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    Latest Episodes:
    Schlittenhunde - Abenteurer auf vier Pfoten Feb 29, 2024
    Show notes

    Schlittenhunde sind robust und wahre Energiebündel. Diese Eigenschaft, die die Völker des hohen Nordens ihnen angezüchtet haben, macht sie zum unentbehrlichen Gefährten der Menschen in den arktischen Regionen. Autorin: Brigitte Kohn (BR 2014)CreditsAutorin dieser Folge: Brigitte KohnRegie: Sabine KienhöferEs sprachen: Rahel Comtesse, Detlef KügowTechnik: Christiane Schmidbauer-HuberRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview: Jürgen Stolz, Schlittenhundsportler;PD Dr. Cornelia Lüdecke, Expertin für die Geschichte der Polarforschung;Veronika Grahammer M.A., Ethnologin, Völkerkundemuseum München. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK & HUNDEGEBELL ERZÄHLERIN: Penzing bei Landsberg am Lech, bayerisches Voralpenland. Auf dem Pullachhof wohnt der Schlittenhundsportler Jürgen Stolz mit seinen 18 Sibirian Huskies. Mit ihnen hat er schon viele Rennen bestritten, ist mehrfacher Europa- und Weltmeister. Jürgen Stolz liebt seinen Sport auch deswegen, weil die Hunde so begeistert mitmachen. MUSIK ENDE 1 O-TON JÜRGEN STOLZ BAND Band 11/0.56 Dem Sibirian Husky ist das voll angeboren. Also, ich hab jetzt noch keinen Hund gehabt, den ich zu irgend etwas hätte auffordern müssen. Wir haben das große Glück, wir haben einen wunderschönen Hof, wir können von Haus aus trainieren, und da sehen die jungen Hunde, wie das geht. Die sind die ersten zwei drei Mal recht schüchtern. Aber wenn du mit einem Hund gut umgehst, gut mit ihm redest, ihn jetzt nicht tadelst irgendwie, und ihm danach noch Leckerlis gibst und ihm sagst, hey, das hast du gut gemacht, dann wird der mit der Zeit so mutig, dass der sich freut. Die Hunde explodieren in der Früh. Die freuen sich, wenn die eingespannt werden. Das Geschirr an, die wissen, es geht los, das ist für den Hund das Allerallergrößte. Da kommt lange nichts danach. ERZÄHLERIN: Jürgen Stolz bietet auf seiner Homepage Workshops und Erlebnistage für alle an, die sich für seine Hunde und seinen Sport interessieren. Die Hunde freuen sich, wenn Besuch kommt, sie sind Menschen gegenüber aufgeschlossen, verspielt und verschmust. Diese Kombination aus Temperament, Kraft und Freundlichkeit fasziniert Jürgen Stolz schon seit 20 Jahren. 2 O-TON STOLZ BAND 11/2.40 Das Aussehen vom Hund. Er ist sehr wolfsähnlich. Er ist ein sehr stolzer Hund, der einen starken Willen hat. Die Art von ihm. Wie er mit einem schmust, wie er einen anschaut, er wird ja auch viel als Therapiehund eingesetzt. Das stolze, natürliche Wesen, es ist einfach nicht so ein untertäniger Hund. Geräusch HUSKY BELLT ERZÄHLERIN: Obwohl er so aussieht: Der Husky ist kein Wolf. Wäre er einer, wäre er zum Schlittenziehen ungeeignet. Dazu braucht es Eigenschaften, die durch Zuchtauswahl verstärkt werden: Zugkraft, Freude an der Arbeit, Freude am Fressen - Rennen verbraucht ja viel Energie -, ein verträgliches Wesen. Alle Schlittenhundrassen, Huskies, Samojeden, Malamutes und Grönlandhunde, stammen von den Arbeitshunden der arktischen Völker ab, die bis heute in Grönland, Nordkanada, Alaska und Sibirien leben. Schon vor 5.000 Jahren, als die Eskimos aus Sibirien nach Alaska einwanderten, waren Schlittenhunde dabei. Bis zur Erfindung von Motorschlitten und Flugzeug sicherte der Hund das Überleben des Menschen in den Regionen nördlich des Polarkreises; ohne Hund hätte der Mensch viele Gebiete überhaupt nicht besiedeln können. In den Geschichten der Eskimos hat die enge Beziehung zwischen Mensch und Hund eine übernatürliche Dimension. MUSIK ZITATOR: "Zwei Männer gingen mit ihrer Hündin auf Eisbärenjagd. Hinter ihnen brach das Eis, und sie trieben lange auf dem Ozean. Beide wurden Ehemänner der Hündin. Die Hündin war trächtig, als das Eis abermals brach. Sie wurde von den Männern getrennt und geriet, den Wellen preisgegeben, in ein fernes Land. .... Bald auch brachte sie drei Junge zur Welt, zwei davon waren Welpen, das dritte aber war ein Menschenkind, ein Junge." MUSIK ENDE ERZÄHLERIN: Auch wenn es sich etwas merkwürdig anhört: Ehen, also Vermischungen zwischen Mensch und Tier kommen in Eskimo-Legenden häufig vor. Die tierische Sphäre ist einfach omnipräsent in einer pflanzenarmen Gegend, in der man ohne Tiere nicht überleben kann. Kaum erwachsen, spannt der Menschenjunge Hundemutter und Hundebrüder vor einen Schlitten und fährt in das Land der Menschenfresser, die er im Handumdrehen unschädlich macht. Ein gutes Gespann ist eben zu allem fähig und durch nichts zu ersetzen. In der traditionalen Gesellschaft signalisierte es den hohen sozialen Status seines Besitzers, sagt die Ethnologin Veronica Grahammer. Sie ist auf arktische Völker spezialisiert und arbeitet im Münchner Völkerkundemuseum unter anderem im museumspädagogischen Bereich. 3 O-TON GRAHAMMER 5.06 Wenn ein Jäger ein Schlittenhundeteam hat, dann muss er die ja ernähren, er muss also nicht nur für seine Familie auf die Jagd gehen, sondern er muss natürlich auch die Hunde füttern. ERZÄHLERIN: In den Vitrinen des Völkerkundemuseums, das eine sehr große Arktis-Sammlung hat, finden sich auch zahlreiche Schlittenmodelle. 4 O-TON GRAHAMMER 49:00 Ein guter Schlitten wird aus Holz gebaut, aber Holz ist ein wertvolles Rohmaterial in der Arktis. Das ist nur als Treibholz in der Regel zu bekommen. Was alle Schlitten gemeinsam haben, ist, dass sie unglaublich gut gefedert sind und dass sie keine festen Verbindungen haben. ... Weil es ja immer unebenes Terrain ist. Oft sind da Eisblöcke oder Steine im Weg, da könnte der Schlitten brechen, das will man natürlich unbedingt vermeiden und versucht daher, nie was zu nageln, sondern alles wird mit Lederbändern verbunden. ERZÄHLERIN: Die Hunde laufen entweder im Tandem, jeweils zwei nebeneinander .. 5 O-TON GRAHAMMER 6.49 ... das ist mehr in Alaska der Fall, oder in Sibirien. In der Zentralarktis, in Kanada also oder in Grönland, werden sie fächerförmig angebunden. Das heißt, der stärkste Hund hat die längste Leine, die anderen laufen neben ihm. Es gibt immer einen Anführer unter den Schlittenhunden, die haben eine ganz klare Rangordnung, wer ist der Stärkste, der Anführer, der Leiter. MUSIK ERZÄHLERIN: Müheloses Gleiten in Hochgeschwindigkeit über verschneite Eisflächen, das kam im Alltag der Eskimos eher selten vor. Meistens war der Schlitten so schwer bepackt, dass die Menschen mit anschieben und den Hunden vorausgehen mussten, um in den endlosen Weiten ohne Spur und Straße die Richtung zu weisen. Zügel kennt so ein Schlittenhund nicht, er reagiert auf Zuruf - oder auch nicht. MUSIK Ende 6 O-TON GRAHAMMER 49:00. Und wenn der Schlitten schwer war und man hatte eine schwierige Stelle, dann musste man erst mal den ganzen Schlitten abladen, den Schlitten über die schwere Stelle drüberbringen und dann wieder aufladen, und wenn man Pech hatte, dann sind die Hunde losgelaufen, bevor man fertig war. ERZÄHLERIN: Durchgebrannte Hunde suchen, das ist kein Vergnügen bei 40 Grad minus, das ist lebensbedrohlich, vor allem wenn sie Teile des Haushalts mit sich schleifen. Eskimos waren vor der Zerstörung ihrer traditionalen Lebensweise zu großen Teilen Nomaden, da sie vom Jagen lebten und ihren Beutetieren folgen mussten. Schlitten dienten als Transportmittel nicht nur auf der Jagd, sondern auch auf Reisen. 7 O-TON GRAHAMMER 22.18 Reisen mit einem Schlittenteam kann man am besten im frühen Herbst, wenn das Meer anfängt, zu überfrieren. Dann ist es auf der Meeresoberfläche relativ glatt, und man hat eine gute Grundlage. Was ein bisschen schwierig ist, wenn noch kein Schnee draufliegt, weil das Meereseis bildet so scharfe Kristalle, und da können sich die Hundepfoten sozusagen verletzen. Das heißt, man wartet, bis eine Schneeschicht drauf ist, und dann kann man auf Reisen gehen. HUSKY jault ERZÄHLERIN: Die dichte Unterwolle ihres Fells schützt sie auch bei Minustemperaturen bis zu 40, 50 Grad Celsius vor dem Erfrieren. 9 O-TON GRAHAMMER 15.45 Bei all meinen Reisen nach Alaska hab ich das gesehen, die Hunde bleiben draußen, da kommt nicht einmal eine Pfote in irgendein Wohnzimmer. Das ist irgendwie nicht vorstellbar, das macht für die Eskimos keinen Sinn, dass sie das tun. Einzige Ausnahme ist die Hündin, die gerade geworfen hat, die kommen ins Haus. Und die Welpen, die werden auch sehr geschützt, die werden oft in der Kapuze getragen wie ein Baby, die Kinder schleppen sie natürlich rum, und oft ist es so, wenn der Welpe ein gewisses Alter hat, dass ein Kind diesen Welpen bekommt und ihm dann sofort ein Geschirrchen macht und ihn anspannt. Die Hunde lernen von klein auf, etwas zu ziehen, und sehen das natürlich auch, dass die anderen das machen. ERZÄHLERIN: Bei aller Liebe: Hunde, die nicht spuren, haben meist kein langes Leben. Heute nicht, da die Schlittenhunde in der Arktis hauptsächlich für touristische Zwecke und den populären Rennsport benötigt werden, und früher erst recht nicht. Starke Gespanne waren in der traditionalen Eskimo-Gesellschaft überlebensnotwendig und teuer im Unterhalt; Rücksicht auf schwächere Tiere war da nicht möglich. Ein guter Hund zeichnet sich dadurch aus, dass man ihn auch zum Jagen brauchen kann. Am Atemloch einer Robbe stehen, Witterung aufnehmen, herausfinden, ob die Robbe noch in der Nähe ist oder nicht; so etwas kann nur ein Hund. 10 O-TON GRAHAMMER 11. 49 Und was der Jäger dann tut, wenn er verstanden hat, das ist jetzt eines, das vor kurzem noch in Gebrauch war: Er bringt den Hund also zurück, der muss weit weg sein, und stellt sich vor dieses Atemloch und wartet. Und wenn die Nahrungssituation eng ist, dann auch mal 24 Stunden. Das muss er dann aushalten. MUSIK ERZÄHLERIN: Eskimos wissen, wie man in Eis und Schnee überlebt. Die europäischen Polarfahrer der frühen Neuzeit nicht. Die rechneten mit paradiesischen Zuständen, mit Fabelwesen und Reichtümern am Ende der Welt, fanden eine Eiswüste vor und waren zu hochmütig, um von den verachteten Ureinwohnern zu lernen. So manche Expedition in die Arktis begann mit hochgerüsteten Schiffen und nahm ein grausames Ende in Kannibalismus und Hungertod. MUSIK ENDE 11 O-TON LÜDECKE 4.20 Man sagt eigentlich, dass erst Ende des 19. Jahrhunderts Expeditionen aufgetreten sind, die bewusst von der dort lebenden Urbevölkerung gelernt haben zu überleben und zu reisen, allein damit sie auch weniger Ressourcen mitnehmen mussten, sie mussten auch lernen zu jagen, überhaupt essbare Tiere zu finden ... ERZÄHLERIN: ... sagt die Meteorologin Cornelia Lüdecke, Privatdozentin an der Universität Hamburg mit dem Schwerpunkt Geschichte der Polarforschung. Was die Polarfahrer am meisten faszinierte, waren die Eskimohunde, und bald hatten sie selber welche und stellten Eskimos in ihre Dienste, die mit ihnen umzugehen wussten. Viele Erfolge, die sich die Nordpolfahrer stolz an ihre Brust hefteten, sind eigentlich dem Sachverstand der Eskimos zu verdanken. Die Hunde hatten für alle Beteiligten nur Vorteile. 11 a O-TON LÜDECKE18:00 Wenn man Hunde dabei hat, hat man auch Freunde dabei. Ein Hund ist einfach immer ein netter Kamerad. Unterwegs bekommen sie Nachwuchs. Das ist ein psychologisches Moment, wenn man überwintert und dann auch seine Freude an den Hunden haben kann. Hunde können fantastisch gut in diesem Schnee laufen, sie haben natürlich auch den Vorteil, dass wenn ein Hund stirbt, wenn er getötet wird, kann er als Futter für die anderen Hunde verwendet werden. Wenn aus irgendeinem Grund die Nahrung für die Hunde ausfällt, können sie auch Hundefleisch essen. MUSIK ERZÄHLERIN: Am Südpol gab es keine Unterstützung durch Einheimische, denn die Antarktis ist menschenleer. Der Norweger Roald Amundsen gewann den Wettlauf zum Südpol, weil er Hunde dabei hatte, als Zugtiere und als Nahrungsreserve. Immer dann, wenn ein Vorratsschlitten leer geworden war und zurückgelassen werden konnte, wurden überzählige Hunde geschlachtet und verfüttert. Amundsen und sein Team erreichten den Südpol am 14. Dezember 1911; alle kamen wohlbehalten zurück. Sein Konkurrent, der Brite Robert Falcon Scott, setzte auf mandschurische Ponys und Motorschlitten, erreichte den Pol 35 Tage später und starb mit seinen Männern auf dem Rückweg einen qualvollen Tod. Alle Ponys waren zugrunde gegangen, die Motorschlitten längst kaputt, und die halb verhungerten Männer mussten ihre Schlitten bis zur völligen Entkräftung selber ziehen. Cornelia Lüdecke beschreibt die Hintergründe dieses dramatischen Wettlaufs in ihrer spannenden Amundsen-Biografie. MUSIK Ende 12 O-TON LÜDECKE 7:05 Amundsen hat ja nichts anderes gelernt als Polarforschung, und er wusste, wie extrem wichtig Hunde sind, denn nur mit Hunden konnte man sich gut auf Schnee vorwärtsbewegen, das hat er selbst auf der Durchquerung der Nordwestpassage mitgekriegt, weil er dort engen Kontakt mit Inuit hatte, sodass er sein Fortbewegungssystem ganz auf Hunde gebaut hat. Und sie entsprechend wie ein Hochleistungsmotor von Rennautos sehr gut gepflegt hat, gute Nahrung gegeben hat, dass sie stark sind und gut trainiert sind. Scott war ja ein Marineoffizier. Er hat das Bewusstsein für Hunde als Fortbewegungsmittel nicht gehabt, er hat es nicht gelernt, er ist ja von England aus in die Antarktis gefahren, ohne jegliche Polarerfahrung. ERZÄHLERIN: Es gab noch einen Grund, warum Scott sich gegen Hunde entschied: Der britische Tierschutz machte sich in der Zeit vor seiner Abfahrt gerade gegen die Verwendung von Hunden bei Tierversuchen stark. Scott wollte Hundeleid vermeiden, um sein Image nicht zu beschädigen. 12 a O-TON LÜDECKE 9:09 Genau zwischen seiner ersten und zweiten Expedition gab es riesige Revolten in London, weil bei einer Vivisektion ein Hund gestorben ist, dem man dann ein Denkmal gesetzt hat. Und dieses Denkmal musste dann auch abgebaut werden, weil die Proteste zu groß waren. Es war zu diesem Zeitpunkt politically völlig incorrect, Hunde gezielt zu töten. Und so konnte er ein System wie Amundsen nicht aufbauen, mit vielen Hunden starten und dann gezielt auch Hunde zu töten, um sie als Futter an die anderen Hunde weiterzugeben. Das konnte Scott überhaupt nicht machen. ERZÄHLERIN: Amundsen hatte diesen öffentlichen Druck nicht. Das Fleisch geschlachteter Hunde hielt sein Team stark und leistungsfähig, auch die Menschen, die sich gerne mal ein Stück Hundelende gönnten. Die Hunde waren da weniger wählerisch, schreibt Amundsen in seinem Buch "Die Eroberung des Südpols". MUSIK ZITATOR AMUNDSEN: "Das Einzige, was von so einer Hundemahlzeit übrig blieb, waren die Zähne des Opfers, und wenn die Hunde einen anstrengenden Tag hinter sich hatten, verschwanden auch diese." MUSIK ENDE ERZÄHLERIN: Anstrengende Tage gab es viele. Die überlebenden Hunde waren nicht zu beneiden. Rückblickend gibt Amundsen zu, dass er ihnen viel zu viel zugemutet hat. MUSIK ENDE ZITATOR AMUNDSEN: ["Ich glaube auch sagen zu dürfen, dass ich meine Hunde unter normalen Verhältnissen herzlich lieb hatte, und dieses Gefühl war ganz gewiss gegenseitig. Aber die Verhältnisse hatten eben allmählich aufgehört, normal zu sein. Oder war ich selbst vielleicht nicht mehr normal? Ich habe später oft gedacht, es sei wirklich so gewesen.] Die tägliche Mühe und Arbeit und das Ziel, das ich nicht aufgeben wollte, hatten mich roh gemacht. Denn roh war ich, als ich diese fünf Skelette zwang, den allzu schwer beladenen Schlitten zu ziehen. Noch geht mir ein Stich durchs Herz, wenn ich an die Klagelaute denke, die Thor, ein feiner, glatthaariger Hund, während des Marsches ausstieß, was ein Hund sonst bei der Arbeit nie tut. Aber ich verstand seine Sprache nicht, wollte sie vielleicht nicht verstehen. Vorwärts wurde er getrieben - vorwärts, bis er umfiel. Als wir ihn zerlegten, fanden wir, dass seine Brust ein einziges großes Geschwür war." ERZÄHLERIN: Die Vorstellung vom begeistert dahinstürmenden Schlittenhund, der Seite an Seite mit dem Menschen seiner inneren Berufung fo…

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    Otto Lilienthal - Die Eroberung der Luft Feb 28, 2024
    Show notes

    Otto Lilienthal steht im Sommer 1891 auf einer Sanddüne nahe Potsdam mit einem selbstgebauten Hängegleiter, nimmt Anlauf - und gleitet 20 Meter durch die Luft, bevor er sicher landet. Ein Meilenstein in der Technikgeschichte. Autorin: Brigitte Kohn (BR 2013)CreditsAutorin dieser Folge: Brigitte KohnRegie: Martin TraunerEs sprachen: Beate Himmelstoß, Martin Umbach, Rahel ComtesseRedaktion: Brigitte Reimer Im Interview:Dr. Bernd Lukasch, Physiker;Leiter des Otto-Lilienthal-Museums;Mitautor der Lilienthal-Biographie „Erfinderleben“;Fritz Lilienthal (Sohn);Paul Beylich (Assistent); Ella Storbeck (Zuschauerin) Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir:ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSENSkurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks.DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks.EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK: CD83313 009 (00‘25‘‘) ERZÄHLERIN: Sonntag, 9. August 1896. Eine Droschke ist unterwegs zu den Rhinower Bergen. Sie befördert einen Herrn mit blondem Vollbart und ein sonderbares, zusammenklappbares Gestell aus Weidenruten und Baumwollstoff. Damit will er gleich vom Berg springen, der bärtige Herr. Man kennt ihn hier gut, den Otto Lilienthal. Er kommt aus Berlin und ist fast jedes Wochenende hier. O-TON FRITZ LILIENTHAL: „Ich weiß, er war ein sehr lebensfroher Mensch. Kerngesund. Er hätte ja auch seine Flugversuche gar nicht mit 48 Jahren noch machen können, wenn er nicht gesund und gewandt und ein guter Turner gewesen wäre.“ MUSIK: CD83313 009 (00‘55‘‘) ERZÄHLERIN: Fritz Lilienthal, Ottos Sohn, spricht in einer historischen Rundfunkaufnahme über den letzten Tag im Leben seines Vaters. Am Fuß des Gollenbergs wartet Paul Beylich, Lilienthals Assistent. Er hilft beim Aufklappen des so genannten "Normal-Segelapparats", ein oft erprobtes Fluggerät mit zwei leicht gewölbten Flügeln von 6 Meter 70 Spannweite und waagrechten und senkrechten Schwanzflossen zur Lagestabilisierung. Der Pilot schlüpft durch eine Aussparung im Zentrum des Geräts. Er ist nicht angeschnallt, die Unterarme liegen auf gepolsterten Verstrebungen, die in zwei Griffen für die Hände münden. Die Beine baumeln nach unten, durch Bewegungen nach links oder rechts kann Otto Lilienthal das Gerät in der Luft etwas ausbalancieren. Der erste Flug klappt wunderbar. Trotzdem hat Paul Beylich kein gutes Gefühl. Sagt er - Jahrzehnte später im Gespräch mit Reportern. O-TON PAUL BEYLICH: „Weil das nun so windböig war, da hatte ich ihm abgeraten. Aber er sagte zu mir: Beylich, wir machen einen Flug, und dann fahren wir nach Hause.“ ERZÄHLERIN: Am Fuße des Gollenbergs haben sich ein paar Zuschauer eingefunden, die gespannt zuschauen, wie Lillienthal zum zweiten Mal abspringt. Unter ihnen ist das Bauernmädchen Ella Storbeck. O-TON ELLA STORBECK: „Da sah ich denn, wie er eben hochging. Ob es nun durch eine Windböe kam oder was es nun, nun war, na, der Apparat überschlug sich und er stürzte nun senkrecht ins Tal." MUSIK: CD83313 007 (00‘20‘‘) ERZÄHLERIN: Lilienthal liegt mit gebrochener Wirbelsäule im Gras. Er schlägt die Augen auf und spürt seine Beine nicht mehr. Das wird schon wieder gut, glaubt er und scherzt mit dem herbeigeeilten Arzt. Doch als der Schwerverletzte am nächsten Tag in Berlin ankommt, ist er nicht mehr ansprechbar. Am Bahnhof wartet Agnes, Ottos Frau, Als sie ihren Mann sieht, wird sie ohnmächtig. Sie hat vier Kinder, Fritz ist gerade elf. O-TON FRITZ LILIENTHAL: „Ich weiß, dass wir durch den Bruder meines Vaters erfahren haben, dass er abgestürzt wäre in Stölln, aus – glaube ich – 40 Metern Höhe. Er ist dann in die Bergmann‘sche Klinik gekommen, und meine Mutter ist dann hingefahren, aber wie sie hinkam, war er schon tot. // Seine letzten Worte sollen gewesen sein: // Opfer müssen gebracht werden." ERZÄHLERIN: Diese Worte, obwohl nicht sicher verbürgt, zieren Lilienthals Grabplatte auf dem Berliner Friedhof Lankwitz, sind Teil seiner Legende. War er wirklich der erste fliegende Mensch? Andere haben vor ihm Fluggeräte konstruiert und ausprobiert. Doch er ging als erster sehr systematisch vor, erzielte nachvollziehbarer Erfolge und hinterließ wissenschaftliche Versuchsreihen und Messergebnisse. Seine wichtigste Erkenntnis überhaupt, die Grundlage seines Erfolges, war ... O-TON DR. BERND LUKASCH: „... die Tragfläche, oder das Geheimnis der Tragfläche dem Weißstorch abgeschaut, wenn man’s mal so vergröbern will.“ ERZÄHLERIN: Der Physiker Dr. Bernd Lukasch ist Mitautor der Lilienthal-Biographie "Erfinderleben" und Leiter des Otto-Lilienthal-Museums in dessen Geburtsstadt Anklam. Das liegt in einer weiten Flusslandschaft, in der viele Störche leben. Störche faszinieren Lilienthal sein ganzes Leben lang. Vor allem ihre Fähigkeit, mit ausgebreiteten Flügeln scheinbar mühelos durch die Luft zu gleiten. Er erkennt als Erster, dass sie das nur deshalb können, weil ihre Flügel leicht gewölbt sind. O-TON DR. BERND LUKASCH: „Die Wölbung, in der steckte so ein bisschen das Geheimnis. Ganz vernünftiger Weise haben die Physiker seiner Zeit gesagt, also ja, das fällt schon auf, diese Wölbung, aber wir müssen erst mal das Prinzip von der Fliegerei überhaupt verstehen, dann können wir uns mit den Feinheiten beschäftigen. Das ist eben ein so ein von der Natur recht gut gehütetes Geheimnis. Wir sind ja fast im Zeitalter von Atomphysik und Quantenphysik, wenn man so schaut, und da hat die Natur sich doch so lange so ein kleines Geheimnis, was ganz klassische Newton‘sche Mechanik ist, bewahrt. Und dass die gewölbte Fläche so eklatant andere Eigenschaften hat als eine Ebene, das war sicher für alle, die sich mit beschäftigt haben, eine Überraschung. Und der Otto Lilienthal hat das den Vögeln durchaus abgeschaut, hat aber dann die ersten tatsächlich verfügbaren Messwerte veröffentlicht.“ MUSIK: CD83313 026 (00‘55‘‘) ERZÄHLERIN: Otto Lilienthal, geboren 1848, begeistert sich von klein auf fürs Fliegen. Sein jüngerer Bruder Gustav auch. Die Mutter liest ihren Kindern Geschichten von mutigen Ballonfahrern vor. So ein Ballon funktioniert nach dem Prinzip "Leichter als Luft", weil er mit Gas oder Heißluft gefüllt ist, beides leichter als die normale Luft. Das zieht den Ballon nach oben. Der Ballon ist eine Erfindung des 18. Jahrhunderts. Im 19. bemüht man sich darum, sie lenkbar zu machen, mit mäßigem Erfolg allerdings. Otto und Gustav wollen richtig fliegen, selbst bestimmt und mit Körpereinsatz, nach dem Prinzip "Schwerer als Luft", wie die Vögel eben. Sie basteln sich künstliche Flügel aus Holz und laufen damit die Hügel rauf und runter. Klappt nicht? Macht nichts. Otto und Gustav halten fest zusammen und ermutigen sich gegenseitig. ZITATOR OTTO LILIENTHAL: „Mein Bruder Gustav war und ist mein zweites Ich. Nicht nur, dass wir von früher Jugend an alle Freuden und alles Leid teilen, alle dummen Streiche und vernünftigen Ideen gemeinsam ausführten, nicht nur, dass wir in gleicher Weise des segensreichen Einflusses unserer vorzüglichen Mutter teilhaftig wurden; auch unsere weitere Selbsterziehung steuerte der gleichen Weltanschauung zu. Viele größere Unternehmungen wurden von uns gemeinsam betrieben.“ ERZÄHLERIN: Als der Vater starb, war Otto 13, Gustav 12, die Schwester Marie noch ein Kleinkind. Die drei hatten noch fünf weitere Geschwister, aber die leben nicht lange. ZITATOR OTTO LILIENTHAL: „Nichts ist geeigneter, eine ernste Lebensauffassung zu wecken, als wenn man seine Geschwister kalt und bleich in weißen Gewändern und von Blumen umgeben im Kindersarge liegen sieht.“ ERZÄHLERIN. Vielleicht hat Ottos tiefe Sehnsucht, fliegen zu können, auch etwas mit seiner kindlichen Erfahrung des Todes zu tun. Und mit der Erinnerung an den Vater. O-TON DR. BERND LUKASCH: „Er war ein ganz Umtriebiger, vielleicht das hatte er dem Otto vererbt, also an allem was um ihn herum passierte, sehr interessiert, vielleicht im falschen Beruf als Kaufmann, also er hat ja angeblich ein Mathematikbuch geschrieben, was nie veröffentlicht wurde, so zum Spaß, hat sich also um technische Neuerungen gekümmert zum Torfabbau in seiner Stadt, und hat sich dann engagiert in der Revolution, was ihn also den Großteil seiner Kundschaft gekostet hat ...“ ERZÄHLERIN: … und die Familie in Armut und Not stürzte. Mutter Caroline Lilienthal, eine ausgebildete Sängerin, intelligent, vielseitig interessiert und musisch begabt, tut nach dem Tod des Vaters alles für ihre Kinder. Sie lässt sie basteln und experimentieren, träumen und umherschweifen, so viel sie wollen. Sie trägt die Kosten, ohne zu murren. Sie ist stolz, als Otto nach der Schule nach Berlin geht. Dort gibt es die Gewerbeakademie, eine hochmoderne Ausbildungsstätte für Maschinenbau-Ingenieure, die im beginnenden Technik-Zeitalter dringend gebraucht werden. Die Anfänge sind hart, denn Otto hat kein Geld. ZITATOR OTTO LILIENTHAL: „Ich mietete mir eine Schlafstelle, zusammen mit einem Droschken- und einem Rollkutscher. Der Droschkenkutscher fuhr nachts aus, so dass ich das Bett nur mit dem Rollkutscher zu teilen brauchte." MUSIK: CD83313 012 (00‘45‘‘) ERZÄHLERIN: Berlin um 1866, eine quirlige, überfüllte Großstadt, ein Moloch mit einem ständig wachsenden Industriegebiet. Es ist die große Zeit der Erfinder-Unternehmer, die mit Patenten auf neu entwickelte Geräte viel Geld verdienen. So ein Erfinder-Unternehmer will Otto Lilienthal auch werden. Er bekommt ein Stipendium und kann seinen Bruder Gustav zum Architekturstudium nach Berlin holen. Die beiden wohnen zusammen und konstruieren in ihrer Freizeit einen Flügelschlagapparat, dessen Flügel man in Bewegung setzen kann, indem man zwei Pedale betätigt. Fliegen kann man damit nicht. Deshalb beschließt Otto, das Problem des Flügelschlags erst mal ruhen zu lassen und sich mit dem Gleiten zu befassen. O-TON DR. BERND LUKASCH: „Als Zwischenschritt. Also er hat gemerkt, dass das mit dem Flügelschlag sicher ne schwierige Sache ist. Und dann hat er sich gesagt: na ja, der erste Schritt ist das, was die Störche ja auch so schön können, die flattern ja auch nicht pausenlos, die halten ihre Flügel ganz still. Das ist der erste Schritt in der Erkenntnis zum Menschenflug. Aber dann war also seine Flugleistungen, die er dann 1893 so erreichte, die waren für ihn eigentlich der Abschluss dieses Gebiets, und dann hat er sich wieder dem Flügelschlag zugewandt. Also die meiste Zeit seiner Forschung hatte er sich eigentlich mit Flügelschlag beschäftigt, kann man sagen, ohne dass er dabei den Durchbruch erreicht hätte.“ ERZÄHLERIN: Gustav interessiert sich auch für die Entwicklung von Spielzeug und für Kunsthandwerk, für Architektur und sozialreformerische Lebens- und Wohnmodelle. Er geht seinen eigenen Weg. An den praktischen Flugübungen des Bruders in späteren Jahren ist er nicht beteiligt. Vom Berg springen, das ist ihm zu gefährlich. Aber in den frühen Phasen ist er immer dabei. O-TON DR. BERND LUKASCH: „Gustav hat sich dann zurückgezogen, aber z. B. dieses berühmte Buch, das wir heute als Wiegenbuch der Flugzeuggeschichte bezeichnen, also "Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst", das ist sicher ein von Otto geschriebenes Buch, aber es steht im Untertitel: Aufgrund zahlreicher von mir und meinem Bruder ausgeführter Versuche.“ ERZÄHLERIN: Nach dem Studium und Einsatz im Deutsch-Französischen Krieg sammelt Otto Lilienthal erste berufliche Erfahrungen als Angestellter, unter anderem im Bergbau bei Krakau. Sein Traum ist eine eigene Fabrik. Und eine eigene Familie. Otto hat sich verliebt. In Agnes, die Tochter eines Bergmanns. O-TON FRITZ LILIENTHAL: „Er hat ja meine Mutter kennen gelernt auf einem Wohltätigkeitskonzert, wo sie Tenor und Sopran zusammen sangen.“ ERZÄHLERIN: Die Musik verbindet die beiden ein Leben lang und tröstet Agnes oft, wenn sie sich allein gelassen fühlt. Ständig stecken die Brüder zusammen und brüten über gemeinsamen Projekten. Nicht immer geht es ums Fliegen. Gustav hat die Idee, Spielsteine für Kinder zu entwickeln, die nicht aus Holz sind, sondern aus Stein und zum Bauen von Miniaturhäusern gut geeignet. Der Anker-Steinbaukasten wird sehr schön, es gibt ihn heute noch. Nur mit der Vermarktung, da haben die Brüder kein Glück, erinnert sich Ottos Sohn Fritz: O-TON FRITZ LILIENTHAL: „Er war damals noch ein kleiner Angestellter anfangs bei einer Firma, wie er den erfunden hatte, und da fehlte ihm nur das Geld, Reklame zu machen, das hätte er selber auch gewusst, aber wenn Geld nicht ist, kann man das nicht machen. Richter hat sie ihm abgekauft, und der hat dann die großen Geschäfte gemacht." ERZÄHLERIN: Mehr Glück hat Otto Lilienthal mit der Erfindung des "gefahrlosen Dampfkessels aus Schlangenrohr-Elementen". Ursprünglich ist der Kessel dazu gedacht, einen Flügelschlagapparat in die Höhe zu treiben. Das funktioniert nicht, aber für normale Produktionsprozesse in mittelständischen Unternehmen ist die Maschine durchaus zu gebrauchen. Sie wird patentiert und geht in seiner eigenen, neu gegründeten Fabrik in der Köpenicker Straße 110 dauerhaft in Produktion. Er hat es geschafft. Die Arbeiter schätzen ihren immer freundlichen und fröhlichen Chef. Und sie staunen nicht schlecht, als eines Morgens ein Aushang am Schwarzen Brett eine unerhört hohe Gewinnbeteiligung verspricht. ZITATOR OTTO LILIENTHAL: „Um das Interesse meiner Arbeiter an dem Geschäftsbetriebe zu heben und ihnen Gelegenheit zu bieten, ihr Einkommen durch eigenes Zuthun entsprechend ihren Leistungen zu vermehren, beabsichtige ich, unter Fortfall der Akkordarbeiten, Beibehaltung der jetzigen Lohnsätze und der bisherigen Fabrik-Ordnung eine Beteiligung derselben am Reingewissen des Geschäftes und zwar zunächst in Höhe von 25 Prozent desselben einzuführen.“ O-TON DR. BERND LUKASCH: „Angeblich soll es bis zu seinem Tod mit großem Erfolg funktioniert haben. Also diese – auch sein Fachpersonal – denn er hatte ja natürlich, Maschinenbau im boomenden Berlin, da große Konkurrenz, und das war natürlich also nicht nur als soziale Wohltat gedacht, sondern das war natürlich auch Unternehmenspolitik, also seine Facharbeiter an seine Firma zu binden und ihr Interesse an der Qualität seiner Erzeugnisse zu befördern. Das war sicher der Hintergrund. Aber es war natürlich auch ne klar eine soziale Maßnahme, in der er ja ganz vorne stand im Berlin der damaligen Zeit.“ ERZÄHLERIN: Otto Lilienthal engagiert sich auch fürs Theater: Er wird Teilhaber einer kleinen Bühne und sorgt dafür, dass der Eintritt nur zehn Pfennige kostet, damit sich auch Arbeiter das Vergnügen leisten können. Er schreibt eine sozialkritische Posse und schauspielert auch selbst. Anna, die Frau seines Bruders Gustav, ist nicht begeistert. ZITATORIN ANNA LILIENTHAL: „Wer betritt da im Kostüm des Herold die Bühne? Es war unser Otto selbst, der Mann der unbegrenzten Möglichkeiten! Aber hier, als Schauspieler, war er fast unmöglich. Selbst das anspruchslose Publikum lachte ihn aus; wir, seine Angehörigen, saßen wie auf Kohlen. Der einzige, den das Fiasko nicht störte, war er selbst. Frohgemut trat er nach der Vorstellung zu uns und beruhigte uns mit den Worten: ‚Ich werde von nun an öfters spielen, um mich zu üben.‘" MUSIK: CD83313 009 (00‘38‘‘) ERZÄHLERIN: Üben, das gilt auch für die Fliegerei, die Lilienthal Anfang der 1890er Jahre wieder intensiviert. Jetzt beginnt er mit aktiven Flugversuchen. ZITATOR OTTO LILIENTHAL: „Was uns bei der Lösung der Flugfrage am meisten fördern kann, das sind zahlreiche und mit Verständnis und Ge…

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    Die Schutzheilige des Jazz - Pannonica de Koenigswarter Feb 27, 2024
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    Die Jazz-Baroness - ein Leben für die Musik. Pannonica de Koenigswarter war eine wichtige Mentorin und Schutzpatronin für zahlreiche Jazz-Musiker der 1950er und 1960er Jahre. Für ihre Leidenschaft brach sie, eine geborene Rothschild, mit allen Konventionen. Autor: Georg Gruber CreditsAutor dieser Folge: Georg GruberRegie: Kirsten BöttcherEs sprachen: Katja Bürkle, Johannes Hitzelberger, Julia Cortis, Gudrun SkupinTechnik: Roland BöhmRedaktion: Nicole Ruchlak Literaturtipps: Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness. Das Leben der Nica Rothschild, Berlin Verlag 2013. David Kastin, Nica’s Dream: The Life and Legend of the Jazz Baroness, Norton & Company 2011. Pannonica de Koenigswarter, Die Jazzmusiker und ihre drei Wünsche, Reclam Verlag 2007. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Musik 1: „Pannonica“ / Monk, aus Film „Straight no chaser“ Thelonious Monk: Hi everybody! I would like to play a little tune, I composed not so long ago, entitled “Panonnica”. Zitator OV: Ich möchte jetzt ein Stück spielen, das ich vor kurzem erst komponiert habe, mit dem Titel: „Pannonica“. Benannt nach dieser wunderschönen Lady hier. TM: It was named after this beautiful lady here. I think her father gave her that name, after a butterfly, Zitator OV: Ich glaube, ihr Vater gab ihr den Namen nach einem Schmetterling, den er fangen wollte – was ihm, glaube ich, nicht gelang. TM: that he tried to catch. I don’t think he caught the butterfly. Erzählerin Der Pianist Thelonious Monk ist einer der Väter des Bebop, ein brillanter Musiker - und ein Exzentriker. Panonnica de Koenigswarter stammt aus einem wohlhabenden britischen Elternhaus und ist eine geborene Rothschild. Und für sie ist Monk ein Genie. Musik / Pannonica hoch Erzählerin Zwei Welten treffen hier aufeinander, die Welt des Jazz und die des alten Europa. Für ihre Liebe zum Jazz bricht die Baroness in den 1950er Jahren mit allen Konventionen, auch mit ihrer Familie. In ihrer Suite in einem New Yorker Nobelhotel treffen sich die wichtigsten Jazzmusiker jener Zeit zu gemeinsamen Jam-Sessions. Sie ist Schutzpatronin, Förderin und Mäzenin vieler Jazz-Musiker jener Zeit. Musik 2: Etude-Caprice für Violine und Klavier Erzählerin Geboren wurde Kathleen Annie Pannonica am 10. Dezember 1913 in einem Londoner Stadthaus der Familie Rothschild. Ihr Vater Charles ist Bankier, doch seine wahre Leidenschaft gilt der Natur, besonders den Insekten. Schon in seiner Jugendzeit hatte er begonnen, Schmetterlinge zu fangen und zu archivieren. In seiner Sammlung befindet sich auch ein auf den ersten Blick unscheinbarer Nachtfalter, den er in Ungarn entdeckt hatte. Sein Name: Pannonica. Erst wenn er die Flügel öffnet, sind seine zitronengelben Flächen zu sehen. Ein passender Name, so als hätte der Vater schon bei Geburt seiner Tochter gewusst, dass sie besonders nachts aktiv ist und sich erst dann zu ganzer Schönheit entfaltet. Musik hoch Erzählerin Nica und ihre drei Geschwister verbringen die meiste Zeit ihrer Kindheit auf den herrschaftlichen Landsitzen, Tag und Nacht sind sie dabei umgeben von einer Heerschar von Kinderfrauen, Hauslehrern, Dienern, Chauffeuren, Gärtnern und Stallburschen. Die Mädchen werden von Privatlehrern unterrichtet, ihr Bruder Victor geht auf ein Internat. Zitatorin 2, Zitat aus Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness. Das Leben der Nica Rothschild, Berlin Verlag 2013, S. 51 „Zu Mittag aßen die Mädchen im Kinderzimmer und durften erst im Alter von sechzehn Jahren das Abendessen gemeinsam mit den Eltern einnehmen.“ Erzählerin Schreibt Hannah Rothschild in ihrer Biografie „Die Jazz Baroness. Das Leben der Nica Rothschild“ über den Tagesablauf, der einer strengen Routine folgt. Zitatorin 2, Zitat aus Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S. 51 „Jeden Morgen zu genau der gleichen Zeit wurden die Kinder zu einem Spaziergang durch den Park geführt. Rennen und Versteck spielen waren verboten, damit die Kinder nicht ihre weißen Kleider schmutzig machten oder sich verliefen.“ Musik 3: Blumine. Polka Erzählerin Die Rothschilds sind damals überaus wohlhabend und Teil der besseren Gesellschaft. Sie veranstalten prächtige Feste, Bälle, Mittag- und Abendessen für mehrere Hundert geladene Gäste, darunter Politiker, wie Winston Churchill, Wissenschaftler, Künstler und Könige, sogar die Königin Viktoria und der Schah von Persien sind zu Gast. Auch Albert Einstein soll zu Besuch gewesen sein und die Kinder mit Zauberkunststücken unterhalten haben. Doch es ist keine ungetrübte Kindheit: Nicas Vater leidet an Depressionen, woran auch lange Kuraufenthalte nichts ändern können, immer wieder zieht er sich zurück, ist nicht ansprechbar. Die Eltern verbringen viel Zeit in London, während die Kinder auf dem Lande bleiben. Zitatorin 2, Zitat aus Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S. 60 „Wenn Nica später sagte: „Meine einzigen Freunde waren Pferde“, so war das die Wahrheit. Ihre Kindheit war materieller Luxus in Verbindung mit seelischer Vernachlässigung. Eine Rothschild-Cousine, die Nica als Kind kannte, sagte, dass sie immer wilder wurde. Wenn es einen besonders hohen Baum zu erklettern galt, tat es Nica; war ein besonders hoher Zaun zu überspringen, lenkte Nica unweigerlich ihr Pferd in dessen Richtung.“ Erzählerin 1923 nimmt sich der Vater das Leben. Nica und ihre Schwestern sind mit ihrer Trauer alleine, eine prägende Erfahrung, denn sie haben niemanden, dem sie ihren Kummer mitteilen können, wie Hannah Rothschild schreibt. Zitatorin 2, Zitat aus Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S. 98 „Nica fand schon in früher Jugend heraus, dass die Unterdrückung der eigenen Bedürfnisse und der natürlichen Vitalität zu schrecklichen Formen der Selbstzerstörung führt. Das war einer der Gründe, warum sie als Erwachsene später unter keinen Umständen in einem Leben gefangen sein wollte, das sie unglücklich machte.“ Musik 4: Strawinsky „ Sonate für 2 Klaviere“ 3. Satz - SC011520 010 – 1:03 Min Erzählerin Mit 16 Jahren entkommt Nica zum ersten Mal der abgeschotteten Enge der herrschaftlichen Landsitze, als sie mit ihrer älteren Schwester auf ein Internat in Paris geschickt wird. Danach reisen die beiden ein Jahr lang durch Europa, begleitet von einer Gouvernante, einem Chauffeur und einem Dienstmädchen. In dieser Zeit besucht Nica auch für kurze Zeit die Kunstakademie in München. Zurück in London tanzt sie auf Debütantinnenbällen, lernt von ihrem Bruder Autofahren und stürzt sich ins vornehme Nachtleben. Mit 21 Jahren bringt ihr ein befreundeter Musiker sogar das Fliegen bei. Im Sommer 1935 lernt sie den zehn Jahre älteren Baron Jules de Koenigswarter kennen, auch er ein begeisterter Flieger. Ein paar Monate später heiraten sie in New York, worüber sogar die New York Times berichtet: Sprecher, Zitat aus New York Times „Miss Rothchild Marries Here“ Erzählerin Danach begibt sich das frischvermählte Brautpaar auf Weltreise, inklusive einer Bruchlandung mit dem Flugzeug in der Wüste Gobi. Seit der Hochzeit hat Nica auch selbst ein Flugzeug, ein Geschenk ihres Bruders Victor. Das Paar zieht nach Frankreich, in ein Schloss in der Normandie, palastartig und weitläufig, umgeben von 80 Hektar künstlich angelegter Landschaft, mit Wäldchen und Fahrwegen. Doch das herrschaftliche Leben hat mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges ein Ende. Jules meldet sich beim französischen Militär, Nica bleibt auf dem Schloss. Und flieht im letzten Moment mit ihren Kindern vor den einmarschierenden deutschen Truppen zuerst nach England, dann in die USA, wo sie von der Familie Guggenheim aufgenommen werden. Musik 5: Hindemith: Sonate für Violoncello solo Erzählerin Doch Nica hält es nicht lange in den USA. Sie kehrt zurück nach Europa und schließt sich den Freien Französischen Streitkräften an, die an verschiedenen Fronten gegen Deutschland kämpfen. Die Baroness schlägt sich auf eigene Faust zu ihrem Mann durch, der in Afrika stationiert ist. Sie wird als Übersetzerin, Entschlüsslerin, Rundfunksprecherin und Fahrerin eingesetzt - und soll sogar selbst Lancasterbomber geflogen haben. Nach Kriegsende werden beide, Jules und Nica, für ihre Verdienste um die Befreiung Frankreichs ausgezeichnet. Aber der Krieg hat das alte Europa zerstört, auch vom Landsitz in der Normandie ist nicht mehr viel übrig. Das herrschaftliche Leben und seine vorgegebenen Regeln sind Vergangenheit. Zitatorin 2, Zitat aus Hannah Rothschild, Die Jazz-Baroness, S. 163 „Für Nica war der Krieg ein persönlicher Wendepunkt“ Erzählerin Glaubt Hannah Rothschild, ihre Biographin. Zitatorin 2, Zitat aus Hannah Rothschild, Die Jazz-Baroness, S. 163 „Mit zweiunddreissig Jahren war sie endlich frei und hatte ein anderes Leben kennengelernt.“ Musik 6: Duke Ellington, Black, Brown and Beige Erzählerin Ihr Interesse für Musik beginnt schon in der Kindheit. Ihr Bruder Victor nimmt Klavierunterricht bei Teddy Wilson, einem der wichtigsten Jazz-Pianisten der 30er und 40er Jahre – und Nica lässt sich von seiner Jazzbegeisterung anstecken. Und dann passiert es: Sie hört zwei Stücke und ihr Leben wird nicht mehr sein wie davor. Musik hoch Erzählerin Das eine ist Duke Ellingtons Sinfonie „Black, Brown and Beige“, die 1943 in New York uraufgeführt wird. Nica hört eine Plattenaufnahme in Mexiko, wo sie zu jener Zeit lebt, weil ihr Mann dort nach dem Zweiten Weltkrieg als Diplomat arbeitet. Zitatorin 1, Pannonica de Koenigswarter, nach Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S. 177 „Ich empfing die Botschaft, dass ich dort hingehörte, wo diese Musik gemacht wurde.“ Erzählerin Erinnert sich Nica später an diesen Moment. Zitatorin 1, Pannonica de Koenigswarter, nach Hannah Rothschild, Jazz Baroness, S. 177 „Da war etwas, was ich einfach tun musste. In irgendeiner Form musste ich daran teilhaben. Das war eine vollkommen unmissverständliche Botschaft. Wenig später packte ich meine Koffer. Es war eine echte Berufung. Sehr seltsam.“ Musik 7: Thelonious Monk: „Round Midnight“ Erzählerin 1948 oder 49 reist Nica nach New York. Dort besucht sie, schon auf dem Rückweg zum Flughafen Teddy Wilson, jenen Jazzmusiker, der Klavierlehrer ihres Bruders gewesen war. Er fragt sie, ob sie schon „Round Midnight“ gehört habe, die erste Platte eines jungen Pianisten, sein Name: Thelonious Monk. Zitatorin 1, Pannonica de Koenigswarter, nach Hannah Rothschild, Die Jazz-Baroness, S. 177 „Ich mochte meinen Ohren nicht trauen. Ich hatte noch nie etwas Ähnliches gehört. Ich muss das Stück zwanzigmal hintereinander abgespielt haben. Verpasste meinen Flieger.“ Erzählerin Der endgültige Wendepunkt in ihrem Leben. Sie beschließt, nach New York zu ziehen – und sie beschließt, dass sie jenen Ausnahmemusiker unbedingt kennen lernen muss. Von ihrem Mann hatte sie sich zu diesem Zeitpunkt schon länger entfremdet. Zitatorin 1, Pannonica de Koenigswarter, nach Hannah Rothschild, Die Jazz-Baroness, S 166 „Unsere Ehe ist gescheitert (…) weil mein Mann Marschmusik mochte und meine Schallplatten zerbrach, wenn ich zu spät zum Dinner kam. Und ich kam oft zu spät zum Dinner.“ Erzählerin Ihre Tochter Janka, ein Teenager, geht mit ihr, sie beziehen eine großzügige Suite im vornehmen Stanhope Hotel am Rand des Central Park, mitten in der Stadt. Die anderen vier Kinder bleiben beim Vater - Nica ist bereit, sehr viel aufzugeben, um ihren Traum zu leben. Musik 8: „Bloomdido“ Erzählerin New York ist in den 40er und 50er Jahren die Jazzmetropole, hier treffen sich die kreativsten und innovativsten Musiker. Thelonious Monk gehört damals neben dem Saxophonisten Charlie Parker und dem Trompeter Dizzy Gillespie zu den wichtigen Erneuerern des Jazz. Doch als Nica nach New York zieht, hat Monk ein Auftrittsverbot in der Stadt, wegen eines Drogendelikts. Deswegen lernt sie ihn erst 1954 in Paris kennen, nach einem Konzert, für das sie extra nach Frankreich reist. Sie mögen sich von Anfang an, so erzählt es Nica später. Musik 9: Monk’s Point, Thelonious Monk, von der CD Solo Monk Erzählerin Die beiden haben bis zu seinem Tod 1982 eine sehr enge und besondere Beziehung. Sie sind kein Liebespaar, sondern Freunde, auch Monks Frau Nellie sieht in ihr keine Rivalin, so erzählt es zumindest Monks Sohn Toot: Zitator Toot Monk, nach Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S 221 “Ich weiß nicht, ob sie darüber gesprochen haben oder nicht, aber sie beschlossen für ihn zu sorgen. Sie teilten sich die Aufgabe.“ Erzählerin Thelonious Monk leidet an Stimmungsschwankungen und an Depressionen. Nimmt Drogen und Alkohol. Immer wieder ist er im Laufe seines Lebens zur Behandlung im Krankenhaus oder in der Psychiatrie und bekommt Medikamente. Nellie und Nica kümmern sich gemeinsam um ihn, um seinen Alltag, um seine Ernährung, begleiten ihn auch auf seinen Tourneen. Zitator Toot Monk, nach Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S. 221 “Seit ich acht oder neun war, hatte ich eine Familie, die aus mir, meiner Mutter, meinem Vater, meiner Schwester und Nica bestand.“ Erzählerin Nica hilft Monk auch, seine „Cabaret Card“ wieder zu bekommen, die er braucht, um in New York auftreten zu können. Und sie unterstützt den Pianisten finanziell, denn von der Musik kann Monk seine Familie lange nicht ernähren. Als seine Wohnung abbrennt, nimmt sie sogar die ganze Familie vorübergehend bei sich auf. Doch Monk und Pannonica, der Exzentriker und die vornehme Dame aus der besseren Gesellschaft, verbindet weit mehr als ihr Geld. 2. O-Ton aus Kalenderblatt, DLF, 10.12.2013, Jazzmäzenin Pannonica de Koenigswarter geboren, Autor: Karl Lippegaus Englisch (T. Monk nicht genau zu verstehen) Overvoice (schon vorhanden): „Sie ist eine Rothschild. Ja, ihre Familie hat den englischen König mit Kohle versorgt, damit er Napoleon schlagen konnte. Ich sage allen wer Du bist! Ich bin stolz auf Dich.“ Monk: “She is a billionair” Erzählerin Für Monk sei es entscheidend gewesen, dass sie seine Musik liebte, sagt sein Sohn: Zitator Toot Monk, nach Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S. 224 “Nica war da, als die Kritiker seine Musik nicht verstanden und als die Hälfte der Musiker sie nicht verstanden. Aber sie verstand sie, und das war sehr wichtig für ihn. Deshalb liebte er sie.“ Musik 10: Monk: „Ba-lue Bolivar Ba-lues“ Erzählerin In New York taucht Nica in das Nachtleben ein, besucht jeden Abend die angesagten Jazz-Clubs der Stadt. Zitatorin 2 Hannah Rothschild, Die Jazz Baroness, S 195 „Während der nächsten 30 Jahre veränderte sich Nicas Lebensweise kaum.“ Erzählerin Schreibt ihre Biografin Hannah Rothschild. Zitatorin 2, Hannah Rothschild, Jazz Baroness, S 195 „Sie hörte den Jazz nicht, sie lebte ihn. Sie stand erst auf, wenn es dunkel wurde. Sie ignorierte das Tageslicht, behandelte es mit äußerster Verachtung. Wie die Motte, nach der sie benannt worden war, erwachte sie erst in der Dämmerung zum Leben.“ Erzählerin Ihre Suite im Stanhope Hotel wird zum Treffpunkt der Jazzszene, nach den Konzerten in den Clubs geht es dort weiter bis in die frühen Morgenstunden. Zum wachsenden Missfallen der Geschäftsführung. Im März 1955 gerät die Jazz-Baroness dann ungewollt in die Schlagzeilen. Zitator Daily Mirror „Bop King Dies in Heiress‘ Flat“ - König des Bebop stirbt in Appartement von reicher Erbin Erzählerin Charlie Parker hatte bei ihr Zuflucht gesucht, körperlich am Ende, ausgezehrt von Drogen und Alkohol. Der Saxophonist war auf der Suche nach einem Ort, um sich auszuruhen. Und stirbt vor dem Fernseher in ihrer Suite. Ein tragischer Tod, der ihrem Ruf schadet und für Entsetzen nicht nur bei der Familie in Europa sorgt, sondern auch bei der Geschäftsleitung des Hotels. Pannonica de Koenigswarter in einem ihrer seltenen Interviews: 3. O-Ton Pannonica de Koenigswarter, aus Zeitzeichen, WDR, 17. Februar 1982 – Todestag des Jazzmusikers Thelonious Monk, Autor: Niklas Rudoph Pannonica: I have been living in the Stanhope Overvoice (schon vorhanden): „Ich habe in einem Hotel gelebt, aber…

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    Der Deutsche Herbst - Zwischen RAF und Rasterfahndung Feb 27, 2024
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    Mit dem sogenannten "Deutschen Herbst" sollte die terroristische RAF im Jahr 1977 eine der schwersten Krisen der Bundesrepublik Deutschland auslösen. Das Drama endete blutig. Von Thomas Grasberger (BR 2017)

    Autor dieser Folge: Thomas Grasberger
    Regie: Martin Trauner
    Es sprachen: Christoph Jablonka, Rahel Comtesse
    Technik: Christiane Gerheuser-Kamp
    Redaktion: Thomas Morawetz
    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.
    Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir:
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    Deportation und Exil - Eine polnische Odyssee im Zweiten Weltkrieg Feb 26, 2024
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    Im Zweiten Weltkrieg suchten zehntausende Polinnen und Polen Schutz in Kenia, Tansania, Uganda und Südafrika. Sie hatten eine lange Flucht hinter sich, auf der viele Mitflüchtende gestorben waren. Autorin: Julia Devlin (BR 2017)

    Credits
    Autorin dieser Folge: Julia Devlin
    Regie: Sabine Kienhöfer
    Es sprachen: Christian Baumann, Katja Amberger, Caroline Ebner, Stefan Merki
    Technik: Ursula Kirstein
    Redaktion: Thomas Morawetz

    Im Interview:
    Dr. Tobias Grill, LMU München

    Linktipps:

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    Skurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks.
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    Schwarz, schwärzer am schwärzesten - Die Farbe Schwarz im Tierreich Feb 22, 2024
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    Es gibt ultraschwarze Fische, schwarze Panter und Raben, auch Hunde und Katzen können pechschwarz sein. Tarnung in der Tiefsee oder in der Nacht, aber auch eine Genmutation, Alterserscheinung, Stress oder Mangelernährung können hinter dem Melanismus, der Schwarzfärbung bei Tieren stecken. Autorin: Brigitte Kramer (BR 2021)CreditsAutorin dieser Folge: Brigitte KramerRegie: Frank HalbachEs sprachen: Ditte Ferrigan, Frank ManholdTechnik: Robin AuldRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Lea Schmitz, Sprecherin Deutscher Tierschutzbund, Bonn; Jochen Wolf, Evolutionsbiologe, LMU München; Katrin Vohland, Biologin, Naturhistorisches Museum, Wien. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Musik Z9500650 102 „On Thin Ice“; Zeit: 00:36 O 1 Jochen Funktion Farbe DRÜBER Das ist einerseits die Tarnung. Der Organismus hat damit die Möglichkeit, sich seinem Umfeld anzupassen. Sich zu verstecken. Geräusch Rabe Dann dient die Farbe als innerartliches und auch zwischenartliches Signal ist es wichtig für die Kommunikation, ATMO weg … hat aber auch physiologische Relevanz, da es die Thermo-Regulationen beeinflussen kann. Und im Fall von Melanin bietet es auch Schutz vor Strahlung. Weil Melanine eben UV-Strahlung gut abfangen können. SPRECHERIN … sagt der Evolutionsbiologe Jochen Wolf von der Ludwigs-Maximilians-Universität in München. MUSIK ENDE Je mehr Melanine, also Pigmente, Haut, Federn oder Haare haben, desto dunkler sind sie. Eumelanin (sprich: Oi-Melanin) ist für die Farbe Schwarz zuständig. Melanine sind stammesgeschichtlich uralt, es gab also schon schwarze oder sehr dunkle Dinosaurier, wie über 300 Millionen Jahre alte Fossilien zeigen. Die Farbe Schwarz spielt im Tierreich eine wichtige Rolle, bei Insekten gleichermaßen wie bei in Wirbeltieren. ATMO nachts SPRECHERIN drüber Bei nachtaktiven Tieren beispielsweise. Sie wollen entweder beim Jagen erfolgreich sein oder selber nicht gefressen werden: Viele Würmer, Schnecken, Gliedertiere und Säugetiere sind sehr dunkel, schwarz oder zumindest unauffällig gefärbt. ATMO weg SPRECHERIN Doch bei einigen Tieren entstehen dunkles Fell, Federn oder Haut auch aus einer genetischen Laune heraus: ‚Schwärzlinge‘ sind Tiere, die in ihrer Farbe durch übermäßige Pigmentierung mit Melaninen von der Norm abweichen. Schwarze Panther zum Beispiel, aber auch Pferde, Katzen, Mäuse, Kreuzottern, Meerschweinchen oder Finken … Und: Tiere können vorübergehend schwarz werden, als Reaktion auf Stress, weil sie altern, wie manche Schildkrötenarten zum Beispiel, bei Mangelernährung oder bei Lichtmangel – oder weil sich die Umweltbedingungen verändert haben. Ein Beispiel für den so genannten Industrie-Melanismus sind die Birkenspanner von Manchester, Nachtfalter, die sich eigentlich mit ihren hell-grau-gemusterten Flügeln perfekt an die Stämme der Birken angepasst hatten. Bis im 19. Jahrhundert die Schornsteine begannen, Ruß in die Luft zu pusten und sich die Birkenstämme schwarz färbten. Jochen Wolf: O 1a Jochen Birkenspanner Und 1848 hat man die erste schwarze Morphe des Birkenspanners in Manchester entdeckt und bereits weniger als 50 Jahre später, 1895, waren 98 Prozent der Population schwarz. Und diese schwarze Mutation wurde durch Selektion verändert. Und dann aber in den 1970er Jahren, als dann Rußfilter eingeführt wurden und die Birken so langsam wieder ihren Ursprungszustand angenommen haben, wurden die Populationen wieder weiß. Und das ging innerhalb von 20 Jahren. SPRECHERIN `Durch Selektion verändert´ heißt im Klartext: Die hell-gemusterten Falter fielen auf den rußigen Birkenstämmen derart auf, dass sie sofort gefressen wurden. Die dunklen überlebten und trugen ihr Erbgut und mit ihm ihre Melanine weiter. MUSIK C1044980 009 „Deep“; ZEIT: 01:37 & ATMO Unter Wasser SPRECHERIN drüber Auch Tiere in dunklen Lebensräumen sind schwarz – die Fische der Tiefsee zum Beispiel. Forscher haben im Golf von Mexiko entdeckt, dass es mindestens 16 Fischarten gibt, die mehr als 99,5 Prozent des Lichtes, das sie trifft, absorbieren. Sie leben in einer Tiefe von 1.500 Metern in ewiger Dunkelheit. Doch das Licht, das ihre Haut schluckt, ist kein Tageslicht, sondern stammt von Leuchtorganen anderer Fische. Die senden Lichtsignale aus, um mögliche Beutetiere aufzuspüren. Die „ultraschwarzen“ Fische aber bleiben unentdeckt. Das heißt, wenn das Licht eines Raubfisches auf sie fällt, ist da einfach nichts zu erkennen. Den ‚Tarnungs-Rekord‘ leistet der kleine, schuppenlose Laternenfisch der Gattung Oneirodes: Seine Haut wirft weniger als 0,04 Prozent des Lichtes zurück, dank einer sehr dünnen, aber sehr dicht mit Pigmenten bestückten Schicht unter der Hautoberfläche. Beinahe lückenlos sind hier die so genannten Melanosomen, die Pigmentkörperchen in den Zellen, verteilt. Sie geben dem Oneirodes-Fisch seine ultraschwarze Erscheinung: Er ist so dunkel, dass kein Körper und kaum ein Umriss erkennbar sind, wenn ein Lichtstrahl auf ihn fällt. Der kleine Fisch wirkt einfach wie ein schwarzes Loch. Bei vielen anderen, dunkel pigmentierten Fischen sind die Pigmentzellen in der Haut durch Kollagen und andere Zellen voneinander getrennt, deswegen sind sie nicht so tiefschwarz. MUSIK ENDE ATMO Gabun-Viper SPRECHERIN drüber In Kombination mit anderen Farben dient die Farbe Schwarz oft auch als kontrastierendes Element, das das mehrfarbige Federkleid oder die gescheckte Haut noch attraktiver macht – oder sie noch besser tarnt. MUSIK privat Take 001 „March oft he Shadow“; Album: Best African Music; Label: Goldensong – None; Interpret: Arnaud Gauthier; Komponist: Arnaud Gauthier; ZEIT: 00:28 SPRECHERIN drüber Die Westafrikanische Gabun-Viper setzt die Farbe Schwarz äußerst geschickt ein: Sie ist eine sehr große, schwere Giftschlange und lebt auf dem Waldboden. Um dort nicht aufzufallen, hat sie eine scheckige, teils geometrische Färbung aus tiefschwarzen und hell-bräunlichen Stellen. Das macht sie im Laub nahezu unsichtbar, ja löst ihre Konturen auf, denn das Schwarz wirkt auch hier nicht wie ein Körper, sondern eher wie eine Lücke. MUSIK ENDE SPRECHERIN drüber Bei der Gabun-Viper sorgen nicht nur Pigmente, sondern Mikro- und Nano-Strukturen ihrer Schuppen dafür, dass auftreffendes Licht fast vollständig absorbiert wird. Tiefes Schwarz entsteht in unserer Wahrnehmung also nicht nur durch dunkle Färbung, sondern auch durch Oberflächenstruktur von Schuppen, Federn oder Panzern. Katrin Vohland (sprich: Foland) vom Naturhistorischen Museum in Wien: 0 2 Katrin Nanotubes Und dann hat man festgestellt, dass es auch Nanostrukturen gibt im Tierreich zum Beispiel bei dem Paradiesvogel, aber zum Teil auch bei Spinnen, die das Licht so oft reflektieren und brechen, dass eben davon überhaupt nichts mehr übrigbleibt. Oder auch bei Schmetterlingen hat man das gefunden. Die sind so schwarz wie dieser Tiefseefisch, also sind auch ultraschwarz. Also das sind so kleine Nanotubes aus Chitin. Und das ist auch noch mal ein anderer Mechanismus, als wenn man ein schwarzes Pigment im Fell hat. SPRECHERIN Chitin ist ein Bestandteil des Außenskeletts vieler Gliederfüßer. Nanotubes sind winzig kleine Röhren, die beispielsweise die Oberfläche von tiefschwarzen Schmetterlingsflügeln bilden. Die Falter der Heliconius-Familie leben in Mittel- und Südamerika und haben intensiv gefärbte Flügel: Zitronengelb-Tiefschwarz, Leuchtrot-Tiefschwarz, Knallblau-Tiefschwarz. Sie nutzen ihre Farbsignale sowohl zur innerartlichen als auch zu zwischenartlichen Kommunikation: Fressfeinden täuschen sie vor, giftig zu sein. Ein klarer Fall von Mimikry, also Signalisierung falscher biologischer Tatsachen. Und unter ihresgleichen dienen die schwarzbunten Kontraste dem Anlocken von Geschlechtspartnern. Männliche Tiere wollen in ihrer Auffälligkeit Weibchen anziehen, denn die Farbe Schwarz bringt andere Farben erst richtig zum Leuchten. Katrin Vohland: O 3 Katrin Female Choise Allgemein geht man davon aus, alles was man sieht, hat einen evolutionären Vorteil. Also Tiere, die farbig sind, sind attraktiver für Geschlechtspartner. Man spricht ja oft auch von ‚Female Choice‘. Also letztlich investieren die Weibchen mehr in der Fortpflanzung und wählen sich dann entsprechend die Tiere aus. Bei einigen von den Tieren, die tatsächlich schwarz sind, die haben oft bunte Punkte, die dann sehr attraktiv wirken und auch eine Signalwirkung haben. ATMO Paradiesvögel im Wald SPRECHERIN drüber Rekord-Halter in diesem Farbenspiel sind da sicher die Paradiesvögel, die vor allem auf der Insel Neuguinea in Austral-Asien leben. Den männlichen Tieren verleihen dunkle Pigmente und winzige Nano-Strukturen auf der Oberfläche ihrer Federn ein samtiges, superschwarzes Aussehen: Die schwarzen Federn absorbieren je nach Einfallwinkel 0,05 bis 0,31 Prozent des Lichtes. Daneben oder dazwischen wachsen dann schillernde und bunt leuchtende Federn. Der Aufwand ist zielführend: Paradiesvögel sind polygyn, das heißt, Männchen paaren sich nach Möglichkeit mit mehreren Weibchen. ATMO ENDE ATMO Fliege SPRECHERIN drüber Ganz bescheiden kommen dagegen viele schwarze Insekten daher. Fliegen zum Beispiel. Sie wollen weder auftrumpfen noch etwas vortäuschen. Sie sind aus ganz anderen Gründen schwarz: Ihr schwarzer Körper erleichtert ihnen schlicht das Überleben: A 5 weg O 4 Katrin Insekten Insekten, die ja nicht selber Energie produzieren, sondern davon abhängig sind, dass Energie von außen kommt, wärmen sich schneller auf, wenn es warm ist. Das könnte einfach ihren Wärmehaushalt und damit ihre Mobilität unterstützen. SPRECHERIN Schwarz absorbiert das komplette Lichtspektrum und nimmt dabei auch die Wärme des Lichts auf. Das bringt nicht nur Insekten, , sondern auch Tieren in kalten Regionen Vorteile. Jochen Wolf: 0 5 Jochen Eisbär drüber Der Eisbär ja, der ist ja weiß, wenn man den Eisbären aber rasieren würde, dann wäre der pechschwarz. Also die Haut des Eisbärs ist schwarz, aber die Fellfarbe ist weiß. Und das hat beim Eisbär den ganz einfachen Sinn, dass der weiße Eisbär natürlich wunderbar getarnt ist. Der muss weiß sein, wenn er auf Robbenjagd geht sonst wird er zu früh entdeckt. Andererseits dient aber die schwarze Hautfarbe dazu, dass er mit der Kälte besser klarkommt. Er kann sich einfach aufwärmen und die Haare sind auch noch besonders gestaltet, sodass sie ganz viel Licht durchlassen und auf die Haut reflektieren. SPRECHERIN Die schwarze Haut des weißen Eisbären sieht man übrigens an den unbehaarten Stellen: Nase, Schleimhäute des Mundes und Augen. ATMO Sumpf nachts SPRECHERIN drüber Auf Menschen wirken schwarze Tiere oft unheimlich. Bei schwarzen Hunden denken vor allem im englischsprachigen Raum Viele an den „Black Dog“. Ein wahrer Höllenhund also, der als Zeichen des Todes gedeutet wird. SPRECHERIN Dabei ist es im wahren Leben genau andersrum: Für viele Hunde ist es ein wahres Unglück, mit einem schwarzen Fell zur Welt zu kommen – auch heute noch. In den USA spricht man mittlerweile vom „Black Dog Syndrome“, oder vom „Big Black Dog Syndrome“, dem Syndrom großer schwarzer Hunde, die wenig Chancen auf eine Adoption haben. ATMO ENDE ATMO 8 Katze hoch SPRECHERIN drüber Schwarze Katzen dagegen setzten lange Zeit christlich geprägte Assoziationen frei, wurden mit dem Teufel und Hexen assoziiert oder schlicht als Unglücksbringer abgestempelt. Vielen brachte ihre Fellfarbe früher tatsächlich den Tod. Katrin Vohland: ATMO kurz hoch, dann weg O 6 Katrin Was man auch weiß, ist, dass man ganz schwarze Katzen früher umgebracht hat. Das heißt, die Katzen, die immer noch ein weißes Fleckchen hatten, hatten eine höhere Überlebenschance. Das heißt, hier wird gewissermaßen ein künstlicher oder ein von Menschen gemachter Selektionsdruck auf die Katzen. Deswegen findet man offenbar sehr wenig schwarze Katzen ... SPRECHERIN … also rein schwarze Katzen, ohne weißes Fleckchen. Eine Umfrage des Deutschen Tierschutzbundes in deutschen Tierheimen hat Vorurteile gegenüber schwarzen Haustieren bestätigt: Lea Schmitz: O 7 Lea länger sitzen Eine Katze, die irgendwie grau getigert ist, die wird sicherlich schneller Interessenten finden als ein schwarzes Tier. Die sind auch oft so ein bisschen unsichtbar, also die werden so’n bisschen übersehen. Und wenn da so ein gemustertes Tier, helle Farbe, ist, wirkt vielleicht irgendwie freundlicher. Die finden dann schnell ein neues Zuhause und die schwarzen Tiere bleiben definitiv oft öfter länger im Tierheim sitzen. SPRECHERIN 550 Tierheime sind dem Tierschutzbund angeschlossen. Bei der Umfrage haben 313 Einrichtungen teilgenommen. Insgesamt hat rund die Hälfte der teilnehmenden Tierheime bestätigt: Schwarze Hunde und Katzen haben es schwer, ein neues Zuhause zu finden. Viele sind so genannte „Dauersitzer“, verbringen schon ihr halbes Leben oder mehr im Heim.Gründe für die Ablehnung der Menschen sind übrigens nicht nur Angst oder Aberglaube, wie Lea Schmitz weiß: O 8 Lea Da spielt dann das Thema Ästhetik eher noch eine Rolle. Also, dass die einfach nicht so als schön empfunden werden, auch Fotogenität. Also die Leute machen ja heute viele Fotos auch von ihren Tieren, teilen die in den sozialen Medien. Und ein schwarzes Tier ist vielleicht nicht ganz so einfach zu fotografieren, weil man einfach so die Umrisse, die Mimik einfach nicht so gut wahrnimmt. SPRECHERIN ((Deswegen hat der Tierschutzbund im Oktober 2020 die Kampagne „Schwarze Tierheimtiere“ gestartet, um mit den Vorurteilen aufzuräumen. Unter anderem wurde ein Fotowettbewerb ausgeschrieben für schwarzer Tiere und eine „Top-Ten-Liste“ schwarzer Tierheimtiere im Netz publiziert, die besondere Menschen brauchen.)) Denn wenn zur schwarzen Fellfarbe andere „Vermittlungshemmnisse“ kommen, wie Kristina Berchthold vom Münchner Tierschutzverein sagt, dann wird es richtig schwierig: Tiere mit Leinenaggression oder solche, die sich mit Artgenossen nicht vertragen ... ATMO Hundegebell hoch, dann weg SPRECHERIN: Nur, warum ist das so? Ist denn was dran an dem Vorurteil, dass schwarze Tiere aggressiver sind als andere? Der Evolutionsbiologe Jochen Wolf hat sich diese Frage auch gestellt: O 9 Jochen Wolf Stresshormon-Achse Fürs Verhalten wahrscheinlich am wichtigsten ist der Zusammenhang der Melano-Genese, also der Herstellung von Melanin mit der sogenannten Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinde-Achse, HPA Achse, das wird auch Stressachse genannt und das ist einfach ein System in Wirbeltier-Organismen, was zwischen mehreren Hormondrüsen kommuniziert … SPRECHERIN … Drüsen, Hormone und Teile des Mittelhirns interagieren im Verlauf dieses Stress-Reaktions-Stoffwechselweges. Stoffwechsel findet permanent in den Zellen statt: Er ist ein biochemischer Prozess, bei dem etwas auf-, ab- oder umgebaut wird, zum Beispiel bei der Atmung, der Energiegewinnung, der Entgiftung – oder eben auch bei der Stressreaktion. Vorangetrieben und gesteuert werden diese Stoffwechselprozesse in den Zellen von Enzymen. Und Enzyme sind Eiweißverbindungen, die mach sich wie winzig kleine Maschinen vorstellen kann, die die biochemischen Prozesse im Organismus katalysieren. Der Bauplan der Enzyme ist in der genetischen Information in jeder Zelle gespeichert. Und weil Stoffwechselwege untereinander vernetzt sind, kann ein und dasselbe Enzym in unterschiedlichen, zellulären Prozessen eine Rolle spielen kann – bei Stressreaktion und bei der Pigmentierung zum Beispiel: O 10 Jochen Wolf Zusammenhang da Diese HPA Achse, wenn man sich die Stoffwechselwege anschaut, überlappt die oder steht die in Verbindung mit dem Melanom-Genese-Stoffwechselweg. Und so kann man sich schon vorstellen, dass Mutationen in diesem Bereich Auswirkungen auf beides haben, auf Farbe und auf den Hormonen-Stoffwechsel und vor allem auf den Stresshormon-Stoffwechsel. SPRECHERIN Allerdings heißt das noch nicht, dass dunkle Tiere aggressiver auf Stress reagieren. Wissenschaftler in…

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    Tarnen und Täuschen - Alles Natur Feb 22, 2024
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    Tiere und Pflanzen haben erstaunliche Überlebenstricks entwickelt: Manche täuschen vor, gefährlich zu sein, obwohl sie es nicht sind. Andere locken potenzielle Partner und ahnungslose Opfer mit falschen Signalen in die Falle. Der Einfallsreichtum der Natur ist erstaunlich, wenn es um Täuschen und Tarnen, um Mimikry und Mimese, geht. Iska Schreglmann im Gespräch mit dem Biologen Thassilo Franke. (BR 2022) CreditsAutorin dieser Folge: Iska SchreglmannEs sprachen: Iska Schreglmann im Gespräch mit Dr. Thassilo FrankeRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Dr. Thassilo Franke, Biologe am BIOTOPIA Lab in München Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Mimikry - Wie täuschende Tiere enttarnt wurdenJETZT ANHÖREN Tiere im Winter – Alles NaturJETZT ANHÖREN Was macht Moore so wertvoll? - Alles NaturJETZT ANHÖREN Linktipp: Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung:BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Dr. Thassilo Franke Die Wespe ist ein schönes Beispiel. Die hat diese typische, schwarz-gelb geringelte Warntracht, die man in der Natur sehr häufig findet. Dann geht das große Maul auf und saugt diesen armen Fisch ein. Dann wird eben der Jäger zum Gejagten und gefressen. Es gibt auch viele Betrüger, die so tun, als wären sie giftig. Sprecherin Alles Natur, Tarnen und Täuschen. Iska Schreglmann im Gespräch mit dem Biologen Thassilo Franke. Iska Schreglmann Den anderen hinters Licht zu führen, das kennen wir aus der Welt der Menschen ja wirklich zu genüge. Hinterhältige Tricks sind aber auch bei Tieren und Pflanzen sehr verbreitet. Sie existieren auf unserem Planeten ja schon wesentlich länger als wir und haben die Mimikry, also das Täuschen und Tarnen, im Lauf der Jahrmillionen perfektioniert. Dr. Thassilo Franke wird uns gleich faszinierende und teils auch etwas bizarre Beispiele vorstellen. Herr Franke, Sie haben hier auf dem Tisch im Studio schon eine ganze Reihe von Dingen ausgebreitet, über die wir im Lauf der Sendung sprechen werden und die, ehrlich gesagt, erst einmal etwas kurios anmuten. Dr. Thassilo Franke Ja, also, ich habe ein paar Sachen mitgebracht. Zum einen ist da ein aggressives Putzmittel und dann zwei Warnschilder, ganz deutlich schwarz, gelb gefärbt, einen Angelköder und - das ist eigentlich das schönste Exponat, was hier heute auf dem Tisch liegt - das ist ein Balk, also ein präparierter Vogel, ein ausgestopfter Vogel. Und zwar handelt sich hierbei um einen Ziegenmelker. Iska Schreglmann Das müssen wir beschreiben. Wenn ich jetzt nicht wüsste, dass es ein Vogel ist, würde ich sagen, es ist ein Stück große Baumrinde und wenn man es anfasst, merkt man natürlich, dass es ganz ganz weich ist. Das sind Federn. Dr. Thassilo Franke Ja, das ist ganz weiche Baumrinde und genau das will der Vogel damit auch erreichen. Wir haben es hier mit einem sehr schönen Beispiel von Krypsis zu tun, also Tarnung oder auch somatolyse Körperauflösung, so nennt man das in der Wissenschaft. Das ist ein in Vogel, der ganz ausgezeichnet getarnt ist. Und sie sehen auch diese Bänderung, diese rindenartige Bänderung auf dem Gefieder, die geht auch in eine gewisse Richtung, hat also eine Längsrichtung, in der sie verläuft. Und wenn der Vogel ruht, dann setzt er sich auf einen grob berindeten, horizontalen Ast. Er setzt sich nie quer drauf. Er setzt sich immer längst drauf, was für Vögel eher ungewöhnlich ist, normalerweise sitzen Vögel quer auf einem Ast. Der sitzt immer längst auf einen Ast, damit man ihn eben für so einen kleinen Stumpf hält, der von diesem Ast absteht. Iska Schreglmann Von der Farbe her ist es wirklich auch exakt so, wie eine marmorierte Baumrinde, also sämtliche Brauntöne von dunkelbraun bis zu hellbeige, würde ich sagen. Dr. Thassilo Franke Wenn man ihn so auf dem Boden liegen sehen würde, also zwischen Blättern oder Kiefernnadeln zum Beispiel, oder altem abgestorbenem Gras, dann wäre er auch vollkommen unsichtbar. Und natürlich fragt man sich dann, warum macht der Vogel so was. Warum tarnt er sich überhaupt zu gut? Warum hat er das überhaupt nötig? Iska Schreglmann Also wer hat es auf ihn abgesehen? Dr. Thassilo Franke Wer hat es auf ihn abgesehen, genau. Am gefährlichsten ist eigentlich sein Leben, wenn er auf dem Boden sitzt und sein Ei ausbrütet, weil, dann kommt er ja wirklich mit Ratten im Begegnung mit Mardern, Wieseln und dergleichen. Aber Gefahr droht auch aus der Luft, zum Beispiel vom Habicht oder sogar von Vögeln wie Krähen, die, wenn die ihn - so einen relativ kleinen, also nicht sonderlich groß, der ist vielleicht wie groß, kann man sagen, das der ist…? Iska Schreglmann Naja, länger als Ihre Hand würde ich sagen. Dr. Thassilo Franke 20 Zentimeter ungefähr, würde ich sagen ist er von der Schnabelspitze bis zur Schwanzspitze. Ist also wirklich kein besonders großer Vogel. Und wenn der natürlich da mit auffälligem Gefieder auf dem Boden sitzen würde, würde der natürlich sofort erbeutet werden. Iska Schreglmann So, jetzt haben wir aber über eine klassische Tarnung gesprochen. Also dieser Vogel sitzt auf einem Baumstamm auf der Rinde, beziehungsweise auf dem Boden, und kann so schwer entdeckt werden von Fressfeinden. Jetzt gibt's aber Tiere, die noch ganz andere Tricks auf Lager haben, um Fressfeinde zu Narren. Dr. Thassilo Franke Ein Trick ist zum Beispiel vorzugeben, etwas zu sein, etwas Gefährliches zu sein, was man aber in Wirklichkeit nicht ist. Und da gibt es auch schöne Beispiele aus der Vogelwelt, und zwar bei höhlenbrütenden Vögeln kennt man das. Auch in der heimischen Vogelfauna, zum Beispiel unsere Meisen können das sehr gut machen, wenn sich jetzt ein Raubtier zum Beispiel einer Baumhöhle nähert oder in ein Vogelhaus rein schaut. Man kann es auch selber, sollte es aber nicht probieren, aber wenn man es täte, wenn man doch mit dem Finger reingehen würde, da würde die Blaumeisen-Mutter, die auf dem Gelege sitzt und brütet, dann laut fauchen, und dieses Zischen, dieses Fauchen, hört sich genauso an wie das Zischen einer Schlange. Und nachdem ja der Beutegreifer, der von außen in die Höhle eindringen will, im Dunkeln der Höhle nichts sieht, aber dieses Zischen hört, kriegt er es mit der Angst zu tun, weil ja so ein kleines Wiesel auch von einer Schlange überwältigt werden kann und sucht sofort das Weite. Iska Schreglmann Nun haben wir über verschiedene Täuschungsmanöver schon gesprochen, und es gibt dafür auch wissenschaftliche Begriffe, also akustische Mimikry, zum Beispiel, Schreck Mimikry oder auch Bates’sche Mimikry. Dr. Thassilo Franke Also wenn bei uns von Mimikry die Rede ist, ist eigentlich fast immer von der Bates‘schen Mimikry die Rede. Bates‘sche Mimikry heißt sie, weil sie von einem Naturforscher namens Bates entdeckt wurde. Henry Walter Bates war ein ganz begnadeter Naturforscher, und dabei ist ihm aufgefallen, dass eine Gruppe von Schmetterlingen völlig aus dem Rahmen fiel. Er hat viele Schmetterlinge gefangen, aber die sind meistens weggeflogen. Wenn er sich angepirscht hat, sind sie dann in die Baumkronen rauf oder haben sich im Schatten des Waldes versteckt. Aber eine Gruppe, die flog unbeirrt, ganz langsam, gaukelnd durch die Gegend und hat sich von ihm nicht beeindrucken lassen, hat sich auch ganz leicht fangen lassen. Er hat sich die dann angeschaut und hat gemerkt, dass sie so einen faulen Geruch verströmen und ist dann auf die Idee gekommen: Okay, die haben auch sehr auffällige Flügel, Zeichnungen, die sind mit Sicherheit giftig. Durch ihre bunte Farbe und ihren langsam gaukelten typischen Flug zeigen Sie Vögeln: Vorsicht, ich bin giftig. Iska Schreglmann Und welche Farben sind das dann? Dr. Thassilo Franke Das sind meistens orange-, schwarz- und gelbfarben bei diesen Schmetterlingen und diese giftigen Schmetterlinge, die gehören in die Familie der Glasflügler. Das sind Edelfalter. Und von denen weiß man auch heute, dass die ausgesprochen giftig sind. Was ihm aufgefallen ist, und zwar erst beim genaueren Hinschauen, erst als er die Falter in der Hand hatte, dass es noch andere gab, die exakt genauso aussahen, aber zu einer ganz anderen Schmetterlings-Verwandtschaft gehörten. Und bei diesen giftigen Faltern handelt es sich um Edelfalter. In unserer heimischen Schmetterlingsfauna gehört da zum Beispiel das Tagpfauenauge rein und bei der anderen Schmetterlingsgruppe, die genauso aussah, bei der handelt es sich um Weißlinge. Vielleicht ist jedem der Kohlweißling ein Begriff. Iska Schreglmann Ich denke schon. Das ist ja einer der häufigsten Falter bei uns. Dr. Thassilo Franke Und das ist eine ganz andere Schmetterlings-Verwandtschaft, also Edelfalter und Weißlinge sind überhaupt nicht verwandt. Und das hat ihn stutzig gemacht. Also im Endeffekt hat er Paare gefunden von diesen Edelfaltern, diesen giftigen und dem völlig ungiftigen Weißling, die exakt gleich aussagen. Und da hat es dann Klick gemacht und er hat gesagt okay, alles klar ist ja logisch, der eine, der ist ein Betrüger, der tut einfach so, als ob er giftig wäre. Also, er bedient sich dieser Warnsignale, des anderen, der wirklich gefährlich ist und vermeidet dadurch, von einem Vogel gefressen zu werden. Iska Schreglmann Für diese Strategie gibt es ja im Tierreich noch mehrere Beispiele, wenn wir an dieses schwarz-gelb gestreifte Muster der Wespen denken. Dr. Thassilo Franke Ja genau. Also im Endeffekt auch, was wir vorhin bei den Schmetterlingen hatten, diese auffälligen Flügel Zeichnungen. Da haben wir es mit Warnsignalen zu tun. Aposematische Zeichnung nennt man das in der Wissenschaft, also gefährlich. Jeder, der so aposematisch gezeichnet ist macht eigentlich darauf aufmerksam, dass er gefährlich ist. Aber nicht jeder… Iska Schreglmann Die einen sind ja auch gefährlich, nämlich die Wespen. Dr. Thassilo Franke Genau, die Wespe ist ein schönes Beispiel. Die hat diese typische, schwarz-gelb geringelte Warntracht, die man in der Natur sehr häufig findet. Es gibt zum Beispiel Schmetterlingsraupen, die auch schwarz-gelb geringelt sind, wie der Jakobskrautbär, den man vielleicht kennt. Das ist ein Schmetterling, dessen Raupe sich gefährliche Giftstoffe ihrer Nahrungspflanze zu eigen machen. Pyrrolizidinalkaloide heißen die, die sind im Jakobskreuzkraut enthalten. Das ist eine ganz gefährliche, giftige Pflanze, die auch von der Landwirtschaft bekämpft wird, weil sich eben Weidevieh auch daran vergiften kann. Und dieser Raupe macht eben dieses Gift nichts aus, aber sie lagert das Gift in ihrem Körper ein und wird dadurch extrem giftig. Und vor dieser Giftigkeit warnt sie mit dem gleichen Signal, wie die Wespe vor ihrer Giftigkeit warnt. Iska Schreglmann Gut. Das heißt das macht ja dann in dem Fall auch Sinn, dass der Vogel diese Raupe nicht frisst. Dr. Thassilo Franke Und da sprechen Sie einen ganz wichtigen Punkt an, nämlich, man muss überlegen, woher weiß der Vogel überhaupt das schwarz-gelb gefährlich ist? Iska Schreglmann Ist das Erfahrung? Dr. Thassilo Franke Genau. In diesen sauren Apfel muss jeder junge Vogel irgendwann mal beißen, dass er tatsächlich so ein schwarz-gelb geringeltes, saftiges Insekt, sich schnappt und dann eben mit dem Giftstachel in Berührung kommt und gestochen wird, dort sich elend fühlt oder die giftige Raupe frisst und dann erbrechen muss und eine fürchterliche Magenverstimmung hat. Und diese Erfahrung lehrt dann diesen Vogel, den naiven Vogel - man spricht von naiv, also bevor er diese Erfahrungen gemacht hat, weil es eben nicht angeboren ist und das merkt er sich dann von dem Zeitpunkt an und meidet eben alles, was diese Signal-Zeichnungen vorweist. Und das ist im Regelfall auch vernünftig. Aber in manchen Fällen ist es eben überflüssig, weil es gibt eben auch viele Betrüger innerhalb der Tiere, die so tun, als wären sie giftig. Man denke an die Schwebfliege. Das ist das klassische Beispiel, was auch in jedem Schulbuch drinsteht. Die Schneepflüge ist auch schwarz-gelb gestreift, ist vollkommen harmlos, hat keine Giftstoffe. Wäre eigentlich ein wunderbarer Leckerbissen, aber die Amsel, die einmal eine Wespe gefressen hat, die macht einen weiten Bogen um die Schwebfliege, weil sie gar nicht erst ausprobieren will, ob die nicht auch stechen kann. Das ist einfacher dann eben weiterzufliegen und sich eine schwarze Fliege zu schnappen. Iska Schreglmann Und da gibt es auch einen bekannten Forscher, einen Biologen, der genau diese Strategie entdeckt hat, nämlich Fritz Müller. Fritz Müller, der vor 200 Jahren geboren wurde und in Wirklichkeit Johann Friedrich Theodor Müller hieß. Dr. Thassilo Franke Ja, früher waren diese langen Namenskolonnen sehr in Mode. Er hat beobachtet, beobachtet, beobachtet, und er hat alles aufgeschrieben. Er hat dann irgendwann Charles Darwins Buch „Die Entstehung der Arten“ gelesen, war vollkommen fasziniert davon und hat dann eigentlich eifrig Daten gesammelt, Fakten gesammelt und hat die in Briefen immer wieder an Darwin kommuniziert. Und darunter waren eben auch solche Beobachtungen an Schmetterlingen, wo ihnen aufgefallen ist, dass nicht, wie Bates es gesagt hat, es ungiftige Schmetterlinge gibt, die sich der gleichen Warnzeichnungen wie giftige bedienen, sondern dass es auch verschiedenste, nicht näher miteinander verwandte, giftige Schmetterlinge gibt, die mit der gleichen Warntracht werben, die nicht verwandt sind, und das nennen wir heute Signalnormierung. Also, es ist eigentlich in der Technik weit verbreitet, aber dass es so etwas auch im Tierreich gibt, das ist zum ersten Mal Fritz Müller aufgefallen. Iska Schreglmann Und doch nicht nur im Tierreich. Wenn ich mich jetzt hier umschaue und zu unseren Requisiten gucke, die hier auf dem Studiotisch vor uns ausgebreitet liegen, da gibt es ja auch einige signale Leuchtfarben aus unserer menschlichen Welt. Also jetzt diese Putzmittelflasche hier zum Beispiel, die ein auffälliges gelb-schwarzes Etikett trägt. Dr. Thassilo Franke Ja, das ist eine Flasche mit einem Putzmittel, die davor warnt, dass die Flüssigkeit da drin ätzend ist. Ich bin heute früh auch schon so einem Warnzeichen begegnet, und zwar ich habe, bevor ich hier ins Studio kam, einen Antigen-Schnelltest gemacht. Und da ist ja häufig so ein kleines Plastiktütchen mit drin, wo man dann eben diesen mit Nasenschleim durchsetzten kleinen Tupfer entsorgen kann. Iska Schreglmann Ich glaube jeder weiß, was Sie meinen… Dr. Thassilo Franke Und da steht nämlich hier ein wunderschönes - schauen Sie mal, sehen Sie was da drauf ist? Iska Schreglmann Ja, Biohazard - Das ist auch ein Symbol, schwarz auf neongelbem Hintergrund. Das davor warnen soll, dass man das eben nicht anfassen soll. Und hier ist auch noch ein ausgedrucktes Schild, was vor Radioaktivität warnt, das kennt wahrscheinlich auch jeder dieses schwarze Dreieck auf neongelbem Grund. Dr. Thassilo Franke Genau das sind Warnzeichen. Immer diese gelbe Farbe, die schwarze Beschriftung. Das ist die Signalnormierung, zum Beispiel, für Warnzeichen. Iska Schreglmann Wobei man sagen muss, dass wir Menschen einen entscheidenden Vorteil haben gegenüber den Tieren, weil wir nicht erst Radioaktivität erleben müssen oder scharfe Putzmittel, um die Feststellung zu machen, dass wir davon lieber die Finger lassen sollten, sondern wir vertrauen dieser Signalnormierung. Aber es gibt ja auch noch ganz andere Arten der Abschreckung nicht durch Optik, sondern zum Beispiel durch Gerüche. Dr. Thassilo Franke Ja, es gibt auch eine olfaktorische Mimikry, nennt man das. Da ist wahrscheinlich noch ziemlich viel zu erforschen. Man hat sich am Anfang immer eher auf diese optischen Reize, weil wir Menschen eben auch Augentiere sind, konzentriert. Aber es gibt auch Gruppen von L…

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    Die Eltern im Kopf - Lebenslange Begleitung Feb 21, 2024
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    Der Einfluss der Eltern auf ihre erwachsenen Kinder ist groß. Von klein auf hat deren Weltsicht ihr Verhalten geprägt. Existentielle Entscheidungen wie die Berufs- und Partnerwahl folgen oft vorgegebenen Mustern und erfüllen unbewusst Wünsche der Eltern. Die Ablösung vom Elternhaus ist ein lebenslanger Prozess. Autorin: Silke Wolfrum (BR 2022)

    Credits
    Autorin dieser Folge: Silke Wolfrum
    Regie: Frank Halbach
    Es sprachen: Christoph Jablonka, Christopher Mann
    Technik: Regine Elbers
    Redaktion: Susanne Poelchau

    Im Interview:
    Sandra Konrad (Psychologin, systemische Familientherapeutin, Buchautorin);
    Bettina Isengard (Dr.; Soziologin an der Universität Zürich)

    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

    Linktipps:
    Wir empfehlen diesen informativen Beitrag von ARD alpha:
    EINMAL KIND, IMMER KIND? Wie eine gute Beziehung zu euren Eltern gelingen kann
    JETZT LESEN

    Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

    Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast
    Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek.
    ZUM PODCAST


    Kriegsenkel - Das besondere Erbe dieser Generation Feb 21, 2024
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    Transgenerationale Weitergabe nennen Psychologen das Phänomen der emotionalen Weitergabe von Kriegserlebnissen während des Zweiten Weltkriegs, von dem wohl rund ein Drittel der Kriegsenkel betroffen ist. (BR 2017) Autorin: Daniela RemusCreditsAutorin dieser Folge: Daniela RemusRegie: Eva DemmelhuberEs sprachen: Christiane Roßbach, Johannes Hitzelberger, Carsten Fabian, Rahel Comtesse, Peter VeitTechnik: Gerhard WichoRedaktion: Susanne Poelchau Im Interview:Sabine Bode, Journalistin, Köln;Christina Kanese, Finanzberaterin, Hamburg;Matthias Lohre, Journalist, Berlin;Prof. Hartmut Radebold, Altersforscher, Kassel;Prof. Luise Reddemann, Psychoanalytikerin, Köln Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir:ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSENSkurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks.DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks.EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek.ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Musik „Lethargia (more red)“, Matthias Deger/Andreas Suttner Take 1 (O-Ton Lohre) „Es war immer eine bleierne Atmosphäre bei uns zu Hause, weil unser Vater doch die Ruhe haben wollte und weil unsere Mutter doch letztlich auch Ruhe haben wollte und immer Angst hatte, dass unser Vater noch wütend wird.“ Musik kurz freistehend Take 2 (O-Ton Kanese) „Warum hatte ich so eine Angst davor, als junges Mädchen ver¬ge¬waltigt zu werden? Natürlich klar, ist das so in der Gesellschaft, pass auf und so, aber es ist eine ganz reale Angst, obwohl nie in irgendeiner Form irgendwas mal ge¬we¬sen ist, ich habe wirklich keine Angst haben müssen, wo man dann auch irgendwie denkt, wo kommt das her?“ Musik endet / Musik „Torture chamber“, Andreas Suttner/Anselm C. Kreuzer Erzählerin: Die Finanzexpertin Christina Kanese und der Journalist Matthias Lohre wurden 1973 und 1976 geboren. Ihre Eltern haben den Zweiten Weltkrieg als Kinder erlebt. Mit Nächten im Bombenkeller, Todesangst und Panik. In bren¬nen¬den Städten, bei eisiger Kälte, auf der Flucht oder als Flakhelfer. Erzähler: Millionen Menschen waren damals diesen Kriegs¬er¬eig¬nissen aus¬ge¬setzt, darunter auch etwa 16,5 Millionen Kinder. Diese Kriegs¬kinder starteten nach 1945 in das Nachkriegsleben. Musik endet Werbe-Trailer-Collage, 99233330 Z00 – endet unter dem nachfolgenden Text Musik „Prophecies“, Anton Batagov, beginnt unter dem nachfolgenden Text Erzählerin: Auch wenn Wirtschaftswunder, Vollbeschäftigung, Wohlstand, Fleiß und funktionierende Demo¬kra¬tie eine große Erfolgsgeschichte zu sein schienen, sind doch viele dieser Kriegs¬kinder die Schrecken und Traumata, die sie als passiv Beteiligte des Krieges erfuhren, nie ganz losgeworden. Sie haben sie in sich vergraben, abgekapselt und verdrängt. Und oft un¬be¬wusst an ihre Kinder übertragen. Erzähler: Trans¬ge¬ne¬ra¬tio¬nale Weitergabe nennen die Psychologen und Psychotherapeuten dieses Phänomen, das aus der Trauma¬for¬schung bekannt ist. Hierzulande hat es jahrzehntelang nie¬man¬den interessiert. Erst seit wenigen Jahren ändert sich das: Die Generation der Kriegs¬¬en-kel erforscht nun, wie die Kriegser¬leb¬nisse ihrer Eltern das Fa-milienleben geprägt haben: Musik endet Take 3 (O-Ton Bode) „Es gibt Sätze die immer wieder auftauchten: Nummer Eins, ich kann meine Eltern emotional nicht erreichen. Das Zweite ist: Ich habe Ängste, die sich durch meine Biographie nicht erklären lassen, ich bin ganz normal aufgewachsen. Das sind Ängste, die ich schlecht steuern kann, ich weiß nicht, wo sie her¬kom¬men. Das Dritte ist, nicht so recht Boden unter den Füßen zu haben, das Vier¬te ist, nicht im eigenen Leben angekommen zu sein, gar nicht zu wis¬sen, wo man wirklich zu Hause ist.“ Erzählerin: So schildert Sabine Bode, was Kriegsenkel an sich wahrnehmen. Die 1947 geborene Journalistin war eine der ersten, die sich gefragt hat, welche Spuren der Zweite Weltkrieg bei den Kriegs¬kindern und deren Kindern hinterlassen hat. Erzähler: Dass viele Kin¬der und Jugendliche durch den Zweiten Welt¬krieg seelisch schwer be¬¬schä¬digt und belastet worden seien, wird jetzt sichtbar. Z. B. durch die gehäuften Depressionen und Suizide in der Gene¬ra¬tion der Kriegs¬kinder. Dass viele von ihnen, selbst im hohen Alter, die Kriegs¬er-in¬¬nerungen aber noch immer zu verdrängen versuchen, ist für die Traumaforscherin und Psychoanalytikerin Luise Reddemann aus Köln durchaus nachvollziehbar. Denn diese Menschen waren damals in jungen Jahren passiv Beteiligte eines Krieges, für den ihre Eltern¬ge¬ne¬ration politisch verantwortlich war. Das hat in der damaligen Zeit viele von ihnen in psychische Konflikte gestürzt. Take 5 (O-Ton Reddemann) „Das andere ist aber auch, dass wir aus der Traumatherapie wissen, dass die Menschen eine Zeit brauchen, vor allem erstmal äußerlich wieder zur Ruhe zu kommen, d.h. wieder in Sicherheit zu sein, nach schlimmen traumatischen Erfahrungen, und dass man sich da dann häufig nicht auseinandersetzen kann mit dem Schlimmen.“ Musik „Prophecies“, Anton Batagov Erzählerin: Und genau das tun auch immer mehr Kinder der Kriegskinder. Zu diesen sogenannten Kriegsenkeln gehören etwa 20 Millionen Menschen, die zwischen 1955 und 1975 geboren wurden. Viele von ihnen fühlen sich als unfreiwillige Erben des Zweiten Weltkriegs. Erzähler: Manche schrei¬ben auto¬biographische Bücher, wie der Journalist Matthias Lohre, andere arbeiten ihre Familiengeschichte in Thera¬pien auf, wieder andere, wie die Finanzexpertin Christina Kanese, treffen sich in Ge¬sprächsgruppen oder grün¬den Vereine, tauschen sich in Internet-Foren aus oder veranstalten Ta¬gungen zum Thema. Denn viele der sogenannten Baby¬boomer, heute ungefähr zwischen 40 und 60 Jahre alt, blicken zwar auf eine Kind¬heit in Wohlstand und Frieden zurück, beklagen aber gleichzeitig eine emotionale Kälte, Gewalt, Schweigen, Familien¬geheimnisse und diffuse Ängste. Erzählerin: Dass das nicht auf die übersteigerte Selbstbeschau einer verwöhnten Generation zurückzuführen ist, bestätigen die wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen, die es dazu gibt. Auch Berichte von Psycho¬the¬rapeu¬ten, Psychoanalytikern und Traumaforschern, die mit diesen Menschen arbeiten, bezeugen das. Musik endet unter dem nachfolgenden O-Ton Take 6 (O-Ton Bode) „Das Interessante ist, dass diese Gruppe sich den Namen selbst ge¬ge-ben hat. Das gibt es ja normalerweise nicht, dass plötzlich aus der Gesellschaft Menschen sich zusammentun, und sich ge¬ne¬ra¬tions¬bezogen dann auch noch einen recht originellen Namen geben, nämlich Kriegs¬-enkel. Ich habe den nicht erfunden! Das heißt, es gibt da ganz of¬fen¬-sichtlich Bedarf, sich um etwas zu kümmern, was bislang im Schat¬ten gelegen hat.“ Musik „Angst 1“ und „Angst 3“, László Dobos/Michi Koerner sowie Atmo Zweiter Weltkrieg beginnen unter dem nachfolgenden Text Erzählerin: Die eigene Familiengeschichte nämlich, im Schatten des Zweiten Weltkriegs: Zitatoren: – Fast tausend Städte und Orte werden bombardiert, fast die Hälfte aller Häuser dabei zerstört – 2,5 Millionen Kinder werden ab 1940 im Rahmen der Kinder-landverschickung aus den städtischen Ruinen aufs Land geschickt – Mindestens 10 Millionen Menschen, vor allem Frauen und Kinder, sind 1945 aus den sogenannten Ostgebieten auf der Flucht – Mindestens 1,9 Millionen Frauen und Mädchen werden vergewaltigt, so die Schätzungen der Historiker – 500.000 Kinder sind nach dem Krieg Vollwaisen – 20 Millionen Kinder und Jugendliche leben nach dem Krieg als Halbwaisen Musik und Atmo enden / Musik „Time suspension“, Dru Masters Erzählerin: All das hinterlässt Spuren: Wissenschaftler gehen davon aus, dass mindestens ein Drittel der Kriegskinder psychisch schwer belastet und sogar jeder Zehnte regelrecht traumatisiert ist. Für deren Kinder mitunter eine schwere Belastung, die die ganze Kindheit überschattet. Musik endet Erzähler: Auch die Eltern von Matthias Lohre sind Kriegskinder. Der Journalist, 1976 in einem Dorf im Münsterland geboren, hatte schon als kleines Kind das Gefühl, seine Eltern emo¬tional nicht zu erreichen. Deshalb wollte er einfach nur weg und zog nach der Schule so schnell wie möglich fort. Heute lebt er in Berlin. Take 7 (O-Ton Lohre) „Meine Eltern waren zwar komisch, seltsam, ich habe sie nicht verstanden, und sie waren wortkarg und eine ganz andere Welt, aber das habe ich darauf geschoben, dass meine Eltern vergleichsweise alt waren. Ich bin das jüngste von fünf Kindern, meine Mutter war 38 als ich zur Welt kam, mein Vater 44.“ Erzählerin: Doch was auch immer Matthias Lohre in der Folgezeit unternahm, wie sehr er sich anstrengte, ob er Bücher schrieb oder Reportagen, ob er viel Geld verdiente oder eine anspruchsvolle Stelle bekam, er fühlte sich innerlich getrieben und hatte das Gefühl, seine Anstrengungen wären nichts wert: Take 8 (O-Ton Lohre) „Das Komische war: Immer wenn ich irgendetwas erreicht hatte, von dem ich vorher gedacht hatte, das wird mich glücklich machen, dann ist das plötzlich zu einem grauen Nichts zerflossen.“ Erzählerin: Je älter er wurde, desto unglücklicher wurde Matthias Lohre mit dieser Situation. Obwohl er gleichzeitig das dringende Gefühl hatte, er dürfe nicht jammern, ihm ginge es doch gut! Ein Gefühl, das viele Kriegs¬enkel an sich beobachten: Un¬bewusst ver¬gleichen sie ihr Leben mit dem ihrer Eltern und verbieten sich zu kla¬gen, weil sie ja keiner exis¬ten¬tiellen Not aus¬ge¬setzt waren und sind. Erzähler: Erst als der Vater von Matthias Lohre 2012 bei einem Auto¬unfall ums Leben kommt, fragt sich der Journalist, ob die per¬¬ma¬nente Unzufriedenheit, die Angst, nicht genug zu leisten, etwas mit seinen Eltern zu tun haben könnten. Und erkennt plötzlich Pa¬ral¬lelen: Take 9 (O-Ton Lohre) „Kriegskinder wie Kriegsenkel halten ihre Leben aus. Sie versuchen durchzuhalten, wie das die Kriegskinder im Krieg ausgehalten haben und die Kriegsenkel tun das in gewisser Weise auch. Was meine ich mit aushalten? Damit meine ich, dass sie versuchen, Leistung zu bringen, weil sie gemerkt haben, dass Leistung gegenüber den Eltern oder auch in der Schule oder im Job, dass das ihnen die soziale Anerkennung bringt.“ Erzähler: Heile Welt, Sicherheit, Geborgenheit und Ruhe, danach haben sich viele Kriegskinder gesehnt. Denn genau das haben sie in ihrer Kind¬heit häufig schmerzlich vermisst. Von ihren Eltern und Familien gab es wenig Trost, sie sollten tapfer sein. Diese Eltern hatten mit sich selbst genug zu tun, und auch die NS-Ideologie war noch höchst lebendig, wie die Kölner Psychotherapeutin Luise Reddemann erklärt, die selbst 1943 geboren wurde: Take 10 (O-Ton Reddemann) „Die ganze Nazi-Erziehung, würde ich sagen, die hat ja auf sehr viele Menschen eingewirkt und dieses Härte-Denken, also, dass man keine Gefühle zeigen durfte, dass man auch als Individuum nix galt, ‚Du bist nichts, dein Volk ist alles‘ und ‚hart wie Kruppstahl sein‘, alle diese Sachen, die spielen meines Erachtens eine ganz große Rolle für die Kriegskindergeneration.“ Erzählerin: Raum für ihre Ängste und Sorgen bekommen die Kriegskinder von der Elterngeneration in der Regel nicht. Take 11 (O-Ton Radebold) „Wenn man sich die Situation dieser Kinder während und kurz nach dem Krieg anguckt, so sind sie ja zu einem großen Teil erst einmal verstört, sie sind abgemagert, sie sind hungrig, sie sind schlecht versorgt mit allem.“ Erzähler: Viele dieser Kinder waren direkt nach dem Kriegsende voller Ängste, sie schreckten nachts auf und konnten sich schlecht konzentrieren, sagt der Psychoanalytiker Hartmut Radebold. Aber schon wenige Jahre später, 1949, haben diese Kriegs¬kinder nichts Auffälliges mehr an sich, das zeigen die Berichte aus einem Kinder¬heim auf der Insel Langeoog. Radebold erklärt das mit psychischen Ab¬wehr¬me¬chanismen: Take 12 (O-Ton Radebold) „Sie haben generalisiert: Das haben doch alle erlebt. Sie haben bagatellisiert: Das war doch nicht so schlimm. Sie haben Verkehrung ins Gegenteil, d.h. sie haben die abenteuerlichen Geschichten erzählt, aber nicht Angst, Panik und Kummer, sie haben aufgespalten in Inhalt und Affekt.“ Erzählerin: Deshalb ist es den Kriegskindern zum überwiegenden Teil gelungen, sich – äußerlich be¬trach¬tet – völlig „normal” im Sinne von unauffällig, weiter zu entwickeln. Take 13 (O-Ton Radebold) „Und sie haben sich identifiziert mit den Ansichten der Familie, d. h. was die ideologisch, zum Teil auch noch aus dem Dritten Reich, was die Familie vermittelt hat, das war sozusagen ein Halt, der nicht kritisch hinter¬fragt werden konnte. Mit diesen Abwehrmechanismen haben sie das, was sie erlebt haben, unter einer stabilen seelischen Betondecke ver¬gra¬ben, haben funktioniert. Aber das war natürlich eine Pseudo-, oder eine pathologische Normalität, die sie hatten.“ Erzählerin: Die Pseudo-Normalität funktionierte, weil der Schrecken abgespalten, beschwiegen und verdrängt wurde. Und weil der emotionale Bezug dazu fehlte, erlaubten es sich die Kriegskinder nicht, über ihre Verluste und Erlebnisse zu trauern, sich ihre Ängste einzugestehen oder ihre Wut. Selbst dann nicht, als sie schon längst erwachsen waren, berufstätig und mit einer eigenen Familie. Musik “Lethargia (more red)“, Matthias Deger/Andreas Suttner Erzähler: All das unausgesprochen Erlebte aber ist es, was die Kriegsenkel in ihren Familien gespürt haben und zum Teil bis heute noch spüren: beklemmende Familienfeste, freudlos und ver¬¬krampft, übertriebenes Spar- und Sicher¬heits¬bedürfnis oder emotionale Kälte beispielsweise. Das alles hat die Kriegsenkel-Generation ver¬unsichert und verursacht gleichzeitig Schuldgefühle. Denn die Kriegsenkel sind sich sehr bewusst, dass sie im Vergleich zu ihren Eltern, äußerlich betrachtet, ein sehr privilegiertes, friedliches Leben führen, ohne Hunger, Angst und Schrecken: Musik unter dem nachfolgenden O-Ton ausgeblendet Geräusch Klimaanlage Take 14 (O-Ton Kanese) „Auch wenn ich meinen Vater frage, das ist halt ein typisches Kriegskind, wie hast Du denn das erlebt: ‚Ach ja, da kann ich mich gar nicht mehr erinnern‘, also da kommt einfach nicht viel…“ Erzähler: …erzählt Christina Kanese. Die 1973 geborene Volkswirtin arbeitet heute als selbstständiger Finanz-Coach in Hamburg: Take 15 (O-Ton Kanese) „…ansonsten hab ich ein sehr gutes Verhältnis zu meinem Vater, aber ich hab früher immer gedacht, das hängt damit zusammen, dass meine Mutter so früh gestorben ist, und dass er natürlich auch über dieses Thema nicht gerne redet, aber dann hab ich gemerkt, das ist speziell dieses Thema, Krieg…“ Geräusch endet Erzählerin: Christina Kanese hatte den Eindruck, sie solle irgendetwas nicht er-fahren. Trotz zahlreicher Gespräche be¬kam sie zur Fa¬milien¬geschichte nicht mehr als ein paar dürre Fakten zusammen: Die Mutter habe als Vier¬¬jährige aus Schlesien fliehen müssen, der Vater sei den üblichen Bom¬¬benangriffen ausgesetzt gewesen. Bei der Finanzexpertin ver¬fes-tigte sich das Gefühl, von ihrer Familiengeschichte ab¬geschnitten zu sein. Erzähler: Gleichzeitig litt sie aber unter massiven Ängsten, die sich keiner er¬klä-ren konnte und die ihr Lebensgefühl deutlich beeinträchtigten. Erst als sie von einer Freundin ein Buch zum Thema Kriegsenkel gesch…

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    Überleben im Eis - Die Geschichte der Ada Blackjack Feb 21, 2024
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    Zwei Jahre in eisiger Ödnis: Weil sie das Geld für ihren kranken Sohn benötigt, lässt sich eine indigene Näherin aus Alaska auf eine halsbrecherische Arktis-Expedition mit vier jungen Männern ein. Sie wird zurückgelassen und muss alleine im Eis zurechtkommen. Am Ende ist Ada Blackjack die einzige, die die Expedition auf Wrangel Island überlebt. Autorin: Karin Becker (BR 2022)CreditsAutorin dieser Folge: Karin BeckerRegie: Rainer SchallerEs sprachen: Christian Jungwirth, Rahel Comtesse, Christian Schuler, Karin SchumacherTechnik: Christiane Gerheuser-KampRedaktion: Nicole Ruchlak Im Interview:Diane Glancy (Sachbuchautorin und Schriftstellerin)Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Der Narwal - Einhorn des arktischen OzeansJETZT ANHÖREN Linktipp: Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks.EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Literaturtipps: H.G. Jones: Ada Blackjack and the Wrangel Island Tragedy, 1921-1923. In: Terrae Incognitae, 31:1, S. 91-102, Routledge 1999; Diane Glancy: A line of driftwood. The Ada Blackjack Story. Turtle Point Press 2021; Peggy Caravantes: Marooned in the Arctic. The True Story Of Ada Blackjack, The “Female Robinson Crusoe”. Chicago Review Press 2016; Jennifer Niven: A True Story of Survival In The Arctic. Hachette Books 2004; Ada Blackjacks Tagebuch liegt in der Dartmouth Library (Vilhjalmur Stefansson Papers). Ein Bericht, den sie für U.S. Marshal E.R. Jordan 1923 verfasst hat, ist hier zu finden: Inglis Fletcher Papers (#21), East Carolina Manuscript Collection, East Carolina University. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Die Insel ‚Wrangel Island‘ in der Arktis, 140 Kilometer bis zur sibirischen Küste. Ein Ort - umgeben von Nebel und gefrorenem Meer, bedeckt mit Eis. Eine Tierfalle im Schnee, darin: ein magerer Fuchs in seinen letzten Atemzügen. Ein paar hundert Meter weiter: Zelte. In einem davon liegt die gefrorene Leiche eines weißen Mannes – in einem anderen sitzt eine 25 Jahre alte Iñupiaq, eine Ureinwohnerin Alaskas, und schreibt auf einer Schreibmaschine. ZITATOR ADA “I finished my knitted gloves today and I open last biscuit box. The ice is over little below horizon. I thank the lord Jesus and his father.” OVERVOICE ADA “Ich habe heute meine Handschuhe fertiggestrickt und die letzte Plätzchendose aufgemacht. Das Eis reicht bis kurz unter den Horizont. Ich danke dem Herrn Jesus und seinem Vater.“ SPRECHER Ada Blackjack heißt die schmale Person, die da im August 1923 auf ein Rettungsschiff wartet. Die dicken Schollen um die Insel müssen schmelzen, nur dann hat ein Schiff die Chance durchzukommen. Eine waghalsige Expedition hat sie an diesen Ort gebracht. Vier Männer sind bereits tot – Ada Blackjack ist die einzige Überlebende. MUSIK m03 (SAGA DOCUMENTARY, CHRONICLES, JACQUELIN, Christophe, FRENCH TRADE, 1:22) SPRECHER Gut zwei Jahre zuvor: Vilhjálmur Stefánsson, ein draufgängerischer Polarforscher und Ernährungswissenschaftler, geboren in Kanada, sucht sich die Mannschaft für eine Expedition auf Wrangel Island zusammen. Offizielles Ziel ist es, die Insel mindestens ein Jahr zu bewohnen und sie damit zu kanadischem Staatsgebiet erklären zu können. Stefánsson ist charismatisch und ehrgeizig, er will mit der Expedition auch seinen Ruhm weiter ausbauen. ((Der Entdecker pflegt die Theorie der ‚freundlichen Arktis‘, die alles zum Leben bietet, wenn man es nur richtig anstellt. )) Lockend mit Abenteuer und dem Versprechen, es gäbe auf der Insel reichlich jagbares Wildfleisch, hat er bald eine junge und reichlich unerfahrene Crew zusammengestellt. Er selbst bleibt zu Hause. Allan R. Crawford wird zum Leiter erkoren. Der Kanadier ist zwanzig Jahre alt, Geologiestudent und hat keinerlei Vorerfahrung mit Expeditionen. Mit ihm kommen drei Amerikaner: Errol Lorne Knight und Frederick W. Maurer, beide 28, und Milton Galle, der 20 Jahre alte Sekretär von Stefánsson. OTON 1 “These four explorers needed somebody to cook and so for them. And Ada was a seamstress. She knew how to sew, to repair Mukluks, that the men wore, those heavy boots, and (…) she could speak English and she was available.” OVERVOICE OTON 1 “Diese vier Entdecker brauchten jemanden zum Kochen. Und Ada war eine Näherin. Sie konnte nähen und Mukluks reparieren, die die Männer trugen, diese schweren Stiefel. Und sie konnte Englisch und stand zur Verfügung.“ SPRECHER Diane Glancy, Literatin und Sachbuchautorin, hat sich für ein Buchprojekt lange mit der fast vergessenen Geschichte der Ada Blackjack auseinandergesetzt. Geboren wird sie 1898 an der Westküste Alaskas, in einer abgelegenen Siedlung nahe der Goldgräberstadt Nome. Sie ist Tochter einer indigenen Familie von Iñupiat, Ureinwohnern Alaskas. Ihr Vater stirbt früh. Aus Geldnot wächst Ada in einer von Methodisten betriebenen Missionsschule auf. Dort lernt sie Englisch, lernt schreiben und nähen – alles Dinge, die sie als 23-Jährige für die Expedition interessant machen. Ada Blackjack hat freilich eigene Gründe, die Expedition zuzusagen. OTON 2 “It was poverty and need and maybe a little longing for escape. Because she lived in poverty in Nome, Alaska, probably sleeping sometimes on the street. She had a husband who deserted her. She had two sons who died and another one lived, but she put him in a mission school (…). It was expedient for her to have money (…).” OVERVOICE OTON 2 „Armut spielte eine große Rolle und vielleicht auch ein wenig die Sehnsucht, zu entkommen. Denn sie lebte in bitterer Not in Nome, Alaska, vermutlich übernachtete sie manchmal auf der Straße. Sie hatte einen Ehemann, der sie verließ. Sie hatte zwei Söhne, die starben. Ein weiterer lebte, doch sie musste ihn in eine Missionsschule geben. Geld war für sie wichtig.“ MUSIK m04 (Son Of The Blacksmith, Viking Adventure, Oberg, Gabriel, 1:38) SPRECHER Für Ada Blackjack eröffnet das Expeditions-Honorar von 50 Dollar pro Monat die Chance, ihren Sohn Bennett nach ihrer Heimkehr zu sich zurückzuholen. Aus Geldnot ist er in einem Heim untergebracht. Außerdem hofft sie, mit dem Honorar seine schwere Tuberkulose behandeln lassen zu können. Und so besteigt sie am 9. September 1921 die ‚Silver Wave‘: das Schiff, das die fünf Leute der Expedition nach Wrangel Island bringt. Weitere Iñupiat, die ihr als Teilnehmer angekündigt waren, springen im letzten Moment ab. Vermutlich ist den Native Americans, erfahren was das Überleben im Eis betrifft, die schlechte Vorbereitung der Expedition nicht entgangen. Ada Blackjack, selbst nicht bei ihrem eigenen Volk aufgewachsen, ist also mit den vier jungen Männern alleine. Die Crew hat Verpflegung für ein halbes Jahr dabei – dazukommen soll das Fleisch selbst erlegter Tiere. Ein Schiff, das für das Jahr darauf angekündigt ist, soll sie entweder mit Nachschub versorgen oder aber evakuieren. Kaum am Zielort angelangt, hisst der Expeditionsleiter Allan Crawford den Union Jack und beansprucht die Insel für Kanada. Die Katze der Expedition, Victoria, und die vier Männer beginnen, die Insel in Besitz zu nehmen und ihr Lager aufzuschlagen. Ada hingegen erfasst bei Ankunft ein klammes Gefühl, das sie rückblickend in ihrem Tagebuch beschreibt: ZITATOR ADA „When we got to Wrangel Island, the main land looked very large to me, but they said that it was only a small Island. I thought at first that I would turn back, I decided it wouldn’t be fair to the boys so I felt I had to stay.” OVERVOICE ADA “Als wir auf Wrangel Island ankamen, sah das Festland für mich sehr groß aus, aber sie sagten es sei nur eine kleine Insel. Ich dachte zuerst, ich würde wieder umdrehen. Ich beschloss, dass das den Jungs gegenüber nicht fair wäre, daher hatte ich das Gefühl, dass ich bleiben musste.“ SPRECHER Die ‚Silver Wave‘ legt also ohne Ada Blackjack ab und verschwindet am Horizont. In den bald etablierten Inselalltag und ihre Rolle darin findet die junge Frau nur schwer, aus verschiedenen Gründen: OTON 3 “There's something called Arctic hysteria that some explorers face. When you’re out there in the great nothingness your whole being can sort of collapse on you and you don't know where you are and you are senseless sometimes and she pouted. (…) And sometimes she wouldn't work. She wouldn't sew or wouldn't cook and Lorne Knight told her once (…) if she didn't work, she would not eat. So there was a lot of animosity between them. (…) and they exiled her to her own little tent. (…) and when she was lazy, they said: no wonder your children died. and they would say very hateful things (…). And that didn’t help her attitude, her mind. (…) Another thing is that in native community women are your company and she had no women around her. (…) I think she was trying to treat the men like a community of women. (…) She finally came around and did the work. But she was very temperamental in the beginning and I think they expected her to be like one of the men. And of course she was not, being native and a woman … and young and not used to all of this. And they had camraderie and she was left out of it.” OVERVOICE OTON 3 “Es gibt ein Phänomen unter Entdeckern, das sich „Arktische Hysterie“ nennt. Wenn Du da draußen im großen Nichts bist kann dir dein ganzes Sein in sich zusammenfallen und du weißt nicht mehr, wo du bist und du wirst unvernünftig. Ada schmollte. Und manchmal verweigerte sie die Arbeit. Sie nähte nicht, kochte nicht, und Lorne Knight drohte ihr einmal, dass wenn sie nicht arbeitete sie auch nichts zu essen bekäme. Zudem leben indigene Frauen eng mit anderen Frauen zusammen, aber es gab keine andere Frau. Ich denke, dass sie versuchte, die Männer wie ihre Gemeinschaft von Frauen zu behandeln. Irgendwann kriegte sie die Kurve und machte ihre Arbeit. Aber sie war anfangs sehr launisch und ich glaube, die Männer hatten erwartet, dass sie sich wie einer von ihnen verhielt. Natürlich tat sie das nicht, als Indigene und als Frau… sie war jung und die Situation für sie völlig neu. Und die Männer hatten Kameradschaft und sie war außen vor.“ MUSIK m05 (The Time That's Left, Viking Adventure, Oberg, Gabriel, 2:00) SPRECHER Die Männer verbringen ihre Tage mit Jagen, Holzsammeln, Reparaturen. Außerdem haben sie eine Fotokamera dabei und schreiben Tagebuch – Milton Galle hat sich hierfür sogar eine Schreibmaschine mitgebracht. Ada hat mit all dem zunächst nichts zu tun, sie kocht und näht. Anfangs erlegen die Männer und ihre Jagdhunde ausreichend Fleisch für alle – die ‚Friendly Arctic‘ scheint auf Wrangel Island ihr Gesicht zu zeigen. Die ersten zwölf Monate vergehen ohne größere Ereignisse, so wirkt es jedenfalls im erhaltenen Teil der Expeditionstagebücher. Dann erwarten die fünf das Schiff mit Nachschub. Doch das Jahr 1922 bringt Wrangel Island einen kalten Sommer, die Insel bleibt von dicken Eisschollen umgeben. Der von Steffánson losgeschickte Schoner namens „Teddy Bear“ bleibt im Eis stecken und muss unverrichteter Dinge umkehren. Vergeblich warten die fünf auf der Insel, während es wieder Winter wird. ZITATOR ADA “Around about November they knew the boat wouldn’t come. About the middle of November we moved up to the west of our present camp, about four miles I think, so they wouldn’t have to haul the wood so far. After we arrived in our new camp I started to sewing skins for the two boys, Knight and Crawford, who were going to take a trip to Siberia.” OVERVOICE ADA “Ungefähr im November wussten sie, dass das Boot nicht kommen würde. Irgendwann Mitte November verlegten wir unser Lager weiter Richtung Westen, um circa vier Meilen denke ich, so dass sie das Holz nicht so weit schleppen mussten. Nachdem wir in unserem neuen Lager angekommen waren, begann ich mit Fellen zu nähen, weil die zwei Jungs, Knight und Crawford, vorhatten, nach Sibirien zu gehen.“ SPRECHER Die beiden Männer wollen sich übers Eis bis nach Sibirien durchschlagen und dort per Telegramm Kontakt mit Stefánsson aufnehmen. Vorher feiern die fünf Festsitzenden auf Wrangel Island noch ein wenig ausgelassenes Weihnachtsfest. ZITATOR ADA “At Christmas time we had some Salt seal meat and some hard bread and tea for our Christmas dinner. That time when we had dinner I wondered where I would be if I lived until Next Christmas.” OVERVOICE ADA “An Weihnachten hatten wir gesalzenes Seehundfleisch und etwas hartes Brot und Tee als Weihnachtsessen. Als wir beim Abendessen saßen fragte ich mich, wo ich sein würde, wenn ich das nächste Weihnachten erleben würde.“ SPRECHER Die beiden Männer müssen ihre Reise durchs Eis bald abbrechen: Lorne Knight ist den massiven Anstrengungen körperlich nicht mehr gewachsen. Er zeigt Anzeichen von Skorbut, wirkt zusehends angeschlagen. Die Vorräte im Camp werden knapper und knapper – und die jagbaren Tiere auf der Insel rarer. Und so entschließen sich die drei gesunden Männer der Expedition, Wrangel Island gemeinsam zu verlassen und Hilfe zu holen. Zurück bleiben der kranke Lorne Knight, der bald nur noch liegen kann, und Ada Blackjack. Die junge Iñupiaq ist mit der neuen Situation schlicht überfordert. Nicht nur muss sie sich nun um einen Kranken kümmern und weiter kochen und nähen. Sie ist jetzt auch für den überlebenswichtigen Fleischnachschub verantwortlich. OTON 4 “When it came time that she had to hunt, the men were looking at her because she was a native woman. She should have known how to hunt. But she said: I was raised in a mission school. I had to depart from my Inuit ways, I didn't know how to hunt. I didn't know how to trap.” OVERVOICE OTON 4 „Als es soweit war, dass sie jagen sollte, sahen die Männer sie an: sie war indigen, sie erwarteten also, dass sie jagen konnte. Aber sie sagte: Ich bin in einer Missionsschule erzogen worden. Ich musste meine Inuit Kultur verlassen. Ich weiß nicht, wie man jagt. Ich weiß nicht, wie man Fallen aufstellt.“ SPRECHER Die Männer lassen sie Ende Januar 1923 dennoch zurück und Ada Blackjack, die eine Riesenangst vor Polarbären hat, muss mitten im Eis so schnell wie möglich den Umgang mit Waffen und das Stellen von Tierfallen lernen. Ergiebige Beute wie Bären oder Walrosse macht sie nicht. Zum Überleben bleiben für sie und ihren Patienten vornehmlich ab und an getroffene Enten, Fischöl und das - gerade für einen Kranken - schwer verdauliche Fleisch von Füchsen. In ihrem Tagebuch berichtet Ada Blackjack von ihren ersten Versuchen, einen Fuchs zu fangen. Sie versteckt eine Falle im Schnee - und wartet dann tagelang vergeblich auf Beute, während ihr Patient zusehends hungriger und schwächer wird. ZITATOR ADA “I guess I covered them to much and that is the reason why I didn’t get any fox, then I baited it again end just left it on top of the snow didn’t cover it up at all. The next morning I got up and looked out and I saw a fox (….). That was the first one I had caught , and that was on the 22nd of February, 1923. (…) (( In killing them I would take a stick and hit them on the head until I stunned them then I would bend their heads back until I brocke there heck. Then I would take them home and skin them.)) Later in the spring, around April the fox got very scarce, and I couldn’t trap and more at all. After I couldn’t get any more fox, Knight became worse he got very faint every time he moved.” OVERVOICE ADA “Ich glaube, ich habe sie zu stark abgedeckt und das ist der Grund warum ich keine Füchse gefangen habe, dann habe ich nochmal einen Köder hineingelegt und ließ die Falle oben auf dem Schnee, ohne sie überhaupt abzudecken. Am nächsten Morgen stand ich auf und sah hinaus und ich sah einen Fuchs. Das war der erste, den ich gefangen habe, und das war am 22. Februar 1923. Später im Frühjahr, ungefähr im April,…

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