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    Latest Episodes:
    Raffael - Kunststar der Renaissance Feb 20, 2024
    Show notes

    Er ist so bekannt, dass er nicht einmal einen Nachnamen braucht: der italienische Maler Raffael (1483 -1520). Bereits seinen Zeitgenossen galt er als "Gott der Malerei". Doch warum wurde gerade er so vergöttert? Autorin: Julie Metzdorf (BR 2020)CreditsAutorin dieser Folge: Julie MetzdorfRegie: Eva DemmelhuberEs sprachen: Irina Wanka, René DumontTechnik: Christian SchimmöllerRedaktion: Nicole Ruchlak Im Interview:Andreas Henning (Kunsthistoriker und Renaissance-Experte, ehem. Kurator Staatsgemäldesammlungen Dresden) Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: (Musikeinsatz) ERZÄHLERIN: Am 6. April 1520 stirbt in Rom der Maler Raffael Sanzio auch Santi genannt. Er ist gerade 37 Jahre alt, unverheiratet und ohne Kinder. Die Zeitgenossen sind erschüttert. Im Grabspruch heißt es, im Moment seines Todes hätte die Erde vor Trauer gebebt und weil sie fürchtete, über den Verlust selbst zu sterben. Beigesetzt wird Raffael im altehrwürdigen Pantheon. OT 1 Andreas Henning Dass Raffael im Pantheon begraben wurde auf eigenen Wunsch, das zeigt die Ausnahmestellung, die er in Rom innehatte und die Zeitgenossen, die seinen Tod beschreiben, bzw. die Begleiterscheinungen seines Todes, das ist auffällig, dass es da schon auch immer um noch eine andere Dimension geht. ERZÄHLERIN: Dr. Andreas Henning, Experte für italienische Malerei: OT 2 Andreas Henning unglaubliche Es wird ja unmittelbar in den zeitgenössischen Berichten, Tagebucheinträgen, Briefen, Christus-Referenzen deutlich, also es wird verglichen, dass es ein Erdbeben gab, dass der Papst seine Gemächer verlassen musste, weil sich Risse im Bauwerk gezeigt haben, also dass die Erde erschüttert war. Also Überhöhungen, die aber eben auch einen Grund haben müssen, dass Raffael auf seine Zeitgenossen so gewirkt hat. ERZÄHLERIN: Die genaue Todesursache ist unklar. Manche Quellen vermuten, er habe sich bei Ausgrabungen des antiken Roms das Sumpffieber zugezogen und interpretieren seinen Tod als Rache des Hades, weil Raffael die alte Stadt dem Vergessen entreißen wollte. Der Kunsthistoriker Giorgio Vasari verbreitet in seiner Biographie des Malers aus dem 16. Jahrhundert das Gerücht, Raffael sei an einer Geschlechtskrankheit gestorben, die er sich bei einer seiner zahlreichen Affären zugezogen haben soll. Doch Vasari kannte Raffael nicht mehr persönlich, hatte aber immerhin mit zahlreichen seiner Kollegen gesprochen. Allerdings weisen andere Quellen explizit auf den sehr sittlichen Lebenswandel Raffaels hin. Bereits zu Lebzeiten galt er als Gott der Malerei, und diese Verehrung setzt sich über viele Jahrhunderte hindurch fort – anders als etwa Michelangelo und Leonardo, die von der Nachwelt erst im 19. und 20. Jahrhundert in den Malerolymp erhoben wurden. OT 3 Andreas Henning (Raffael) (Es) ist dieser Ausnahmekünstler der Themen so formuliert, dass offenkundig jede Generation neu hinschauen kann und für sich darin neue Dinge und Werte und Anregungen entdeckt. Zugleich ist Raffael der Künstler, der in seiner Biografie gezeigt hat, dass man einen Teil der Kunst auch lernen kann. ((Dass man also nicht nur als Genie aus dem Nichts auf den Markt kommt, sondern dass man sich eben durch Perugino durch die Auseinandersetzung mit Leonardo, Michelangelo auch entwickeln kann. … und insofern ist er ein vorbildlicher Künstler auch dafür, wie man Künstler werden kann.)) ERZÄHLERIN: Geboren wurde Raffael im Jahr 1483, das genaue Datum ist nicht bekannt. Seine Heimatstadt Urbino ist eine kleine Stadt, in der Kunst und Literatur großgeschrieben wurden. Sie liegt in den italienischen Marken etwa auf der Höhe von Florenz. Raffaels Vater arbeitete zunächst als Goldschmied, später als Maler. Doch er starb früh, Raffael soll gerade einmal 11 Jahre alt gewesen sein, seine Mutter hatte er bereits mit 8 Jahren verloren. In der Werkstatt des Malers Perugino machte Raffael eine Ausbildung. Sein Ausnahmetalent zeigte sich früh. Bereits nach wenigen Jahren soll er seinen Meister überflügelt haben. ERZÄHLERIN: Mit Anfang 20 ging Raffael nach Florenz, um dort Michelangelo und Leonardo zu studieren und ihnen nachzueifern. Eines seiner frühen Meisterwerke dieser Zeit ist die sogenannte „Pala Baglioni“. Das Bild zeigt die Grablegung Christi: SPRECHER: Zwei Männer tragen den Leichnam des Heilands auf einem weißen Leintuch, im Hintergrund ist der Berg Golgatha mit den drei leeren Kreuzen zu sehen, links das Ziel ihres Wegs, die dunkle Grabkammer. Die zahlreichen Figuren um das Geschehen herum sind zutiefst bewegt – körperlich und emotional: Maria Magdalena hat die Hand Christi ergriffen, scheint ihm noch etwas zuzurufen; einer der Jünger hat grollend die Augen zum Himmel erhoben; und seine Mutter Maria ist ohnmächtig zusammengebrochen. ERZÄHLERIN: Aus einem eigentlich eher statischen Bildmotiv macht Raffael hier eine dramatische Bilderzählung. OT 4 Andreas Henning Raffael ist ja ein Künstler, der unglaublich aufgesogen hat, was in seiner Zeit existierte, um daraus etwas eigenes zu machen und die Grablegung ist ein unglaublich erzählerisches Altarbild geworden, wo man beispielsweise die Schwere des Körpers Christi, der da zu Grabe getragen wird, ganz unmittelbar spüren kann, das sind wirkliche Individuen, Persönlichkeiten, die da diesen Christus tragen und auch eine Last spüren. SPRECHER Außerdem gelingt es Raffael hier, zwei Geschichten auf einmal zu erzählen: In dem Bild zeigt er einerseits den Tod Christi als historisches Geschehen. Zugleich zieht er das konkrete Ereignis auf eine allgemeine Ebene: Wir sehen einen von vielen geliebten jungen Verstorbenen; das Unverständnis seiner Zeitgenossen über diesen viel zu frühen Tod und die Qualen seiner Mutter. ERZÄHLERIN: In dieser allgemeinen Version kann wohl jeder das Drama des Geschehens nachempfinden. Und zwar nicht nur mit Jesu Mutter mitfühlen, sondern auch mit der Auftraggeberin, Atlanta Baglioni: Ihr eigener Sohn war jung im Kampf umgekommen. Indem er die Gefühle der Umstehenden betont, holt Raffael das Bibelgeschehen in seine eigene Zeit. OT 5 Andreas Henning Raffael versucht, christliche Themen, theologische Themen für seine Zeit, für die Menschen verständlich zu machen, also er ringt darum eine Ausdruckskraft zu finden, die nicht nur rein symbolisch ist, die sich nicht nur in Attributen erschöpft, die man lesen kann, wo man ein Wissen heranträgt… sondern sein Ansatz ist, etwas sinnenfällig machen zu wollen. ERZÄHLERIN: Sinnfällig im Sinne von: spürbar, für den Betrachter leicht nachvollziehbar. Die Zeitgenossen sind überwältigt von dem Gemälde, von nun an stehen dem jungen Maler Tür und Tor der mächtigsten Häuser offen. Schon bald wird er an den Hof von Papst Julius II. nach Rom berufen. Dort lassen sich die berühmtesten Männer der Zeit von ihm porträtieren, Grafen, Bankiers, Kardinäle, der Papst höchstpersönlich. Sie schätzen ihn nicht nur als Maler, sondern auch als Mensch und Gesprächspartner. OT 6 Andreas Henning Ich denke, dass Raffael eine Persönlichkeit war, die sehr interessiert an seiner Zeit an den Neuentwicklungen seiner Zeit war, der auch sehr, sehr viel begriffen hat offenkundig auch mit vielen Beratern, Theologen diskutiert hat… und zugleich muss er aber auch eine extrem soziale Person gewesen sein. Es gibt Berichte, dass wenn er aus seiner Werkstatt zum Papst gegangen ist ein großes Ehrengeleit ihm gegeben wurde, einfach, weil man ihn als Mensch auch so sehr geschätzt und verehrt hat. ERZÄHLERIN: Raffael ist gerade einmal Mitte 20, da bekommt er den Auftrag seines Lebens: er soll die sogenannten „Stanzen“, die Privatgemächer des Papstes im Apostolischen Palast ausmalen. Es handelt sich um große, halbkreisförmige Wandfresken, fast 8 Meter breit und 5 Meter hoch. Er beginnt in der Bibliothek des Papstes und malt dort „Die Schule von Athen“: SPRECHER: Das Gemälde zeigt einen monumentalen Innenraum mit hohem Tonnengewölbe und Marmorfußboden. Im Zentrum stehen die Philosophen Platon und Aristoteles miteinander ins Gespräch vertieft. Neben ihnen und auf den Stufen zu ihren Füßen stehen, sitzen und liegen die wichtigsten Denker, Wissenschaftler, Mathematiker und Künstler von der Antike bis zur Renaissance: Pythagoras etwa, vor einer Schiefertafel mit einem musiktheoretischen Diagramm darauf; Diogenes, barfuß und in einfacher Kleidung; Heraklit, den Kopf nachdenklich auf die Hand gestützt, mit der anderen Hand schreibend. Insgesamt befinden sich auf dem Bild mehr als 60 Personen. OT 7 Andreas Henning Er stellt diese Figuren in den Gruppen so lebendig und im Gespräch, in der Diskussion, im gegenseitigen diskutieren, zeichnen zum Teil so lebendig miteinander in Bezug, dass man als Betrachter unmittelbar daran teilhaben kann. Das ist glaube ich, das Entscheidende, die Teilhabe des Betrachters. Man kann sich hineinversetzen und mitdenken, miterleben. Man ist im Grunde mit Teil dieser Szene, die da dargestellt ist. ERZÄHLERIN: Zusammengenommen stehen all die berühmten Denker für die Wahrheit bzw. die Vernunft als eines der höchsten Prinzipien des menschlichen Geistes. Die ersten Arbeiten gefallen dem Papst so gut, dass er die von anderen Malern gerade erst fertig gestellten Fresken wieder abschlagen lässt, damit Raffael alles ausmalen kann. Eine enorme Aufgabe, die er allein gar nicht hätte stemmen können. OT 8 Andreas Henning Raffael … war hochgradig gut organisiert, zumindest ist er einer der ersten Künstler die eine große Werkstatt führen und da auch Arbeitsschritte delegieren, um überhaupt dieses enorme Oeuvre in nur 37 Jahren schaffen zu können; und er ist ein Künstler, der auch sehr wach ist für neue Techniken, neue Medien, denken Sie an den Kupferstich, die Möglichkeit eigene Bildfindungen mit dem Kupferstich zu verbreiten, anders als das Gemälde oder das Fresko, was ja immer nur ein einem Ort ist, aber mit dem Kupferstich, den ich in vielen, vielen Abzügen verbreiten kann das ist ein Medium, das er sofort begriffen hat und seit 1512 Kupferstecher in seinem Atelier beschäftigt hat, um seine Ideen noch weiter zu streuen, also natürlich ein Geschäftsmann, ein guter Organisator, ein Sozialgenie, interessiert an seiner Zeit, fähig zu denken, zu begreifen und natürlich souverän im Umgang mit den künstlerischen Mitteln. ERZÄHLERIN: Zusätzlich zur Ausmalung seiner Gemächer ernennt der Papst Raffael auch noch zum leitenden Architekten des Neubaus von Sankt Peter, dem prestigeträchtigsten Bauwerk der damaligen Zeit. (Musik) ERZÄHLERIN: Doch wer war dieser überaus begabte junge Mann wirklich? Was wissen wir über den Menschen Raffael? Eine frühe Gönnerin nennt ihn „rücksichtvoll und liebenswürdig“. Tatsächlich hatte er am Hof von Urbino eine gute Erziehung genossen, verfügte über gewandte Umgangsformen, und wusste sich auch im schwierigen Ambiente des päpstlichen Hofes sicher zu bewegen. SPRECHER: Zwei Selbstporträts sind überliefert. Sie zeigen einen jungen Mann mit feinen Gesichtszügen, das Haar halblang, die Augen braun. Er wirkt ruhig, selbstsicher und neugierig. ERZÄHLERIN: Über sein Privatleben ist relativ wenig bekannt. Raffael blieb kinderlos. Er war lange mit der Nichte eines Kardinals verlobt, allerdings starb die ihm Zugedachte noch vor der Hochzeit. Spätere Quellen wollen wissen, dass er einen ausufernden Lebensstil pflegte. Eines seiner bevorzugten Modelle – Margherita Luti – soll auch seine Geliebte gewesen sein. Indizien dafür liefert eines seiner schönsten Gemälde: SPRECHER: Mit entblößtem Oberkörper sitzt „La Fornarina“ – wie die Bäckerstochter nach dem Beruf ihres Vaters genannt wurde – vor einem Busch. Die Umgebung ist dunkel, das Weiß ihrer Haut scheint vom Mond beleuchtet. Ihre Haare hat die junge Frau mit einem Tuch hochgebunden, vor dem Bauch liegt ein durchsichtiges Stück Stoff. Spannend ist der goldene Reif, den sie am Oberarm trägt: Auf diesen Reif hat Raffael seine Signatur gesetzt. Ein Indiz dafür, dass sie seine Geliebte war – einer völlig Unbeteiligten hätte er kaum seinen Namen auf ihren Schmuck geschrieben. ERZÄHLERIN: Andreas Henning hält es zumindest für nicht ganz abwegig, dass Raffael durchaus mehr Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht gemacht hatte als seine langjährige Verlobung und Kinderlosigkeit vielleicht vermuten lassen. OT 9 Andreas Henning Logisch, er ist ein Renaissancemensch und er entdeckt die Welt. Und da gehört natürlich nicht nur die Natur, nicht nur die Architektur, die Theologie, sondern gehört natürlich auch der menschliche Körper dazu, auch die Frau. Und insofern finde ich jetzt überhaupt keinen Widerspruch, Raffael auf der einen Seite mit den hochtheologischen Themen auch als Sinnenmensch mir vorzustellen. Das ist im Grunde zwingend sogar - ((sonst hätte er den Menschen in all seiner Persönlichkeit, in seiner Individualität, wie wir ja ihn in seinen Bildern sehen können, in den Porträts, in den Historiendarstellungen oder Altarbildern, das sind ja Mensch, da sind ja fast moderne Menschen haben, die wir sehen. Das geht nur, wenn man in Interesse hat für das Duo, für das Gegenüber, für seine Mitmenschen. … Und dazu gehört der Körper, das ganze Innenleben, die Seele, der Geist, die Persönlichkeit gehört auch dazu. Und insofern, glaube ich, war Raffael sicherlich auch dem Leben zugetan.)) ERZÄHLERIN: Tatsache ist, dass viele von Raffaels Madonnen so aussehen wie jene römische Bäckerstochter. So auch die Sixtinische Madonna, die Raffael parallel zu den Arbeiten in den Stanzen des Papstes ab 1512 malte. Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das Altarbild von dem sächsischen Kurfürsten gekauft und befindet sich heute in Dresden. SPRECHER: Maria schreitet aufrecht über der mittleren Achse des Bildes über die Wolken, das Jesuskind im Arm, ihr Schleier bauscht sich im Wind und umrundet ihren Kopf, sie schreitet auf den Betrachter zu, in Richtung irdische Welt. Bei aller Schönheit strahlt ihr Gesicht einen tiefen Ernst aus. Zu Füßen der Madonna knien Papst Sixtus II – daher der Name „sixtinische Madonna“ – und die heilige Barbara. Das gesamte Gemälde ist von Gegensätzen durchwirkt: männlich und weiblich, jung und alt, die aktive Geste des Papstes und eine völlig in sich versunkene Barbara. OT 10 Andreas Henning Es ist ja nicht nur das klassische … Bildthema Maria mit Heiligen, das ist ein Bild-Thema, was seit 100 Jahren durchläuft und wofür es eine ganz normale Bildlösung gibt, nämlich Maria in der Mitte auf einem Thron, und Raffael hätte es genauso machen können, aber nein, er entscheidet sich für ein Ereignisbild, er entscheidet sich Maria schreiten zu lassen und das Jesuskind zur Erde also zur Inkarnation tragen zu lassen, wenn wir so wollen, haben wir hier ein Weihnachtsbild, nämlich die Geburt Christi und in ihrer Ernsthaftigkeit liegt schon das Wissen, was am Ende dieser Inkarnation passieren wird, nämlich am Lebensende Tod und Passion, Auferstehung Christi. SPRECHER Eine in den Wolken schwebende Maria übergibt ihr Kind der Welt, wo es am Kreuz sterben wird. Raffael hat hier die überirdische und die weltliche Sphäre miteinander verbunden – und so einmal mehr einen völlig neuen Bildtypus geschaffen. ERZÄHLERIN: Eine ganz eigene Karriere haben die beiden Engelchen unten auf der Brüstung gemacht. Auf Kaffeetassen, Regenschirmen und Kissenbezügen gedruckt sind sie zu den Stars eines jeden Museumsshops geworden. SPRECHER Auf dem originalen Gemälde lümmeln sie am unteren Bildrand herum und erinnern eher an irdische Kinder als an himmlische Engel. Einer der beiden stützt gelangweilt sein Kinn in die Hand, der andere hat den Kopf auf die verschränkten Arme gelegt. Sie warten. Einerseits darauf, dass Maria den Menschen das Jesuskind übergibt, andererseits aber auch auf den Beginn der Messfeier, während der sich die Hostie in das Fleisch Christi verwandelt. OT 11 Andreas Henning Diese Engel sind extrem ungewöhnlich, die gibt es vor Raffael nicht, normalerweise spielen und musi…

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    Glockenbecher - Archäologie und Genetik der Jungsteinzeit Feb 19, 2024
    Show notes

    In der Spätsteinzeit entstand in Europa die Glockenbecherkultur. Genetiker und Archäologen sind gemeinsam der Frage auf der Spur, wie diese weitläufige Kultur entstanden ist. Autor: Matthias Hennies (BR 2019) CreditsAutor dieser Folge: Matthias HenniesRegie: Martin TraunerEs sprachen: Johannes Hitzelberger, Constanze FennelTechnik: Andreas LuckeRedaktion: Thomas Morawetz Im Interview:Elisabeth Reuter, Töpferin, Friedland;Prof. Philipp Stockhammer, LMU München;Dr. Wolfgang Haak, MPI für Menschheitsgeschichte, Jena;Dr. Guido Brandt, MPI für Menschheitsgeschichte, Jena;Prof. Harald Meller, Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt, Halle Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir:ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSENSkurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks.DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks.EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Atmo 1 Werkstatt 43:35 Schmirgeln, Klopfen, Wasser rauscht Sprecher Elisabeth Reuter, Töpferin, sitzt in ihrer Werkstatt an einem alten Tisch und knetet eine Rolle Ton. Trennt ein Stück ab und formt ein Gefäß. 1. O-Ton Reuter 13:20 Geräusche. Ich drehe es auf der Unterlage immer und bearbeite es auf der einen Seite mit den Daumen und auf der anderen Seite mit den restlichen Fingern, also mit beiden Händen gleichzeitig - Atmo 2 Werkstatt 39:27 unterlegen MUSIK Sprecherin / Titel Glockenbecher – Archäologie und Genetik der Jungsteinzeit. Eine Sendung von Matthias Hennies („Hénnjes“). Sprecher Elisabeth Reuter töpfert einen Becher, der in der Jungsteinzeit, im 3. Jahrtausend vor Christus, in ganz Europa verbreitet war. Damals kannten die Menschen die Töpferscheibe noch nicht, auf der sich Tongeschirr viel schneller produzieren lässt. Die Töpferin aus Friedland in Hessen ist Spezialistin für Gefäße aus frühen Jahrtausenden. Im Handumdrehen formt sie ein rundes Schälchen, Basis für einen „Glockenbecher“, der mit jeder neuen Rolle Ton, die sie auf den Rand aufsetzt, größer wird. 2. O-Ton Reuter 17:45 Und damit das Gefäß breiter wird, setze ich das nicht in die Mitte, sondern eher zum Rand hin und drücke es auch noch nach außen. Wir brauchen die Glockenform. MUSIK Sprecher Der „Glockenbecher“ ist ein gutes, gründlich erforschtes Beispiel für eine große Frage der Geschichtswissenschaften: Wie haben sich in der Vergangenheit neue Ideen verbreitet? In einer Epoche, als es noch keine Schrift gab, als die Menschen nicht in großen, gut organisierten Staaten, nicht in dicht bevölkerten Städten lebten: Haben Einwanderer in jenen Zeiten neues Gedankengut eingeführt? Oder verbreitete es sich von Mund zu Mund, durch Reisende oder Händler, als Ideen-Transfer? Atmo 3, 35:25 (50:50) Schaben 3. O-Ton Reuter 45:59 Ich bearbeite es noch mal nach, um es zu glätten und oben auseinanderzuziehen- Sprecher Das Gefäß erinnert an eine Glocke, die auf dem Kopf steht: Ein voluminöser Bauch, dann ein schmaler Hals, der sich wieder zu einer weiten Mündung öffnet. Es war mit regelmäßigen Linien und Mustern verziert. Die Töpferin demonstriert, wie man sie herstellt: Sie legt behutsam eine Schnur um das weiche, ungebrannte Gefäß. 4. O-Ton Reuter 53:08 Das sind so Kordeln, gedrehte, die kann ich in den Ton eindrücken, muss ich mit gutem Augenmaß arbeiten, ich habe jetzt eine Linie rund um mein Gefäß eingedrückt, das sieht man als leichte schräge Spuren in dieser Linie. MUSIK Sprecher Linie wird unter Linie gesetzt, danach ist der Becher fertig zum Brennen. Etwa acht Stunden später kommt ein fein verziertes, stabiles Gefäß aus dem Feuer. Wozu mag man es im dritten Jahrtausend vor Christus verwendet haben? 4 ½. O-Ton Stockhammer 2’20 neu Wir wüssten natürlich sehr gern, was es mit denen auf sich hat, gerade mit dieser einheitlichen Form: Es gibt Nahrungsrückstands-Analysen an einigen wenigen dieser Becher, in denen man „Mädesüß“ gefunden hat. Ein mir vorher auch unbekanntes Kraut, aus dem man eine alkoholische Substanz ziehen konnte, vielleicht war der Glockenbecher einfach ein spezifisches Gefäß zum Konsum alkoholischer Getränke, so wie wir in Bayern einen Maßkrug haben. Sprecher Für die Archäologie ist etwas Anderes wichtiger, stellt Philipp Stockhammer klar, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München: Dass Glockenbecher gegen Ende der Jungsteinzeit massenhaft als repräsentative Grabbeigaben dienten. Unzählige Exemplare haben sich bis heute erhalten, quer durch Europa, und die Gräber hatten – mit kleinen Abweichungen – immer dieselbe Ausstattung, immer dieselben Beigaben. 5. O-Ton Stockhammer 1‘37 In Mitteleuropa würde das Glockenbechergrab eine Körperbestattung sein, mit angezogenen Beinen, es ist eine so genannte Hockerbestattung, wobei alle Skelette Nord/Süd orientiert waren und die typischen Beigaben waren bei den Männern neben einem Keramikbecher oft ein Kupferdolch und eine so genannte Armschutzplatte, das ist etwas, was man am Arm trägt, damit die Sehne des Bogens, wenn man schießt, nicht den Unterarm verletzt. MUSIK Sprecher Viel weiß man nicht über die Gemeinschaften, die diese Bestattungssitte praktizierten. Die Krieger kämpften offensichtlich mit Pfeil und Bogen, sie nutzten vermutlich schon Pferde als Reittiere. Lebensgrundlage war die Landwirtschaft, die Menschen bearbeiteten Äcker und züchteten Vieh. Siedlungen sind in Mitteleuropa bisher nur selten zu Tage gekommen. Die auf dem gesamten Kontinent verbreiteten, einheitlichen Gräber deuten aber auf ein weit gespanntes Kommunikationsnetzwerk hin, das Bevölkerungsgruppen über große Entfernungen verband. Zugleich lassen sie auf eine ziemlich egalitäre Sozialstruktur schließen, doch mancherorts gab es auch eine wohlhabendere Schicht. MUSIK aus 5 ½. O-Ton Stockhammer 4:55 neu Es gibt Gräber auch in Süddeutschland, mit Gold, mit Bernstein – und wir haben auch ein Grab in Süddeutschland, das mit spanischem Silber ausgestattet ist, also Objekte, die klar zeigen, ja, es gab Menschen, die in diesem Netzwerk offensichtlich eine herausragende Position innehatten und denen es möglich war, über dieses Netzwerk aus fremden Regionen Objekte und natürlich auch Wissen zu beziehen. Sprecher Entscheidend für die Entwicklung der „Glockenbecher-Kulturen“ war der Einfluss von Steppenhirten, die aus Osteuropa kamen. 6. O-Ton Stockhammer 6:01 Im frühen dritten Jahrtausend wanderten aus der heutigen Ukraine, kann man vielleicht sagen, Steppenhirten nach Mitteleuropa ein, ja, sie kamen bis nach Spanien und wir sehen genetisch bei diesen Einwanderern, dass es vor allem Männer waren. Es ist sehr spannend – wir sehen es am Y-Chromosom, das wird ja auf der männlichen Linie weitergegeben – dass sich das in ganz Europa ausbreitet und auch quasi durchsetzt. Wir wissen nicht, wie friedlich das abgelaufen ist, vor allem, weil zur selben Zeit die männlichen lokalen Linien alle enden. MUSIK Sprecher Friedlich kann es wohl kaum abgegangen sein. Archäologische Belege dafür sind allerdings noch nicht zutage gekommen. Am Erbgut von Skeletten aus Glockenbecher-Gräbern lässt sich nur nachweisen, dass die Steppenhirten einheimische Frauen nahmen und sich mit der mitteleuropäischen Bauernbevölkerung vermischten. MUSIK aus 7. O-Ton Stockhammer 7:22 Und aus dieser Vermischung ist eben nicht nur genetisch was passiert, sondern auch kulturell was passiert: Und dieses Glockenbecher-Phänomen ist quasi eine kulturelle Bewältigung dieser Einwanderer aus dem Osten. Sprecher Mit der Expansion der Männer aus der Steppe verbreiteten sich die Glockenbecher-Kulturen rasant, quasi parallel zum Weg der Einwanderer. Quer durch Europa, von Osten nach Westen zunehmend, gaben die neuen Gemeinschaften ihren Toten die unverwechselbaren Tongefäße mit ins Grab. Offen war bisher jedoch, ob allein die Migranten aus dem Osten die neue Sitte weitergetragen haben oder ob sie auch unabhängig von den Steppenhirten praktiziert wurde. Ein internationales Forscherteam hat nun Knochen und Zähne von 400 Menschen aus Glockenbecher-Gräbern auf Erbgut der Steppenhirten untersucht, in einer der bisher umfangreichsten Untersuchungen prähistorischer DNA. Archäologen aus ganz Europa holten dafür Skelettreste aus früheren Ausgrabungen aus den Magazinen. 8. O-Ton Haak 8:23 Wir sprechen von Proben aus Portugal, Spanien, Frankreich, den britischen Inseln, dann über Benelux und Mitteleuropa bis hin nach Tschechien, Italien und Ungarn hinein. Sprecher Das Projekt eröffnete neue Einblicke in die Veränderungen im Genom der Europäer und illustriert zugleich die großen Fortschritte der Genforschung, erläutert Dr. Wolfgang Haak vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena, der als Genetiker daran mitgearbeitet hat. 8 ½. O-Ton Haak 1:32 neu Ich komme ja noch aus einer Generation, wo man das ganz mühselig aus diesen alten Knochenfunden herausarbeiten musste, das waren ganz langwierige Prozesse, und man hat da mit großem Aufwand ganz wenig Informationen herausbekommen, also nur noch wenige Bruchstücke aus dem Genom, die man dann zusammengestückelt hat, und damals hat man noch alles allein gemacht, man hat alles von A-Z, der Probennahme bis letztlich zur Publikation machen können, das ist heute nicht mehr der Fall. Sprecher In den großen Projekten der Paläogenetik arbeiten jetzt Spezialisten in Dutzenden Labors von Harvard über Kopenhagen bis Jena zusammen. Das ist möglich – und oft auch nötig –, weil Millionen von Erbgut-Proben nun parallel, in Massen-Analysen, untersucht werden können. 9. O-Ton Haak 4:09 Da musste man auch sich auf den Hosenboden setzen, schön Hausaufgaben machen, das war ne steile Lernkurve für uns alle, das hat natürlich die gesamte Molekulargenetik betroffen, also nicht nur die alte DNA, sondern die Biologie insgesamt, und da ist es egal, was man sequenziert, ob das jetzt die Hefe ist oder der Löwe aus dem Zoo oder eben prähistorische Menschen, wir sind jetzt in der Lage, mit höchster Auflösung die Dinge anzugehen. Atmo 4 Labor Brandt 1, 58:50 und MUSIK Roboter gurgelt, rasselt, brummt Sprecher Ein Roboter fährt auf einer Laborbank des Jenaer Forschungsinstituts hin und her. Er pipettiert minimale Mengen Erbgut und Chemikalien in winzige Kanäle in einem blauen Kunststoffklotz. Damit beginnt das erste der drei entscheidenden neuen Verfahren: die „Library Preparation“, der Aufbau einer DNA-Bibliothek. Laborleiter Dr. Guido Brandt erläutert die Hintergründe. 10. O-Ton Brandt 3:38 Ich habe ein DNA-Fragment aus einer Probe und damit ich dieses DNA-Fragment analysieren kann, muss ich es manipulieren. Und das machen wir, indem wir an die beiden Enden dieses DNA-Fragments bekannte DNA-Sequenzen herankleben. Das sind selbst designte Sequenz-Schnipsel, die Sie bei Firmen in Auftrag geben und die synthetisieren synthetische DNA. In diesen „Adaptern“, wie wir sie nennen, sind bestimmte Bereiche enthalten, die dafür verantwortlich sind, dass ich die DNA vervielfältigen kann, dass ich sie später aber auch von Fragmenten einer anderen Probe unterscheiden kann. Man muss sich das so vorstellen wie einen Barcode, wie an der Supermarktkasse einen Strichcode. Sprecher Dank dieses “Strichcodes” sind die Proben aus dem Erbgut eines Menschen identifizierbar – und können im nächsten Arbeitsschritt zusammen mit der DNA mehrerer hundert anderer Individuen sequenziert werden. Die „Massive Parallele Sequenzierung“, der zweite große Fortschritt, beruht einer dramatischen Verbesserung der Sequenziermaschinen. 11. O-Ton Brandt 7:30 Die Technik von vor 15 Jahren, die wurde letzten Ende verwendet, um das erste humane Genom zu erzeugen, man hat da zwei Jahrzehnte dran gearbeitet und es hat Millionen von Dollar verschlungen, heute ist es möglich, ein humanes Genom für unter 1000 Dollar in 24 Stunden zu erzeugen. Der große Vorteil ist einfach diese massive parallele Sequenzierung, die es mir erlaubt, viele hundert Individuen auf einmal zu bearbeiten und eben Millionen von DNA-Sequenzen in einem Sequenzierlauf zu erzeugen. Sprecher Früher mussten Forscher für die Sequenzierung einen Abschnitt aus einer DNA-Probe auswählen. Dass beim „Next Generation Sequencing“, wie es auch genannt wird, nun Millionen DNA-Sequenzen gleichzeitig bearbeitet werden, vereinfacht insbesondere die Erforschung Alten Erbguts: Nun fällt eine solche Fülle von Daten an, dass es keine Bedeutung mehr hat, wenn einige DNA-Sequenzen nach Jahrhunderten oder Jahrtausenden nicht mehr intakt sind. Die Paläogenetik erlebt daher einen mächtigen Boom. MUSIK Sprecher Die neue Technik wäre nicht komplett ohne den Entwicklungssprung in der Bioinformatik. Um die gigantischen Datenmengen aus der Parallelen Sequenzierung auswerten zu können, mussten neue Computerprogramme geschrieben und leistungsstarke Rechner angeschafft werden. 12. O-Ton Brandt 22:18 (O-Ton vorn gekürzt!) Durch das Library Prep werden einfach alle Moleküle, die in meiner Probe drin sind, in eine Library transferiert und damit ist es möglich, alle sofort zu sequenzieren. Und später dann eben am Computer der richtigen Position im Genom zuzuordnen. Es wird dann über bestimmte bio-informatische Algorithmen errechnet, wo ein Sequenzschnipsel im Genom am besten hinpasst. MUSIK Sprecher Den Wissenschaftlern eröffnen sich damit neue Erkenntnis-Möglichkeiten: Statt vor der Analyse auf gut‘ Glück einen DNA-Abschnitt auszuwählen, können sie jetzt das komplette Erbgut mehrerer Individuen rekonstruieren und danach entscheiden, wo die vielversprechenden Abschnitte liegen: Die Y-Chromosomen für die männlichen Linien etwa, die mitochondriale DNA für die Vererbung auf mütterliche Seite oder Mutationen im Erbgut, wenn es um die Charakterisierung von Bevölkerungsgruppen geht. MUSIK aus Sprecher Im Glockenbecher-Projekt fanden die Genetiker das Erbgut der Steppenhirten in fast allen Skelettresten aus Mittel- und Westeuropa. Nur in den ältesten Proben, die auf etwa 2800 vor Christus datiert werden und aus Spanien stammen, ließ sich keine DNA der Einwanderer feststellen. Für den Archäologen Stockhammer ergibt sich daraus eine klare Schlussfolgerung: Glockenbecher waren auf der iberischen Halbinsel schon vor Ankunft der Einwanderer bekannt. Die neue Bestattungssitte hat sich also nicht nur durch Migration in Europa verbreitet, sondern ist unter iberischen Bevölkerungsgruppen schon vorher weitergetragen worden: als Ideentransfer, sozusagen von Mund zu Mund. 13. O-Ton Stockhammer 11:11& 23:17 Der Impetus kam durch Einwanderer, aber das Glockenbecher-Phänomen an sich ist dann nicht durch großräumige Wanderungen entstanden, sondern durch Kontakt zwischen den Beteiligten. Es war sicher das erste großräumige Phänomen, von dem man zeigen konnte, dass es nicht vor allem durch Migration entstanden ist. Sprecher Ausnahme: Die britischen Inseln, die die Einwanderer ab Mitte des dritten Jahrtausends vor Christus eroberten. Sie löschten die Einheimischen, deren Vorfahren einst Stonehenge erbaut hatten, fast vollständig aus. Und sie brachten die Glockenbecher mit: Auf den britischen Inseln verlaufen Einwanderung und Verbreitung von Glockenbechern eindeutig parallel. Insgesamt gesehen, liefert die Studie neuen Stoff für einen alten Streit. Lange meinten Altertumswissenschaftler, wo einheitliche Fundensembles zu Tage kamen, hätte auch eine einheitliche Menschengruppe gelebt. So sprach man von einem „Glockenbecher-Volk“. Oder man meinte, überall, wo eiserne Bratspieße und so genannte „Antennendolche“ ausgegraben wurden, hätten Kelten gewohnt. In den sechziger Jahren kamen Zweifel auf: Kann man tatsächlich aus ähnlichen Objekten schließen, dass ein Volk sie hervorgebracht hat, mit…

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    Europas erste moderne Menschen - Leben in der Eiszeit Feb 19, 2024
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    Es ist bitterkalte Eiszeit. 30.000 Jahre zurück in Europa. Was wissen wir über unsere genetischen Vorfahren? Archäologinnen und Archäologen durchleuchten das Genom und stoßen auf überraschende Erkenntnisse zum Leben der Eiszeit-Menschen, der ersten anatomisch modernen Menschen in Europa. Autorin: Katharina Hübel CreditsAutorin dieser Folge: Katharina HübelRegie: Irene SchuckEs sprachen: Jennifer GüzelTechnik: Wolfgang LöschRedaktion: Thomas Morawetz Im Interview:Dr. George McGlynn, Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München;Prof. Dr. Cosimo Posth, Urgeschichte und naturwissenschaftliche Archäologie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen;Prof. Dr. Wilfried Rosendahl, Generaldirektor der Reiss-Engelhorn-Museen und wissenschaftlicher Vorstand des Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie GmbH;Prof. Dr. Thorsten Uthmeier, Institut für Ur- und Frühgeschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Mammut & Co - Die Megafauna der letzten EiszeitJETZT ANHÖREN Literaturtipps: Eiszeit. Mensch. Natur. Klima. Hg. Von Gaelle Rosendahl und Wilfried Rosendahl. Nünnerich-Asmus Verlag und Media. 2022. Steinzeit in Bayern. Das Handbuch in zwei Bänden. Hg. Von Thorsten Uthmeier und Doris Mischka. Wbg Theiss. 2023. Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek.ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1a "Laghetto" - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Länge: 0'09 01 OT McGlynn (Atmo Knistern) Wie Sie sehen: sehr gut verpackt, um den Schutz zu gewähren… In diesem Fall haben wir hier einen Oberschenkel und sehr schön intakt… Sprecherin: In drei unspektakulär grauen Pappkartons – Spezialanfertigung, säurefrei – lagert er: der älteste Homo Sapiens, den Wissenschaftler bislang in Deutschland gefunden haben, der Menschentyp, der dem Neandertaler den Rang ablaufen wird. Rund 34.000 Jahre alt, aus der Eiszeit. Ein „Bayer“, wenn man so will. Der so genannte „Mann von Neu-Essing“. In den Kisten der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München lagert sein Schädel, mit deutlichen Löchern zwar, aber dennoch gut erkennbar als menschlich, die beiden Kiefer mit Zähnen, Rückenwirbel, Arm- und Fingerknochen, Rippenbögen, Bruchstücke des Beckens, Schenkelknochen… 02 OT McGylnn Knochenoberflächengelenk hier… und Muskelansätze auf der anderen Seite sehr gut zu erkennen… MUSIK 1 "Laghetto" - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Länge: 0'20 Musik 2 In the High Valleys - Album: Nanga Parbat (Original Soundtrack) - Komponist: Stephan Micus - Album: Länge: 0'34 Sprecherin: Der „Mann von Neu-Essing“ ist einer der ersten anatomisch modernen Menschen, die in Europa überhaupt gelebt haben. Menschen, die uns mitgeprägt haben. Können deren Skelette Antworten geben auf die Fragen: Woher stammen wir? Wer sind unsere Vorfahren? 03 OT McGlynn Funde aus dieser Zeit sind absolute Raritäten. Sprecherin Sagt der Wissenschaftler Dr. George McGlynn. Das heutige Nordspanien, Frankreich oder Belgien, beispielsweise, sind Regionen, die vor 34.000 Jahren ebenfalls eisfrei waren und bewohnt von homo sapiens. Zudem waren Teile des heutigen Tschechiens und Österreichs von einzelnen Menschengruppen bewohnt. Jäger und Sammler, die mobil waren und den Tieren hinterher zogen. 04 OT McGlynn Wir sprechen von einem Zeitpunkt, wo doch viel Vergletscherung war und eine sehr harsche Umgebung. Der Neuessinger Mann ist ein fast vollständig intakter Skelettfund, manche von den anderen Funden sind lediglich einzelne Knochenfunde, ein Kiefer, ein Schädelstück, deshalb ist der Neuessinger Fund auch etwas ganz Besonderes wegen seiner Intaktheit. Man kann schon sagen, die Fundzahl von fünf, sechs Fundplätzen beträgt so um die 35 bis 40 Funde. Das ist ein absoluter Glücksfall, wenn man etwas findet, ganz selten findet man mehrere Teile eines einzelnen Individuums. Und anhand dieser fragmentierten Funde ist man praktisch als Wissenschaftler gezwungen, sehr viel reinzulesen. Aber es ist auch eine Riesenherausforderung. Sprecherin Die George McGlynn nicht alleine angeht. Musik 3 "Baud" - Album: Stator - Länge: 0'5 Sprecherin Die Archäologie hat im letzten Jahrzehnt durch naturwissenschaftliche Methoden einen Modernisierungsschub bekommen. Archäologen kooperieren mit Chemikern, Genetikern, Informatikern. Denn manchmal trügt der Anschein und erst das Labor verrät die korrekten Daten. Wie beim „Mann von Neu-Essing“, der über viele Jahrzehnte falsch datiert, nämlich viel jünger geschätzt, in den Archiven verschwunden war. Sein Fall ist nun wieder aufgerollt und liefert neue Erkenntnisse über die Menschen in der Eiszeit. Wind und Schritte Sprecherin Wobei mit „Eiszeit“ die letzte Kaltzeit in der Geschichte unseres Planeten gemeint ist. Durchgängig kalt und eisig war es dabei gar nicht immer, erklärt Prof. Thorsten Uthmeier, der am Institut für Ur- und Frühgeschichte an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg arbeitet und den Fundort des Mannes von Neu-Essing mit untersucht hat. OT05 Uthmeier Im Schnitt ist es so, dass die Jahresmitteltemperaturen bestimmt so zwischen sechs und acht Grad niedriger waren als die heutigen Jahresmittelwerte, mit auch während der Eiszeiten relativ milden Sommern, aber eine kurze Vegetationsperiode und sehr, sehr kalte Winter. Also im Schnitt Temperaturen von minus zwanzig bis minus zehn Grad. ATMO Schritte auf Schnee / Wintersturm Sprecherin Die Temperaturen konnten aber auch auf Minus vierzig Grad fallen, Dauerfrost war angesagt. Und oft gab es Winterstürme. Klima-Archäologen rekonstruieren die Temperaturen der Vergangenheit über Eisbohrkerne, aus Grönland oder der Antarktis. Gigantische Bohrkerne von über 3 Kilometern Länge. Musik 4 "Baud" - Album: Stator - Länge: 0'55 Sprecherin Im Eis ist Staub eingeschlossen, außerdem Luft. Noch wichtiger: Sauerstoff, der im gefrorenen Eiszeitwasser konserviert ist. Er kann Chemikern etwas über die damalige Temperatur verraten. Je nachdem, wie viele Neutronen sich in den Sauerstoffatomen befinden. Ihre Anzahl schwankt je nach Außentemperatur. Außerdem geben Knochen-Funde Aufschluss über die eiszeitlichen Lebensbedingungen. Wissenschaftler nennen sie: „Umwelt-Archive“. Über die Knochen bestimmen die Archäologen die Tierarten und wann sie gelebt haben. Damit wissen sie, wovon sich die Menschen damals ernährt haben und bekommen auch eine Vorstellung von den Temperaturen. 07 OT Uthmeier Hier sind es in der Regel Rentiere, zum Teil auch Pferde, die haben eine große Temperaturtoleranz, die weichen dann vielleicht auf andere Weidegebiete aus. Die können auch niedrigeren Temperaturen widerstehen. Sprecherin Kleinere Tiere wie bestimmte Maus- oder Nagerarten hingegen halten extreme Kälte nicht so gut aus. Auch Pflanzen verraten mehr über das Klima und über die Möglichkeiten der Menschen. OT08 Uthmeier Wir dürfen uns das nicht so vorstellen, dass das Wälder gewesen sind, sondern in aller Regel sind das so kleine buschartige Gewächse von Nadelgehölzen. Wir wissen, dass die Beschaffung von Brennholz wahrscheinlich eine relativ schwierige Aufgabe gewesen ist. Weil es durchaus Konstruktionen gibt, um mit dem Brennholz besonders ökonomisch umzugehen. Regelrechte Herdkonstruktionen, eine Steinsetzung, die man dann mit einer Steinplatte abgedeckt hat. Und auf diese Art und Weise hatte man eigentlich einen kleinen Ofen und konnte auf diese Weise mit der Erhitzung der Steine ganz ökonomisch mit dem Brennholz umgehen, und das waren meistens nur kleine Zweige. Sprecherin Das Eis der kilometerhohen Gletscher bedeckte vor 34.000 Jahren ganz Nordeuropa, aber auch das heutige Nord- und Ostdeutschland, sowie den untersten Zipfel Süddeutschlands. Bayern hingegen – der Lebensraum des Mannes von Neu-Essing - war größtenteils eisfrei. Die Gebiete des heutigen Bodensees, Ammersees, Starnberger Sees und Chiemsees lagen allerdings unter einer über ein Kilometer dicken Eisschicht. Die Landschaft weiter nördlich bestand aus üppigen Steppen, die im Sommer auch schnee- und eisfrei waren und in denen Jäger und Sammler ein gutes Nahrungsangebot finden konnten. Da viel Wasser in den Gletschern gespeichert war, war der Himmel recht wolkenfrei und hell, mit viel Sonnenschein. OT09 Rosendahl Damals waren die Tiergruppen, die in großen Herden vorhanden waren, das wichtige Lebenspotenzial. Sprecherin Professor Wilfried Rosendahl ist wissenschaftlicher Vorstand des „Curt-Engelhorn-Zentrum Archäometrie“, das den „Mann von Neu-Essing“ neu durchleuchtet hat. Musik 5 "In to the void" - Komponist: Bill Laswell - Album: Filmtracks 2000 - Länge: 0'37 Sprecherin Weitläufige Gras-Steppen voller Kräuter und Blumen sind der Lebensraum für zahlreiche Herden von Wollhaar-Mammuts, Wild-Pferden, Riesenhirschen oder Moschusochsen. Aber auch für gefährlichere Tiere, die sich heute in Mitteleuropa nicht mehr wohl fühlen würden wie Flusspferde und Wollhaarnashörner; zottelige Höhlenbären, -Löwen, -Hyänen und Säbelzahntiger. Die Menschen zur letzten Kaltzeit hatten – trotz aller Gefahren – also einen reich gedeckten Tisch: OT10 Rosendahl Die können Wurzeln essen. Sie können im Herbst Nüsse essen, im Frühjahr Beeren. Sie können frische Blätter essen, aber das limitiert sich natürlich mit dem Vorhandensein von Vegetation. Aber im Frühjahr gibt es eben Pflanzensprösslinge, die sie essen können. Sprecherin Löwenzahnblätter, junge Fichtenspitzen. Heilende Kräuter wie Thymian oder Spitzwegerich, Birkenblätter. Als besondere Delikatesse gab es manchmal sogar Honig – und fischen konnten die Menschen vor 34.000 Jahren natürlich auch schon. Atmo Eiszeit: peitschender Wind Sprecherin Der Winter konnte mit Stürmen recht ungemütlich und kalt werden, aber die Jäger und Sammler wussten sich zu helfen – mit Zeltkonstruktionen, Rückzug in Höhlen und natürlich: Feuer. 11 OT Rosendahl Die Menschen konnten Leder gerben, sie konnten Kleidung herstellen, sie konnten nähen, sie haben Knochenwerkzeuge hergestellt, Steinwerkzeuge hergestellt. Sie haben aus Elfenbein Kunstwerke geschnitzt. Sie haben aus Knochen Flöten gemacht, sie haben sich wahrscheinlich geschminkt. Also sie hatten ein ganz, ganz buntes Leben. Um das tägliche Überleben zu sichern, mussten sie nicht acht Stunden am Tag arbeiten. Man muss sich bewusst machen: Es gibt Eiszeit-Kunstwerke in Südwestfrankreich, da sind in die Felswand hineingepickelt mit Steinwerkzeugen Pferde, die galoppieren über einen Meter Länge, drei, vier Pferde hintereinander. Das machen Sie nicht, wenn Sie täglich jede Sekunde irgendwie am Lebenslimit nagen und gucken müssen, dass Sie überleben, da ist auch Zeit für Muße, für Schönes und für Kreativität. Sprecherin Für die Jäger und Sammler vor zehntausenden von Jahren gab es mehr im Leben als nur das Überleben. Das Neu-Essing-Skelett wurde in einer Höhle gefunden, gut vier, fünf Meter unter der Erdoberfläche begraben. Eingefärbt mit Rötel. 12 OT Rosendahl Also mit einem roten, pulverartigen Ton, das kann rituelle Bedeutung haben. Und wenn ich eine Bestattung habe, dann verrät mir das schon was, dann muss das mit einer Glaubensvorstellung verbunden sein. Dass es nach dem Tod noch was gibt, das zeigt schon mal wie intensiv auch das Gruppenleben war und wie die Gedankenwelt dieser Menschen war. Sprecherin Beim Fund von Neu-Essing handelt es sich um die älteste menschliche Bestattung, die Archäologen in Deutschland bislang finden konnten. MUSIK 6 "Laghetto" - Album: Arlington: Music for Enda Walsh's Play - Komponist und Ausführender: Teho Teardo - Länge: 0'28 Sprecherin Es ist deshalb ein so wichtiger Fund, weil er ein entscheidendes Puzzle-Teil mehr für die Forscher darstellt. 1913 wurde er von Archäologen ausgegraben – an einem vielschichtigen Fundort in der Nähe von Kelheim in Niederbayern, den inzwischen auch Thorsten Uthmeier mit seinem Team untersucht hat. 13 OT Uthmeier Wenn man auf dem Kirchplatz in Neu-Essing steht, dann links sieht man den Felsen, wo die Sesselfelsgrotte ist. Da gibt es Fundschichten aus der Zeit der Neandertaler. Da gibt es zehntausende von Steinwerkzeugen. Es gibt die ganze Jagdbeute, es gibt Umweltdaten. Und dann gibt es aber auch Daten aus der Zeit der späteiszeitlichen Jäger und Sammler… Sprecherin Ein ganzer Höhlenkomplex. In der so genannten „Mittleren Klause“ war der „Mann von Neu-Essing“ bestattet. Auch wenn der „Mann von Neu-Essing“ schon 1913 eine Sensation war, als er ausgegraben wurde – die wirkliche Dimension des Fundes ist erst in den letzten Jahren deutlich geworden. Musik 6 "Baud" - Album: Stator - Länge: 0'28 Sprecherin Ein großes, interdisziplinäres Archäologenteam beginnt, den Fund nach modernsten Standards zu untersuchen. George McGlynn von der Staatssammlung für Anthropologie und Paläoanatomie München schaut sich zunächst die Knochen an, vermisst sie und prüft ihren Zustand. Da gibt es die nächste Überraschung für die Forscher – die eine bis dahin gültige Annahme über die Eiszeit widerlegt: 15 OT McGlynn Der Neu-Essinger ist interessanterweise kein großer, robuster, kräftiger Kerl, wie man es vielleicht erwarten würde bei solch widrigen Lebensumständen, allein die Kälte und die Wildtiere. Wir wissen, dass der frühere Mensch, der Homo Sapiens, in Europa und auch in Afrika, wo er herkommt, in Gruppen gelebt hat – er muss in Gruppen gelebt haben... Sprecherin Als Gruppe zu funktionieren war der entscheidende Vorteil des Homo sapiens in der Kältezeit. 16 OT McGlynn Vielleicht 30 Personen, ist jetzt rein spekulativ, aber damit eine kleine Gruppe von Jägern und Sammlern überleben kann, muss es diese Anzahl betragen. Sie haben ganz sicher miteinander gejagt, miteinander gesammelt, einander verteidigt, füreinander gesorgt. Und genau diese Gruppendynamik muss existiert haben, um die Überlebenschancen zu sichern. Ein Einzelkämpfer in so einer Umgebung, das gab es einfach nicht. Sprecherin So konnte er auch mit gerade mal ein Meter sechzig und nicht besonders muskulös gesund alt werden. Wie ausgeprägt die Muskeln waren, kann George McGlynn an Veränderungen und Verfärbungen auf der Knochenoberfläche erkennen. 17 OT McGlynn Unser Neu-Essinger Mann ist eigentlich ein kleiner, grazil gebauter Mann, er hat auch kaum irgendeine nennenswerte Knochenveränderung, was auf Gewalt oder Verletzungen hindeuten würde. Und ist aber trotzdem fast 50 Jahre alt geworden. Sprecherin George McGlynn schätzt sein Sterbealter, indem er sich anschaut, wie sehr die Backenzähne und Beckengelenke abgenutzt sind. Demnach ist der Mann von Neu-Essing mit zirka 50 Jahren deutlicher älter geworden als Forscher das bislang für Menschen aus der Eiszeit angenommen haben – mit einem Durchschnittsalter von 30 bis 35 Jahren. Knochen und Zähne des Neu-Essingers sehen mustergültig aus, stellt Archäologe George McGlynn fest. 18 OT McGlynn Er hatte auch keine so genannten physiologischen Stressmarker. Zum Beispiel, wenn im Kindesalter, wenn sich der Zahnschmelz vom Dauergebiss entwickelt, lang anhaltende Fieber oder Unterernährung oder schwere physiologische Stresse leiden, unterbricht der Körper den Entwicklungsprozess. Und das führt zu einer Verzögerung von dieser Bildung von Zahnschmelz. Diese Verzögerung führt dazu, dass man wellenartige L…

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    Die Maus - Anpassungskünstler und gefürchteter Schädling Feb 15, 2024
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    Sie sind possierlich, flink und unglaublich fruchtbar. Das müssen sie auch, bedenkt man, wer ihnen alles nachstellt - und: Sie sind nicht überall gern gesehen. Über 40 Mäusearten gibt es weltweit. Autorin: Renate Kiesewetter (BR 2014)CreditsAutorin dieser Folge: Renate KiesewetterRegie: Sabine KienhöferEs sprachen: Hemma Michel, Andreas Neumann, Stefan WilkeningTechnik: Fabian ZweckRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Dr. Walter Bäumler, Zoologe, Mäuseforscher, Ludwig-Maximilians-Universität München. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK: C1432360 007 (00‘30‘‘) Zitator: "Ach", sagte die Maus, "die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe." – "Du mußt nur die Laufrichtung ändern", sagte die Katze und fraß sie. MUSIK ENDE Sprecherin: Die Kleine Fabel von Franz Kafka. Der Schriftsteller hatte zeit seines Lebens Angst vor Mäusen. Und damit war und ist er nicht alleine. Denn Mäuse und Menschen haben seit jeher ein gespaltenes Verhältnis. So beschreibt Francesco Santoianni in seinem Buch "Von Menschen und Mäusen" den Jahrhunderte währenden Kampf gegen die Nagetiere als eindeutige Niederlage des Menschen. Zahlreiche Bekämpfungsarten hat sich der Mensch einfallen lassen, doch es gibt sie immer noch, trotz Katzen, Mausefallen, Gift oder ausräuchern. Und die menschliche Fantasie bringt nach Francesco Santoianni immer wieder neue Horrorszenarien hervor: MUSIK: M0024267 000 (00‘45‘‘) Zitator: Überernährt von den Abfällen einer auf Verschwendung gegründeten Gesellschaft, geschützt in relativ warmen und endlosen Kanalisationssystemen, haben sich Mäuse und Ratten im Herzen sämtlicher Metropolen breitgemacht. Fünfzehn Millionen in Rom, fünfundzwanzig Millionen in New York, zehn Millionen in Neapel ... diese Zahlen tauchen regelmäßig in den Massenmedien auf und nähren atavistische Ängste und Vorstellungen von einem dunklen, bedrohlichen Heer, das nur darauf wartet, alles zu verschlingen und zu zerstören. MUSIK ENDE Sprecherin: 'Mus musculus', die Hausmaus … 'so ein kleines putziges Tier', möchte man fast sagen. Der "schlimmste Freund des Menschen", wie Francesco Santoianni die Maus nennt, hatte zumindest in dem berühmten Tierforscher Alfred Edmund Brehm einen Fürsprecher. Seine Beobachtungen aus dem 19. Jahrhundert über die verschiedenen Mäusearten sind anregend und wohlwollend. Aber auch er weiß um die schwierige Beziehung zwischen "heißhungrigen" Mäusen und Menschen: Zitator: Die anmutigen und zierlichen Mause sind trotz ihrer schmucken Gestalt und ihres heiteren und guten Wesens arge Feinde des Menschen und werden von ihm mit Ingrimm verfolgt (…) Man kann sich schwerlich ein naschhafteres Geschöpf denken als eine Hausmaus, welche über eine gut gespickte Speisekammer verfügen kann. Sie beweist auf das schlagendste, daß der Sinn des Geschmackes bei ihr vortrefflich entwickelt ist. Sprecher: Den ungebetenen nagenden Gästen in Speisekammern, Dachböden und Kellern sei nur das Beste gut genug. Kein Hindernis sei zu groß, kein Winkel zu abgelegen, kein Material zu hart, so Alfred Brehm: Zitator: Wo sie etwas Genießbares wittert, weiß sie sich einen Zugang zu verschaffen, und es kommt ihr nicht eben darauf an, mehrere Nächte angestrengt zu arbeiten und selbst feste, starke Türen zu durchnagen. Findet sie viel Nahrung, welche ihr besonders mundet, so trägt sie sich auch noch einen Vorrat davon in ihre Schlupfwinkel und sammelt mit der Hast eines Geizigen an der Vermehrung ihrer Schätze. MUSIK: Z9383695 016 (00‘55‘‘) Sprecherin: Die Hausmaus - bis zu 11 Zentimeter lang mit einem schuppenartigen Schwanz so lang wie der ganze Körper, gerade 20-30 Gramm schwer. "Maus"-grauer oder braungrauer, gedrungener Körper, große Knopfaugen. Spitzes Gesicht. Besonders gut sehen können Hausmäuse und auch andere Mäuse nicht. Viele Arten leben unterirdisch in selbst gebuddelten Höhlengängen, sind nachtaktiv. Ihr Gehör ist deutlich besser ausgestattet, vor allem auch im Ultraschallbereich. Dabei können die Tiere noch Töne von 40.000 Hertz wahrnehmen. Am besten entwickelt aber ist ihr Geruchssinn. In Experimenten fanden Mäuseforscher heraus: Sogar die Geschlechtsreife kann durch Duftstoffe beschleunigt oder verlangsamt werden. MUSIK ENDE Sprecher: Am Geruch erkennen die Tiere auch, ob eine andere Maus zur eigenen Gruppe gehört. Bis zu sechs Stunden lang speichern sie diesen Geruch, danach sind sie einander fremd. Betritt eine fremde Maus das Territorium und fällt bei der Geruchskontrolle durch, gehört sie also nicht zum eigenen Clan, gibt’s Randale und nicht selten einen erbitterten Kampf auf Leben und Tod. Wie aggressiv gerade Feldmäuse dabei vorgehen, veranschaulicht der Münchner Zoologe und Mäuseforscher Dr. Walter Bäumler: O-Ton Walter Bäumler: Da gibt es also ein Männchen, und es hat so einen Harem, wenn die Wiesen abgemäht sind im Herbst, sieht man, da ist immer wieder eine Kolonie, also alle 30 Meter sind viele Mauselöcher, da leben mehrere Weibchen, und ein Boss. Der markiert die ganze Kolonie als sein Territorium, und wenn da ein fremdes Männchen kommt, wird es sofort angegriffen. In so einer Wiese fängt man jede Menge schwer verwundete Männchen, die also fürchterliche Narben haben. Sprecher: Auch dafür kommen die Nagezähne zum Einsatz. Überhaupt: das Gebiss von Mäusen. … Alle Mäuse, egal ob Hausmaus, Ährenmaus, Schermaus, Feldmaus oder Rötelmaus … haben ein hoch spezialisiertes Gebiss: O-Ton Walter Bäumler: Also die zwei namengebenden Nagezähne, mit der starken Schmelzauflage, auf der Vorderseite, die des ermöglichen, dass die Mäuse auch sehr hartes Material, zerlegen können, Aluminium ist kein Problem, dass die sich da durchnagen. Sie können sich durch Stahldrähte, die 2, 3 Millimeter dick ist, können Sie durchnagen. Man kann sie praktisch nur in Glasbehältern halten, sonst büchsen sie aus, nagen sie sich durch. MUSIK: C1506550 010 (01‘30‘‘) Sprecherin: Mäuse bevölkern die Erde seit dem Aussterben der Dinosaurier vor ca. 60 Millionen Jahren. Doch wann und wo wurden sie zum Kulturfolger des Menschen? Das datieren Forscher auf einen Zeitpunkt vor 23 Millionen Jahren, rund ums Kaspische Meer, heutiges russisches Westasien. Ursprünglich folgten die kleinen Nagetiere den Nomaden auf der Suche nach Nahrungsresten. Francesco Santoianni beschreibt in seinem Buch "Von Menschen und Mäusen" die Herkunft und die frühen Wanderrouten der Hausmaus: Zitator: Ein Gebiet, das das heutige Kasachstan, Turkmenistan und den Iran umfasst, wurde als die Heimat von Mus musculus identifiziert, von der aus ihr Triumphmarsch begann, der in zwei deutlich erkennbaren Richtungen verlief: eine kontinental (zentraleuropäisch) verlaufende und eine auf die Mittelmeerregionen zielende. Sprecherin: Andere Quellen nennen Indien als Ursprungsland. Zumindest sollen Knochenfunde beweisen, dass 4.000 vor Christus die ersten Mäuse in Mitteleuropa ankamen. Als blinde Passagiere folgten sie den Menschen. Auf allen Handelswegen, auf der Seidenstraße, auf den Seefahrten nach Indien, nach Amerika. In den letzten 1.000 Jahren besiedelten sie auf diese Weise dann auch Afrika, Amerika und Australien. MUSIK: CD701250 003 (00‘50‘‘) Sprecher: Die enge Bindung an den Menschen wurde immer wieder in Mythologie, Literatur, Religion und Kunst abgebildet: Dabei findet man Mäuse sowohl als verehrungswürdiges als auch verabscheuungswürdiges Sinnbild. Verehrt hat man sie besonders in fernöstlichen Mythologien. Als Begleiter von Daikoku, dem japanischen Gott des Reichtums, wird eine Maus "prächtig geschmückt" dargestellt. Auch in Sibirien gilt sie als Symbol des Wohlstands. Und in der indischen Provinz Rajasthan werden - wohl einzigartig in der Welt - noch heute Mäuse und Ratten verehrt und geschützt: Im Tempel von Deshnoke, geweiht der Göttin der Sänger und der Mäuse, werden sie reichlich gefüttert. MUSIK ENDE Sprecherin: Auch in den griechischen Tempeln von Apollo Smintheus, dem Gott der Mäuse, hat man die kleinen Nagetiere jahrhundertlang verehrt und sogar gezüchtet. Gingen daraus weiße Mäuse hervor, galt das als Zeichen für kommenden Wohlstand. Über solchen unsinnigen Mäuseaberglauben war der römische Politiker und Schriftsteller Cicero entsetzt: Nähme man das ernst, müsse man um die "Sicherheit der römischen Republik" fürchten, wetterte er. Schließlich hätten Mäuse bei ihm zuhause seine Schrift über den Staat angeknabbert - ebenso wie Epikurs Buch Über die Lebensfreude. Nicht nur Ciceros Ausgabe des griechischen Philosophen fiel der Nagelust zum Opfer, auch alle anderen Schriften waren nicht sicher vor den unermüdlichen Schneidezähnen der Mäuse. Der französische Autor Michel Dansel erkundete in seinem Buch "Nos frères, les rats" ("Unsere Brüder, die Ratten") die Symbolik der Nagetiere und schreibt über ihr Werden und Vergehen: Zitator: Die Geschichte der Mäuse ist so eng mit der der Menschheit verbunden, dass sie vielleicht sogar all deren Facetten abdecken kann, die dunklen und die hellen Seiten. Sie kann uns zur Erkenntnis erhabener Wahrheiten inspirieren, uns aber gleichzeitig unser traurigstes und demütigendstes Spiegelbild entgegenhalten: das eines Tieres, das dazu bestimmt ist, zu verschwinden und sich vergeblich durch Dinge und Aufzeichnungen verewigen will, die jedoch selbst vom Zahn der Zeit zernagt werden wie Buchseiten von den Zähnen der Mäuse. Sprecher: Sigmund Freud brachte noch eine andere Sicht ins Spiel. Er betont das Schützenswerte eines kleinen Wesens, einer geliebten Person, eines Kindes. Und bedenken wir nicht oft unsere Lieben mit Kosenamen wie "Maus, Mausi, Mäuschen"? (MUSIK: E0007900 104 [00‘15‘‘]) Klein aber schlau wappnet sich auch Micky Mouse, die berühmteste Comic-Maus, gegen ihre riesigen Feinde. MUSIK ENDE Sprecherin: In der biblischen und christlichen Symbolik stehen die Mäuse für die Seele, den Teufel, die Zerstörung, für Sünde und ungezügelte Sexualität. Sie wurden etwa von der katholischen Kirche gerne als Sinnbild für alles Heidnische verwendet, das in Form der Mäuse die christlichen Hostien annagt. Arme verfolgte Nager – ein katholischer Bischof hat sie sogar exkommuniziert. Und es wurden Heilige gegen Mäuseplagen angerufen – wie die Heilige Gertrud. Sie hatte schließlich als Spinnerin die Mäuse von ihrem Spinnrocken vertrieben. Möglicherweise diente diese Geschichte als Vorlage zur Redensart: Zitator: Da beißt die Maus kein` Faden ab. … MUSIK: G0030590 006 (00‘20‘‘) Sprecher: Schon im Mittelalter gab es professionelle Mäusefänger. Daran erinnert die Sage vom Rattenfänger in Hameln, der mit seiner Flöte alle Mäuse und Ratten aus ihren Löchern hervorlockte und sie so aus der Stadt hinauslotste. MUSIK ENDE Sprecherin: Schließlich konnten die Nager sich so zahlreich vermehren, dass sie durch die Vernichtung der Ernten oder der Lebensmittel-Vorräte existenzbedrohend wurden. Nur: Wie sollte man ihrer Herr werden? Nachts mit dem Dreschflegel auf die Jagd gehen? Eine antike griechische Anweisung für Bauern riet: Zitator: Nimm ein Stück Papier und schreib darauf folgendes: "Ich beschwöre euch, ihr Mäuse, die ihr hier anwesend seid, daß ihr weder mir schadet noch duldet, daß eine andere Maus dies tut. (…) Stecke das Papier auf einen unbehauenen Stein auf dem Felde vor Sonnenaufgang. Sieh zu, daß die beschriebene Seite nach oben zu liegen kommt. Sprecher: Eher unwahrscheinlich, dass diese Maßnahme erfolgreich war! … Mäuse ernähren sich als nachtaktive Allesfresser von Wurzeln, Blättern, Samen, Pflanzenstängeln, Obst, Gemüse und Gräsern. Mäuse sind flinke Läufer, manche können auch hervorragend klettern. Andere, wie die Hausmaus, können sehr gut schwimmen. Mäuse kommen also in der Regel überall hin. Dabei sind die kleinen Kulturfolger bei ihren Nahrungsraubzügen auch noch wählerisch, sie bevorzugen eindeutig die kulinarische Vielfalt und Abwechslung. Walter Bäumler: O-Ton Walter Bäumler: Früher hat man zum Beispiel Marmelade eingemacht, und hat nur so Zellophanpapier drüber geklebt, wenn da eine Hausmaus drin war, dann hat die das erste Marmeladeglas aufgenagt oben, des Zellophanpapier, bisschen Marmelade herausgenommen, dann ans zweite, dann ans dritte, bis alle geöffnet waren, und dann hat sie wieder beim ersten weitergemacht, so dass man alle Marmeladegläser, obwohl die noch voll waren, ja, vergessen konnte, das konnte man wegwerfen. Sprecherin: Denn die Mäuse fressen nicht nur Lebensmittel, sie verunreinigen diese zusätzlich mit ihren Ausscheidungen. Dabei können sie gar nicht anders als möglichst viel zu fressen: Erstaunlicherweise ist der Nahrungsbedarf der Mäuse so groß, weil sie so klein sind: O-Ton Walter Bäumler: Da gibt es eine allgemeine bioenergetische Grundregel: Je kleiner ein Tier ist, desto mehr Nahrung benötigt es im Verhältnis zu seinem Gewicht. Eine Maus braucht pro 100 Gramm Mäusegewicht, braucht sieben Mal mehr Kalorien – oder Joule sagt man – wie ein Tier in der Größe eines Menschen. MUSIK: C1560350 W01 (00‘30‘‘) Sprecher: Mäuse vermehren sich rasant: Die Hausmaus zum Beispiel ist das ganze Jahr über fortpflanzungsfähig. Ein Wurf hat zwischen drei und acht Junge, bei bis zu acht Würfen im Jahr macht das die stattliche Zahl von 64 Jungtieren - wohlgemerkt in einem Jahr! Nach nur sechs Wochen sind diese selbst wieder geschlechtsreif, mit einer Tragezeit von drei Wochen. MUSIK ENDE Zitator: Die Mutter schlägt ihr Wochenbett in jedem Winkel auf, welcher ihr eine weiche Unterlage bietet und einigermaßen Sicherheit gewährt. Nicht selten findet man das Nest in ausgehöhltem Brode, in Kohlrüben, Taschen, Todtenköpfen, ja selbst in Mausefallen. Gewöhnlich ist es aus Stroh, Heu, Papier, Federn und anderen weichen Stoffen sorgfältig zusammengeschleppt. Sprecherin: Aus Brehm's Thierleben. Sprecher: Äußerst geschickt und kunstvoll bastelt zum Beispiel die Ährenmaus das Nest für ihren Nachwuchs. Fast als häkele, stricke und flicke sie unentwegt mit den Grashalmen. Bei uns heimisch in den Getreidefeldern und Forstkulturen des Donauraums bietet sie dem Betrachter ein interessantes Schauspiel. Walter Bäumler: O-Ton Walter Bäumler: Die turnt also sehr geschickt und – ja – fast artistisch durch die Grashalme, die hat dort also die Grashalme oben, und hat so einen Greifschwanz, den wickelt sie um die Grashalme durch, lässt sich dann oft auch – ja – hängen, oder wie als Anker, und hangelt sich dann von einem Grashalm zum nächsten. Und das ist eigentlich sehr interessant, das zu sehen, ja, manchmal richtig lustig, wenn die da kopfüber an denGrashalmen hängt. Sprecherin: Das kunstvolle Nest der Ährenmaus ist in der Welt der Mäuse eine besondere Kinderstube. Wie bei den Hausmäusen kommen die Jungen blind, taub und nackt zur Welt, bei ihrer Geburt wiegen sie weniger als ein Gramm. Nun werden sie 21 Tage von der Mäusemutter mit Milch gesäugt, stets zärtlich und fürsorglich gepflegt. Bei einigen Arten übernimmt sogar eine andere Muttermaus die Pflege, falls die eigene ums Leben kommt. Alfred Brehm beschrieb den sorgsamen Umgang einer Mäusemutter mit ihren Jungen so: Zitator: Bei jeder Bewegung der Mutter ließen sie ein feines, durchdringendes Piepen oder Quietschen hören. (…) Am 18. abends kamen sie zum ersten Male zum Vorschein; als aber die Mutter bemerkte, daß sie beobachtet wurden, nahm sie eine nach der anderen ins Maul und schleppte sie in das Nest. Einzelne kamen jedoch wieder aus einem anderen Loche hervor. Allerliebste Tierchen von der Größe der Zwergmäuse mit ungefähr 3 Zoll langen Schwänze…

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    Die Schleiereule - Unheilsbotin und Mäuseschreck Feb 15, 2024
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    Die Schleiereule ist ein Zivilisationsfolger, der weltweit verbreitet ist und beim Menschen viele, auch widersprüchliche Assoziationen auslöst: Sie gilt als Todesbotin ebenso wie als Schutztier. Ihr lautloser Flug und ihre ausgetüftelte Technik machen sie zu einer sehr erfolgreichen Jägerin. Im Israel-Gaza-Konflikt wurde sie zudem von Schweizer Wissenschaftlern bislang als Friedensbotin eingesetzt: Autorin: Brigitte KramerCreditsAutorin dieser Folge: Brigitte KramerRegie: Anja ScheifingerEs sprachen: Katja Schild, Stefan MerkiTechnik: Susanne HarasimRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Werner Hellwig, ehrenamtlicher Eulenbeauftragter beim Landesbund für Vogel-und Naturschutz, Coburg; Bernd-Ulrich Rudolph, Leiter der Vogelschutzwarte, Bayerisches Landesamt für Umwelt, Augsburg; Alexandre Roulin, Schleiereulenexperte Universität Lausanne; Carmen Pöhl, Freiwillige beim Verein Landschaftsschützer Oberschwaben-Allgäu, Bad WurzachDiese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Wie können die Fledermäuse zurückkehren? Alles NaturJETZT ANHÖREN Der Mauersegler - Der Vogel, der im Flug schläftJETZT ANHÖREN Schwalben - Flugakrobaten und BaumeisterJETZT ANHÖREN Weiterführende Literatur:Webseite von Alexandre Roulin mit Forschungsergebnissen und Informationen zum Projekt Owls for Peace im Nahen Osten:EXTERNER LINK | https://barnowl-research.ch/en Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek.ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO 1 Eulen Ruf SPRECHERIN darüber So klingt eine verärgerte Schleiereule, die sich bedroht fühlt, wenn jemand den Nistkasten aufmacht - zum Beispiel, um den Nachwuchs zu zählen. ATMO 1 Eulen Ruf kurz hoch, dann weg O TON 1 Werner Hellwig, Eulenbeauftragter Landesbund für Vogel- und Naturschutz, Coburg man merkt schon, sobald man die Scheune betritt, fliegt oftmals die Alteule ab, was nicht weiter tragisch ist, denn sie kommt dann wieder zurück zu ihren jungen Tieren. Die Jungvögel sitzen meist noch irgendwo…So drei, vier, fünf Jungvögel und wie sie dann von denen angeschaut werden – ist schon faszinierend. ATMO 1 Eulen Ruf kurz hoch, dann weg SPRECHERIN Der pensionierte Maschinenbauingenieur Werner Hellwig hat viele Stunden seines Lebens im Büro verbracht. Jetzt ist er ehrenamtlicher Eulenbeauftragter des Landesbundes für Vogel- und Naturschutz im Landkreis Coburg und ist viel draußen. Er wollte „etwas für die Natur“ tun und helfen, damit auch seine zehn Enkel später noch Schleiereulen-Küken in die Augen schauen können. MUSIK Left behind Z8037642108 (Länge: 1´22´´) unter: SPRECHERIN darüber Schleiereulen faszinieren viele Menschen. Sie sind schön. Sie sind still. Sie leben in unserer Nähe. Und sie sind ungewöhnlich – denn wer kennt sonst noch ein nachtaktives Tier, das mehrheitlich weiß ist? Nein, das ist kein Fehler der Natur, das ist Raffinesse. Mehr dazu später. ATMO 1 Eulen Ruf kurz hoch, dann weg SPRECHERIN darüber Schleiereulen – Tyto alba und Tyto guttata, je nach Gefiederfarbe – leben fast überall auf der Erde, außer in kalten, schneebedeckten Regionen, in Gebirgen und ausgedehnten Waldgebieten. Es gibt rund 30 Unterarten: Mediterrane Schleiereule, Madagaskar-Schleiereule, Australien-Schleiereule, Galapagos-Schleiereule, Guinea-Schleiereule … Sie alle haben eine recht große Spannweite von rund einem Meter und brauchen deshalb weite, offene Flächen zum Jagen, idealerweise mit Hecken, Gräben oder Zäunen. Das Besondere an ihnen ist das herzförmig eingerahmte, helle Gesicht mit dunklen, für Eulen recht kleinen Augen. M Missing fragments (Länge: 2´00´´) Z8035579110 SPRECHERIN Sie haben keine Federohren wir ihre Verwandten, die Waldohreule oder der Uhu. Diese Federohren sind auch keine Ohren, sondern nur aufgestellte Federn, die vermutlich der Kommunikation dienen. Ohren hat die Schleiereule natürlich schon. Die liegen unsichtbar seitlich am Kopf und helfen neben den Augen bei der Nahrungssuche. Der Gesichts-“Schleier“, also die dichten, kurzen Federn, verstärkt den ankommenden Schall für das Gehör und schirmen zugleich andere Geräusche ab. Er wirkt wie eine Parabolantenne und ist eines der Erfolgsgeheimnisse der Schleiereule. Beim Beuteflug nimmt sie so auch das geringste Geraschel und das leiseste Getrappel wahr. Atmo Schleiereule Ihre Nahrung besteht fast ausschließlich aus Mäusen: Feld-, Wühl-, Hausmäuse … aber auch mal aus Spitzmäusen, Maulwürfen oder Fledermäusen. Davon vertilgen die Eulen – sie sind rund 35 Zentimeter groß und wiegen weniger als ein Pfund – eine Menge: drei bis vier Mäuse pro Tag. Deshalb sind Schleiereulen bei den meisten Menschen auch beliebt. Sie sind Kulturfolger: Sie halten den Bauern die Mäuse vom Leib, idealerweise sogar direkt in den Scheunen: Tagsüber ruhen sie im Stehen auf einem Balken und lehnen sich dabei gerne an. In der Dämmerung werden sie aktiv, putzen sich und beginnen dann, nach Beute Ausschau zu halten. In einer Scheune sondieren sie von oben die Lage und lassen sich dann zum Jagen auf den Boden nieder. In Deutschland ist mit diversen Strukturreformen der Landwirtschaft die gute alte Scheune vielerorts verschwunden – und mit ihr die Mäuse und die Schleiereulen. Deshalb stehen sie auf der Roten Liste der bedrohten Arten. O TON 2 Werner Hellwig das Thema ist mit dem Bauernsterben bei uns hier sicherlich genauso wie in anderen Regionen, dass Scheunen gar nicht mehr landwirtschaftlich genutzt werden und auch kein Stroh mehr haben. Ich komme zum Teil in Scheunen rein, die sind ziemlich leergefegt. Da hat die Eule keine Chance, irgendwo auf dem nackten Betonboden zu brüten. SPRECHERIN Doch wie kann man ihnen helfen? Indem man zum Beispiel Nistkästen in vor der Witterung geschützten Räumen für sie aufstellt. O TON 2 Werner Hellwig Was wir festgestellt haben, ist, wenn Tiere im Umkreis sind, also Schafe, Rinder, dann haben wir eine große Chance, dass die Eule kommt, weil da sind auch die Mäuse dann da, in der Regel. Wenn es irgendwo am Waldrandgebiet ist, das mag die Eule nicht so gerne, dann haben wir eher geringe Chancen, dass die Eule reingeht. SPRECHERIN Deutsche Scheunen: zu sauber, zu ordentlich. Trotzdem haben Werner Hellwig und seine Helfer Erfolg. In den 1980er Jahren zählte Hellwigs Vorgänger ganze drei Brutpaare im Landkreis Coburg in Oberfranken, derzeit gibt es im Mittel 20 Brutpaare pro Jahr. Wobei die Zahlen zwischen den Jahren stark schwanken, je nach Größe der Mäusepopulation: 2022 wurden 36 Jungvögel gezählt, 2023 waren es 86. 80 Prozent der Fläche im Landkreis Coburg werden land- und forstwirtschaftlich genutzt, davon 20 Prozent als Dauergrünland: Das ist das Nahrungsgebiet, das die Schleiereule eigentlich braucht. Doch auch hier: Deutsche Wiesen und Weiden: zu ordentlich, zu eintönig. O TON 3 Werner Hellwig Was uns fehlt, sind so ein bisschen die zusammenhängenden Ödland Streifen, wo die Kleinsäuger dann ausreichend Lebensraum haben. Wir haben da Maßnahmen ergriffen vom Landesbund für Vogelschutz, auch in der Richtung, dass wir Flächen aufkaufen oder Flächen anpachten, dass wir da Nahrungsangebot schaffen. Eulengeräusch SPRECHERIN darüber Bernd-Ulrich Rudolph von der Vogelschutzwarte des Bayerischen Landesamts für Umwelt kennt die Problematik. Er ist zuständig für Schutzprogramme und die Dokumentation der Bestände: O TON 4 Bernd-Ulrich Rudolph Wir haben ja diesen Flächenverbrauch, den Zuwachs, auf der landwirtschaftlichen Flur vor allem spielt der sich ab. Große Gewerbegebiete und so weiter entstehen um die Siedlungen. Der Verkehr nimmt zu und die Straßendichte nimmt zu. Und das führt dazu, dass zum einen natürlich auch Nahrungsflächen weniger werden und zum anderen die Zahl der Kollisionsopfer steigt. SPRECHERIN Kollisionsopfer, weil Eulen gegen Autos, LKWs oder Züge fliegen: O TON 5 Bernd-Ulrich Rudolph Eulen fliegen ja niedrig, Die jagen in unter zwei Metern Höhe über dem Boden. Die müssen ja die Mäuse hören und dann schnell zugreifen, wenn sie die orten. Und dabei überqueren sie natürlich vielfach die Straßen, auch Eisenbahnlinien, sodass die Zahl der Eulen unter den Verkehrsopfern oder Kollisionsopfern schon überdurchschnittlich hoch ist. SPRECHERIN Die Datenlage der Schleiereule ist in Bayern etwas unklar. Zwischen 1996 und 2016 hat sich die Zahl der Brutpaare schätzungsweise halbiert, es ist aber nicht bekannt, wie viele Paare es Mitte der 90er Jahre gab. Andere Daten aus einer Erhebung zwischen den Jahren 2005 bis 2009 sprechen von rund 1.500 Brutpaaren in Bayern. In den letzten Jahren gehen die Zahlen wieder nach oben, so Rudolph. SPRECHERIN darüber Schleiereulen kommen in Franken, in der Donauniederung und in Schwaben vor. Das Alpenvorland oder gar die Alpen sind kein Lebensraum für sie: O TON 6 Man kann sich die Linie der südlichsten Brutvorkommen in Bayern vorstellen zwischen Augsburg und Landsberg, also die Region Schwabmünchen. Im Unterallgäu gibt es noch Brutpaare. Nördlich von München, im Erdinger und Freisinger Moos, gibt es Brutpaare, aber recht viel weiter nach Süden kommt sie nicht vor, weil eben im Alpenvorland die Winter im Durchschnitt deutlich härter sind mit längeren Schneelagen. Und da die Schleiereule nicht dem Winter ausweicht, also sie bleibt im Brutgebiet, kommt es dann dazu, dass bei längerem Schnee die Vögel verhungern. SPRECHERIN darüber Sie verhungern, weil sich die Mäuse unterhalb der Schneedecke bewegen und so für die Eulen unauffindbar sind. Musik After bombing raid (Länge: 1´37´´) Z8037642103 unter: SPRECHERIN darüber Im Nahen Osten gibt es für Schleiereulen genug Fressen, aber sie sterben oft, weil die Bauern systematisch Giftköder gegen Ratten und Mäuse auslegen. Sie vergiften damit auch deren Jäger: Die häufen das Gift im Körper an und sterben nach einer Zeit. MUSIK 2 hoch SPRECHERIN darüber Der Schweizer Biologe Alexandre Roulin [sprich: Rulää] betreibt seit 15 Jahren das Projekt „Owls for Peace“, Eulen für den Frieden – im fruchtbaren Grenzgebiet rund um den Fluss Jordan – im Norden Israels, im Norden Jordaniens und im Westjordanland, das zu den Palästinensischen Gebieten gehört. Es geht um Ökologie, um Frieden und um Schleiereulen. MUSIK 2 hoch SPRECHERIN darüber Einige Eulen nisten in Israel und jagen ihre Beute hauptsächlich in den palästinensischen Autonomiegebieten, wobei sie täglich die Grenzen überfliegen. Es gibt auch „binationale“ Paare. Schleiereulen bleiben ein Leben lang zusammen. Außerhalb der Balz- und Brutzeit gehen sie allerdings ihre eigenen Wege. Landwirte und Schulkinder aus verschiedenen Gemeinden sind an dem Owls for Peace-Projekt beteiligt, lernen sich gegenseitig kennen und sehen die Bedeutung ihres gemeinsamen Naturerbes. O TON 7 Alexandre Roulin OVERVOICE Wir benutzen Schleiereulen, um die Bauern zu motivieren, weniger Gift auf ihren Feldern auszubringen, um Nagetiere zu töten. Wir sagen ihnen, dass die Schleiereulen den Job erledigen können. Sie machen alle das Gleiche: israelische Bauern, palästinensische und jordanischen Bauern. SPRECHERIN Die Nagetierpopulationen steigen in der Region rasant an, sie können ganze Ernten zerstören. O TON 8 Alexandre Roulin OVERVOICE Wir haben Erfolg, weil wir weder über Politik noch über Religion sprechen. Wir bringen die Menschen aus diesen drei Gemeinschaften an einen Tisch, um über einen gemeinsamen Feind zu sprechen. Und der gemeinsame Feind sind die Nagetiere. SPRECHERIN Umweltschutz wurde zu Wissenschaftsdiplomatie. O TON 9 Alexandre Roulin OVERVOICE Und was mir in all den Jahren aufgefallen ist, ist, dass die Juden und die Araber Freunde sein können. Die Leute, mit denen wir arbeiten, sind Freunde! Und das ist eine Inspiration, von unten, von den Bauern, nach oben, zu den Anführern M Somber secrets (Länge: 0´44´´) Z8035579107 unter: SPRECHERIN In Israel kauften und montierten die Bauern die Nistkästen selbst, bislang rund 5.000. In Jordanien stehen drei bis vierhundert Kästen, in den Palästinensischen Gebieten rund 200. Die hat die Stiftung von Roulin gekauft und Menschen dafür bezahlt, sie anzubringen – mit israelischem und internationalem Geld. Jetzt hat Israel die Unterstützung eingestellt, wegen des Krieges. Die Situation ist schwierig. Momentan denken alle an die Menschen, nicht an die Eulen: O TON 10 Alexandre Roulin OVERVOICE In der Vergangenheit hat das Projekt immer überlebt, auch wenn sich die politische Situation wirklich von einem Tag auf den anderen geändert hat. Wir denken, dass das Projekt mehr denn je gebraucht wird. SPRECHERIN Auch mit den Palästinensern steht Roulin in Kontakt: O TON 11 Alexandre Roulin OVERVOICE Das Leben im Westjordanland wird zum Albtraum. Deshalb suche ich jetzt nach Geld, Geld aus der Schweiz, einem neutralen Land. Mir ist klar: Sie brauchen Hoffnung. SPRECHERIN In den Palästinensischen Gebieten und in Jordanien hatten es Schleiereulen noch nie leicht: O TON 12 Alexandre Roulin OVERVOICE Es gibt noch ein anderes Problem in der arabischen Welt. Dort haben sie Angst vor Schleiereulen. Sie sind ein schlechtes Omen für sie. Wir müssen den Menschen beibringen, dass die Schleiereulen nicht die Feinde, sondern die Verbündeten sind. Sie haben einen sehr starken Aberglauben, wie wir übrigens früher in Europa auch, genau dasselbe. Cumulonimbus (b) C1601420103 (Länge: 0´25´´) unter: SPRECHERIN In Spanien dachte man lange, Schleiereulen flögen in die Kirchen, um dort das Öl aus den Kerzen zu trinken. Deshalb wurden sie verjagt. In Deutschland dachte man, eine tote, an die Scheunenwand genagelte Schleiereule schütze vor Blitz und Feuer. M Morgentau Z8015897125 (Länge: 0´53´´) unter: Dabei sind Schleiereulen friedfertige Wesen, zumindest im eigenen Nest: Alexandre Roulin hat herausgefunden, dass Küken komplexe Verhaltensmuster haben: Während der Wartezeit auf die Eltern klären die Küken untereinander, welches die nächste Beute bekommen soll. Roulin sagt, sie streiten nicht, sie verhandeln. Das beweist die absolute Ruhe im Nest, wenn die Eltern eine Maus bringen: Die Küken haben schon vorher entschieden, wer gefüttert wird. Roulin ist wohl einer der erfahrensten Schleiereulen-Experten der Welt. Seit mehr als 40 Jahren untersucht er sie. Das hat etwas mit Faszination für dieses außergewöhnliche Tier zu tun: O TON 13 Alexandre Roulin OVERVOICE Es gibt diese Variation in den Farben rot-weiß, eine sehr deutliche Variation. MUSIK Left behind Z8037642108 (Länge: 0´50´´) unter: SPRECHERIN Tyto alba ist mehrheitlich hell, Tyto guttata ist eher gelblich-rostfarben. Die hellen Schleiereulen leben auf der iberischen Halbinsel und auf den britischen Inseln. Dort haben sie die letzte Eiszeit überlebt. Dann, nach der Schmelze, haben sie den Rest Europas wieder besiedelt, vor rund 100.000 Jahren. Bei dieser Wanderung nach Norden und Osten ist ihr Gefieder mutiert und hat rötliche Töne angenommen. … Es gibt also erst seit der Eiszeit zwei Farbvarianten. Derzeit kann man in Bayern beobachten, wie sich die beiden vermischen. Es kommt zu neuen Farbabstufungen. O TON 14 Alexandre Roulin OVERVOICE Dieser Vogel ist kosmopolitisch. Wir finden ihn nahezu überall auf dem Planeten. Wenn Sie beispielsweise die Farbe untersuchen, sagen wir in Deutschland, in Spanien, in der Schweiz, dann kann man versuchen zu prüfen, ob das, was man hier findet, auch in den USA, in Südamerika oder in Afrika zu finden ist. Man kann die Studien an einem anderen Ort machen, sie einfach wiederholen. SPRECHERIN: Zudem gibt das Brutverhalten Auskunft über Umwelteinflüsse: O TON 15 Ale…

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    Hoffnung - Die Stille Kraft Feb 14, 2024
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    Wenn nichts mehr geht, dann bleibt die Hoffnung. Sie stirbt bekanntlich zuletzt. Hoffnung gibt Kraft und hält am Leben. Doch die Hoffnung hat auch eine Kehrseite: dann nämlich, wenn sie träge und faul macht. Autorin: Karin Lamsfuß (BR 2020)CreditsAutorin dieser Folge: Karin LamsfußRegie: Christiane KlenzEs sprachen: Xenia Tiling und Stefan MerkiTechnik: Susanne HarasimRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Prof. Giovanni Maio, Medizinethiker Uni Freiburg;Dr. Claus Eurich, Philosoph und emeritierter Ethik-Professor;Wolfgang Jacobs, Theologe und Krankenhausseelsorger Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Das Wunder - Faszination des UnerklärlichenJETZT ANHÖREN Der Himmel - Bilder vom ewigen GlückJETZT ANHÖREN Dankbarkeit - Quelle der Freude und des GlücksJETZT ANHÖREN Frieden - Persönliche Sehnsucht - Politische UtopieJETZT ANHÖREN Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek.ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1 (Z8000712 117 Carrie Newcomer: A Whole Lot Of Hope 0’40) O-Ton 1 Maio: Der hoffende Mensch ist derjenige, der weiß, dass die Zukunft offen ist. O-Ton 2 Jacobs: Hoffnung ist etwas, was die Leute brauchen, um sich am Leben zu halten. O-Ton 3 Maio: Der hoffende Mensch ist zugleich auch der, der im Hoffen immer zugleich auch bangt. O-Ton 4 Eurich: Hoffnung ist die Erwartung auf eine Zukunft, die möglicherweise besser ist als die Gegenwart und als die Vergangenheit. O-Ton 5 Jacobs: Die Erwartung, dass etwas Wünschenswertes eintritt, ohne die Gewissheit zu haben, dass es eintreten wird. Sprecherin: Die Hoffnung ist ein seltsames Ding: Kaum ein Tag vergeht, oft kaum eine Stunde, ohne dass Menschen nicht irgendetwas Zukünftiges erhoffen: Banales wie etwa, dass sie den Zug noch erwischen, die Kinder gute Noten bekommen, sich Oma über den Kuchen freut, die Aktienkurse steigen. Und Bedeutsames wie etwa, dass sie ihren Job behalten, die Ehe lange hält oder ein geliebter Mensch wieder gesund wird. Der Mensch schreibt ständig Geschichten mit offenem Ausgang weiter – natürlich in der Hoffnung, dass diese glücken bzw. gelingen. Doch, das wird der Hoffnung im Kern nicht gerecht. Und so spielt das Leben auch nicht. MUSIK 2 (Z8028426 102 Tindersticks: The Amputees 0’27) Sprecherin: Er war ein Sonnyboy. Kitesurfer. Sonnengebleichte, blonde Haare, braun gebrannt. Verena verliebte sich sofort in ihn. Nach dem Studium heirateten beide. Und hofften auf ein tolles, aktives, gemeinsames Leben. O-Ton 7 Verena: Und dann irgendwann dieser Dienstag-Abend war, wo wir zu dritt bei dem Arzt saßen, also mein Mann, sein Vater und ich, und der Arzt dann sagte: „Ich muss Ihnen die Mitteilung machen: Ja, Sie haben Multiple Sklerose“! Und dann steht man da auf einmal und denkt: Das Leben ist jetzt erst mal zu Ende. Ich war 33 und er war 29. MUSIK 3 (Z8028007 110 Max Richter: Hope strings eternal 0’27) Sprecherin: Es gab keine Hoffnung auf Heilung, maximal darauf, dass die Krankheit einen milden Verlauf nehmen würde. Zwei Jahre lang sah es so aus, als würde sich diese Hoffnung erfüllen. Kaum Symptome. Beide lernten mit der Krankheit zu leben. O-Ton 8 Verena: Und dann kam wirklich der totale Hammerschub, weil es ihn dann nicht nur am linken Bein getroffen hatte, sondern an der ganzen rechten Körperhälfte, die war dann quasi wie gelähmt. - So! Und das war wirklich der Punkt, wo unser Leben auf den Nullpunkt gesetzt worden ist. Es ist die Frage: wird er sich überhaupt irgendwie rühren können? Oder ist er jetzt irgendwie so’ n Schwerstpflegefall? Sprecherin: Alle Hoffnung war zerstört. Und nun? MUSIK 4 (C1637800 101 Martin Tingvall: Hope 0’42) Sprecherin: Die Philosophie gibt hier nur wenige Antworten. Nur ganz wenige philosophische Werke - wie etwa „das Prinzip Hoffnung“ des deutschen Philosophen Ernst Bloch - beschäftigen sich mit der Hoffnung. Dabei geht es bei diesem Thema eigentlich um eine ganz grundlegende philosophische Frage: Wie kann Leben gelingen – mit all seinen Wünschen und Sehnsüchten auf der einen Seite und der Möglichkeit des Scheiterns dieser Wünsche auf der anderen Seite? O-Ton 9 Eurich: Da schwingt dann natürlich auch immer Hoffnung mit. Und da handelt es sich dann aber um eine andere Dimension von Leben und Lebensorientierung, die nicht nur mit Haus und Partnerschaft und so was zu tun hat. Sondern da betreten wir wirklich den tiefen Boden des Seins. Sprecherin: Dr. Claus Eurich, Philosoph und emeritierter Professor für Ethik. Zitator: Hoffnung ist der Regenbogen über dem herabstürzenden Bach des Lebens. … Sprecherin: Meinte Friedrich Nietzsche. Hoffnung ist vor allem dort wichtig, wo der Mensch nicht mehr handeln kann. Weil es nicht in seiner Macht liegt. Oder weil alles getan ist. Dann hilft nur noch die Hoffnung. Oder das Gebet. Hoffnung im tieferen Sinne ist also keine Gier nach kurzfristiger Wunscherfüllung, sondern eine Grundhaltung zum Leben mit all seinen Widrigkeiten und Unwägbarkeiten. O-Ton 10 Maio: Wenn man sich fixiert auf eine ganz bestimmte Form der Zukunft, dann hoffe ich nicht. Dann erwarte ich etwas. Wenn diese Erwartung nicht eintritt, dann verzweifle ich. Sprecherin: Giovanni Maio, (sprich: Ma-jo) Professor für Medizinethik an der Uni Freiburg. Er hat ein Buch geschrieben über die „Kunst des Hoffens“ bei schwerer Krankheit. Er sagt: Wirkliche Hoffnung entspringt einer Haltung jenseits von vordergründigem Optimismus, von „alles wird gut“. Sie ist eher verortet im den inneren Sphären der Zuversicht, des Vertrauens: O-Ton 11 Maio: Am Anfang hofft man auf etwas ganz Bestimmtes. Und das ist ganz natürlich, dass man hofft, dass man nicht krank ist. Und hofft, dass es heilbar sein wird. Das ist ganz normal und nachvollziehbar. Aber wir haben zwei verschiedene Formen von Hoffnung: die eine Hoffnung, die sagt „Ich hoffe, dass …“ und die andere Hoffnung, die da sagt: „Ich bleibe dennoch hoffend“. Zitator: Trotzdem! Dennoch! Jetzt erst recht! Sprecherin: Das ist die wahre Sprache der Hoffnung. Diese Hoffnung ist nicht auf ein bestimmtes Ziel fixiert. Sie geht tiefer. Zitator: Die Hoffnung hilft uns leben … Sprecherin: Sagte schon Johann Wolfgang von Goethe MUSIK 5 (C1594660 107 Hadar Noiberg: Hope 0’25) Sprecherin: Verena und ihr Mann wussten: Der letzte Krankheitsschub hatte alles verändert. Seine Beine funktionierten nicht mehr. Also musste eine barrierefreie Wohnung her. Denn Treppensteigen war unmöglich geworden. Autofahren auch. Wie ihr Alltag künftig aussehen könnte, das wussten beide nicht. O-Ton 12 Verena: Als er im Krankenhaus war und es wirklich gerade so schlimm war, dann saß er da im Rollstuhl und sagte: „Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr“. Und wir beide dann geheult haben wie die Schlosshunde und nicht mehr weiterwussten, und alles war schwarz. MUSIK 6 (C1594660 107 Hadar Noiberg: Hope 0’22) Sprecherin: In Grenzsituationen wie einer schweren Erkrankung zeigt sich der Charakter der stärkenden Seite der Hoffnung besonders. Weil es hier um das kostbarste Gut geht: um die Unversehrtheit des Körpers. Um das Leben. Natürlich hofft jeder zunächst auf Heilung. Doch was ist, wenn das nicht klappt? Bleibt die Heilung aus, ist alles hoffnungslos. O-Ton 13 Maio: Wenn man am Anfang die Hoffnung reduziert auf ‚Ich will unbedingt Heilung, wenn nicht, dann ist alles sinnlos‘. Das ist Ausdruck nicht nur von Hoffnungslosigkeit, sondern es ist Ausdruck von Ungeduld, es ist auch Ausdruck von fehlender Klarsichtigkeit. Der Hoffende sieht ganz klar. Und er glaubt daran, dass er innere Ressourcen hat, um auch das Vergebliche so anzugehen, dass keine Sinnlosigkeit eintritt. Sprecherin: Die Hoffnung hat unzählige Gesichter. Mal ist sie zaghaft, mal ist sie stark. Sie keimt auf, sie wird wieder zerstört. Sie verändert sich stetig. Immer aber ist sie im Fluss. O-Ton 14 Maio Hoffnung hat drei Elemente: Sie ist einerseits Erkenntnis: zu erkennen, wie bedrohlich die Zukunft ist; zugleich ist sie aber auch ein Gestimmtsein, im Sinne des Offenbleibens bezogen auf die Zukunft. Und sie ist drittens Phantasie. Die Bereitschaft, die Zukunft wirklich als offen anzuerkennen und daran zu glauben, dass sich Dinge ereignen, die einem doch Kraft geben können. MUSIK 7 (MR036260 104 Edmar Castaneda & Gregoire Maret: Hope 0’41) Sprecherin: Hoffen ist also: wissen, dass nichts sicher ist. Und trotzdem vertrauen, dass genügend Ressourcen da sind, um Herausforderungen zu meistern. So bewegt sich die konkrete Hoffnung weg von der Fixierung auf ein bestimmtes Ziel hin zu einem grundsätzlichen Vertrauen. Also nicht: Zitator: Alles wird gut! Sprecherin: Sondern: Zitator: Auch wenn es nicht gut wird, wird es einen Weg geben, damit umzugehen. O-Ton 15 Verena: Also ich habe gemerkt: Natürlich kommen dann manchmal so Ängste hoch: Ach, wenn’s doch so bleibt, was machen wir denn dann? Und dann habe ich gedacht: Damit setzt du dich auseinander, wenn’s so ist, und in dem Moment, wo noch die Hoffnung besteht, dass es wieder besser wird, hältst du dran fest. Zitator: Die Hoffnung mag eintreffen oder nicht, so hat sie doch das Gute, dass sie die Furcht verdrängt. Sprecherin: Meinte der deutsche Schriftsteller Jean Paul im 18. Jahrhundert. MUSIK 8 (Z8028982 103 Ed Hogston: Memories 0’30) Sprecherin: Wolfgang Jacobs ist Theologe, ehemaliger Pfarrer und hat lange als Krankenhausseelsorger gearbeitet. 14 Jahre lang hat er täglich Gespräche geführt mit Menschen, die hofften und die bangten. Aber niemand, so erinnert er sich, hatte die naive Hoffnung, dass alles wieder gut werden möge. O-Ton 16 Jacobs: Bei Menschen, die einen Bezug zur Religion oder Spiritualität haben, war das die Hoffnung darauf, dass eine Gottheit oder eine Macht oder eine Kraft ihnen so etwas gibt wie die Zuversicht, dass das, was ihnen da widerfährt, sowohl ne Form von Sinn hat, als auch etwas ist, das nicht ganz aussichtslos ist. Zitator: Durch ein unerklärliches Phänomen haben viele Leute Hoffnungen, ohne Glauben zu besitzen. Sprecherin: … sagte der französische Philosoph Honoré de Balzac. Und weiter heißt es in dem Zitat: Zitator: Die Hoffnung stellt die Blüte des Wunsches dar, der Glaube ist die Frucht der Gewissheit. Sprecherin: Gläubige Menschen tun sich manchmal leichter mit der Hoffnung. Sie legen ihr Leben in Gottes Hand und fühlen sich auch in schwierigen Lebenslagen beschützt und getragen. Als würde eine höhere Macht gut für sie sorgen – so beschreiben viele ihr Gefühl. Die Hoffnung trägt und stärkt also. Aber ihre Kraft wird auch manchmal missbraucht. Etwa, um aussichtslose Therapien durchzusetzen. Oder um die eigene Hilflosigkeit nicht zugeben zu müssen, so Medizinethiker Giovanni Maio: O-Ton 17 Maio: Wenn die Medizin glaubt, sie kann nur dann Hoffnung vermitteln, wenn sie Heilung verspricht, dann ist sie oft sehr vollmundig. Und dann macht sie oft auch Therapien, die im Grunde nicht immer sinnvoll sind. Weil sie meint, nur so Hoffnung vermitteln zu können, stattdessen müsste man sich wirklich intensiv mit dem Patienten beschäftigen und über sein Bangen reden und auf diese Weise tiefer zu denken und zu erkennen, woran einem wirklich liegt. Und inwiefern man das, woran einem liegt, immer noch verwirklichen kann. Auch im Zustand der Unheilbarkeit. Zitator: Die Hoffnung stirbt zuletzt! Sprecherin: Lautet eins der vielleicht meistzitierten deutschen Sprichwörter … MUSIK 9 (Z8025975 102 Christopher Dierks: Hope 1’00) Sprecherin: Der Mensch braucht Hoffnung zum Leben. Zum Überleben. Gerade in schwierigsten Zeiten. Die Frage ist jedoch: Worauf genau bezieht sich die Hoffnung? O-Ton 18 Jacobs: Ich glaube, Hoffnung braucht als Basis das Gefühl von Geborgenheit. Gut im Leben zu sein sozusagen. Sich aufgehoben fühlen. Worin auch immer. Das kann religiös, das kann spirituell sein, das kann auch Philosophisches sein. Aber eine Basis zu haben, worin ich mich aufgehoben und geborgen fühle. Das ist, glaube ich, das Zentrale für Hoffnung. Sprecherin: Hoffnung kann aber auch zur Zumutung werden. Nämlich dann, wenn sie zur Verpflichtung wird. Wenn Angst, Verzweiflung und Mutlosigkeit keinen Platz finden und stattdessen immer nur Hoffnung verbreitet werden soll. O-Ton 19 Verena: Das Allerschlimmste war, alleine auf weiter Flur die Optimismus-Frau zu spielen. Das heißt, diese Zuversicht auszustrahlen: für mich, für ihn und dann auch noch für seine ganze Familie. Ich sag mal so: Es war ein bisschen so, als wenn ich alleine wie Jeanne d’Arc vor so nem Heer von Leuten stehe, die mich alle attackieren mit diesen Ängsten – es gab gar keine Alternative, außer: Ich muss jetzt diese Zuversicht ausstrahlen – auch für mich selber. Sprecherin: Der Theologe und Krankenhausseelsorger hält diesen „Zwang zur Hoffnung“ für fatal: O-Ton 20 Jacobs: Weil die Angehörigen dann meinen: indem sie so was wie Zuversicht und Hoffnung verbreiten, „du schaffst das schon“, würde dem Patienten auch noch mal geholfen. Das Fatale ist: Ich habe dann häufig erlebt, dass Patienten, wenn ich mit ihnen gesprochen habe – ohne die Angehörigen – gesagt haben: „Ja, die meinen immer noch, es würde gehen. Aber ich weiß ja, dass es nicht mehr geht. Aber ich will denen auch nicht die Hoffnung nehmen. Also es ist etwas, wo ganz paradoxe Geschichten ablaufen. Sprecherin: „Ein Spiel mit der Hoffnung“ nennt Wolfgang Jacobs das. Ein Spiel, indem sich alle Beteiligten etwas vormachen. Ein Spiel, das das vielleicht Wichtigste in dem Augenblick verhindert: nämlich sich mit dem auseinanderzusetzen, was ist. MUSIK 10 (Z8026958 125 Glimmer of hope c 0’55) Sprecherin: Tiefe Hoffnung wirkt kraftspendend und falsche Hoffnung zerstörerisch. Der Nährboden wahrer Hoffnung ist Geborgenheit oder spirituelle Verortung – ganz gleich, wie sie aussieht. Hoffnung kann aber auch fadenscheiniges Mittel zum Zweck sein: Um eine Fassade aufrecht zu halten. Oder um sich selbst zu beruhigen. Oder vor der Realität zu fliehen. Zitator: Wer sich von der Hoffnung nährt, ist stets in der Schwebe und lebt nicht. Sprecherin: Das meinte schon vor fast 500 Jahren der niederländische Theologe und Humanist Erasmus von Rotterdam. Friedrich Nietzsche formuliert es noch zugespitzter: Zitator: Sie ist in Wahrheit das übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert. Sprecherin: Hoffnung, die quält, Hoffnung, die wirkliches Leben verhindert: Diese Hoffnung kann wie ein Kleber sein. Ein Kleber, der Menschen an etwas festhalten lässt, das ihnen nicht guttut: Sie hoffen: Zitator: … dass der schreckliche Nachbar endlich freundlich wird … Sprecherin: … dass der Verflossene endlich zurückkehrt … Zitator: … dass der selbstherrliche Chef endlich mal ein Lob ausspricht … Sprecherin: Falsche Hoffnungen: Diese Hoffnungen sind toxisch. Sie halten gefangen in einer Phantasie, die wahrscheinlich niemals Wirklichkeit wird. Zitator: Nichts ist leichter als Selbstbetrug. Denn was ein Mensch wahrhaben möchte, hält er auch für wahr. Sprecherin: Fand der griechische Redner Demosthenes schon 300 Jahre vor Christus. Hoffnung als Illusion. Als Flucht vor der Realität. Und als willkommene Ausrede, die Hände in den Schoß zu legen. Hoffnung wird in dem Moment missbraucht, wenn sie an die Stelle der Handlung tritt. Und unbedingt notwendige Schritte verhindert. MUSIK 11 (Z8028982 105 Ed Hogston: Wandering 0’40 / im Hintergrund gleichzeitig MUSIK 12 Z9507313 208 Plan B: Hope in hell 0‘25) Sprecherin: Spätsommer 2019: 11.000 internationale Wissenschaftler erklären den „Klima-Notfall“. Und warnen: Zitator: Sollten die M…

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    Die Gründung des modernen Griechenlands - Die erträumte Nation Feb 13, 2024
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    Kurztext:Am Anfang stand eine "große Idee", der Traum einer modernen griechischen Nation von gleicher Bedeutung wie das antike Byzanz. Vom ersehnten Großgriechenland blieb das bekannte Land mit der Hauptstadt Athen. Autor: Martin Trauner (BR 2016)CreditsAutor dieser Folge: Martin TraunerRegie: Martin TraunerEs sprachen: Hemma Michel, Sven HussokTechnik: Christiane SchmidbauerRedaktion: Thomas Morawetz Im Interview:Prof. Dr. Ioannis Zelepos, Byzantinist, LMU München Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir:ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSENSkurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks.DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks.EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK: C118397 006 (00‘07‘‘) ZITATOR: Provisorische Verfassung Griechenlands ... MUSIK: C112782 016 (00‘19‘‘) ERZÄHLERIN: Epidauros auf der Peloponnes. Heute bekannt durch das bestens erhaltene antike Theater, in das 14.000 Zuschauer passen. Vor gut 200 Jahren Schauplatz für ein anderes Spektakel. O-TON Ioannis Zelepos: Am 1. Januar 1822 - der Krieg war noch nicht ein Jahr - da ist schon eine Verfassung erlassen worden. MUSIK: C118397 006 (00‘07‘‘) ZITATOR: Im Namen der heiligen und unteilbaren Dreieinigkeit ... MUSIK: C112782 016 (00‘19‘‘) ERZÄHLERIN: 67 griechische Revolutionäre sind nach Epidauros gekommen, um gemeinsam an einer Verfassung zu arbeiten. Mit im Gepäck haben sie eine Idee: ein freies, unabhängiges Griechenland. MUSIK: C118397 015 (00‘27‘‘) ZITATOR: ... Da die griechische Nation unter der schaudervollen osmanischen Herrschaft das höchst drückende und beispiellose Joch der Tyrannei nicht zu ertragen vermochte und es mit großer Aufopferung abgeschüttelt hat, so verkündigt sie heute durch ihre legitimen, in einer Nationalversammlung zusammengetretenen Repräsentanten vor dem Angesicht Gottes und der Menschheit ihre politische Existenz und Unabhängigkeit. MUSIK: C112782 016 (00‘19‘‘) O-TON Ioannis Zelepos: Das ist die erste Revolutionsverfassung - davor gab's so Lokalverfassungen -, aber die erste, die wirklich den Vertretungsanspruch der Nation, also für den gesamten Aufstand auch erhebt - MUSIK: C156186 001 (00‘32‘‘) ERZÄHLERIN: Sagt Ioannis Zelepos. Professor für Byzantinistik. Der Münchner Künstler Ludwig Schwanthaler verewigt Jahre später den heroischen Augenblick in einem Gemälde: Männer in griechischer Volkstracht mit Krummschwertern präsentieren feierlich ihren Verfassungsentwurf. Einziges Manko: Schwanthaler war nicht dabei. Aber die Szenerie passt halt so gut: Die Wiedergeburt Griechenlands in den antiken Überresten von Epidauros, vor dorischer Säulenkulisse ... MUSIK ENDE O-TON Ioannis Zelepos: Die Örtlichkeit eignet sich gut für eine – also parlamentsartige Versammlung. Das ist ein Punkt. Und der zweite Punkt ist, dass die Argolis, wo das liegt, eigentlich dann das das Zentrum der Aufständischen schon relativ früh war. Also das heißt: Da kontrollierten Sie halt das Gebiet, und das Verwaltungszentrum – es gab noch keine – in diesem ersten Jahr – keine Hauptstadt – es war dann da auch schon. ERZÄHLERIN: Noch war Griechenland im Jahr 1822 weit entfernt davon, ein eigener, unabhängiger Staat zu sein. Die Aufständischen hatten zwar große Teile der Peloponnes und Mittelgriechenland unter ihre Kontrolle gebracht. Aber: Die europäischen Großmächte verweigerten einem neuen Staat ihre Anerkennung, und auch die Osmanen gaben sich noch lange nicht geschlagen. MUSIK: C118397 015 (00‘07‘‘) ZITATOR: Alle Griechen sind gleich vor dem Gesetze, ohne irgend eine Ausnahme, oder Stufe, oder Klasse, oder Ansehen. MUSIK: C112782 016 (00‘33‘‘) ERZÄHLERIN: Die Aufständischen präsentieren in Epidauros einen fortschrittlichen Verfassungsentwurf, ganz im Sinne der Aufklärung und der französischen Revolution. Einerseits, weil sie dadurch auf schnelle Akzeptanz durch europäische Intellektuelle hoffen, andererseits ist man sich der antiken Tradition bewusst und wählt als künftige Staatsform die Demokratie. Zwar legen sie von Anfang an fest, dass die herrschende Religion im griechischem Staate die der morgenländischen orthodoxen Kirche Christi sei, aber: MUSIK: C118397 015 (00‘56‘‘) ZITATOR: Es duldet jedoch die Regierung von Griechenland jede andere Religion und die heiligen Gebräuche einer jeden derselben werden ungehindert ausgeübt. ERZÄHLERIN: Und man legt, nach Jahrhunderte langer Fremdherrschaft unter dem Halbmond auf rotem Tuch, die neuen Farben des Staates fest: ZITATOR: Die Farben der Nationalkokarde, der Flaggen des Meeres und der Fahnen des festen Landes werden so bestimmt: weiß und blau. ERZÄHLERIN: Das erste Dokument, in dem die griechischen Farben weiß und blau bestimmt werden. Und: Obwohl sich das Gerücht hartnäckig hält – es ist keine bayerische Erfindung ... O-TON Ioannis Zelepos: Und übrigens auch dadurch das erste offizielle Dokument dieser Art, wo sich die Aufständischen auch als Hellenen bezeichnen. MUSIK ENDE ERZÄHLERIN: Hellenen. Oder Griechen. Das Volk an der Ägäis nannte sich seit Jahrhunderten nicht mehr so. Seit den Zeiten des byzantinischen Reiches bezeichneten sie sich als "Rhomäer", als "Römer". O-TON Ioannis Zelepos: Das bezog sich auch auf das christliche Bekenntnis vor allem, was ein wichtiges Identitätsmerkmal war, dass man also Christ war, orthodoxer Christ vor allen Dingen. Während in diesem alten Sprachgebrauch Hellene eigentlich ein Synonym war für einen Heiden, also Nichtchristen. Aber das änderte sich dann im 18. Jahrhundert und wurde zu einer Selbstbezeichnung. ERZÄHLERIN: In der Verfassung von Epidauros nennt man sich nun Hellene. Und freier Hellene ist man nur, wenn man an den orthodoxen Christus glaubt und in Griechenland geboren wurde. Nur: Wo liegt eigentlich dieses Land der Hellenen, wo liegt Griechenland? MUSIK: C112782 016 (00‘20‘‘) ZITATOR: Und an dem Ufer steh ich lange Tage Das Land der Griechen mit der Seele suchend. Und gegen meine Seufzer bringt die Welle Nur dumpfe Töne brausend mir herüber ... MUSIK ENDE ERZÄHLERIN: Johann Wolfgang von Goethe lässt seine Iphigenie auf der Insel Tauris sehnsuchtsvoll nach Griechenland blicken. Wo ihr gelobtes Land ist, weiß sie nicht. Das antike Tauris, so vermutete man früher, könne die Halbinsel Krim im schwarzen Meer gewesen sein. Und wie der Iphigenie in ihrem Exil ging es im 19. Jahrhundert vielen Griechen: Sie lebten als Kaufleute oder Gelehrte über halb Europa verteilt: als sogenannte Diaspora-Griechen ... O-TON Ioannis Zelepos: Im weiteren Raum des östlichen Mittelmeers, aber auch am Schwarzen Meer; im Nordosten Anatoliens, im Kaukasusraum, auf der Krim. Natürlich gab es auch ganz bedeutende Diaspora-Händlerkolonien in Mitteleuropa. Also das verteilt sich einigermaßen schon so dieses Siedlungsgebiet. ERZÄHLERIN: Aber auch im griechischen Kernland um die Ägäis lebten nicht nur christlich orthodoxe Griechen, sondern auch Katholiken, Juden und Muslime. Heute würde man sagen, das Land war multiethnisch und multikonfessionell. Und in diesem heterogenen Umfeld soll ein griechischer Staat entstehen? Ioannis Zelepos von der Universität München: O-TON Ioannis Zelepos: Also einen griechischen Staat in dem Sinne gab es ja eigentlich vor dem 19. Jahrhundert gar nicht. Und als der Unabhängigkeitskrieg begann, war der größte Teil dieses Gebietes eigentlich unter – gehörte zum Osmanischen Reich unter osmanischer Kontrolle. Ein ganz kleiner Teil gehörte zu Venedig noch. Das sind die Inseln ganz im Westen da im Ionischen Meer , fast am Eingang zur Adria. Aber eigentlich gehörte das zum Osmanischen Reich und zwar schon sehr viele Jahrhunderte auch: Denn die Osmanen hatten das Byzantinische Reich erobert im 15. Jahrhundert. ERZÄHLERIN: 1453 fiel Konstantinopel in die Hände der Osmanen. Das war das Ende von Byzanz, vom Oströmischen Reich. Doch es kam nicht zu einem massenhaften Exodus der griechischsprachigen Bevölkerung. Schnell arrangierte sich die Orthodoxe Kirche mit den neuen Machthabern und beließ ihren Sitz in Konstantinopel. Der Patriarch war nach islamischem Recht nun nicht nur geistliches Oberhaupt, sondern auch der weltliche Führer des Millet-i-Rum, der "römischen Religionsgemeinschaft". Nochmals zur Erinnerung: Die Griechen hießen ja damals Römer. MUSIK: C112782 004 (00‘52‘‘) ZITATOR (Geografia Neoteriki): Unter den Türken könnten die heutigen Griechen sehr glücklich leben, wegen vieler guter Dinge, die sie anderswo entbehren müssen. ERZÄHLERIN: 1791, also nach über 300 Jahren osmanischer Herrschaft, beschreibt ein griechischer Geograph die Zustände im Land: ZITATOR (Geografia Neoteriki): Die Griechen könnten sehr glücklich leben, wenn zwei Dinge fehlen würden: das eine ist beiden gemein, das andere aber ist nur den Herrschenden zu eigen: Wenn der religiöse Hass fehlen würde, den die Griechen gegen die Türken und die Türken gegen diese hegen. Das andere ist die despotische Regierung ... ERZÄHLERIN: Über Jahrhunderte hatte das Millet-i-Rum-System ganz gut funktioniert. Und viele Griechen hatten sich trotz fremder Besatzung mit dem Sultan arrangiert ... MUSIK ENDE O-TON Ioannis Zelepos: Das kann man eigentlich tatsächlich auch sagen. Es gab ja Eliten, die sich im Osmanischen Reich dann nicht nur finanziell sozusagen gut behaupten konnten, sondern auch in hohe Staatsämter gekommen waren. Auch die Amtskirche, also der hohe Klerus, der war bestens vernetzt eigentlich mit der Sultansherrschaft. Und eigentlich kann man tatsächlich sagen, dass auch in dem Gebiet, wo der Aufstand stattfand, in den Jahrzehnten vorher eigentlich ein Wirtschaftsaufschwung stattfand. Denen ging es sogar eher besser als hundert Jahre zuvor. Aber ... ERZÄHLERIN: Aber trotzdem wächst die Unzufriedenheit. Das untergehende Osmanische Reich lässt immer höhere Steuern eintreiben und auch die Glaubenskonflikte zwischen Muslimen und Christen nehmen zu. Die einfache Bevölkerung auf dem Land bekommt von dem Wirtschaftsaufschwung wenig mit. O-TON Ioannis Zelepos: Die Idee, dass man doch jetzt mit einem eigenen Staat weiter kommt, besser vorankommt, die griff dann um sich. ERZÄHLERIN: Sagt Ioannis Zelepos, Verfasser einer "Kleinen Geschichte Griechenlands". O-TON Ioannis Zelepos: Ganz starke Impulse für diese Bewegung kommen eigentlich aus dem Bereich dieser Diaspora-Gemeinden: namentlich aus Paris, aus Wien, aus Odessa. Da bildeten sich so die ersten Zentren. Da gibt es dann ein intellektuelles Milieu sozusagen von Griechen, die diese Idee aufgreifen, dass man sich organisiert, dass man einen Aufstand organisiert. MUSIK: priv. CD „Tin Ora Pou Axionomai“ aus „I Ellada Tou Riga“ (01‘22‘‘) ZITATOR (Ioannis Makrygiannis): Die Gegend, wo ich geboren bin, ist bei Lidoriki, ein Dorf in der Gegend von Lidoriki, genannt Avoriti, fünf Hütten. ERZÄHLERIN: Ioannis Makrygiannis, geboren 1797 in einem kleinen Ort in Mittelgriechenland, beginnt mit 32 Jahren, seine Erinnerungen aufzuschreiben. ZITATOR (Ioannis Makrygiannis): Ich kann ein wenig schreiben, obwohl ich niemals in die Schule gegangen bin, da ich nie die Gelegenheit dazu hatte. ERZÄHLERIN: Makrygiannis durchläuft den griechischen Unabhängigkeitskrieg von Anfang bis zum Ende in allerlei Posten. Als Guerillero, als General und als Politiker. Er kommt aus einfachsten Verhältnissen. ZITATOR (Ioannis Makrygiannis): Meine Eltern waren sehr arm; an ihrer Armut war die Raubgier der ortsansässigen Türken schuld ... ERZÄHLERIN: Schon als Jugendlicher gelangt er mit einem selbst aufgezogenen Getreidehandel zu Geld. Er kauft sich ein silberbeschlagenes Gewehr und andere Waffen. Und er kommt in Kontakt mit neuen, geheimnisvollen Kreisen … ZITATOR: (Ioannis Makrygiannis) Ich hatte einen Freund, einen Priester. Und ich war eng mit ihm befreundet, und er war besser zu mir als zu seinen eigenen Kindern. Er wollte mich in das Geheimnis der Hetaireia einweihen ERZÄHLERIN: Das Geheimnis der Hetaireia? O-TON Ioannis Zelepos: Die Gesellschaft der Freunde oder auf Griechisch: Filiki Hetaireia. MUSIK: C112782 016 (00‘58‘‘) ERZÄHLERIN: Die Gesellschaft der Freunde wurde weit weg von Griechenland 1814 im russischen Odessa gegründet. Von einigen Diaspora-Griechen. Ein Geheimbund in Anlehnung an die Freimaurerlogen. Einziges Ziel der Filiki Hetaireia: Befreiung des Vaterlands. Viele Mitglieder hatten die verschwörerischen Freunde wohl nicht, aber: O-TON Ioannis Zelepos: Sie konnten doch den Eindruck vermitteln an ihre Adressaten, dass da eine große Organisation ist. Und dann verbreiteten sie auch das Gerücht, dass dahinter eigentlich der Zar von Russland sogar steht. Das heißt, wer da angeworben wurde, der hatte dann das Gefühl, aha, wir haben hier so eine Organisation. Das mochte gar nicht stimmen n Wahrheit, aber das führte dazu, dass dann doch die Bereitschaft, so einen Aufstand zu machen, anstieg. + MUSIK: C112782 015 (00‘12‘‘) ZITATOR: (Ioannis Makrygiannis) Ich überlegte mir alles und hielt mir alles vor Augen: Tod, Gefahren und Kämpfe, die ich alle für die Freiheit meines Vaterlandes und meiner Religion erdulden werde. MUSIK: priv. CD „O Thourios Tou Riga“ aus „I Ellada Tou Riga“ (00‘51‘‘) ZITATOR (Rigas Thourios): Wie lange, meine Helden, sollen wir in Fesseln leben, allein wie Löwen auf Kämmen und Gipfeln ... ERZÄHLERIN: Das Revolutionslied "Thourios" von Rigas Velestinlis. Er war einer der Vordenker des griechischen Aufstandes. ZITATOR (Rigas Thourios): … Lieber eine Stunde in Freiheit leben als 40 Jahre in Sklaverei! ERZÄHLERIN: Den Beginn des Aufstandes auf der Peloponnes am 25. März 1821 erlebt Rigas Velestinlis nicht mehr. 1797 wurde er von den Osmanen wegen seiner revolutionären Schriften hingerichtet. ZITATOR (Rigas Thourios): Allein nur mein Leichnam wird sterben, mein Geist wird mich überleben, denn er hat schon alle Herzen der Griechen durchdrungen. MUSIK ENDE ERZÄHLERIN: Ob der griechische Aufstand wirklich genau am 25. März 1821 begonnen hat, mag bezweifelt werden. Aber es ist der christliche Feiertag "Mariä Verkündigung" und so hat das Datum durchaus symbolischen Charakter. Es war ein Aufstand der Christen gegen ihre muslimischen Besatzer. O-TON Ioannis Zelepos: Man dachte eigentlich sogar an einen allgemeinen Aufstand gegen den Sultan, zumindest in dem von orthodoxen Christen bewohnten Teil des osmanischen Reiches, slso sogar im heutigen Bulgarien, Serbien, Rumänien. Man dachte, dass das also eine viel, viel größere Angelegenheit werden würde. Und so hat ja auch der erste Anbeginn dieses Aufstandes nicht in Griechenland stattgefunden, sondern im heutigen Rumänien. ERZÄHLERIN: Die Unruhen in Rumänien werden vom Sultan schnell niedergeschlagen. Aber in Griechenland entbrennt ein mehrjähriger Krieg, mit Massakern auf osmanischer und griechischer Seite. Zwar gelingt es den Griechen relativ schnell, die Osmanen zu vertreiben. Aber nun geraten die griechischen Aufständischen in einen Bürgerkrieg: Uneins, wie die Machtverteilung im neuen Staat aussehen soll, kämpfen alte Eliten gegen neue Machthaber, kämpfen Insulaner gegen Festland-Griechen. Und kein Frieden in Sicht. Weder im Inneren noch im Äußeren. O-TON Ioannis Zelepos: Dann kam zwei, drei Jahre später dieses Expeditionskorps aus Ägypten. Ägypten gehörte noch nominell zum Osmanischen Reich, war aber formal unabhängig, und die Ägypter die schickten da also wirklich eine modern ausgerüstete Armee. Das war die Absprache: Der Sultan versprach den Khediven in Ägypten: Wenn ihr uns helft, bekommt ihr die Insel Kreta und die Peloponnes. Und – also gegen die konnten die scho…

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    Anfänge des Rundfunks in Deutschland - Die ersten Klänge des Radios Feb 13, 2024
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    1923 ging in Deutschland die erste Radiosendung über den Äther - ohne einen einzigen journalistischen Wortbeitrag, ohne Kommentar oder Reportage, aber schon mit einem "Werbeblock". (BR 2020) Autor: Michael Marek

    Credits
    Autor/in dieser Folge: Michael Marek
    Regie: Martin Trauner
    Es sprachen: Beate Himmelstoß, Andreas Neumann, Chrostopher Mann
    Technik: Peter Preuss
    Redaktion: Nicole Ruchlak

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    Credits
    Es sprachen: Bernhard Kastner im Gespräch mit dem Biologen Dr. Thassilo Franke
    Technik: Mars13 / Peter Riegel
    Redaktion: Iska Schreglmann

    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

    Interviewpartner/innen:
    Dr. Thassilo Franke, BIOTOPIA Lab, München
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    "Alles Natur" entsteht im Austausch mit dem BIOTOPIA Naturkundemuseum Bayern.
    Bei BIOTOPIA – Naturkundemuseum Bayern, dem neu entstehenden Museum und Zukunftsforum für Lebens- und Umweltwissenschaften in München, bringen wir topaktuelle Forschung und die Öffentlichkeit zusammen.
    EXTERNER LINK | https://www.biotopia.net/de/

    Linktipp:

    ARD Audiothek | Anna und die wilden Tiere - der Podcast
    Reporterin Anna reist um die Welt und kommt Tieren ganz nah: Vom Ameisenbär über Kängurus bis zu Zebras.
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    Warum wandern Tiere? Alles Natur Feb 13, 2024
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    Tierwanderungen geben der Wissenschaft bis heute Rätsel auf. Wieso begeben sich jedes Jahr Millionen Gazellen, Störche, Kröten oder Wale auf Wanderschaft? Woher wissen sie, dass es Zeit ist, und wie finden sie ihren Weg? (BR 2020) Autorin: Claudia Heissenberg

    Credits
    Autor/in dieser Folge: Claudia Heissenberg
    Regie: Sabine Kienhöfer
    Es sprachen: Ruth Geiersberger
    Technik: Regina Staerke
    Redaktion: Bernhard Kastner

    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

    Interviewpartner/innen:
    Manfred Niekisch (Dr.; Professor; Experte für Tierschutz und ehemaliger Direktor des Frankfurter Zoos);
    Andrea Flack (Dr.; Biologin am Max-Planck-Institut für Verhaltensforschung in Radolfzell);
    Michael Quetting (Projektleiter Animal Tracker App am MPI);
    Uschi Müller (Projektkoordinatorin ICARUS)

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