TopPodcast.com
Menu
  • Home
  • Top Charts
  • Top Networks
  • Top Apps
  • Top Independents
  • Top Podfluencers
  • Top Picks
    • Top Business Podcasts
    • Top True Crime Podcasts
    • Top Finance Podcasts
    • Top Comedy Podcasts
    • Top Music Podcasts
    • Top Womens Podcasts
    • Top Kids Podcasts
    • Top Sports Podcasts
    • Top News Podcasts
    • Top Tech Podcasts
    • Top Crypto Podcasts
    • Top Entrepreneurial Podcasts
    • Top Fantasy Sports Podcasts
    • Top Political Podcasts
    • Top Science Podcasts
    • Top Self Help Podcasts
    • Top Sports Betting Podcasts
    • Top Stocks Podcasts
  • Podcast News
  • About Us
  • Podcast Advertising
  • Contact
Not in our directory?
Add Show Here
Podcast Equipment
Center

toppodcastlogoOur TOPPODCAST Picks

  • Comedy
  • Crypto
  • Sports
  • News
  • Politics
  • True Crime
  • Business
  • Finance

Follow Us

toppodcastlogoStay Connected

    View Top 200 Chart
    Back to Rankings Page
    Education

    Radiowissen

    Die ganze Welt des Wissens, gut recherchiert, spannend erzählt. Interessantes aus Geschichte und Archäologie, Literatur, Architektur, Film und Musik, Beiträge aus Philosophie und Psychologie. Wissenswertes über Natur, Biologie und Umwelt, Hintergründe zu Wirtschaft und Politik. Und immer ein sinnliches Hörerlebnis.

    Advertise
    • Apple Podcasts
    • Google Play
    • Spotify

    Latest Episodes:
    Krankheitsfaktor Stress - Auf den Spuren eines Phänomens Dec 21, 2023
    Show notes

    Stress gilt als Ursache für viele körperliche Leiden: Für das Magengeschwür, die Krebserkrankung, für Burn-Out genauso wie für Herzinfarkt. Aber Stress als Auslöser für Krankheiten ist kein neuer Ansatz. (BR 2013) Autorin: Monika Dollinger

    Credits
    Autorin dieser Folge: Monika Dollinger
    Regie: Sabine Kienhöfer
    Es sprachen: Thomas Loibl, Hemma Michel
    Technik: Susanne Harasim, Claudia Wanschura
    Redaktion: Nicole Ruchlak

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
    RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:
    ARD Audiothek | RadioWissen
    JETZT ENTDECKEN


    Liselotte von der Pfalz - Ungeschminktes aus Versailles Dec 19, 2023
    Show notes

    Die Heiratspolitik hat Liselotte von der Pfalz an den Hof von Versailles verschlagen. Über das Leben am Hof von Sonnenkönig Ludwig verfasste sie Zehntausende von heute noch berührenden Briefen an ihre deutsche Verwandtschaft. (BR 2016) Autorin: Prisca StraubCreditsAutorin dieser Folge: Prisca StraubRegie: Eva DemmelhuberEs sprachen: Ruth Geiersberger, Axel Wostry, Rahel ComtesseTechnik: Roland BöhmRedaktion: Petra Hermann-Boeck Im Interview:Prof. Dr. Helen Watanabe-O’Kelly, Kulturwissenschaftlerin, Universität Oxford. Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir:ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSENSkurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks.DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks.EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHER Bei Straßburg, an der Grenze zu Frankreich: Eine prächtige Kutsche hält. An Bord - eine hemmungslos heulende Prinzessin. Denn jetzt heißt es Abschied nehmen. Elisabeth Charlotte, genannt Liselotte von der Pfalz, sagt ihrem Vater Lebewohl. Sie wird Kurfürst Karl I. Ludwig und ihre gesamte Familie nie wieder sehen. SPRECHERIN Es ist ein herzergreifender Novembertag im Jahr 1671. Die 19-jährige Liselotte ist auf dem Weg nach Frankreich - zu ihrer Trauung: Sie ist an den Hof des Sonnenkönigs verheiratet worden. Und ihr zukünftiger Mann ist kein Geringerer als der Bruder von Ludwig XIV. MUSIK SPRECHER Wie bei politisch arrangierten Hochzeiten üblich, sind sich die Eheleute bisher kein einziges Mal begegnet. Der Heiratsvertrag? Längst unterschrieben! Und ein Ergebnis zäher Verhandlungen: Denn die Pfalz ist ein kleines, von politischen Großmächten umringtes Land. Die Prinzessin aus Heidelberg nach Versailles zu verheiraten - noch dazu für eine vergleichsweise bescheidene Mitgift - das ist ein Kabinettstück der absolutistischen Diplomatie. MUSIK ENDE O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Sie war aus politischen Gründen eine gute Partie. Geld war nicht groß da. Sie heiratete den Bruder von Ludwig XIV., Philippe d'Orléans, und er hätte eigentlich eine höherstehende Prinzessin heiraten können. Aber Ludwig XIV. hatte ein Auge auf die Pfalz. Die er dann auch nachher tatsächlich erobert hatte. Aber aus politischen Gründen war sie ihm angenehm. SPRECHERIN Professor Helen Watanabe-O’Kelly ist Kulturwissenschaftlerin. Sie lehrt deutsche Literatur in Oxford. Ihr Spezialgebiet: 'Marrying Cultures'. Dabei geht es um adlige Hochzeitskulturen im europäischen Vergleich. SPRECHER Liselotte, die blondgelockte Prinzessin, ist also eine attraktive Bündnispartnerin. Dank der brisanten geografischen Lage der Pfalz als Pufferstaat zwischen Frankreich und den deutschen Fürstentümern. Doch nicht nur das: Ludwig XIV. will seinen verwitweten, jüngeren Bruder Philipp so schnell wie möglich wieder verheiratetet sehen. Der 30-jährige Prinz hat nämlich noch eine wichtige Aufgabe zu erfüllen: O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Man muss auch sagen, dass der Herzog von Orléans, also der Mann von Liselotte, der war schon Witwer. Der hatte Töchter gezeugt, keinen Sohn. Er brauchte einen Sohn. Er brauchte eine also Ehefrau, um einen Sohn zu haben. (lacht) Und er war schwul! Also es war nicht zu erwarten, dass er 18 Kinder in die Welt setzt. MUSIK SPRECHERIN: Die Staatsraison hat also entschieden. Da helfen jetzt auch keine Tränen! So überquert die Kutsche die Grenze nach Frankreich - Liselotte verliert ihr Land, ihren Hof, ihre Vertrauten - und ihren Glauben. Denn die Prinzessin muss sogar zum Katholizismus übertreten. Schmerzvoll für die Calvinistin, doch auch darauf kann das Arrangement keine Rücksicht nehmen. Helen Watanabe-O’Kelly: MUSIK ENDE O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Sie war dazu da, um der Dynastie ihres Ehemannes ihren Körper zur Verfügung zu stellen. Das war ihre Hauptpflicht und bestand darin, männliche Erben auf die Welt zu bringen. Sie wusste das von klein auf. Sie hoffte auch, dass das vielleicht kein brutaler Trinker wäre oder eben ein Mann - 50 Jahre älter! Aber andere Gründe wogen dann immer schwerer. MUSIK SPRECHER Auf den ersten Blick kann Liselotte sich glücklich schätzen: Der Herzog von Orléans ist nur gut zehn Jahre älter als sie selbst - und steht durchaus nicht im Ruf, ein Grobian zu sein. Im Gegenteil: SPRECHERIN Der kleine, rundliche Mann, der so hohe Schuhe trägt, dass er wie auf Stelzen läuft, ist liebenswürdig und elegant. Herausgeputzt mit Schminke, Puder, Armbändern und Schleifen … SPRECHER Und Philippes Homosexualität? MUSIK ENDE O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Sie hat das mit Sicherheit nicht gewusst. Ich weiß auch nicht, ob ihr Vater das gewusst hat. Es scheint, dass es sie auch nicht so sehr gestört hatte – also die Homosexualität an sich. MUSIK ZITATORIN Er hat zwar keine Neigung zu Frauen. Aber wir vertragen uns gar wohl! SPRECHER Ein anderes Mal klagt sie allerdings: ZITATORIN Monsieurs Leben finde ich so übel nicht, nur ist ihm nichts zu teuer für die Burschen! MUSIK ENDE O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Was sie sehr gestört hatte, das war, war, dass ihr Mann seine Liebhaber viel höher schätzte als er sie schätzte - und ihnen unglaubliche Summen geschenkt hatte: Juwelen und, und, und – alles Mögliche. SPRECHER Trotzdem unterm Strich: O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Die ersten zehn Jahre oder so, die waren gar nicht so schlimm. SPRECHER Bald stellt sich nämlich ein Arrangement ein, mit dem Liselotte glänzend zurecht kommt: O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Madame, wie sie immer am französischen Hof genannt wurde, war dankbar, dass sie nicht mehr mit ihm schlafen musste, nachdem sie drei Kinder auf die Welt gebracht hatte. Der Ehemann hat zu ihr gesagt: 'Wollen wir jetzt nicht 'lit à part', also, getrennte Betten, getrennte Schlafzimmer? Und sie sagte sich: 'Gott sei Dank!' Sex genießen war für die arme Madame gar nicht drin! Es kann sein, mit einem ganz anderen Mann wäre das für sie anders gewesen. SPRECHERIN Ein eigener Liebhaber? Undenkbar für Liselotte! Nach der Königin ist sie als Schwägerin von Ludwig XIV. die zweite Frau im Königreich. Also, es bleibt dabei: Nach drei Kindern - getrennte Schlafzimmer. Mit 25 Jahren. MUSIK ZITATORIN Wenn man Jungfer wieder kann werden, nachdem man in neunzehn Jahren nicht bei sein Mann geschlafen hat, so bin ich es gar gewiss wieder. SPRECHER Monsieur und Madame gehen auch tagsüber zumeist getrennte Wege: SPRECHERIN Er liebt rauschende Feste, sie das Reiten. Er hat eine Schwäche für Juwelen, sie für die Jagd. Er mag Musik, Tanz und ganz besonders das Glücksspiel, sie ihre Bibliothek und Spaziergänge bei jedem Wetter. Die prunkvollen Toiletten ihres Gemahls sind so gar nicht nach Liselottes Geschmack. Sie scheut sogar den Aufwand, sich Locken drehen lassen. Macht aber nichts, sagt Helen Watanabe-O’Kelly: MUSIK ENDE O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Die Vorstellungen damals von Liebe zwischen Mann und Frau waren anders: Gegenseitig Respekt, gegenseitig durchaus Zuneigung. Und man hatte auch nicht so sehr getrennt zwischen öffentlich und privat. Das ist auch eine Sache vom Ende des 18. ins 19. Jh. Die private, intime Sphäre und die öffentliche Sphäre, nein! Das war eigentlich alles öffentlich: Man gebar seine Kinder öffentlich. Am Hof von Ludwig XIV. beim Lever: Er stand auf, zog sein Nachthemd aus, stand nackt da, bekam dann seine Kleidungsstücke gereicht, hat sich angezogen. Ich glaube, wenn man Ludwig XIV. gefragt hätte: 'Ja, privat, was machen Sie privat?' Hätte er gesagt: 'Privat? Ich bin da, um gesehen zu werden!' MUSIK SPRECHER Ludwig XIV. findet Gefallen an der pfälzischen Außenseiterin, die sagt, was sie denkt, laut in der Messe lacht und sich kategorisch weigert, von den Leibärzten des Königs zur Ader gelassen zu werden. Die neue Madame mit ihrem lebhaften Wesen und dem erfrischenden Witz bringt Schwung in die stickigen Appartements. SPRECHERIN Es sind glänzende Jahre am Hof von Versailles - Molière führt seine Komödien auf, Racine seine Tragödien. Lully schwingt den Taktstock und täglich wird eine Oper aufgeführt - oder zumindest ein Cembalo-Konzert. SPRECHER Liselotte führt ein aufregendes, aber auch ein streng reglementiertes Leben. Ihr bleibt nicht das Geringste verborgen: Weder die Amouren ihres eigenen Mannes, noch die des Königs: Mit Madame de Montespan, seiner offiziellen Mätresse, hat der König acht Kinder! Und all die unzähligen Geliebten und Favoritinnen - sogar von Liselottes Ehrenjungfern kann der König nicht die Finger lassen. Doch Liselotte ist diplomatisch und klug genug, sich niemals einzumischen. MUSIK ENDE O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Ein Hof, das war ein absoluter Hexenkessel von Geflüster. Alle haben alles gewusst, sofort! Also dass man etwas hätte geheim hätte halten können, das wäre sehr, sehr schwierig gewesen. Ludwig XIV. hat sie offensichtlich gemocht. Und sie kamen sehr gut miteinander aus. Und das war ein großes Glück für sie, dass so ein wichtiger Mensch, um den der ganze Hof kreiste, dass er sie mochte und sie eigentlich auch beschützte. MUSIK ZITATORIN Ich gehe fast alle Tage mit dem König auf die Jagd. Und vorgestern hat er mir ein über die Maßen schönes Pferd verehret. SPRECHERIN Bei einem Unfall auf einem Ausritt kümmert sich der König sogar höchstpersönlich um Liselottes Blessuren: ZITATORIN Der König war selber der erste bey mir, so bleich wie der Todt. Und ob ich ihm versicherte, dass mir gar kein Wehe gethan undt nicht auf den Kopff gefallen were, so hatt er doch keine Ruhe gehabt, biss er mir selber den Kopff auff alle Seitten visirt undt endtlich funden, dass ich ihm wahr gesagt hatte. Hatt mich selber hir in mein Cammer geführt undt ist noch etlich Zeitt bey mir blieben, umb zu sehen, ob ich auffs wenigst nicht taumblich were. SPRECHER Ihre ersten zehn Jahre bei Hofe - bis etwa 1680 - im Rückblick werden sie Liselottes beste und heiterste Jahre gewesen sein. SPRECHERIN Woher die Nachwelt so genau Bescheid weiß (MUSIK ENDE)? Die deutsche Prinzessin am Hof des Sonnenkönigs führt eine ausführliche Korrespondenz. Schon in jungen Jahren ist Liselotte (MUSIK) eine eifrige Briefeschreiberin. Doch was sie als ältere und schließlich als alte Dame täglich zu Papier bringt, stellt alles in den Schatten: SPRECHER Liselotte schreibt von morgens bis abends. In ihrer großen, etwas ungelenken Schrift füllt sie Seite um Seite - und schläft nicht selten über ihrem Briefpapier ein. Rund 60.000 Briefe hat sie verfasst - erhalten geblieben ist davon rund ein Zehntel. MUSIK ENDE O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Die Fürstin hatte erstmals viele zeremonielle Briefe zu schreiben. Man gratulierte zu Geburtstagen, zu Namenstagen, zur Genesung von Krankheiten, zu Hochzeiten. Man hat Kondolenzbriefe geschrieben, das gehörte dazu. Und man hat geschrieben an Personen, die man nie kennengelernt hatte. Und dann gab es dann mehr so persönliche Briefe an Menschen, die man wirklich kannte. An Personen aus der näheren Familie. Also für Liselotte war das mit Sicherheit ein Ventil. Heutzutage hätte sie vielleicht wahnsinnig viel telefoniert. Manchmal sagt sie, also sie schreibt sie in einem Brief, sie hat angefangen: 'Oh ich muss jetzt weg, weil grade Abendessen ist!' Und dann kommt sie zurück und sagt: 'So, das war das Abendessen, ich schreibe jetzt weiter!' (lacht) Das war wie: 'Ich ruf Dich in einer halben Stunde an!'. Und das war wirklich ein Ventil für Emotionen, für Gefühle. MUSIK SPRECHERIN Denn Liselotte ist einsam. Inzwischen muss man sagen. Denn nach 1680 sind ihre Aktien gefallen. Ihr Stern ist am Sinken. Ein Grund dafür: Die zahlreichen Günstlinge ihres Gatten haben begriffen, wie viel leichter es ist, Monsieur auszunehmen, wenn man den Einfluss von Madame beschneidet. Und das tun sie. Ganz gezielt. SPRECHER In offenherzigen und immer öfter auch verdrießlich und scharfzüngigen Briefen beschwert sich Liselotte über die "Cabale", deren Opfer sie jetzt wird. Verleumdung, Intrigen und Lügen bringen ihre exklusive Position beim König ins Wanken. Man macht sich lustig über ihre Kleidung, ihren Akzent. Ihr Ehemann, der Herzog, unternimmt nichts, um das Geschwätz zu stoppen. ZITATORIN Die Cabale macht mir so viele Runzeln, dass ich das ganze Gesicht voll davon habe! SPRECHER Die Intrigen sind ein Dauerthema. ZITATORIN Trost habe ich von nöthen, denn Ich bin wider so leünisch wie ein alter Hundt! SPRECHER Und dann auch das noch! Liselotte begeht den Fehler ihres Lebens: MUSIK ENDE SPRECHERIN Nach dem Tod der Königin im Jahr 1683 sagt Ludwig XIV. sich endgültig los von Madame de Montespan. Die neue Favoritin heißt Madame de Maintenon. Die stets in Schwarz gekleidete Erzieherin seiner Kinder wird seine letzte offizielle Maitresse und sogar heimliche Ehefrau. Die skandalöse, weil ungleiche Verbindung sorgt für Kopfschütteln in ganz Europa. Doch für Liselotte ist die höfische Karriere von Madame de Maintenton schlimmer als alle blutsaugenden Günstlinge Monsieurs zusammen. Die Oxforder Kulturwissenschaftlerin Helen Watanabe-O’Kelly: O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Eine Bürgerliche! Unmöglich für Liselotte! Eine bürgerliche Witwe, die Witwe Scarron, die Hofmeisterin seiner unehelichen Kinder war, und die dann zu seiner zweiten Ehefrau wurde! Und wenn Liselotte nur hätte über ihren eigenen Schatten springen können und sagen können: 'Ist mir egal, dass sie eine Bürgerliche ist! Sie ist eigentlich eine gute Lebensgefährtin für den König!', und hätte die Maintenon zu ihrer Freundin gemacht, die zweite Hälfte ihres Lebens wäre ganz anders gewesen! Aber das konnte sie nicht. MUSIK ZITATORIN Dieser Mausdreck! Der Teufel in der Hölle könnte nicht schlimmer sein! MUSIK ENDE O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Wie sie über sie redet, das ist doch furchtbar! Zottel und Vettel und Hexe und Sack! Wirklich geschimpft - und hat sie regelrecht gehasst. Und das einzige, was eine Prinzessin hatte, war ihre Geburt, ihr Geblüt. Das haben die alle gehütet wie der Schatz, den sie überhaupt hatten. Man hat die Heimat verloren. Man hat den Vater, die Mutter nie wieder gesehen, den Bruder wahrscheinlich auch nicht. Man durfte Personal von zu Hause also ganz wenig mitnehmen. Man war in einer fremden Umgebung, hat eine fremde Sprache gesprochen. Und das einzige, was man selber hatte, was man nicht wegnehmen konnte, das war: 'Ich bin geboren als die und die und die!' Für Liselotte: 'Ich bin die Enkelin von der Winterkönigin! Ich bin aus der Sippe des englischen Königshauses! Ich bin verwandt mit …!' Und dann kommt diese Bürgerliche! SPRECHER Wäre sie ein politischer Kopf gewesen, Liselotte hätte sich wohl ganz anders verhalten. MUSIK SPRECHERIN Ganz besonders unangenehm für Liselotte wird es, als man sie damit konfrontiert, dass ihre Briefe abgefangen werden. MUSIK ENDE O-TON Helen Watanabe-O’Kelly Häufig hat man auch Briefe geschrieben an eine Cousine, im sicheren Wissen - und das war auch gewollt - dass diese Briefe vorgelesen wurden im Kreis der Freundinnen, im Kreis der vielleicht Damen, Hofdamen dieser Cousine. Aber es gab dann das sogenannte schwarze Kabinett, 'le cabinet noir', wie Bundesnachrichtendienst. also man hat die Briefe sorgfältig aufgemacht, und den Siegellack schmelzen lassen und konnte das alles lesen, kopieren und dann wieder zumachen und dann dem Adressaten zustellen. Also ich weiß nicht, inwiefern sie wirklich bewusst war, dass der König sehr gut unterrichtet ist, wie sie schreibt über zum Beispiel Madame de Maintenon. MUSIK SPRECHER Liselottes Schmach ist perfekt, als Madame de Mai…

    Full show notes at the publisher

    Bayern zwischen den Kriegen - Von der Boheme zu Barbarei Dec 18, 2023
    Show notes

    Mit Rassismus, Antisemitismus und esoterisch-okkulten Ideen vergiften völkische Gruppen schon Anfang des 20. Jahrhunderts die Atmosphäre in München. Sie machen Bayern zum Nährboden für den Aufstieg der Nationalsozialisten. (BR 2021) Autoren: Simon Demmelhuber & Volker EklhoferCreditsAutor/in dieser Folge: Simon Demmelhuber, Volker EklkoferRegie: Martin TraunerEs sprachen: Thomas Birnstiel, Hemma Michel, Andreas DirscherlTechnik: Monika GsaengerRedaktion: Thomas Morawetz Im Interview:Dr. Jörn Retterarth, Institut für Zeitgeschichte MünchenDiese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: König Ludwig III. - Bayerns letzter KönigDIESE FOLGE ANHÖREN Vom Zaren zum Sozialismus - Das große ExperimentDIESE FOLGE ANHÖREN Die Münchner Räterepublik - Bayern sozialistischDIESE FOLGE ANHÖREN Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir:ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSENSkurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks.DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks.EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Literaturtipps: Priester, Karin. Rassismus. Eine Sozialgeschichte. Leipzig [Reclam Verlag] 2003. Puschner, Uwe u.a. Hrsg. Handbuch zur völkischen Bewegung. [De Gruyter Saur] 2012. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO: HOCHRUFE, KAISERHYMNE MUSIK: „Heil Dir im Siegeskranz“ - C1002080 005 (0:35) ZITATOR An das deutsche Volk! ATMO: HOCHRUFE, KAISERHYMNE Nachdem die Deutschen Fürsten und freien Städte den Ruf an Uns gerichtet haben, mit Herstellung des Deutschen Reiches die seit mehr denn 60 Jahren ruhende Deutsche Kaiserwürde zu erneuern, bekunden wir hiermit, diesem Rufe Folge zu leisten. ERZÄHLERIN Am 18. Januar 1871 wird Wilhelm I. deutscher Kaiser, die Nation ist geeint. ATMO: HOCHRUFE ERZÄHLER Ein Reich haben sie jetzt, die Deutschen. Aber ein deutsches Volk, sind sie das wirklich? Oder doch nur 25 deutsche Staaten, die ihr Zweckbündnis imperial aufdonnern? ERZÄHLERIN National empfinden die wenigsten der 41 Millionen Reichsbürger. Man ist Untertan eines souveränen Landesherrn, denkt und fühlt regional. Das deutsche Volk? - Muss seine Reichsidentität erst finden. ERZÄHLER Dazu braucht es gemeinsames Erinnern und Erzählen. Ohne ein stets neu inszeniertes kollektives Kulturgedächtnis gibt es kein Nationalbewusstsein. MUSIK „Forgive me“ Z8009312 118 (0:30) und MUSIK „Thannhäuser“ - SC 020840205 (1:00) ERZÄHLERIN Die Suche nach dem Eigenen und Einenden deutscher Identität führt zu den Germanen. Schon die Humanisten hatten die historisch schwer fassbaren Stämme als deutsches Urvolk reklamiert, wobei sie sich auf die Germania des Tacitus beriefen. Zur Zeit der Aufklärung gilt die Vorstellung einer gemeinsamen germanischen Wurzel deutscher und nordischer Völker als ausgemacht; im 19. Jahrhundert schießt sie heftig ins Kraut. Nun weben Germanenkundler aus nordischen Sagen und Göttergeschichten, aus Grabungs- und Textfunden einen Herkunftsmythos. Das junge Reich soll in Sachen Tradition und Bedeutsamkeit auf Augenhöhe mit den Nachbarn gehoben werden. Dass es ein gemeinsames Wurzelvolk aller Deutschen nie gab, was tut's? National begeisterte Fest- und Kanzelreden, Schriften und Schulbücher schmieden dem Reich eine trutzige Vergangenheit. Richard Wagners Opern liefern den Soundtrack des wilhelminischen Germanenkults, Künstler malen, Architekten bauen und Schriftsteller beschwören ihn. MUSIK aus ERZÄHLER Hörnerhelme, Speere, wagalaweia, hoiotoho - das ließe sich wegschmunzeln, wäre da nicht … ERZÄHLERIN … die Verknüpfung des Germanenglaubens mit rassistischem Gedankengut. Erste Versuche, Menschen anhand ihrer Hautfarbe, Schädel- und Ohrenformen in angeblich unterschiedlich wertvolle Rassen zu gliedern, unternimmt die Frühaufklärung. Mitte des 19. Jahrhunderts sind diese Vorstellungen im Bürgertum fest verankert. Menschen werden nun nicht mehr nach ihrer Religion, ihrem Stand, ihrer Herkunft unterschieden, sondern nach ihrem vermeintlich rassischen Potenzial. Das bleibt nicht folgenlos. ERZÄHLER Zwischen 1853 und 1855 legt der Franzose Joseph Arthur de Gobineau ein Werk vor, das die Menschheitsgeschichte als Kampf ungleicher Rassen darstellt. ZITATOR Essai sur l'inégalité des races humaines - Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen ERZÄHLERIN Rasse ist für Gobineau der Schlüssel des Geschichtsverständnisses. Kultur- und zivilisationsschaffend ist für ihn jedoch nur die weiße, arische Rasse, der auch Griechen, Römer und Germanen angehören. Degeneration sei unvermeidlich gewesen, sobald sich arisches Blut mit dem gelber und schwarzer Rassen vermischt habe. Einzig die Germanen hätten ihr Blut bislang rein bewahrt. ERZÄHLER Solche Theorien liebt der politische Zeitgeist! Dem Kolonialismus verschaffen sie die Rechtfertigung für Raub und Unterdrückung; dem deutschen Nationalismus verleihen sie mächtigen Aufwind. ERZÄHLERIN Noch für die Generation, der Schiller und Goethe angehören, ist der Nationalstaat eine befremdliche Vorstellung, die das Dichtergespann spöttisch verwirft: ZITATOR/IN Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens. Bildet, ihr könnt es, dafür freier als Menschen euch aus. ERZÄHLER Doch mit den napoleonischen Kriegen, dem Untergang des Alten Reichs und den Befreiungskämpfen wird der Ruf nach einem wehrhaften Nationalstaat immer lauter. Obwohl die Einheitsbewegung antifranzösisch geprägt ist, bleibt die nationale Idee zunächst vorwiegend bürgerlich-liberal und demokratisch grundiert. Erst im Letzten Viertel des Jahrhunderts erfährt der Nationalismus eine militant-aggressive, im Kern rassistische Übersteigerung. ERZÄHLERIN Aber was löst diese unheilvolle Wendung aus? MUSIK „Paraphrasen“ – R0016380W03 (0:20) ERZÄHLER Eine fatale Weiche stellt die Finanzkrise der 1870er Jahre. Der gemeinsame Sieg, das neue Kaiserreich, fünf Reparationsmilliarden aus Frankreich, all das löst einen überhitzten Gründerboom aus: Tausende neuer Aktiengesellschaften und kreditfinanzierter Unternehmen entstehen, die Kurse steigen, die Umsätze explodieren, alles auf Pump, was kostet die Welt? Im Sommer 1873 ist die Party zu Ende. Erst kollabiert der österreichische Kapitalmarkt, dann wackelt die Berliner Börse. Angst geht um, Geld wird knapp und teuer. Mit dem Konsum sinkt die Produktion, Entlassungen und Lohnkürzungen folgen, Firmen gehen Pleite, zahllose Haushalte sind überschuldet, Offenbarungseide, Selbstmorde, Tragödien häufen sich. MUSIK „Paraphrasen“ – R0016380W03 (0:22) ERZÄHLERIN Wie konnte es so weit kommen? ZITATOR "Die Juden sind unser Unglück!" ERZÄHLER Davon ist nicht nur der Geschichtsprofessor Heinrich von Treitschke überzeugt, diese Ansicht teilen jetzt immer mehr Wutbürger des Kaiserreichs. Antisemitismus gibt es in Deutschland seit Jahrhunderten. Doch was nun passiert, entfesselt rasenden Hass und hysterische Schuldzuweisungen. Den Anfang machen akademische Hetzer wie Treitschke oder der Orientalist Paul de Lagarde. Beide verschmelzen antisemitische Affekte, Krisenängste, Germanenmystik und Rassentheorie. In ihrem Gefolge entsteht ab den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts eine Weltanschauung, die den Volksbegriff grundlegend neu interpretiert - unter Berufung auf Darwins Evolutionstheorie und die Vererbungslehren anderer Forscher. Was diese Sichtweise so folgenschwer macht, erläutert der Historiker Jörn Retterath vom Institut für Zeitgeschichte München: 01 O-Ton Retterath 1 Jetzt kommt hinzu, dass mit den Erkenntnissen der Biologie, mit dem aufkommenden Rassismus, dieses „Volk“ zunehmend biologistisch, rassistisch gedeutet wird. Rassen- und Erblehre sind Anknüpfungspunkte an wissenschaftliche Erkenntnisse, die radikal weitergedacht werden im Sinne einer biologischen Konstruktion von Volk und Nation. ERZÄHLERIN Volk meint jetzt zunehmend Blutgemeinschaft. Weil im Blut die Geistesart, das Wesen und die uralte, ewige Volkseele der Rasse angelegt sei, erzwinge es eine arteigene Organisation des „Volkskörpers“. Diesem zugleich mystischen und konkreten Volk gehört man nicht per Rechtsakt, sondern durch Abstammung an. Werde dieses Bluterbe geschwächt, sei das Verderben des ganzen Volks unausweichlich. MUSIK „Paraphrasen“ – R0016380W03 (0:22) ERZÄHLER Genau das geschehe seit Jahrtausenden, behaupten rassistische Pamphlete: Blutfremde Aggressoren würden das Mark des deutschen Volks zersetzen und seine Vernichtung planen. ZITATOR "Die Juden sind unser Unglück!" ERZÄHLERIN Als blutfremd gelten alle Strömungen der Moderne: Demokratie, Sozialismus, Frauen- und Juden-Emanzipation. All diese vermeintlich undeutschen Tendenzen haben für antisemitische Meinungsmacher nur ein Ziel: die Vernichtung der Volksseele durch einen kalten hebräischen Intellektualismus, artfremde Glaubensformen und den Kult des Hässlichen in der Kunst. ERZÄHLER Rettung liegt für die selbsternannten Bewahrer eines wahrhaft germanischen Volkstums allein im Arteigenen: Deutsche Kunst, Deutsche Wissenschaft, Deutsche Politik, Deutsche Bildung, Deutsches Christentum! ZITATOR Zurück zu den heidnischen Germanen durch Reinigung des Volkskörpers von artfremden Menschen und eine Reinigung der Volksseele von artfremder Religion und Kultur… ERZÄHLERIN …fordert um 1900 der völkische Autor Julius Langbehn und ist damit nicht allein. Die Jahrhundertwende bringt ein unüberschaubares Gefilz von Gruppierungen hervor, die sich als völkisch begreifen und bezeichnen. Die meisten sind kurzlebig, agieren sektenhaft, befehden und spalten sich oder fusionieren. Manche erneuern die Religion, manche nur Kleidung und Kost. Einige verehren Freyja und Wodan, einige wollen Jesus arisieren, andere streben zurück zur gesunden Lebensweise der Ahnen und gründen völkische Siedlungen. Alles, um die germanische Seele aus ihrer zweitausendjährigen Knechtschaft zu lösen. ERZÄHLER Obwohl sie durch Fluten von Zeitschriften, Broschüren, Flugblättern lautstark auf sich aufmerksam machen, eine Massenbewegung sind die Völkischen nicht. Ihr harter Kern wird auf gut 10.000 Aktivisten und etliche zehntausend Anhänger geschätzt. Aber die Strömung ist hoch aktiv, im protestantischen Bürgertum fest verankert und hat ein missionarisches Sendungsbewusstsein. ERZÄHLERIN So widersprüchlich und zersplittert die Streubewegung auch ist, eine Grundüberzeugung teilen alle Gruppen: eine rassistische Volksidee als Kern einer alarmistischen Kultur- und Gesellschaftsanalyse. Die Erzählung vom genetisch angegriffenen Volk liefert Erklärungen und Begründungszusammenhänge für die Krisen und Zerfallssymptome der Gegenwart. Plötzlich scheint diesen Gruppen eine unverständlich gewordene Welt klar durchschaubar, plötzlich macht alles Sinn. Solche völkisch-antisemitischen Deutungsmuster machen das Chaos der Moderne vordergründig beherrschbar, meint Jörg Retterath. 02 O-TON RETTERATH 2 Die Juden werden schon seit dem Mittelalter immer wieder dann zu Sündenböcken gemacht, wenn es zu Krisen kommt, zu gesellschaftlichen Krisen. Und das ist im 19. Jahrhundert nicht anders. Juden werden verantwortlich gemacht für die Wirtschaftskrisen. Dahinter ist auch schon im 19. Jahrhundert eine Verschwörungstheorie zu sehen. Man stellt sich vor, dass die Juden überall dahinterstecken, dass die Juden die Arier, das deutsche Volk, übermannen wollen. ERZÄHLER Um die Jahrhundertwende holen die Völkischen aus zum Rundumschlag gegen den "demokratisierenden, nivellierenden Ungeist des Jahrhunderts", wie sie es nennen. Sie stürmen gegen alles, was der bürgerlichen Kultur das Behagliche und Vertraute austreibt. ZITATOR Die janze Richtung passt uns nicht. ERZÄHLERIN ….poltert Berlins Polizeipräsident Bernhard von Richthofen. Der Kaiser pflichtet bei, das Bürgertum applaudiert. 03 O-TON RETTERATH 3 Diese völkische Bewegung ist eine Bewegung, die sich gegen die Moderne richtet. Es ist eine Rückbesinnung auf das Volk, geht einher mit einer Abschottung, mit einer Abgrenzung und vor allem auch mit einer Unzufriedenheit mit dem Status quo. ERZÄHLER …sagt Jörn Retterath vom Institut für Zeitgeschichte München. ERZÄHLERIN Aus der Menge völkischer Organisationen ragen zwei etwa zeitgleiche Gründungen hervor. 1894 ruft der Journalist Friedrich Lange in Berlin den "Deutschbund" ins Leben, eine entschieden rassistische, vehement antisemitische, antidemokratische und sozialistenfeindliche Bewegung, die rasch Ableger sät. Das Aggressionspotential der Gruppe entlarvt ein Plan, der bereits vor dem Ersten Weltkrieg fordert, was im NS-Staat grausame Wirklichkeit wird: Rassenzucht und Rassensäuberung. ERZÄHLER Die weitaus größte, lauteste und wirksamste völkische Gruppierung des Kaiserreichs ist der 1891 in Berlin gegründete Alldeutsche Verband. Mit dem Kampfruf "Deutschland den Deutschen“ blasen die Radikalnationalisten zur Abwehr der vorgeblichen "jüdischen Gefahr", fordern ein Verbot jüdischer Zuwanderung und den Ausschluss ansässiger Juden von Ämtern und Bürgerrechten. Trotz ihrer zeitweise 50.000 Mitglieder bleiben die Alldeutschen ein elitärer Honoratiorenbund, aber sie nehmen starken Einfluss auf öffentliche Meinungsbildner und politische Entscheidungsträger. ERZÄHLERIN Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts ist die völkische Bewegung vor allem in protestantischen, früh industrialisierten Reichsgebieten aktiv, in den mehrheitlich katholisch und agrarisch geprägten Regionen gewinnt sie zunächst kaum Boden. Das gilt auch für Bayern. Obwohl die Alldeutschen hier bereits vor der Jahrhundertwende vier Ortsgruppen gründen, bleiben sie ein städtisches Phänomen und sind auf dem Land lange als kriegstreibende Stänkerer verschrien. ERZÄHLER Trotzdem ist judenfeindliches Denken auch im Königreich verbreitet. Ende 1891 entsteht in München als erste antisemitische politische Gruppierung der "Deutsch-Soziale Verein“, der sich zwei Jahre später "Antisemitische Volkspartei" nennt. In Franken versucht der "Deutsch-soziale Reform-Verein Nürnberg" judenfeindliche Händler und Handwerker anzusprechen. Noch aber sind die Völkischen in Bayern und vor allem in München eine Randerscheinung, wie Jörg Retterath erklärt: 04 O-TON RETTERATH 4 München ist eine stark katholisch geprägte Stadt, es gibt eine starke Sozialdemokratie, es gibt eine Frauenbewegung, es gibt liberales Denken, das ist wesentlich heterogener als wir vielleicht annehmen können. MUSIK „Isarmärchen“ CD780000 008 (0:55) ERZÄHLERIN Um die Jahrhundertwende gibt sich die Kunstmetropole gemütlich und "leschär". Die Biergärten sind voll, die Ausstellungen üppig, die Konzerte schwungvoll. Der Prinzregent lächelt, Maler- und Dichterfürsten halten Hof, das Bürgertum flaniert und die Avantgardisten der Schwabinger Bohème proben die Zukunft. „Schwabing ist kein Ort, sondern ein Zustand“, …meint die Szene-Literatin Franziska Gräfin zu Reventlow, die sich im Sommer gern nackt in der Isar vergnügt. ERZÄHLER Die guade oide Zeit! Doch unter dem weißblauen Honoratiorenhimmel gärt es. Die Industrialisierung krempelt das Agrarland um, München lockt mit Arbeitsplätzen und verdoppelt zwischen 1883 und 1901 seine Einwohnerzahl von 250.000 auf 500.000 Menschen. In schäbigen Mietskasernen haust dicht gepackt das Elend, der Geldadel residiert in immer prächtigeren Villen. Das soziale Gefüge des Königreichs zerfällt, der Ton wird rauer. 1906 gibt es den ersten Toten bei Arbeiterunruhen. ERZÄHLERIN Selbst im sorglosen Schwabing wachsen Spannungen und Gegensätze: Viele Literaten radikalisieren sich ultralinks, gleichzeitig schwadronieren rechtselitäre Caféhaus-Philosophen von Germanentum und…

    Full show notes at the publisher

    Melancholie in der Philosophie - Zwischen Genialität und Wahnsinn Dec 13, 2023
    Show notes

    Melancholie wird mal als genialisch, mal als krankhaft beschrieben. So auch in zentralen philosophischen Betrachtungen: Von der Antike bis zur Moderne wird der Melancholiker bewundert und verehrt, beklagt und verurteilt. Doch was ist "Melancholie" überhaupt? Ein Blick in die Geistesgeschichte der Melancholie. (BR 2022) Autorin: Susanne Brandl CreditsAutor/in dieser Folge: Susanne BrandlRegie: Eva DemmelhuberEs sprachen: Irina Wanka, René DumontTechnik: Regina StaerkeRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Mariela Sartorius (Autorin und Fotografin);Andreas Bähr (Professor Dr.; Kulturwissenschaftler);László F. Földényi (Autor und Essayist) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Literaturtipps: Mariela Sartorius: Die hohe Kunst der Melancholie: Die Autorin holt die Melancholie aus ihrer dunklen Ecke. Auf der Suche nach einem positiven. Lászlo Földényi: Melancholie: Matthes & Seitz, Berlin. Streifzug durch die Kultur- und Philosophiegeschichte der Melancholie. Ausführliche Studie. Peter Sillem: Melancholie oder vom Glück, unglücklich zu sein. Dtv. Die wesentlichsten Schriften zum Thema Melancholie, Theophrast, Ficino, Kierkegaard uvm. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZITATOR SHAKESPEARE: „Wir sind aus solchem Stoff wie Träume sind und unser kleines Leben ist von einem Schlaf umringt.“ 01 O-TON Sartorius: „Oh ja, ja, sehr schön, genau auf den Punkt gebracht. Shakespeare … Bob Dylan mit seinen Texten, Handke, ganz wunderbar.“ SPRECHERIN: Die Münchner Autorin und Fotografin Mariela Sartorius kennt Melancholie aus eigenem Erleben. Sie hat ein Buch über diese Stimmung verfasst, mit der Absicht, die Melancholie aus ihrer düsteren Ecke zu holen. 02 O-TON Sartorius: „Mir ist es immer ganz wichtig, den Unterschied zur Depression rauszustellen. Melancholie ist ein Genuss, keine Krankheit, man sollte sie sich gönnen, ab und zu. Und ich finde, Depression engt ein, und Melancholie macht genau das Gegenteil, sie weitet, zeitlich, räumlich. Es ist so ne Gradwanderung. Man muss darauf achten, nicht in die Depression abzurutschen und auf der anderen Seite nicht in den Kitsch und die Sentimentalität.“ SPRECHERIN: Man spürt sie oder eben nicht, die Melancholie. Wenn sie kommt, dann weiß der Betroffene, sofern er in sich hineinhört, ziemlich genau: ah ja, da ist sie wieder. So beschreibt Mariela Sartorius die Melancholie. Ihr mit Worten gerecht zu werden oder sprachlich zu definieren ist allerdings äußerst kompliziert. (So schwierig wie es zum Beispiel ist, Musik zu beschreiben.) SPRECHERIN: Noch schwieriger wird es, wenn es darum geht, Melancholie wissenschaftlich oder historisch zu erfassen. Denn die heutige Wissenschaft weicht ihr weitestgehend aus und jede Epoche hat ein jeweils anderes Bild von Melancholie. Seit ca. 2.500 Jahren werden so viele unterschiedliche Kriterien auf den Tisch gelegt, dass die Suche nach einer ganzheitlichen Beschreibung der Melancholie einer Mammutaufgabe gleicht. Der ungarische Autor Lazlo Földenyi hat es gewagt. In zwei enormen Studien geht er der Melancholie auf den Grund. Sein Ergebnis: 03 O-TON Földenyi: „Ich würde schon sagen, Melancholie ist wie ein schwarzes Loch. Man kann um die Melancholie herumspazieren, viel schreiben, man kann sich immer wieder annähern. Sie selbst kann man nicht anfassen, sondern nur durchleben.“ SPRECHERIN: Das Wort Melancholie stammt aus dem Altgriechischen und heißt so viel wie „Schwarze Galle“. Zum ersten Mal findet sie sich bei Homer, der über das finstere Herz von Agamemnon schreibt, das von schwarzer Galle umströmt sei. Der antike Arzt Hippokrates, der etwa 460 Jahre vor Christus lebte, entwickelte das Konzept der Viersäftelehre. Danach ist der Mensch dann gesund, wenn seine vier Säfte, das Blut, der Schleim, die gelbe und die schwarze Galle in Balance seien. SPRECHERIN: (Aber was genau hatte es mit schwarzer Galle auf sich? War sie gut oder schlecht?) Bei Aristoteles durfte sich die Melancholie mit positiven Attributen schmücken. Wobei sich nicht Aristoteles selbst darüber geäußert hat, sondern wohl einer seiner wichtigsten Schüler: Theophrast. Aus dessen Feder stammt die Sentenz: ZITATOR Aristoteles: „Warum erweisen sich alle außergewöhnlichen Männer in Philosophie oder Politik oder Dichtung oder in den Künsten als Melancholiker?“ 04 O-TON Földenyi: „Und das ist eigentlich der Beginn des Melancholie-Bewusstseins. Zuerst wird hier auf Melancholie reflektiert und das ist bis zum heutigen Tag ein sehr berühmter und oft zitierter Satz. So fängt Melancholie in der abendländischen Geschichte an.“ 24s SPRECHERIN: Was der Philosoph mit „außergewöhnlich“ meint, wird deutlicher, wenn er bestimmte Melancholiker beim Namen nennt. 05 O-TON Földenyi: „Das waren einerseits Heroen aus der Mythologie, er nennt Aias, Bellerophontes und Herakles und dann nennt er auch Philosophen wie Empedokles, Platon, Sokrates, ein Politiker: Lysander. Also lauter Figuren, die eine außergewöhnliche Leistung hinter sich hatten. Das ist eine Grenzerfahrung, was die alle geleistet haben und alle haben auch die Grenzen überschritten und deswegen wurden sie melancholisch.“ SPRECHERIN: Außerdem heißt es bei Theophrast, dass Melancholiker zum Wahnsinn neigen, was in der Antike als eine schöne, göttliche Gabe verstanden wird. Denn wie Wahrsager vermögen sie es, aus der Zeit zu treten, die Zusammenhänge des Seins zu erkennen. Diese Erkenntnisfähigkeit, das Künstlerische oder auch das Fallen aus der Zeit sind Dinge, die sich bis in das heutige Melancholie-Verständnis hineingehalten haben. 06 O-TON Sartorius: „Natürlich ist das mit Erkenntnis verbunden. Wenn Sie denn nachdenken und das sollte immer mit der Melancholie verbunden sein: warum hat mich das jetzt so, wie sehe ich es denn jetzt, wie sah ich es gestern das Thema oder die Umstände. Es ist vor allem ein sich bewusst machen des Vergänglichen. Es macht aber nicht traurig, sondern es versöhnt. Und wenn man ne melancholische Phase hat, ist man ja direkt ein bisschen wund an dieser dünnen Haut, die es hereingelassen hat und um kreativ zu sein, muss das, was in mich eingedrungen ist, wieder raus. Und das ist dann ne Basis für kreatives Tun.“ SPRECHERIN: Für Lazlo Földenyi ist Melancholie verbunden mit dem Gefühl von Unlösbarkeit. (Unlösbare Aufgaben und große Momente, wie sie auch die Heroen der Antike durchlebten, machen melancholisch.) 07 O-TON Földenyi: „Wir alle erleben Momente, wo wir meinen, diese Situation ist unlösbar und trotzdem etwas sehr Wichtiges geschieht, das kann eine übergroße Freude sein oder eine große Trauer oder verliebt sein oder ein kathartischer Kunstgenuss sein. Und man spürt, hier passiert irgendwas, aber was, das kann ich nicht genau in Worte fassen.“ SPRECHERIN: (Der Welt für einen Moment abhanden zu kommen), in einer unlösbaren Sphäre zu versinken, die mit der Zeitlichkeit konfrontiert, die Grenzen des eigenen Seins aufzeigt, ist in der Antike noch mit Faszination verbunden. Ganz anders sehen es die Philosophen und Kirchenväter des Mittelalters. Der durchlässige Zustand, dem Erkenntnis nähersteht als Glaube, kann nur eines sein: Teufelswerk. Melancholisch zu sein bedeutet, Gott in Zweifel zu ziehen. 08 O-TON Földenyi: „Der Melancholiker sehnt sich in das Jenseits, aber das ist nicht religiös gemeint, sondern eher das Unbekannte. Und im Mittelalter gibt es das nicht, sondern es muss alles erklärt werden, alles muss in der großen Kette des Seins eingefügt werden, unbekannt kann nichts bleiben, denn da erscheint der Teufel.“ 22s SPRECHERIN: Im klösterlichen Mikrokosmos, geprägt von Entsagung, Gebet und Arbeit gilt die der Melancholiker als faul. So jedenfalls sieht es der Theologe und Philosoph Thomas von Aquin: ZITATOR Thomas von Aquin: „Bisweilen dringt sie bis zur Vernunft durch, die in die Flucht einstimmt und in den Schauer und in den Abscheu vor dem göttlichen Gut, wobei das Fleisch gegen den Geist die volle Überhand hat.“ 10 O-TON Földenyi: „Thomas von Aquin empfiehlt viele unterschiedliche Heilmittel. Z.B. die Suche nach Freude, viel weinen, da Tränen die seelische Spannung lindern, Schlaf, Bäder, sehr viel Beten.“ SPRECHERIN: Auch heute noch gilt die Trägheit als eine der sieben Todsünden. 11 O-TON Sartorius: „Die Melancholie, die emanzipiert sich natürlich ein bisschen gegenüber dem Glauben. Melancholie sieht ja immer auch das Ende und die andere Seite und die Kirche sieht ja kein Ende, es geht ja immer ganz toll weiter, oder sehr heiß in der Hölle.“ SPRECHERIN: Die Rettung der Melancholie ist die Renaissance, die von Italien ausgeht. Man besinnt sich wieder auf die Werte der Antike und zum ersten Mal steht der Mensch mit all seinen Widersprüchen im Mittelpunkt des Denkens. Damit hat auch die Melancholie wieder eine Daseinsberechtigung. Einer, der sich intensiv mit dem Melancholie Konzept der Antike befasst, ist der Philosoph Marsilio Ficino, der führende Kopf der Florentiner Akademie. In seinem Werk „Libri de vita triplici“ von 1482 zeichnet er ein dynamisches Melancholie-Bild. 12 O-Ton Földenyi: „Melancholie ist für ihn schon ein dynamischer Begriff. Also Melancholie ist keine Krankheit, meint er, aber auch nicht der Gesundheit zuzuordnen, sondern eine Art von Zwischenstadium, ein ständiges Gefährdetsein. Er selbst litt an Melancholie. Und mal beklagt er sich - er meint: Ich bin unglücklich, weil ich so melancholisch bin und anderswo schreibt er: Ich bin glücklich, dass ich so melancholisch bin, denn das ist die Vorbedingung für Philosophie und für große Taten.“ 20s ZITATOR Marsilio Ficino: „Wegen meiner allzu großen Furchtsamkeit klage ich mein melancholisches Temperament an und das ich nur durch häufiges Lautenspiel ein wenig lindern und versüßen kann. dann will ich dem Aristoteles beistimmen, der gerade sie für eine göttliche Gabe hält.“ SPRECHERIN: Ficino sucht nach dem Auslöser seiner eigenen melancholischen Auswüchse und wird in der Astrologie fündig. (Er selbst sei ein Kind des Saturn), schreibt er und alle Melancholiker seien im Zeichen des Saturn geboren. Ein für die heutigen Begriffe eigentümlicher Zusammenhang. 13 O-TON Földenyi: „Das kommt noch aus dem Hellenismus. Da hat man sich sehr viel mit Astrologie beschäftigt. Und da erschien es zum ersten Mal: Der Saturn ist der Planet der Melancholie und alle, die im Zeichen von Saturn geboren sind, sind Melancholiker. Und später in der Renaissance, die Astrologie kommt zu einem neuen Leben und alle beschäftigen sich damit.“ 5s ZITATOR Ficino: „Der Saturn trennt den Menschen von den anderen, macht ihn zu göttlicher Einsicht fähig, glückselig, aber auch von äußerem Elend bedrückt. Es scheint, dass mir der Saturn von Anfang an das Siegel der Melancholie aufgedrückt hat.“ SPRECHERIN: Zwar ist der Einfluss des Saturn nicht zu ignorieren, aber letzten Endes ist die melancholische Persönlichkeit für ihr eigenes Schicksal selbst verantwortlich. Typisch Renaissance also. (Der Melancholiker kann sein Seelenheil selbst herausfordern und beeinflussen.) 14 O-TON Földenyi: Und was seine große Neuerung ist: durch entsprechende Betätigung kann jeder Mensch unter den Einfluss des Saturn gelangen, also das heißt: Melancholie ist mit Kreativität verbunden. Und jeder soll danach streben, kreativ und auch melancholisch zu sein. SPRECHERIN: Wie aber strebt man danach? Mariela Sartorius meint, um melancholisch zu sein braucht es (eine Begabung), eine hohe Sensibilität. Aber es gibt auch sowas wie Melancholie-Trigger. 15 O-TON Sartorius: „Bewusste und auch unbewusste. Bei den meisten Melancholikern ist es Musik. Bei mir sind es Texte. Wenn ich irgendwo eine sehr schöne Formulierung lese, dann stellen sich mir die Haare auf vor Genuss. Man kann sie sich nicht reinziehen, wie: ach heute Nachmittag mal bisschen Melancholie. Man muss die Fähigkeit zur Nachdenklichkeit haben.“ 10s SPRECHERIN: Geradezu zelebriert wird Melancholie im Zeitalter des Barock, vor allem von denjenigen, die in Prunk und Fülle leben. Melancholie ist weniger ein zu analysierendes Phänomen als ein Gefühl des Morbiden. Sich sehnsüchtig und auch etwas selbstmitleidig in tiefe Abgründe gleiten zu lassen, das ist in der adeligen Gesellschaft damals en vogue. 16 O-TON Sartorius: „Am Hof des Ludwig des 14., des 15. und vielleicht auch des 16. Ludwig, ja da malten sich die Höflinge Tränen auf die Wangen, damit es so aussieht als hätten sie geweint vor lauter Sensibilität und Melancholie, oh mein Gott! Da war es ein bisschen Usus und auch Mode“. 3s 17 O-TON Bähr „sie war eben auch ein Zustand, der die Dichtung inspiriert und der die Nähe zum Göttlichen herstellen und auch Ausdruck von Gelehrsamkeit sein konnte.“ So Andreas Bähr von der Europa Universität in Frankfurt. SPRECHERIN: Von den dunklen Gemälden des Barock schauen Totenköpfe und verwelkte Blumen, Vanitas und Memento-Mori-Motivik zieht sich durch die Lyrik. Der schlesische Dichter Andreas Gryphius um 1640: ZITATOR Gryphius: „Mir ist, ich weiß nicht wie, ich seufze für und für. Ich weine Tag und Nacht; ich sitz′ in tausend Schmerzen; Und tausend fürcht′ ich noch; die Kraft in meinem Herzen Verschwindt, der Geist verschmacht′, die Hände sinken mir.“ SPRECHERIN: Gut 100 Jahre später wird wieder von außen draufgeblickt: Immanuel Kant schreibt in seinen Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen: Der Melancholiker: ZITATOR Kant: „hat vorzüglich ein Gefühl für das Erhabene. Selbst die Schönheit, für welche er ebenso Empfindung hat, muss ihn, indem sie ihm Bewunderung einflößt, rühren. Der Mensch von melancholischer Gemütsverfassung bekümmert sich wenig darum, was andere urteilen, was sie für gut oder für wahr halten, er stützt sich deshalb bloß auf seine eigene Einsicht. Er sieht den Wechsel der Moden mit Gleichgültigkeit und ihren Schimmer mit Verachtung an. Er erduldet keine verworfene Untertänigkeit und atmet Freiheit in einem edlen Busen. (Alle Ketten, von den vergoldeten an bis zu dem schweren Eisen der Galeerensklaven sind ihm abscheulich.)“ SPRECHERIN: Aber Kant ändert seine Einstellung zur Melancholie 30 Jahre später im grundlegend. Im Licht der Aufklärung wird die Melancholie zum Gravitationszentrum vieler moralphilosophischer Debatten. Das Melancholische als lichtscheue, unberechenbare Größe, die nicht nur im Gegensatz zur Vernunft steht, sondern auch mittels Verstand schwer begriffen werden kann, gilt es zu bezwingen und zu verurteilen. Kants Haltung zur Melancholie wird ambivalent: 18 O-TON Bähr: „Dieser melancholische Charakter kann sozusagen ausarten. Und dann kommen Zustände dabei heraus, Schwermut, Schwärmerei, in Rachbegierde und dann kann eine melancholische Person durchaus furchterregend werden und kann negative Züge bekommen. Und dann wird Melancholie mit Phantasterei in Verbindung gebracht. Da haben wir eine Melancholie, die umkippen kann in einen pathologischen Zustand.“ SPRECHERIN: Genauer gesagt: (in trübsinnige Selbstquälerei.) In einen Wahn von Elend, der zur Gemütskrankheit führen kann. Allerdings ist diese Art von Melancholie zu überwinden: 19 O-TON Bähr: „Durch eine Form von Selbstkontrolle, die letztlich über die Vernunft geleistet werden muss. Gleichzeitig ist sich Kant darüber bewusst, dass der Mensch nunmal nicht nur ein Vernunftwesen ist, sondern auch ein körperliches Wesen, ein empfindendes Wesen und dass diesen Versuchen vor dem Hintergrund auch Grenzen gesetzt sind.“ SPRECHERIN: Die Dialektik von Geist und Körper, von Licht und Schatten lässt sich nicht auflösen: Während die Vertreter der Aufklärung die Melancholie als grundlose und krankhafte Traurigkeit denunzieren, gibt es auch immer mehr Anhänger der Empfindsamkeit, die im melancholischen Befinden ein höher inspiriertes Leben sehen. (Die Haltung gegenüber der Melancholie wird zur Gretchenfrage.) Die Melancholie ???? K ist (mit den Anfängen psychologischer Betrachtungen) wäh…

    Full show notes at the publisher

    Endometriose - Wenn die Menstruation zur Qual wird Dec 13, 2023
    Show notes

    Wenn sich Gebärmutterschleimhautzellen außerhalb des Uterus im Körper ansiedeln, dann kann das bei Menstruierenden zu höllischen Schmerzen führen. Nur wissen viele nicht, dass das bei ihnen der Fall ist. Endometriose - wenn die Menstruation zur Qual wird. Autorin: Caro MatzkoCreditsAutor/in dieser Folge: Caro MatzkoRegie: Kirsten BöttcherEs sprachen: Thomas Birnstiel, Xenia TilingTechnik: Susanne HerzigRedaktion: Yvonne Maier Im Interview:Prof. Dr. med. Vanadin Seiffert-Klaus (Gynäkologische Endokrinologie und Kinderwunsch; Leiterin des Interdisziplinären Endometriose-Zentrums (IEZ); Leiterin des interdisziplinären Osteoporose-Zentrums (IOZ); Oberärztin der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde im Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München);Prof. Dr. med. Brigitte Leeners (Klinikdirektorin Klinik und Leitung Klinische Forschung für Reproduktions-Endokrinologie am Universitätsspital Zürich);Dr. Matthias Matzko (Chefarzt der Radiologie in der Helios-Amper-Klinik Dachau, Leiter des FUS-Centers für fokussierten Ultraschall) Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Tage vor den Tagen - PMS, das prämenstruelle SyndromJETZT ANHÖREN Der weibliche Zyklus - Lebenskreislauf im VerborgenenJETZT ANHÖREN Glückshormone - Komplexe Botenstoffe mit viel WirkungJETZT ANHÖREN Literaturtipps: Megbel, Esther: „Jeden Monat eine Geburt“, in: Spektrum der Wissenschaft kompakt“ (10/23), S. 48 -55 Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: MUSIK 1: Resourceful criminals MUSIK 2: Light Reflex ZSP 2 Marietta Leist: Geburtenkontraktionen „Es kommt Geburtenkontraktionen gleich. Da möchte ich mal jemand sehen, der da arbeiten kann. In Gesprächen musste ich mich hinsetzen, weil ich das nicht mehr gepackt habe.“ MUSIK HOCH ZSP 1 Vanadin Seifert-Klauss: Was ist Endometriose KURZ „Endometriose bezeichnet Endometriumzellen, also Zellen der Gebärmutterschleimhaut, die nicht an dem Ort wo sie normalerweise sind, wachsen.“ MUSIK 3: Glas SPRECHER Marietta Leist ist heute 30 und hat seit ihrer Jugend sehr starke Blutungen. ZSP 2b Marietta Leist: Beginn der Endometriose „Meine Reise mit meiner Periode hat sehr früh begonnen. Ich glaub ich war elf und dann hat die Mami so kleine Mini-Obs und kleine Binden gekauft. Und dann hatte ich meine erste Periode. In der Schule hat sie bekommen. Mir war kotzübel und ich musste sofort auf die Toilette rennen, weil es war – ich red jetzt einfach frei raus – sintflutartig. Ich hatte so stark meine Tage gleich beim ersten Mal und relativ starke Schmerzen, dass ich mir gedacht habe: Um Gottes Willen! Das ist dann so weitergegangen. Wie ich dann 14, 15 war, ist es immer stärker geworden. So richtig angefangen, dass ich gemerkt habe: Da stimmt was nicht, war beim Geschlechtsverkehr. Von einem Tag auf den anderen hatten ich starke Schmerzen dabei, auch dass ich abbrechen musste. Und ich wusste nicht, was da los ist. Dann bin ich auch zu Gynäkologen verschiedenen, die haben aber nie das Wort Endometriose benutzt.“ SPRECHER Durch die enormen Schmerzen beim Geschlechtsverkehr wird für sie Sex und auch die Benutzung von Tampons unmöglich, weil sie zu hart sind und das Einführen zu schmerzhaft. Und Marietta sieht, dass die Monatsblutung bei vielen Freundinnen nicht so eine Einschränkung ist und ahnt, dass da etwas nicht normal ist. Sie sucht Hilfe bei mehreren Gynäkologen - ihre Beschwerden werden aber nicht ernst genommen. Wie viele Frauen bekommt auch sie zu hören, sie habe nun mal ihre Tage und solle Schmerztabletten schlucken oder die Anti-Baby-Pille durchgehend nehmen, damit es gar nicht erst zur Monatsblutung komme. Doch Marietta fühlt sich mit der Dauereinnahme von Hormonen nicht wohl. Mit Anfang 20 hat sie Glück. Eine Freundin empfiehlt ihr einen Frauenarzt, der zufällig auch Spezialist für Endometriose ist. Eine Krankheit, von der Marietta noch nie gehört hat. ZSP 3 Marietta Leist: Diagnose „Privatarzt, der hat mich abgetastet. Auch bei der Untersuchung habe ich weinen müssen. Der hat dann die Diagnose Endometriose in den Raum gestellt. Damals war die Krankheit noch null publik. Das Problem ist, wenn Endometriose im Körper verstreut ist, kann man die nicht sehen.“ MUSIK 4: Inner sanctum SPRECHERIN Und damit: schwer feststellen. Was passiert dabei? Bei Frauen mit Endometriose siedeln sich bestimmte Zellen, nämlich die der Gebärmutterschleimhautaußerhalb der Gebärmutter an. Die Gebärmutterschleimhaut trägt den medizinischen Namen Endometrium – daher der Name für diese Krankheit: Endometriose. Wenn diese Zellen sich im Körper ansiedeln, bilden sie so genannte Endometrioseherde – also Gebärmutterschleimhaut, wo sie gar nicht sein soll. ZSP 4 Vanadin Seifert-Klauss: Was ist Endometriose Normalerweise sind sie nur in der Gebärmutterhöhle, die außerhalb der Schwangerschaft keine Höhle ist, sondern ein ganz schmaler Raum in dem sich die Schleimhaut aufbaut und während der Menstruation abblutet. SPRECHERIN Sagt Vanadin Seifert-Klauss. Die Professorin ist Leiterin des Interdisziplinären Endometriose-Zentrums (IEZ) am Klinikum „Rechts der Isar“ in München. Wenn die Zellen außerhalb der Gebärmutter liegen, führt das zu mitunter starken Beschwerden, denn diese Zellen reagieren weiterhin wie ganz normale Zellen der Gebärmutterschleimhaut – auf den Hormon-Zyklus. ZSP 4.1 Vanadin Seifert-Klauss: Was ist Endometriose „Egal wo die Endometriosezellen sitzen, im Gebärmuttermuskel, kann außerhalb der Gebärmutter sein, meistens im kleinen Becken, geht aber auch am Zwerchfell, in der Lunge, sogar im Ohr, kann es sein, dass sie den Hormonen gehorchend zur Zeit der Periode bluten und dadurch Schmerzen verursachen.“ SPRECHER Jährlich bekommen 40.000 Frauen in Deutschland den Befund Endometriose. Doch es gibt eine hohe Dunkelziffer, da die Diagnose streng genommen nur unter dem Mikroskop erfolgen kann. Das bedeutet: Zellen müssen entnommen und als Endometriumszellen identifiziert werden. Doch um sie entnehmen zu können, braucht es in der Regel eine Operation – die viele Patientinnen erst einmal scheuen. Die Schmerzen nehmen während der Regelblutung enorm zu, weil die Zellen der Endometrioseherde – ganz egal, wo sie sich angesiedelt haben - wie die Gebärmutterschleimhaut im Uterus auf das Auf- und Ab der Hormone während des Zyklus reagieren. MUSIK 5: Well built SPRECHERIN In der ersten Zyklushälfte stößt zunächst das follikelstimulierende Hormon FSH die Reifung der Eibläschen, auch Follikel genannt, im Eierstock an. Jeden Monat reift ein Follikel mit einer Eizelle im Inneren heran. Parallel dazu regen Östrogene über mehrere Tage hinweg den Aufbau der Gebärmutterschleimhaut an. Ab einer gewissen Östrogenkonzentration wird das Kommando für das luteinisierende Hormon LH und den Eisprung ausgelöst. Dann löst sich die Eizelle aus dem Follikel und macht sich auf die Reise durch den Eileiter bis zur Gebärmutter. Im Eierstock bleibt der geplatzte Follikel zurück- um ihn herum bildet sich nun der so genannte Gelbkörper. Dort entstehen Östrogen und Progesteron, auch bekannt als Gelbkörperhormon. Progesteron unterstützt den weiteren Aufbau der Gebärmutterschleimhaut. Kommt es zu keiner Befruchtung der Eizelle durch ein Spermium geht der Gelbkörper zugrunde. Die Progesteron- und Östrogenspiegel im Blut sinken wieder, die Gefäße innerhalb eines Teils der Gebärmutterschleimhaut ziehen sich zusammen und das abgestorbene Gewebe wird mit etwas Blut abgestoßen. So kommt es zur Monatsblutung. MUSIK aus SPRECHER Auch die Zellen der Endometrioseherde wachsen mit jedem Zyklus und bluten, wenn es zur Periode kommt. Die Folgen sind immens: Es kann zu lokalen Entzündungen oder sogar Organschäden kommen. Einige Patientinnen werden nicht schwanger aufgrund von Verwachsungen rund um Eileiter und Gebärmutter und die meisten leiden unter großen und ganz unterschiedlichen Schmerzen. Je nachdem, wo sich die Zellen angesiedelt haben, können noch weitere Symptome dazukommen, darum wird die Endometriose auch als das Chamäleon der Gynäkologie bezeichnet, erklärt Gynäkologin Vanadin Seifert-Klauss: ZSP 5 Vanadin Seifert-Klauss: Hinweise „Es gibt typische Symptome: Sehr starke Unterbauchschmerzen während der Periode, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Blut im Urin während der Periode, auf dem Stuhl, starke Schmerzen im Darm während der Periode. Viele bemerken Darmveränderungen, Durchfälle, Verstopfungen, Vorwölbung des Bauches, der „Endo-Belly“. Also es gibt verschiedene Anzeichen, wenn sie alle vier Wochen aus dem Ohr bluten oder Blut husten, dann ist das auch ein Hinweis.“ SPRECHERIN Wie die Endometriumszellen an andere Orte des Körpers gelangen können, dafür gibt es mittlerweile einen Erklärungsansatz: Ein Grund könnte sein, dass Menstruationsblut teilweise durch die Eileiter in den Bauchraum abfließt. Das bezeichnen Medizinerinnen wie Vanadin Seifert-Klauss als retrograde Menstruation. ZSP 6 Vanadin Seifert-Klauss: Warum tauchen die Zellen woanders auf? „Nicht alle Schleimhautzellen, die mit der Menstruation abgestoßen werden, werden nach unten durch die Scheide abgestoßen, sondern ein Teil davon geht durch die Eileiter in den Bauchraum. Wahrscheinlich ist das sogar häufiger als wir denken, aber es erklärt natürlich nicht, warum sich bei manchen Frauen diese Zellen zu Endometrioseherden entwickeln, dort wuchern und bei anderen Frauen nicht.“ SPRECHERIN Die Größe des Herdes sagt übrigens nichts über die Intensität der Beschwerden aus. ZSP 7 Vanadin Seifert-Klauss: Endo im Bauchfell „Wenn es zum Beispiel aufs Bauchfell blutet, das ist ein sehr starker Schmerzreiz, das kann bei Frauen auch mit kleinen Herden zu Ohnmachten führen und großes Leid verursachen.“ MUSIK 6: „Glas“ – siehe vorn – 18 Sek SPRECHER Auch Marietta Leist hat Endometriosezellen im Bauchfell, aber nicht nur dort. Um die vielen Herde zu lokalisieren und zu entfernen, wird ihr zu einer Operation geraten. ZSP 8 Marietta Leist: Operation „Die Operation war schon recht aufwendig. Das Ganze wurde mit einer Laparoskopie gemacht: Ein großer Schnitt auf Gebärmutterhöhe, zwei kleine Schnitte für die Zangen auf Blasenhöhe und noch ein Schnitt unterhalb des Bauchnabels.… sehr viele Bereich betroffen, das Bauchfell, die Blase, an der Scheidenaußenwand und Gebärmutteraußenwand war recht viel. Das schaut aus wie ein weißes Gewebenetz im Körper.“ SPRECHERIN Die Operation ist nur ein Versuch, die Endometriose in den Griff zu bekommen. Die andere Behandlungsmöglichkeit ist ein Gestagen-Präparat wie die Antibabypille zu nehmen, da die Hormone der Pille den Zyklus stabilisieren und das Wachstum der Endometrioseherde hemmen und damit die Schmerzen weniger werden. Manche Patientinnen nehmen die Medikamente gegen die Endometriose auch durchgehend, damit es gar nicht erst zum Eisprung und zur Blutung kommt. Doch wer schwanger werden will, muss die Pille wieder absetzen - und darüber hinaus sind die Nebenwirkungen von Gestagen-haltigen Tabletten für viele Frauen nicht zu unterschätzen, sagt Dr. Matthias Matzko. Er ist Leiter der Radiologie und Spezialist für Gebärmuttermyome und Adenomyosen an der Helios Amper Klinik in Dachau. ZSP 9 Dr. Matthias Matzko: Gestagenpräparate „Meist bleibt nur der Weg einer dauerhaften Hormonbehandlung mit Gestagen-Präparaten, welche primär dazu führen, dass die Symptome der Patientin unterdrückt werden, und dabei kommt es zu langanhaltenden Nebenwirkungen, die durch die Einnahme hervorgerufen werden: Gewichtszunahme, Wassereinlagerungen, schlechte Laune wird häufig von den Patientinnen beschrieben.“ SPRECHER Auch Marietta Leist hat mit den Nebenwirkungen der Antibabypille zu kämpfen, kann sie aber absetzen, nachdem ihre vielen Endometrioseherde entfernt worden sind. Doch die Operation ist ein Eingriff, der nicht zu unterschätzen ist: ZSP 10 Marietta: Nach der OP „Nach der Operation habe ich lang gebraucht, bis ich wieder ganz fit war. Hat ein Jahr gedauert, bis die Narben verheilt waren und ich eine Besserung gemerkt habe. Ich habe jetzt weniger Schmerzen beim Sex. Das funktioniert gut. Meine Periode ist immer noch sehr stark.“ SPRECHER .. und darum versucht Marietta auch heute noch für die ersten zwei Tage der Monatsblutung, die sie mit Hilfe einer App kalkuliert, sich nicht zu viel vorzunehmen. Denn die Schmerzen und Blutungen sind noch immer stark. Ein Grund für ihre anhaltenden Beschwerden könnte Mariettas Adenomyose sein - also die Endometriumszellen in der Gebärmutterwand. Die konnten bei der Operation nicht entfernt werden, da das Risiko einer Beschädigung des Uterus zu groß gewesen wäre. SPRECHERIN Dies ist bei den meisten Patientinnen so - häufig können nur vergleichsweise kleine und klar einzugrenzenden Herde, in der Sprache der Medizin fokal genannt, aus der Uteruswand entfernt werden. MUSIK 7: Resourceful criminals SPRECHER Doch die meisten Adenomyosen, also Endometriumszellen in der Gebärmutterwand, werden – genau wie bei Marietta - erst nach acht oder mehr Jahren diagnostiziert. SPRECHERIN Bis dahin haben die Zellen viel Zeit sich zu vermehren und die betroffenen Frauen leiden jahrelang unter Schmerzen, die sie als nadelstichartig oder metallisch beschreiben, die oft schon eine Woche vor der Regelblutung beginnen. Die Blutungen selbst sind deutlich verstärkt und oft unregelmäßig. Der Radiologe Matthias Matzko findet, dass viele Gynäkologen und Gynäkologinnen das MRT - die Magnetresonanztomographie - bei ihren Patientinnen zur Weichteildiagnosik einsetzen sollten. Mit einem MRT-Bild könnten sehr viele Adenomyosen schneller entdeckt werden- und sogar behandelt werden. Matthias Matzko konnte viele Adenomyosen mit gebündeltem Ultraschall entfernen. ZSP 11a Matthias Matzko, fokussierter Ultraschall „Der fokussierte Ultraschall, der in der Frauenmedizin mittlerweile sehr häufig benutzt wird, um Gebärmuttermyome mit Hitze zu veröden, schafft es zum Teil auch die Adenomyosen erfolgreich zu behandeln. Oftmals ist hierzu eine Hormonvorbehandlung der Patientin über etwa sechs Monate mit einem Anti-Endometriose-Hormon nötig, um die starke Durchblutung der Schleimhautmassen in der Gewebewand der Gebärmutter herabzusetzen. SPRECHERIN Wenn das Endometriosegewebe nur noch schwach durchblutet ist, kann es sehr gut vom fokussierten Ultraschall erhitzt werden. Der Körper trägt das abgestorbene Gewebe dann selbständig ab. Die Behandlung mit fokussiertem Ultraschall eignet sich also für Endometrioseherde, die klar lokalisierbar sind. Ist die gesamte Gebärmutterwand mit Endometriosegewebe durchwuchert, ist die Patientin für die Therapie leider nicht geeignet. ZSP 11b Matthias Matzko, Das heißt man muss im Grunde genommen jeden einzelnen Fall, den man behandeln möchte vorher mit einer MRT-Untersuchung genau verifizieren, man muss mit der Patientin sprechen über die Ziele, die man erreichen möchte bei der Behandlung. Geht es um Kinderwunsch, Schmerzherabsetzung und mit der Patientin gemeinsam die Ziele festlegen und Therapiestrategie erstellen.“ MUSIK 8: Glas SPRECHER Marietta Leist hat wie viele Patientinnen erst vor kurzem von der Möglichkeit einer Behandlung mit fokussiertem Ultraschall erfahren. Sie wünscht sich mehr und bessere Aufklärung rund um Endometriose. Und nicht nur das. ZSP 12 Marietta Leist – Schlusston mehr Forschung „Ich hoffe einfach wahnsinnig, dass mehr geforscht wird und dass mehr drüber geredet wird. Einfach mehr über das Thema reden und mehr über Periode reden und über Hormone. Jede Frau hat das. Und das ist so abartig, wenn sich Frauen immer noch nicht trauen, darüber zu reden oder sagen, dass ist ein Tabuthema. Überhaupt nicht meiner Meinung nach. Ich steh auf der Arbeit und ich rede vor Männern, es ist mir wurscht wer das ist. Ich sage: Leute ich bin heut nicht auf der Höhe, ich habe gestern meine Tage bekommen. Habt Nachsicht mit mir. Manche schauen mich ganz erschrocken an, manche lachen, manch…

    Full show notes at the publisher

    Schmerz - Wenn der Körper Alarm schlägt Dec 13, 2023
    Show notes

    Schmerz ist eine lebenswichtige und zentrale Sinneswahrnehmung. Neben Nervenzellen sind auch Gehirn und Psyche daran beteiligt. Schmerz ist ein Symptom, kann aber auch selbst zur Krankheit werden. (BR 2021) Autorin: Daniela RemusCreditsAutorin dieser Folge: Daniela RemusRegie: Sabine KienhöferEs sprachen: Katja Amberger, Peter VeitTechnik: Christiane Schmidbauer-HuberRedaktion: Nicole Ruchlak Im Interview:Johannes Horleman (Dr.; Schmerzmediziner, Kevelaar);Dominik Irnich (Professor; Schmerzmediziner, Ludwig-Maximilians-Universität, München);Regine Klinger (Dr.; PD; Psychologin; Universitätskrankenhaus Eppendorf, Hamburg) Diese hörenswerte Folge von radioWissen könnte Sie auch interessieren: Rheuma - ein Begriff, viele KrankheitenJETZT ANHÖREN Linktipps: Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung:BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Musik (Stimmen einer Violine o.ä. unangenehm) Atmo (Zahnarzt-Bohrer) Atmo (Stimmengemisch Au, das tut aber richtig weh etc.) Sprecherin Dumpf und schwer, pochend, quälend, brennend oder stechend: Schmerz vermittelt sich auf viele, sehr unterschiedliche Weisen. MUSIK: C1443990016 Light reflex 0‘40 Sprecherin Schmerz ist ein Phänomen, das die Menschen seit mindestens zweitausend Jahren zu verstehen versuchen. Heute definieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Schmerz als elementare Sinneswahrnehmung, ohne die menschliches Leben kaum möglich ist, erklärt der Schmerzmediziner Prof. Dominik Irnich. Er leitet die Schmerzambulanz an der Ludwig-Maximilians-Universität in München: TAKE 1 (O-Ton Irnich) L: 0, 30 Das ist eine der ganz wichtigen Sinnesfunktion und wahrscheinlich kann man aus anthropologischer Sicht sagen, dass die Differenzierung des Schmerzes und die genaue Lokalisierung des Schmerzes - wo ist der Angreifer, an meinem Körper, wer will die Unversehrtheit meines Organismus angreifen? -, dass diese ganz differenzierte Wahrnehmung möglicherweise ein Evolutionsvorteil ist, der auch dazu beigetragen hat, dass wir uns als Menschen auch ganz speziell schützen können. Also das hat zunächst mal eine Schutz- und Warnfunktion. Sprecherin Und die ist existentiell weitaus bedeutsamer als es den meisten Menschen bewusst ist: Schmerz ist überlebenswichtig, sagt der Schmerzmediziner Dr. Johannes Horlemann. Er leitet das Schmerzzentrum in Kevelaer: TAKE 2 (O-Ton Horlemann) L. 0, 30 Es gibt Menschen die durch einen genetischen Defekt schmerzfrei geboren werden, das ist ein furchtbarer Zustand, der dazu führt, dass diese Menschen niemals alt werden können, weil sie keine Lernfunktion haben, durch die Entstehung von Schmerzen z.B., dass man hinfällt, dass man besser die Schritte setzen muss, wenn man laufen lernt usw. Geräusch Bohrer: 0‘15 MUSIK: Z8024281112 Only the brave 0‘55 Sprecherin Schmerz ist zuallererst eine körperlich-biologische Reaktion auf eine Gewebeschädigung. Die Schmerzsensoren melden, dass etwas nicht stimmt. Deshalb gilt akuter Schmerz als Alarmsignal des Körpers. Aber Schmerz ist gleichzeitig auch immer mehr als die sensorische Meldung und Weiterleitung eines Schadens, einer Verletzung oder einer Funktionsstörung. Mindestens genauso wichtig für das menschliche Schmerzerleben sind psychische, emotionale und soziale Faktoren. Ob jemand in Trance durchs Feuer laufen kann oder bei einem kleinen Mückenstich in Tränen ausbricht, liegt nicht immer an der Intensität des physiologisch messbaren Schmerzreizes, sondern an einem Bündel von Faktoren. Deshalb bezeichnen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Schmerz heutzutage als bio-psycho-soziales Empfinden. Geräusch: schrillende Alarmanlage 0‘12 Sprecherin Blicken wir zunächst auf die Biologie des Schmerzes, auf seine physiologische Grundlage: Voraussetzung dafür ist die neuronale Sinneswahrnehmung einer Gewebeschädigung. Sie findet in den Schmerzrezeptoren statt, erklärt Schmerzmediziner Johannes Horlemann. TAKE 3 (O-Ton Horlemann) L: 0, 20 Das sind sogenannte Nervenspindeln, die aufgedreht werden, und die entweder durch chemische oder thermische Reize oder aber durch Schnitt z.B. aktiviert werden. D.h. wenn die konfrontiert werden mit einem Außenreiz, der unangenehm ist, dann senden sie Signale in das Hinterhorn des Rückenmarks. Musik: Z8030896110 Testing procedure 0‘47 Sprecherin Diese Nervenspindeln heißen in der Wissenschaft Nozizeptoren. Sie sitzen am Ende der Nerven, die sich vom Rückenmark aus in die Peripherie des Körpers erstrecken. Diese Schmerzsensoren sind also überall dort, wo wir Schmerzen wahrnehmen: An Hand und Fingern sind besonders viele vorhanden, weniger davon auf dem Fußrücken und gar keine Schmerzrezeptoren haben Menschen in einzelnen Organen wie dem Gehirn, der Lunge oder der Leber. Werden die Nozizeptoren geschädigt, beispielsweise durch Schnitt, Druck, Hitze oder Kälte, dann erzeugen sie elektrische Signale, die das Schmerz-empfinden weiterleiten und zwar über das Rückenmark ins Gehirn. TAKE 4 (O-Ton Horlemann) L: 0, 20 Von dort geht die Nachricht weiter (…) in den Thalamus-Kern. Der Thalamus-Kern ist quasi auf Hirnbasis das Organ, das wie ein Vorfilter wirkt und der die meisten Schmerzen, die gesendet werden zum Gehirn, abfiltert. Musik: Z8030731117 Onslaught 0‘31 Sprecherin Alle Sinneswahrnehmungen des Körpers, einzige Ausnahme ist das Riechen, landen im Gehirn und dort zunächst im Thalamus. Das ist ein kleiner, nur wenige Zentimeter großer Teil des Zwischenhirns. Der Thalamus filtert die eingehenden Sinnesinformationen, bevor er sie an die Großhirnrinde weiterleitet. Sehr vereinfacht formuliert kann man sich das so vorstellen: Er sortiert die eingehenden Sinneswahrnehmungen und gleicht sie mit bereits gemachten Erfahrungen ab. Der Thalamus kann Schmerzreize verstärken oder auch hemmen. Zur Verfügung stehen dafür verschiedene körpereigene Botenstoffe wie beispielsweise Endorphine. TAKE 5 (O-Ton Klinger) L. 0, 20 Jedes Schmerzerleben ist eben etwas, was eben auch zentral verarbeitet ist. Deswegen kann man sagen, jeder akute Schmerz ist auch ein psychischer Schmerz, weil er einmal durch das Gehirn gewandert ist und dort auch bewertet und bearbeitet wurde. Sprecherin Deshalb wird der Thalamus auch das Tor zum Bewusstsein genannt, sagt die Psychologin Dr. Regine Klinger. Denn das ist das Besondere bei Schmerzen: Sie sind kein ausschließlich körperlicher Vorgang, wie andere lebenswichtige Prozesse im Organismus. Im Gehirn wird aus der physiologischen Schmerz¬wahr¬nehmung, aus der Nozizeption, das Schmerzerleben. Die psychologische Leiterin der Schmerzambulanz am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg erklärt das an einem Beispiel: Take 6 (O-Ton Klinger) L: 0, 30 Wenn man sich jetzt z.B. an einer Herdplatte verbrennt, dann wird man sofort die Hand zurückziehen, das tut man schon aufgrund des ersten Schmerzerlebens, ein heller, stechender Schmerz, der nicht durch die zentrale Verarbeitung gelaufen ist, sondern der direkt als reflexartiger Schmerz abläuft und der dazu führt, dass die Muskeln aktiviert werden, um sofort den Organismus zu schützen. Sprecherin Die Hand wird zurückgezogen, schnell unter kaltes Wasser gehalten, gekühlt oder was auch immer, um der Situation zu entkommen und damit den akuten Schmerz zu lindern. TAKE 7 (O-Ton Klinger) L: 0, 20 Bruchteile von Sekunden danach setzt der 2. Schmerz ein, das ist dann ein dumpfer drückender Schmerz, der eben einmal durch das Gehirn gewandert ist und der jetzt eben eine Schmerzbewertung in Gang setzt. Musik: C1568800106 Glistening stars 0‘17 Sprecherin Ein ganzes Netzwerk von Gehirnregionen ist nach gegenwärtigem Kenntnisstand für diese komplexe Schmerzbewertung zuständig, sagt Schmerzmediziner Dominik Irnich aus München: Take 8 (O-Ton Irnich) L: 0, 20 Es geht darum, dass dieser rein körperliche Schmerzreiz zentral im Gehirn moduliert, verändert wird. Er bekommt eine Bedeutung, er bekommt eine Bewertung, (…) er wird in diesen Zusammenhang gesetzt und moduliert. Und am Schluss, das, was wir empfinden, ist das Ergebnis dieser Verarbeitungen im Gehirn. Sprecherin Die Konsequenz kann sein: Den Notarzt zu rufen, die Stelle zu kühlen oder auch, den kleinen Schmerz zu ignorieren. Entscheidend für diese Schmerzbewertung, die das Verhalten prägt, ist die zentrale Schmerzverarbeitung im Gehirn, die von den unterschiedlichsten Faktoren beeinflusst wird: Von äußeren Aspekten wie kulturellen Normen oder familiären Angewohnheiten ebenso, wie von der inneren Verfassung des jeweiligen Individuums, betont Regine Klinger: TAKE 9 (O-Ton Klinger) L: 0, 25 Also z.B. auch von der Stimmung, die ich habe, von emotionalen Faktoren wie Depressivität, von Traurigkeit oder dergleichen. Und kann eben dann, je nachdem, verstärkt oder abgeschwächt werden. Akutes Schmerzerleben wird immer auch von dem Kontext, in dem ich mich bewege, abhängig erlebt. Sprecherin Das kennt jede und jeder: Je nach Stimmung erhalten Verletzungen oder kleinere Unfälle eine andere Bedeutung. Wer frisch verliebt ist, spürt einen umgeknickten Fuß längst nicht so intensiv, wie eine Person, bei der an diesem Tag schon vorher richtig viel schief gelaufen ist und bei der die Laune ohnehin schon schlecht ist: TAKE 10 (O-Ton Klinger) L: 0, 30 Man kann sich das so vorstellen, dass das Gehirn sozusagen schon ein gewisses Vorzeichen hat, nämlich ein Vorzeichen dieser negativen Allgemeinverfassung hat, so und jetzt kommt auch noch dieser Schmerz aus der Peripherie des Körpers, der in den gleichen Gehirnzentren verarbeitet wird, weil er dort ankommt. Und man kann sich das so vorstellen, dass die allgemeine Stimmung, in der ich da bin, dann erstmal auf dieses Signal, was da neu ins Gehirn kommt, abfärbt. Sprecherin Und deshalb negativ erlebt wird. Aber es gibt auch den umgekehrten Mechanismus: Schmerzreize können vom Gehirn aktiv unterdrückt werden, beispielsweise durch Ablenkung. TAKE 11 (O-Ton Klinger) L: 0, 20 Das würde dann tatsächlich diesen Mechanismus in Gang setzen, der dann auf absteigenden neuronalen Bahnen das Schmerzerleben so unterdrückt, dass die nachfolgenden Reize aus der Peripherie eben gar nicht mehr durchkommen und deswegen eben das Schmerzerleben deutlich geringer wird. Musik: C1576660120 Criminal synapsis red 0‘27 Sprecherin So gibt es immer wieder aufsehenerregende Beispiele von Menschen, die sich selbst mit abgetrennten Fingern noch ins Krankenhaus gefahren haben oder mit gebrochenem Bein noch kilometerweit gelaufen sind. Dass der Körper Schmerzen in einer Krisensituation effektiv unter¬drücken kann, ist bei Soldaten während des Zweiten Weltkriegs beobachtet und berichtet worden, so Regine Klinger: TAKE 12 (O-Ton Klinger) L: 0, 20 Die z.B. ein Bein abgeschossen bekommen haben, da lagen, blutender Weise, gefragt wurden, ob sie Schmerzen haben und sie die Schmerzen gar nicht erlebt haben. Und gesagt haben, neee, Schmerzen seien nicht da. Und das konnte 1-2 Tage anhalten, bis der Schmerz da war. Sprecherin Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erklären sich dieses Phänomen damit, dass das Gehirn die unterschiedlichen Emotionen gewichtet und deshalb die Schmerzen aktiv mit Stresshormonen unterdrückt, um zu überleben. MUSIK: Z8030896115 Spreading virus 0‘28 Denn in einer solchen Situation, nämlich schwer verletzt auf dem Schlachtfeld zu liegen, ist die Überlegung, wie komme ich hier weg, wie komme ich in Sicherheit? wichtiger für das Überleben, als die Warnfunktion des Körpers durch den Schmerz. MUSIK: Z8030896115 Spreading virus 0’28 hoch Sprecherin Neben der inneren Verfassung eines Individuums prägen aber auch verschiedene äußere Einflüsse die Schmerzbewertung, betont Johannes Horlemann: TAKE 13 (O-Ton Horlemann) L: 0, 25 Eindeutig gibt es kulturelle Aspekte, es gibt auch Lernaspekte beim Schmerz, man würde unterscheiden, ist es wirklich die Schmerzempfindung, die ich physiologisch messen kann, oder ist es das, was wir daraus machen? Wenn ich das so sagen darf, der Schmerz als Nachricht im sozialen Kontext. Sprecherin In manchen Kulturkreisen gehört es beispielsweise dazu, bei Trauer laut zu schreien und zu klagen. In anderen Kulturkreisen dagegen gilt emotionale Kontrolle auch in Ausnahmesituationen als erstrebenswert. Bei manchen indigenen Völkern stärken schmerzhafte Initiationsrituale den sozialen Zusammenhalt, bei den meisten Menschen in Westeuropa dagegen gilt die Abwesenheit von Schmerz als Idealzustand. MUSIK: Z8030896128 New discovery (reduced) 0‘28 Sprecherin Und auch der Umgang mit Schmerzen in der Familie prägt das spätere Schmerzverhalten: Wer als Kind bei jedem Ratscher, jedem aufgeschürften Knie mit viel Aufmerksamkeit rechnen kann, der wird in den meisten Fällen auch als Erwachsener seinen Schmerz so äußern, dass er nicht zu ignorieren ist. Andere dagegen haben gelernt, Schmerzen auszuhalten, sagt Schmerzmediziner Johannes Horlemann: TAKE 14 (O-Ton Horlemann) L: 0, 20 Auffällig ist, dass viele Patienten sehr starke Schmerzen sehr gut aushalten können, während bei der gleichen läsionellen Ursache andere Patienten stark sich beschweren. Denken Sie an indische Fakire, die durch Feuer laufen können, die haben das vorher trainiert. Also es gibt einen Trainingsaspekt daran, ganz bestimmt. Sprecherin Dass es einen Trainingsaspekt gibt, der es Menschen ermöglicht, Schmerzen in bestimmten Situationen besser auszuhalten, bedeutet aber nicht, dass Schmerzen immer und um jeden Preis durchgestanden werden sollten. Das Zähne zusammen beissen und durch, was der Volksmund empfiehlt, um unangenehme Situationen und auch Schmerzen bewältigen zu können, dieser Ansatz, der im 20. Jahrhundert auch von Medizinerinnen und Medizinern vertreten wurde, hat sich als fatale Sackgasse im Umgang mit Schmerzen erwiesen, erklärt Dominik Irnich: TAKE 15 (O-Ton Irnich) L: 0, 30 Der akute Schmerz ist ein Risikofaktor für die Chronifizierung und zwar bezüglich der Art und und der Intensität, also der Stärke der Schmerzwahrnehmung. Das heißt, wenn ich einen Notfall habe, ich komme ins Krankenhaus in die Notaufnahme, oder ich hab eine OP und es tut weh hinterher, ist es die allerwichtigste Aufgabe, den Schmerz zu lindern, und zwar so gut wie es geht! Sprecherin Denn heute wissen Medizinerinnen und Mediziner, dass der Organismus in der Lage ist, ein Schmerzgedächtnis auszubilden. Und dass das dazu beiträgt, chronische Schmerzen zu entwickeln, so Psychologin Regine Klinger aus Hamburg: TAKE 16 (O-Ton Klinger) L: 0, 35 Das Gehirn ist ja in der Lage zu lernen, und dieses Lernen passiert eben, indem bestimmte neuronale Informationen abgespeichert werden. Man kann sich das Gehirn wie eine Festplatte vorstellen, auf die Informationen geschrieben werden und wenn immer wieder im Gehirn neue Schmerzinformationen ankommen, (…) dann wird diese Spur, diese neuronalen Spuren, die da geschrieben werden, immer größer, immer intensiver. Sprecherin Und das bedeutet für die betreffende Person, dass dieser Schmerz im Gehirn abgespeichert und erlebt wird, allerdings unabhängig von der eigentlichen Schmerz-Ursache. Also ohne äußeren Auslöser und damit auch ohne biologische Warnfunktion. Johannes Horlemann: TAKE 17 (O-Ton Horlemann) L: 0, 35 Das können Sie sehr gut erkennen am Beispiel des Phantomschmerzes, dass ein Mensch Schmerzen haben kann in einem Fuß, den er gar nicht mehr besitzt. Das macht deutlich, dass Schmerzen, die aus der Peripherie Nachrichten in das Gehirn senden, eine Eigenständigkeit entwickeln können. Und zwar sagen wir, in einem Zeitraum von 3-6 Monaten, so dass in dieser Zeit im Gehirn Schmerzzentren so alarmiert werden, dass die periphere Schmerzschwelle sinkt und dass die Schmerzen chronifiziert entscheidende Veränderungen im Gehirn machen. Musik: Z8035459113 Artificial developments 0‘32 S…

    Full show notes at the publisher

    Pierre-Auguste Renoir - Malerei voll Licht und Luft Dec 12, 2023
    Show notes

    Auguste Renoir ist der wohl populärste Maler Frankreichs. Seine sonnendurchfluteten Bilder zeigen pure Lebensfreude: fröhliche Tänzerinnen oder Badende am See. Ernste Themen sucht man bei ihm vergeblich. (BR 2019) Autor: Julie Metzdorf CreditsAutor/in dieser Folge: Auguste RenoirRegie: Kirsten BöttcherEs sprachen: Annette Wunsch, Christian Baumann, Florian SchwarzTechnik: Robin AuldRedaktion: Nicole Ruchlak Im Interview:Michael F. Zimmermann Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: OT Michael Zimmermann – Museumshop Renoir ist eine mythische Figur, als Schlüsselgestalt des Impressionismus und der Belle Époque. ERZ.IN …sagt der Kunsthistoriker Michael Zimmermann. OT Man kann sich kaum einen Kalender oder ein Buch über den Impressionismus vorstellen ohne die glücklichen Pariser Mittelschichten, ohne die schönen, ein bisschen auf ein Kindchenschema reduzierten modischen Frauen. Renoir ist heute der Impressionist par excellence. Und als solcher hat er den Geruch des Malers für den Museumsshop. Seine Motive passen auf die hübschen Tassen, auf die hübschen Teller… Er ist der zur Ware gewordene Impressionismus. Musik hoch und aus. ERZ.IN Pierre-Auguste Renoir wurde 1841 in Limoges geboren. Der Vater war Schneider, die Mutter Näherin. In der Hoffnung, in der blühenden Metropole Paris mehr Geld verdienen zu können, zogen die Renoirs in die französische Hauptstadt, als Auguste noch ein kleines Kind war. Sein künstlerisches Talent wurde früh erkannt. Musik über Sprecher „Scenes Bohemeniennes“ SPRECHER Jean Renoir – Talent Er habe wie wild gezeichnet, berichteten seine Eltern später: Weil Papier teuer war, hat er mit Kreide auf dem Fußboden gezeichnet. Sehr zum Ärger des Großvaters. Denn es war seine Schneiderkreide, die nach und nach verschwand. Trotzdem: Die Gestalten, mit denen der Sohn die Wohnung verzierte, seien „ganz gelungen“ gewesen. ERZ.IN Mit 13 Jahren begann Renoir eine Lehre als Porzellanmaler und pinselte fortan Blümchen, Schäferidyllen und das Profil der Marie-Antoinette auf Kaffeetassen. Als Vorlagen dienten häufig Rokoko-Gemälde des vergangenen Jahrhunderts von Antoine Watteau oder François Boucher. Renoir verdiente recht gut, konnte mit dem Geld sogar seine Familie unterstützen. Doch nach ein paar Jahren war Schluss: Man hatte eine Maschine erfunden, die die Bilder auf Porzellan drucken konnte, und die ganze Branche brach zusammen. Renoir bemalte fortan nicht mehr Tassen und Teller, sondern Fächer, Schränke, Vorhänge und die Wände einiger Pariser Cafés. Wieder verdiente er gut, weil er viel schneller als andere arbeitete. Doch er wollte mehr: Musik über Sprecher „Scenes Bohemeniennes“ SPRECHER Jean Renoir S. 88 – Malunterricht Renoirs Sohn Jean berichtete später, dass der Vater die Kneipen von Paris mit Göttern und Symbolen bemalt habe. Damit habe er gar nicht schlecht verdient. Mit jedem Auftrag, der ihm Geld einbrachte, sei in ihm deswegen der Wunsch größer geworden: Er wolle einen richtigen Malunterricht in einer richtigen Schule nehmen. ERZ.IN Mit 21 Jahren wurde er Student der École des Beaux-Arts, arbeitete aber die meiste Zeit im privaten Atelier des Schweizer Malers Charles Gleyre, wo ein liberaler Geist und weniger Reglement herrschte. Dort freundete er sich unter anderem mit Claude Monet an, dem späteren Maler der Seerosenbilder. Zusammen mit Monet beginnt er, das „Hier und Jetzt“ zu malen, realistische Abbilder der eigenen Zeit. Das klingt banal, war aber damals eben keine Selbstverständlichkeit. Heute gelten Künstler als Seismographen der Gesellschaft, man erwartet geradezu von ihnen, dass sie sich mit aktuellen Themen beschäftigen. Damals aber galt die Historienmalerei als das höchste aller Genres, auch literarische, mythologische und biblische Themen waren beliebt. über Musik („ I’isle joyeux für Klavier“) Renoir aber malte die Welt so wie sie ihm vor die Nase kam: Madame Monet, den „Figaro“ lesend. Eine junge Frau bei ihrem ersten Theaterbesuch. Cafészenen, Porträts seiner Künstlerfreunde, kleine Kinder beim Spielen. Laut Michael Zimmermann ging es Renoir und seinen Mitstreitern dezidiert darum, die eigene Zeit und gesellschaftliche Wirklichkeit abzubilden. OT Michael Zimmermann – zeitgemäß Die Zeit hatte regelrecht ein Programm, dass die Kunst zeitgenössisch sein sollte, dass die Kunst sich ihrer eigenen Gesellschaft widmen sollte. Aber wie Charles Baudelaire, der Dichter, das einmal in einem Aufsatz 1863 – also zu Beginn der Karriere eines Renoir - gesagt hat, man soll als Maler des modernen Lebens, durch die Mode aus dem transitorisch, dem unbedeutenden, dem dahinfließenden Leben der modernen Stadt so was wie eine Ewigkeit ziehen, erahnen und festhalten. Und Renoir hat sich wie kaum einer seiner Impressionisten-Kollegen darum bemüht, das Moderne so zu transformieren, dass er daraus eine Idylle mit Ewigkeitswerten gemacht hat. ERZ.IN Das genaue Hinschauen und Beobachten war für Renoir das Entscheidende. Er begann, seine Staffelei unter freiem Himmel aufzustellen und direkt nach der Natur zu malen. Diese sogenannte Pleinairmalerei war nicht völlig neu, aber Renoir und seine Mitstreiter schauten noch genauer hin. Und plötzlich erkannten sie, dass Schatten nicht einfach nur grau oder schwarz, sondern farbig sind, vor allem blau. Sie beobachteten, wie die Gegenstände je nach Lichteinfall ihre Farben änderten. Sie sahen, wie sich die Umrisse einer Figur im flimmernden Sonnenlicht in Luft auflösten. Besonders deutlich nahm man solche Effekte an Laubwerk und Blumen wahr, an Wasser, Wolken oder an den feinen Stoffen von Frauenkleidern. All das wurde zu ihren bevorzugten Motiven. Eine technische Neuerung kam ihnen dabei zugute: Bis vor kurzem hatten Maler ihre Farben aufwändig im Atelier anrühren müssen. Mitte des 19. Jahrhunderts aber kamen die ersten Tubenfarben auf den Markt. SPRECHER Auguste Renoir – Farbtuben Renoir schwärmte von der Erfindung der Farbtuben: Jetzt erst war es möglich, in freier Natur zu malen, sagte er rückblickend. Ohne die Tuben hätte es weder einen Cézanne noch einen Manet gegeben, und auch keinen Impressionismus. Musik („Reverie“) ERZ.IN Renoirs erstes Meisterwerk stammt aus dem Jahr 1867. Es zeigt eine junge Frau mit Sonnenschirm. Lebensgroß – als handele es sich um ein Staatsporträt – steht sie vor einem schattigen Waldhintergrund. Die Dargestellte ist Lise Tréhot, seinerzeit sein bevorzugtes Modell. Sie trägt ein leichtes Sommerkleid aus weißem Musselin, hochgeschlossen und langen wenn auch durchsichtigen Ärmeln. Sorgfältig gibt Renoir auch noch die kleinsten Details der Garderobe wieder, die schwarzen Bänder an den Ärmeln, die roten Ohrringe und den schwarz-weißen Sonnenschirm. Doch dieser Sonnenschirm ist nicht nur Beiwerk: Er wirft einen Schatten auf Gesicht und Schultern, während das weiße Kleid im prallen Sonnenlicht leuchtet. Das Gesicht der Porträtierten liegt damit im Dunkeln. Statt der Frau steht das Kleid im Zentrum. Mit gutem Grund: Renoir hat hier eben nicht Lise persönlich gemeint, sein Bildnis steht vielmehr beispielhaft für die elegante Pariserin schlechthin, eine modebewusste junge Frau aus der Stadt, die in der Natur Abwechslung sucht und damit exemplarisch für das moderne Leben steht. OT Michael Zimmermann – nur teilweise emanzipatorisch Da gibt es auch ein Element der Emanzipation, plötzlich haben diese Frauen vom Lande, die nach Paris drängten, dort kleine Arbeiten hatten, man nannte die Midinette, weil sie ihr Pausenbrot zu Mittag, a midi, auf den öffentlichen Banken verzehrten, diese Frauen konnten modisch sein, sie konnten sich entweder diese Prêt-à-porter-Mode leisten oder sie konnten sie nachnähen, da gab es ab den 1850er Jahren Zeitschriften mit Schnittmustern, das war ein Schritt zu einer gewissen Emanzipation… ERZ.IN Renoir hatte in dieser Zeit laufend Geldsorgen, seine Ersparnisse waren längst aufgebraucht. Doch er malte kein einziges Bild, in dem die Armut auch nur ansatzweise spürbar wäre: kein schlechtes Wetter, keine frierenden Menschen, keine Bettler, keine Traurigkeit, nichts Negatives, nirgends. ERZ.IN Es gab nur einen einzigen Kunsthändler, der damals den Mut hatte, die Bilder der Impressionisten in seiner Galerie zu zeigen. Der „Figaro“ schrieb darüber: Musik über Zitator („Tarantella“) ZITATOR Albert Wolff (in „Le Figaro“ 1876, über Ausstellung bei Durand-Ruel) Diese sogenannten Künstler… nehmen Leinwand, Farbe und Pinsel, werfen auf gut Glück ein paar Kleckse hin und signieren das Ganze; genauso wie die verwirrten Gemüter in der Irrenanstalt Ville-Evrard Kiesel aufsammeln in dem Glauben, sie hätten Diamanten gefunden. (…) Mach einer doch Monsieur Renoir klar, dass der Körper einer Frau kein verwesender Fleischhaufen mit grünlich-violetten Flecken darauf ist, die bei einer Leiche den Zustand völliger Auflösung bezeichnen! ERZ.IN Da auch ihr wohlgesonnener Galerist wirtschaftlich an seine Grenzen kam, organisierten Renoir und Claude Monet, zusammen mit Alfred Sisley, Edgar Degas, Camille Pissarro und einigen weiteren Freunden 1874 eine eigene Ausstellung. Eines der ausgestellten Bilder von Monet zeigte einen Hafen im Morgennebel. Am Horizont liegen Schiffe vor Anker, vorne sind ein paar Fischerboote zu erkennen. Im Hintergrund durchbricht das Rot der aufgehenden Sonne das Graublau des Bildes. Wegen seiner Skizzenhaftigkeit geriet gerade dieses Bild in den Fokus der Kritiker. Viele behaupteten, sie könnten gar nicht erkennen, was dargestellt sei. Musik über Zitator („3. Satz Grand Concerto G-Dur“) ZITATOR Louis Leroy 25.4.1874 in „Le Charivari“ Eine Tapete in ihrem embryonalen Zustand ist ausgearbeiteter als dieses Seestück! ERZ.IN Monet hatte das Bild „Impression – Soleil levant“, Sonnenaufgang, genannt. Nach dem Titel dieses Bildes wurde die Gruppe von einem Kritiker „Impressionisten“ genannt. Es dauerte nicht lang und die Freunde nutzten diesen eigentlich als Spottnamen gemeinten Namen auch selbst. Denn es stimmte ja: Sie wollten eine Landschaft oder Szenerie nicht hyperrealistisch und exakt wiedergeben, sondern den Eindruck, die Impression, die das Motiv in ihnen hervorgerufenen hatte. Renoir malte die Wirklichkeit zwar so, wie er sie sah, aber seine Malerei erfasste dabei nicht die volle gesellschaftliche Wahrheit. SPRECHER Auguste Renoir – Bild In Gesprächen mit seinem Kunsthändler äußerte Auguste Renoir: Es gebe genug unerfreuliche Dinge auf der Welt, als dass man noch weitere fabrizieren müsse. Hübsch, erfreulich und liebenswert – so sollen für ihn Bilder sein. Musik („Divertissement pour une fete“) ERZ.IN Sein wohl berühmtestes Gemälde, der „Tanz im Moulin de la Galette“ 1876 hängt heute im Musée d’Orsay in Paris. Michael Zimmermann: OT Michael Zimmermann – Moulin de la Galette 1 Das ist eine Tanzszene in einem öffentlichen Garten am Mont Martre, der hat nach einer alten Mühle, die dort mal war, der hieß das Moulin de la Galette. Und dort zeigt er nun schöne Paare mit charaktervollen Männern, … tanzend oder im innigen Gespräch mit sehr hübschen Frauen, es gibt so dieses hinreißende Frauenmodell, das Modell der Parisienne, die wie die Zeitgenossen nicht müde wurden auch in Reiseführern zu schreiben, immer anbetungswürdig ist, toujours adorable, da gibt es im Vordergrund zwei Frauen, die sehen aus wie Zwillinge. ERZ.IN Im Grunde ähneln sich alle Frauen auf dem Bild: jung, hübsch, fröhlich, dunkelblond, sehr bedacht auf ihre Garderobe. Über der Tanzfläche, den Tischen und Stühlen erstreckt sich ein Laubdach. Durch die Blätter fallen gelbe Flecken von Sonnenlicht auf die Gesichter, die Kleidung und den Boden. Als Modelle dienten Renoir seine Malerfreunde und deren Freundinnen. Was er zeigte war ein bunt gemischtes Publikum: Arbeiter, Künstler, Arbeitslose, hochgebildete Literaten, Mädchen vom Land trafen sich hier, um sich zu vergnügen. In Frankreich entwickelt sich die Mittelschicht gerade als staatstragende Gesellschaftsschicht. Eben dieser Mittelschicht gab Renoir ein Gesicht: Musik aus OT Michael Zimmermann - Kunstgeschichte Das war wichtig, dass nicht die alten traditionellen Gesellschaftsschichten oder auch nicht die ganz revolutionären Avantgarden, die an neuen wissenschaftlichen Kunstsprachen arbeiteten, sondern dass dieses neue Volk, das sowohl politisch wie auch kommerziell seinen Platz suchte und fand im Impressionismus eine Identität fand. Dafür ist Renoir ohne Zweifel eine Schlüsselfigur. ERZ.IN Was Renoir malt, ist ein erträumtes Glück und keine soziale Wirklichkeit. Die prekären Lebensverhältnisse der Bohemiens, die Notlage der Frauen, die ihren Körper verkaufen mussten, Syphilis, ungewollte Kinder, die Frauen zur Adoption freigeben mussten – all das blendete der Künstler aus. Aber die Zeitgenossen wussten, dass es sich auf dem Bild „Tanz im Moulin de la Galette.“ um ein Glückskonstrukt handelte. OT Michael Zimmermann – Moulin de la Galette 2 Dieses Ambiente hatte durchaus die Reputation, dass sich dort Prostituierte aufhielten. Für ihn war aber der abfällige, grausame oder allzu sozialkritische Blick auf dieses Milieu nicht das, was er anstrebte. Er warf dem berühmten Schriftsteller Zola vor in dieser Weise auf solche Milieus zu blicken, mit einem grausamen analytischen Blick. Und er meinte dadurch würde unterschlagen der große Reichtum an Emotionen, an Sensibilität, an echter Liebe, der eben gerade auch in diesen Milieus, die nicht durch die Prostitution gekennzeichnet sind, wo sie aber immer auch in ihren Mischformen zum Beispiel der ausgehaltenen Frau nicht weit war. ERZ.IN Lise etwa, die junge Frau mit dem Sonnenschirm, war nicht nur sein Modell, sondern auch sieben Jahre lang seine Geliebte. Zwei Mal wurde sie von Renoir schwanger, doch weder Renoir noch Lise selbst nahmen die Kinder an. Der erstgeborene Sohn scheint früh verstorben zu sein; zu seiner Tochter Jeanne, die nach der Geburt zur Adoption freigegeben wurde, hielt Renoir zeitlebens Kontakt. SPRECHER Auguste Renoir – Tochter Als sie ihren Mann verlor, schrieb er ihr, dass er sie auch jetzt nicht allein lassen werde – bis zu ihrem 38. Lebensjahr habe er sie nie im Stich gelassen. Und das werde er auch weiterhin nicht tun. ERZ.IN Öffentlich aber machte er diese Vaterschaft nie. Mit seiner späteren Frau, der Schneiderin Aline Charigot, bekam Renoir noch einmal drei Söhne. Der zweitgeborene, Jean Renoir gilt heute als einer der einflussreichsten Regisseure aller Zeiten. In den 1960er Jahren schrieb er ein Buch über seinen Vater, in dem er ihn – nicht nur in pädagogischen Fragen – als äußerst liberalen Menschen schildert. Der Vater sei sehr nachsichtig gewesen, solange sich die Kinder sich respektvoll gegenüber Menschen und Dingen verhielten. Ende der 1870er Jahre stellten sich endlich erste Erfolge ein, Renoir verkaufte hin und wieder ein Bild und konnte sich erste Reisen leisten. Er fuhr nach Algerien und Italien – natürlich des Lichts und der Farben wegen! Doch ausgerechnet jetzt geriet der „Maler des Glücks“ in eine künstlerische Krise. SPRECHER Auguste Renoir – Freilichtmalerei Im Nachhinein bezeichnete er den Impressionismus in Gesprächen mit Freunden als eine „Sackgasse“ und die Freilichtmalerei als „zu umständlich“. Für aufwändigere Kompositionsarbeiten tauge die Arbeit im Freien nicht, weil sich das Licht ständig verändere. ERZ.IN In den 1880er Jahren wurden seine Farben kühler und glatter, die flirrenden Umrisse wichen festen Konturen, die Körper wurden plastischer, die Linien präzise, Sonnenflecken auf der Haut sucht man nun umsonst. Es ist eine klassische Malweise, weit entfernt von jedweder Avantgarde. Diese Krise befiel auch die anderen Impressionisten. Ihr Bestreben, die bürgerliche Wirklichkeit in Form von heiteren Festen und intimen Szenerien abzubilden stand letztlich im Widerspruch zur gesellschaftlichen Realität in all ihren Facetten. Außerdem hatten sie ja ihr Ziel erreicht. Der harte Durchs…

    Full show notes at the publisher

    Das Licht in der Malerei - Kerzen, Glanz und Sonnenstrahlen Dec 12, 2023
    Show notes

    Licht haucht einem Gemälde Leben ein, es formt die Gegenstände und den Raum und vor allem: Es sorgt für die richtige Stimmung. Aber mit welcher Farbe stellt man Licht eigentlich dar? Warum schwärmen so viele Künstler vom Licht des Südens? Und warum sind trotzdem viele Gemälde so dunkel? Autorin: Julie MetzdorfCreditsAutor/in dieser Folge: Julie MetzdorfRegie: Martin TraunerEs sprachen: Andreas Neumann, Susanne SchroederTechnik: Christine FreyRedaktion: Susanne Poelchau Im Interview:Dr. Bernhard Maaz, Kunsthistoriker und Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, München;Dr. Karin Althaus, Kunsthistorikerin Lenbachhaus München Literaturtipps: „Über das Licht in der Malerei“ von Wolfgang Schöne, erschienen 1951 im Gebr. Mann Verlag Berlin. Dieses Buch behandelt den Zeitraum von der mittelalterlichen Buchmalerei bis ins 20. Jahrhundert. Das Buch ist allerdings vergriffen und nur noch antiquarisch erhältlich. Eine sehr gute Vertiefung des Themas bieten auch die Kataloge zu den Ausstellungen:„Die Nacht“ im Münchner Haus der Kunst 1998/99;„Sonne. Die Quelle des Lichts in der Kunst“ im Museum Barberini in Potsdam 2023. Und noch eine besondere Empfehlung der Redaktion: Kunstverbrechen - True Crime meets KulturJuwelenraub, geschmuggelte NS-Kunst, Fälscherskandale, verschollene Gemälde: Lenore Lötsch und Torben Steenbuck rollen spektakuläre Kunstdiebstähle auf. Sie nehmen uns mit an Tatorte, treffen Zeugen und Experten. Die Hosts arbeiten dabei mit der Polizei zusammen: Deutschlands bekanntester Kunst-Kommissar René Allonge vom LKA Berlin ist in jeder Folge dabei.ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLER Im alten Griechenland, genauer gesagt in Sikyon auf der Halbinsel Peleponnes, lebte der Überlieferung nach ein Töpfer mit seiner Tochter. Eines Tages verabschiedet sich der Geliebte dieser Tochter auf eine Reise. Um ein Andenken an ihn zu haben, setzt sie ihn seitlich vor eine Wand, stellt eine Lampe vor sein Gesicht und zeichnet den Schatten seines Profils an die Wand. ERZÄHLERIN Dieser von Plinius überlieferte Mythos gilt als die Geburtsstunde der Malerei. Und eines war selbst für diese einfache Konturlinie unabdingbar: Licht. 1 OT Bernhard Maaz Ohne Licht nichts los, als ganz knappe Formel. ERZÄHLERIN Bernhard Maaz, Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. 2 OT Bernhard Maaz Licht ist entscheidend für alles in der Wahrnehmung von Malerei. MUSIK: „UNO“ - C138761#001 (1:00) ERZÄHLER Da wäre zunächst mal das Licht, in dessen Strahlen das Kunstwerk entsteht: bei Kerzenschein, wie die mittelalterliche Buchmalerei in den Skriptorien großer Klöster. Oder bei Sonnenlicht, wie die Freilichtmalerei, an der Staffelei auf dem Feld, wenn sich Wolken vor die Sonne schieben und sich das Licht minütlich ändern kann! Oder bei gleichmäßigem Nordlicht in den Dachgeschosswohnungen mit hohem Atelierfenster von Schwabing, Paris oder Berlin? ERZÄHLERIN Dann sind da die Lichtverhältnisse, unter denen wir Malerei betrachten. Die Büffel und Antilopen früher Höhlenmalereien müssen im unruhig flackernden Fackelschein wie bewegt, fast lebendig ausgesehen haben. Es ist auch ein Unterschied, ob ich Wandmalereien im schummrigen Licht einer romanischen Kapelle mit kleinen Fenstern in dicken Mauern betrachte, oder ob ich in einem gleichmäßig beleuchteten Museumssaal praktisch unter Laborbedingungen jeden einzelnen Pinselstrich eines Gemäldes analysieren kann. 3 OT Bernhard Maaz In der Schöpfungsgeschichte, Moses 1. Buch, da trennt Gott Himmel und Erde, das ist sein erster Schöpfungsakt und der zweite ist: Er schafft das Licht. Das skizziert vielleicht die Tragweite des Lichtes für alles, was kommt, für alles Leben, für alles Wahrnehmen, für alles Sehen. MUSIK: „Decision“ – C1423688#010 (0:31) ERZÄHLER Und dann ist da das Licht im Bild. „Gott schied zwischen dem Licht und der Finsternis“, heißt es in der Bibel. Wo Licht ist, ist also auch Schatten. Mittelalterliche Buchmalerei und Fresken aber kennen zunächst keinen Schatten. Bis ins 15. Jahrhundert hinein werden Menschen, Tiere, Pflanzen und Dinge nicht beleuchtet, sie leuchten von selbst. ERZÄHLERIN Das Gesicht des Heilands, Marias Mantel, Throne, Schafe, Palmwedel: alles erstrahlt im sogenannten „Eigenlicht“. Es ist ein unnatürliches Licht, außer-irdisch, gewissermaßen. Der Betrachter blickt auf eine fremde Welt, in der andere physikalische Gesetze zu herrschen scheinen als in seiner eigenen irdischen Schattenwelt. Mit Blick auf die Motive dieser Zeit, die fast ausschließlich Szenen der christlichen Heilsgeschichte zeigen, ist klar: Das Licht in der Malerei des Mittelalters ist ein Offenbarungslicht. ERZÄHLER 1522 malt Antonio da Correggio „Die heilige Nacht“. Das Bild in der Gemäldegalerie Alte Meister in Dresden zeigt das frisch geborene Jesuskind in seiner Wiege. Die Umgebung verliert sich im Dunkel der Nacht, rund um das Kind ist das Bild allerdings extrem hell. Doch kein besonderer Lichtstrahl fällt auf die Wiege – es ist das Kind selbst, das so leuchtet. 4 OT Bernhard Maaz Das Christuskind liegt in dem Stroh, wie die Bibel das berichtet, und von dem Kind geht ein Glimmen, ein Leuchten, ein Strahlen aus, was die Muttergottes und die Hirten, die herbeigeeilt und die Engel, die herbeigeflattert sind, alle anstrahlt. Das ist das göttlichste Licht, was man sich nur vorstellen kann. ERZÄHLERIN Mittelalterliche Verkündigungsdarstellungen zeigen das göttliche Licht oft sogar ganz konkret. Eines der schönsten Beispiele dieses Motiv stammt von Fra Filippo Lippi und befindet sich in der Alten Pinakothek in München. Über Maria und dem vor ihr knienden Erzengel Gabriel sieht man links oben Gottvater. Von dort aus durchzieht ein Lichtstrahl in gerader Linie das gesamte Gemälde direkt auf Marias Herz zu. Mitten auf dem Lichtstrahl sitzt eine Taube und rutscht auf einer kleinen hellblauen Wolke auf Maria zu. 6 OT Bernhard Maaz Das ganze Bild ist von Licht, von natürlichem Licht durchströmt. Das hat der Renaissance-Maler genau gesehen, genau beobachtet, auch in seinen Wirkungen, dass das Licht die Figuren plastisch macht. Aber es kommt eben der goldene Strahl als heiliges Licht noch dazu. Wir haben also verschiedene Bedeutungsebenen von Licht und Lichtstrahl. MUSIK: „Until it blazes“ – C504944#014 - (1:15) ERZÄHLER Licht ist elektromagnetische Strahlung, es ist immateriell. Licht malen heißt: die Wirkung des Lichts imitieren, seine Erscheinung nachahmen. Eine silberne Kanne bekommt weiße Glanzlichter auf ihren runden Bauch, einen schweren Baumwollstoff hingegen malt man ganz ohne Reflexe, trocken und stumpf, er soll das Licht schlucken. Es ist wie in der realen Welt: Wir müssen einen Gegenstand nicht erst berühren, um zu wissen, ob er weich oder glatt ist. Wir sehen das vorher. Außerdem formt das Licht die Gegenstände. Ein Maler kann die Dinge mit Licht modellieren: eine Stofffalte etwa malt man in ihrem Tal, wo der Schatten ist, dunkel, ihre höchste Stelle hingegen muss hell sein. ERZÄHLERIN Die Ölmalerei gilt als die Königsdisziplin der Malerei, unter anderem wegen ihrer Farbbrillanz. Eine Holztafel oder eine auf einen Keilrahmen gespannte Leinwand wird mit einer weißen Kreideschicht grundiert. Dann beginnt die langwierige Arbeit der Maler: 8 OT Bernhard Maaz Sie lasieren, legen also mehrere transparente Farbschichten oder bedingt transparente übereinander, sodass aus der Tiefe der tieferen Schichten, aus der Farbigkeit, ein Leuchten hervorkommt, weil natürlich alle Farbe, die wir sehen, nur dadurch entsteht, dass Licht auf das Pigment fällt und dass die verschiedenen Pigmente, die verschiedenen Materialien von unseren Augen wahrgenommen werden, weil sie das Licht in verschiedenen Spektren reflektieren. ERZÄHLER Das Licht dringt also tief in die Malschichten ein und wird von dort zurückgeworfen. Von Tizian weiß man, dass er 150 Lasuren übereinander malte. Das Bild mag am Ende trotzdem nur wenige Millimeter dick sein, doch genau diese Lasuren machen den Unterschied zwischen einer aus der Tiefe des Raums leuchtenden Fackel und einem gelben Fleck. ERZÄHLERIN Trick Nummer zwei sind die Kontraste. So wie das Licht am Ende eines Tunnels besonders hell strahlt, so gilt auch für die Malerei: Je dunkler ein Bild, desto heller wirken die lichten Partien. „Chiaroscuro“ nennt sich das, Helldunkelmalerei. Vor dunklem Hintergrund werden einzelne Partien des Bildes beleuchtet, als stünde ein starker Scheinwerfer neben dem Bild. 9 OT Maaz Die Figur strahlt nicht von sich, sondern sie wird angestrahlt, etwa in den Bildern, die in ein sogenanntes Kellerlicht getaucht sind. Da ist die Szenerie dann geradezu theatralisch mit Schlaglichtern, mit Scheinwerfern ausmodelliert und auch von den Bedeutungen ausdifferenziert. MUSIK: „Ascolta“ – C138761#010 - (1:33) ERZÄHLER Die punktuellen Helligkeiten und starken Kontraste lenken das Auge des Betrachters durch das Bild. Eine Handlung mag noch so kompliziert sein, kluge Lichtführung macht jedes Bild verständlich. Der Italiener Caravaggio gilt als Meister des Chiaroscuro, niemand vor ihm hatte solch eine Dramatik in der Malerei erreicht. Etwa um das Jahr 1600 malte Caravaggio „Die Berufung des heiligen Matthäus“. Eine Gruppe von Männern sitzt an einem Tisch, einige von ihnen zählen Münzen; es sind Zöllner. Von rechts nähert sich ein Fremder und zeigt auf den jungen Mann ganz links, am anderen Ende des Bilds. ERZÄHLERIN Es ist Jesus, der Matthäus zu seinem Jünger erwählt. Das Licht fällt schlaglichtartig von rechts auf die Männer, es lenkt den Blick vor allem auf ihre Gesichter und Hände, der Rest versinkt im Dunkeln. Das Gemälde befindet sich in der Kirche San Luigi dei Francesci in Rom, genau an dem Ort, für den es geschaffen wurde: an der linken Seite einer kleinen Kapelle. Durch ein Fenster über dem mittigen Altarbild fällt Tageslicht auf das Gemälde, und entspricht damit genau dem gemalten Licht im Bild. ERZÄHLER Das Besondere an dem Bild ist aber nicht nur die dramatische Lichtführung: Zum ersten Mal in der Kunstgeschichte wird eine heilige Handlung nicht in einem heiligen Rahmen oder in einer Ideallandschaft gezeigt, sondern in einer alltäglichen Stube. Das Fenster ist schmutzig, die Männer sind unordentlich gekleidet, manche nehmen nicht mal Notiz von dem Fremden. ERZÄHLERIN Es ist eine durch und durch profane, alltägliche Szenerie, und dann kommt auch noch das Licht im Bild aus der Welt des Betrachters. Ganz im Sinne der Gegenreformation ging es Caravaggio hier darum, den Menschen das göttliche Geschehen nahezubringen, es in ihre Welt zu tragen. ERZÄHLERIN Was wir bei der Betrachtung des Lichts in der Malerei immer mitdenken müssen: Was wussten die Maler überhaupt über das Licht und das Sehen? Im Altertum ging man wahlweise davon aus, dass das Auge einen Sehstrahl auswirft, der die Informationen über den Raum zurückwirft, oder aber, dass die Gegenstände über ihre Poren eine Art Strahlung aussenden, die in das Auge eindringt. Erst um das Jahr 1000 erkannte man den Zusammenhang zwischen Sehen und Licht. So richtig in Fahrt kommt das Wissen um das Sehen erst um das Jahr 1600.w 12 OT Maaz Das Wissen über Licht und Lichtbrechung wächst zunehmend, es entsteht die Optik... Und es wächst die technische Raffinesse, die Ferngläser, also es gibt schon im Mittelalter, im Spätmittelalter, die Brille, aber das, was an Beobachtungsmöglichkeiten hinzukommt um 1600, ist immens. Es gibt also ein stark wachsendes Interesse an der naturwissenschaftlichen Weltbeobachtung und deren Umsetzung in der Malerei. MUSIK: „Harmony of the spheres“ – CD06653#06 (1:03) ERZÄHLER Adam Elsheimers „Flucht aus Ägypten“ in der Alten Pinakothek in München steht beispielhaft für das Interesse der Maler an Licht, Physik, Wahrnehmung. In kühlem, fast bläulichem Weiß steht der Vollmond am Himmel und spiegelt sich in einem Gewässer. Dieser Mond ist so detailliert gemalt, dass man die Krater auf seiner Oberfläche erkennen kann. Auch der Rest des Nachthimmels ist für die Zeit außergewöhnlich detailreich: 1200 Sterne hat Elsheimer hier wiedergegeben, darunter mehrere bekannte Sternbilder und vor allem: die Milchstraße. Als milchig helles Band mit besonders hoher Sternendichte zieht sie sich quer über den Nachthimmel. 13 OT Maaz Und neben dem kosmischen Licht unten im Hintergrund ein Feuer, bei dem sich Menschen wärmen, mitten in der Nacht. Das ist die nächste Verfeinerungsstufe, wenn man so sagen kann, die verschiedenen Qualitäten, das kältere Sternenlicht und das wärmere Feuer. ERZÄHLERIN Das Bild ist eine Sternstunde der Kunstgeschichte in doppeltem Sinn: Elsheimer malte den Himmel so genau, dass Astrologen das Bild exakt datieren konnten: Es zeigt den Himmel über Rom am 16. Juni 1609 um 21.45 Uhr. Und: Elsheimer muss den Himmel durch ein Fernrohr gesehen haben, das erst ein Jahr zuvor in den Niederlanden erfunden worden war. Denn bei solch hellem Vollmond hätte er die Milchstraße mit bloßem Auge gar nicht sehen können. Der Barockmaler zeigt hier nicht nur was er sieht, sondern auch was er weiß und vor allem: was er kann. ERZÄHLER Bis hierhin könnte man den Eindruck gewinnen, die Kunstgeschichte kenne nur Nachtbilder. Dabei ist die Sonne die hellste Lichtquelle von allen. Keine Lampe, kein Feuer und kein Vollmond kann es mit ihrer Strahlkraft aufnehmen. Doch die Landschaft setzt sich erst im 17. Jahrhundert als Motiv durch, dazu musste sich die Malerei erst aus dem konfessionellen Kontext lösen. ERZÄHLERIN Einer der ersten Maler, der die Sonne ins Zentrum des Bildes rückt, ist der Franzose Claude Lorrain. Lorrain ist bekannt für heitere, idyllische Ideallandschaften, in denen es nie regnet. Eines seiner Bilder in der Alten Pinakothek zeigt einen Seehafen bei untergehender Sonne. Lorrain malt hier die Sonne selbst, sie ist zugleich Lichtquelle und Hauptmotiv. 15 OT Maaz Wir sehen ein Aufstrahlen am Firmament, wir sehen wie die See, die Architekturen, die Staffagefiguren, die Schiffe, die ferne Landschaft, wie alles ins Licht getaucht ist. Und er geht sogar noch weiter. Er zeigt auch die Spiegelung der Sonne auf dem Meer, bei Sonnenuntergang, bei Sonnenaufgang, also immer auch mit starken emotionalen Komponenten. ERZÄHLER Claude Lorrain ist der Meister des Lichtes schlechthin. Er ist allerdings nicht der einzige Maler, den man „Meister des Lichts“ nennt. Auch der britische Landschaftsmaler William Turner – ein großer Verehrer Lorrains – wird gern als „Maler des Lichts“ bezeichnet. Die Kunsthistorikerin Karin Althaus: 16 OT Karin Althaus Es ging ihm total um Malerei, Landschaft, um Wetter, um Wetterphänomene und eben auch um Licht und wie Licht in Farbe übersetzt werden kann. MUSIK: „Won‘t somebody see a lady home“ – C143243#001 (0:58) ERZÄHLERIN Turner interessierte sich für Licht und Luft in den unterschiedlichen Erscheinungsformen, für Wolken und Rauch, Staub und Ruß. Er malte das brennende Parlament in London, einen Schneesturm in den Alpen, Rauch ausstoßende Lokomotiven oder Dampfschiffe im Hafen. Er kannte viele optische Effekte, zum Beispiel, dass weit entfernte Gegenstände durch die Trübe der Atmosphäre bläulich erscheinen. Berühmt wurde Turner vor allem mit seinen späten Werken. Es sind Bilder, in denen sich die Formen langsam auflösen, Häuser, Brücken, Bäume und Menschen zerstäuben regelrecht im Licht. 17 OT Karin Althaus Vielleicht hat Turner als einer der ersten begriffen, wenn man Licht darstellen will, dass halt dann die Kontur eines Berges nicht mehr das zentrale ist, sondern wirklich das, was das Licht mit der Atmosphäre macht. MUSIK: „Run“ – C154752#106 (0:43) ERZÄHLER Maler lieben das Licht. Und zwar nicht nur den strahlend hellen Schein der Sonne oder spektakulär flackernde Fackeln in der Nacht. Auch über die warme Stube der Bürgerlichkeit lässt sich mit Licht erzählen. „Wohnzimmer mit Menzels Schwester“ heißt ein Ge…

    Full show notes at the publisher

    Rainer Erlinger - Eine Philosophie für den Alltag Dec 12, 2023
    Show notes

    Wie steht es um unsere Werte, den Umgang miteinander? Der Moralphilosoph Rainer Erlinger - bekannt geworden durch "Die Gewissensfrage" - versucht mit einem modernen Leitfaden für unsere Gesellschaft Antworten zu geben. (BR 2019) Autor: Florian Kummert CreditsAutor/in dieser Folge: Florian KummertRegie: Rainer SchallerEs sprachen: Ruth Geiersberger, Stefan Wilkening, Hans Jürgen StockerlTechnik: Adele KurdzielRedaktion: Bernhard Kastner Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Linktipps: Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ATMO a01 SPRECHER Sehr geehrter Herr Dr. Erlinger, ich ärgere mich, dass ich bei den sogenannten „Rispentomaten“ auch den Strunk und damit eigentlich Abfall zum Tomatenpreis kaufen soll. Daher suche ich im Supermarkt immer nach Tomaten, die schon vom Strunk abgefallen sind. Wenn die Menge nicht reicht, löse ich selbst welche vom Strunk. So wiege und bezahle ich nur Tomaten - und nicht das grüne Beiwerk. Ist das richtig? MUSIK m01 SPRECHERIN Tomaten und ein Hauch von Drumherum. Eigentlich eine kleine Frage, in der ein verschwindend geringer Betrag verhandelt wird. Nur einen winzigen Cent-Betrag spart der Fragesteller ein, indem er das Grünzeug nicht mit wiegt. Und doch ist genau das für Rainer Erlinger eine perfekte, weil vielschichtige Gewissensfrage. Soll man, darf man das Grünzeug bei den Rispentomaten abzupfen? OTON Rainer Erlinger 1 „Am Ende kann man sagen: ‚der hat das Recht dazu, das ist durchaus korrekt!‘ Und dann hab ich gemerkt: Aber trotzdem stimmt was nicht. Da find ich eben: Der mag zwar recht haben, aber möchte man in einer Gesellschaft leben, die so aufgebaut ist, dass die Menschen bei allem was sie tun, denken, ob sie das letzte 0,5 Cent noch für sich rausholen oder nicht? Und da hab ich erkannt zu sagen: ‚Nein!‘ Es ist wichtiger zu sagen, was ist das für ein Mensch, wie möchte man, dass die Gesellschaft aufgebaut ist und nicht ob diese einzelne kleine Geschichte jetzt richtig oder falsch ist.“ SPRECHER Eine moralphilosophische Antwort, mit einem kleinen ‚Ja‘ und einem großen ‚Nein‘. Rainer Erlingers Antwort bezieht sich auf einen jahrtausendealten Text und die dazugehörige Haltung: die Tugendethik des Aristoteles, verfasst im 4. Jahrhundert vor Christus. Nicht die einzelne Handlung steht hier im Vordergrund, das einzelne Richtig oder Falsch, sondern das gesamte Handeln als tugendhafter Mensch. Aristoteles sieht in der Tugend das richtige Verhalten in der Mitte zwischen zwei schlechten Extremen. Und wie im Beispiel der Tomaten bis in den kleinsten Cent-Bereich hinein auf seinen Vorteil zu achten, ist extrem. Soll das eine erstrebenswerte Haltung sein? Möchte man in einer Welt leben, in der alle Menschen so handeln? Rainer Erlinger will das nicht - und zieht dabei gerne den aristotelischen Gradmesser der Freundschaft heran: OTON Rainer Erlinger 2 Wenn man sich überlegen würde, möchtest du mit jemandem, der sich so verhält, befreundet sein? Und das ist plötzlich eine Frage, mit der man merkt, es geht mehr um den Menschen, um Haltung, der kann auch mal einen Fehler machen, der kann auch im Einzelfall falsch liegen, aber es geht um diese Haltung, die in der Antike eine große Rolle gespielt hat. Möchte ich so ein Mensch sein, möchte ich eine Gesellschaft, die auf solchen Menschen aufgebaut ist? MUSIK m02 SPRECHERIN Sehr geehrter Dr. Erlinger, ich bin Studentin und knapp bei Kasse. Nun habe ich eine Brieftasche gefunden, mit viel Bargeld. Habe aber alles zurückgeschickt. Doch meine Freunde meinten, ich hätte das Geld behalten sollen. Macht doch jeder! Ich sei ein „naiver Gutmensch“. Bin ich das? OTON Rainer Erlinger 3 Gutmensch ist natürlich ein ganz problematischer und schwieriger Begriff, weil man sieht, wie ein zweifelsfrei richtiger Begriff, ein guter Mensch, das ist ja was Richtiges und gut, wieder aus der antiken Ethik, da wollte man eigentlich ein guter Mensch sein. Das ist die Idee. Durch einfache Umbenennung in ‚Gutmensch‘ wird plötzlich was Negatives draus, und man sieht zum einen die Macht der Sprache, wie man einen Begriff kapern kann, ihn sogar umdrehen, ins Gegenteil, und wie man diese Idee, ich finde eine Geldbörse und schicke die zurück, natürlich lasse ich das Geld drinnen, ich würde sagen, das ist nicht ein guter Mensch, sondern das ist eigentlich selbstverständlich. SPRECHER So selbstverständlich waren die Antworten nicht immer bei Rainer Erlinger. Fast 17 Jahre lang - von 2002 bis Ende 2018 - hat er für das Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ seine Kolumne „Die Gewissensfrage“ verfasst. Mehr als 850 Texte kamen so zusammen, in denen er auf Fragen der Alltagsmoral und des Gewissens einging. Fragen, die keine eindeutige, klare Antwort hatten, sondern zu einem Abwägen einluden, zu einem intellektuellen Spiel der Möglichkeiten, oft verbunden mit einem passenden Zitat aus anderen Werken, meist Klassikern der Moralphilosophie. Aristoteles, Kant, aber auch Freud oder sogar ein Asterix-Band tauchten in den Texten auf. Die Kolumne hat Rainer Erlinger schließlich abgegeben, um sich verstärkt längeren Texten und seinen Büchern widmen zu können. Abhandlungen über die Höflichkeit, die Frage „Warum die Wahrheit sagen?“ und über „Moral - wie man richtig gut lebt“. Ein Gesamtbild, das sich aus der Arbeit an den über 15.000 eingesendeten Einzelfragen ergeben hat: OTON Rainer Erlinger 4 Ich hab mal das Bild gehabt: Das ist wie eine Schüssel unterm Schreibtisch, wo von jeder Frage was reingetropft ist, diese Essenz, dass ich die zusammenfassend darstellen wollte. SPRECHERIN Sozusagen die Tugendethik des Dr. Dr. Rainer Erlinger. 1965 wird er in Deggendorf geboren, besucht dort die Schule und fängt früh an zu schreiben, gibt die Schülerzeitung heraus und geht zum Studieren nach München. Er ist fasziniert von Jura und Medizin, beides lernintensive Studiengänge. Rainer Erlinger entscheidet sich … gar nicht, sondern studiert beides. Schließt erst Medizin ab, dann Jura. Und promoviert in beiden Fächern. Ein niederbayerisches Wunderkind also? OTON Rainer Erlinger 5 Nein, Wunderkind bin ich nicht. Ich bin nur tatsächlich jemand, wenn man’s böse formulieren würde, könnte man sagen, etwas zwanghaft, und wenn man es nett formuliert, bin ich einfach jemand, der, wenn er was angefangen hat, es auch gerne zu Ende bringt. Und zwar nicht nur aus diesem „Ich muss es unbedingt zu Ende bringen“, sondern ich hab das Ganze studiert, weil es mich interessiert und dann will ich auch den akademischen Abschluss zu Ende bringen, es sind ja beides Fächer, die man nie in dem Sinn zu Ende bringt, dass ich jetzt alles wüsste, aber dass ich zumindest einen Schlusspunkt setzen kann, bei dem was ich erfahren kann, und es hätte mich immer unglücklich gemacht, wenn ich nur einen Teilüberblick habe. SPRECHER Erlinger vermischt in seiner Arbeit beide Welten, Medizin und Jura, er wird Anwalt mit Schwerpunkt Medizinrecht, das sich generell mit ethischen Fragen beschäftigt, dem Beginn und dem Ende des Lebens oder der Autonomie des Menschen. Was darf man selbst bestimmen? Welche Verpflichtungen hat man gegenüber der Gesellschaft oder welche Verpflichtungen hat die Gesellschaft gegenüber dem Einzelnen? Neben seiner Anwaltstätigkeit rückt das Schreiben immer mehr in den Vordergrund. Und dabei entdeckt Erlinger die Welt der Philosophie, insbesondere der Moralphilosophie. Die trifft, wenn sie allgemeinverständlich erklärt und auf ihre Essenz destilliert wird, auf ein immer breiteres Interesse bei den Lesern. Für manche wird Erlinger zum ‚Moral-Papst‘, für andere zum ‚Moralapostel‘... OTON Rainer Erlinger 6 ‚Moralapostel‘ ist ein unschöner Begriff, wobei ich feststelle, dass viele Leute das oft gar nicht so böse meinen, sondern das eher so scherzhaft machen, aber natürlich stört mich das, weil der Moralapostel ist negativ konnotiert, ist einer der mit erhobenen Zeigefinger durch die Welt läuft und anderen Leuten das Leben schwer macht und auch dieses Übergenaue und Übermoralische, das möchte ich natürlich nicht sein. Aber ein moralischer Mensch bin ich schon auch gerne, weil ich das für richtig halte. SPRECHERIN Schon in den 1960er Jahren erkannte der Soziologe Niklas Luhmann, dass unsere Welt immer komplexer wird - eine Veränderung, auf die der Mensch reagieren muss. Die Komplexität hat in den vergangenen Jahrzehnten noch weiter zugenommen und mit ihr wächst eine Unsicherheit, gegen die Erlinger anschreiben will: OTON Rainer Erlinger 7 Wir haben die Unsicherheit im Großen, also wo geht die politische Gesellschaft hin? Wo geht die Politik insgesamt, wo geht die Welt hin? Ich glaube auch, dass es noch eine zweite gibt, die schon viel länger da ist: dass die Gesellschaft Regeln verloren hat. Also ich sag das mal ganz neutral: vor 50 oder vor 100 Jahren war im Leben alles geregelt. Die meisten haben das Leben ihrer Eltern fortgeführt, haben den Beruf ergriffen, haben vielleicht den Hof übernommen oder das Geschäft übernommen, oder sind in dieselbe Lehre gegangen. Und wie man sich verhält, war vorgegeben von den Eltern, von der Gesellschaft, von der Kirche. Das ist alles weggefallen, größtenteils. Die meisten machen ein ganz anderes Leben, leben woanders, haben einen Beruf… oft ist es so, die Eltern können nicht mal mehr genau beschreiben, was die Kinder eigentlich als Beruf machen. Und plötzlich ist alles offen und da ist ein Verlust an Regelung, an Regeln. Man kann nicht komplett ohne Normen, ohne ein Regelwerk wie man zusammenlebt ein Leben oder eine Gesellschaft bilden. Deswegen müssen dann neue Regeln gesucht werden, und das sind die Moral, die Ethik, das Reflektieren. Was ist richtig, was ist falsch? Und eben das Fragen und das Neu-Suchen. ATMO a02 und MUSIK m02 SPRECHERIN Bis zu 100 Suchende pro Woche schickten ihre Gewissensfragen an Rainer Erlinger. Ein beliebtes Themengebiet: Kinder. SPRECHER Dürfen wir meinem Bekannten und seiner Frau sagen, dass uns deren dreieinhalbjähriger Sohn auf die Nerven geht, wenn wir uns sehen? Oder ist das unter Freunden tabu und wir müssen alles ertragen, was Kinder in diesem Alter eben so tun? SPRECHERIN Antwort: Der Mensch ist ein vernunftbegabtes Wesen, was uns nicht nur Kant klargemacht hat. Entsprechend sollten wir uns verhalten. Sie, indem Sie nicht sagen, dass Ihnen das Kind auf die Nerven geht und damit ihren Freund kränken; stattdessen besser, dass Sie einfach nicht so viel mit Kindern anfangen können. Und ihr Freund, indem er Ihnen zukünftig nicht die volle Dosis Kind zumutet. ATMO a04 SPRECHER Weiteres Themengebiet: die Nachwehen von Beziehungen. SPRECHER Vor vier Monaten trennte sich meine Freundin nach fünf Jahren von mir. Nun sind wir uns zum ersten Mal wieder auf einer Party begegnet und haben uns nur knapp begrüßt. Als sie später sah, wie ich eine andere Frau küsste, verließ sie sofort wütend die Feier. Ich bekam ein schlechtes Gewissen und wollte mich bei ihr entschuldigen. Muss ich das? MUSIK m02 SPRECHERIN Antwort: Sie sind ein freier Mann und dürfen küssen, wen Sie wollen. Eine Entschuldigung ist also nicht notwendig. Was aber nicht bedeutet, dass es vollkommen richtig war, vor den Augen der Ex eine andere Frau zu küssen. Man könnte es als eine Frage des Stils ansehen, oder des Rücksichtsgebots. So wirkt das wie ein in Richtung der Ex gebrülltes „ICH KANN TUN, WAS ICH WILL!!!“ mit drei Ausrufezeichen. Eine vielleicht berechtigte, aber keine schöne Art der Kommunikation. SPRECHER Die Frage, die Rainer Erlinger wohl am häufigsten gehört hat, lautet: Sagen Sie mal, sind die Gewissensfragen wirklich alle echt, das kann doch gar nicht sein?! OTON Rainer Erlinger 8 (Lacht) Die kommt so häufig … ich kann’s gar nicht mehr zählen, die kommt tatsächlich auch … das ist die Partyfrage, Ach du machst die Gewissensfrage, was mich schon lange interessiert … in dem Moment sag ich, ja sie sind alle echt …! Ich warte die Frage gar nicht mehr ab, die kommt immer wieder, und dann: ja die Fragen sind ja so komisch, sag ich, ja, ich find’s schon fast eine Beleidigung zu sagen, die sind so schräg, dass du sie dir ausdenkst, nein, also ich käme auf so viele Fragen gar nicht, und ich finde das Schöne an diesen Fragen ist, dass sie oft ´ne Kante haben, wo man merkt, das ist jetzt nicht der glatte Lehrbuchfall, sondern da ist irgendwas, wo es nochmal schwierig wird und wo etwas drin ist, was sich der glatten Lösung widersetzt. SPRECHER Ich bin seit kurzem arbeitslos. Meine 82jährige Mutter würde sich darüber sehr grämen, daher möchte ich sie in ihren letzten Lebensjahren von dieser schlechten Nachricht verschonen und ihr meine Arbeitslosigkeit verheimlichen. Kann dies als Notlüge durchgehen oder muss ich ehrlich sein? SPRECHERIN Erlinger empfiehlt auf die Notlüge zu verzichten, wenn das Verhältnis zur Mutter eng und vertrauensvoll bleiben soll. Der Umgang mit Lüge und Wahrheit: ein Themengebiet, das im Lauf der Jahre immer mehr Zuschriften hatte. Einer der zentralen Punkte unserer Alltagsmoral und von den christlichen 10 Geboten dasjenige, das am häufigsten gebrochen wird: SPRECHER Du sollst nicht lügen! MUSIK m03 SPRECHERIN Kirchenvater Augustinus hielt es in seiner Abhandlung „De mendacio - Über die Lüge“ Ende des 4. Jahrhunderts dabei sehr streng. Egal wie leicht oder schwer die Lüge ausfiel, sie war verboten. Ohne ‚Wenn‘ und ‚Aber‘. Denn für Augustinus war jede Wahrheit ein Abbild der ewigen Wahrheit Gottes. Wer lügt, entfernt sich Augustinus zufolge von Gott und nähert sich dem Teufel an. Genauso streng hielt es Immanuel Kant mit seinem Lügenverbot, das Erlinger wie auch bei Augustinus über weite Strecken bewundert. Allerdings nicht uneingeschränkt. Denn sogar beim Extrembeispiel „Darf man einen Mörder belügen, der fragt, wo sich sein Opfer versteckt hält?“ sagt Kant: nein, man darf nie lügen …! OTON Rainer Erlinger 9 … Aus sehr logischen und klaren und wunderschönen Gründen, aber an der Stelle finde ich opfert er den Menschen dem Prinzip und das halt ich nicht für richtig. Ich bin wirklich ein Gegner von Lüge und ein Anhänger der Wahrhaftigkeit und des Ehrlichseins. Aber ich bin kein Anhänger eines zwanghaften ‚immer die Wahrheit-Sagens‘ und auch ‚immer Alles-Sagens‘. Ich muss, wenn mir ein Geschenk nicht gefällt, das dem Schenker nicht sagen. Wenn man irgendwo eingeladen ist und hat keine Lust hinzugehen, außer bei einem sehr guten Freund, der wirklich alles versteht, dem sagt man ‚du ich hab heut keine Lust, ich bleib lieber zu Hause!‘. Aber anderen Leuten sagt man nicht, ‚ich hab keine Lust zu Ihnen zu kommen, da ist es immer langweilig und das Essen schmeckt nicht!‘, sondern man sagt, ‚ich kann leider nicht kommen‘. Punkt. Und das ist auch richtig so. Es ist nicht nötig, das Gegenüber in dieser Situation auch noch zu kränken. Deswegen gibt es Situationen, in denen das Lügen sinnvoll ist, gesellschaftlich sinnvoll, um einfach ein Miteinander zu ermöglichen. Nur muss man sehr scharf und genau trennen, davon, ob auf dieser Lüge etwas aufbaut. In dem Moment, in dem etwas aufbaut, sei es in einer Beziehung, in einem Zusammenarbeiten, in der Politik, in der Gesellschaft, dann beginnt man damit zu manipulieren oder beginnt ein falsches Fundament zu schaffen, auf dem dann nichts Richtiges mehr funktioniert, und da muss man die klare Trennlinie setzen. MUSIK m05 SPRECHER Beim größten aller Dramatiker, William Shakespeare, findet Rainer Erlinger die unterschiedlichen Facetten des Phänomens Lüge. In Othello etwa. Aus Rache strickt dort der Schurke Jago ein Netz aus Lügen und Intrigen mit einem Ziel: die Lügen sollen bewusst dem belogenen Othello schaden. SPRECHERIN Anders dagegen die Lügen, die König Lear von seinen Töchtern aufgetischt werden. Sie erzählen und versprechen ihm, dass sie nur ihn lieben, mehr als alle anderen auf der Welt, mehr als die eigenen Ehemänner. Das ist gelogen, denn nachdem ihnen Lear sein…

    Full show notes at the publisher

    Der Mord an JFK - Trauma und Verschwörungsmythos Dec 11, 2023
    Show notes

    Am 22. November 1963 wird US-Präsident John F. Kennedy bei einer Wahlkampfveranstaltung in Dallas, Texas erschossen. Der Mord wird zum Trauma für eine ganze Nation und zeigt die Verletzlichkeit der amerikanischen Demokratie auf. Zudem bleiben Zweifel: wer hat JFK wirklich erschossen? War es der Einzeltäter Lee Harvey Oswald, oder fand hier ein diabolischer Staatsstreich statt? Viele Ungereimtheiten werden zum Nährboden für zahlreiche Verschwörungsmythen. Autor: Florian Kummert CreditsAutor/in dieser Folge: Florian KummertRegie: Christiane KlenzEs sprachen: Ditte Ferrigan, Peter VeitTechnik: Monika GsaengerRedaktion: Thomas Morawetz Im Interview:Dr. Andreas Etges, LMU München und Kennedy-Experte Linktipps: Hintergründe zum Kennedy-Attentat22.06.1964 ∙ Panorama ∙ Das ErsteLane, der Verteidiger des Kennedy-Mörders Oswald, über die angeblich wahren Hintergründe des Attentats auf Kennedy.JETZT ANSEHEN US-PRÄSIDENTEN IN DER KRISE: Richard NixonALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSENWann geht ein US-Präsident in die Geschichtsbücher ein als "guter" - oder als "schlechter" Präsident? Bei Richard M. Nixon, der den "Watergate-Skandal" zu verantworten hat, ist die Sache gar nicht so klar. Von Florian Kummert (BR 2014)JETZT ANHÖREN Lost in Nahost - Der Podcast zum Krieg in Israel und GazaBR24Wenn ihr manchmal lost seid und einen Überblick braucht über das, was da gerade im Nahen Osten passiert, empfehle ich euch den neuen Podcast “Lost in Nahost”. Da geht es um den Krieg in Israel und Gaza. Und zwar so, dass wir alle verstehen, wer welche Rolle spielt, welche Player in der Region wichtig sind - und wann und wie das alles überhaupt angefangen hat.ZUM PODCAST Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de. RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ZUSPIELUNG 1a (Titelmelodie Tagesschau) Präsident Kennedy ist heute Abend um 20 Uhr mitteleuropäischer Zeit an den Folgen eines Attentats gestorben. Ein bisher noch unbekannter Mann hat mehrere Gewehrschüsse auf ihn abgefeuert. MUSIK 1 (Z8037020118 Alan Filip/Mac Prindy: Traumatic Drone 1’15) ERZÄHLERIN Die Tagesschau vom 22. November 1963. Während der Sendung erreicht die Redaktion die Eilmeldung: US-Präsident John F. Kennedy ist tot. Sprecher Karl-Heinz Köpke verkündet der deutschen Fernsehnation die tragische Nachricht: ZUSPIELUNG 1b Das Weiße Haus in Washington teilte mit, dass Präsident Kennedy einer durch eine Kugel verursachten Gehirnverletzungen erlegen ist. ERZÄHLERIN In den USA kommt das öffentliche Leben zum Stillstand. Der Tod des Präsidenten trifft die Öffentlichkeit wie ein Schock. Wer kann, verlässt den Arbeitsplatz und verfolgt am Fernseher oder Radio die Berichterstattung über das Attentat. ZUSPIELUNG 2a (Radioaufnahme 1963, Quelle: JFK Museum, frei verwendbar) President Kennedy has been assassinated. It’s official now, the president is dead. ERZÄHLERIN Reportagen aus Dallas, Texas, von Journalisten, die vor dem Krankenhaus stehen, in das Kennedy eingeliefert wurde. Weinende Menschen, Trauer überall, Fassungslosigkeit. Momente, die sich ins kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation einbrennen. ZUSPIELUNG 2b The picture here is grief, and much of it. OTON Andreas Etges 1a Die Ermordung hat tagelang die Medien bestimmt. Es gab eine 24 Stunden Berichterstattung, aber auch international ist die Wirkung enorm. Menschen auf der ganzen Welt trauern. Studierende der Freien Universität Berlin organisieren einen Trauermarsch mitten in der Nacht in Berlin, und viele Tausende Menschen kommen zum Rathaus Schöneberg, wo Kennedy Monate vorher gesprochen hatte. ERZÄHLERIN Sagt Dr. Andreas Etges, Historiker und Amerikanist von der LMU München und ausgewiesener Kennedy-Experte. Für ihn ist der 22. November 1963 vor allem rückwirkend ein einschneidender Tag für die US-Geschichte. Der Mord an JFK, dem die tödlichen Schüsse auf Martin Luther King und auf Robert Kennedy folgen sollten. OTON Andreas Etges 1b Also die unmittelbare Wirkung der Ermordung: Wie kann das passieren? Und was bedeutet das? Und im Nachhinein auch die Wirkung dessen, was dann alles danach kam, die dann auf diesen Tag zurückprojiziert wurde. Auch wenn ich das für eine problematische Idee halte: Amerika hat seine Unschuld verloren. Nur war Amerika auch vorher schon in gewissen Fällen durch die CIA oder Kriege auch mit schuldig geworden, in gewisser Weise. Aber das ist ein Moment, wo auch ein Stück weit das amerikanische Selbstbild einen Kratzer erhält. MUSIK 2 (CD666410001 John Williams: Prologue 0‘37) ERZÄHLERIN Nur 1036 Tage dauert seine Präsidentschaft: John Fitzgerald Kennedy. Erst 43 ist er, als er ins Weiße Haus einzieht. Der jüngste gewählte Präsident der Vereinigten Staaten wird zu einem fast royalen Vorbild für die Massen. Ein Politiker, der den Traum eines modernen, eines besseren Amerika verkörpert, mit Charme und der Gabe, in rhetorisch ausgeklügelten Reden, das Publikum miteinzubeziehen und an das gesellschaftliche Engagement zu appellieren. Zuspielung 3 O-Ton John F. Kennedy (JFK Museum, frei verwendbar) "And so, my fellow Americans, ask not what your country can do for you - ask what you can do for your country." ZITATOR „Meine amerikanischen Landsleute, fragt nicht, was euer Land für euch tun kann. Fragt vielmehr, was ihr für euer Land tun könnt.” OTON Andreas Etges 2 „Wobei der Satz noch weitergeht. Die meisten vergessen ihn. Fragt nicht, was Amerika für euch tun kann, sondern was wir gemeinsam, also alle Länder dazu tun können, die Welt besser zu machen. Also auch der Appell an die Welt. Ganz zentral für Kennedys Wirkung in den ersten Jahren ist die Aufbruchstimmung, die mit seinem Amtsantritt verbunden ist. Da kommt jetzt jemand, der Leute mitnimmt, der Leute auch dazu aufruft, ihr könnt alle euren kleinen Beitrag dazu tun, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Das hat ein ganzes Stück weit in den USA und auch in Ländern wie Deutschland funktioniert, gerade bei der jungen Generation.“ MUSIK 3 (CD666410008 John Williams: The Conspirators 0‘55) ERZÄHLERIN Kritischer sind die Hardliner im Regierungsapparat, die Falken, die in Krisenzeiten eher auf Angriff und Machtdemonstrationen setzen als auf Besonnenheit. Und Krisen erlebt Kennedy in seiner Amtszeit einige. Den Bau der Berliner Mauer, die Panzerkonfrontation am Checkpoint Charlie, und - quasi vor der eigenen Haustüre - das Problem um Kuba und das Regime von Fidel Castro. Erst scheitert die Schweinebucht-Invasion von Söldnertruppen der rechts-konservativen Exil-Kubaner, heimlich unterstützt durch die CIA, von der sich der Präsident bewusst hintergangen fühlt. Als Folge feuert er CIA-Direktor Allen Dulles und dessen Stellvertreter. Dann kommt es - im Oktober 1962 - zur gefährlichsten Konfrontation des Kalten Krieges: in der Kuba-Krise. Durch eine Seeblockade zwingt Kennedy die Sowjetunion ihre heimlich auf Kuba stationierten, nuklear bestückten Raketen wieder abzuziehen. Als Gegenleistung willigt Kennedy ein, keine weitere Invasion von Kuba zu planen, sehr zum Missfallen der Hardliner. MUSIK 4 (Z9338166213 Nina Simone: Young, Gifted And Black 0‘05) Innenpolitisch wird die Debatte um die Bürgerrechtsbewegung immer virulenter. Im Juni 1963 kündigt der Präsident ein Gesetz an, das die Rassentrennung in den ganzen USA abschaffen soll. Im Kongress scheitert er aber an den Mehrheiten konservativer Südstaaten-Politiker aus beiden Parteien. MUSIK 5 (CD847750004 Joan Baez: We shall Overcome 0‘25) ERZÄHLERIN Die Südstaaten, dort fallen für Kennedy die Umfragewerte massiv. 1964 will sich Kennedy zur Wiederwahl stellen, also macht sich JFK mit seiner Frau Jacqueline und dem Vize-Präsidenten, dem Texaner Lyndon Johnson, auf Wahlkampf-Reise durch Texas. Dort gibt es regelrechte Hasskampagnen gegen Kennedy. Poster mit dem Konterfei des Präsidenten tauchen auf, die ihn in Form eines Steckbriefs wegen Hochverrats anklagen wollen. MUSIK 6 (Z8037020101 Alan Filip/Mac Prindy: Drama Pulse 1‘13) ERZÄHLERIN Am Morgen des 22. November spricht Kennedy in Fort Worth, dann fliegt die Air Force One nach Dallas. Vom Flughafen aus fährt die Wagenkolonne durch die Innenstadt von Dallas. Die Straßen sind vollgepackt mit Leuten, die dem Wagen des Präsidenten zujubeln. Eine offene Limousine, ohne Verdeck. Kennedy auf der Rückbank, neben ihm im rosa Kostüm die First Lady, Jackie Kennedy. Direkt vor Kennedy sitzt der Gouverneur von Texas, John Connelly, begleitet von dessen Ehefrau Nellie. 12 Uhr 29. Die Limousine des Präsidenten biegt rechts ab, auf die Houston Street und nähert sich dem Texas School Book Depository, einem mehrstöckigen Haus, in dem Büros und das Schulbuchlager untergebracht sind. Nellie Connelly dreht sich zu Kennedy um und sagt: „Mister President, Sie können nicht sagen, dass Dallas Sie nicht liebt.“ Kennedy antwortet: „Nein, das kann ich wirklich nicht.“ Es sind seine letzten Worte. Um 12 Uhr 30 biegt das Auto vor dem School Book Depository in die Elm Street ein, eine 120-Grad-Kurve, bei der die Limousine stark abbremsen muss. Kennedy winkt den Leuten in der Elm Street zu… ATMO Schuss ERZÄHLERIN …da fällt der erste Schuss. Er verfehlt das Auto. Kennedy reagiert auf das Geräusch und hört auf zu winken. ATMO Schuss ERZÄHLERIN Der zweite Schuss, wenige Sekunden später. Er trifft den Präsidenten in Hals und Kehle. Kennedy hebt die Arme. Wegen einer Rückenerkrankung trägt er ein Stützkorsett und bleibt aufrecht sitzen. Jackie Kennedy will sich zu ihrem Mann beugen, in dem Moment trifft die dritte Kugel. ATMO Schuss ERZÄHLERIN Sie durchschlägt Kennedys Kopf. Chaos bricht aus. Die Limousine ist voller Blut. Gouverneur Connelly ist ebenfalls getroffen und schwer verwundet. Jackie Kennedy versucht rückwärts aus dem Auto aufs Heck zu klettern. Ein Secret Service Agent, der hinter dem Wagen läuft, hält sie auf, dann rast der Wagen davon, in Richtung Parkland Memorial Hospital. Dort wird, um 13 Uhr Ortszeit, der 35. Präsident der Vereinigten Staaten für tot erklärt. ATMO ZUSPIELUNG 4 Polizeisirenen / Polizeifunk vom 22.11.63 (Quelle: JFK Museum, frei verwendbar) ERZÄHLERIN Polizeifunk-Aufnahmen vom 22. November 1963 aus Dallas, archiviert in der John F. Kennedy Presidential Library and Museum. Kurz nach dem Attentat melden sich Augenzeugen, die gesehen haben, wir aus dem Schulbuchlager geschossen wurde, aus einem Eckfenster im fünften Stock. Bereits 80 Minuten nach den Schüssen verhaften Polizisten den Hauptverdächtigen: einen Mitarbeiter des Schulbuchlagers, den 24jährigen Lee Harvey Oswald, der seit einem Monat in den Räumlichkeiten arbeitet. Im fünften Stock des Gebäudes finden Beamte ein Jagdgewehr samt Patronenhülsen, es soll von Lee Harvey Oswald per Katalog bestellt worden sein, unter einem Pseudonym. ATMO Gewehr wird nachgeladen, Klacken ERZÄHLERIN Oswald wird stundenlang verhört. Ohne Anwalt. Notizen des Verhörs gibt es nicht. Der Verdächtige weist jegliche Schuld von sich, sagt, er sei nur ein Sündenbock. Kurz nach Mitternacht gibt es eine Pressekonferenz im Versammlungsraum der Polizei. Unter die Reporter mischt sich auch ein 52jähriger Nachtklub-Besitzer aus Dallas: Jack Ruby. Am Sonntagvormittag, den 24. November, soll Lee Harvey Oswald in ein anderes Gefängnis überstellt werden. Im Keller des Polizeipräsidiums steht ein Wagen bereit. Der Raum ist voller Reporter und Polizisten. Als Oswald in Handschellen zum Auto geführt wird, bildet sich eine Gasse, um ihn durchzulassen. Plötzlich stürmt Jack Ruby nach vorne und schießt Oswald mit einem Revolver in den Bauch. Der stöhnt auf und fällt tödlich verletzt zu Boden. Ruby wird festgenommen und später des Mordes für schuldig gesprochen. Er wollte ein Held sein, sagt er. 1967 stirbt Jack Ruby im Gefängnis an Krebs. ATMO Beerdigung JFK, Trommler (Quelle: JFK Museum, frei verwendbar) ERZÄHLERIN Lee Harvey Oswald wird erschossen, während der Trauermarsch für den ermordeten Präsidenten durch die Straßen der Hauptstadt Washington D.C. zieht. Auch hier brennen sich ikonographische Momente ins Gedächtnis vieler Menschen ein: Jackie Kennedy, die 34jährige Witwe in ihrem schwarzen Kostüm samt Schleier. Daneben die beiden kleinen Kinder: Caroline, die das gerahmte Foto ihres Vaters in der Hand hält, und John Junior, der an diesem Trauertag drei Jahre alt geworden ist. Als der Sarg an ihm vorbeizieht, legt er die Hand zum letzten Salut an die Stirn. Momente, so Kennedy-Experte Andreas Etges, die stark von Jackie Kennedy gesteuert wurden. OTON Andreas Etges 3 „Wo der Junge salutiert. Wenn man sich ein paar Sekunden vorher die Filmszene anguckt, dann beugt sie sich zu ihm runter, flüstert ihm was ins Ohr und dann geht er zwei Schritte vor und salutiert, als der Sarg vorbeikommt. Also Jackie Kennedy ist sich ganz stark der Bilder bewusst. Und auch die Idee oder der Begriff Camelot, also der mythische Hof von König Artus, mit dem die Kennedy-Präsidentschaft oft verglichen wird. Den hat keiner während der Amtszeit von Kennedy benutzt. Jackie Kennedy verwendet diese Idee zum ersten Mal in einem berühmten Interview mit einem Life-Journalisten, ein paar Tage nach der Ermordung, und dann vergleicht sie die Amtszeit mit Camelot. Und so einen Moment, sagt sie, wird Amerika nie mehr erleben. Also sie ist von der ersten Sekunde dabei, am Mythos ihres Mannes zu arbeiten und den auch später ganz massiv gegen Kritik zu verteidigen.“ ATMO Gewehr wird nachgeladen, Klacken ERZÄHLERIN Und Lee Harvey Oswald? Ist er nun derjenige, der den Präsidenten erschossen hat? Die Ermittlungen richten sich auf Oswald als Einzeltäter. Eine eigenwillige Gestalt, ein Heimkind, dem Psychiater bereits in der Jugend eine gestörte Persönlichkeitsstruktur attestieren. Mit 17 bricht er die Schule ab und geht zu den US-Marines, wo er zum Radartechniker und Scharfschützen ausgebildet wird. Als angeblich bekennender Marxist lebt er einige Jahre in der Sowjetunion, ehe er 1962 nach Texas zieht. Er abonniert kommunistische Zeitungen und engagiert sich für Fidel Castros Politik, bemüht sich sogar um ein Visum für Kuba. War er also bekennender Castro-Anhänger, oder war alles nur Fassade? MUSIK 7 (CD666410006 John Williams: Garrison’s Obsession 0‘55) ERZÄHLERIN Kennedys Nachfolger Lyndon Johnson setzt eine Kommission ein, die das Attentat und die Umstände untersuchen soll: die siebenköpfige Warren Kommission, benannt nach dem Obersten Verfassungsrichter Earl Warren, der sie leitet. Weitere Mitglieder: der Abgeordnete und spätere US-Präsident Gerald Ford, sowie - eine umstrittene Personalie - Allen Dulles, der frühere CIA-Direktor, der von Kennedy gefeuert wurde. Nach zehnmonatiger Arbeit kommt die Warren Kommission zu ihrem Endergebnis: Lee Harvey Oswald hat als Einzeltäter agiert und war nicht Teil einer größeren Verschwörung, er hat die drei Schüsse abgefeuert und den Präsidenten getötet. OTON Andreas Etges 4 „Relativ schnell gibt es große Kritik an diesem Warren-Report. Zurecht, denn vieles ist bei den Ermittlungen falsch gegangen. Wir wissen auch heute, dass das FBI, die Bundespolizei, und auch die CIA, der Geheimdienst, gar kein Interesse daran haben, dass genau ermittelt wird. Nicht, weil sie in die Ermordung irgendwo involviert sind oder da Verschwörer sind, sondern weil sie eine ganze Menge illegale Aktivitäten zu verstecken haben und auch Fehler im Schutz des Präsidenten, die sie verbergen wollen. Wir wissen heute, dass Lyndon Johnson der Untersuchungskommission den geheimen Auftrag gibt: Macht Oswald zum Einzeltäter. Warum? Nicht, weil er selber involviert war, sondern Lyndon Johnson hat Angst. Was wäre denn, wenn tatsächlich die Kubaner oder sogar die Sowjetunion involviert sind? Dann gibt es Krieg, und dann werden Millionen Menschen sterben.“ MUSIK 8 (Z8037020111 Alan Filip/Mac Prindy: Micropulse 1‘15) ERZÄHLERIN Wer war also involviert und wer nicht? Wer hat bei den Mordermittlungen welche Agenda? Bei kaum einem anderen The…

    Full show notes at the publisher

    Previous 1 110 111 112 113 114 221 Next

    Related Podcasts

    Making Sense with Sam Harris

    1

    Making Sense with Sam Harris Education
    Grammar Girl

    2

    Grammar Girl Education
    Good Life Project

    3

    Good Life Project Education
    Explain It to Me

    4

    Explain It to Me Education
    Team Never Quit

    5

    Team Never Quit Comedy
    Optimal Living Daily – Personal Development and Self-Improvement

    6

    Optimal Living Daily – Personal Development and Self-Improvement Alternative Health
    footer-logo

    Contact Us

    Toll Free: 844-670-7747

    Links

    • Home
    • Top Charts
    • Networks
    • Apps
    • Independents Podcasts
    • Podcast Advertising
    • Podcast News
    • Contact Us
    • About Us
    • Analytics & Insights

    Stay Connected

      Privacy, Terms of Use & Our Code of Ethics Protecting Content Creators Copyrights