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    Latest Episodes:
    Totenkult und Religion - Bestattungsrituale in den Weltreligionen Oct 31, 2025
    Show notes

    In Europa ist die Feuerbestattung mittlerweile die vorherrschende Bestattungsform. Dabei sehen die monotheistischen Religionen vor, die Toten in der Erde zu bestatten, um ihre Wiederaufstehung nicht zu gefährden. Autorin: Daniela Remus (BR 2020)

    Credits
    Autorin dieser Folge: Daniela Remus
    Regie: Silke Wolfrum
    Es sprachen: Caroline Ebner, Jerzy May
    Technik: Susanne Herzig
    Redaktion: Bernhard Kastner

    Im Interview:
    Norbert Fischer (Professor; Kulturanthropologe, Universität Hamburg);
    Christa Frateantonio (Dr.; Religionswissenschaftlerin, Leibniz Universität Hannover);
    Netanel Olhoeft (Institut für jüdische Theologie, Rabbiner, Universität Potsdam);
    Paula Schrode (Professorin; Religionswissenschaftlerin, Universität Bayreuth)

    Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren:

    Wie der Tod in die Welt kam - Mythen und die große Menschheitsfrage
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    Vorstellungen vom Danach - Weiterleben, Wiedergeburt oder Rückkehr?
    JETZT ANHÖREN

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
    RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:
    ARD Audiothek | RadioWissen
    JETZT ENTDECKEN


    Angst vor der Dunkelheit - Was die Finsternis unheimlich macht Oct 30, 2025
    Show notes

    Fast jedes Kind kennt sie: die Angst vor der Dunkelheit, ein kulturübergreifendes Phänomen. Ohne sich mithilfe des Sehsinns orientieren zu können, tauchen die Menschen in eine Sphäre der Unsicherheit, viele fühlen sich unheimlichen Phantasien preisgegeben. Warum ist das so? RadioWissen ist der Angst vor der Dunkelheit auf der Spur. (BR 2021) Autorin: Susanne Hofmann CreditsAutorin dieser Folge: Susanne HofmannRegie: Sabine KienhöferEs sprachen: Christian Baumann, Katja Amberger, Peter Lersch, Thomas Birnstiel, Chonstanze FennelTechnik: Viktor VerresRedaktion: Iska Schreglmann Im Interview:Eva-Maria Fassot, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin in der Hochschulambulanz der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.Carina Breidenbach, Dozentin der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft an der LMU München – Promotion zu „Poetiken der Angst und Paranoia in Textens des 20. und 21. Jahrhunderts“.Prof. Ulrich Bröckling, Professor für Kultursoziologie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Musik: Bitter intrigues 0‘49 1. ZUSPIELUNG Kinder (kürzbar) „Ich hab Angst, wenn es in meinem Zimmer knackst und ich bin allein im dunkeln Zimmer … Da trägt mich Papa immer ins Bett und da lassen sie die Tür ein bisschen offen, weil es mir dann zu dunkel ist – und dann kommt ein bisschen Licht rein in dein Zimmer – weil ich denk immer, dass dann Geister kommen – ganz gruselig! – da will ich lieber immer wach bleiben“ Hanna: oder abends allein draußen, da hab ich schon mehr Angst, weil da können auch Füchse zum Beispiel ERZÄHLER Die Angst vor der Dunkelheit oder vor dem, was da im Dunkeln alles lauern könnte, ist eine Angst, die Kinder für gewöhnlich im Alter von drei bis vier Jahren entwickeln. Diese Angst steckt uns seit Millionen von Jahren quasi in den Knochen, sie ist ein Erbe der Evolution, erklärt Diplompsychologin Eva-Maria Fassot [französische Aussprache] von der Universität Freiburg. 2. ZUSPIELUNG Fassot 00:10 „Wenn man sich überlegt, wie unsere Vorfahren gelebt haben, dann ist es schon so, dass Angst vor Dunkelheit sicherlich einen Anpassungsvorteil früher mit sich gebracht hat. Es macht heutzutage bestimmt nicht mehr so viel Sinn. Aber wenn Sie jetzt sich heutzutage auf eine Safari begeben oder im Outback sind, ist es sicherlich immer noch empfehlenswert, wenn Sie vor Dunkelheit eher Angst haben. Also Angst vor Dunkelheit hat ursprünglich bestimmten evolutionären Vorteil gebracht.“ Musik: Z8023888135 Cold analysis 0‘28 ERZÄHLERIN Unsere frühen Vorfahren waren Raubtieren, die in der Dunkelheit lauerten, weitgehend hilflos ausgeliefert. Nur wer ein gut funktionierendes inneres Alarmsystem besaß und auf Gefahren schnell durch Flucht oder Kampf reagierte, sicherte das Überleben seiner Gene. Ebenso lebensrettend konnten in der Frühzeit des Menschen andere Ängste wirken, die Furcht vor Schlangen zum Beispiel oder vor Spinnen. ERZÄHLER Auch diese Empfindungen sind nach Meinung einiger Wissenschaftler seitdem biologisch in uns angelegt, sie sind eine anthropologische Konstante und leben in vielen von uns bis heute fort – obwohl sie streng genommen in einer weitgehend ausgeleuchteten, schlangenfreien zivilisierten Welt keinen Nutzen mehr für uns haben, also eigentlich irrational sind. Reale Gefahren des modernen Lebens, wie den Straßenverkehr oder Ernährungsfehler, unterschätzen dagegen die meisten, weil sie sich davor nicht instinktiv fürchten. Musik: Misjudgement 0‘39 ERZÄHLERIN Die Angst vor der Dunkelheit hängt natürlich auch eng damit zusammen, wie wir Menschen uns in unserer Umwelt orientieren. Unsere Sinne sind für Aktivitäten bei Helligkeit optimiert – tagsüber können wir uns gut durch das Sehen orientieren. Sinne, die nachts von Vorteil sind, wie das Hören, Riechen und Tasten, sind beim Menschen im Vergleich zu vielen Tieren dagegen weniger ausgebildet. Und das hat Folgen, meint die Literaturwissenschaftlerin Carina Breidenbach von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie arbeitet an ihrer Dissertation zum Thema „Angst in der erzählenden Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts“ – dort nimmt die Angst vor der Dunkelheit einen breiten Raum ein. 3. ZUSPIELUNG Breidenbach 2.58 „Kurz gesagt, stellt uns die Dunkelheit vor ein epistemologisches Problem. Also ein Problem, was mit unserem Wissen oder mit unserer Erkenntnis der Welt zu tun hat. Als Menschen können wir nicht so besonders gut hören. Wir können nicht so gut riechen wie Hunde. Das heißt, wir orientieren uns in erster Linie eben mit unserem Sehsinn. Und beherrschen dadurch auch die Natur, können uns orientieren. Und wenn es dunkel ist und uns eben diese Fähigkeit genommen wird, sind wir erst mal hilflos, fühlen uns ausgeliefert.“ ERZÄHLER Deshalb ist die Dunkelheit für uns Menschen eine Sphäre der Unsicherheit und des Kontrollverlusts. Zumindest ist dies die eine Seite der Dunkelheit. Dass die Dunkelheit andererseits auch anziehen und faszinieren kann, was sich gerade auch in der Literatur spiegelt – dazu später mehr. Musik: Incorrectness 0‘25 ERZÄHLERIN Vor allem der Dunkelheit außerhalb des Hauses zu begegnen, löst bei vielen Menschen zumindest Unbehagen aus. Insbesondere Frauen nehmen lieber Umwege entlang hell beleuchteter Straßen in Kauf, als durch finstere Unterführungen oder auf unbeleuchteten Wegen zu laufen – auch aus Angst vor Kriminalität. 4. ZUSPIELUNG Bröckling 1:44 „Was hier festzustellen ist, ist dass die Angst, an solchen Orten Opfer eines Verbrechens zu werden, überfallen zu werden, etwa sehr viel größer ist als die tatsächlich vorkommenden Straftaten an solchen Orten.“ ERZÄHLER Beobachtet Ulrich Bröckling, Professor für Kultursoziologie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. 5. ZUSPIELUNG Bröckling 1:44 „Also Kriminalitäts-Furcht und das tatsächliche Kriminalitätsaufkommen weichen oft voneinander ab. Das zeigt auch, dass Furcht oder Angst oft eine Eigendynamik entwickeln.“ ERZÄHLERIN So haben 2015 britische Wissenschaftler von der London School of Hygiene (Aussprache englisch) in einer großen Studie anhand von 62 Städten untersucht, welche Folgen es hat, wenn man das Licht in einzelnen Stadtvierteln oder Straßen nachts löscht. Das Ergebnis: Es wurden im Dunkeln nicht mehr Verbrechen verübt als bei mehr Helligkeit. Der Mitautor Dr. Phil Edwards (von der London School of Hygiene) plädierte daher dafür, künftig an der Straßenbeleuchtung zu sparen – immerhin würden dafür im Jahr rund 300 Millionen Pfund alleine in Großbritannien ausgegeben. ZITATOR „In einer Zeit, in der die Behörden Ausgabenkürzungen vornehmen müssen, zeigen unsere Ergebnisse, dass bei sorgsam abgeschätzten Risiken die Straßenbeleuchtung ohne Zunahme an Unfällen und Kriminalität reduziert werden kann." Musik: Nebulous thoughts 0‘20 ZITATOR/ZITATORIN - Collage Das bleibt im Dunkeln – schwarzer Peter – schwarze Magie – schwarze Kassen – das Dunkelfeld müssen wir erhellen – da sieht es zappenduster aus! – finstere Gestalten – dunkle Mächte – das Darknet – Dunkeldeutschland ERZÄHLER Im deutschen Sprachgebrauch schwingt bei der Dunkelheit und dem Dunklen im Allgemeinen etwas Negatives mit – oft steht es für Gefahr, Bedrohung, das Unheimliche. Redewendungen wie „im Dunkeln tappen“ oder „im Dunkeln bleiben“ verweisen auf die Dunkelheit als eine Sphäre der Unwissenheit, einen Raum, der sich der Erkenntnis entzieht. Musik: Bright ideas 0‘16 ZITATOR/ZITATORIN - Collage Da muss Licht ins Dunkel – endlich, ein Licht am Ende des Tunnels! – da ist mir ein Licht aufgegangen – das war die Erleuchtung – Licht am Horizont – das Glück erhellte ihr Gesicht – er ist ein helles Köpfchen ERZÄHLERIN Das Licht und das Helle dagegen sind im Deutschen meist positiv besetzt: Es steht für Aufklärung, für Erkenntnis und, im weiteren Sinne, für Wissen und Beherrschung der Natur, analysiert die Literaturwissenschaftlerin Carina Breidenbach von der Ludwig-Maxilimians Universität in München: 6. ZUSPIELUNG Breidenbach 20.00 „Das Gute und das Böse sind natürlich immer mit diesen Lichtmetaphern irgendwie verbunden. Also die Schattenseite der menschlichen Natur ist irgendwie das Irrationale, Unkontrollierbare Unbewusste. Dunkle Machenschaften haben meistens mit Gewalt und Bedrohung zu tun. Eine Lichtgestalt ist in der Regel was Gutes und Positives, während ein schwarzes Schaf auf dem negativen Ende des Spektrums angeordnet ist. Hell und dunkel als Metaphern für Gut und Böse und für Wissen und Unwissen, das findet man auch in unserer Alltagssprache überall und natürlich ganz besonders deutlich in dieser Epochenbezeichnung „Aufklärung“, also die Epoche, wo es eben zu dieser noch verstärkten Beherrschung der Natur durch die menschliche Ratio, durch die Wissenschaft kam. Da hat man diese Metapher des Lichts für das Wissen noch mal ganz deutlich.“ ERZÄHLER Die Assoziation der Dunkelheit mit der Sünde, ja dem Bösen schlechthin auf der einen, und die Assoziation des Lichts mit dem Guten auf der anderen Seite finden sich schon in der Bibel, genauer in der Schöpfungsgeschichte. Musik: In the shadows 0‘23 ZITATOR „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe, und der Geist Gottes schwebt über dem Wasser, und Gott sprach, es werde Licht, und es ward Licht.“ ERZÄHLERIN Indem Gott spricht: „Es werde Licht“, kommt Licht in die Welt, die bis dahin aus Finsternis besteht. Im Johannes-Evangelium wird dann Jesus selbst mit dem Licht identifiziert, das die Dunkelheit erhellt. Suspended transucent 0‘16 ZITATOR „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ 7. ZUSPIELUNG Breidenbach 18:00 „Also, man hat im Christentum schon ganz früh diese Assoziation von Licht und Gutem und Gott - und der Dunkelheit mit dem Bösen. Gerade im Mittelalter dann ist es natürlich besonders präsent. Also der Teufel hat ja zum Beispiel den Beinamen Fürst der Finsternis, und auch die ganzen Geschöpfe im Gefolge des Teufels, Hexen und so weiter, sind natürlich alle mit der Sphäre des Bösen und Teuflischen und des Dunklen irgendwie verbunden.“ ERZÄHLER Sagt die Literaturwissenschaftlerin Carina Breidenbach. Sie sieht in der basalen menschlichen Angst vor der eigenen Hilflosigkeit im Dunkeln den Ursprung dieses hell-dunkel-Topos – der sich übrigens in vielen Schöpfungsgeschichten und Mythen wiederfindet. 8. ZUSPIELUNG Breidenbach 10:00 „Geschichten werden erzählt, um etwas zu vertreiben, im harmlosesten, aber nicht unwichtigsten Fall: die Zeit, sonst und schwerwiegender: die Furcht. Also eine Funktion von Geschichtenerzählen, von Mythen, von Literatur kann eben sein: diese unkontrollierbare Natur, unsere Erfahrungen damit irgendwie handhabbar zu machen. ERZÄHLERIN So sah es der Philosoph Hans Blumenberg, der sich in seiner „Arbeit am Mythos“ der Funktion und Wirkung von Mythen oder, allgemeiner, der Literatur widmete. Beides, die Dunkelheit wie die Angst davor haben keine klaren Konturen – gerade deshalb fordern sie den Menschen heraus. Carina Breidenbach: 9. ZUSPIELUNG Breidenbach 13:55 „Es gibt in der Existenzphilosophie eine wichtige Unterscheidung zwischen Angst und Furcht. … Angst ist unbestimmt… also man hat dieses unwohle Gefühl, weiß aber nicht, was bedroht mich da eigentlich? Es könnte irgendwie alles oder nichts sein, und die Furcht ist eben auf der anderen Seite angesiedelt. Die ist bestimmt, weil man da ein Objekt hat, was man identifizieren kann, zum Beispiel wildes Tier oder ein bedrohlicher Mensch. Und die Furcht ist eben einfacher zu bewältigen. Man kann den Gegner bekämpfen oder man kann weglaufen. Bei der Angst ist es eben nicht der Fall. Man kann sie eigentlich nicht auflösen. Man weiß nicht, … was steht mir da eigentlich gegenüber? Und die Dunkelheit ist natürlich gerade diese Sphäre der Unbestimmtheit und das Nichts, wo wir tatsächlich diese Angst irgendwie empfinden, man beschreibt Angst manchmal als frei flottierend, sie hat irgendwie kein Objekt, man weiß nicht so richtig, wann sie anfängt und aufhört, und das macht es eben gerade so unmöglich, irgendwie mit ihr umzugehen.“ Musik: Constant fear red 0‘33 ERZÄHLER In den Augen des Philosophen Hans Blumenberg erzeugen Menschen vor allem deshalb Kultur, um ihre vage, existentielle Angst in den Griff zu bekommen. In Erzählungen bekommt das Unbenennbare, Abstrakte Furchterregende eine Gestalt, einen Namen. In dieser konkreten Form können die Leserinnen und Leser Ängste, so auch die Angst vor der Dunkelheit, dann bewältigen – eine wichtige Funktion der Literatur. 10. ZUSPIELUNG Breidenbach 08:56 „Ein Genre, was zum Beispiel diese Funktion sehr sichtbar erfüllt, ist natürlich das Märchen, der dunkle Wald im Märchen ist ja auch so ein Topos. Also Hänsel und Gretel gehen durch den dunklen Wald, Rotkäppchen trifft im Dunkeln bald auf den bösen Wolf. Und diese diffuse Angst, die wir als Menschen verspüren, in einer Umwelt, die wir halt nicht komplett kontrollieren können, die wird halt in so einer Märchenhandlung, in so einem sehr einfachen Narrativ, irgendwie greifbar und bearbeitbar und handhabbar und dadurch irgendwie auch ab-erzählbar.“ ERZÄHLERIN Märchen hatten vor allem früher fast immer auch eine pädagogische Funktion. So funktionalisieren einige Märchen und Mythen die Angst vor dem Dunkeln auch, um Kinder zum richtigen Verhalten zu erziehen. 11. ZUSPIELUNG Breidenbach 23:00 „Es gibt im englischsprachigen Raum die Figur des sogenannten Bogeyman, im Deutschen haben wir den Butzemann, … oder auch den schwarzen Mann. Also das sind eben diese Gestalten, die eigentlich nur im Dunkeln rauskommen und Kinder, die sich nicht benehmen, irgendwie entführen oder auffressen. … also dieser Kinderschreck, mit dem man Kinder dazu bringt, nach der Dämmerung nicht mehr alleine draußen rumzulaufen.“ Musik: Sonate für Klavier 0‘30 ERZÄHLER In der Epoche der Romantik tritt die Dunkelheit sozusagen ins literarische Rampenlicht. Ihr kommt nun eine besondere Bedeutung zu – auch als Gegenpol zur vorangegangenen Epoche der Aufklärung mit ihrer Betonung der Ratio. In der Nacht offenbarte sich den Romantikern die menschliche Natur mitsamt dem Unterbewusstsein. 12. ZUSPIELUNG Breidenbach 24:23 „Es gibt eine Unterströmung in der Romantik, die sich schwarze Romantik nennt, also Tieck, E.T.A. Hoffmann gehören dazu, die sich eben mit dieser Nachtseite der menschlichen Natur sehr stark auseinandersetzen, also das, was die Aufklärung eigentlich versucht hat, auszumerzen und auszuschließen, also das Triebhafte im Menschen, das Irrationale, das Unkontrollierbare, Wahnsinn, das Böse sind eben Themen, die eine große Faszination ausstrahlen in der schwarzen Romantik, und die Dunkelheit und so etwas wie unterirdische Bergwerke stehen da eben oft für das Unbewusste und das Irrationale im Menschen also, da hat man diese Nachtseite der menschlichen Natur.“ ERZÄHLERIN Carina Breidenbach beobachtet, dass die Angst vor der Dunkelheit in der Literatur in dem Moment eine Hoch-Zeit erlebt, in dem die Menschen damals anfangen, die Nacht mit künstlichem Licht zu erhellen, die Wohnungen mit Kerzen- und Gaslicht beleuchten und in den Städten Straßenlaternen aufstellen. Als es also im wirklichen Leben allmählich heller wird, wird es in der Literatur dunkler: Ende des 18. Jahrhunderts entsteht das Genre der sogenannten Gothic Novel, des Schauerromans, der auch in Deutschland von Autoren wie E.T.A. Hoffmann mit seinen „Nachtstücken“ aufgegriffen wird. Darin verschwimmen die Grenzen zwischen dem Realistischen und dem Phantastischen. Musik: Intermezzo (3) 0‘33 ERZÄHLER Ein Meister der Schauerliteratur ist der US-amerikanische Autor Edgar Allan Poe – auch er zelebriert die Schrecken der Dunkelheit, zum Beispiel in der Kurzgeschichte „Die Grube und das Pendel“. Darin geht es um einen Gefangenen, der zum Tode veru…

    Full show notes at the publisher

    Erbsen und Mathematik - Gregor Mendel, Vater der Genetik Oct 30, 2025
    Show notes

    Er war ein Genie - doch seine Zeitgenossen haben das nicht erkannt. Dem Augustiner-Mönch gelang die Anwendung der Mathematik auf die Biologie. Heute stehen seine Vererbungsregeln in jedem Biologiebuch. Von Renate Ell.

    Credits:
    Autorin: Renate Ell
    Redaktion: Dr. Gerda Kuhn

    Im Interview:
    Prof. Dr. Staffan Müller-Wille, Universität Exeter
    Silvia Eckert-Wagner, Pöttmes, Urururgroßnichte von G. Mendel


    Trauerkultur - Der Tod und die Digitalisierung Oct 29, 2025
    Show notes

    Die Digitalisierung transformiert unser Leben - und unser Ableben. Mit unserem Tod hinterlassen wir digitale Spuren, Daten und Vermächtnisse. Zudem ist es möglich geworden, an digitalen Orten zu trauern und den Verstorbenen zu gedenken. Autor: Konstantin Schönfelder (BR 2024) CreditsAutor dieser Folge: Konstantin SchönfelderRegie: Sabine KienhöferEs sprach: Katja AmbergerTechnik: Wolfgang LöschRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Lilli Berger, Bestatterin und „Death Care Gründerin“ von „VYVYT“Matthias Meitzler, Thanatologe von der Universität Tübingen;Lorenz Widmaier, Soziologe mit Doktorarbeit zu digitalem Erbe und Trauer Diese hörenswerten Folgen von Radiowissen könnten Sie auch interessieren: Nahtoderfahrungen - Was passiert, wenn wir sterben? HIER Der Tod und wir - Rebellion gegen die Endlichkeit HIER Wie der Tod in die Welt kam - Mythen und die große Menschheitsfrage HIER Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Die Entscheidung Politische Entscheidungen verändern unser Leben. Mal ist uns das sofort klar. Mal verstehen wir es erst hinterher. Im Podcast "Die Entscheidung" nehmen sich die Hosts Christine Auerbach und Jasmin Brock jeden Monat eine solche Entscheidung vor und fragen: Was ist damals passiert? Wie prägt diese Entscheidung unser Leben bis heute? Sie suchen die Geschichten hinter den Entscheidungen, befragen Menschen, die man noch nicht so oft dazu gehört hat. HIER ENTDECKEN Linktipps: Digitaler Erinnerungsraum von VYVYT HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadiowissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN: Wir müssen alle sterben. Doch wie wir sterben, unterliegt dem Wandel, so wie das Leben auch, das sich permanent verändert. „Tritt also der Tod den Menschen an:”, heißt es in einem klassischen Text der Philosophie, in Platons Phaidon, „so stirbt, wie es scheint, das Sterbliche an ihm, / das Unsterbliche aber und Unvergängliche zieht wohlbehalten ab, / dem Tode aus dem Wege.” Fragen wir uns also, was das Sterbliche ist, und was das Unsterbliche. Und fragen wir uns, ob es Wege gibt, die Grenze zwischen beidem zu verschieben. Ob technische Fortschritte passieren, die uns vielleicht nicht unsterblich machen. Aber doch, immerhin, als Tote ganz anders anwesend unter den Lebenden als bisher. Fangen wir dafür am Anfang an, mit unserem Ende – dem Tod. O1 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Der Moment, in dem jemand stirbt, das ist immer plötzlich, auch wenn man darauf vorbereitet ist, auch wenn eine Krankheit davor war. Da steht man erstmal unter Schock. Und der Trauerprozess beginnt dann erst. SPRECHERIN Sagt Lilli Berger, Bestatterin. Mit 13 ist ihr bei einem Berufsinformationstag in der Schule dieser doch nicht sehr gewöhnliche Beruf vorgeschlagen worden – und als sie erwachsen war, hat sie ihn tatsächlich ergriffen. O2 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Das Familiensystem bricht in dem Moment plötzlich auf. Jeder hat ja eine Rolle in der Familie. Und wenn der Mensch dann wegfällt in der Rolle, wird das erst mal neu justiert und neu orientiert und neu zusammengesetzt und in dem Moment ist der Bestatter oder die Bestatterin da und versucht, alle Bedürfnisse miteinander zu verweben. SPRECHERIN: Sie findet, dass Deutschland eine lange und gute Tradition der Bestattungskultur auszeichnet. O3 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Wir haben eine ganz lebendige Erinnerungskultur. Wir schätzen alte Häuser, wir reden viel auch über den Zweiten Weltkrieg zum Beispiel. Als Gesellschaft sind wir sehr mit der Erinnerungskultur verbunden. Und das sehe ich auch in unserer Bestattungskultur. Es sind Familienbetriebe, die die Bestattungen durchführen. Wir haben keinen großen Marktanteil an Konzernen, an Bestattungskonzernen zum Beispiel, sondern wir haben wirklich kleine Familienbetriebe, die Familien teilweise auch schon über Jahre, über Generationen hinweg begleiten. SPRECHERIN: Doch die Bestattungsbranche sei durch ihre große Tradition relativ träge, Veränderungen seien immer langsam gekommen. Aber in den letzten Jahren hat sich vieles in der Welt verändert. Auch in ihrer Branche, und im Sprechen über den Tod. O4 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Ich habe vor zehn Jahren die Ausbildung gemacht und in diesen zehn Jahren gab es eine ganz, ganz tolle Entwicklung, ganz viele neue Initiativen, viel mehr offenes Sprechen darüber. In den Medien wird das Thema Tod und Trauer viel öfter aufgegriffen. SPRECHERIN: Ein Grund dafür: Die Digitalisierung unserer Lebenswelt – und der des Sterbens. In diesem Bereich, den Lilli Berger auch "death care" nennt – die nun eben auch digitale Arbeit mit dem Tod und der Trauer – ist sie eines der prägendsten Gesichter des Wandels. MUSIK: Coldplay, 42 [Those, who are dead, are not dead, they are living in my head …] 0’27 SPRECHERIN: Mit der Digitalisierung ist zunächst erst mal vieles, was früher physisch hinterlassen wurde, digital geworden. Einer der ersten, die das empirisch untersucht haben, ist Lorenz Widmaier – was ist ein digitales Erbe und wie konkret gehen die Hinterbliebenen mit diesem um? Erst seit kurzem sei das wirklich wichtig geworden, weil digitale Nachlässe natürlich erst in den letzten Jahren so richtig anzufallen beginnen. Zum digitalen Nachlass gehören alle Spuren, die wir zu Lebzeiten digital hinterlassen: Verträge, Passwörter, Zugänge zu bestimmten Accounts, aber auch Suchverläufe oder Aktivitäten auf Webseiten. O5 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung - LORENZ WIDMAIER: Zum Beispiel das, was wir auf Facebook oder in anderen sozialen Medien machen. Ganz wichtig sind dann auch Messenger, so was wie WhatsApp, wo zum Beispiel eine Beziehungsgeschichte oder die Geschichte mit seinem Kind sehr detailliert dokumentiert ist, den Alltag mit Sprachnachrichten, Fotos, Videos und sowas, was es eigentlich früher nie gab in der Detailliertheit. Zum digitalen Nachlass gehören nicht nur die Daten des Verstorbenen, sondern auch meine eigenen Daten, die ich über den Verstorbenen habe. Also gerade so was wie WhatsApp Verläufe. Musik: Future questions 0‘25 SPRECHERIN: Mit Hinterbliebenen hat er sich mehr als 30 dieser „digitalen Nachlässe“ angeschaut, ausgewertet und gefragt, was sie mit diesen Daten machen und was sie ihnen bedeuten. Widmaier erinnert sich an eine Mutter, die ihre Tochter verloren hat und über deren digitales Erbe zu Antworten gefunden hat. O6 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung - LORENZ WIDMAIER: Die hat dann Screenshots gefunden, die ihre Tochter von der Zugverbindung gemacht hat, die sie für ihren Suizid verwendet hat. Und diese Screenshots waren einige Wochen davor gemacht. Das heißt, sie wusste dann, „Okay, den Gedanken gab es schon einige Wochen. Das war keine Affekthandlung, die plötzlich passiert ist.“ SPRECHERIN: Zu Lebzeiten ihrer Tochter war es für sie unbemerkt geblieben. Im Spiegel der zusammengesetzten Daten konnte sie posthum nachvollziehen, wie sich der Zustand ihrer Tochter verschlechtert hat. O7 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung - LORENZ WIDMAIER: Sie haben dann zum Beispiel Instagram-Posts angeschaut, wo es dann ganz klar Hinweise darauf gab: Man hat mehr nachdenkliche, traurige Selfies zum Beispiel gesehen. Aber auch die Hashtags haben dann auf bestimmte Musik verwiesen, wo es um Suizid ging. Auch die kurzen Kommentare haben sich so deuten lassen. Und so konnte man einfach ein bisschen Biographiearbeit machen und versuchen, so die Gefühlslage der Verstorbenen zu verstehen. Und das war dann auch so ein Weg. Wo man seinen Frieden in gewisser Weise damit finden konnte, dass man eine gewisse Erklärung hatte. SPRECHERIN: Nicht immer sind die Daten vorhanden oder zugänglich. Manchmal sind genau die Daten, die fehlen, das wichtigste Puzzlestück im Nachlass. So erging es einer Mutter, die ihre Tochter ebenfalls durch einen Suizid verloren hat. O8 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung - LORENZ WIDMAIER: Der Mutter war es dann wichtig, die privaten Nachrichten zu lesen, die ihre Tochter an Freunde usw. geschrieben hat. SPRECHERIN: Das Problem: Sie hatte den Zugang nicht. Also wendete sich die Frau direkt an Facebook O9 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung - LORENZ WIDMAIER: und erklärt, „meine Tochter hat sich das Leben genommen, ich brauche Zugriff auf die privaten Nachrichten, ich will das verstehen usw." Und dann hat Facebook aber gesehen, dass die Tochter in den Nachlass-Einstellungen eingestellt hat – „Facebook Account nach meinem Tod löschen.“ Und jetzt war es so: Die Mutter wendet sich an Facebook, Facebook sieht, da steht drin „nach meinem Tod löschen“ und hat den Facebook-Account gelöscht. Musik: Bouncing radicals 0‘32 SPRECHERIN: Was zählt mehr, die Wünsche des Verstorbenen oder die Bedürfnisse und Nöte des Hinterbliebenen? 1O Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung - LORENZ WIDMAIER: Das ist eine moralische Frage, ist eine rechtliche Frage, die auch in verschiedenen Ländern anders bewertet wird. Es gibt Länder, da hätte die Mutter trotzdem das Recht drauf. SPRECHERIN: Das digitale Leben ist wie eine weitere Schicht zu unserer Existenz hinzugekommen. Und wir sollten auch darüber verfügen, wie mit diesem Teil unserer Identität umgegangen werden soll, wenn wir nicht mehr da sind. 11 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung - LORENZ WIDMAIER: Und wenn man dann vielleicht noch zu manchen Dingen die Wünsche vermerkt, zum Beispiel WhatsApp, bitte alle Nachrichten löschen, die zwischen uns geschrieben worden sind. Das hilft Hinterbliebenen enorm zu wissen: Was darf ich eigentlich? Niemand will gerne rumkramen in den Sachen von den Verstorbenen. Die meisten brauchen aber Erinnerung. Musik: Virtual land 0‘40 SPRECHERIN: Die Digitalisierung hat einerseits dazu geführt, dass manche Dinge, die früher analog existierten, nun eine andere Form angenommen haben. Doch sie hat auch ganz neue, zuvor undenkbare Möglichkeiten geschaffen. Etwa mit der Art und Weise, wie wir Kontakt zu den Verstorbenen halten. Auf Facebook gibt es zum Beispiel die Möglichkeit, das Profil eines Verstorbenen in einen „Gedenkstatus" zu versetzen. So lässt sich dort trauern, erinnern, im Gespräch bleiben. Dieser Wunsch, die Verbindungen mit den Verstorbenen über den Tod hinauszuhalten, trägt in der Psychologie den Namen „continuing bonds“. 12 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung - LORENZ WIDMAIER: Man spricht die verstorbene Person direkt an in diesen Posts nach dem Tod. Das ist ähnlich zu Briefen, die man früher an verstorbene Personen geschrieben hat, aber man macht das jetzt in einer kleinen Öffentlichkeit zusammen mit anderen und dann reagieren andere auf diese Posts, sei es nur mit einem kleinen Herz oder mit einem kurzen Kommentar. Und so ist diese Trauer und diese „continuing bond“ eben sichtbarer und vielleicht auch ein bisschen akzeptierter. SPRECHERIN: Und die analoge Welt? Die bleibt ja. 13 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung - LORENZ WIDMAIER: Es wird auch genauso wichtig sein, das Grab zu besuchen. Wenn ich nicht zum Begräbnis kommen kann, aus irgendeinem Grund, kann ich vielleicht über einen Facebook-Livestream trotzdem dazu kommen. Aber es wird trotzdem auch das Begräbnis vor Ort geben und das wird die gleiche Relevanz behalten. Aber natürlich, ein Pullover vom Verstorbenen, der hat denselben Stellenwert, die Möbel vom Verstorbenen. Das verliert jetzt nicht an Wert. Musik: Unbiased opinion 0‘28 SPRECHERIN: An diesem digitalen Zusatz arbeitet auch Lilli Berger, die Bestatterin, die außerdem Film und digitales Leadership studiert hat. Auch deswegen konnte sie 2020 das Unternehmen VYVYT [Aussprache: vivit] mit zwei Kollegen gründen: In Deutschland hat sie die erste virtuelle Möglichkeit geschaffen, zeit- und ortsunabhängig Abschied zu nehmen oder Gedenkfeiern zu veranstalten. 14 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Man kann es zum ersten Todestag machen, zum zehnten Todestag, zum Geburtstag des Verstorbenen. Es gibt einem Raum, wo man, egal wo man gerade auf der Welt ist, für eine Stunde einfach vorbeikommt und dieser Person nochmal gedenkt, sich Erinnerungen austauscht und in dem Moment werden Erinnerungen ja wieder lebendig. SPRECHERIN: Dieser Raum ist im Grunde einer Gedenkseite gar nicht unähnlich. Es ist nur – wirklich ein Raum. Er ist dreidimensional, die Erfahrung intensiver, und dadurch vielleicht bleibender. 15 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Es gibt ein Vorne, ein Hinten, es können Gruppen sich bilden. Es gibt rechts, links, es gibt ein 3D-Audio. Das heißt, du hast auch wirklich das Gefühl, jemand spricht links oder jemand spricht rechts. Und wenn mir eine Geschichte erzählt wird, sehe ich vor mir zum Beispiel einen virtuellen Baum. Und in dem Moment speichert mein Gehirn das Erzählte als Erinnerung im dreidimensionalen Raum ab und das kann mein Gehirn später wieder abrufen. Und dadurch entstehen in diesem virtuellen Raum Erinnerungen, sie werden sozusagen auf einer lebendigen Art und Weise weitergegeben, dass ich mich langfristig dran erinnern kann. Musik: Finding a way out 0‘31 SPRECHERIN: Auf der Seite steuert man durch den Raum mit den Pfeiltasten am Computer und der Maus. Man kann in diesem digitalen Raum umherlaufen, stehen bleiben, die Bilder an den Wänden anschauen oder selbst welche in leere Bilderrahmen hochladen. Man kann mit den anderen ins Gespräch kommen, oder für sich bleiben. Der virtuelle Erinnerungsraum hat den Vorteil, dass er uns Freiheiten bietet, die uns im Leben häufig verwehrt sind. 16 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Es gibt erst mal keine Rituale, die wir in der physischen Welt ja schon haben, wie zum Beispiel, man gibt Blumenblätter oder Erde mit ins Grab oder man zündet eine Kerze an. Wir können den virtuellen Raum neu besetzen. Die Frage ist, ob wir das wollen oder ob wir vielleicht auch einfach Analoges nehmen und ins Digitale übersetzen. Das ist genauso möglich. Aber es ist ein Ort, den wir erst mal noch erobern dürfen mit unserer eigenen Trauerkultur. SPRECHERIN: Gerade für die heranwachsende Generation ist das eine Chance. Denn sie wächst mit dem Internet auf. 17 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Sie können für sich neue Traditionen, neue Rituale entwickeln. Und wir sind auch frei in der Art und Weise, wie wir den Raum gestalten. Also zum Beispiel finde ich total schön, wenn der Raum an etwas erinnert, was wir mit der verstorbenen Person erinnern, zum Beispiel Omas Garten. Musik: Confused images 0‘27 SPRECHERIN: Diese jüngere Generation ist ein wichtiger Teil der Nutzenden des virtuellen Gedenkraumes. Und unter ihnen insbesondere jene "early adopters", die offen sind, mit neuen technischen Innovationen herumzuexperimentieren. Und auch jene, die einen ungewöhnlichen, frühen oder tragischen Tod verarbeiten müssen, greifen auf das Angebot zurück. 18 Zsp Trauerkultur-Der Tod und die Digitalisierung LILLI BERGER: Also zum Beispiel hatten wir Meves, der war 14, als sein Vater im Sterben lag, und er hat die Stammkneipe nachgebaut vom Vater. Und ein halbes Jahr, nachdem der Vater gestorben ist, gab es eine große Geburtstagsparty für den Vater in dieser Stammkneipe und es war für den Sohn so ein schöner Moment, weil er konnte seinem Vater noch mal was geben und er hat sein Vater noch mal aus ganz verschiedenen Perspektiven kennengelernt. Ein halbes Jahr nach der Beerdigung – und das tat ihm total gut. Er hat jetzt wieder angefragt und möchte gerne jetzt zum Jahrestag wieder eine virtuelle Trauerfeier veranstalten zur Erinnerungsfeier. SPRECHERIN: In Zukunft wird es für das Unternehmen dahin gehen, öfter reale Räume nachzubauen. Das alte Elternhaus vielleicht? O…

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    Begradigung - Weshalb Flüsse nicht mehr frei fließen durften Oct 29, 2025
    Show notes

    Technischer Fortschritt oder ökologische Katastrophe? Im 18. Jahrhundert wurden Flüsse begradigt, um Waren zu transportieren, Hochwasser zu kontrollieren und die Natur zu bezwingen. Eine Geschichte tiefgreifender Landschaftsveränderung, die bis heute nachwirkt. Von Julius Bretzel.

    CREDITS:
    Autor: Julius Bretzel
    Regie:Sabine Kienhöfer
    Sprecher: Julia Fischer und Christian Baumann
    Technik:Simon Lobenhofer
    Redaktion: Katharina Hübel

    Im Interview:
    Boris Lehmann, Professor für Wasserbau und Hydraulik, TU Darmstadt https://www.researchgate.net/profile/Boris-Lehmann
    Jürgen Geist, Professor für Aquatische Systembiologie, TU München https://www.lss.ls.tum.de/aquasys/willkommen/


    Unsere Podcast-Tipps:
    Die Isar – Wildfluss und ewige Baustelle
    Die Isar ist in Europa einzigartig: sie darf auf immerhin zwanzig Kilometern noch fließen wie vor 200 Jahren. Doch der Fluss hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Wie die Isar allen Zähmungsversuchen zum Trotz doch immer ein bisschen wild geblieben ist – erzählt Radiowissen:
    https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:262215e7f3d80369/

    Alarm: Bakterien im Badesee – Wie wirkt die Hitze?
    Hitze und Trockenheit hinterlassen oft Spuren in den 2.300 deutschen Badegewässern: unerwünschte, krank machende Bakterien. Manchmal in so großer Zahl, dass Badestellen gesperrt werden müssen. Geht das noch: Baden im Natursee? Die Antwort gibt’s bei IQ – Wissenschaft und Forschung:
    https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:90453d7ec7dba0f9/

    Badeseen – Wer schwimmt da noch mit uns?
    Wo wir gern reinspringen, leben unzählige Pflanzen und Tiere: Fische, Krebse, Muscheln, Algen, aber auch Mikroorganismen. Einige dieser oft unbekannten Wesen können uns Menschen gefährlich werden. Die meisten aber sind einfach nur faszinierend. Wer schwimmt da also noch mit uns? Erklärt IQ – Wissenschaft und Forschung:
    https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:2dbb88f7eff182fb/

    Fische in Bayern – Wie geht es ihnen?
    Nährstoffmangel, giftige Algen und die Klimaerwärmung machen den Fischen in Bayern zu schaffen. Auch Kormorane und Gänsesäger setzen den Beständen zu. Vom Fischfang allein kann an den Seen niemand mehr leben. Hier geht es zu dieser Folge Radiowissen:
    https://www.ardaudiothek.de/episode/urn:ard:episode:25d33dbd7dd5cf64/

    Literatur:
    David Blackbourn: „Die Eroberung der Natur – Eine Geschichte der Deutschen Landschaft“ (DVA, 2007) erzählt eindrücklich, wie der Mensch aus Natur und Wildnis die heutige Kulturlandschaft in Deutschland machte.


    Liebesbriefe - Zärtliche Zeilen und Zeitzeugnisse Oct 28, 2025
    Show notes

    Liebesbriefe sind spannende Zeitzeugnisse. Sie spiegeln Hoffnung und Sehnsucht und sind eine mutige Selbstoffenbarung mit dem Risiko. Mache gewähren auch Einblick in das Auf und ab von Beziehungen. Vor allem sind Liebesbriefe tiefromantische Bekenntnisse im Versuch, das ganz große Gefühl auszudrücken und für immer auf Papier zu bannen. Autorin: Valerie von Kittlitz (BR 2024) CreditsAutorin dieser Folge: Valerie von KittlitzRegie: Anja ScheifingerEs sprachen: Katja Amberger, Jenny Güzel, Johannes Hitzelberger, Florian Schwarz, Hemma MichelTechnik: Regine ElbersRedaktion: Susanne Poelchau Im Interview:Eva Wyss, GermanistinJohannes Kleinbeck, LiteraturwissenschaftlerMarie von Heyl, Künstlerin, Philosophin Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Literatur: Sigmund Freud, Martha Bernays: Brautbriefe. Sie waren nie zur Veröffentlich vorgesehen und bieten nun überaus faszinierende Einblicke in die große Liebe des Vaters der Psychoanalyse. Der letzte Band ist noch nicht erschienen. Johannes Kleinbeck, „Geschichte der Zärtlichkeit. Die Erfindung des einvernehmlichen Sex und ihr zwiespältiges Erbe bei Rousseau, Kant, Hegel und Freud”. Spannende Darstellung des schleppenden Wandels einer tristen Pflichterfüllung durch die Aufklärung. Eva L. Wyss, Susanne Häberlin, Rachel Schmid: Übung macht die Meisterin: Ratschläge für einen nichtsexistischen Sprachgebrauch. Ein wertvoller Ratgeber. Linktipp: Eclectic Engineering ¬– toller Philosophie Podcast von Gesprächspartnerin Marie von Heyl HIER Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. Radiowissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadiowissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecherin In Mexiko-Stadt gibt es einen Platz, an dem Schreiber sitzen. Unter Kolonnaden, vor Hitze und Regen geschützt, betreiben sie ein uraltes Geschäft. Es kommen Menschen zu ihnen, die Hilfe suchen. Oft sind es Liebende. Die Schreiber hören zu und übersetzen ihre Gefühle in Liebesbriefe. [Zitate: Wie aus der Ferne] Zitatorin 1 Bachmann Lieber, Du, (…) Zwei- oder dreimal hab ich einen Brief an Dich geschrieben und dann doch nicht weggeschickt. Zitator 2 Celan Ingeborg, liebe, nur ein paar Zeilen, in aller Eile, um Dir zu sagen, wie sehr ich mich freue, das Du kommst. (…) Ich bin voller Ungeduld, Liebe. Dein Paul. Sprecherin Ingeborg Bachmann und Paul Celan im Jahr 1949. Es sind die ersten Briefe der stürmischen Liebe zwischen Dichterin und Dichter. Celan überschüttet Bachmann mit Mohnblumen, die in ihrem Zimmer leuchten, bevor sie verwelken. Er schreibt Gedichte für sie – und glühende Briefe. Musikakzent Zeilen über das schönste Gefühl der Welt. Auf den zweiten Blick ist ein Liebesbrief allerdings gar keine so unkomplizierte Sache. Wie findet man überhaupt Worte für ein Gefühl? Den Mut, sich zu bekennen? Einmal abgeschickt beginnt das Bangen. Denn wer einen Liebesbrief bekommt, kann erfreut sein, aber auch peinlich berührt. Hoffnungen, Enttäuschungen, Verletzungen stehen auf dem Spiel. Vielleicht faszinieren die Liebesbriefe großer Literatinnen und Künstler deshalb. Mit viel Fantasie und Begabung werden hier Gefühle ausgedrückt. Reihenweise füllen Editionen von Liebesbriefen berühmter Menschen die Buchhandlungen, oft sind es Bestseller. Sie gewähren Einblick in das private Leben von Personen, die wir sonst nur aus der Öffentlichkeit kennen. Wer hätte denn gedacht, dass der “Eiserne Kanzler” Otto von Bismarck seiner Verlobten geschrieben hat, sie solle ihn benutzen, misshandeln, und seine Briefe unterschrieb mit Zitator 3 “Dein Knecht“ ? Sprecherin Oder dass Franz Kafka von Felice Bauer verlangt hat, ihre Post einmal pro Woche pünktlich zum Sonntag zu schicken, weil ihn tägliche Liebesbriefe zu sehr mitnähmen? [Ende Einleitung, nochmal Schreibmaschinengeklapper, bricht ab] O-Ton 1_Eva L. Wyss, Germanistin [9 Sek.] Über die Liebesriefe der Menschen aus der Mitte der Gesellschaft gab es eigentlich keine Forschungsliteratur. Sprecherin Die Germanistikprofessorin Eva Lia Wyss wollte sich nicht mit der großen Literatur beschäftigen. Als Sprachwissenschaftlerin interessierte sie sich für die Liebesbriefe der Allgemeinheit. Nur: sie fand keine Quellen. O-Ton 2_Eva L. Wyss, Germanistin [6 Sek.] Das fand ich bemerkenswert und hab dann gedacht, ich probiere das mal aus. Sprecherin In den 90er Jahren begann sie, quer durch die Schweiz Gratisanzeigen zu schalten, in denen sie dazu aufrief, ihr Liebesbriefe zu schicken. Besonders hoffnungsvoll war sie anfangs nicht. O-Ton 3_Eva L. Wyss, Germanistin [9 Sek.] Meine Kolleginnen und Kollegen an der Uni Zürich damals haben mir auch gesagt, “Du kriegst sicher keine Briefe, was denkst Du Dir wohl dabei”. Sprecherin Aber es kam anders. Knapp 2500 Liebesbriefe stapelten sich innerhalb von wenigen Monate auf ihrem Schreibtisch. O-Ton 4_Eva L. Wyss, Germanistin [31 Sek.] Briefe die nicht abgeschickt wurden, also beispielsweise nach einer Beendigung einer Liebesbeziehung, solche Bilanzbriefe. Briefe von Menschen, die mir die mit einer Erläuterung zum Entstehungsprozess auch überlassen haben. Ein Ehepaar, die haben mich zu sich nach Hause eingeladen, die wollten mich ein bisschen mustern, und schauen wer da Liebesbriefe sammelt, und haben mir dann die Briefe überreicht, auch mit Bedingungen, ob es publizierbar sei oder nicht. Stimmenkollage [überlagernd] Zitatorin 4 Mein lieber Uli! Schnell möchte ich Dir mein Lieberì ein paar Worte schreiben, Wie geht es Dir? Hoffe gut, was auch bei mir der Fall ist. Bist Du noch gut heimgekommen, am Mittwoch? Zitator 3 Liebstes Lisel! Bin nun ganz traurig dass ich Dich heute nicht telephonisch erreichen konnte. Aber weist Du, ich habe den Eindruck, es wird eben nicht sehr gefällig aufgenommen, wenn ich Dir anläute. Zitatorin 4 Wie muss das schön sein, einmal von Dir Kinder zu haben, und sie zusammen zu guten und lieben Menschen zu erziehen. … Werden wir uns dann wohl sehen? Nun aber muss ich schnell unter die Decke, es ist schon wieder ziemlich spät. Empfange meine liebsten Grüsse und viele Küsse von Deinem Klärli. Sprecherin Die Riesenmenge an Post überforderte Eva Lia Wyss zunächst. Der Fluss an Zusendungen brach auch nicht ab. 1997 entschloss sie sich, ein Archiv zu gründen. Dieses Liebesbriefarchiv umfasst heute um die 50.000 Zusendungen, die in Zusammenarbeit mit Universitäten in Dortmund und Koblenz archiviert, digitalisiert und weit erforscht worden sind. Es ist das größte deutschsprachige Archiv seiner Art. Mit sorgsam verfassten Schriftstücken auf feinem Papier. Kreis- oder herzförmig geschriebenen Liebesbriefen, reich verziert. Aber auch Zettelchen, schnell die auf Rückseite einer Rechnung oder mit Bleistift gekritzelten Briefen. Der älteste ist von 1715. Wie erforscht man so einen riesigen Fund? O-Ton 5_Eva L. Wyss, Germanistin [13 Sek.] Textmuster herauszuarbeiten, das ist für die Sprachwissenschaft natürliches ganz etwas Grundlegendes, inwiefern unterscheidet sich jetzt der Liebesbrief von anderen Briefsorten. Zitator 3 “Max Oberdorfer” [zügig, direkt] Mannheim, d. 23. Juni 1902 Mein liebes Fräulein Bertha. Ich erhielt heute früh Ihr liebes Briefchen und sage Ihnen dafür meinen herzlichsten Dank. Aus dem Inhalt selbst kann ich mir eigentlich nicht ganz klar werden, jedoch weiss ich überzeugt sein zu können, dass Sie mich lieben, und gebe ich Ihnen die Versicherung, dass mein Herz nur allein für Sie meine liebe Bertha schlägt. Sprecherin Ein Liebesbrief folgt einer bestimmten Struktur. Zentral Elemente sind Gruß, Abschied, und Liebesbekundung. Und jeder Brief enthält dabei Codes, sprachliche Verschlüsselungen von Gefühlen, von Begehren. Zitator 3 “Max Oberdorfer” [Fortsetzung: zügig, direkt] Wegen eines Andenkens bin ich mit einer Miederschnur zufrieden, die ich als winziges Andenken an Sie, meine Liebe, aufbewahren würde. Auf frohes Wiedersehen. Ich grüsse und küsse Sie herzlichst Ihr Sie liebender Max Oberdorfer. Sprecherin Mal ist ein Liebesbrief sehr formal und kühl, ein anders Mal eher plump oder verspielt und poetisch. Zitatorin 4 [zärtlich] Heute Mittag stahl ich mich ganz leise ins Dörfchen. Von Konstanz konnte ich gleich mit dem Dampfboot heimfahren. Da find ich für Dein Bild einen vertrauten Rahmen, da haben wir uns gefunden in dieser herrlichen Natur, es liegt eine tiefe Weise darin und bürgt viel mehr für ein schönes, grosses Leben. Sprecherin Ob ein Brief eher formell oder poetisch ist, hat übrigens vor allem mit dem Charakter des Schreibenden zu tun, oder einer Form von Talent. Und nur begrenzt mit Bildungsstand oder Herkunft. Verspieltes, Ästhetisierung, wie Eva Lia Wyss es nennt, findet sich klassenübergreifend und querbeet in Liebesbriefen. Und noch eines hat sie gefunden: Der Liebesbrief ist ein Männergenre. O-Ton 6_Eva L. Wyss, Germanistin [28 Sek.] Der Liebesbrief ist eine männliche Gattung deswegen, weil er ursprünglich, und vor allem in 19 Jahrhundert, der Brief ist, der an Frauen gerichtet wird. Es zeigt sich schon auch dass diese Codierungen des Begehrens, die Darstellung der Imaginationen, männlich gegendert ist, also: Ich möchte Dich auf Deine Lippen küssen, ist ein Satz den man nicht liest in einem Brief von einer Frau. Sprecherin Männern schrieben Frauen an. Neben Werbungsriefen, die sich vereinzelt finden, gibt es Brautbriefe, die regelmäßigen Austausch zwischen Männern und Frauen dokumentieren. Brautbriefe waren die Briefwechsel, die zur Verlobungszeit entstanden. Früher wurden sie häufig noch abends der Mutter vorgelesen, damit sie ihre Meinung abgab. O-Ton 7_Eva L. Wyss, Germanistin [11 Sek.] Es gibt auch in den Briefstellen Hinweise dazu, dass die Frauen sehr züchtig zurückschreiben sollen, im 19. Jahrhundert und eigentlich auch lange im 20. Jahrhundert noch. [Kleine Atempause] Sprecherin Das bestätigt auch Johannes Kleinbeck. Er ist Literaturwissenschaftler und hat sich mit den Brautbriefen zwischen Sigmund Freud und seiner Verlobten Martha Bernays beschäftigt. O-Ton 8_Johannes Kleinbeck, Literaturwissenschaftler [20 Sek.] Ach, ich muss recht lachen, wie eifrig Du immer auf dem Genuss der Gegenwart bestehst, als wärest Du eine robuste Heidin, two thousand years ago, (…) anstatt ein frommes zartes Kind des spiritualistischen 19. Jhdt. und meine Braut (…) Aber schön ist die Gegenwart doch in der man so schöne Hoffnungen hegen darf wie: ich dürfte Martchens Lehrer sein. Sprecherin Solche Sätze finden sich häufig in den Briefen des berühmten Nervenarztes. Er weist seine Verlobte regelmäßig zurecht. Für Freud passt vieles, was Martha schreibt, nicht zum damaligen Idealbild einer Braut. Mit den ambivalenten Gefühlen, die zu einer Beziehung gehören, kann er anfangs nur begrenzt umgehen. Über wenig streiten die beiden so viel wie darüber, was “Zärtlichkeit“ ist – damals ein gängiges Wort für Liebe. O-Ton 9_ Johannes Kleinbeck, Literaturwissenschaftler Und somit kann man schon sagen, dass diese Briefe ein Versuch sind einer Disziplinierung, in der er eine bestimmte Form von Zärtlichkeit realisiert haben möchte. [kurze Pause/ Blick in die Geschichte] Sprecherin Sigmund Freud und Martha Bernays lernen sich im Jahr 1882 kennen. Freud ist auf Anhieb verliebt. Er schickt der jungen Martha täglich Rosen. Und sie ist beeindruckt und angetan von ihm. Nur zwei Monate später sind die beiden verlobt. Doch die Hochzeit muss warten. Weder kann Martha die damals übliche Mitgift liefern, noch hat Sigmund das Einkommen, um eine Familie zu ernähren. Martha Bernays lebt in der Nähe von Hamburg, Sigmund Freud in Wien. Über diese große Distanz schreiben sie sich jeden Tag, viereinhalb Jahre. Ca 1500 Briefe reisen hin und her. Zitator 2 Freud Mein süßes Martchen! Dein Brief, dein holder Brief, ich habe ihn erst zweimal gelesen, kann noch nicht darauf antworten. (…) Am liebsten schriebe ich nichts als: Mein teures Martchen, meine süße Martha... Sprecherin Das junge Glück ist anfangs unbändig. Die Postkutsche braucht vier Tage. Die Briefe schwirren hin und her. Oft entsteht ein heilloses Durcheinander, aber die beiden sind sehr darum bemüht, klarzustellen auf welchen Brief sie sich beziehen und alles zeitlich zu verorten. Zitatorin 1 Bernays Gestern, Geliebter, war unser junges Glück acht Tage alt. Die Gedenkfeier jener seligen Morgenstunden konnte ich im Wald halten – unter alten, ehrwürdigen, wetterfesten Riesen, bei denen ich mir doch noch winziger vorkam als neben Dir, Du großer Mann. Sprecherin Marthas Briefe haben oft einen scherzhaften Ton. Die Einundzwanzigjährige ist witzig und lebt gerne genussvoll. Aber sie kokettiert auch und macht sich dabei klein. Zitatorin 1 Bernays Nun habe ich eben Deinen Brief bekommen, und nun bin ich gar nicht mehr unzufrieden und undankbar. Innigen, heißen Dank, dass Du Dich in Gedanken so viel mit dem unbedeutenden Ding beschäftigst, dass sich “Martha“ nennt. Sprecherin Freud reagiert wechselhaft. Mal ist er geradezu entsetzt über solche Töne, dann wieder macht er sie selbst klein. Seine Briefe schwanken zwischen heißer Liebesbekundung und trockenem Bericht. Kitsch ist ihm zuwider. Am liebsten würde er es sachlich halten. Ihn wurmt, dass Marthas männliche Künstlerfreunde wie Fritz Wahle ihr spielerisch “unendliche Liebe“ bekunden. Zitator 2 Freud Solche Überschwänglichkeit des Ausdrucks und der Gebärde, wie sie Fritz beliebt, mißfällt mir nun aus zwei Gründen. Zunächst an und für sich, weil es unserer Zeit mehr angemessen ist, mit den einfachsten Mitteln und dem geringsten Aufwand von Gefühlsregungen hauszuhalten, und dann, weil ich glaube, daß es auch Dir peinlich sein muß, wenn Du Dir bei denselben Worten und denselben Gebärden nicht dasselbe denken darfst. Es ist verwirrend, und der Mensch soll es nicht tun, dasselbe Wort, das ihm als Losung und als Heilwort dient, als Phrase zu gebrauchen, dieselbe Handlung einmal als eine gleichgültige, einmal als eine zauberkräftige zu verrichten. O-Ton 10_ Johannes Kleinbeck, Literaturwissenschaftler [25 Sek.] Was an solchen Passagen faszinierend ist, ist erstmal, dass es hier eine wirkliche Theorie der Liebe gibt, eine Theorie der Zeichen der Liebe, wann sie angemessen sind, wann sie nicht angemessen sind. Ich würde allerdings nicht sagen, dass das Eifersucht ist, beziehungsweise ich glaube, wenn man jetzt zu schnell mit so allgemeinen Begriffen wie Eifersucht herantritt, dann sieht man nicht, dass diese Gefühle immer Medieneffekte sind. Sprecherin Medieneffekte: Damit meint Kleinbeck : Ein Liebesbrief steht zu jeder Zeit in einer bestimmten Tradition. Sitten und Moralvorstellungen schreiben sich durch ihn im wahrsten Sinne des Wortes fort. Althergebrachtes und Neues werden hier verhandelt. Und Freuds gemischte Gefühle haben eben damit zu tun, dass sich seine eigene Prägung beißt mit der Art, wie sich seine Braut im Brief präsentiert. Solche Ambivalenzen finden sich auch darin, was uns der “Vater der Psychoanalyse“ über den Liebesbrief und unser Seelenleben lehrt. Vielleicht würde er sagen: einen Liebesbrief zu schreiben ist, wie mit angezogener Bremse zu fahren. Denn in der Regel verfasst man ihn aus einem Begehren heraus – nach Freuds Triebtheorie könnte man sagen, aus nichts anderem als dem Sexualtrieb. Und der kam in Freuds Verlobungszeit zu kurz. O-Ton 11_ Johannes Kleinbeck, Literaturwissenschaftler Das Interessante ist eben, dass Freud gewissermaßen schon in den Brautbriefen selbst wie dann später in der Psychoanalyse diesen spezifischen Anforderungen an das Triebleben in der Verlobungszeit eine pathogene, das heißt eine krankmachende Wirkung zuschreibt. Sprecherin Leiden und Leidenschaft. Damals wie heute kann ein Brief körperliche Distanz nicht aufheben. Im Gegenteil, er ist Sinnbild dafür. Im Zweifelsfall steigert er Sehnsucht und Verlangen nur. Zitatorin 1 Bernays Das leere Papier gähnt einen ordentlich an, nicht wahr? Du bist mein Gedanke bei Tag und bei Nacht und wohnst – leider in der Kaiser-Josefsstraße! [kleine Atempause] Sprecherin Wird Martha Bernays nun respektlo…

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    Die Geschichte des Aufzugs - Wie der Fahrstuhl die Welt veränderte Oct 28, 2025
    Show notes

    Ohne den Aufzug sähe unser Alltag um einiges beschwerlicher aus. Und die Häuser in unseren Städten hätten nie besonders weit in die Höhe wachsen können. Doch der Fahrstuhl ist keine Erfindung unserer Zeit. Seine Anfänge reichen weit zurück. Der Aufzug, wie wir ihn heute kennen, entstand schließlich ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Autor: David Globig (BR 2023)

    Credits
    Autor dieser Folge: David Globig
    Regie: Rainer Schaller
    Es sprachen: Katja Amberger, Kia Ahnsen
    Technik: Andreas Lucke
    Redaktion: Iska Schreglmann

    Interviewpartner/innen:
    Dr. Heinz-Jürgen Beste, wissenschaftlicher Referent, Deutsches Archäologisches Institut Rom;
    Prof. Andreas Bernard, Kulturwissenschaftler, Leuphana-Universität Lüneburg;
    Christian Tauss, Gründer des Wiener Aufzug Museums;
    Beate Höhnle, Testturm-Managerin, TK Elevator, Rottweil

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    Linktipp:

    Wiener Aufzug Museum:
    EXTERNER LINK | https://www.aufzugmuseum.at/

    Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

    Newsjunkies | Ein Podcast von rbb24 Inforadio
    Ein Tag, ein großes Nachrichten-Thema. Das liefert "Newsjunkies". Wir fragen nach dem Warum und geben Antworten und Hintergründe.
    JETZT ANHÖREN

    Literaturtipp:

    Andreas Bernard: "Die Geschichte des Fahrstuhls. Über einen beweglichen Ort der Moderne", FISCHER Taschenbuch, Frankfurt a. M. 2006.

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    Ghosting - Wenn ein Mensch plötzlich weg ist Oct 27, 2025
    Show notes

    Eben noch die große Liebe und im nächsten Moment will der oder die andere keinen Kontakt mehr, ist aus dem eigenen Leben verschwunden wie ein Geist. "Ghosting" ist der Fachbegriff für dieses Phänomen. Was passiert mit denen, die so plötzlich verlassen werden und nicht wissen warum? Und warum ghosten Menschen andere? Autorin: Katharina Hübel (BR 2024)

    Credits
    Autorin dieser Folge: Katharina Hübel
    Regie: Christiane Klenz
    Es sprach: Heiko Ruprecht
    Technik: Wolfgang Lösch
    Redaktion: Susanne Poelchau

    Im Interview:
    Anja Wermann, Ghosting-Ambulanz Berlin
    Pia Kabitzsch, Buchautorin und Psychologie-Podcasterin
    Michaela Forrai, Kommunikationswissenschaftlerin, Universität Wien
    Daniela Liebsch, Betroffene

    Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion:

    Wie wir ticken - Euer Psychologie Podcast
    Wie gewinne ich die Kraft der Zuversicht? Warum ist es gesund, dankbar zu sein? Der neue Psychologie Podcast von SWR2 Wissen und Bayern 2 Radiowissen gibt Euch Antworten. Wissenschaftlich fundiert und lebensnach nimmt Euch "Wie wir ticken" mit in die Welt der Psychologie. Konstruktiv und auf den Punkt. Immer mittwochs, exklusiv in der ARD Audiothek und freitags überall, wo ihr sonst eure Podcasts hört.
    ZUM PODCAST


    Literatur:

    Pia Kabitzsch: It’s a date. Tindern, ghosting, große Gefühle. Was die Psychologie über Dating weiß. 2022. – Ein Sachbuch übers Swipen, den Algorithmus von Dating-Apps, wie wir uns besser durch den Dating-Dschungel bewegen können, ohne aus Überforderung andere ghosten zu müssen und wie erste Dates gelingen können.

    Timmermans, E., Hermans, A. M., & Opree, S. J. (2020). Gone with the wind: Exploring mobile daters’ ghosting experiences. Journal of Social and Personal Relationships, 1-19. Das ist die im Feature erwähnte Studie zu den Motiven von Ghostern. HIER


    Linktipps:
    Die Studie aus dem Jahr 2023 von Michaela Forrai u. a. von der Universität Wien, in der sie untersucht welche Konsequenzen Ghosting für die Menschen hat, die selbst ghosten – in Freundschaften und in romantischen Beziehungen: HIER
    Der Future Of Dating-Report von Tinder: HIER
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    Keine erfundenen Inseln mehr - Kartographie neu gedacht Oct 27, 2025
    Show notes

    Nur 39 Jahre alt ist Tobias Mayer geworden. Kein hohes Alter, selbst im Deutschland des 18. Jahrhunderts nicht. Doch in diesem kurzen Leben erneuerte er nicht nur die Erstellung von Landkarten mit aufklärerischen Gedanken; er löste auch das Längengradproblem der Seefahrer und war ein gefeierter Astronom. Autor: Philip Artelt (BR 2024)

    Credits
    Autor dieser Folge: Philip Artelt
    Regie: Martin Trauner
    Es sprachen: Susanne Schroeder, Friedrich Schloffer, Peter Weiß
    Technik: Monika Gsaenger
    Redaktion: Yvonne Maier

    Im Interview:
    Armin Hüttermann, Geograph, Tobias-Mayer-Verein
    Markus Heinz, stellvertretender Leiter der Kartenabteilung, Staatsbibliothek zu Berlin

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    Die Politik der Landkarten - Über Macht und Größenverhältnisse HIER ENTDECKEN

    Linktipps:

    Das Tobias-Mayer-Museum in Marbach am Neckar HIER

    Tobias Mayers Mathematischer Atlas HIER

    Tobias Mayers Mappa Critica von Deutschland HIER

    Tobias Mayers Karte Ostasiens HIER

    Tobias Mayers Asienkarte HIER

    Tobias Mayers Mondkarte HIER

    Homanns Karte des Schlaraffenlandes HIER

    Literatur:

    Thomas Knubben, „Tobias Mayer: oder die Vermessung der Erde, des Meeres und des Himmels“: Lebendig erzählte Lebensgeschichte und Porträt seiner Zeit

    Michael Diefenbacher (Hrsg.), „‚auserlesene und allerneueste Landkarten‘: Der Verlag Homann in Nürnberg 1702-1848“: Die Geschichte des Homann-Verlages, des Fembohauses und der Kartographie in der Zeit der Aufklärung


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    Claudio Monteverdi - Der Erfinder der Oper Oct 25, 2025
    Show notes

    Claudio Monteverdi war ein Neuerer. "Movere", den Hörer emotional zu bewegen, war das Ziel seiner nach "Wahrheit und Natürlichkeit" strebenden Musik. So schrieb er den "Orfeo", die erste "richtige" Oper. (BR 2017)


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