatt, geliebt und glücklich macht. Das Kunststück gelingt, weil das Märchen über ganz besondere Ressourcen verfügt: ZITATOR (Hall) Zauberei! Wunschmagie! ERZÄHLERIN Im Märchen haben Wünsche Zauberkraft. Sie bringen Engel, Heilige und gute Geister dazu, im Namen Gottes fromme Bitten zu erhören und Segen zu wirken. Ins Dunkle gewendet, zwingen sie den Teufel, Dämonen und böse Geister, das Verlangte herbeizuschaffen und Verwünschungen zu vollstrecken. SPRECHER Magie? Zauberkräfte? Fluch und Segen? Das riecht schon stark nach Mittelalter, nach Aberglauben, nach Vorstellungen, die wir schon längst überwunden und abgelegt haben. ERZÄHLERIN Vielleicht aber auch nicht! Vielleicht hat der Glaube an magisch wirksame Wunschenergien ja doch, wenn auch unbewusst, bis in die Gegenwart überdauert! Musik: C1589890115 Healing process 0‘20 ZITATOR Ich wünsch dir Glück, Erfolg, Gesundheit, alles Gute! SPRECHER Aber das sind doch nur dahin geplapperte Allerweltsfloskeln?! Was man halt so sagt, um nicht unhöflich zu erscheinen und weil es alle tun. ERZÄHLERIN Keineswegs, meint Brigitte Boothe. Wir gebrauchen diese Formeln, nicht nur aus Gewohnheit. Wir verwenden sie auch, weil wir dem Wünschen unbewusst und unterschwellig noch immer eine segnende, letztendlich magische Wirkung zuschreiben. ERZÄHLERIN Wie ungebrochen magisches Denken noch immer nachwirkt, belegt auch ein Esoteriktrend, der dem Wunsch ganz besondere Kräfte zugesteht. MUSIK: Z8037020109 Nexus of life 1‘50 ZITATOR Wünschen 3.0: Bestellen beim kosmischen Vollversorger! ERZÄHLERIN Wünschen ist in. Eine Flut von Ratgebern, Coachingangeboten, Apps, Off- und Online-Seminaren vermarktet die Kraft des Wünschens als himmlischen Lieferdienst für Reichtum, Schönheit, Liebesglück oder Karriere. Zahllose Webseiten dienen sich als Allroundsortimenter für ein perfektes Wunschmanagement und den reibungslosen Bestellservice beim Universum an. Besonders hochwertige Gesamtpakete umfassen neben der Hilfestellung zur korrekten Wunschfindung, Wunschformulierung und Wunschgestaltung auch den optimalen Wunschversand bis hin zur Darstellung der persönlichen Wunsch-Erfüllungs-Statistik. ZITATOR Mit unserer einzigartigen Infrastruktur verschickst Du Deinen Wunsch ans Universum online. Du lädst Deine persönlichen Nachrichten in Form von Texten, Bildern, Videos oder Audiodateien hoch, wir senden sie als elektromagnetische Impulse ins All. ERZÄHLERIN Um das eigene Leben via Wunschenergie endlich aufs Erfolgsgleis zu setzen, braucht es nicht viel: Es genügt, etwas tief im Herzen zu wünschen und so realistisch zu visualisieren, als hätte es sich schon erfüllt. Den Rest liefert das Universum frei Haus. ZITATOR Bäumchen, Bäumchen schüttle dich, wirf Gold und Silber über mich! SPRECHER O ja! Einfach nur dasitzen, die Augen schließen, ganz fest wünschen und auf die kosmische Gewinnausschüttung warten, schön wär's! ERZÄHLERIN Aber so läuft das nicht, warnt die Psychologin Brigitte Boothe. Wünsche fühlen sich rundum gut an, sie malen uns ihre Erfüllung in heitersten Farben aus und nehmen mühelos jede Hürde. Das ist ein sehr verlockendes Angebot, das bisweilen eine verfängliche Frage aufwirft: SPRECHER Warum noch schuften, wenn man so schön schwelgen kann? ERZÄHLERIN Und genau hier sitzt der Haken, meint Brigitte Boothe: 06 O-TON BOOTHE (ca. 030 Sekunden) Die Gefährlichkeit besteht darin, dass man das Handeln versäumen kann und das man in so was wie ein Phlegma versinkt.…

    Full show notes at the publisher

    Kaiserinwitwe Cixi - Von der Konkubine zur Herrscherin Chinas Jan 07, 2025
    Show notes

    Sie wurde von der rangniederen Konkubine zur mächtigsten Frau im Reich der Mitte: Kaiserinwitwe Cixi. Unter ihrer Herrschaft schlitterte das alte China seinem Untergang entgegen. Doch war Cixi wirklich die machtgierige, sadistische Furie ohne Weitblick, wie lange behauptet wurde? Von Isabella Arcucci (BR 2022)

    Autorin dieser Folge: Isabella Arcucci
    Regie: Sabine Kienhöfer
    Es sprachen: Katja Amberger, Thomas Meinhardt und Thomas Birnstiel
    Technik: Susanne Harasim
    Redaktion: Thomas Morawetz
    Das Manuskript zur Folge finden Sie HIER.
    Hier gibt es eine weitere hörenswerte Folge von radioWissen:
    Madame Mao - Jiang Qing und die Kulturrevolution
    JETZT ANHÖREN

    Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

    Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir:
    ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN
    Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks.
    DAS KALENDERBLATT
    Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

    Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:
    ARD Audiothek | Radiowissen
    JETZT ENTDECKEN


    Die Etrusker - Roms mächtige Vorfahren Jan 06, 2025
    Show notes

    Lange vor den Römern schaffen die Etrusker die erste Hochkultur Italiens. Schon in der Antike rätseln ihre Nachbarn über deren ganz eigene Kultur und Sprache. Inzwischen konnte die moderne Forschung einige dieser Geheimnisse lüften. Doch die Aura des Rätselhaften umgibt die Etrusker nach wie vor. Von Sebastian Kirschner (BR 2022)

    Autor dieser Folge: Sebastian Kirschner
    Regie: Sabine Kienhöfer
    Es sprachen: Hemma Michel, Thomas Birnstiel, Friedrich Schloffer
    Technik: Roland Böhm
    Redaktion: Thomas Morawetz
    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
    Literaturtipps:

    Sehr aktueller und umfassender Überblick über die Kultur der Etrusker:

    Dirk Steuernagel: Die Etrusker. Ursprünge – Geschichte – Zivilisation“. Marix Wissen 2020

    Knapper, sehr verständlich gehaltener Einstieg ins Thema:

    Christopher Smith: „Die Etrusker“. Reclam 2016

    Reich bebilderter Band, der chronologisch die Geschichte der Etrusker präsentiert:

    Friederike Bubenheimer-Erhart: „Die Etrusker“. Philipp von Zabern 2014


    Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren:
    Rom darf nicht sterben! Die Geschichte eines imperialen Traums HIER


    Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir:
    ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN
    Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks.
    DAS KALENDERBLATT
    Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischer Rundfunks. EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.

    Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:
    ARD Audiothek | Radiowissen
    JETZT ENTDECKEN


    Louis Braille - Der Erfinder der Blindenschrift Jan 04, 2025
    Show notes

    Louis Braille, geboren 1809, war blind und ein genialer Erfinder: Er erfand die Braille-Schrift, ein Punktsystem, das Blinden mühelose Leselust ermöglicht und ihnen die ganze Welt des Wissens erschließt. Von Brigitte Kohn (BR 2023)

    Credits
    Autorin dieser Folge: Brigitte Kohn
    Regie: Irene Schuck
    Es sprachen: Katja Bürkle, Andreas Neumann
    Technik: Andreas Lucke
    Redaktion: Yvonne Maier

    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

    Interviewpartner/innen:
    Dr. Aleksander Pavkovic, Slawist, Bayerischer Blinden- und Sehbehindertenbund e.V.

    Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren:

    Das Motiv des Blinden - Die Welt mit der Haut sehen
    JETZT ANHÖREN

    Die Welt ertasten - Ein ganz besonderer Sinn
    JETZT ANHÖREN

    Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

    Kinder der Flucht – Frauen erzählen
    Podcastserie mit 4 Folgen | ARD Audiothek
    Was bedeutet es, die Heimat zu verlassen? Wie kann das Ankommen gelingen?
    Shahrzad Osterer präsentiert die bewegenden Geschichten von vier Frauen und Müttern, deren Leben von einer Flucht geprägt wurde.
    JETZT IN DER ARD AUDIOTHEK HÖREN

    Literaturtipps:

    Drave, Wolfgang: 200 Jahre Blindenbildung in Deutschland, Edition Bentheim, 2006.

    Jousse, Hélène: Die Hände des Louis Braille. Roman. Faber § Faber Leipzig 2020.

    Mellor, C. Michael Mellor: Louis Braille. Fühlbare Genialität. Blindenschrift-Verlag „Pauline von Mailinckrodt, Paderborn 2009.

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
    RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:
    ARD Audiothek | RadioWissen
    JETZT ENTDECKEN


    Archetypen – Urbilder der Seele? Jan 02, 2025
    Show notes

    Bilder, die seit Generationen die gleichen Emotionen und Assoziationen in uns auslösen? Allgemeingültige Vorstellungen oder gar Handlungsmuster, die alle Menschen teilen? C.G. Jungs Konzept von den Archetypen, universalen Urfiguren, ist nicht nur graue Theorie, sondern auch Bestandteil moderner Psychotherapie. Von Frank Halbach CreditsAutor und Regie dieser Folge: Frank HalbachEs sprachen: Edith Saldanha, Christian BaumannTechnik: MoritzRedaktion: Susanne Poelchau Im Interview:Prof. Dr. Christian Rösler, Professor für Klinische Psychologie, Psychoanalytiker und Psychotherapeut.Dr. Ute Mahr, Psychologin und Psychotherapeutin, Autorin von „Handbuch Archetypen-Therapie“. Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Beowulf - Archetyp und Monstertöter HIER Warum wir Rituale brauchen - Anker im Alltag HIER Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.ZUM PODCAST Literatur: Micha Brumlik. C. G. Jung. Zur Einführung. Hamburg 1993. Carl Gustav Jung: Über die Archetypen des kollektiven Unbewussten. Zürich 1935. Ute Mahr: Handbuch Archetypen-Therapie: Der Blick in die Struktur der Seele. Nürnberg 2010. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadiowissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Kennen Sie das? Träume mit Bildern oder Symbolen, die scheinbar nichts mit dem im Alltag erlebten zu tun haben? Betörende Nymphen oder schreckliche Drachen? Lodernde Feuersbrünste oder orkangepeitschte Ozeane? Die sich häutende Riesenschlange oder der majestätische Löwe? SPRECHERIN Welcher Bilder bedient sich das Unbewusste, um uns unsere gegenwärtige Lage mitzuteilen? SPRECHER Oder sind es mythische Sinnbilder, Ur-Metaphern, die jeder Mensch in sich trägt? SPRECHERIN Archetypen. So nennt man in der Analytischen Psychologie Grundstrukturen menschlicher Vorstellungs- und Handlungsmuster, die einem kollektiven Unbewussten angehören sollen – in den Urbildern von Mythen, Träumen Märchen, Religion und Kunst entfalten Archetypen demnach ihre Wirkkraft auf die Psyche des Menschen. SPRECHER Das tiefenpsychologische Konzept der Archetypen geht auf den Schweizer Psychiater und Psychologen Carl Gustav Jung zurück. MUSIK ENDE O-Ton 1 Rösler (00:34) Carl-Gustav Jung hat zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts begonnen, als Psychiater im berühmten Burghölzli in Zürich. Und die haben da einen neuen Ansatz ausprobiert, Psychotiker zu behandeln. Bis dahin galten die sozusagen als eine organische Störung des Gehirns. Und der neue Ansatz war zu sagen: „Nein, da steht ein Sinn dahinter. Aber wir verstehen den eben noch nicht. Aber wenn wir den verstehen können, kriegen wir vielleicht einen Zugang zu den Patienten und zur Krankheit.“ SPRECHER Dr. Christian Rösler ist Professor für Klinische und Analytische Psychologie, Psychotherapeut und Psychoanalytiker. O-Ton 2 Rösler (02:28) Der Kern im Grunde des Archetypen-Konzeptes ist, dass in unserer Psyche Urbilder angelegt sind - so hatte er das ursprünglich genannt, erst später kam der Begriff Archetypen - und dass diese Urbilder […] sich zeigen, insbesondere in Psychosen. Und später, hat er das weiterentwickelt, dass eben diese Archetypen im Grunde die ganze Entwicklung der Persönlichkeit gestalten, so dass am Ende bei Jung die Vorstellung stand, dass die Entwicklung der Persönlichkeit auch beim gesunden Menschen gestaltet ist durch eine bestimmte Abfolge von archetypischen Bildern. SPRECHER „Archetypen sind kollektiv vorhandene unbewusste Bedingungen, welche als Regulatoren und Anreger der schöpferischen Phantasietätigkeit wirken und entsprechende Gestaltungen hervorrufen, indem sie das vorhandene Bewusstseinsmaterial ihren Zwecken dienstbar machen.“ SPRECHERIN Definierte 1946 in seiner Schrift „Theoretische Überlegungen zum Wesen des Psychischen“. C.G. Jung. Allerdings hat er selbst seine Definition davon, was Archetypen seien, ständig überarbeitet, revidiert und erweitert. SPRECHER Wie also definiert die Analytische Psychologie Archetyp heute? O-Ton 3 Rösler (32:41) Also wenn man ehrlich ist, muss man sagen, dass es in Bezug auf die Archetypentheorie in der Analytischen Psychologie sehr viel Konfusion gibt. Das fängt allein schon damit an, wie man Archetypen definiert. Ich habe selbst mal eine Studie gemacht, wo ich Kollegen und Experten aus dem Feld gefragt habe: Wie definiert ihr denn Archetypen? Da kam völlig unterschiedliche Definitionen raus, die zum Teil auch völlig inkompatibel waren. Und das zeigt allein schon, dass, was wir darunter verstehen, da gibt es überhaupt keinen Konsens. SPRECHERIN In C.G. Jungs Theorie repräsentieren grundlegende Archetypen universelle Muster eines kollektiven Unbewussten. Jung hat die Existenz von Archetypen aus dem Vergleich von Motiven aus Träumen besonders, aus Märchen, Sagen, und astrologischen Vorstellungen und vergleichender Religionswissenschaft und Mythologie abgeleitet. Auch die Motivik der Alchemie lieferte ihm viel Vergleichsmaterial. O-Ton 4 Roesler (07:36) Die Alchemisten haben im Grunde mit chemischen Substanzen operiert. Und Jung war eigentlich der Auffassung, dass das gar nicht um Chemie an sich geht, sondern dass die ihre eigenen psychischen Prozesse in das Material hineinprojiziert haben. Und dass es eigentlich um Philosophie und Persönlichkeitsentwicklung und ja im Grunde ein transzendentales Weltmodell geht. SPRECHER C.G. Jung kam letztlich zu dem Schluss: Archetypen sind prototypisch, von der Kultur unabhängig und immer wiederkehrend. Sie sind tief in der Menschheitsgeschichte verwurzelt und haben somit starken Einfluss auf unsere Kultur, unsere Träume und auf unsere individuellen Biographien. MUSIK „Organics“; ZEIT: 00:17 SPRECHERIN Die große Mutter, der Held, der Schatten… MUSIK ENDE O-Ton 5 Rösler (03:36) Also die Idee ist, dass die Archetypen im Grunde einen Prozess in Gang setzen, der zur Zentrierung der Persönlichkeit führt und letztlich auch zur Realisierung von noch ungelebten oder undifferenzierten Persönlichkeitsanteilen. Und dass dieser Prozess im Grunde einer Landkarte folgt, die man beschreiben kann. Und das ist natürlich eine total interessante Idee, weil wenn das so wäre, könnten wir Psychotherapeuten, wenn wir über diese Landkarte verfügen, sozusagen unsere Patienten durch diesen Prozess geleiten, weil wir sozusagen schon wissen, was da kommt. Oder weil wir das, was auftaucht, dann interpretieren und einordnen können. MUSIK privat Take 002 Nfrt.y.ty; Album: Homo Infinitus; Label: Amores Solitares – AS001; Interpret: Lum/ Sunru: Komponist: Lum; ZEIT: 00:43 SPRECHERIN In der Behandlung von Patienten in der Psychiatrie stieß C.G. Jung bei der Erforschung dieser „Landkarte“ immer wieder auf Halluzinationen oder Träume, in denen Bilder vorkamen, die mythischen Symbolen glichen. Woher kamen diese Symbole? SPRECHER Sie waren offensichtlich nicht einfach erlernt. Archetypen seien vielmehr vorbewusste Strukturen der Psyche, meinte Jung, Formen eines von Anfang an vorhandenen kollektiven Unbewussten: SPRECHERIN Grundmuster instinkthaften Verhaltens. SPRECHER Das hieße demnach, der Mensch verfügt über angeborene psychische Strukturen? MUSIK ENDE O-Ton 6 Rösler (15:03) Ja, grundsätzlich schon. Allerdings muss man gleich dazusagen, dass diese Strukturen eben nicht übereinstimmen mit dem, was Jung sich unter Archetypen vorstellte. Also was man heute weiß, ist dass das menschliche Neugeborene ausgestattet ist mit bestimmten Fähigkeiten und Kompetenzen, die sich vor allen Dingen auf Interaktion in sozialen Beziehungen richten. Und damit kann man sehr stark argumentieren, dass wir von Natur aus Beziehungswesen sind. Also zum Beispiel können Neugeborene schon recht bald Mimik lesen, im Gesicht ihrer Bezugsperson können darauf reagieren. Sie interessieren sich sehr für Sprache, für Sprachmelodie. Da fokussieren sie sehr stark drauf. […] Sie haben eine sogenannte angeborene Spracherwerbsfunktion. SPRECHERIN In C.G. Jungs Konzept drängen Archetypen gezielt auf die Verwirklichung eines Zustandes, auf Entfaltung. Grundlegende Archetypen bei C.G. Jung sind: MUSIK „In doubt“; ZEIT: 01:19 SPRECHER Das Selbst: die Vereinigung des Bewusstseins und des Unbewussten, das Streben nach Ganzheit, nach dem Ziel der persönlichen Entwicklung. SPRECHERIN Der Schatten: Er steht dem positiven Selbstbild des Menschen entgegen. Die „Dunkelheit“ des Schattens steht für seine Unbewusstheit. Schattenarbeit ist Bewusstwerdungsarbeit am persönlichen Unbewussten. SPRECHER Das Kind: alle Erfahrungen, eines Menschen, die er in der Kindheit gemacht hat und zugleich alle mit der Kindheit assoziierten Merkmale aus der kollektiven Psyche. Die bekanntesten Varianten: das geliebte Kind, das verwundete Kind, das verlassene und das ewige Kind. SPRECHERIN Die Mutter: die Große Mutter oder Urmutter, die Vorstellung von einer gebärenden und Schutz gewährenden Frau. Dem gegenüber steht das Bild von der zerstörenden, verschlingenden Mutter. SPRECHER Gott: der Übermächtige, fern und nah zugleich, Furcht einflößend und Vertrauen erweckend, der Geheimnisvolle – das "Numinosum". SPRECHERIN Und nicht zuletzt: Animus und Anima - „Personifikationen einer weiblichen Natur im Unbewussten des Mannes und einer männlichen Natur im Unbewussten der Frau“. Archetypische Symbole der Anima wären: die Sirene, die Loreley, die fremde Schönheit, die unerreichbare Geliebte. Beispiel für Symbole des Animus: der verlockende Magier, der starke Held, der zauberhafte Künstler oder der spirituelle Führer. MUSIK ENDE O-Ton 7 Rösler (34:16) Ich glaube, es braucht eine gewisse Skepsis in Bezug auf die Strukturen und Theorien, die Jung da formuliert hat. Da war er doch an mancher Stelle sehr ein Kind seiner Zeit. Also zum Beispiel, was das Verhältnis der Geschlechter angeht und männliche und weibliche psychische Anteile usw. Wobei er auch natürlich an der Stelle revolutionär war, insofern, als er als Erster die Idee formuliert hat, das eben jeder Mensch auch gegengeschlechtliche Anteile in sich hat. Das ist eine wirklich sehr interessante Idee. SPRECHERIN Ein weiterer Kritikpunkt für Professor Christian Rösler ist, dass Jung zwar menschheits-umfassende Archetypen postulierte, aber selbst nicht nur Kind seiner Zeit, sondern auch seines Kontinents blieb. O-Ton 8 Rösler (13:26) Das ist im Grunde auch ein zentraler Kritikpunkt an Jung, dass er also, obwohl er sich für außereuropäische Kulturen interessiert hat, letzten Endes in seinem Grundmodell sehr eurozentrisch geblieben ist. Und im Grunde auch was in der griechischen und römischen Antike es an Vorstellung gab, das hat er als universell gesetzt. Was tatsächlich bei genauerer Überprüfung eben so nicht stimmt. Also ein zentrales Beispiel ist diese Vorstellung von der großen Mutter, die eben ein Archetyp ist bei Jung. SPRECHERIN Vorstellungen über einen solchen archetypischen Kult der Muttergottheiten beruhen auf Mythenkonstruktionen des 19. Jahrhunderts über die Große Göttin, die mit altsteinzeitlichen und jungsteinzeitlichen Statuetten in Verbindung gebracht wurden. Der britische Prähistoriker Andrew Fleming meinte dazu schon 1969: SPRECHER „Solche Theorien verraten meist mehr über die Weltsicht ihrer Vertreter als über die Vorgeschichte.“ SPRECHERIN Vieles, was C.G. Jung für angeboren, von vornherein in einem kollektiven Unbewussten verankert hielt, scheint aus heutiger Sicht sozialisiert. Das betrifft Vorstellungen über Geschlechterrollen ebenso wie die Annahme eines für alle Kulturen gleichen Musters von Religion. O-Ton 9 Roesler (22:03) Es gibt diese universell übereinstimmenden Inhalte nicht, bis auf eine Ausnahme: Das sind die Mythologien. Da gibt es tatsächlich verblüffende Übereinstimmungen. Also man findet Märchen in der Südsee, die also fast zu 100 Prozent übereinstimmen mit einem Märchen aus Lappland. Und das war tatsächlich immer schon eine Frage in der Ethnologie: Wie kann man das erklären? Da gibt es mittlerweile aber einen Ansatz von einem Harvard-Ethnologen, der quasi argumentiert, mit der Ausbreitung des Homo sapiens über die Welt. Wir wissen heute, das ist sehr gut belegt durch archäologische Funde, durch genetische Studien und so weiter, dass der moderne Mensch Homo sapiens sich etwa vor 65.000 Jahren aus Afrika zunächst mal an der Südküste Asiens entlang ausgebreitet hat und von dort dann über eiszeitliche Landbrücken nach Indonesien, Australien und dann über die Beringstraße-Landbrücke nach Amerika. Und wenn man diesen Routen folgt und den Zeiten, wann Menschen wo angekommen sind, kann man rekonstruieren, das mit ihnen eben auch die Mythologien gewandert sind. MUSIK privat Take 002 Nfrt.y.ty; Album: Homo Infinitus; Label: Amores Solitares – AS001; Interpret: Lum/ Sunru: Komponist: Lum; ZEIT: 00:37 SPRECHER Bestimmte mythologische Motive, wie zum Beispiel das von einer Sintflut finden sich so überall auf der Welt. SPRECHERIN Für sie gibt es wiederum gute Erklärungen jenseits eines kollektiven Unbewussten. Am Ende der letzten Eiszeit sind die Meeresspiegel zum Teil so schnell angestiegen, dass Menschen weltweit dieses Phänomen als Sintflut erlebt haben und so in ihren Mythologien verarbeitet haben. SPRECHER Eine ganze Reihe von Behauptungen, die C.G. Jung in seiner Theorie aufgestellt hat, muss also als eindeutig widerlegt gelten. MUSIK ENDE O-Ton 10 Roesler (24:41) Was ich aber tatsächlich wertvoll finde nach wie vor an der Archetypen-Theorie ist die Idee, dass psychische Veränderungsprozesse wie zum Beispiel in Psychotherapien, aber auch zum Beispiel in spirituellen Entwicklungswegen, dass die eine universelle Struktur haben, also dass die nach bestimmten Mustern verlaufen. SPRECHER Dr. Ute Mahr arbeitet viel mit solchen Mustern in ihrer Praxis. Ihr „Handbuch Archetypen-Therapie“ verbindet die Erfahrungen aus 20-jähriger Praxis als Psychotherapeutin und universitärer Psychotherapieforschung. SPRECHERIN Von C.G. Jungs Theorie ausgehend hat sie spezifischere Archetypen für innerseelische Strukturen definiert: so etwas wie innerste Identitäten. O-Ton 11 Mahr (19:15) Als allererstes die Seelen Rolle. Man könnte sagen das ist so das Basis-Potenzial. Und das entspricht jetzt sehr den Archetypen von C.G. Jung. MUSIK „Particle“; ZEIT: 00:43 SPRECHER Der Heiler: mütterlich, einend, harmonisierend. SPRECHERIN Der Künstler: Etwas ins Leben bringen, die eigene Individualität ausdrücken. SPRECHER Der Krieger: Handeln, Disziplin und Pflicht. SPRECHERIN Der Gelehrte: Wissen sammeln, möglichst vollständig, systematisch. SPRECHER Der Weise: Mit dem ganzen Wesen kommunizieren, erworbenes Wissen teilen. SPRECHERIN Der Priester: Streben nach dem höheren Ideal. SPRECHER Der König: durchsetzungsstark, führen, leiten. MUSIK ENDE SPRECHERIN „Seelische Archetypen“, die im Menschen angelegt seien. Im therapeutischen Gespräch, Selbstwahrnehmung und körperorientierter Psychotherapie nähert sich Dr. Ute Mahr mit ihren Klient*innen diesen Basispotentialen. Sie betont dabei, dass es sich bei diesen „seelischen Impulsen“ nicht um lebenslang gleichbleibende Strukturen handelt O-Ton 12 Mahr (17:27) Was ganz Wesentliches in der Arbeit mit den Archetypen: Die haben einen innewohnenden Umsetzungsdrang - ich will was tun. Und eine gelingende Therapie hat für mich immer mit Potentialentfaltung mit Wirksamkeit, mit wirksam werden, zu tun. SPRECHERIN Ute Mahr bearbeitet mit ihren Klientinnen und Klienten in der Regel zunächst die Ängste, die die Entfaltung des Potentials entgegenstehen und macht sich mit…

    Full show notes at the publisher

    Previous 1 79 80 81 82 83 221 Next

    Related Podcasts

    Making Sense with Sam Harris

    1

    Making Sense with Sam Harris Education
    Grammar Girl

    2

    Grammar Girl Education
    Good Life Project

    3

    Good Life Project Education
    Explain It to Me

    4

    Explain It to Me Education
    Team Never Quit

    5

    Team Never Quit Comedy
    Optimal Living Daily – Personal Development and Self-Improvement

    6

    Optimal Living Daily – Personal Development and Self-Improvement Alternative Health
    footer-logo

    Contact Us

    Toll Free: 844-670-7747

    Links

    • Home
    • Top Charts
    • Networks
    • Apps
    • Independents Podcasts
    • Podcast Advertising
    • Podcast News
    • Contact Us
    • About Us
    • Analytics & Insights

    Stay Connected

      Privacy, Terms of Use & Our Code of Ethics Protecting Content Creators Copyrights