Woher stammt die “Quarantäne”? Wie entsteht ein Schwarzes Loch? Warum fallen Wolken nicht vom Himmel? SWR Redakteur Gábor Paál und Gäste aus der Wissenschaft erklären im Wechsel jeden Tag ein kleines Stückchen Welt. Texte unter http://1000-antworten.de
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Die europäischen Eroberer brachten tödliche Seuchen nach Amerika. Gab es das auch umgekehrt?
Oct 18, 2024
Show notes
Pocken, Grippe, Cholera: katastrophale Auswirkungen auf Ureinwohner Amerikas
Die Krankheiten, die die Europäer nach Amerika gebracht haben, hatten katastrophale Auswirkungen auf die Ureinwohner. Die Europäer brachten Krankheitserreger mit, die es vorher auf dem amerikanischen Kontinent nicht gab: Pocken, Grippe, Masern und Cholera. Gerade die Pocken haben die indianische Urbevölkerung dezimiert – es sind weitaus mehr Azteken und Inkas an eingeschleppten Krankheiten gestorben als durch die Waffen der Spanier.
Die Krankheitserreger waren neben den Waffen und den Pferden der Europäer ein wichtiger Faktor, der dazu beigetragen hat, dass die zahlenmäßig unterlegenen Europäer die Neue Welt so leicht erobern konnten.
"Spanische Grippe" kam wohl aus Amerika
Es mag sein, dass es auch in Amerika Erreger gab, die den Europäern zu schaffen machten – es könnte sein, dass zum Beispiel die Syphilis ein Import aus Amerika ist, allerdings gibt es auch da inzwischen Zweifel. Auch die berühmte "Spanische Grippe" hat ihren Ursprung höchstwahrscheinlich in den USA.
Aber vorher haben im Großen und Ganzen tatsächlich die Europäer die Amerikaner mit neuen Krankheiten infiziert und nicht umgekehrt. Das liegt daran, dass Europäer eine ganz andere Vorgeschichte hatten: Als Kolumbus nach Amerika kam, hatten die Menschen in Eurasien schon fast 10.000 Jahre Ackerbau und Viehzucht betrieben und schon einige tausend Jahre in Städten auf dichtem Raum zusammengelebt. Das sind die zentralen Brutherde für neue Krankheiten.
Welche Rolle spielen Ackerbau und Viehzucht bei der Entstehung von Krankheitserregern?
Ein Beispiel aus heutiger Zeit ist die Vogelgrippe – das ist ein Erreger, der aus asiatischen Geflügelfarmen stammt und bei dem die Sorge besteht, dass er früher oder später so mutiert, dass er auch von Mensch zu Mensch übertragbar ist. So war es früher auch: Dort, wo Menschen auf engem Raum und in großer Nähe zu dichten Tierherden zusammenleben, können sich aus harmlosen Viren und Bakterien lebensgefährliche Erreger entwickeln wie eben die Pocken oder die Grippe.
Natürlich war die Tierhaltung vor ein paar tausend Jahren noch nicht ganz so intensiv und die Städte bei weitem nicht so groß wie heute, trotzdem: Europäer und Asiaten haben mit diesen Dingen viel früher angefangen als die indianischen Kulturen und hatten deshalb als Nebenprodukt zahllose gefährliche Erreger unfreiwillig herangezüchtet. Masern und Pocken sind vermutlich irgendwann von Rindern auf den Menschen übergegangen, die Grippe von den Schweinen. Und in Europa gab es zudem einen weitverzweigten Handel, der die Ausbreitung solcher Seuchen ebenfalls förderte.
Keine großen Tierherden in Südamerika
Das alles gab es im vorkolumbianischen Amerika nicht. Zwar hatten die Inkas, die Azteken und andere amerikanische Kulturen auch schon ausgeklügelte landwirtschaftliche Systeme, aber längst nicht so lange. Und gerade was die Tiere angeht, war das alte Amerika kaum mit züchtbaren Tieren gesegnet. Die Europäer hatten Rinder, Schafe, Ziegen und Schweine und das schon seit Jahrtausenden – in Südamerika dagegen gab es praktisch nur das Lama und in Mexiko den Truthahn, aber beide wurden nicht in großen Herden gehalten. Und es gab auch nicht so weite Handelsnetze. Das alles führte dazu, dass die Europäer nicht nur neue Krankheitserreger im Gepäck hatten, sondern dass sie in ihrer Geschichte schon einige Epidemien durchgemacht hatten – man denke an die Pest im Mittelalter – und als Folge gewisse Abwehrkräfte entwickelt hatten, während die indianische Bevölkerung den eingeschleppten Krankheiten absolut schutzlos ausgeliefert war.
Fördert heißer Tee Speiseröhrenkrebs?
Oct 18, 2024
Show notes
Temperatur spielt eine Rolle, nicht das Getränk
Ganz allgemein gesprochen: Ja. Aber, wenn man die Studien genauer liest, stellt sich der Zusammenhang längst nicht so dramatisch dar, wie es teilweise auch im Internet zu lesen ist. Die meisten Teetrinker dürften davon nicht betroffen sein. Das Gleiche gilt übrigens auch für Kaffeetrinker – denn auch wenn die Studien mit Tee durchgeführt wurden, wird der Effekt ausschließlich auf die Temperatur zurückgeführt, nicht auf das Getränk als solches.
Bekannt wurde vor einigen Jahren eine Langzeitstudie aus dem Iran, die zu dem Ergebnis kam: Wer täglich mehr als 0,7 Liter heißen Tee mit einer Temperatur von mehr als 60°C trinkt, hat ein fast doppelt so großes Risiko, an Speiseröhrenkrebs zu erkranken, als der Rest der Bevölkerung. Genauer geht es um eine bestimmte Form von Speiseröhrenkrebs, das Plattenepithelkarzinom. Es gibt auch noch eine Studie aus Japan, die in eine ähnliche Richtung weist wie die aus dem Iran.
Prospektive Studie aus dem Nordosten des Iran bestätigt Zusammenhang
Nehmen wir also diese Studie aus dem Iran. Die ist insofern bemerkenswert, als dieser Studie Daten von 50.000 Männern und Frauen zugrunde liegen. Die Studie wurde in der Region Golestan im Nordosten des Iran, am Kaspischen Meer, durchgeführt. Sie gilt auch deshalb als besonders relevant, weil es eine prospektive Studie ist, d.h. man hat erst geschaut, wer trinkt wie heißen Tee – und dann hat man über mehr als zehn Jahre beobachtet, wer Speiseröhrenkrebs bekommt. Dort hat sich also dieser Zusammenhang bestätigt.
Aber: Warum wurde gerade die Region ausgesucht? Der Grund war, dass dort überdurchschnittlich viele Menschen an Speiseröhrenkrebs erkranken und gleichzeitig dort traditionell viel Tee getrunken wird und das auch noch heißer als anderswo. Die Forschenden berichten selbst, dass schon während die Studie lief, die Veröffentlichung erster Daten zu einer Aufklärungskampagne geführt hat und dazu, dass die Leute in der Region ihren Tee nicht mehr ganz so heiß trinken und seitdem auch die Zahl der Erkrankungen zurückgegangen ist.
Ich habe das selbst getestet. In Deutschland ist es üblich, den Tee wie folgt zu trinken: Man kocht Wasser auf, gießt es in eine Kanne, lässt den Tee mindestens 3 Minuten ziehen und gießt ihn dann in eine Tasse. So hat er unmittelbar nach dem Einschenken tatsächlich eine Temperatur von etwas über 60 Grad. In der Tasse kühlt er aber rasch ab – vor allem an der Oberfläche, wo man den Tee ja normalerweise, wenn er heiß ist, wegschlürft. Und ich muss sagen: Mehr als diese 60 Grad – also die erste Tasse aus der Kanne – wäre mir persönlich auch zu heiß. Und die zweite Tasse ist ja schon kühler.
Voraussetzungen werden in Deutschland beim Teetrinken kaum erfüllt
Das ist die erste beruhigende Nachricht: Selbst unter den passionierten Tee- und Kaffeetrinkern wird es hierzulande wenige geben, auf die die Voraussetzungen zutreffen, nämlich dass sie täglich mehr als 0,7 Liter trinken, die heißer sind als 60 Grad.
Plattenepithelkarzinom ist vergleichsweise selten
Die zweite gute Nachricht: Selbst wenn man zu den wenigen gehört, die regelmäßig so viel heißen Tee oder auch Kaffee trinken, muss man die Zahlen ins Verhältnis setzen. Generell ist das Risiko, an einem Plattenepithelkarzinom zu erkranken, relativ gering im Vergleich etwa zu Lungenkrebs, Darmkrebs, Brust- oder Prostatakrebs. Jede einzelne diese anderen Krebsarten kommt mehr als zehnmal häufiger vor. Also auch wenn regelmäßiger heißer Tee-Konsum das Risiko verdoppelt, ist die Wahrscheinlichkeit, daran zu erkranken, immer noch gering.
Speziell, was Speiseröhrenkrebs betrifft, bleiben die Hauptrisikofaktoren nach wie vor Rauchen und regelmäßiger Alkoholkonsum. Heißer Tee spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.
Trotzdem ist es natürlich sinnvoll, Tee und Kaffee nicht unnötig heiß zu trinken. Aber wenn man einfach darauf achtet, dass man sich nicht den Mund verbrennt, ist man da schon ziemlich auf der sicheren Seite.
Wobei Raucher insofern gefährdeter sind, als sie tendenziell im Mundraum weniger hitzeempfindlich sind.
Hier haben wir noch viel mehr Tee-Wissen für Euch.
Was ist die Menopause?
Oct 18, 2024
Show notes
Letzte Regelblutung
Die Menopause ist die letzte Regelblutung, der ein Jahr lang keine weitere spontane Regelblutung folgt. Das kann man nur retrospektiv festlegen, denn man weiß ja in dem Moment nicht, ob es die letzte Blutung war oder nicht.
Ein Jahr nach dieser letzten Regelblutung spricht man von der Postmenopause. Das ist dann die Phase, wo man richtig im Östrogenmangel angekommen ist und die Eierstöcke gar keinen Östrogen mehr bilden oder wirklich nur so wenig, dass es nicht mehr relevant ist.
Perimenopause schon ab 40 möglich
Die Phase vor dieser letzten Regelblutung ist relativ lang. Die haben viele gar nicht so sehr im Blick, weil alle immer nur denken Postmenopause, Menopause gleich Hitzewallungen. Die Phase davor die Perimenopause. Die kann tatsächlich schon mit 40, 45 anfangen. Sie ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass die hormonelle Aktivität sehr stark schwankt. Der Eierstock arbeitet nicht mehr richtig stabil. Das macht ganz andere Symptome als die Phase danach, die Postmenopause.
Bleibt Vitamin C beim Erhitzen erhalten?
Oct 17, 2024
Show notes
Grundsätzlich ist es immer besser, Vitamin C nicht zu erwärmen. Aber das hängt vom pH-Wert, der Säure, ab. Sauerkraut entwickelt z.B. sehr viel Vitamin C; selbst wenn Sie das stundenlang kochen, bleibt aufgrund der Säure das Vitamin C recht gut erhalten.
Vitamin C bleibt in Säure besser erhalten
Das gilt generell: Wenn Sie saure Zubereitungen haben, baut sich weniger Vitamin C ab als bei weniger sauren Zubereitungen. Je saurer das Gericht, desto besser der Vitamin-C-Gehalt.
Ich empfehle aber, die Zitrone oder Orange relativ spät zum Gericht zu geben, sodass mehr Vitamin C erhalten bleibt.
Schwarz-Rot-Gold: Wie entstand die deutsche Nationalflagge?
Oct 16, 2024
Show notes
Schwarz-Rot-Gold: eher zufällig entstanden
Die Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold entstanden in dieser Kombination vor ungefähr 200 Jahren, und zwar in der Zeit, als sich die verschiedenen deutschen Länder von Napoleon und der französischen Besatzung befreien wollten. Es gab in diesen Befreiungskriegen zwischen 1813 und 1815 eine Freiwilligeneinheit innerhalb des Preußischen Heeres – das sogenannte Lützowsche Freikorps. Lützow war der Name des Heerführers.
Schwarz
Die Kämpfer trugen eine schwarze Uniform. Das hatte ganz praktische Gründe, denn es waren ja Freiwillige, die ihre Ausrüstung selbst mitbrachten. Dafür haben sie ihre vorhandene Bekleidung eingefärbt – und das geht am einfachsten, wenn am Ende schwarz herauskommen soll.
Gold und Rot
An der Uniform waren außerdem Messingknöpfe angebracht – die gab’s überall, und die hatten eine goldene Farbe. Rot wiederum war die Abzeichenfarbe – das ist die Farbe, die z.B. an Ärmelaufschlägen sichtbar war; diese war bewusst als Erkennungszeichen gewählt.
Während der Befreiungskriege machten sich die Menschen natürlich auch Gedanken: Was kommt danach? – Da reifte vor allem in Preußen die Idee eines deutschen Nationalstaates, vor allem unter Studenten. Diese wiederum vereinigten sich in sogenannten Urburschenschaften.
Die Jenaer Urburschenschaft
Von denen gab es auch eine in Jena, und viele dieser Studenten haben auch im Lützowschen Freikorps gekämpft und von dort diese Farben Schwarz-Rot-Gold übernommen. Ihre erste Fahne hatte zwei rote und einen schwarzen Streifen, darüber einen goldenen Eichenzweig.
In dem Moment wurden tatsächlich die Farben als deutsche Symbole verwendet. Die älteste Erwähnung ist ein Lied des Kieler Studenten August Daniel von Binzer mit dem Text "Stoßt an, Schwarz-Rot-Gold lebe!"
Eine offizielle schwarz-rot-gold-gestreifte Flagge hatten offenbar ab ca. 1820 als erstes die Fürstentümer Reuß (ältere Linie und jüngere Linie) im heutigen Thüringen, die beide 1815 Mitglieder des Deutschen Bundes wurden.
Nachträglich symbolisch aufgeladen
So hatten die Farben also zunächst keine symbolische Bedeutung. Die wurde erst später hinein interpretiert, und zwar auf zwei Weisen. Zum einen wurden die Farben symbolisch aufgeladen. Man hat dann gesagt: Das Schwarz steht für die dunkle Nacht der Besatzungszeit, das Gold für die Morgenröte am Horizont, und das Rot für das Blut, das für die Befreiung vergossen wurde. Aber nach allen Quellen waren die Farben zuerst da, und dann erst wurden sie symbolisch aufgeladen.
Bezug zum Heiligen Römischen Reich?
Der zweite Bezug, der nachträglich hergestellt wurde, war der zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Auch da gibt es Wappen mit schwarzem Reichsadler auf goldenem Schild mit roten Gliedmaßen – aber das waren keine offiziellen Nationalfarben. Diese alten Wappen waren nicht der Grund dafür, dass sich Urburschen die Farben Schwarz-Rot-Gold zu eigen machten. Sie hatten diese Farben einfach und irgendwann fiel jemandem auf: Diese Farben finden sich schon im alten Kaiserreich – und so wurde eine Tradition hineingedeutet, die gar nicht da war.
Deutsche Trikolore
Zur deutschen Flagge gehören aber nicht nur die Farben, sondern auch, dass diese in Form von drei Streifen angeordnet sind. Solche Flaggen nennt man Trikolore. Die gibt es schon viele Jahrhunderte, aber durch die Französische Revolution waren sie im 19. Jahrhundert ziemlich populär. Alle möglichen Befreiungsbewegungen gaben sich Flaggen mit drei Streifen. Nun hatten die Franzosen Blau-Weiß-Rot senkrecht, und als Gegenmodell gaben sich die Deutschen Nationalstaatsbefürworter (und später der Deutsche Bund) horizontale Streifen mit ihren Farben Schwarz-Rot-Gold.
Bedeutung der Flagge hat sich gewandelt
Die Schwarz-Rot-Goldene Flagge war zunächst ein Symbol für die Idee einer national vereinigten Republik, verbunden mit der Idee der Freiheit von ausländischen Besatzern; zwischenzeitlich auch aufgeladen mit völkischen großdeutschen Ideen.
Sie war nicht primär ein Symbol für Demokratie oder internationale Offenheit. Dafür stehen die Farben erst heute, nach einer langen wechselvollen Geschichte. Denn die Flaggenfarben waren immer wieder abgeschafft worden, erst vom Kaiserreich 1871 – auf das die Reichskriegsflagge zurückgeht – dann nach dem Ersten Weltkrieg wieder eingeführt in der Weimarer Republik, abgeschafft vom Nationalsozialismus und anschließend wieder eingeführt. Dies übrigens in beiden deutschen Staaten – in dem Punkt waren sie sich einig – trotz des kleinen Unterschieds mit Hammer und Zirkel im Osten.
Schadet es, den Urin einzuhalten, um die Blase zu "trainieren"?
Oct 15, 2024
Show notes
Blasenkapazität vergrößert sich durch zu viel Urin
Ja, indirekt schadet das. Das lange Anhalten vom Urin führt langfristig dazu, dass sich die Blasenkapazität vergrößert. Normalerweise liegt die zwischen 300 und 550 Milliliter. Wenn man den Harn länger anhält, wird die Kapazität größer. Das führt dazu, dass man seltener auf die Toilette geht, um die Blase zu entleeren.
In extremen Fällen, kann es, wenn man länger anhält, passieren, dass sich der Urin bis hoch in die Nieren staut. Daraus kann eventuell eine Druckbelastung der Nieren resultieren, was langfristig die Nierenfunktion einschränkt.
Blase kann ausleiern, Restharn kann zu Infektionen führen
Wenn man das länger trainiert hat, "leiert" die Blase ein bisschen aus. Sie hat dadurch nicht mehr die Kraft, sich zusammenzuziehen und ganz zu entleeren. Dann entsteht Restharn. Den kann man sich vorstellen wie eine Pfütze Urin, die immer wieder dort stehen bleibt. Dadurch können Infekte entstehen und es können sich Giftstoffe ansammeln; sie werden nicht so gut durchgespült.
Dr. Frank Becker, Urologe aus Neunkirchen
Gab es Zusagen an Moskau, die NATO nicht nach Osten zu erweitern?
Oct 15, 2024
Show notes
Von Putin behauptet, aber historisch nicht korrekt
Das wurde vom russischen Präsidenten Wladimir Putin immer wieder behauptet, ist aber historisch so nicht richtig. Die Behauptung bezieht sich auf die sogenannten Zwei-plus-Vier-Verhandlungen 1990. Bei diesen Gesprächen ging es um die deutsche Wiedervereinigung nach dem Fall der Mauer. Beteiligt waren: Die beiden deutschen Staaten Bundesrepublik und DDR sowie die vier Siegermächte: USA, Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion. Angeblich, so lautet die Behauptung, gab es bei diesen Gesprächen eine Zusicherung des Westens, die NATO nicht über Deutschland hinaus auszudehnen.
Einer der zentralen Belege für diese Behauptung ist die folgende Äußerung des damaligen Bundesaußenministers Hans-Dietrich Genscher vom Februar 1990, nach einem Treffen mit seinem US-Amtskollegen James Baker in Washington.
Wir waren uns einig, dass nicht die Absicht besteht, das NATO-Verteidigungsgebiet auszudehnen nach Osten. Das gilt übrigens nicht nur in Bezug auf die DDR, die wir nicht einverleiben wollen, sondern das gilt ganz generell.
Quelle: Bundesaußenministers Hans-Dietrich Genscher, Februar 1990
Das hat Genscher tatsächlich so gesagt. Zur Wahrheit gehört aber auch: Genscher gibt tatsächlich nur seine persönliche Haltung wieder.
Eine andere, vielzitierte Äußerung stammte von US-Außenminister James Baker selbst. Die NATO werde ihre Zuständigkeit "not one inch" (nicht einen Zoll) nach Osten ausdehnen, erklärte Baker. Auch diese Äußerung fällt Anfang Februar 1990 in einem Gespräch zwischen Baker und Gorbatschow. Liest man das Protokoll, wird der Zusammenhang klar: Zentrales Thema war, ob Deutschland in der NATO bleibt und was das für das Gebiet der noch existierenden DDR bedeutet. Denn das war ja das akute Dilemma, das gelöst werden musste: In der DDR waren noch sowjetische Truppen im Rahmen des Warschauer Pakts stationiert - wie soll das gehen, wenn das DDR-Gebiet plötzlich zur NATO gehören würde?
Äußerungen fielen außerhalb der Verhandlungen
Beide Äußerungen, die von Genscher und die von Baker fielen im Februar 1990. Die Zwei-plus-Vier-Verhandlungen hatten damals noch gar nicht begonnen, es wurden gerade erst die Modalitäten dieser Verhandlungen besprochen. Schon deshalb waren die Äußerungen keine verbindlichen Zusagen in Verhandlungen, sondern allenfalls Signale, worüber man zu reden bereit ist.
Deshalb auch diese eher unverbindliche Formulierung: Dass "nicht die Absicht besteht, die Nato auszudehnen" war zu dem Zeitpunkt eine zutreffende Feststellung, denn an eine Osterweiterung war damals noch gar nicht zu denken. In der DDR waren ja noch sowjetische Truppen stationiert, die DDR gehörte, ebenso wie die osteuropäischen Staaten, noch immer dem Warschauer Pakt an.
Bundesaußenminister Genscher konnte nicht für die NATO sprechen
Genscher war zudem als bundesdeutscher Außenminister gar nicht in der Position, für die NATO zu sprechen. In jedem Fall waren diese Äußerungen nur ein kurzfristiger Gesprächsstand vor Beginn der Verhandlungen, der aber am Ende nicht in die eigentlichen Gespräche oder gar den Vertrag einfloss.
Mag sein, dass Genscher das im Februar 1990 ernst gemeint hat, aber die USA gingen ebenso auf Distanz zu dieser Haltung wie Bundeskanzler Helmut Kohl. Und das war auch in den Verhandlungen kein Geheimnis.
Worüber sprachen Kohl und Gorbatschow?
Einige Monate nach den Genscher- und Baker-Äußerungen konkretisieren sich die Gespräche. Im Mai 1990 beginnen die eigentliche Zwei-plus-Vier-Verhandlungen. Im Juli spricht Kohl mit Gorbatschow. In diesem Gespräch diskutieren die beiden ausschließlich über die NATO im Zusammenhang mit dem vereinigten Deutschland. Auch Gorbatschows Forderungen beziehen sich laut Protokoll ausschließlich darauf:
De facto, after the unification, NATO troops should not be on the territory of the present-day GDR. This is during the transition period, then the issue will begin to lose its acuteness. There will be a transitional state, during which Germany will legally be a NATO member, but its eastern part will remain within the scope of the Warsaw Treaty. Thereby, we will resolve the issue of Germany’s membership in NATO.
Quelle: Michael Gorbatschow im Juli 1990
Das Helsinki-Protokoll
Von all dem abgesehen: Weder die USA noch die Bundesrepublik kann darüber entscheiden, welchem Bündnis ein unabhängiger Staat beitreten möchte. Das haben die Vertragsstaaten der OSZE-Schlussakte von Helsinki 1975 festgehalten.
Es ging um die Frage, ob beide Teile Deutschlands zur NATO gehören sollen
Alle an den Gesprächen Beteiligten – auch der sowjetische Präsident Michail Gorbatschow – erklärten später, eine mögliche NATO-Osterweiterung war in den weiteren Gesprächen überhaupt kein Thema. Worum es lediglich ging, war erstmal überhaupt die Frage: Wird ganz Deutschland künftig zur NATO gehören? Dem stimmte die Sowjetunion zu – vor allem, nachdem der Westen ihr eine Finanzspritze von fünf Milliarden Mark versprochen hat.
Kein Aufeinandertreffen von NATO und sowjetischen Truppen
Nächste Frage: Wenn Deutschland zur NATO gehört, wird die NATO dann künftig auch in Ostdeutschland operieren und sich sozusagen mit den noch immer stationierten sowjetischen Truppen das Gelände teilen? Dies, so die Zusage, werde nicht passieren – und ist auch nicht passiert, bis die sowjetischen Streitkräfte 1994 aus Ostdeutschland abgezogen wurden.
Kurz: Ja, über eine künftige Osterweiterung der NATO wurde laut nachgedacht, aber es gab keine Versprechen oder Zusagen im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung.
NATO-Russland-Grundakte wird 1997 unterzeichnet
Selbst wenn irgendjemand das falsch verstanden haben sollte, ging die Geschichte ja weiter: 1997 unterzeichneten beide Seiten die NATO-Russland-Grundakte. Darin erkennt Russland erkennt an, dass es kein Vetorecht gegen die NATO-Mitgliedschaft anderer Länder hat. Spätestens damit macht Moskau den Weg frei für die Aufnahme weiterer osteuropäischer Staaten ins Natobündnis. Moskau bekam dafür auch etwas, nämlich zum einen weitere wirtschaftliche Unterstützung, zum anderen auch eine Zusicherung, über die sich der damalige russische Präsident Boris Jelzin auch ausdrücklich freute, als er über künftige neue NATO-Staaten sagte:
Es wird keine Atomwaffen in den neuen Mitgliedsländern geben. Es handelt sich um eine feste und verbindliche Zusage der Unterzeichnerstaaten.
Quelle: Boris Jelzin, russicher Präsident, 1997
NATO darf sich nach Osten ausweiten, aber dort keine Atomwaffen stationieren
Diese Ausssage von Boris Jelzin stammt aus einem Radiobericht von 1997, der im Podcast des Archivradios zu hören ist. Er belegt, was damals verhandelt wurde: Die NATO darf sich nach Osten ausweiten, aber dort keine Atomwaffen stationieren. Daran hat sie sich bis heute gehalten.
Wolken aus Kraftwerken – beeinflussen sie das Wetter bzw. Klima?
Oct 10, 2024
Show notes
Wasserdampf-Wolken sind Zeichen für Temperaturgefälle
Bei einem Kraftwerk kommen alle möglichen Dinge aus dem Schornstein. Die Wolken, die sich aus dem Wasserdampf bilden, sind zwar am deutlichsten sichtbar, spielen aber die kleinste Rolle. Die Wolken über den Schornsteinen sind kein Zeichen dafür, dass dort unheimlich viel Wasser ist, sondern dafür, dass dort ein starkes Temperaturgefälle besteht.
Grundsätzlich entstehen Wolken dann, wenn sich feuchte Luftmassen abkühlen – genau das passiert über einem Kraftwerk. Was aus dem Schornstein kommt, ist warme Luft mit einem hohen Dampfanteil. Wenn diese Luft abkühlt, kondensiert der Dampf zu Tröpfchen, aber mengenmäßig fällt dieses Wasser gemessen am Wasserdampf in der umgebenden Atmosphäre nicht ins Gewicht.
Ultrafeinstaub ist das eigentliche Problem
Einen viel stärkeren Einfluss haben die Teilchen, die man mit bloßem Auge nicht sieht. Staubemissionen zum Beispiel. Die Abgase aus deutschen Kraftwerken sind in Bezug auf Staub und Ruß insgesamt relativ sauber. Sie stoßen wenig Feinstaub aus, dafür aber sehr hohe Konzentrationen von Ultrafeinstaub – das sind ganz feine Teilchen – kleiner als 100 nm, die die herkömmlichen Abluftfilter nicht abfangen können.
Staubpartikel fördern Wolkenbildung – und beeinflussen so das Wetter
Staubpartikel beeinflussen das Wetter, da sie als Kondensationskerne die Wolkenbildung fördern. Die Verschiebung hin zu immer kleineren Staubteilchen hat in den letzten Jahrzehnten zunächst zu kleineren Wolkentröpfchen geführt und damit zu einer Verzögerung bei Niederschlägen.
Das bedeutet in der Folge nicht unbedingt mehr oder weniger Regen, dafür aber Veränderungen bei der Verteilung. Die Verzögerungen führen nach Beobachtung von Forschern, auch am KIT in Karlsruhe, dazu, dass es seltener regnet, dafür dann aber heftiger. Zumindest statistisch – das hängt auch von vielen anderen Vorgängen ab.
Und schließlich kommt auch das Treibhausgas CO2 aus den Schornsteinen – auch das ist ja ein unsichtbares Gas, das bekanntlich das Klima beeinflusst. Allerdings ist da weniger das einzelne Kraftwerk entscheidend als die Summe aller Kraftwerke und sonstiger Treibhausgasemissionen.
Führt der Klimawandel zu mehr Erdbeben?
Oct 09, 2024
Show notes
Kurzfristig nein, langfristig möglicherweise. Die Überlegung ist völlig berechtigt. Was passiert denn, wenn zum Beispiel auf Grönland die schweren Gletscher schmelzen? Die haben ein Gewicht von Tausenden von Milliarden Tonnen. Das Gleiche trifft für die Antarktis zu oder – im kleineren Umfang – auch auf die Gletscher in den Alpen oder auf Island. Wenn diese Gletscher abschmelzen, werden die darunterliegenden Landmassen entlastet.
Nun ist es ja so: Die Kontinentalplatten kann man sich tatsächlich als Platten vorstellen, die auf einer zähflüssigen heißen Gesteinsmasse schwimmen. Wenn sie von oben durch das Eis zusätzlich belastet werden, passiert das Gleiche wie bei einer kleinen Eisscholle, wenn sich ein Eisbär draufsetzt: Es drückt die Scholle nach unten. Wenn der Eisbär runtergeht von der Scholle, steigt sie wieder auf. Und so ist es mit den Kontinentalplatten: Wenn die Eismassen schmelzen, steigen sie auf. Das geht allerdings sehr langsam.
Letzte große Eiszeit endete vor 10.000 Jahren, Platten steigen noch heute
Seitdem sind schon viele Gletscher geschmolzen. Als Reaktion auf diese Entlastung steigen heute noch die entsprechenden Landmassen auf. Skandinavien, Schottland und Dänemark zum Beispiel heben sich noch heute um bis zu einen Meter in 100 Jahren. Das ist eine ganz langsame kontinuierliche Landhebung; es bedeutet noch nicht zwangsläufig, dass es zu Erdbeben kommt.
Man kann sich aber vorstellen, dass es durchaus zu Erdbeben führen kann, wenn die Erdkruste durch die Entlastung erst mal in Bewegung gerät. Zwar gibt es bislang dafür kaum Anzeichen. Es gab aber vor wenigen Jahren eine Untersuchung von Geophysikern aus Münster und Bern, die Hinweise auf einen solchen Zusammenhang in Amerika gefunden haben. Auch da lagen in der Eiszeit mächtige Gletscher und es sieht so aus, als habe die große Gletscherschmelze am Ende tatsächlich dazu geführt, dass an einigen geologischen Störungen gehäuft kleinere Erdbeben stattfanden.
Jetzt kommt aber die Einschränkung: Das ist nicht von jetzt auf gleich passiert, sondern diese Reaktion kommt mit Jahrtausenden Verzögerung. Und es passiert dort, wo vorher die Gletscher lagen und nicht irgendwo anders auf der Welt. Man kann also nicht – was Sie in Ihrer Frage vermutet haben – die Beben in Haiti oder Chile oder den Vulkanausbruch auf Island auf den aktuellen Klimawandel zurückführen. Wir erleben zwar seit einigen Jahrzehnten einen schnellen Klimawandel; die Gletscher schmelzen. Aber das hat bisher noch nicht dazu geführt, dass wir jetzt insgesamt auf der Welt mehr Erdbeben hätten als im Mittelalter oder in der Antike.
Werden wir durch Protein-Shakes stärker?
Oct 07, 2024
Show notes So einfach ist das nicht. Stärker werden wir nur durch Training, bei dem wir unsere Muskeln beanspruchen – durch Liegestütze, Kniebeugen oder Hanteltraining. Dabei kommt es nämlich in den Muskeln zu kleinen Faserrissen. Der Körper repariert die Risse und macht die Muskeln bei der Gelegenheit ein bisschen kräftiger. Dafür braucht er Proteine, denn die sind der Baustoff für neue Muskelfasern. Deshalb müssen wir also regelmäßig Proteine zu uns nehmen.
Wie viele Proteine braucht man am Tag?
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt, dass wir am Tag 0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht zu uns nehmen sollen. Wenn wir aber viel Sport machen, darf es auch etwas mehr sein. Für Menschen etwa, die mehr als fünf Stunden in der Woche Sport machen, liegt die empfohlene Menge ein Drittel höher. Und bei bestimmten Sportarten wie dem Kraftsport kann die empfohlene Menge sogar doppelt so hoch sein.
Was bedeutet das für die Ernährung?
Bei einer nicht ausgeprägt sportlichen Person, die 70 Kilogramm wiegt, läge der Tagesbedarf bei 56 Gramm Protein. Das ist z.B. ein Stück Lachs von 170 Gramm und eine Handvoll Walnüsse.
Da könnte man jetzt natürlich denken: Der Körper braucht Proteine, um Muskeln aufzubauen? Na, dann trinke ich nach dem Sport einen Protein-Shake oder esse einen Protein-Riegel. Das ist aber nicht nötig. Denn mit der richtigen Ernährung nehmen wie über unsere Nahrung ausreichend Proteine zu uns. Beispielsweise sind in Hülsenfrüchten, Magerquark, Hüttenkäse, Vollkornbrot oder Lachs von Natur aus viele Proteine enthalten.
Im Supermarkt gibt es High-Protein-Drinks, Joghurts oder Desserts. Sind die besonders proteinreich und empfehlenswert?
Wenn auf einem Produkt "High-Protein" steht, bedeutete das nur, dass in dem Lebensmittel mindestens 20 Prozent Proteine enthalten sind. Es sagt aber nichts darüber aus, ob die Proteine von Natur aus enthalten sind, wie es beispielsweise bei Magerquark der Fall ist, oder ob sie während der Herstellung hinzugefügt wurden. Das macht am Ende für den Muskelaufbau auch keinen Unterschied.
Das "Problem" ist: Viele dieser Produkte, die mit dem Label "High-Protein" angeboten werden, enthalten eine Reihe an Zusatzstoffen wie Verdickungsmittel, Emulgatoren, künstliche Aromen oder Süßungsmittel. Es sind also hochverarbeitete Lebensmittel.
Mit gesunder Ernährung hat das nichts zu tun. Durch sie wird unsere sportlichen Leistungen auch nicht besser. Außerdem sind sie im Schnitt dreimal so teuer wie vergleichbare Nicht-High-Protein Produkte.
In der Regel sind sie also nicht nötig. Es kann aber Ausnahme-Situationen geben, z. B. wenn es nach dem Sport mal schnell gehen muss oder ich keine Zeit zum Essen habe. Dann kann so ein Protein-Shake eine sinnvolle Ergänzung sein. Und ein High-Protein-Joghurt als Nachtisch ist auch völlig in Ordnung. Wir müssen uns nur bewusst sein, dass Protein-Shakes oder High-Protein-Produkte keine ausgewogene Ernährung ersetzen.