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    Latest Episodes:
    Authentisch leben - Die Kunst man selbst zu sein Mar 20, 2024
    Show notes

    Ständig sind wir heute auf der Suche nach dem Authentischen: Essen, Kultur-Urlaub, Kunst. Und auch wir selbst sollen authentisch sein. Doch wie geht das? Und was, wenn das 'authentische Ich' ein mieser Charakter ist? Autor: Niklas Nau (BR 2018) CreditsAutor dieser Folge: Niklas NauRegie: Martin TraunerEs sprachen: Katja Amberger, Christian Baumann, Wolfgang Pregler, Hemma MichelTechnik: Fabian ZweckRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Monika Betzler (Professorin; Lehrstuhlinhaberin für Praktische Philosophie und Ethik, LMU München);Stephanie Draschil (Sozialpsychologin) Linktipp: Wie wir ticken - Euer Psychologie PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek.ZUM PODCAST ARD AlphaSein Leben ändern: Wie ihr einen Neuanfang wagt und meistertPeople Pleaser: Stoppt eure Harmoniesucht Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: COLLAGE VOX-POPS Authen ... warte ... das ist natürlich jetzt mies, ne ...A uthezizi ... nein ... Authen-tizität. Authentizität. Authetizi ... Autheziti ... Authentizität, Authentizi-tät, Authetizität. Authenzizi- kann ich nicht. Authentizität. Authentizität. Hamma's scho. ERZÄHLER A-U-T-H-E-N-T-I-Z-I-T-Ä-T. Den Begriff auszusprechen, ist schon schwer genug. Ihn auch noch wirklich zu leben, wirklich authentisch zu sein … – geht das überhaupt? MUSIKAKZENT ERZÄHLERIN Authentisch sein – das ist heute schwer in Mode. Die Regale der Buchhändler und Lebenshilfeblogs im Internet laufen über mit Titeln wie: COLLAGE ZITATORIN / ZITATOR 'Authentizität: Die neue Wissenschaft vom geglückten Leben' ZITATOR 'Sind Sie noch ganz echt?: Mut zur Authentizität' ZITATORIN 'Sich selbst finden und leben in 7 Schritten' ZITATOR 'Du willst echt sein? – 3 Tipps für mehr Authentizität' ZITATORIN 'Einzigartig!: Mit authentischer Positionierung und Branding zum Erfolg' ZITATOR 'Authentisch, präsent, charismatisch. Nutzen Sie das Potenzial Ihrer Ausstrahlung' ERZÄHLER Und nicht nur wir selbst, auch unsere Erfahrungen sollen heute möglichst authentisch sein. Beim Urlaub in Südafrika nur am Strand brutzeln und Löwen vom Safari-Jeep aus beobachten?: „Out“! „In“ ist heute, das „echte“ Südafrika und seine Menschen kennenzulernen: etwa mit einer Tour durch den einstmals als Drogenhöhle berüchtigten Ponte Tower in Johannesburg, inklusive Einblick in die Wohnungen und das „echte Leben“ der Bewohner. Die Tourismusindustrie tut alles dafür, damit sich der Tourist nicht als 'Tourist' fühlen muss. ERZÄHLERIN Oder beim Essen: Wenn wir ein unbekanntes kleines chinesisches Restaurant betreten und alle anderen Gäste Chinesen sind, beglückwünschen wir uns wahrscheinlich erst einmal selbst: Wir haben etwas Authentisches entdeckt! Falls es dann doch schlecht schmeckt, war es immerhin authentisch schlecht. Dass wiederum in der chinesischen Provinz Guangdong vor einigen Jahren das gesamte österreichische Dorf Hallstatt für 940 Millionen Dollar seitenverkehrt nachgebaut wurde, erscheint uns mindestens skurril. Österreichisches Weltkulturerbe im Reich der Mitte? Unauthentisch! Auf der Startseite von Hallstatts Internetauftritt steht (augenzwinkernd): ZITATOR (http://www.hallstatt.net/) Herzlich willkommen in Hallstatt. Millionenfach fotografiert – einmal kopiert – nie erreicht. ERZÄHLER Die Liste der Dinge, die bitte möglichst authentisch sein sollen, lässt sich fast beliebig lange weiterführen: Unser Chef oder unser Führungsstil, unsere Politiker, die Produkte die wir kaufen, die Musik, die wir hören: Der Drang, Authentisches zu erleben und authentisch zu leben, scheint so groß wie vielleicht noch nie: O-Ton 1 - Stephanie Draschil Ich habe das Gefühl, dass sich sehr viel vereinheitlicht hat, also sehr viel homogenisiert ist. Wenn Sie in der Welt herumreisen, haben Sie überall Starbucks, Sie haben überall McDonalds, Sie haben überall H&M, die Leute ziehen das Gleiche an, die trinken das gleiche, die beschäftigen sich mit ähnlichen Sachen. Wir sind sehr vernetzt geworden, es hat sich alles sehr homogenisiert. Und ich glaube, da ist ein Bedürfnis da, dass man wieder individueller wird, dass man wirklich auch sich die Frage stellt: Was will ich eigentlich, was ist mir eigentlich wichtig, wie will ich mich auch von anderen Menschen abgrenzen? ERZÄHLERIN Sagt die Sozialpsychologin Stephanie Draschil. Doch was genau ist diese Authentizität, nach der wir uns so sehnen? Das Wort „authentisch“ kommt vom griechischen authentikós und heißt so viel wie „echt“, „original“, „verbürgt“, „wahrhaftig“. ERZÄHLER Was ein authentisches Dokument ist, etwa ein authentischer Vertrag oder ein authentisches Testament, leuchtet uns sofort ein. Auch bei klassischen Kunstobjekten wie Gemälden ist das Identifizieren von Authentischem noch relativ einfach. Ein authentischer Rembrandt ist eben das Gegenteil von einer Fälschung und das Gegenteil von einer Kopie. Doch was genau meinen wir, wenn wir von „authentischer“ Kultur sprechen? Es ist ein Begriff, der schnell in eine gefährliche Nähe zu den Völkerschauen des Kolonialismus gerät, in denen „Wilde“ wie Zootiere zur Schau gestellt wurden: Zum Beispiel dann, wenn Touristen enttäuscht sind, dass das exotische Volk, zu dem ein Reiseveranstalter sie führt, nicht in der Zeit festgefroren ist, sondern durchaus eine hohe Smartphone- und Fernseherdichte aufweist. Und wie sollen wir erst über Authentizität entscheiden, wenn es um so etwas Komplexes wie den einzelnen Menschen geht? MUSIKAKZENT ERZÄHLERIN Was macht eine Person authentisch? Monika Betzler ist Professorin für Praktische Philosophie und Ethik an der LMU München. Sie empfiehlt eine Annäherung über den Alltag: O-Ton 2 - Prof. Monika Betzler, LMU München Da kann man sich mal überlegen, was meinen wir alltagssprachlich damit, und noch einfacher, was meinen wir mit dem Gegenteil von Authentizität, was sind denn inauthentische Wesen? Da hat wahrscheinlich jeder eine Vorstellung davon. Das sind Menschen, die irgendwas verbergen beispielsweise, die nicht in der Lage sind zu dem zu stehen oder das zu äußern, was sie wirklich denken und so weiter. Und das Gegenteil wäre dann etwas, was den Begriff der Authentizität charakterisiert. Und vielleicht ist auch die allgemeinste Definition, die, das eine Person authentisch ist in dem Maße, in dem sie zu dem steht, was ihr wichtig ist. Und dann müssen wir uns nähere Gedanken machen was heißt das jetzt genau, was heißt, zu sich stehen, und was heißt, dass einem etwas wichtig ist. ERZÄHLERIN Das Ideal der Authentizität ist dabei relativ neu. Zwar stand schon vor etwa 2.500 Jahren am Apollotempel in Delphi die Inschrift „Gnothi seauton“ – „Erkenne dich selbst!“. Und auch der antike Philosoph Sokrates soll die Wichtigkeit der Selbsterkenntnis immer wieder gelehrt haben. Und doch verstanden vormoderne Gesellschaften unter diesem „Erkenne dich Selbst!“ wohl etwas ganz anderes, als wir das heute tun. Denn Menschen sahen sich damals in den meisten Gesellschaften als Teil einer größeren, kosmischen Ordnung. Irgendwo zwischen Göttern oder Geistern, Tieren und Pflanzen hatte der Mensch seinen Platz. Sich selbst zu erkennen hieß, seinen Platz – und seine Aufgabe – innerhalb dieser kosmischen Ordnung zu begreifen. MUSIKAKZENT ERZÄHLER Doch dann, im 18. Jahrhundert, ist auf einmal alles anders. Es ist das Zeitalter der Aufklärung und Säkularisierung, der wissenschaftlichen und industriellen Revolution und tief greifender gesellschaftlicher Veränderungen wie der Französischen Revolution. Mit sich bringen diese Entwicklungen, was der Soziologe Max Weber als „Entzauberung der Welt“ beschrieben hat: die Erkenntnis, dass das Universum rational erklärbar ist, dass es keine verborgenen mythischen Mächte gibt. Das hat weitreichenden Folgen: O-Ton 3 - Prof. Monika Betzler Wir sind nicht notwendig Teil des Kosmos oder der Gesellschaft und sind nun in der Lage uns davon zu entfernen und uns nun dazu selbst reflexiv in ein Verhältnis zu bringen. Ja, das sieht man auch an solchen Dingen, wie dass so Begriffe wie Ehre plötzlich weniger eine Rolle spielen, und es gibt auch eine wunderbare Schrift von John Stuart Mill, das ist dann 19. Jahrhundert, über die Freiheit, der einen Lobgesang auf die Individualität singt. ERZÄHLER Die alte Idee von der kosmischen Ordnung, in der jeder Mensch einen festen Platz und feste Aufgaben hat, in der gut zu leben bedeutet, seinem gesellschaftlichen Stand und seinen Pflichten gerecht zu werden, ist passé. In der Moderne ist der Mensch ein freies, vernunftbegabtes Individuum. Doch die geistige und gesellschaftliche Freiheit, die der Mensch sich erkämpft hat, bringt eine große Frage mit sich: Wie soll er diese Freiheit nutzen? Was ist in diesem entzauberten Universum ein gutes, ein sinnvolles Leben? MUSIKAKZENT ERZÄHLERIN Der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau gilt als zentrale Figur bei der Schöpfung des modernen Authentizitätsbegriffs. Denn die Antwort, die er auf die Frage nach dem richtigen Leben hat, ist folgende: Der Schlüssel liegt in uns selbst. Der Mensch, glaubt Rousseau, ist von Natur aus gut und moralisch. Die Gesellschaft ist es, die uns verdirbt, vom rechten Weg abbringt, unmoralisch und unglücklich macht. Den Zauber, der die Welt verlassen hat, finden wir wieder – und zwar in uns selbst. Rousseau schreibt: ZITATOR Rousseau (public domain, http://gutenberg.spiegel.de/buch/emil-oder-ueber-die-erziehung-erster-band-3811/12) Bevor die Vorurtheile und die menschlichen Einrichtungen unsere natürlichen Neigungen verderbt haben, besteht das Glück der Kinder eben so wie das der Erwachsenen in dem unbeschränkten Genusse der Freiheit; Wer thut, was er will, ist glücklich, sobald er sich selbst genug ist; das wird stets bei dem Menschen der Fall sein, welcher im Naturzustande lebt. ERZÄHLERIN Obwohl Rousseau den Begriff Authentizität selbst nicht verwendet: Indem er der für ihn „künstlichen“ Gesellschaft die Idee des „Edlen Wilden“, der in uns schlummert, gegenüberstellt, gibt er den Startschuss für die Suche nach dem Authentischen. Viele der großen Philosphen der Moderne werden sich an ihr beteiligen: Hegel, Kierkegaard, Heidegger, Nietzsche, Sartre, Camus, Adorno, Fromm, Foucault, Taylor – ein echtes Who is Who der Philosophie. MUSIKAKZENT ERZÄHLER Doch sehen sie sich dabei mit einem grundliegenden Problem konfrontiert: Authentizität, wie die meisten Philosophen sie von nun an verstehen, ist nichts, das sich anhand objektiver Kriterien beschreiben ließe, sondern zutiefst subjektiv. „Zehn Dinge, die dich zum authentischen Menschen machen?“ – Fehlanzeige! Und so lässt Nietzsche seinen Entwurf eines authentischen „Übermenschen“ – den Einsiedler Zarathustra, der beschließt, seine Weisheit mit den Menschen zu teilen – auch keine allgemeingültigen Regeln für ein authentisches Leben aufstellen, sondern erklären: ZITATOR Nietzsche (public domain, http://gutenberg.spiegel.de/buch/-3248/66) »Das – ist nun mein Weg, – wo ist der eure?« so antwortete ich Denen, welche mich »nach dem Wege« fragten. Den Weg nämlich – den giebt es nicht! ERZÄHLER Authentizität ist für viele Existenzphilosophen etwas, das jeder nur für sich selbst finden kann. Der dänische Philosoph Soren Kierkegaard identifiziert gerade die leidenschaftslose Rationalität als großes Übel der Moderne, und sieht Authentizität als Heilmittel und Gegenentwurf dazu. Authentizität bedeutet für ihn Pathos, also Leidenschaft, und Authentizität ist für ihn ein Projekt der Subjektivität und der Gefühle, nicht des Verstandes. Deshalb sollen authentische Helden oder Anti-Helden wie Nietzsches Zarathustra im Leser den Wunsch nach Authentizität wecken, Ironie soll das Inauthentische bloßstellen. ERZÄHLERIN Dabei sehen viele Philosophen Authentizität bald aber nicht bloß als etwas Statisches, sondern als fortwährendes Projekt: ständiges Ankämpfen gegen das Inauthentische, die ständige Neukreation des authentischen Ichs aus sich selbst heraus, ein ständiger Akt der Selbst-Schöpfung. Nietzsche schreibt: ZITATOR Nietzsche (http://gutenberg.spiegel.de/buch/-3245/7) „Wir aber wollen die Dichter unseres Lebens sein!“ ERZÄHLERIN Natürlich haben die Philosophen in vielen Punkten unterschiedliche Auffassungen zur Authentizität und zum besten Weg, diese zu erreichen. Von einem Verständnis von Authentizität als dem wahren Kern unseres Selbst, der nur freigelegt werden muss, ist etwa bei Nietzsche und Heidegger nicht mehr viel übrig. Nietzsche betont das spielerische Ausprobieren und fordert vom Menschen, „das zu werden, was man ist“. Authentisch zu werden bedeutet bei ihm also auch, Verantwortung für seine Taten und Charakterzüge zu übernehmen – gute wie schlechte, Stärken wie Schwächen – und sie zu einem kohärenten Bild zu vereinen. In „Die fröhliche Wissenschaft“ verlangt Nietzsche: ZITATOR Nietzsche (http://gutenberg.spiegel.de/buch/die-frohliche-wissenschaft-3245/7) Eins ist Noth. – Seinem Charakter "Stil geben" – eine grosse und seltene Kunst! Sie übt Der, welcher Alles übersieht, was seine Natur an Kräften und Schwächen bietet, und es dann einem künstlerischen Plane einfügt, bis ein jedes als Kunst und Vernunft erscheint und auch die Schwäche noch das Auge entzückt. ERZÄHLER Für einen der bekanntesten Existenzphilosophen, Martin Heidegger, ist hingegen das Bewusstsein um die eigene Sterblichkeit zentral bei der Suche nach Authentizität. Denn sie ist es, die einem die Verantwortung für das eigene Leben vor Augen führt und aus den Ablenkungen des Alltäglichen in ein Leben führt, das wir uns zu eigen gemacht haben. ERZÄHLERIN Die Konfrontation mit dem unausweichlichen Tod als Augenblick der Wahrheit und Erkenntnis ist ein Mittel, das auch in Literatur und Film immer wieder gerne eingesetzt wird, um die Möglichkeiten von authentischem Leben auszuloten. Etwa in Leo Tolstois Erzählung vom Sterben des Gerichtsangestellten Iwan Iljitsch. Erst als Iljitsch mit Mitte vierzig überraschend todkrank wird und auf dem Sterbebett liegt, wird ihm klar, dass er sein Leben falsch und unauthentisch gelebt hat. Alle Annehmlichkeiten seines Lebens und seine gesellschaftliche Stellung sind für ihn auf einmal wertlos geworden, mehr noch, das Spielen seiner gesellschaftlichen Rolle hat ihn zu einer leeren Hülle gemacht. MUSIKAKZENT ERZÄHLER Genau in diesem Punkt scheinen sich fast alle Verfechter der Authentizität einig zu sein: Authentisch leben heißt, gesellschaftliche Erwartungen, Rollenbilder und Ideologien kritisch zu hinterfragen und sich – falls nötig – von ihnen zu lösen. O-Ton 4 - Prof. Monika Betzler, LMU München Und da sind wir auch schon bei einem der ersten Probleme. Könnte der Wert der Authentizität in Konflikt geraten mit beispielsweise der Moral? Nämlich dann, wenn man sich ganz aufrichtig zu Werten bekennt, die aber unmoralisch sind!? ERZÄHLER In den USA zog mit Donald Trump Anfang 2017 ein Mann ins Weiße Haus ein, der auf einer Tonbandaufnahme damit prahlte, als Star könne er es sich erlauben, Frauen einfach zwischen die Beine zu fassen. Die Reaktionen auf das Öffentlichwerden dieser Aufnahme während des Wahlkampfs waren empört. Auf seiner Kampagnenseite veröffentlichte Trump daraufhin ein Statement: ZITATOR Statement D. Trump, Übersetzung Niklas Nau (https://web.archive.org/web/20161007210105/https://www.donaldjtrump.com/press-releases/statement-from-donald-j.-trump) Das war ein Umkleidekabinengespräch, ein Privatgespräch von vor vielen Jahren. Bill Clinton hat beim Golfen schon deutlich Schlimmeres zu mir gesagt. Es tut mir leid, falls sich jemand dav…

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    Neugier - Antriebskraft des Lebens Mar 19, 2024
    Show notes

    Ohne Neugier gibt es keine Entwicklung. Neugier beflügelt die Wissenschaft, Neugier auf das Zeitgeschehen macht den Menschen zum Subjekt der Geschichte. Von Brigitte Kohn (BR 2014)CreditsAutorin dieser Folge: Brigitte KohnRedaktion: Susanne Poelchau Im Interview:Professor Andreas Speer; KölnUnd noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie PodcastWie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek.ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZUSPIELUNG OBAMA-REDE: Our challenges may be new. The instruments with which we meet them may be new. But those values upon which our success depends - hard work and honesty, courage and fair play, tolerance and curiosity, loyalty and patriotism - these things are old. These things are true. DARÜBER: „Die Herausforderungen, vor denen wir stehen, mögen neu sein. Unsere Mittel und Möglichkeiten, darauf zu reagieren, mögen neu sein. Aber die Werte, auf denen unser Erfolg beruht – harte Arbeit und Ehrenhaftigkeit, Mut und Fairness, Toleranz und Neugier, Treue und Vaterlandsliebe – diese Dinge sind alt. Diese Dinge sind wahr.“ ERZÄHLERIN: In seiner ersten Rede als 44. Präsident der Vereinigten Staaten erwähnt Barack Obama ausdrücklich die Neugier als zentralen Motor der amerikanischen Erfolgsgeschichte. Und er verbindet sie mit bestimmten Wertvorstellungen. Neugier hat eine individuelle und kulturelle Dynamik. Der Mensch muss seiner Neugier eine Richtung geben – und die ist nicht vorgegeben, für die muss er sich entscheiden. Ausschalten lässt sich die Neugier nicht. Sie gehört zur menschlichen Natur, sagt Andreas Speer, Professor für Philosophie an der Universität Köln. 1 O-TON PROF. ANDREAS SPEER: Ich denke, eines der wichtigsten Dinge ist, dass der Mensch, wie ja die Anthropologen sagen, ein ziemlich instinktentsichertes Lebewesen ist. Dass er nicht fest in einen Umweltzusammenhang eingebunden ist, sondern sich seine Welt selbst schaffen muss. Man muss explorieren, man muss sich orientieren, man muss die Eindrücke ordnen, und man muss gewissermaßen sein Leben selbst gestalten. ERZÄHLERIN: [Neugier findet man auch im Tierreich. Auch höher organisierte Tiere müssen ihre Umgebung untersuchen und erkunden, um zu lernen, wie sie beschaffen ist und wie man in ihr überlebt.] Aber die Menschen sind nicht nur neugierig auf die sichtbare Welt. Sie fragen nach Gott, nach der Wahrheit, nach Gut und Böse, nach Werten, Normen und Moral. Sie müssen ihrer Neugier eine Richtung geben; ihrem Wissen Sinn und Bedeutung. Menschen müssen ständig Neues aufnehmen und verarbeiten. [Ihr Gehirn entwickelt sich im Zusammenspiel mit der Umwelt, ohne Reize würde es verkümmern.] Sich zu entwickeln, ist eine Lust. Menschen sind von Natur aus neugierig auf die Welt, die sich ihnen zunächst durch die sinnliche Wahrnehmung erschließt. ZITATOR: „Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen. Ein deutliches Zeichen dafür ist die Liebe zu den Sinneswahrnehmungen. Denn abgesehen vom Nutzen werden diese um ihrer selbst willen geliebt, und von allen besonders die Sinneswahrnehmung, die durch die Augen zustande kommt.“ ERZÄHLERIN: … schreibt der Philosoph Aristoteles im antiken Griechenland. Augenlust spielt auch bei Kindern eine Rolle, aber die anderen Sinne auch. Schon Neugeborene betasten ihren Körper, besonders Gesicht und Mund, bald schon verfolgen sie Gegenstände mit den Augen. Babys und Kleinkinder ergreifen Objekte und nehmen sie in den Mund, sie beginnen die Dinge zu zerlegen und mit ihnen zu experimentieren, sie spielen und sind kreativ. Neugierig probieren sie Grenzen aus und stoßen auf Verbote, missachten sie, werden zurechtgewiesen, versuchen es bei nächster Gelegenheit wieder. Alles, was verboten ist, scheint die Neugier ganz besonders zu reizen. Das ist ein so zentrales Merkmal der menschlichen Natur, dass sich sogar der Schöpfungsmythos der Bibel damit befasst. Gott hat Adam und Eva bekanntlich verboten, vom Baum der Erkenntnis zu essen – aber ohne Erfolg. ZITATOR: „Da sprach die Schlange zum Weibe: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben; sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Und das Weib sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre, weil er klug machte; und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch, und er aß.“ [2 O-TON PROFESSOR SPEER: Sein wollen wie Gott, das heißt: die Versuchung, der wir ja auch heute unterliegen, alles wissen zu wollen und auch die Normen von Gut und Böse setzen zu wollen. Zu wissen, was gut und was böse ist. Dann die Frage, woher kommt das Böse in die Welt. Die Frage, woher das Böse in die Welt kommt, können Sie, denke ich, argumentativ, logisch-deduktiv nicht beantworten. Alle Kulturen haben solche Woher-kommt das Böse-Geschichten.] ERZÄHLERIN: Ein Mythos erklärt nicht, er erzählt. Die Schlange, das Prinzip der Verführung, ist einfach da, keiner weiß warum. Und Eva sollte ihre Neugier wohl zügeln, es gelingt ihr aber nicht. Der Mensch kann seiner Neugier nicht entgehen. Und deswegen sind die Pforten des Paradieses jetzt verschlossen. Stattdessen gibt es Menschengeschlecht und Menschengeschichte, Sexualität und Tod und all die Rätsel und Risiken der Existenz, die sich aus diesen Grunderfahrungen speisen. Es gibt die menschliche Kultur, die diese Rätsel zu entschlüsseln oder in Bildern und in Mythen zu verhandeln sucht. Und die selbst, wie Gott im Paradies, Verbote und Tabus errichtet. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht ehebrechen. Die Neigung zum Tabu wurzelt tief in der menschlichen Natur, sagen die Anthropologen. 3 O-TON PROFESSOR SPEER: Tabus liegen tiefer, als das was wir regeln, und sie sind elementar für den Zusammenhalt von Gesellschaften. Sie sind sozusagen das Set von Werten und normativen Regelungen, das nicht in Frage gestellt wird in einer Gesellschaft, das gewissermaßen eine Grenze definiert, die wir nicht überschreiten, ohne den Zusammenhang dieser Gemeinschaft und dieser Gesellschaft in Frage zu stellen. ERZÄHLERIN: Gesellschaften geben sich Spielregeln. Wer sich an sie hält, ist Teil der Gemeinschaft und lebt komfortabler. Trotzdem strebt die menschliche Neugier immer wieder darüber hinaus. Richtet sich auf das Dunkle, das Grausame, die Ausschweifung, den Überfluss. Die Neugier hält uns in Kontakt zu dem, was wir aus unserer gepflegten Normalität verdrängen. Im Märchen von Blaubart, entstanden im 17. Jahrhundert, gibt es eine verbotene Kammer, hinter der das geballte Grauen lauert. ZITATOR: „Die Versuchung war zu groß, sie konnte nicht widerstehen – und schon hielt sie das kleine Schlüsselchen in der Hand, und schon hatte sie, obwohl zitternd, die Türe geöffnet. Zuerst sah sie nichts, gar nichts, weil die Fenster geschlossen waren; nach einigen Minuten sah sie, dass der Boden mit geronnenem Blut bedeckt war, und dass sich darin mehrere an die Wand gehängte tote Frauen spiegelten. Es waren die Frauen, die Blaubart früher geheiratet und die er alle, eine nach der andern, abgeschlachtet hatte.“ ERZÄHLERIN: Blaubart ist ein gewaltiger Ritter und unermesslich reich. Er hat einen blauen Bart, und alle fürchten sich vor ihn. Seine Frau hat ihn geheiratet, weil sie neugierig ist auf ein Leben im Luxus, weil ihr ein Durchschnittsleben nicht genügt. Und vielleicht ist sie auch fasziniert von Blaubarts dunkler Erotik. Ihr Mann gibt ihr den Schlüssel zu einer geheimen Kammer und verbietet ihr bei Todesstrafe, sie zu öffnen. Sie tut es natürlich trotzdem und entdeckt sein Geheimnis: Blaubart lebt nicht, um zu lieben, sondern um zu töten. Er will jetzt auch seine letzte Frau umbringen, aber ihre Brüder eilen herbei, um Blaubart zu töten und die Schwester zu retten. Und dann wird das Leben besser als je zuvor. ZITATOR: „Blaubart hatte keine Anverwandten, und so fiel die ganze Erbschaft seiner Frau zu. Einen Teil ihres ungeheuren Vermögens [gab sie ihrer Schwester Anna und verheiratete sie mit einem trefflichen jungen Mann, der sie seit langem liebte. Einen anderen Teil] überließ sie ihren Brüdern, die als Soldaten das sehr wohl brauchen konnten, und den Rest brachte sie einem soliden Manne zu, an dessen Seite sie im Glücke die schweren Stunden ihrer kurzen Ehe mit Blaubart vergaß.“ ERZÄHLERIN: Neugier kann sich lohnen. Der Ausflug der Frau in das Reich des Bösen hat zur Folge, dass eine tödliche Gefahr beseitigt wird und neuer Reichtum auf die Gemeinschaft niederregnet. Neugier überschreitet, erfrischt, bereichert die Normalität, doch es ist immer ein Risiko dabei. In den Bereichen jenseits des Normalen ist es sehr gefährlich. Hätte die Frau ihre Brüder nicht gehabt, wäre sie gestorben. Echte Bindung zwischen Menschen bannt das Böse. Normalität bannt das Böse. Die Gesellschaft hat guten Grund, sie zu verteidigen. Und trotzdem muss sie Neues zulassen, wenn sie nicht erstarren will. Trotzdem darf sie die Neugier nicht ersticken, muss sie die Risiken eingehen, die mit ihr einhergehen. 4 O-TON PROFESSOR SPEER Bei allen Innovationsschüben, die Gesellschaften zu verkraften haben, die wurden auch als Infragestellungen von Bestehenden, von Geregeltem, von Konventionen angesehen. Das gilt übrigens für uns persönlich auch. Das ist eine ganz einfache Geschichte. Wenn ich irgendwo neu hinkomme: Manche Leute lieben das, und deswegen suchen sie ständig Neuigkeiten. Andere wiederum fürchten das Auflösen von Routinen. Das ist also ein Wechselspiel. ERZÄHLERIN: Riskant ist nicht nur die Neugier auf die dunklen Seiten der Existenz, riskant ist auch die Eroberung neuer Wissensgebiete. Auch der Wissensdurst hat etwas Ausschweifendes, und jede Gesellschaft hat Institutionen, die die Produktion und die Vermittlung des Wissens regeln und kanalisieren. Die Frage nach den Grenzen des Wissens stellt sich immer wieder. Neues Wissen stellt die Identität des Einzelnen ebenso in Frage wie die Identität der Gesellschaft. Doch die Dynamik der Neugier hält sich nicht an Grenzen. Sie ist ein Begehren, das tief im Menschen wurzelt, zum Kern des Lebensvollzugs gehört. Ohne Neues kann der Mensch nicht leben. 5 O-TON SPEER: Denkverbote haben nie sehr erfolgreich gewirkt, der Mensch bricht immer zu den Ufern auf, zu denen er aufbrechen möchte. Die Fragen, die einmal gestellt sind, lassen sich nicht wieder rückholen. Man muss im Nachhinein dann darüber nachdenken, wie man mit den Konsequenzen solcher Entdeckungen umgeht. ERZÄHLERIN: Oder vorher. Denkbar wäre auch, vorher zu fragen, ob der angestrebte Zuwachs an Wissen zu einem sinnvollen Ziel führt. Der Wissensdrang kann gute oder böse Ziele haben, und er kann auch Konsequenzen zeitigen, mit denen niemand gerechnet hat. Der Kirchenvater Thomas von Aquin schreibt im 13. Jahrhundert ... ZITATOR: „ … dass die Erkenntnis der Wahrheit an sich etwas Gutes ist. Dennoch wird dadurch nicht ausgeschlossen, dass jemand die Erkenntnis der Wahrheit zum Bösen missbrauchen oder auch in ungeordneter Weise Wahrheitserkenntnis suchen kann. Es muss nämlich auch das Streben nach dem Guten der verbindlichen Ordnung unterworfen sein.“ ERZÄHLERIN: Wie die verbindliche Ordnung aussehen soll, das ist in einer säkularen Gesellschaft schwieriger zu verhandeln als als im Mittelalter. Thomas von Aquin lebt und lehrt unter dem Dach der Kirche, die die Leitlinien vorgibt – aber das heißt nicht, dass deswegen alles klar wäre. Auch das Mittelalter hat seit dem 12. Jahrhundert einen ungeheuren Zuwachs an Wissen zu bewältigen, und neu gegründete Universitäten machen den Klöstern als altehrwürdigen Produktionsstätten des Wissens Konkurrenz. Nicht umsonst entwickelt Thomas von Aquin eine Theologie, die Wissenschaft und Vernunft integriert. Die vielfältigen geistigen, religiösen und politischen Konflikte des ausgehenden Mittelalters spiegeln sich in Umberto Ecos Weltbestseller „Der Name der Rose“. Im Mittelpunkt steht eine italiensche Abtei, die sich heftig bemüht, den modernen Wissensdrang ihrer Zeit an sich abprallen zu lassen: ZITATOR: „Denn nicht alle Wahrheiten sind für alle Ohren bestimmt, nicht alle Lügen sind sofort als solche erkennbar für eine fromme Seele, und schließlich sollen die Mönche im Skriptorium eine genau definierte Arbeit tun, wozu sie bestimmte Bücher lesen müssen – die anderen gehen sie nichts an, und sie sollen nicht jedem Anflug von Neugier nachgeben, der sie plötzlich packen mag, sei es aus Schwäche des Geistes oder aus Hochmut oder aufgrund einer teuflischen Einflüsterung.“ ERZÄHLERIN: Die Abtei verfügt über eine Bibliothek mit unermesslichen Schätzen. Und der Zugang zu ihnen ist nur wenigen Eingeweihten gestattet. Das Verbot steigert die Begehrlichkeit der Mönche ins Unermessliche. Die Bibliothek scheint ihnen als „himmlisches Jerusalem und verborgenes Reich an der Grenze zwischen Terra incognita und heidnischer Unterwelt“; und sie riskieren ihr Leben, um dieses Reich zu betreten. ZITATOR: „Warum sollten sie nicht den Tod riskieren, um ein Verlangen ihres wissbegierigen Geistes zu stillen, warum nicht schließlich auch töten, um zu verhindern, dass jemand sich eines ihrer kostbaren Geheimnisse bemächtigte?“ ERZÄHLERIN: Tödliche Konsequenzen hat vor allem das Lesen eines bestimmten Buches. Es stammt von Aristoteles, und da steht etwas drin über das Lachen Gottes. Ein lachender Gott? Unvorstellbar für einen Christenmenschen. Worüber lacht Gott, dieser Gott der Heiden? Wer es wissen will, büßt seine Neugier mit dem Leben. Denn der Wächter der Bibliothek hat die Seiten des Buches vergiftet. Aristoteles, der antike Philosoph mit seiner ausgeprägten Neugier auf die Erfahrungswelt, auf Kunst und Wissenschaft, soll unter Verschluss bleiben und sein lachender Gott erst recht. Dabei wird Aristoteles seit dem hohen Mittelalter intensiv übersetzt und gelesen, und seine Philosophie prägt auch die neuen Universitäten. Nur, die Abtei hängt an der alten Welt. An einer Welt, die den Glauben höher schätzt als weltliches Wissen. 6 O-TON SPEER: Der Aristoteles war die Begegnung der damaligen Kultur mit einer paganen antiken Philosophie. Der Platonismus war ja über jahrhundertelang christianisiert worden. Und das war eine gigantische Herausforderung. Und da gab es auch Spannungen, da gab es auch Diskussionen, so wie es immer Diskussionen gibt, wenn etwas Neues kommt. ERZÄHLERIN: William von Baskerville, der ins Kloster kommt, um die Morde aufzuklären, ist ein Kind der neuen Zeit: wissbegierig und aufgeschlossen für die Wissenschaft, ein Aristoteliker par excellence. Umberto Eco zeichnet ein realistisches, vielfältiges Mittelalterbild, findet Professor Speer. Das Bild einer bewegten Epoche. 7 O-TON PROF. ANDREAS SPEER: Es ist eine ungeheuer dynamische Zeit, in der eben all das passiert, was wir als die Wurzeln der Moderne begreifen. Die Gründung der Universitäten, die Entdeckung der Wissenschaft. Das ist alles das sogenannte Mittelalter. [Das Mittelalter ist interkulturell. Eine Zeit, in der Kulturen auf Augenhöhe miteinander kommunizieren und nicht hegemonial aus der Perspektive der westlich-lateinischen Welt erzählt wird, wie Wissenschaft oder Wissen geht. Das muss man erst mal deutlich sagen.] Insofern ist das eine der übelsten Narrationen, die bis in unsere Alltagssprache hinein greift, wo man alles, was man für rückständig oder gewalttätig bezeichnet, als mittelalterlich bezeichnet. ERZÄHLERIN: Doch zu Beginn der Neuzeit verliert die Kirche immer mehr die Fähigkeit, Meinungsvielfalt zu integrieren. Reformation und Glaubenskriege zerstören die u…

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    Fridtjof Nansen - Polarforscher, Zoologe, Diplomat Mar 18, 2024
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    Fridtjof Nansen - ein Name, der unauslöschlich mit der Geschichte und den Heldentaten der Polarforschung verbunden ist. Dabei wird das dem rastlosen Leben des Norwegers nicht einmal ansatzweise gerecht. Autor: Sebastian KirschnerCreditsAutor dieser Folge: Sebastian KirschnerRegie: Eva DemmelhuberEs sprachen: Rahel Comtesse, Réne Dumont, Carsten Fabian, Christian SchulerTechnik: Christian SchimmöllerRedaktion: Nicole Ruchlak Im Interview:Carl Emil Vogt (Norwegischer Historiker);Geir Klover (Direktor des Fram Museums, Oslo) Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir:ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSENSkurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks.DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks.EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Literaturtipps: Fridtjof Nansen, Auf Schneeschuhen durch Grönland 1888-1889 (© Edition Erdmann 2016). Fridtjof Nansen, In Nacht und Eis. Die norwegische Polarexpedition 1893-1896 (© Edition Erdmann 2018) Marit Fosse & John Fox, Nansen. Explorer and Humanitarian (© Hamilton Books 2015). Liv Nansen-Hoyer, Mein Vater Fridtjof Nansen. Forscher und Menschenfreund (© Verlag F.A. Brockhaus 1957). Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER/IN Als Fridtjof Nansen 1887 seine Pläne vorstellt, halten seine Kollegen ihn für verrückt. Die Idee des Norwegers klingt aberwitzig: Im Sommer des nächsten Jahres will er das eisige Grönland durchqueren. Niemand hat bisher diesen Weg geschafft. Keiner weiß, was die Insel im Inneren birgt – einer der letzten weißen Flecken der Landkarte. Ein solches Risiko, nur um zu beweisen, dass Grönland mit Eis bedeckt ist? ZITATOR 2 Sollte Nansens Plan in der gegenwärtigen Form in die Tat umgesetzt werden, […] stehen die Chancen zehn zu eins, dass er […] sein Leben und möglicherweise das anderer völlig sinnlos wegwirft. SPRECHER/IN urteilt damals die dänische Zeitschrift „Ny Jord“ über die Idee des Wissenschaftlers. Und das nicht ohne Grund, sagt Geir Klover [sprich Gaïr Klöwer]. Er ist Direktor des Nansen-Museums schlechthin: dem Fram Museum in Oslo, benannt nach dem späteren Forschungsschiff Nansens. 01_ZUSPIEL Geir Klover There's quite a few that have attempted to cross Greenland before Nansen. And all of them had tried from the inhabitant West Coasts. And probably Greenland was steeper and colder and more difficult than they thought. So there it was quite easy for them to turn back. So Nansen thought his idea to cross Greenland was to go to the east coast to Greenland where there was no population and his ship left. And the only way to survive is to cross over to the west side. 01_ Voice-Over Etliche hatten vor Nansen versucht, Grönland zu durchqueren. Sie alle waren von der bewohnten Westküste aus gestartet. Wahrscheinlich aber war Grönland steiler, kälter und unwirtlicher als erwartet. Mit den Siedlungen im Rücken konnten sie aber recht einfach umkehren. Nansens hatte die Idee, von der Ostküste Grönlands aus zu starten, wo es keine Bevölkerung gibt. Und der einzige Weg zu überleben ist der durchs Landesinnere zur Westseite. SPRECHER/IN Fridtjof Nansen ist zu diesem Zeitpunkt 26 Jahre alt. Der junge Mann fällt auf, wenn er durch die Straßen geht. Er trägt sogenannte Dr. Jäger-Gesundheitswäsche: eine Art frühe Funktionskleidung, schlicht, leicht, bestehend aus festen Wollhosen mit einer kurzen Jacke, zugeknöpft auf der rechten Körperhälfte. Und: Anders als die meisten Männer der Zeit ist er nahezu glatt rasiert und ohne Kopfbedeckung unterwegs. ((ZITATORIN (Liv Nansen-Hoyer) Sein Unabhängigkeitsdrang suchte sich mancherlei Ausdruck. Er wollte nicht „modisch gekleidet“ herumlaufen. In langen, allzu weiten Jacken zu gehen, mit hohen Kragen und Riesenkrawatten, von den langen Mänteln ganz zu schweigen, die einem um die Beine schlenkerten und eine gute Figur völlig verdeckten, das alles schien ihm zu viel verlangt. SPRECHER/IN schreibt Nansens Tochter Liv später in Erinnerungen an ihren Vater. Nach einem Zoologiestudium an der Universität von Kristiania, dem späteren Oslo, arbeitet Nansen in Bergen als Kurator am Naturhistorischen Museum. Es ist der erste bezahlte Job nach einem Studium, das er vor allem aus einem Grund gewählt hat: um ein Leben in der freien Natur führen zu können. Nansen ist ein eigensinniger Herumtreiber.)) Noch als Student der Zoologie heuert er für ein fünfmonatiges Praktikum auf einem Robbenfänger an, um seine Abenteuerlust gegenüber den Eltern zu legitimieren – und findet so seine Bestimmung: ZITATOR 1 Das Eismeer ist etwas für sich, nichts anderem vergleichbar und vor allem nicht dem, was man sich gern darunter vorstellt. Flaches, treibendes Eis in wogenden Schollen, bald grünlichblaue See, dann Nebel und Sonnenschein, Sturm und Stille. Das ist es, was ich fand. SPRECHER/IN schreibt Nansen damals in sein Tagebuch. Als ihn der Drang zur Polarforschung packt, ist Nansen gerade dabei, sich erste wissenschaftliche Lorbeeren zu verdienen. Mit einer Doktorarbeit über das Zentralnervensystem wirbelloser Meerestiere wird er sich einen Namen machen – als Pionier in der noch jungen Disziplin der Neurologie. Es ist die Zeit der Theorien Einsteins, der Erfindung des Automobils – und die Zeit, in der die letzten unbekannten Flecken der Welt erschlossen werden... Nansens Abschlussprüfung für seine Dissertation liegt erst vier Tage zurück, als er am 2. Mai 1888 nach Grönland aufbricht. Und er konnte nur vermuten, was ihn und seine Mannschaft in den kommenden Monaten erwartet, sagt Geir Klover: 02_ZUSPIEL Geir Klover They were not prepared for an extreme physical exhaustion of it. So they didn't have dogs for instance to help them pull the sledges and so on. So quite early in the expedition they starved, were hungry all the time. There was no previous experience really in Norway for doing that type of expedition. So you had to use common sense. They barely made it you know almost starving. 02_ Voice-Over Sie waren nicht vorbereitet auf eine derart extreme Anstrengung. Sie hatten zum Beispiel keine Hunde, die ihnen die Schlitten zogen. Deshalb litten sie schon bald Hunger. In Norwegen gab es bis dahin keine wirklichen Erfahrungen mit derartigen Expeditionen. Man war auf gesunden Menschenverstand angewiesen. Beinahe verhungert haben sie es gerade so geschafft. SPRECHER/IN Dabei hat Nansen sich intensiv vorbereitet. In Expeditionsberichten hatte Nansen von den Strapazen seiner Vorgänger gelesen, Bilder gesehen, auf denen sich feine Herren mit Melonen auf dem Kopf und Gamaschen an den Füßen durch den Tiefschnee mühen. Der junge Forscher will planvoller vorgehen. Seine Mannschaft ist klein, aber wohl ausgesucht: ein Spezialistenteam von nur fünf Mann. Ein jeder zäh, ausdauernd und verlässlich. Nansen verwendet für seine Expedition eigens entworfenes Material, hat etwa spezielle Schlitten bauen lassen. Überhaupt ist für Nansen der Erfolg seines Vorhabens eine Frage der passenden technischen Ausrüstung: ZITATOR 1 Die Ausführung der ganzen Expedition war auf die Überlegenheit der Schneeschuhe über jedes andere auf Schneeflächen in Anwendung kommende Beförderungsmittel begründet. SPRECHER/IN Fast scheint es, als hätten schon seine Kindheit und Jugend Nansen auf diese Reise vorbereitet. Ihn prägt die ländliche Idylle seines Elternhauses nahe Kristiania. Der Sohn einer bürgerlichen Oberschichtfamilie liebt es zu fischen, zu jagen und tagelang durch die ausgedehnten Wälder zu streifen. Seine Mutter, eine geborene Baronesse Wedel-Jarlsberg, begeisterte den Jungen früh für Sport und die Natur, sagt der norwegische Historiker und Nansen-Biograf Carl Emil Vogt: 03_ZUSPIEL C.E. Vogt She loved nature, skiing etc. So I think that he had his very strong and independent character from his mother actually and his mother's family because his father was more of a pedantic correct Protestant, civil servant and lawyer. So I think the combination of the very protestantic ethos of the duty to do what you have to do etc. and the extremely independent and artistic and nature loving sentiments from his mother, I think that combination of them is very important actually. 03_ Voice-Over Sie liebte die Natur, das Skifahren usw. Ich denke, dass er seinen starken und unabhängigen Charakter von seiner Mutter und ihrer Familie hatte. Sein Vater war mehr ein pedantischer, korrekter Protestant, Beamter und Anwalt. Also einerseits das sehr protestantische Pflichtbewusstsein, das zu tun, was zu tun ist, und andererseits die äußerst unabhängigen, künstlerischen und naturverbundenen Gefühle seiner Mutter: Ich glaube, dass diese Kombination sehr wichtig war. SPRECHER/IN Eigenschaften, auf die es in der Eiswüste Grönlands ankommt. Nansen will sein Ziel unbedingt erreichen, sein Motto lautet: die Westküste oder der Tod. Nach einer abenteuerlichen Odyssee auf Eisschollen entlang der Küste beginnt der Aufstieg über das bis zu 3200 Meter hohe Inlandeis. Auf dem Plateau reist die Expedition nachts. Dann ist es kälter, die Skier und Schlitten gleiten besser. Geschlafen wird tagsüber – jeweils zu dritt in einem Schlafsack. Das spart Gepäck. Am 8. September 1888 notiert Nansen in sein Tagebuch: ATMO Windgeheul unterlegen ZITATOR 1 Der Weg ist unglaublich beschwerlich, schlimmer denn je, obwohl er hart ist; dieser Schnee ist widerspenstig wie Sand. Wir arbeiten gegen den Wind und Schneetreiben an. – Und weiter am 9. September: Es wurde im Laufe des Tages schlimmer mit dem Schneefall, und der Weg wurde schlechter und schlechter SPRECHER/IN Hunger und entsetzlicher Durst plagen die Männer. Erst am 26. September erreichen sie die Westküste. 49 Tage Wanderung, 560 Kilometer und harte Entbehrungen liegen hinter ihnen. Zum ersten Mal ist der grönländische Eispanzer in Ost-West-Richtung bezwungen. Doch zurück nach Europa kommen sie vorerst nicht: Wegen des nahenden Winters fährt von Godthåb kein Schiff mehr ab. Einen Eilboten der Inuit kann Nansen noch beauftragen, mit dem Kajak 300 Kilometer nach Süden zu fahren, um dem letzten Transportschiff in Ivigtût [sprich Ivittuut] ihre Erfolgsnachricht mitzugeben. Bis zum nächsten Frühjahr müssen sie bei den Inuit überwintern – aus Sicht von Geir Klover der eigentliche Erfolg der Expedition: 04_ZUSPIEL Geir Klover So they had to spend the whole winter living with the Inuit in Greenland. And that kind of I think changed his mentality and also became more prepared for a future in exploring Polar Regions. It was the starkest initiation as a polar explorer. 04_ Voice-Over Sie mussten also den ganzen Winter mit den Inuit in Grönland leben. Ich glaube, das hat in gewisser Weise seine Mentalität verändert, es hat ihn auf eine Zukunft in der Polarforschung vorbereitet. Das hat ihn auf seinem Weg zum Polarforscher wohl am stärksten geprägt. SPRECHER/IN Die Nachricht von der Grönland-Querung läuft in der Zwischenzeit in großen Schlagzeilen um die Welt. Bei Nansens Rückkehr am 30. Mai 1889 empfängt ihn in Kristiania die jubelnde Menge. Tausende wollen Norwegens neuen Helden sehen. Dabei ist Fridtjof Nansen nicht nur der Held und soziale Mensch, als den ihn die meisten seiner Zeitgenossen und seine Nachwelt später gern stilisieren. In seinem Buch „Auf Schneeschuhen durch Grönland“, 2016 in der Edition Erdmann wieder aufgelegt, notiert er, was einer seiner Begleiter ihm vorwirft: ATMO Windgeheul unterlegen ZITATOR 1 Hungern müssten sie und würden obendrein wie die Hunde behandelt, es werde mit ihnen herumkommandiert, sie müssten den ganzen Tag vom frühen Morgen bis zum späten Abend arbeiten, schlimmer als Tiere - nein, das wäre nicht zum Aushalten. SPRECHER/IN Seine Mannschaft betrachtet ihn als selbstsüchtig, arrogant und launisch. Für Geir Klover nicht ohne Grund: 05_ZUSPIEL Geir Klover The welfare on the motivation of men was not really Nansens priority. Its priority was more of the science and survival. Nansen didn’t care very much with his men. Every time he was always right. Whatever debate, whatever dialogue – he was always right. And basically I think he felt superior to them. So he did not accept anyone else's input than his himself. 05_ Voice-Over Wie es mit der Motivation aussah, hatte für Nansens eigentlich keine Priorität. Vorrang hatten für ihn die Wissenschaft und das Überleben. Nansen interessierte sich kaum für seine Männer. Er hatte immer Recht. Egal welche Debatte, welches Gespräch – er hatte Recht. Grundsätzlich fühlte Nansen sich ihnen überlegen. Er akzeptierte keine andere Meinung als die eigene. SPRECHER/IN Eine Portion Eitelkeit gehörte zu Nansens Persönlichkeit, notiert auch seine Tochter Liv in ihren Erinnerungen. Angesichts der späteren Erfolge und des Jubels, der Nansen zurück in Norwegen überall entgegenschallte, muss es für ihn auch schwer gewesen sein, nicht an den eigenen Mythos zu glauben. Denn aus Sicht von Geir Klover war Nansen geradeheraus, ein Typ, der sich nur schwer verstellen konnte: 06_ZUSPIEL Geir Klover Those people have difficulty relating to the feet, to spend a year and a half away, surviving a winter, eating polar bears and shooting Walrus. And then coming back to safety, it was quite unheard of at that time. He was very elegant. He was good looking. Very good speaker. So he was kind of a poster boy in all different levels, both among the public and then among royalty and scientists and everything. 06_ Voice-Over Solche Menschen tun sich schwer, auf dem Boden zu bleiben: anderthalb Jahre weg zu sein, einen Winter zu überleben, indem man Eisbären isst und Walrosse jagt. Und wieder sicher zurückzukehren – das war etwas nicht Dagewesenes. Nansen war elegant, sah gut aus, konnte gut reden. Das machte ihn zu einer Art Aushängeschild in der Öffentlichkeit, aber auch am Hof, unter Wissenschaftlern und überhaupt. SPRECHER/IN Hochgewachsen, blond, gutaussehend, ein exzellenter Skifahrer und Redner. Mit seinen blauen Augen scheint Nansen immerzu in die unbekannte Ferne zu blicken – und dort zieht es ihn schon bald wieder hin. Knapp drei Monate nach seiner Rückkehr von Grönland heiratet der 27-Jährige die vier Jahre ältere Sängerin Eva Sars. Er nennt sie liebevoll »die beste weibliche Skifahrerin Norwegens«. Ausgerechnet Nansen, der sich lange als entschiedener Gegner der Ehe gezeigt hatte. Er liebt seine Frau, er baut ein Haus, hat fünf Kinder mit ihr – aber eigentlich ist er unfähig zu einem Zusammenleben. Der Polarforscher erweist sich als tyrannischer, launischer Ehemann und Vater – der erstmal nicht für die Familie, sondern seine Arbeit lebt. AKZENT SPRECHER/IN In Nansen reift bereits der Plan zu einer nächsten Expedition. Der Forscher ist sicher, den bis dahin unentdeckten Nordpol erreichen zu können – mithilfe der Eisdecke, die seiner Ansicht nach mit der Strömung nach Norden driftet. Dazu lässt Nansen eigens ein Schiff konstruieren, das dem Druck der Eismassen standhalten soll: die „Fram“. Mit ihr lässt Nansen sich und seine Mannschaft im Herbst 1893 im arktischen Packeis einfrieren. ATMO leichtes Windgeheul unterlegen ZITATOR 1 Montag, 9. Oktober. Nachmittags – wir saßen gerade müßig und plauderten – entstand ganz plötzlich ein betäubendes Getöse und das ganze Schiff erzitterte: Es war die erste Eispressung. Alle Mann stürzten an Deck, um zuzusehen. Die »Fram« verhielt sich wundervoll, wie ich es von ihr erwartet hatte. Mit stetigem Druck schob sich das Eis heran, musste jedoch unter uns durchgehen und wir wurden langsam in die Höhe gehoben. Diese Pressungen wiederholten sich den ganzen Nachmittag und waren manchmal so stark, dass die »Fram« mehrere Fuß gehoben wurde; aber dann konnt…

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    Pompeji - Konservierung, Tourismus und Raubgräber Mar 18, 2024
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    Die antike Stadt Pompeji gilt als eines der größten archäologischen Projekte der Welt. Im Jahr 79 nach Christus wurde sie durch den Ausbruch des Vesuvs verschüttet, seit 1748 wird sie ausgegraben. Die bereits von der Asche befreiten Gebäude müssen allerdings nicht nur erforscht, sondern auch ständig konserviert und bewacht werden ? das geht nur mit Nachhaltigkeit. Autor: Michael Stang

    Credits
    Autor dieser Folge: Michael Stang
    Regie: Martin Trauner
    Es sprachen: Frank Manhold, Maren Ulrich
    Technik: Susanne Herzig
    Redaktion: Thomas Morawetz

    Im Interview:
    Silvia Bertesago, Archäologin, Archaeology Officer;
    Mattia Buondonno, Guide;
    Paolo Mighetto, Leiter Ausgrabungen & Konservierungen Insula Occidentalis;
    Valeria Moretti, Anthropologin, DNA- & stabile Isotopen-Projekte;
    Alessandro Russo, Archäologe, Ausgrabung Insula Occidentalis;
    Gabriel Zuchtriegel, Direktor, Archäologiepark Pompeji, Italien

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    Enrico Caruso - Erster Superstar der Schallplatte Mar 18, 2024
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    Für Opernfans ist Caruso eine Jahrhundertstimme, eine Allzeitgröße des Belcanto. Seine Bedeutung geht jedoch weit über die klassische Musik hinaus. Denn der "Mythos Caruso" entsteht in Wechselwirkung mit dem Siegeszug der Schellackscheibe. Damit ist der italienische Tenor der erste Superstar der Medienwelt. Von Markus Vanhoefer (BR 2023)

    Credits
    Autor dieser Folge: Markus Vanhoefer
    Regie: Frank Halbach
    Es sprachen: Stefan Wilkening, Hemma Michel und Stefan Merki
    Technik: Susanne Harasim
    Redaktion: Susanne Poelchau

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    Pietro Gargano/ Gianni Cesarini: “Caruso. Eine Biographie”. München 1995;
    Joseph Horowitz: “Understanding Toscanini. A Social History of American Concert Life“. Los Angeles 1994;
    Dorothy Caruso: “Enrico Caruso. His Life and Death”. New York 1945

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    Anna Pawlowa - Meistertänzerin des klassischen Balletts Mar 18, 2024
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    Sie war der beste sterbende Schwan aller Zeiten- Anna Pawlowa. Die legendäre Ballerina ging als erste Tänzerin auf Welttournee, sie begeisterte mit ihren Auftritten in den USA, Mexiko ,Indien, und Neu Seeland. Von Julia Smilga (BR 2020)

    Credits

    Autorin dieser Folge: Julia Smilga
    Regie: Eva Demmelhuber
    Es sprachen: Irina Wanka, Jerzy May, Michael Atzinger, Mona Vojacek Koper
    Technik: Roland Böhm
    Redaktion: Andrea Bräu

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    Interviewpartner dieser Folge:
    Nikolay Tsiskaridze, Ballettänzer

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    München um 1900 - Arm und reich Mar 17, 2024
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    München 1900: Die Stadt boomt. Bierbarone, Beamte und Lebeleute bestimmen das Bild. Doch die meisten sind frisch zugezogen, viele müssen hart arbeiten, um zu essen und zu wohnen. Nur das Bier verbindet sie. (BR 2020) Autor: Michael Kubitza

    Credits
    Autor dieser Folge: Michael Kubitza
    Regie: Christiane Klenz
    Es sprachen: Caroline Ebner, Stefan Wilkening, Jerzy May, Florian Schwarz, Katja Schild, Julia Cortis
    Technik: Susanne Herzig
    Redaktion: Thomas Morawetz

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    Schwalben - Flugakrobaten und Baumeister Mar 15, 2024
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    Schwalben gelten als Glücksbringer und Frühlingsboten. Sie gehören zu menschlichen Siedlungen seit Jahrtausenden. Die kleinen Vögel vollbringen erstaunliche Leistungen beim Fliegen und Nestbau. Von Christiane Seiler (BR 2019)

    Credits:
    Autorin dieser Folge: Christiane Seiler
    Regie: Susi Weichselbaumer
    Es sprachen: Ruth Geiersberger, Andreas Neumann, Johannes Hitzelberger
    Technik: Monika Gsaenger
    Redaktion: Bernhard Kastner


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    Wie Tiere sich verwandeln - Alles Natur Mar 15, 2024
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    Von der Kaulquappe zum Frosch, von der Raupe zum Schmetterling ? zahlreiche Tiere, vor allem Amphibien und Insekten durchlaufen auf ihrem Weg zum erwachsenen Tier oft erstaunliche Verwandlungen. Von Iska Schreglmann CreditsAutorin dieser Folge: Iska SchreglmannEs sprachen: Iska Schreglmann im Gespräch mit Dr. Thassilo FrankeRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Dr. Thassilo Franke, Biologe von den Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen BayernsDiese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren:Hauskatze mit Nebenwirkungen - Alles NaturTarnen und Täuschen - Alles NaturNeophyten, die eingeschleppten Pflanzen - Alles NaturTiere im Winter – Alles NaturFlechten, Meister der Extreme - Alles Natur!Queere Tiere? Alles Natur! 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Wie Tiere sich verwandeln MUSIK-Akzent Iska Schreglmann Ich stehe gerade mit dem Biologen Thassilo Franke an einem, ja kleinen Teich, würde ich sagen, sieht aus wie so eine riesengroße Pfütze, und zwar in einem ziemlich naturbelassenen Gebiet im Norden von München, genauer gesagt in der Nähe des Rangierbahnhofs, falls das jemand kennt. Warum sind wir hier? Weil hier, mitten in der Stadt und doch ziemlich versteckt, leben viele seltene Arten und jede Menge Tiere, die sich auf wundersame Weise verwandeln. Ich habe mich zu diesem Zweck heute auch etwas verwandelt, nämlich meine Gummistiefel angezogen, da es ziemlich nass ist, wie es ja auch sein soll, wenn es um Frösche und Kröten geht. Dr. Thassilo Franke Ja, genau. Ich habe auch meine Gummistiefel an – wie man hier an diesem Geschmatze wahrscheinlich auch bei Ihnen zu Hause gut vernehmen kann - und wir befinden uns in einem ganz wichtigen Amphibien- Schutzgebiet mitten in der Stadt. Und hier kommen viele verschiedene Amphibienarten vor, unter anderem auch eine der seltensten Arten, nämlich die Wechselkröte. Die Wechselkröte ist vom Aussterben bedroht und hat hier ihr bayernweit größtes Vorkommen. Iska Schreglmann Das ist ja erstaunlich, das bayernweit größte Vorkommen hier. Von der Wechselkröte habe ich Bilder gesehen. Sie ist wunderschön marmoriert. Vielleicht können Sie sie noch mal beschreiben? Dr. Thassilo Franke Naja also, wenn man an eine Kröte denkt, da haben die meisten von uns, die klassische Erdkröte im Sinn. Also ein braunes, warziges Tier mit schönen, bernsteinfarbenen Augen. Die Wechselkröte sieht ihr, was die Form betrifft, eigentlich sehr ähnlich. Aber sie hat eine ganz andere Zeichnung. Sie hat eine graue Grundfarbe mit schönen dunkelgrünen Flecken, schaut fast ein bisschen so tarnfarben aus, wie man es so von der Militärkleidung kennt. Iska Schreglmann Militärkleidung mal auf die schöne Art und Weise, um es gleich zu sagen. Aber würde man die Erdkröte jetzt hier schon finden können? Dr. Thassilo Franke Für die Wechselkröte ist es hier noch zu früh. Also die fängt eigentlich erst zu Ende April, Anfang Mai an. Was ist aber hier schon gibt, das sind Grasfrösche und Erdkröten. Und auch wenn man es tagsüber meistens nicht finden kann, weil die ihr Laichgeschäft meistens erst im Schutz der Dunkelheit eigentlich vollziehen, kann man ihre Hinterlassenschaften in Form von ihren Gelegen finden. Und da gibt es große Unterschiede. Und zwar der Grasfrosch, der legt seine Eier in Form von Laichballen ab. Und die Erdkröte, die hat eine ganz andere Leitstruktur. Die bildet Laichschnüre mit bis zu ungefähr drei bis 8000 Eiern, die sie praktisch um die Wasserpflanzen drumherum spinnt. Iska Schreglmann Und das heißt aber, wenn wir jetzt hier so weiter durchwaten - es ist allerdings ziemlich tief, und ich bleibe hier auch fast stecken mit meinen Gummistiefeln - dann könnten wir hier diese Laichschnüre schon finden, jetzt, Mitte März? Dr. Thassilo Franke Also, was die Laichschnüre von den Erdkröten betrifft, sind wir doch noch ein bisschen zu früh dran. Also, die sind jetzt schon auf dem Weg. Die sind jetzt schon dabei, aufzuwachen und sich auf den Weg Richtung Laichgewässer zu begeben. Was wir mit etwas Glück heute schon finden können, sind die bereits erwähnten Laichballen von den Grasfröschen. Iska Schreglmann Die Grasfrösche sind, so viel ich das weiß, ja die gängigsten Frösche also die sind nicht selten, oder? Sondern das sind die, die man ab und zu sieht…? Dr. Thassilo Franke Also, der Grasfrosch ist, wie fast alle Amphibienarten, ebenfalls rückläufig in seinem Bestand. Aber Sie haben schon recht. Also der Grasfrosch ist mit Abstand häufigste Froschlurch-Art. Iska Schreglmann Ja, und dann gehen wir doch mal auf die Suche, oder? Dr. Thassilo Franke Erstaunlich, wie tief das hier ist. Ja, also, es ist also hier alles voll mit Entengrütze, die so ein bisschen den Eindruck macht, als hätten wir es mit Laich zu tun. Vor allem, wenn da so kleinen Luftblasen sind… aber es schaut nicht so gut aus. Iska Schreglmann Na gut, sie können das sicher auch so beschreiben..? Dr. Thassilo Franke Ja, also ich bin mir sicher, wenn wir hier vielleicht in einer Woche noch mal herkommen, dann werden wir das ganze Sortiment eigentlich vorfinden. Aber Froschlaich - viele haben ihn ja auch schon mal gesehen. Das gilt im übrigen auch für den Krötenlaich. Da hat man immer die befruchtete Eizelle im Zentrum, die ist schwarz gefärbt, bei den meisten Arten auch ein Schutz gegen die Sonne, die Sonneneinstrahlung. Und das Ganze, die ganze Eizelle, die Zygote nennt man das ja dann, wenn sie befruchtet ist, ist umgeben von einer Gallert-Hülle, von einer sehr dicken, transparenten Gallert-Hülle. Und beim Grasfrosch ist es so, dass es dann einfach ungeordnete Klumpen sind, wo viele, viele hundert Eier einfach zusammengeballt sind. Und wenn man sich aber dann dieses Ei einmal genauer anschaut, unter der Lupe zum Beispiel, da kann man sehen, dass sich die mit der Zeit verändern, diese schwarzen Kugeln in ihrem inneren. Und da sind wir bei einem Prozess, den wir auch durchmachen. Wir Menschen, das ist die sogenannte Ontogenese, die Individualentwicklung. Iska Schreglmann …den wir im Mutterlieb durchmachen… Dr. Thassilo Franke Genau, also ein kontinuierlicher Entwicklungsprozess, Verwandlungsprozess. Verwandlung ist ja das Thema unserer heutigen Sendung, die eigentlich schon zum Zeitpunkt der Befruchtung losgeht. Und weil halt diese Froschlurch-Eier so eine schöne, durchsichtige Hülle haben, sind die auch das Lehrbuchbeispiel, die vielen Lehrer, die jetzt vielleicht die Sendung anhören, die werden es wahrscheinlich auch noch aus ihrem Bio-Unterricht wissen… Iska Schreglmann Und die Schüler und Schülerinnen kennen das auch, klar. Ich denke mal, das findet doch in fast jedem Biologieunterricht statt. Dr. Thassilo Franke Dieser ganze Zauber der Verwandlung nimmt da seinen Anfang eigentlich - also in diesem transparenten Ei. Iska Schreglmann Ich möchte trotzdem noch mal einen Schritt zurück springen zur Paarung, bevor es überhaupt zu dem, was Sie Laichgeschäft nennen, kommen kann - weil bestimmte Kröten sich ja auch für die Paarung schon verwandeln offenbar… Dr. Thassilo Franke Ja, vor allem, was die Männchen betrifft. Und das kann man auch sehr schön erkennen. Und man kann sogar die Geschlechter, wenn man mal eine Kröte sieht um diese Jahreszeit, auch sofort daran unterscheiden. Weil nämlich die Männchen, an den Fingern der Hände ab Daumen gerechnet, praktisch, ersten drei Fingern, wachsen denen sogenannte Brunftschwielen aus der Haut. Solche Schwielen kennt man ja, wenn man hart gearbeitet hat. Da hat man dann so Hornhaut-Polster auf den Handflächen, die manchmal auch recht schmerzhaft sind. Und in die Richtung geht es auch das Ganze eigentlich, weil es sind Hornstrukturen. Und zwar sind die ganz rauh, wenn man die anfasst. Und die haben eine ganz besondere Funktion. Und zwar, Sie haben doch bestimmt schon mal gesehen, dass während der Laichzeit die Frösche so huckepack unterwegs sind. Unten das größere Weibchen, oben also praktisch als Reiter das kleinere Männchen. Und auf so einer glitschigen Kröte zu reiten, das ist also Rodeo in Reinstform, kann man sich ja vorstellen, wenn sie die Cowboys anschauen, Pferde sind ja nicht glitschig…. Iska Schreglmann Aber als Cowboy hat man ja auch Sattel und Zaumzeug. Aber da hat man ja gar nichts als Krötenmännchen- Dr. Thassilo Franke Und damit der Kröterich nicht von seinem Reittier fällt, hat er eben diese Brunftschwielen, und da kann er sich dann sehr gut an ihr festhalten… Iska Schreglmann Hört sich irgendwie dann schmerzhaft an für das arme Weibchen. Dr. Thassilo Franke Ja, die Weibchen müssen sowieso wahnsinnig viel durchmachen, weil nämlich es gibt immer sehr viel mehr Männchen als Weibchen. Und da ist ein fürchterliches Gerangel. Das heißt, da klammern sich dann oft mehrere Männchen mit ihren rauhen Brunftschwielen an dem armen Weibchen fest, was dann sogar dazu führen kann, dass die Weibchen bei dem Gerangel ertrinken. Iska Schreglmann Ach, du Schreck! Aber jetzt reden wir erst mal über das Gegenteil von Tod, nämlich über die Geburt der neuen kleinen... Und da sind wir dann ja beim Laich, aus dem bekanntlich die Larven schlüpfen, die zu Kaulquappen werden, haben wir vorhin schon gesagt, haben wir in der Schule wahrscheinlich allemal gelernt. Und diese Kaulquappen, die sind ja ein ziemlich gewitztes Zwischenstadium. Dr. Thassilo Franke J, sie sind wirklich ein gewitztes Zwischenstadium, weil sie erinnern ja erst an an kleine winzige Fischchen. Also sie haben auch ganz am Anfang, also, wenn sie frisch geschlüpft sind, auch noch äußere Kiemen, die man sehen kann. Und einen langgestreckten Körper und einen Schwanz, an dem sich allmählich sogar ein richtig deutlich zu sehender, Flossensaum entwickelt. Und das ist eigentlich der Zeitpunkt, wo die Larve, die Kaulquappe aus dem Ei ausschlüpft, also sie löst praktisch diese Gallertschicht auf, arbeitet sich dann aus dem Ei heraus und haftet sich dann mit einer Haftscheibe, dann die sie am Bauch hat, auf diesem leeren Ei an und auch in der Umgebung dann an den Wasserpflanzen und tut erst mal gar nichts. Sie kann auch gar nichts tun, weil sie noch überhaupt kein Maul hat, mit dem sie fressen könnte. Das bricht erst allmählich durch, und zwar synchron mit dem Durchbruch des Mauls bildet sich eine Hautfalte, die Kiemen einschließt. Das heißt, die Kiemen sind dann nach wenigen Tagen dann nicht mehr sichtbar, sondern die sind in eine Höhle eingeschlossen, die dann nur noch eine Atemöffnung offen lässt. Und da kommen wir eigentlich auch zu einem Punkt, der die Kaulquappen und die aus ihnen hervorgehenden Frösche so wahnsinnig erfolgreich macht. Also eigentlich ist die Kaulquappe ein ungeheures evolutives Erfolgsrezept. Sie müssen bedenken, von denen siebeneinhalbtausend Amphibienarten, die man ungefähr kennt, bis heute... Die Zahl wächst rasant an. Es werden immer wieder neue Arten beschrieben, auch bei uns in der Zoologischen Staatssammlung vom Frank Glaw, der sich mit Fröschen von Madagaskar beschäftigt - und von den siebeneinhalbtausend Amphibien sind über 7000 Frösche. Also Frösche gegenüber von Salamandern und u Blindwühlen sind die erfolgreichste Amphibiengruppe. Und das liegt an der Kaulquappe, weil die Kaulquappe hat nämlich in diesem dieser Arten -Kammer, die ich gerade beschrieben habe, da hat sie einen Filter Apparat ausgebildet und dieser Filter Apparat, dem kommt eine ganz wichtige Bedeutung zu. Weil nämlich die Kaulquappen haben ein ganz kleines Maul mit einem Hornschnabel, Horn-Zähnchen, mit denen sie die Oberfläche abraspeln können und alles, was sie dann praktisch einsaugen - sie haben auch so ein Saugmaul - wird an diesem Filter-Apparat gefiltert und die Nährstoffpartikel dann über eine Art schleimiges Fließband dann in den Schlund befördert. Und das macht Kaulquappen so wahnsinnig erfolgreich. Iska Schreglmann Spannend, aber die Kaulquappe bleibt ja nicht so, wie sie ist. Dr. Thassilo Franke Sie bleibt nicht so, wie sie ist. Sie bringen es auf den Punkt - wir wollen ja heute über Verwandlungen reden, die Kaulquappe, die verändert sich, und der erste Schritt ist eigentlich nur eine Größenzunahme. Das ist das Wachstum, die Wachstumsphase. Und die eigentliche Metamorphose beginnt eigentlich erst, wenn die Beine durchbrechen. Ja, man sieht auch am Anfang erst nur die Hinterbeine, und wenn, dann diese Vorderbeine aus dieser Peribrancialraum, nennt man das, hervorbrechen, dann verstopfen die das Atemloch, und es würde dazu führen, dass die Kaulquappe erstickt, weil sie nicht mehr atmen kann. Und das ist ein ganz kritischer Zeitpunkt. Das ist praktisch der Höhepunkt der Metamorphose. Da muss der kleine Frosch dieses Zwischenstadium zwischen Frosch und Kaulquappe zum atmen auch an die Oberfläche, weil nämlich die Lungen dann sich schon ausbilden und sie dann von Kiemen zu Lungenatmung übergehen. Und dann setzen gewaltige Veränderungen ein. Also, die Augen bekommen plötzlich Augenlider, die sie vorher nicht hatten, und der Verdauungstrakt der verkürzt sich. Das ist ja ein ganz langer Spiralarm bei der Kaulquappe. Der verkürzt sich um drei Viertel seiner Länge zu einem sehr stark differenzierten Magen-Darm-Trakt, der auch Säure bildet. Vorher hat er keine Säure gebildet, und das Maul, was eben nur so ein kleines Raspel -Mäulchen war, wird eben so eine Maulspalte, damit da auch eine Fliege oder eine Libelle mal reinpasst, wenn der Frosch größer geworden ist. Und das Tier verliert ungefähr 70 Prozent seiner Masse, die allerdings fast nur aus Wasser besteht und so peu a peu absorbiert dann der Frosch auch seinen Schwanz. Der Kaulquappen Schwanz wird nicht abgeworfen, wie das häufig geäußert wird, sondern der wird aufgelöst, eigentlich. Man nennt das resorbieren und das hat eine ganz besondere Bewandtnis. Weil nämlich während dieser Metamorphose kann ja der Frosch nichts fressen, weil ja praktisch der Magen-Darm-Trakt gerade umgebaut wird. Da kann er nicht gleichzeitig ihn mit Nahrung füllen. Das würde er nicht funktionieren. Und in dieser Fastenperiode ernährt er sich eigentlich von der Energie, die in seinem Schwanz gespeichert ist. Iska Schreglmann Faszinierend. Das ist wirklich ausgeklügelt. Aber ich kann mir vorstellen, dass es für diese Lebewesen auch irgendwie unglaublich anstrengend ist, sich derart umzuwandeln. Dabei wird ja auch jede Menge Energie verbraucht. Warum hat sich die Evolution denn das einfallen lassen? Ginge es nicht auch einfacher? Dr. Thassilo Franke Ja, es ist in der Tat anstrengend, und es ist auch so, dass viele diesen Metamorphose Prozess auch nicht überleben und irgendwann darin stecken bleiben, ertrinken oder was auch immer. Aber dieser Prozess ist einfach notwendig. Ich meine, im Endeffekt geht es ja darum, dass man ein komplett neuen Lebensraum erobert. Die Kaulquappe ist ähnlich wie die Fische ein Wassertier und der Frosch ist ein Landtier, und damit dieses Wassertier dann später auf dem Land zurechtkommt, muss es diese Verwandlung durchmachen. Das betrifft übrigens auch das Mikrobiom - also das, was wir auch haben - unseren Darm, also die Mikroorganismen, die uns bei der Verdauung helfen. Und da wurde festgestellt, dass Fische ein ganz anderes Mikrobiom haben, also ganz andere Bakterien und Mikroorganismen in ihrem Darm haben als Landtiere. Und da hat man dann sich überlegt, wie ist es denn bei den Frö…

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    Bitte berühren! - Warum Körperkontakt so wichtig ist Mar 14, 2024
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    Eine Umarmung, Streicheleinheit oder Massage: Das Bedürfnis nach körperlicher Nähe ist ein urmenschliches. In der Haut sitzen bestimmte Sensoren, die es ermöglichen, dass wir berühren und berührt werden. Von Katrin KellermannCreditsAutorin dieser Folge: Katrin KellermannRegie: Susi WeichselbaumerEs sprachen: Caroline Ebner, Johannes HitzelbergerTechnik: Lydia Schön-KrimmerRedaktion: Gerda Kuhn Im Interview:Prof. Dr. med. Karl Heinz Brisch, Er leitet die Abteilung für Kinderpsychosomatik am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Universität München. Er forscht über die Entwicklung der menschlichen Bindung sowie über die Behandlung und Prävention von Bindungsstörungen;Prof. Dr. med. Bruno Müller-Oerlinghausen, Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie, Facharzt für Klinische Pharmakologie, emeritierter Professor der FU Berlin;Martin Grunwald, PD Dr. phil. habil. Dipl., Leiter des Haptik-Labors am Paul-Flechsig-Institut für Hirnforschung in Leipzig;Holger Carstens, staatl. gepr. Masseur u. med. Bademeister. Berührungstrainer;Eine Teilnehmerin der Kuschelparty Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 radioWissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnah nimmt Euch „Wie wir ticken“ mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek. ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: O-Ton 1 Szene Kuschelabend „Wir gehen langsam durch den Raum, wir spüren unsere Füße. Und unsere Augen sind nur soweit geöffnet, dass wir uns im Raum orientieren können und wir schauen, dass wir ganz bei uns selber ankommen, in uns hineinspüren, und den Boden wahrnehmen… “ Nach 20 Sekunden mit Text beginnen. Atmo unterm Text stehen lassen! Sprecherin: Es ist ein Sommerabend in München: Ein Dutzend Männer und Frauen schreiten in Strümpfen und bequemer Kleidung durch einen hellen großen Raum. In einer Ecke auf dem Boden liegen Matratzen und Kissen bereit, für den Höhepunkt des Abends, den so genannten Kuschelhaufen. Zunächst sollen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kennenlernen und Hemmungen abbauen. Veranstalter Holger Carstens ist Masseur und heute der Berührungstrainer, er trägt weiße Kleidung und spricht mit sanfter Stimme: O-Ton 2 Carstens „Veranstaltung“ 00:20 „Es ist eine geführte Veranstaltung, das heißt, wir beginnen bei uns selber, dass wir uns selber wahrnehmen, dass wir mit uns selber tanzen, und dass wir ganz behutsam miteinander Kontakt aufnehmen, über die Augen, über Berührungen, dass wir uns die Hand reichen, oder die Schulter berühren, wer mag, kann sich umarmen. Also immer ganz frei: Jeder kann sich so verhalten, wie er das gerade möchte, wie ihm gerade zumute ist.“ MUSIK Marquis de Sade Sprecherin: Die Berührungen sollen ohne sexuelle Absicht und ohne Hintergedanken sein. Es gibt Regeln: Die Kuschelfans sind alle angezogen, intime Körperstellen sind tabu. Es geht um etwas Anderes, um Halten und Gehalten werden, um das Gefühl von Nähe und Geborgenheit, um Glück. Berührung befriedigt ein Grundbedürfnis - sie stillt den Hunger nach Nähe, so wie Lebensmittel den Hunger nach Nahrung stillen, sagt eine Teilnehmerin, die eine erfahrene Kuschelabendbesucherin ist: O-Ton 3 Teilnehmerin 00:32 „So habe ich gemerkt, dass mein Körper die Berührung braucht, ohne dass ich in eine Beziehung eingehen muss, und danach bin ich glücklich und zufrieden und ich brauch nicht auf die Suche gehen. Ich kann auch mit einer Frau im Arm sein, und ich fühle mich geborgen und gehalten, ich werde auch nicht schräg angeguckt, sondern es ist einfach schön!“. Sprecherin: Kuschelabende bieten einen geschützten Raum, wo Berührungshungrige Gleichgesinnte treffen. Ursprünglich aus den USA nach Europa gekommen, gibt es diese Veranstaltungen seit einigen Jahren auch in nahezu jeder deutschen Großstadt. Sie sind gut besucht und sprechen eine klare Sprache: Die Sehnsucht nach sanften, liebevollen Berührungen ist unendlich und wird bei vielen durch ihr Umfeld nicht befriedigt. MUSIK As little as light Sprecherin: Beim Münchner Kuschelabend folgt nach verschiedenen Lockerungsübungen wie Tanzen oder Sich-mit verbundenen-Augen-Anfassen der krönende Abschluss: Körper liegen nebeneinander, Hände streicheln über Arme, Rücken und Köpfe. Keiner weiß mehr so genau, zu wem welches Körperteil eigentlich gehört: O-Ton 4 Carstens 00:16 „Das Verrückte ist tatsächlich, dass es im Grunde genommen egal ist, mit wem man körperliche Berührung hat. Ich sehe uns da ein bisschen wie die Schäfchen in der Herde, und da ist es auch letztlich auch egal, welches Schäfchen links oder rechts von mir läuft, mit wem ich Berührung habe, ich fühl mich einfach sicher!“ Sprecherin: Nichts verbindet uns inniger als gegenseitiger Körperkontakt. Berührungen sind die elementarste Form der Kommunikation. Eine Umarmung kann viele Gefühle auslösen, beispielsweise spendet sie Trost und schenkt Geborgenheit. Sie wirkt unmittelbar und manchmal besser als viele Worte, bestätigt der Bindungsforscher und Psychiater Professor Karl Heinz Brisch: O-Ton 5 Karl Heinz Brisch 00:29 „Körperkontakt in zwischenmenschlichen Beziehungen hat natürlich die Funktion, uns zu beruhigen, wenn wir aufgeregt sind, wenn wir Angst haben, dann braucht jemand, der jetzt zu uns kommt, gar nicht viel zu sagen, der sieht, dass wir sehr traurig sind, dass wir Angst haben und er nimmt uns in den Arm. Und das funktioniert natürlich selbst dann, wenn wir Menschen gar nicht kennen. Also am elften September in New York, als diese Towers eingestürzt sind, da haben sich Menschen plötzlich in den Armen gelegen und sich geklammert und festgehalten, die kannten sich gar nicht.“ Sprecherin: Eine Umarmung, eine Hand auf dem Körper, Gehaltenwerden: Diese Berührungen vermitteln uns das Gefühl, nicht alleine zu sein! Ihre machtvolle und tröstende Botschaft funktioniert das gesamte Leben lang: Von den ersten Sekunden auf der Welt bis zum Sterbebett. Dabei kommt den allerersten Erfahrungen eine entscheidende Bedeutung zu: Denn die Sprache der Berührungen ist die erste, die ein Mensch lernt, und sie hinterlässt Spuren im Gehirn, die für immer bleiben. MUSIK All is loved O-Ton 6 Karl Heinz Brisch 00:45 „Normalerweise sind Eltern liebevoll zärtlich mit ihrem Baby im Körperkontakt unterwegs, das heißt, sie wickeln ihr Baby entsprechend vorsichtig, sie halten es entsprechend zärtlich und geschützt, sie machen vielleicht eine Babymassage mit ihm, und die Babys lieben es, sie entspannen sich dabei. Sie suchen diesen Körperkontakt! Babys, sobald sie können, halten sich an der Mutter fest, umarmen die Mutter und es ist sicherlich evolutionär so angelegt. Wenn man mal zu den Schimpansen geht, da haben die Schimpansenbabys die ersten zwei Jahre ganz viel Körperkontakt. Sie schlafen nachts in engem Körperkontakt mit der Mutter, was übrigens die allermeisten Babys rund um die Welt tun, nur in Deutschland gibt es so Vorstellungen, Babys sollten in einem eigenen Bett, in einem eigenen Schlafzimmer übernachten - das ist aber evolutionär sicherlich nicht so vorgesehen.“ Sprecherin: Professor Karl Heinz Brisch, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, forscht zum Thema, wie sichere Bindungen gelingen können. Denn ausgestattet mit dem so genannten Urvertrauen, sind Kinder besser gewappnet für Schwierigkeiten, die möglicherweise im Leben auf sie zukommen werden. MUSIK All is loved Sprecherin: Ein Baby ist zunächst vollkommen hilflos. Es ist darauf angewiesen, dass seine Signale richtig gedeutet und seine Bedürfnisse entsprechend gestillt werden. Auf sich alleine gestellt, könnte es nicht überleben. Und nichts versichert ihm die Anwesenheit einer Bezugsperson besser als der direkte Körperkontakt. MUSIK Crystal Memories Sprecher: Zudem werden beim Kuscheln, besonders natürlich auch beim Stillen, sowohl bei der Mutter als auch beim Baby Hormone ausgeschüttet, die im ganzen Körper wirken. Das Oxytocin beispielsweise, auch als Bindungs- oder Kuschelhormon bekannt, löst im Gehirn das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit aus. Außerdem stärkt es die Bindung zwischen Mutter und Kind, was es wiederum der Mutter erleichtert, die Bedürfnisse ihres Kindes richtig zu erkennen. Andere Hormone wiederum sind ein wichtiger Motor für Wachstums- und Entwicklungsprozesse, vor allem im Gehirn: O-Ton 7 Karl Heinz Brisch 00:42 „Das Baby wird mit ganz vielen Milliarden von Nervenzellen geboren, aber die sind ganz wenig miteinander im Kontakt und zwischen diesen Nervenzellen müssen jetzt Nervenverbindungen aufgebaut werden, und die wiederum werden nur aufgebaut, wenn das neuronale - das Gehirn-Wachstumshormon - ausgeschüttet wird, das heißt, sichere Bindung insgesamt, natürlich auch gefördert durch Körperkontakt, fördert damit nicht nur ein gutes sicheres emotionales Gefühl, sondern natürlich auch dann die Gehirnentwicklung. Und wenn die Gehirn-Vernetzung gut läuft, dann kann ein Baby seine vielleicht genetisch angelegten Potenzen, was es kognitiv, emotional, aber auch von seinen sonstigen Fähigkeiten entsprechend entwickeln, sonst würde das gar nicht gut funktionieren.“ Sprecherin: Das Gehirn eines Babys ist also zunächst unreif. Erst durch die entsprechenden Berührungen vernetzen sich die Nervenzellen. Das Gehirn passt sich an die Welt an, in die es hineinwächst. Deshalb prägen uns die Berührungserfahrungen der ersten Jahre ein Leben lang. Sprecher: Das Leben von Babys, die zu früh geboren werden, hängt an einem seidenen Faden. Angeschlossen an medizinische Geräte liegen die Winzlinge in Inkubatoren, wie Brutkästen in der Fachsprache heißen. Es ist leicht nachzuvollziehen, dass gerade ihnen ein intensiver Körperkontakt gut tut. Dennoch ist die sogenannte Känguru-Methode, die auch als „Känguruhen“ bezeichnet wird, erst seit Ende der Siebziger Jahre populär, als sie von zwei kolumbianischen Kinderärzten aus der Not heraus entwickelt wurde. Der Name verweist auf das Tierreich, wo Kängurubabys nach der Geburt außerhalb des Mutterleibs reifen, und zwar im Beutel vor dem Bauch des Muttertiers. Sprecherin: In der Klinik der kolumbianischen Ärzte gab es keine Heizung und zu wenige Inkubatoren, weshalb man zunächst mehrere Frühgeborene zusammenlegte. Dadurch stieg aber die Infektionsgefahr und mehr Babys starben. MUSIK All is loved Daraufhin band man die zarten Frühchen mit einem Tuch vor den Oberkörper ihrer Mütter. Sie waren nun Haut zu Haut mit der Mutter in Kontakt. Tatsächlich überlebten mehr Babys und auch die Mütter profitierten, denn sie konnten ihr Kind besser kennenlernen und somit eine engere Bindung aufbauen. Sprecherin: Auch Babys, die pünktlich auf die Welt kommen, lässt man mittlerweile so schnell wie möglich auf die Haut der Mutter. Ist dies aus medizinischen Gründen nicht möglich, kann ein Säugling zwar die fehlende Nähe kompensieren, jedoch nur für eine bestimmte Zeitspanne. Kinder, die verwahrlost und ohne liebevolle Zuwendung aufwachsen müssen, erleiden irgendwann mit ziemlicher Sicherheit körperliche und seelische Schäden. Sprecher: Der feinfühlige Körperkontakt, die Erfahrung, dass Umwelt und Bezugsperson sich liebevoll verhalten, schützen dagegen ein Leben lang: MUSIK Crystal Memories O-Ton 8 Karl Heinz Brisch 00:38 „Wenn die Kinder größer werden, wird diese Erfahrung von emotionaler Sicherheit innerlich im Gehirn abgebildet, in einem Arbeitsmodell von Bindung. Und wenn dieses Arbeitsmodell sagt, wann immer ich in dieser Welt Angst habe, kommen Bindungspersonen und helfen mir. Jetzt reicht es, wenn die Kinder drei, vier, sechs, acht, zehn sind, aus, sich daran zu erinnern, wie es wäre, wenn die Bindungsperson jetzt käme, wenn ich Angst bekomme, und ich erinnere mich daran, wie es wäre, die würde mich jetzt tröstend in den Arm nehmen, und dann kann ich als Kind mich plötzlich selber beruhigen, kann angstvolle Situationen besser überstehen, als wenn ich diese Sicherheit nicht an Bord habe.“ Sprecherin: Babys und Kleinkinder haben normalerweise keine Scheu, ihr Bedürfnis nach Körperkontakt einzufordern. Sie klammern sich an die Mutter, klettern auf den Schoß ihrer Bezugsperson, wollen getragen werden oder kriechen zu ihren Eltern ins Bett. Bindungsforscher und Jugendpsychiater Karl Heinz Brisch sieht dennoch die Gefahr, dass körperliche Zuwendung im digitalen Zeitalter zu kurz kommt: O-Ton 9 Karl Heinz Brisch 00:25 „Wenn wir heute sehen, wie Mütter mit Babys unterwegs sind und dann während sie unterwegs sind noch sehr viel mit ihrem Smartphone im Kontakt sind und das Smartphone mehr streicheln und berühren als das Baby, dann ist es nicht verwunderlich, dass Babys schon ganz scharf sind auf dieses Smartphone und auch anfangen, das Smartphone zärtlich zu berühren und zu streicheln, weil sie dort offensichtlich einen Teil ihrer Sehnsucht nach Körperkontakt und Berührungen stillen!“ (bleibt mit der Stimme oben!) Sprecherin: Dabei ändern sich die Bedürfnisse der Kinder mit der Pubertät ohnehin: Zwar sehnen sie sich nach wie vor nach Körpernähe, suchen sie aber nicht mehr in erster Linie bei den Eltern, sondern bei Gleichaltrigen. Mit der ersten Liebe erfahren sie dann auch eine ganz neue Lust am Körperkontakt. MUSIK Assembling Sprecher: Verliebte können vom Körper des anderen erst einmal nicht genug kriegen. Allerdings berühren sich Partner oft weniger, je länger sie zusammen sind. In den USA gab es spannende Studien mit jungen Ehepaaren. Man teilte die Paare in zwei Gruppen: Die einen wurden vier Wochen lang immer wieder angehalten, sich gegenseitig zu berühren, die anderen nicht. In der Berührungsgruppe entdeckte man dann Erstaunliches: Die Laborwerte, die auf Stress hinweisen, waren reduziert, außerdem hatten die Testpersonen einen niedrigeren Blutdruck und eine erhöhte Konzentration des Bindungshormons Oxytocin im Speichel. Den Forschern zufolge kann eine Partnerschaft, in der sich die Partner gegenseitig berühren - kuscheln, streicheln oder sanft massieren – sogar das Immunsystem stärken und einen positiven Einfluss auf die seelische Gesundheit haben. MUSIK As little as light Sprecher: Wer die Kraft der menschlichen Berührungen verstehen will, muss einen Blick auf ein besonderes Sinnesorgan werfen – die Haut. Mit zwei Quadratmetern ist sie unser größtes, mit fünf Kilogramm unser schwerstes und evolutionsgeschichtlich auch unser ältestes Organ. Sprecherin: Die Haut ist das Organ des Tastsinns. In der Fachsprache hört man auch die Begriffe Tastsinnessystem oder somatosensorisches System. Eher umgangssprachlich reden wir schlicht von „Fühlen“, treffender sind die Bezeichnungen Berührungssinn oder Körpersinn. Ein schönes Bild, denn zusammen mit der Haut erfasst dieser Sinn ja auch unseren gesamten Körper. Der Tastsinn ist unser erster Sinn: MUSIK Crystal Memories Sprecherin: Bereits im Mutterbauch, in der achten Schwangerschaftswoche, reagiert ein Embryo auf Berührungen an der Stelle, die sich später einmal zum Mund ausbilden wird. Zu diesem Zeitpunkt ist der werdende Mensch nur etwa einen bis zwei Zentimeter groß, andere Sinnessysteme wie Hör- oder Gesichtssinn entwickeln sich erst später. Sprecher: Trotzdem haben Sinnesforscher dem Tastsinnessystem lange Zeit wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dr. Martin Grunwald ist einer der wenigen Experten, die ihre Forschungen darauf konzentrieren. Mitte der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts gründete der habilitierte Psychologe das Leipziger Haptik-Forschungslabor. Sein Buch „Homo Hapticus“ ist ein preisgekrönter Bestseller. Wir könnten zwar die Augen schließen und uns die Ohren zuhalten, so betont der Autor, das Tastsinnessystem dagegen sei immer aktiv: O-Ton 10 Martin Grunwald 00:42 „Ohne das Tastsinnessystem k…

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