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    Latest Episodes:
    Vergebung als Chance - Ein Prozess der inneren Aussöhnung Dec 31, 2023
    Show notes

    Wenn Beziehungswunden nicht heilen, können sie unser ganzes Leben verdunkeln. Die Verwundungen des Lebens holen uns immer wieder ein. Ein Plädoyer für echte Vergebung. (BR 2015) Autorin: Elke Worg

    Credits
    Autor/in dieser Folge: Elke Worg
    Regie: Christiane Klenz
    Es sprachen: Katja Amberger, Anna Greiter, Peter Veit
    Technik: Siglinde Hermann
    Redaktion: Bernhard Kastner

    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

    Eine besondere Empfehlung der Redaktion:

    EINE GUTE ENTSCHULDIGUNG | Wie ihr richtig um Verzeihung bittet
    ARD alpha
    Ihr habt etwas verbockt und eine Entschuldigung ist angebracht? Wir haben Beispiele und Tipps, wie ihr euch richtig entschuldigt und um Verzeihung bittet - und wann ihr auch selbst Fehler verzeihen solltet.
    ZUM ARTIKEL

    Literaturtipps:

    Brachtendorf Johannes/Herzberg Stephan: Vergebung. Philosophische Perspektiven auf ein Problemfeld der Ethik, mentis Verlag, Münster.

    Wardetzki, Bärbel: Nimm’s bitte nicht persönlich. Der gelassene Umgang mit Kränkungen, Kösel, München.

    Wolfers, Melanie: Die Kraft der Vergebung. Wir wir Kränkungen überwinden und neu lebendig werden, Herder, Freiburg.

    Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.
    RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:
    ARD Audiothek | RadioWissen
    JETZT ENTDECKEN



    Die Geschichte der Stadt - Urbanes Leben als Motor der Gesellschaft Dec 29, 2023
    Show notes

    Wer es im Mittelalter in die Stadt schaffte, ließ die Leibeigenschaft des bäuerlichen Daseins zurück. Die Entwicklung der mitteleuropäischen Städte bedeutete eine massive Veränderung. Autorin: Renate Eichmeier (BR 2016) CreditsAutorin dieser Folge: Renate EichmeierRegie: Christiane KlenzEs sprachen:Rahel Comtesse, Detlef KügowTechnik: Regina StaerkeRedaktion: Nicole Ruchlak Im Interview:Prof. Dr. Friedrich Lenger, Dr. Jörg Schwarz Literaturtipps: Jörg Schwarz: Stadtluft macht frei. Leben in der mittelalterlichen Stadt. Darmstadt 2008. Friedrich Lenger: Metropolen der Moderne. Eine europäische Stadtgeschichte seit 1850. München 2013. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: ERZÄHLER: Es war um 1200 im norddeutschen Tiefland an der Senke zwischen dem Teltower und dem Barnimer Hügelland. Da reisten von Ferne Handelskaufleute an, die sich inmitten von Sümpfen und Wäldern niederließen. Auf den trockenen Sandflächen beiderseits des Flusses Spree gründeten sie zwei Kaufmannssiedlungen. Eine davon war Berlin, die andere Cölln. Die Siedler versprachen sich von der zentralen Lage einen prosperierenden Handel - und ihre Rechnung ging auf. Die Markgrafen von Brandenburg verliehen den beiden aufstrebenden Marktplätzen das Stadtrecht: Die Berliner und die Cöllner bekamen damit das Recht, Zölle zu erheben und durchreisende Händler zu verpflichten, ihre Waren auf den lokalen Märkten anzubieten, und sie bekamen auch das Recht auf Besitz und auf Selbstverwaltung ihrer Siedlungen - bürgerliche Freiheiten, die für die feudale Gesellschaft des Mittelalters revolutionär waren und für einen regelrechten Wirtschaftsboom sorgten: Es wurde investiert, gebaut, gehandelt. Musik aus Innerhalb weniger Jahrzehnte stiegen die kleinen Siedlungen zu bedeutenden Handelsplätzen auf. Die Bürger kamen zu Wohlstand, planten den Ausbau ihrer Städte und legten neue Siedlungsgebiete an. Ansehnliche Bürgerhäuser prägten das Stadtbild, die Nikolai- und die Marienkirche und die Stadtmauer wurden gebaut und auch Rathäuser mit großen Markthallen, in denen Tuche aus Flandern gehandelt wurden, Heringe aus der Ostsee, Salz aus Halle … ERZÄHLERIN: In solchen und ähnlichen Verläufen liegt der Ursprung unserer mitteleuropäischer Städte und Metropolen. Gemeint sind damit nicht nur die pittoresken Altstadtviertel, die im Mittelalter gegründet wurden und die vielerorts zum Flanieren einladen. Gemeint ist damit auch das urbane Leben, das sich ab dem 12. Jahrhundert in Mitteleuropa entwickelte: MUSIK Opening mit florierenden Marktplätzen, beruflicher und gesellschaftlicher Vielfalt und den emanzipatorischen Bestrebungen ihrer Bewohner. Im 11. und 12. Jahrhundert soll sich die Zahl der Städte in Mitteleuropa verzehnfacht haben. Die von den Römern gegründeten Städte waren ab dem 4. Jahrhundert verfallen. Erst Jahrhunderte später kam das urbane Leben in Mitteleuropa wieder in Schwung, als landwirtschaftliche Neuerungen wie die Dreifelderwirtschaft für einen Überschuss an Lebensmitteln und damit für ein rapides Bevölkerungswachstum sorgten. ERZÄHLER: Trier, Köln, Mainz, Regensburg, Augsburg … ERZÄHLERIN: Die alten römischen Städte erwachten zu neuem Leben. Und neue Städte wurden gegründet: ERZÄHLER: Freiburg im Breisgau, Leipzig, Lübeck, Berlin und Cölln … ERZÄHLERIN: In den Städten wurde gehandelt, gebaut, gezimmert, gegerbt, gebacken ... Die wachsende Bevölkerung musste versorgt, neuen Bedürfnissen Genüge getan werden. Neue Berufe entstanden. Neue gesellschaftliche Schichten etablierten sich. Musik aus Urbanes Leben entwickelte sich, dynamisch und vielfältig, so der Münchner Historiker Jörg Schwarz. O-TON 1 Schwarz 26'': Dieses urbane Leben bildet sich im Laufe des Mittelalters, also doch eines sehr langen Zeitraumes aus, peu à peu. Es ist sicher am Anfang noch nicht so sehr spezialisiert und in sich differenziert und wird dann aber immer mit der wachsenden Bevölkerungszahl, mit der Notwendigkeit auch zu Individualisierung, Spezialisierung differenzierter. Immer mehr Handwerkszweige bilden sich aus, werden professioneller. MUSIK Glasperlenspiel ERZÄHLER: Bäcker, Knochenhauer, Müller, Schlachter, Baumeister, Zimmermann, Steinmetz, Gerber … ERZÄHLERIN: Handwerker und Händler waren die vorherrschenden Berufsgruppen. Die städtische Oberschicht entstand aus reichen Handelsfamilien und ehemaligen Ministerialen, die als Verwaltungsbeamte adeligen oder geistlichen Stadtherren gedient hatten. Sie war streng hierarchisch gegliedert, die feudale Gesellschaft des Mittelalters. Musik aus An oberster Stelle stand der König als Stellvertreter Gottes, dann kamen Adel und Klerus. Die Bauern rangierten an unterster Stelle. Viele hatten den Status von Leibeigenen. Sie mussten Abgaben zahlen, Frondienste - heute würde man sagen: Zwangsarbeit – leisten, waren der Verfügungsgewalt ihrer adeligen oder geistlichen Grundherren weitgehend rechtlos ausgeliefert bis hin zur Bestimmung von persönlichen Belangen wie Aufenthaltsort und Heirat. Auch die Stadtbewohner unterstanden anfangs ihren adeligen oder geistlichen Stadtherren, denen der Grund gehörte, auf dem sich die Stadt befand. Doch die Beziehung zwischen den Bewohnern der Stadt und ihren Stadtherren war offen und dynamisch. Je mehr Handel und Wirtschaft florierten, desto größer wurde das Selbstbewusstsein der Stadtbewohner, desto fordernder ihre emanzipatorischen Bestrebungen und ihr Griff nach mehr Selbstbestimmung MUSIK II. Goldrausch ERZÄHLER: Hohe Türme, mächtige Stadtmauern, einladende Tore: Schon von weitem konnten die Reisenden auf den holprigen Wegen und die geknechteten Bauern auf den Feldern den Ort ihrer Sehnsucht sehen, in der ein anderes freieres Leben lockte wie ein glänzender Schatz … Stolz und machtvoll standen die mittelalterlichen Städte in der Landschaft, stolz und mächtig auch grenzten sie sich vom bäuerlichen Umfeld ab, in dem Hörigkeit und Leibeigenschaft herrschten. Musik aus O-TON 2 Schwarz 30'': Wenn wir ausgehen von Berichten, Beschreibungen des späten Mittelalters müssen das blühende Metropolen gewesen sein. Das müssen Städte aus Gold gewesen sein, die ganz emphatisch beschrieben worden sind. Aber wenn man genauer hinschaut, muss man nüchtern konstatieren: ein magischer Ort sah anders aus. Es war oftmals sehr sehr eng. Es war schmutzig. Die Leute haben den Unrat, den Müll auf die Straße geworfen. Es gab ständig Brände, große Gefährdung des Lebens. MUSIK Zentrifuge C1151260 Z00 ERZÄHLERIN: Die eng aneinander stehenden Häuser waren aus Holz und Lehm, die Dächer meist mit Holzschindeln oder sogar nur mit Stroh bedeckt. Brände breiteten sich rasend schnell aus. Bei allen Vorteilen des Stadtlebens waren die Städte auch gefährlich und sie stanken. Die Straßen und Gassen waren nicht gepflastert, sie waren dreckig und bedeckt mit Müll und Fäkalien. Musik aus O-TON 3 Schwarz 15'': Trotzdem: Die Stadt muss etwas unglaublich Faszinierendes, etwas unglaublich Anziehendes auf die Menschen ausgeübt haben. Die Städte wuchsen, wuchsen immer mehr, immer mehr Menschen haben in Städten gewohnt. Städte wurden zu politischen Faktoren auf der Landkarte Europas. MUSIK Organic ERZÄHLER: Berlin, Lübeck, Hamburg, Köln … ERZÄHLERIN: Der wirtschaftliche Erfolg gab den Kaufleuten Rückenwind. Im urbanen Milieu formierte sich Widerstand gegen die feudalen Stadtherren. Die Idee der politischen Selbstbestimmung machte Furore. Das urbane Leben erwies sich als Motor für gesellschaftliche Veränderungen. Die städtische Oberschicht forderte politische Autonomie und bürgerliche Rechte. Nicht selten mündete die Konfrontation mit den feudalen Stadtherren in gewalttätige Auseinandersetzungen. ERZÄHLER: Die größte deutsche Stadt des Mittelalters probte bereits Ende des 11. Jahrhunderts den Aufstand. Es war Köln, schon damals eine europäische Handelsmetropole, in der Kaufleute aus nah und fern zusammentrafen. Erzbischof Anno, der Stadtherr, war rücksichtlos, forderte hohe Steuern, und sah es als sein Recht an, über den Besitz seiner Untertanen zu verfügen. In den Kölner Kaufmannsfamilien machte sich Unzufriedenheit breit. Als er ein Handelsschiff für private Zwecke beschlagnahmen ließ, setzte sich der Eigentümer aufgebracht zur Wehr. Der Funke sprang über und entfachte einen wütenden Aufruhr in den Kölner Gassen. Anno konnte fliehen, kehrte jedoch nach einigen Tagen mit bewaffneter Unterstützung zurück. Die Aufständischen ergaben sich angesichts der militärischen Übermacht und die Rädelsführer wurden brutal bestraft. ERZÄHLERIN: In den Städten gärte es. Die einflussreichen Kaufmannsleute forderten politische Selbstbestimmung und persönliche Freiheiten wie etwa freies Besitz- und Erbrecht – und setzten sich peu à peu durch. Musik aus In zunehmendem Maße übernahmen die Bürger die Kontrolle über ihre Städte. Ratsverfassungen und politische Gremien wie die Stadträte etablierten sich. Mondäne Rathäuser und imposante Kaufhallen zeugten von der neuen Macht des städtischen Bürgertums und lockten immer mehr Menschen in die Städte. „Stadtluft macht frei“. Wer es im Mittelalter in die Stadt schaffte, ließ Leibeigenschaft und Hörigkeit des bäuerlichen Daseins hinter sich, was bedeutete: er konnte nach einem Jahr in der Regel von seinem Grundherrn nicht mehr zurückgefordert werden. O-TON 4 Schwarz 12'': Es gab also die Möglichkeiten aus der Unfreiheit einer Grundherrschaft in eine Freiheit oder in eine freiere Form der Städte zu kommen bei vielfältigsten Differenzierungen. MUSIK Organic ERZÄHLERIN: Andrerseits aber: O-TON 5 Schwarz 18‘‘: Oftmals unterschieden sich die Lebensformen am Anfang gar nicht so stark voneinander. Und wenn man den Plan hatte von einer Grundherrschaft wegzugehen und in die "Freiheit der Stadt" zu kommen, rieb man sich oftmals vor Verwunderung nur die Augen, dass man von einer Unfreiheit in die andere gewechselt ist. ERZÄHLERIN: Denn nicht jeder Stadtbewohner war auch Bürger. Das Bürgerrecht war eine exklusive Errungenschaft. Es wurde ererbt oder konnte gekauft werden. Musik aus ERZÄHLER: ((In Köln etwa gab es im 13. Jahrhundert 15 Patrizierfamilien, die sich in Lebensführung und Selbstinszenierung stark am Adel orientierten. Sie bestimmten die Geschicke der Stadt und ihrer Bewohner. Ähnlich war es in den anderen Städten.)) Reiche Kaufmannsdynastien und ehemalige Ministeriale stellten die städtische Führungsschicht, in die zunehmend auch die Handwerker und ihre Zünfte drängten. Hierarchisch an unterster Stelle standen die Dienstboten, Knechte und Mägde, die keinerlei Besitz und auch kaum Aussicht auf die Erlangung der bürgerlichen Rechte hatten. Doch im Gegensatz zu dem starren Ständesystem, das die mittelalterliche Welt ansonsten ordnete in Klerus, Adel und Bürger, sorgten die sozialen Verwerfungen in der Stadt für Reibung und Dynamik. O-TON 6 Schwarz 28'': Die Stadt des Mittelalters konnte sehr durchlässig sein. Es waren große Möglichkeiten da des sozialen Aufstiegs, ganz ganz bedeutsame Möglichkeiten, da gib es auch viele faszinierende Einzelfälle, aber natürlich auch des sozialen Abstiegs. MUSIK Organic ERZÄHLERIN: Beispiele für die soziale Dynamik gibt Jörg Schwarz in seinem Buch „Stadtluft macht frei“. ERZÄHLER: Er beschreibt, wie Mitte des 14. Jahrhunderts bewaffnete Augsburger vor das Rathaus zogen und angeführt von einer Gruppe Handwerker das Ende der Vorherrschaft der Kaufmannsleute forderten und damit Erfolg hatten. Künftig sollten auch die Handwerkszünfte im Stadtrat vertreten sein. Um 1370 rebellierten die Kölner Weber, 1397 die Münchner Zünfte … ERZÄHLERIN: Und und und. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzten. Mal hatten die Zünfte mehr, mal weniger Erfolg. In einigen Städten bekamen sie sehr großen Einfluss, in anderen wurden sie verboten. Das städtische Bürgertum hatte seine Integrationsfähigkeit bewiesen. Die Städte hatten sich als dynamische Orte etabliert, spannungsreich und entwicklungsfähig, mit großem Potential sowohl für Konflikte als auch für gesellschaftlichen Wandel - was bei aller Faszination auch Unbehagen auslöste. Musik aus O-TON 7 Schwarz 1'20'': Im 11. Jahrhundert gibt es einen Bericht des Mönchs Lampert von Hersfeld, der die Stadt Köln regelrecht verwünscht hat, als einen verfluchten Ort bezeichnet hat, als einen unguten Ort bezeichnet hat, weil von Köln eben ein Aufstand der Kölner Bürger gegen den Erzbischof Anno ausging. Und das setzt sich fort. Es gibt im Jahrhundert darauf, im 12. Jahrhundert, einen völlig faszinierenden Bericht eines englischen Mönchs aus Manchester über die Stadt London, in dem die Stadt London regelrecht fertiggemacht wird, bezeichnet wird als ein Ort, in dem Menschen aus allen Herren Länder zusammenleben. ((Also das, was uns heute an der Stadt so fasziniert, dieser - wie wir so schön sagen - urbane Charakter, das Kosmopolitische, das wurde als etwas Ungutes gesehen. Also die Stadtkritik,)) aber natürlich auch die Faszination durch Städte - also das hat es in dieser Form natürlich im Mittelalter auch schon gegeben: „Stadtluft macht frei“, aber es gibt auch den Gegensatz „Stadtluft stinkt auch“ und „Stadtluft macht ein bleiches Gesicht“. Die Stadt als ein unguter Ort und die absolute Zuspitzung dessen haben Sie in einem Roman des 20. Jahrhunderts: Alfred Döblin, Berlin Alexanderplatz. Da wird die Stadt regelrecht bezeichnet als große Hure Babylon. MUSIKAKZENT Großstadt-Song MUSIK Architektur ist Geiselnahme ERZÄHLERIN: Berlin, Wien, Paris, London: die Metropolen des 19. Jahrhunderts, des 20. Jahrhunderts, Hure Babylon, Moloch Großstadt, Turmbau zu Babel, die Stadt als Maschine, aber auch als Laboratorium der Moderne, als dynamisches Zentrum für Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft. Die Städte des Mittelalters und die Metropolen der Moderne gleichen sich in ihren Phänomenen Musik aus – eine heterogene Bevölkerung, eine dynamische gesellschaftliche Entwicklung, benachteiligte Gruppen, die sich zu emanzipieren versuchen, politische Partizipationsmöglichkeiten. Hatte der zentralistische Staat ab dem 16. Jahrhundert die Autonomie der Städte eingeschränkt, so nahm im 19. Jahrhundert die Urbanisierung in Europa wieder Fahrt auf. Wissenschaftliche und technische Errungenschaften machten es möglich: Die Eisenbahn lieferte Mobilität. Die Industrialisierung ließ die Städte rasend schnell wachsen. Neue Stadtviertel entstanden. MUSIK Architektur ist Geiselnahme ERZÄHLER: Architekturen aus Eisen und Stahl, Weltausstellungen als erste internationale Events, kosmopolitischer Glamour und urbane Modernität: Allen voran wagte Paris eine große städtebauliche Neugestaltung. Musik aus O-TON 8 Lenger 21'': Wenn man vielleicht mit dem Stadtbild beginnt und sehr plakativ einsetzt, dann könnte man sagen, dass seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die breiten Boulevards, die wir noch heute an Paris zumeist schätzen, die engen verwinkelten aus dem Mittelalter überkommenen Gassen allmählich verdrängen. ERZÄHLERIN: Der Historiker Friedrich Lenger hat sich in seiner Studie „Metropolen der Moderne“ intensiv mit der Entstehung der modernen Großstädte beschäftigt. O-TON 9 Lenger 30'': Man muss aber einschränkend sehen, dass solche Großprojekte der Stadtmodernisierung wie in Paris, aber dann auch in Wien Ausnahmen bleiben, und dieser Prozess der Modernisierung des Stadtbildes andernorts etwas verzögerter und langsamer stattfindet oder nicht wirklich das Stadtzentrum erreicht, weil der Eigentumsschutz dafür sorgt, dass da nicht wahllos abgerissen werden kann, wie das in Paris zum Teil getan worden ist. ERZÄHLERIN: Bis dato ungeahnte Massen von Menschen sammelten sich in den Städten. Von 1850 bis 1913 vervielfachten sich die Einwohnerzahlen: in London von 2,3 auf 7,3 Millionen, in Paris von einer auf knapp 5 Millionen, in Wien von 430 Tausend auf 2,1 Millionen, in Berlin von ebenfalls von circa…

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    Tiere im Winter – Alles Natur Dec 28, 2023
    Show notes

    Sie fressen sich eine dicke Fettschicht an, bekommen ein dichtes Fell, verfärben sich weiß wie der Schnee, ändern ihren Speiseplan, verschlafen Schnee und Eis - oder hauen einfach ab in den Süden. Die Anpassungsmechanismen der Tiere an die kalte Jahreszeit sind so vielfältig wie überraschend. Und viele ihrer Überlebenstricks sind auch für die moderne Forschung hochinteressant. Bernhard Kastner im Gespräch mit dem Biologen Thassilo Franke. (BR 2021) CreditsAutor dieser Folge: Bernhard KastnerEs sprachen: Bernhard Kastner im Gespräch mit Dr. Thassilo FrankeRedaktion: Iska Schreglmann Linktipp: Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung:BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Thassilo Franke Der Maulwurf schrumpft sein Schädel und sein Gehirn im Winter ein, Thassilo Franke Der Tannenhäher kann bis zu 30.000 Depots anlegen. Thassilo Franke Die Bartmeise hat ihren zarten Insektenfressermagen in eine Getreidemühle umgebaut. Sprecherin ‚Alles Natur – Überwintern‘ - Bernhard Kastner im Gespräch mit dem Biologen Tassilo Franke Bernhard Kastner Doktor Tassilo Franke vom Biotopia Naturkundemuseum in München und ich, wir sitzen gerade im warmen Studio, also 19 Grad warmen Studio, um über den Winter zu sprechen. Der lässt zwar gerade noch etwas auf sich warten, aber dennoch verändert sich die Natur gerade sichtbar gewaltig. Und mit diesen Veränderungen müssen Tiere und Pflanzen jetzt erstmal zurechtkommen. Thassilo Franke Ja, also sie geben schon das Stichwort vor: die Pflanzen. Da wird es ja auch ganz offensichtlich der goldene Oktober, die Bäume lassen ihre Blätter fallen. Jetzt im November hängt kaum noch ein Blatt an den Bäumen. Und das ist ein ganz wichtiger Aspekt, denn es wird kälter, ungemütlicher. Die Tage werden kürzer, es wird dunkler. Aber es ist vor allem auch Nahrungsmangel, der jetzt sehr viele Tiere trifft. Denn Pflanzen sind ja die Basis der Nahrungspyramide, auf die entweder direkt oder indirekt hier alle anderen Tiere angewiesen sind. Und wenn die Pflanzen sich schon im Winter zum Schlafen gelegt haben, dann müssen die Tiere entweder abhauen, das machen die ganzen Zugvögel, oder sie müssen es den Pflanzen gleichtun. Das machen die Winterschläfer, die ihren Stoffwechsel runterfahren. Oder eine andere Variante ist noch, dass sie im Winter dableiben und einfach ihre Lebensgewohnheiten komplett umstellen und sich den widrigen Bedingungen anpassen. Bernhard Kastner Sie haben jetzt gerade die Zugvögel erwähnt. Das sind ja in der Regel auch Singvögel, über die wir hier auch schon mal eine Folge hatten bei Alles Natur. Dieses Phänomen ist ja bekannt. Die Vögel meiden die kalten Gefilde, fliegen ihren Nahrungsquellen hinterher, also Insekten oder Pflanzen, und verlassen unser Land, ihre Heimat, und kommen dann im Frühjahr zurück. Es gibt aber auch Singvögel, die sich anpassen und bleiben. Thassilo Franke Ja, es gibt eine ganze Reihe von Vögeln, die natürlich im Winter hierbleiben. Das sind die sogenannten Standvögel. Und diese haben es natürlich ganz große Herausforderungen zu meistern. Sie müssen zum Beispiel ihren Ernährungsplan komplett umstellen und eben auf die widrigen Bedingungen im Winter anpassen. Und ein Weltmeister des Anpassens ist ein bei uns eigentlich sehr seltener Vogel, die Bartmeise. Das ist ein Vogel, der nur in Röhricht Beständen, also in großen Schilfbeständen, vorkommt, wie man sie an den großen Seen zum Beispiel findet, am Bodensee oder auch am Neusiedlersee in Österreich und Ungarn. Und dieser Vogel hat eine ganz erstaunliche Anpassungsfähigkeit. Und zwar in so einem Röhricht hat man ja im Sommer vielfältigste Insekten. Die ganzen Wasserinsekten zum Beispiel die schlüpfen, die Mücken, die Zuckmücken, die dort herumschwärmen, das heißt die Bartmeise ernährt sich die ganze Vegetationsperiode, die ganze wärmere Jahreszeit, eigentlich ausschließlich von Insekten, also von tierischer Kost. Und jetzt kommt der Winter, und dann ist in so einem Röhricht natürlich, was Insekten betrifft, eigentlich nichts mehr los. Das heißt jetzt hat die Bartmeise ein großes Problem, also entweder zieht sie nach Süden den Insekten hinterher, oder sie bleibt da. Und bei der Bartmeise ist es so die bleibt im Winter da. Die Bartmeise ist ein Standvogel, und Sie ändert ihr Verhalten extrem. Das heißt, man sieht plötzlich Bartmeisen, die das Röhricht verlassen und an Stellen, wo kleine Steinchen rumliegen, anfangen ganz viele Steinchen aufzupicken und füllen ihren Muskelmagen mit bis zu 600 kleinen Steinchen, die alle ungefähr die gleiche Größe haben. Gleichzeitig verdickt sich auch die Magenwand, die Muskulatur im Magen wird stärker, dann die Innenauskleidung des Magens, wird verhornt, richtig hart. Und was geschehen ist, die Bartmeise hat ihren zarten Insektenfressermagen in eine Getreidemühle umgebaut, wirklich eine Mühle. Und ab jetzt ernährt sie sich nämlich so gut wie ausschließlich von den steinharten Samen des Schilfs selbst. Und sie frisst also die Schilfsamen und zermörsert die in ihrem Muskelmagen und kann auf die Art und Weise die Energie aus dem Schilfsamen nutzen, um die Winter zu überleben. Im nächsten Frühjahr, wenn die Insekten dann wieder verfügbar sind und auftauchen, dann baut sich der Magen wieder um. Der Vogel, man weiß gar nicht genau, wie er es macht, also entweder würgt er die Steine aus seiner Getreidemühle wieder aus, oder scheidet die über den Kot aus. Das hat man noch nicht erforscht. Zumindest hat man festgestellt, dass im Sommer nur noch ganz wenige Steinchen im Magen übrigbleiben, um eben die harten Chininteile der Insekten zu zermahlen. Aber man hat hier also eine unglaubliche Anpassungsfähigkeit eines kleinen, ganz besonderen Vogels. Es gibt aber auch ganz große Vögel, nämlich genau genommen unser größter Waldvogel überhaupt, den wir haben. Das ist der Auerhahn. Und der Auerhahn ist auch ein Spezialist, der sich im Winter komplett umbaut. Und zwar betrifft es auch den Verdauungstrakt. Der Auerhahn hat ja, wie viele überwiegend sich von pflanzlicher Kost ernährende Vögel sehr große Blinddarmsäcke. Das sind paarige Säcke im Verdauungstrakt, oder Schläuche muss man fast sagen, die im Winter enorm wachsen. Weil nämlich der Auerhahn sich im Sommer überwiegend von frischen, saftigen Blättern und Trieben ernährt und auch von Früchten und auch ein bisschen Insekten und tierische Kost zu sich nimmt und im Winter seine Ernährung komplett auf Nadelbaumnadeln umstellt. Er frisst gerade im Gebirge fast ausschließlich Fichtennadeln, die sind derb, die sind reich an Tanninen, die sind sehr schwer zu verdauen. Und da braucht er eben dann diese großen Blinddarmsäcke, in denen ein ganz eigenes Mikrobiom sich auch entwickelt, was im Stande ist, diese schwer verdauliche Kost im Winter abzubauen und die Energie dem Auerhahn verfügbar zu machen. Aber die Veränderungen beim Auerhahn, die beschränken sich nicht nur auf den Verdauungstrakt, sondern auch auf die Füße. Die Füße spielen eine ganz besondere Rolle, weil nämlich die der Gruppe der Hühnervögel, zu dem der Auerhahn gehört, auch ihren Namen gegeben haben, nämlich die Raufußhühner. Und die Füße sind im Winter anders als im Sommer. Die sind rauer, das bezieht sich auf die Zehen, weil nämlich links und rechts an den Seiten der Zehen wachsen ihnen im Winter, bei der Winter Mauser, lange Stifte heraus, also so stiftförmige Gebilde, die Zehen sehen aus, als wären sie seitlich mit Kämmen versehen. Und auf diese Art und Weise vergrößert sich die Oberfläche der Auftrittsfläche und der Auerhahnfuß wandelt sich kurzerhand in einen Schneeschuh um. Bernhard Kastner Unglaublich also, daß finde ich faszinierend. Gibt es denn da auch das Gegenteil, also Vögel, ich sage es jetzt mal ganz salopp, die den Winter cool finden und gern bei uns bleiben. Thassilo Franke Ja, die gibt es auch bei den Vögeln. Es ist ja meistens gar nicht so sehr die niedrige Temperatur oder die Dunkelheit, die ihnen zu schaffen macht. Vögel sind Warmblüter, so wie wir auch. Bei denen ist es hauptsächlich die Verfügbarkeit von Nahrung. Es gibt also für die meisten Vogelarten im Winter kaum was zu fressen. Anders verhält es sich aber bei einer Vogelart, nämlich dem Fichtenkreuzschnabel, der sich fast ausschließlich von den Sämereien von Nadelbäumen ernährt. Und diese Samen der Fichte, die bilden auch ein Hauptteil des Futters, was er an seine Jungen verfüttert. Und deswegen ist der Fichtenkreuzschnabel einer der wenigen Vögel, die bei uns auch mitten im Winter brüten. Es hängt immer ganz davon ab, wie die Zapfen, also die Verfügbarkeit von Fichtenzapfen aussieht, Fichtenzapfen, die reifen ja sehr spät im Jahr, also erst im Spätsommer, Frühherbst, und entlassen ihre Samen immer nur bei günstiger Witterung, wenn die Zapfen Schuppen aufgehen und die Samen rausfallen können. Und da ist es so, dass viele Zapfen dann häufig mitten im Winter aber noch nicht entleert sind, noch viele Samen enthalten, vor allem in den Hochlagen. Und dann ist die Zeit gekommen, dass der Fichtenkreuzschnabel sein Nest baut und seine Jungen, seine Eier legt. Und wenn die Jungen dann schlüpfen, es ist wirklich so massiv, dass die teilweise auch richtig mitten im Schnee diese kleinen, nackten Jungvögel haben, die Küken und die Nestlinge. Und wenn die Eltern dann auf Futtersuche sind, dann gehen die in einen Ruhezustand über, also in ein Torpor, eine Art Kältestarre. Und wenn dann der Altvogel mit Fichtensamen gefülltem Kropf zum Nest zurückkommt, dann muss er seine Jungen erst mal wieder auf Betriebstemperatur bringen. Er rudert die dann an, und es dauert nicht lange, und dann kann er die mit den Fichtennadeln füttern. Es gibt aber auch einen anderen Winterfreund unter unseren heimischen Vögeln, wobei wenn man heimisch sagt, muss man vorsichtig sein, weil der Vogel war ja ausgerottet. Die Rede ist vom Bartgeier. Sie kennen sicher noch diese Diskussion über den Bartgeier Wally. Es ist einer von diesen im Nationalpark Berchtesgaden ausgesetzten Bartgeiern, der leider nicht überlebt hat. Aber beim Bartgeier ist es so, dass er auch mitten im Winter anfängt zu brüten. Und zwar legt er schon Ende Dezember, Anfang Januar schon seine beiden Eier ins Nest. Er stellt es genauso ein, dass die Jungen dann so ungefähr im März aus den Eiern schlüpfen, also ganz früh im Jahr schon. Das ist die Periode der Schneeschmelze in den Bergen. Und wenn der Schnee schmilzt, dann kommen die ganzen Leichen zum Vorschein von abgestürzten Gämsen, Steinböcken, alles, was den Winter in den Bergen nicht überlebt hat. Da ist der Tisch für den Bartgeier besonders reich gedeckt. Und dann ist eben auch die Verfügbarkeit der Nahrung optimal, ähnlich wie beim Fichtenkreuzschnabel, und der Bartgeier hat beste Voraussetzungen, um seine Brut durchzubringen. Bernhard Kastner Also bei all dem, was sie da erzählen, ich sehe schon, ich wäre eher so der Ab-in-den-Süden Zugvogel, aber da ist ja bekanntlich jeder anders. Jetzt haben aber nicht alle Tiere die Möglichkeit, wie ein Vogel abzuhauen. Die größeren Tiere zum Beispiel, die Amphibien, oder die Wildtiere wie die Rehe oder die Hirsche, die müssen ja hierbleiben. Thassilo Franke Ja, da gibt es eine unglaubliche Vielzahl von Überwinterungstricks die diese Tiere beherrschen. Einer dieser Tricks ist zum Beispiel auch weit bekannt, dass ist die Veränderungen der Fellfarbe, es gibt also viele Tiere, wie zum Beispiel das Schneehuhn, oder auch bei den Säugetieren, den Schneehasen oder der Hermelin oder das Mauswiesel in unseren Breiten, die im Sommer eine braune Fellfarbe haben und die einen Fellwechsel durchmachen. Und dann ist das Winterfell oder das Wintergefieder weiß, was ja auch Sinn macht, wenn wir eine geschlossene Schneedecke haben, weil natürlich so ein weißer Hase oder ein weißes Schneehuhn weniger auffällig ist und von seinen Feinden nicht gesehen werden kann. Oder wie bei zum Beispiel beim Hermelin, der auch von seiner Beute nicht so leicht erkannt wird wenn er dort im Schnee sitzt. Jetzt ist es aber so, dass durch den Klimawandel natürlich eine geschlossene Schneedecke in weiten Gebieten eben eher eine Seltenheit darstellt. Und das wird zu einem großen Problem für diese Tiere, weil sie nämlich dann plötzlich mit ihrem weißen Fell eigentlich richtig wie so ein Signal herausleuchten aus dieser braunen, verwelkten Grasdecke und von Beutegreifer leicht entdeckt werden können. Und das ist wirklich ein Problem, da gibt es auch eine Studie dazu. Und es gibt Gebiete wie zum Beispiel in Irland, wo der Schneehase zwei Morphen hat, man nennt es polymorph, es gibt Schneehasen, die im Winter weiß werden, und im gleichen Gebiet kommen Schneehasen vor, die im Winter braun bleiben. Da wurde entschieden, dass solche Gebiete, wo man beide Formen hat, besonders schützenswert sind, weil von diesen Gebieten sich eine Population entwickeln kann von Tieren, die anpassungsfähig ist. Das heißt wenn es dann wirklich keinen Schnee mehr gibt, in Irland zum Beispiel, dann kann der Braune, die braune Form des Schneehasen, einfach dominant werden. Und die Population bleibt erhalten. Oder wenn es, was sehr unwahrscheinlich ist, kälter werden sollte, würde dann eben die weiße Form dominant werden und erhalten bleiben. Solche Mischpopulationen gibt es relativ wenige. Da ist der Appell der, dass man genau die Gebiete, in denen diese Mischpopulationen vorkommen, besonders schützen muss. Bernhard Kastner Dann würden sich quasi diese Tiere dem Klimawandel anpassen und würden quasi wieder zu ihrer natürlichen, braunen oder wie auch immer gefärbten Fellformen zurückkehren. Thassilo Franke Ja, genau so ist es. Bernhard Kastner Also dieses Phänomen mit dem Fellwechsel, dass kennt jeder, der auch ein Haustier besitzt, wie zum Beispiel einen Hund oder eine Katze. Die verändern zwar nicht die Farbe, aber die bekommen ja auch, wenn der Herbst beginnt, verlieren sie ihr Sommerfell, bekommen ein Winterfell, bekommen mehr Unterwolle. Dann finden wir noch mehr Haare in der Wohnung zur Freude Aller. Aber diese Tiere, die müssen sich jetzt wärmen für den Winter. Die müssen sich nicht von der Ernährung groß umstellen, dafür ist der Mensch zuständig. Was machen denn die großen Säugetiere wie zum Beispiel das Reh? Die kriegen zwar auch bestimmt ein dickeres Fell, aber wie gehen die mit der Ernährung um? Thassilo Franke Ja, genau für die großen Wildtiere bedeutet es natürlich auch, dass sie einen Fellwechsel durchmachen müssen, weil sie ja auch eine bessere Isolierung brauchen, wenn es draußen kalt ist. Aber ähnlich wie bei den Vögeln, über die wir vorher gesprochen haben, ist auch so, dass viele unserer heimischen Wildtiere ihre Verdauung komplett umstellen müssen. Und das betrifft auch das heimische Reh. Das Reh ist ein sogenannter Konzentratselektierer. Es ist ein Äser, das in erster Linie saftiges Laub äst, und saftiges Laub ist im Winter eher Mangelware. Und das Reh reagiert eben auf diesen Nahrungsmangel, indem es seinen Pansen, also seinen Gärmagen, vom Volumen her deutlich verkleinert. Und auch die Oberfläche des Magens wird stark verkleinert, der ist vor allem am Dach mit einem Pelz aus Zotten ausgestattet, um die Oberfläche zu vergrößern. Und diese Zotten, die werden auch kleiner, und so ein Rehpansen, der verkleinert seine Oberfläche um 30 bis 40 Prozent im Winter. Das Reh ist dadurch angehalten, sich möglichst wenig zu bewegen, ruhig zu sein, möglichst wenig Energie zu verbrauchen und gerade Rehe, die in Wäldern vorkommen, indem es viel Brombeergestrüpp gibt, die auch im Winter noch ihre Blätter dran haben, die finden dort genug Nahrung, um einigermaßen gut über den Winter zu kommen. Bei Förstern ist es häufig so oder auch bei…

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    Der Eiffelturm - Ikone der Moderne Dec 27, 2023
    Show notes

    Der Eiffelturm ist heute das Wahrzeichen von Paris, Nationalsymbol und eines der meist besuchten Denkmäler. Der eiserne Turm setzte neue Maßstäbe, in der Kunst ebenso wie in Wirtschaft und Industrie. (BR 2016) Autorin: Sylvia Schopf

    Credits
    Autor/in dieser Folge: Sylvia Schopf
    Regie: Frank Halbach
    Es sprachen: Caroline Ebner, Thomas Dehler, Heinz Peter
    Technik: Susanne Harasim
    Redaktion: Thomas Morawetz

    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER

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    Napoletana, Margherita, Diavolo - Die Kulturgeschichte der Pizza Dec 27, 2023
    Show notes

    Sie ist ein runder, wohlschmeckender Superlativ: Die Pizza. Sie gehört zum Weltkulturerbe und ist praktisch überall auf der Welt bekannt und zu bekommen. Dabei hat es Jahrhunderte gedauert, bis sich die Pizza vom Arme-Leute-Essen zum erfolgreichsten italienischen Gericht gemausert hat. Autor: Johannes MarchlCreditsAutor/in dieser Folge: Johannes MarchlRegie: Frank HalbachEs sprachen: Thomas Birnstiel, Ines Hollinger, Silke v. Walkhoff, Peter VeitTechnik: Daniela RöderRedaktion: Iska Schreglmann Im Interview:Dieter Richter, Literaturwissenschaftler und Autor;Domenico Gentile, Autor und Pizzafachmann;Prof. Yurdagül Zopf, Ernährungswissenschaftlerin;Janina Schmitt, Pizzeria-Betreiberin Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Die Wurst - Von Tradition bis TofuJETZT ANHÖREN Knoblauch - gesunde Knolle mit viel GeruchJETZT ANHÖREN Chili - Heiße SchotenJETZT ANHÖREN Esskultur 1945 bis heute - Vom Jägerschnitzel zu SushiJETZT ANHÖREN Die Konservendose - Essen zum MitnehmenJETZT ANHÖREN Gastrosophie - Eine Philosophie des EssensJETZT ANHÖREN Was bringt nachhaltige Ernährung? Alles NaturJETZT ANHÖREN Ernährung für Sportler - Was sollen Athleten essen?JETZT ANHÖREN Was ist dran am „Urgetreide“? Alles Natur JETZT ANHÖREN Literaturtipps: Dieter Richter, „Con gusto – Die kulinarische Geschichte der Italiensehnsucht“ – ein wunderbares Buch, das die Geschichte einer Begegnung erzählt: der Begegnung zwischen der italienischen Küche und den Menschen nördlich der Alpen. Domenico Gentile, „Pizza Napoletana“, eigentlich ein Kochbuch, aber dann doch viel mehr: erzählt über die Stadt, die die Wiege der Pizza ist, über Neapel. Mit sehr stimmungsvollen Fotos. John Dickie, „Delizia! Die Italiener und ihre Küche. Geschichte einer Leidenschaft“. Ein Engländer schreibt eine ungewöhnliche, kluge und faszinierende Geschichte Italiens und seiner größten Leidenschaft: dem Essen. Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Sprecher1: Ihre Anfänge sind eher bescheiden. Niemand weiß, woher ihr Name kommt. Wer sie zuerst gemacht hat. Es existiert kein Ursprungsrezept. Sprecherin2: Sie ist keine ausgefallene Gourmet-Spezialität, vielmehr ein Arme-Leute-Essen, ihr Bekanntheitsgrad ausbaufähig, nur Neapel und Umgebung kennt sie bis ins 20. Jahrhundert hinein. Sprecher1: Doch dann tritt sie ihren weltumspannenden Siegeszug an – überall beliebt, überall rund, überall bekannt unter demselben Namen: Pizza! Sprecherin2: Und wenn man sich die Geschichte der Pizza genauer anschaut, dann ist es gar nicht verwunderlich, dass sie sich zunächst schwertut, ihren Weg in die ganze Welt zu finden: sie kommt aus Neapel und ist ein typisches Unterschicht-Essen: einfach und billig, sie kostet gerade mal die Hälfte von dem anderen Arme-Leute-Essen, Maccaroni mit Käse. MUSIK ENDE OT 1 Neapel ist ein quirlender Topf von Massen von Menschen. Die Besonderheit sind die vielen Menschen, die keine Wohnung haben, die berühmten Lazzaroni, die auf der Straße schlafen, auf der Straße essen auf der Straße leben. Sprecherin2: Sagt der Literaturwissenschaftler und Autor Dieter Richter, der sich für sein Buch „con gusto – die kulinarische Geschichte der Italiensehnsucht“ tief hineinbegeben hat in die Kulturgeschichte der Pizza OT 2 Die Anfänge von Pizza waren so, dass wir uns unter Pizza eine arme Leute Gericht vorstellen müssen in den Quartieri Spagnoli, für die Lazzaroni, für die Menschen, die in den Bassi gelebt haben, die zum Teil auch keine Küche hatten. Die Pizzaioli hatten nicht nur die Pizza gebacken, sondern sind durch die Straßen gegangen, haben die für wenige Baiocchi dort auch verkauft. Es ist ein Nahrungsmittel für das einfache Volk gewesen. Sprecherin2: Halt, halt, halt! Das waren viel zu viele unbekannte Begriffe, das verlangt nach Aufklärung! Fangen wir mit dem Begriff „Pizzaioli“ an: das sind einfach die Pizzaverkäufer, die durch die Straßen ziehen und versuchen ihre Teigfladen an Mann und Frau zu bringen, für ein paar kleine Münzen. „Lieferservice“ würde man heute sagen: OT 3 Die gehen über die Straße wie viele andere Essensverkäufer auch. Es gibt Wasserverkäufer, die Acquaioli. Es gibt Nuss-, es gibt Fischverkäufer. Es gibt die berühmten bei Spaghetti-Verkäufer natürlich, die in Garküchen auf den Straßen sind. Wir müssen uns das so vorstellen: Es ist die Geburt des Fastfood in Neapel, in einer Stadt, die alle Voraussetzungen für Fastfood mitbringt. MUSIK CD989510Z00 „La Banda: Traditional Italian Banda“; ZEIT: 00:50 Sprecher 1: Und dieses schnelle, billige Essen… Sprecherin2: …besteht ja nur aus Mehl, Wasser und etwas Hefe – vielleicht noch mit Knoblauch oder einem Stück Käse drauf Sprecher1: …wurde von den Lazzaroni in den Bassi konsumiert – von den Armen, die oft genug weder Arbeit noch eine Wohnung hatten. Der Unterschicht Neapels, die in den Bassi haust, einem Viertel das eng bebaut ist, ohne Hygienevorrichtungen, ohne fließendes Wasser. Nach der Bevölkerungsexplosion in Neapel im 17. und 18. Jahrhundert lebenhier bis zu 60.000 Lazzaroni gleichzeitig unter schwierigsten Umständen, Neapel ist zu dieser Zeit nach Paris die zweitgrößte Stadt Europas. MUSIK ENDE Sprecherin2: Vor kurzem wurde übrigens nahe Neapel ein Wandgemälde entdeckt, mit einer Speise, die verblüffende Ähnlichkeit mit einer Pizza hat. 2000 Jahre alt, in Pompeij, der vom Ausbruch des Vesuv verschütteten Stadt. Da sieht man ein Tablett mit Wein, Früchten und: Eindeutig! Einer knusprigen Pizza. Zwar etwas ungewöhnlich belegt – statt Mozzarella und Tomatensauce sind Früchte auf dem Teig zu sehen - , aber, hey! – Wenn das keine Pizza ist… MUSIK privat Take 001 „That’s Amore”; Album: Italian Love Song Passione; Label: 2012 Italian Love Songs; Interpret; unbekannt; Komponist: Harry Warren; ZEIT:00:15 Sprecher3 (mit Musikbett herausgehoben): Die Pizza – dicker oder dünner Teig – dicker oder dünner Rand? MUSIK ENDE Sprecherin2: Wenn wir über Pizza reden, wollen wir aber jene nicht vergessen, die sie machen. Die Pizzabäcker. Einer von ihnen, der dazu noch Buchautor und Pizzerien-Gutachter ist, ist Domenico Gentile und er sagt zum Thema dünner oder dicker Teig: OT 4 Also, jetzt ist natürlich die Frage: Von wieviel Gramm Teig reden wir? Wenn man eine amerikanische Pizza nimmt, das ist ja schon fast ein Kuchen, das ist einfach eine andere Art von Pizza. Sie ist auch nicht so cross und hart wie die Pizza aus dem Tiefkühlfach, die man vom Diskounter kennt. Die Pizza muss am Rand luftig sein und muss trotzdem flach und dünn sein, und das wäre im Endeffekt die perfekte Pizza. Sprecher1: Zum ersten mal schriftlich erwähnt wird eine Pizza Ende des 15. Jahrhunderts. Aus dieser Zeit existieren Notizen, die ein Pizzarezept beschreiben. Sie ist mit Basilikum, etwas Hartkäse und Schmalz als saftiger Grundlage belegt. Und sogar ein Name ist überliefert: Mastunicola. Alle diese Pizzen sind übrigens sogenannte „Pizze biance“, weiße Pizzen, weil die Tomate für die Pizza rossa erst noch aus Amerika eingeführt werden musste… MUSIK privat Take 001 „That’s Amore”; Album: Italian Love Song Passione; Label: 2012 Italian Love Songs; Interpret; unbekannt; Komponist: Harry Warren; ZEIT: 00:15 Sprecher3 (Musik) Die Pizza: bianca oder rossa? MUSIK ENDE OT 5 Die klassische Pizza ist eine Margherita, die ist rot, mit San Mazzano Tomaten und Mozarella, es gibt tolle weiße Pizzen, ganz klar. Wenn man die Tomate weglässt und nimmt nur den Mozarella-Käse oder nimmt Gorgonzola-Käse oder nimmt Käse mit Kartoffeln und Salsiccia, das sind tolle Pizzen, also für mich sowohl als auch. Sprecher1: In Deutschland ist es den Lesern der Augsburger Allgemeinen Zeitung 1854 vergönnt, erstmals über die Pizza zu erfahren: OT 6 Also die früheste Erwähnung eines deutschen Reisenden, die ich gefunden habe, ist von dem berühmten Ferdinand Gregorovius, der die Wanderjahre in Italien geschrieben hat. Sprecherin2 Sagt der Kenner der Geschichte der Pizza, Dieter Richter OT 7 Er ist 1853 in Neapel, geht durch die Straßen, hat einen sehr genauen, wir könnten sagen einen fast volkskundlichen Blick auf die Straßenverhältnisse, und der sieht einen Pizzaverkäufer. Und er versucht, seinen deutschen Lesern überhaupt erst einmal zu erklären, was das ist MUSIK DK187200012 „Ach wie so trügerisch“; ZEIT: 00:20 Zitator „man flüchte sich in eine jener wunderlichen Garküchen, wo hinter Bretterverschlägen die Pizzi, große flache und runde Kuchen gegessen werden, welche mit Käse oder mit Schinkenstücken belegt sind, je nach Geschmack des Bestellers“ MUSIK ENDE OT 8 Und jetzt wörtlich schreibt da es gehört der Magen eines Lazzarone dazu, sie zu verdauen. Ich vermute, Ferdinand Gregorovius hat keine Pizza versucht. Er hat sich das sagen lassen. Es ist etwas, was für einen - ich sage mal - nördlichen Magen nicht infrage kommt, genauso wie damals natürlich die Spaghetti auch. Sprecherin2: Pizza für den Magen eines Bettlers also und nicht für den des hochwohlgeborenen deutschen Touristen… und wer jetzt denkt: naja, die französischen, englischen und deutschen Besucher halt, was der Bauer nicht kennt, isst er eben nicht, weit gefehlt: der Pinocchio-Erfinder Carlo Collodi, der aus der Toskana stammt, schreibt 1880: MUSIK DK187200012 „Ach wie so trügerisch“; ZEIT: 00:30 Zitator „Du willst wissen, was das ist, die Pizza?! Es ist ein Brotteig mit einem Belag von allerlei darüber. das Schwarz des gerösteten Brotes, das Weißliche von Knoblauch und Sardelle, das Gelb-Grünliche des Öls, dazu hie und da die roten Tomatenstückchen – die Pizza sieht aus wie ein Mosaik aus schmierigem Schmutz und das passt genau zum Aussehen der Verkäufer.“ MUSIK ENDE Sprecherin2: Das war das Bild, das Italien von der Heimat der Pizza hatte: Neapel versinkt im Dreck und genauso sieht die Pizza aus… Keine Italienerin in Rom oder in Mailand will ein Gericht kosten, das aus Neapel kommt. Das Problem der Pizza ist Neapel. Und das Problem Neapels ist die Cholera. Sprecher1: Neapel hat im 19. Jahrhundert nicht weniger als acht Cholera-Epidemien zu überstehen. In den 1830er Jahren war die Cholera aus Indien eingeschleppt worden, ein Rätsel für die italienischen Ärzte dieser Zeit. Warum war Neapel so anfällig für die Cholera? Die am weitesten verbreitete Theorie war, dass die Cholera-Keime im stinkenden Boden der Stadt lauern, in den berühmt-berüchtigten Armenvierteln der Stadt. In der sogenannten „Unterstadt“ Neapels nahe am Meer, drängten sich 130.000 in Armut und Schmutz, oft genug eine ganze Familie mit den Hühnern in einem Zimmer. Sprecherin2: Als „Hundehütten“ hat sie der Polizeichef von Neapel damals bezeichnet. Das ist die triste Heimat der Pizza. MUSIK privat Take 001 „That’s Amore”; Album: Italian Love Song Passione; Label: 2012 Italian Love Songs; Interpret; unbekannt; Komponist: Harry Warren; ZEIT: 00:15 Sprecher3 (Musik) Die Pizza: Arme Leute essen oder UNESCO-Welterbe MUSIK ENDE OT 9 Sowohl als auch. Weltkulturerbe ist ja eine ganz besondere Auszeichnung, die hat der Pizza Napoletana eine Menge geholfen. Die Pizza Napoletana ist aber immer noch Arme-Leute-Essen. Heute noch ist es so, dass Sie in Neapel zu zweit jeder ne Pizza und ein Bier dazu für 15 Euro, das ist kein Problem, das gibt es immer noch und das ist völlig in Ordnung Sprecher1: Sagt Pizzabäcker und -Buchautor Domenico Gentile. Die Pizza also heute Welterbe, damals misstrauisch beäugt, zumindest von den Nicht-Napolitanern Sprecherin2: Aber wen wundert es, wenn man so schief angeschaut wird… Sprecher 1: …dass da die Neapolitanerinnen und Neapolitaner ihr eigenes Narrativ der Pizza aufbauen: Es war einmal… MUSIK CD031140018 „O wie so trügerisch. Canzone des Herzogs, 3. Akt“; ZEIT: 01:00 Sprecherin2: … Da bekam die italienische Königin Margherita, die in Neapel weilte, Lust darauf, diese Pizza zu probieren, von der sie schon so viel gehört hatte. Der stadtbekannte Pizzaiolo Raffaele Esposito backt ihr drei Pizze(n): eine mit Öl, Tomate und Basilikum, eine mit kleinen Fischchen, der Königin aber schmeckt am besten die mit roter Tomate, weißem Mozarella und grünem Basilikum – den Farben der italienischen Trikolore. Die Pizza Margherita ist geboren, die bis heute bekannteste aller Pizzen. Und sogar der Dankesbrief der Königin soll bis heute erhalten sein, den sie natürlich nicht selbst schreibt, wozu hat man denn sein eigenes Inspektorat der königlichen Munddienste?! MUSIK ENDE Zitator „Sehr geehrter Signor Raffaele Esposito: Hiermit bestätige ich ihnen, dass die drei Arten der Pizza, die Sie für Ihre Majestät zubereitet haben, für köstlich befunden wurden. Ihr ergebener Diener Galli Camillo, Leiter der Munddienste im königlichen Haushalt“ Sprecherin2: So hängt das gerahmte Schreiben seit 1889 in Raphaele Espositos Pizzeria, nur dass es mittlerweile von Historikern als Marketingstrategie enttarnt wurde, Esposito war wohl weder der erste noch der einzige Pizzabäcker, der an den königlichen Hof gerufen wurde. Aber eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte, und das mit Königin Margherita und der Trikolore-Pizza ist definitiv eine gute Geschichte. OT 10 Die Geschichte der Pizza ist im Grunde eine Migrations Geschichte. Die früheste Pizzeria außerhalb Neapels hat vermutlich in New York gestanden. In dieser Zeit gab es weder in Mailand noch in Rom - von Deutschland ganz zu schweigen - eine Pizzeria. Sprecherin2: Vor allem die italienische Community geht Pizza essen, doch das ändert sich. Zuerst kommen die ganze USA dazu. Und dann die ganze Welt… ein globales Erfolgsmodell, die Gründe sind schnell erzählt: OT 11 Also ich denke, die Pizza ist das anpassungsfähigste Gericht, das es überhaupt gibt. Es ist stapelbar, leicht transportierbar, leicht teilbar. Es ist leicht, an den Mann zu bringen, indem man verschiedene Belage auf diese Pizza packt. Es gibt er die absonderlichsten und ungewöhnlichsten - vor allem in den USA - wo man dergleichen Hemmungen überhaupt nicht kennt. MUSIK M0059459Z00 „La donna e mobile“; ZEIT: 00:20 Sprecherin2: Nur die gute alte Hawaii mit Ananas sei hier erwähnt, neben der Pizza Chicken Alfredo mit Sahne, der Cheesburger Style, auf der Essiggurken die Pizza zieren oder der nicht gerade lowcarb „Mac and Cheese“: Maccaroni zwischen Cheddar und Mozarella… MUSIK ENDE OT 12 Sie ist schnell zu machen. Auch das kommt dazu. Sie ist leicht vorzubereiten, sie hat sich die ganze Welt erobert. Es ist eigentlich das schönste Beispiel für das, was kultureller Aneignung sein kann. Und wer gegen- - sage ich jetzt mal ein bisschen polemisch - Wer immer nur hetzt und stänkert gegen die sogenannte kulturelle Aneignung, der müsste das Pizzaessen eigentlich den Neapolitanern überlassen. Sprecher1: Dazu kommt noch, dass sie billig und einfach zu machen ist, und deshalb so gut wie in allen Ländern der Welt verbreitet ist. Sprecherin2: Übrigens hilft es schon sehr, dass prominente Zeitgenossen in der Öffentlichkeit für die Pizza eintreten. Die Opernstars Enrico Caruso und Antonio Scotti gehen in der New Yorker Pizzeria Lombardi´s Pizza essen, und ein anderer lässt gar sein berühmtestes Lied mit der Zeile anfangen Zitat Lied „That´s amore“ Ab: when the moon hits your eye like a big Pizza-pie, that´s amore… MUSIK Z9395936103 “That's amore (That's love)”; ZEIT 00:15 Sprecher1: Dean Martin singt 1952 vom Mond, der – wenn er wie eine große Pizza dem wahrscheinlich schmachtend zum Himmel blickenden Verliebten ins Auge fällt – einfach Liebe sein muss… Sprecherin: Und es kann kein Zufall sein, dass genau im gleichen Jahr, 1952, die junge Würzburgerin Janina Schmitt (gespr. Schanina Schmitt) und ihr italienischer Mann Nicolo di Camillo die erste Pizzeria in ganz Deutschland aufmachen: Elefantengasse 1, in Würzburg. OT 14 Ich muss Ihnen sagen ich hatte keine Ahnung, was Pizza ist. Mit meiner ganzen mit Mit-Bevölkerung. Ja, keiner wusste damals, was das ist. Und dann hat er, so gesagt i…

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    Geschichte der Köche - Künstler und Sklaven des Genusses Dec 27, 2023
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    Heute kennt man die Namen von SpitzenköchInnen wie die von bildenden KünstlerInnen. Das war nicht immer so. In der Antike etwa waren sie noch namenlose Sklaven. (BR 2017) Autorin: Renate KiesewetterCreditsAutor/in dieser Folge: Renate KiesewetterRegie: Sabine KienhöferEs sprachen: Katja Schild, Johannes Hitzelberger, Carsten FabianTechnik: Daniela RöderRedaktion: Thomas Morawetz Im Interview:Jörg Zipprick (ehemaliger Restaurantkritiker, Journalist und Autor);Eckart Witzigmann (Starkoch) Linktipps: Noch mehr Interesse an Geschichte? Dann empfehlen wir:ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSENSkurril, anrührend, witzig und oft überraschend. Das Kalenderblatt erzählt geschichtliche Anekdoten zum Tagesdatum. Ein Angebot des Bayerischen Rundrunks.DAS KALENDERBLATT Frauen ins Rampenlicht! Der Instagramkanal frauen_geschichte versorgt Sie regelmäßig mit spannenden Posts über Frauen, die Geschichte schrieben. Ein Angebot des Bayerischen Rundfunks.EXTERNER LINK | INSTAGRAMKANAL frauen_geschichte Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: SPRECHERIN: Gambas-Gröstl mit Blumenkohl. Könnte Hausfrau ja mal heute zum Mittagessen kochen. O-Ton Eckart Witzigmann: Wichtig ist natürlich auch die Hitze, Küche ist Geduld, ja, und eigentlich ist das Gericht sehr, sehr, sehr einfach, man muss ja nur die Kartofferl in aller Ruhe anbraten auf beiden Seiten, wir schieben den angebratenen Blumenkohl zur Seite, wir geben jetzt unsere frischen Gambas hinein, ja, die wir etwas mariniert haben, ja, etwas Olivenöl. SPRECHERIN: Gambas-Gröstl mit Blumenkohl. Ja, eben, alles ganz einfach. Nur steht hier in der Abendschau des Bayerischen Rundfunks Eckart Witzigmann am Herd. Kein Geringerer als der Münchner 3-Sterne-Koch zaubert hier auf dem höchsten Niveau weltweiter Kochkunst. Würdenträgern und Königshäuptern hat er aufgetischt. Inzwischen werden Restaurantbesucher und Hotelgäste auch von seinen Schülern verwöhnt, viele von ihnen ebenfalls mit Michelin-Sternen ausgezeichnet. SPRECHER: Eckart Witzigmann und seine Schüler entfachen - wie all die anderen internationalen Starköche und Starköchinnen - mit ihren kulinarischen Kreationen ein Fest der Sinne für Nase, Zunge und Gaumen, auch das Auge isst bekanntlich mit. Heute kennen Feinschmecker ihre Namen, ihre Biographie, besuchen ihre Restaurants. MUSIK: C1049310 020 (00‘20‘‘) SPRECHERIN: Das war nicht immer so. Z.B. in der griechischen Antike. Schon damals verstanden die Wohlhabenden ausgezeichnet zu essen, doch die Köche blieben namenlos. Jörg Zipprick, Autor des Buches Die Erfinder des guten Geschmacks hat die Kulturgeschichte der Köche beschrieben: MUSIK ENDE O-Ton Jörg Zipprick: Die meisten Köche waren natürlich Sklaven. Sie waren aber nicht nur Sklaven, sie waren auch Witzfiguren, und zwar in der sogenannten mittleren griechischen Komödie. Dort gibt es eine fest eingeführte Figur, den Koch, und das ist in der Regel ein arroganter Prahlhans. SPRECHERIN: Über so einen Koch – er schmäht seine jungen Kollegen - schreibt der Komödiendichter Damoxenos. ZITATOR: Sie … machen aus ganz entgegengesetzten Fischen eine Sauce und reiben Sesam drein. Solche Disharmonie zu durchschauen, ist die Sache der geistreichen Kunst und nicht, Töpfe zu waschen und nach Rauch zu stinken. Ich gehe gar nicht mehr in die Küche; ich sitze nur in der Nähe und sehe zu, und während andere arbeiten, erkläre ich ihnen Ursache und Wirkung. SPRECHER: Allzu viel ist über Köche im antiken Griechenland nicht bekannt; und auch bei den Römern später ging es beim kulinarischen Genuss nicht um sie. Star ist der Gourmet, der die ganze Inszenierung bezahlt, z.B. Lucius Licinius Lucullus. Der römische Feldherr und Konsul verfügte mit eigenen Meerwasserbecken immer über frischen Fisch. O-Ton Jörg Zipprick: Wir kennen Apicius. Apicius war nach antiken Maßstäben ein Millionär, hochvermögend, und er machte eigene Segeltouren, um z.B. frische Beerenkrebse zu bekommen. MUSIK: C1230150 016 (00‘50‘‘) SPRECHERIN: Marcus Gavius Apicius hatte um die Zeitenwende in Kampanien gelebt. Und hinterließ das angeblich erste Kochbuch mit dem Titel: De re coquinaria. Ein Buch mit "Kochideen". Apicius schätzte etwa Flamingozungen, und so beschrieb er die Zubereitung eines Flamingos mit "Pfeffer, Kümmel, Koriander, Laserwurzel, Minze, Raute, Liquamen und Defrutum". SPRECHER: Liquamen war bei den Römern die "Universalwürze". Und mit Defrutum, einem im Bleigefäß eingedickten Traubensaft, würzten Römer ihre Desserts und süßten die Weine. Der enorme Bleigehalt im Most wird einige römische Aristokraten wohl auch vergiftet haben. MUSIK: C1230150 005 (00‘50‘‘) SPRECHERIN: Völlerei, Protz, Prunk und Theaterspektakel - die Esskultur reicher Römer. Sogar nur ein "halber Gang auf einem Festmahl" des reichen Emporkömmlings Trimalchio, das Petronius in seinem Roman Satyricon beschreibt, war ein ganz großer Auftritt: SPRECHER: "Ein riesiger Bartträger mit riemenumwundenen Beinen und einem Zipfelmantel aus Damast … " erschien und stieß kühn ein scharfes Jagdmesser in die Seite eines gebratenen Wildschweins. Daraus flatterten dann "lebende Drosseln, die namenlose Köche sorgsam in die Bauchhöhle eingenäht hatten". Von Vogelfängern mit ihren Ruten wurden sie kurzerhand wieder eingefangen. Jeder Gast bekam eine Drossel samt großzügigen Mengen von Datteln und Eicheln aus Ägypten und Syrien. MUSIK: M0010842 006 (00‘20‘‘) SPRECHERIN: Im christlichen Mittelalter war römisches Prunkgehabe völlig verpönt. Völlerei gehörte zu den sieben Todsünden, auch wenn schreibkundige Mönche noch lange das Kochbuch des Apicius eifrig kopierten. MUSIK: NC015620 012 (01‘00‘) SPRECHER: Die Bürger in Ostrom, Byzanz, hingegen erfreuten sich am reichhaltigen Angebot vom nordöstlichen Mittelmeer über die Türkei bis zur Arabischen Halbinsel. Gewürze, Kräuter, Früchte und Gemüse: etwa Spinat aus Persien, Auberginen aus Indien, Zitronen, Orangen, Süßspeisen wie Baklava, gefüllte Weinblätter und viele Köstlichkeiten mehr. Die gehobene Kochkunst im Mittelalter ist ohne großzügiges Würzen nicht denkbar. Ingwer, Zimt, Gewürznelken, Safran, Kümmel, Mandeln, Muskat, erreichten über neue Handelsrouten Venedig, Pisa, Genua. SPRECHERIN: Die Köche selbst allerdings waren immer noch namenlos. Und für einfache Bauern standen sie ohnehin nicht am Herd. Die kleinen Leute haben für sich selbst gekocht. Ihre Speisekarte war karg. Jörg Zipprick: MUSIK ENDE O-Ton Jörg Zipprick: Das einfache Volk ernährte sich größtenteils von Suppe. Da hing ein Suppentopf, da wurde reingeschüttet, was es grade gab, manchmal war es ein Stück Fleisch, meistens war es vielleicht auch altes Brot oder Gemüse, was man grade hatte. SPRECHER: In Frankreich buk man Brot nur zweimal im Monat und schüttete die Suppe übers harte Brot, morgens, mittags, abends. Dazu wild wachsende Früchte, Beeren, Kastanien. Fleisch kam nicht sehr oft in die Suppe; und an den zahlreichen Fastentagen war es den Gläubigen sowieso verboten. O-Ton Jörg Zipprick: Es gab immer einen Grund, zu fasten. Aber Fisch konnte man noch essen. Und alles, was so einen Bezug zum Meer hatte, wurde sozusagen dem Fisch zugerechnet: Z.B. Biber wurden auch aufgetischt. Weil Biber leben ja teilweise zumindest im Wasser. SPRECHER: Fast dem Glauben abtrünnig wurden manche Mönche bei süßen Torten. O-Ton Jörg Zipprick: Es gibt Berichte aus Portugal, wo also die Mönche so gut und gern 6.000 Kalorien pro Tag vertilgten. Und die richtig dicken Mönche, die konnten sich nicht mehr durch die Tür zum Dessertraum bewegen, weil die Tür zum Dessertraum, die war etwas schmaler – in ihrem Kloster zumindest, und ja, wer da halt einen zu dicken Bauch hatte, der kam da nicht mehr durch, der musste tatsächlich ein paar Tage fasten. SPRECHERIN: Wer für die Geistlichen kochte, hatte es bestimmt nicht leicht. Hilfsmittel gab es nicht, keine Uhren für die Garzeit, keine Maßeinheiten wie Gramm oder Kilogramm. Ein paar Gerätschaften, getöpferte Behälter, vielleicht auch Grillspieße, Messer. Und es war immer glutheiß. Die Feuerquelle, so Jörg Zipprick war … O-Ton Jörg Zipprick: … möglicherweise eine Art Herd, der mal mit Holz befeuert wurde, später mit Kohle. All das, was aus diesem Holzherd herauskam, das atmeten die Köche ein. SPRECHER: Sie waren nun nicht mehr Sklaven, sondern abhängige Dienstboten. Handwerker nach den mittelalterlichen Zunftordnungen. Das französische Ständebuch von 1268 verzeichnet immerhin eine zweijährige Lehrzeit für Köche, notiert Alain Drouard in seiner Geschichte der Köche in Frankreich. Freilich erreichten nur wenige etwas Ruhm und gutes Auskommen. MUSIK: Z9381113 002 (00‘30‘‘) SPRECHERIN: Ein altdeutsches Gericht ohne Kartoffeln? Pizza ohne Tomaten? Christoph Kolumbus, Vasco da Gama und Ferdinand Magellan verdanken wir die Entdeckung der Neuen Welt. Von Amerika und vor allem Südamerika kamen im 16. Jahrhundert auf neuen Handelsrouten nach Europa: Kartoffeln, Tomaten, Mais, Kaffee, grüner Tee, Kakao und Schokolade. MUSIK ENDE SPRECHER: Vor allem die Köche im Italien der Renaissance konnten fürstlich kochen. Sie benutzten fortschrittliche Techniken, etwa ein Passiertuch bei der Herstellung der Saucen. Und reiche Patrizierfamilien wie etwa die Medici konnten das alles bezahlen. O-Ton Jörg Zipprick: Kulinarische Finesse geht immer dorthin, wo das Geld ist. Insofern entstand kulinarische Finesse am Vatikan, in Florenz, in Venedig, und dann mit der Heirat von Katharina de Medici kamen also italienische Hofköche nach Frankreich. Umgekehrt kann man mit Sicherheit auch nicht sagen, dass zwei Köche die gesamte Küche revolutionierten, es muss also schon ein größeres Qualitätsbewusstsein gegeben haben im Land. MUSIK: CD433050 014 (00‘45‘‘) ZITATOR: Ehrlich gesagt, geben die Franzosen nur für Essen Geld aus… SPRECHERIN: Berichtete aus Paris der venezianische Botschafter in Frankreich, Jerôme Lippomano. Ende des 16. Jahrhunderts schrieb er von "Metzgern, … Verkäufern, Zuckerbäckern und Tavernen, in einer Zahl, die wirklich verwirrt": ZITATOR: Die Rôtisseure und die Konditoren arrangieren in weniger als einer Stunde ein Diner, ein Souper für zehn, zwanzig oder 100 Personen, der Rôtisseur gibt das Fleisch, der Konditor Pasteten, Tourtes, Entrées und Desserts, der Koch Gelees, Saucen und Ragout. MUSIK ENDE SPRECHER: Frankreich hatte Zugang zum Ärmelkanal, dem Mittelmeer und zum Atlantik. Es gab Gebirgslandschaften, Sümpfe mit Fröschen, Seen mit Süßwasserfischen. Aus der Picardie, aus Burgund, aus der Champagne wurden raffinierte Zutaten herangeschafft. Denn das Straßennetz war schon ausgebaut. SPRECHERIN: Der königliche Hof diktierte das come il faut. Vom Sohn der Katharina von Medici, Heinrich III., hieß es: O-Ton Jörg Zipprick: Es gibt verschiedene Legenden, dass Heinrich III. von Frankreich zum ersten Mal im Restaurant Tour d`argent die Gabel benutzt hat. Messer hatte man, wobei die Messer natürlich Dolche waren. Ein Mann, zumal ein Adliger, führte einen Dolch mit sich, und mit dem wurde auch das Fleisch geteilt. MUSIK: C1602500 103 (00‘55‘‘) SPRECHER: Ein Prozess vieler kleiner Fortschritte führte zur französischen Grande Cuisine. auch abseits des Pariser Hofes. Auch technische Erfindungen im Rationalismus des 17. Jahrhunderts – etwa Balkenwaage und Thermometer – beförderten die Kochkunst. SPRECHERIN: Schon damals plädierte übrigens Francois Pierre des la Varenne, für eine Küche des "Eigengeschmacks". ZITATOR: Wenn ich eine Kohlsuppe esse, möchte ich, dass sie nach Kohl schmeckt. SPRECHERIN: Sein Buch Der französische Koch erschien bis 1815 in 250.000 Exemplaren. Auch hantierte er bereits mit Nudelholz, Formen, Waffeleisen und kreierte Pậte brisée, Mürbeteig, Beignets, Waffeln, Marzipan, und Baisers, die heute Meringue in Frankreich heißen. MUSIK ENDE SPRECHER: Francois Vatel erfand unter anderem die Crème Chantilly, Schlagsahne. Jahrzehntelang arbeitete er auch in England, kehrte dann nach Frankreich zurück. Aber war er wirklich Koch? In weißer Jacke, weißer Haube, weißer Schürze, wie ein königliches Edikt von 1549 für Köche vorschrieb? O-Ton Jörg Zipprick: Vatel wird überall als Koch vorgestellt. Vatel war aber eher ein königlicher Zeremonienmeister. Also der Koch, man könnte ihn vergleichen mit einem hohen Beamten, der dafür verantwortlich war, die Herrschenden zu amüsieren. SPRECHER: Ein ganzes Heer von Köchen, Lieferanten, Künstlern und Kellnern versorgte Hof und Adelspaläste. Allein für Speis und Trank! SPRECHERIN: Den Champagner soll der Legende nach der Mönch Dom Pérignon erfunden haben. Sein Wort beim ersten Schluck machte die Runde. ZITATOR: Ich trinke Sterne. SPRECHERIN: Freilich, so Jörg Zipprick, hat Louis Pasteur Hefe zur Flaschengärung eigentlich erst 200 Jahre später entdeckt. SPRECHER: Und wer war nun der beste Koch in der Blütezeit der französischen Grande Cuisine? O-Ton Jörg Zipprick: Der erste Spitzenkoch war Carême. Zum einen war er natürlich ein großer Koch. Allein das Wort Carême: Carême ist im Französischen die Fastenzeit. Also passt wie die Faust aufs Auge für einen Koch. Die letzten Worte sind übermittelt, er sagt einem seiner Schüler, dass er doch weiß, wie man die Pfanne schwenken muss, also bis zum letzten Atemzug sozusagen in der Küche. Zum anderen hatte er aber ein Leben gelebt, von dem man heute nicht mehr weiß, was ist nun Wirklichkeit, was ist Legende. MUSIK: M0010474 014 (00‘45‘‘) SPRECHERIN: Zumindest sprach man über ihn: Marie-Antoine Carême verdingte sich als ausgesetztes Kind mit zehn Jahren in einer Pariser Garküche und "kochte sich nach oben". Köche lernten damals, wie auch noch heute, von ihren Lehrern. La Guipière, Chefkoch im Elysée-Palast, förderte sein Talent. Und seine Leidenschaft für italienische Architektur ließ Carême später metergroße Torten kreieren, die aussahen wie Pyramiden, Pagoden, Pavillons, Schlösser und Tempel. Er sagte einmal: ZITATOR: Architektur, deren wichtigster Zweig die Patisserie ist. MUSIK ENDE SPRECHERIN: Heute isst keiner mehr Kreationen mit Blattgold, Malerfarben und zermahlenen Läusen, doch damals staunte ganz Paris. SPRECHER: Seine opulenten Lachsgerichte in einer Bouillon mit Sauternes-Wein und Steinbuttschnitzeln servierte er mit Unmengen von Austern und Krebsschwänzen. Gut für Frankreich! Sein Chef, der französische Außenminister Talleyrand stimmte damit auf dem Wiener Kongress 1814/1815 die politischen Gegner versöhnlich. SPRECHERIN: Gleichwohl musste auch Carème, wie alle anderen weniger bekannten Köche, den "Abgrund an Hitze" in der Küche ertragen, den "Befehlston", die hohen Ansprüche, den immensen Zeitdruck. Alles muss gleichzeitig fertig sein. Mit 40 Jahren tauscht er den Kochlöffel mit der Feder. Seine Kunst der Küche im 19. Jahrhundert beginnt mit einem hohen Lob auf den schlichten Eintopf, Pot au feu … SPRECHER: Nach der Französischen Revolution und dem Aufstieg des Bürgertums im 19. Jahrhundert wurde vorwiegend in Privathaushalten professionell gekocht - und das exzellent. Außerdem kam nun ein ganz neuer Arbeitsmarkt für Köche hinzu: ZITATOR: Ob es mir beim Restaurateur gefallen hat? Wirklich, ja unendlich. Man wird gut serviert, ein wenig teuer, aber zu der Zeit, die man möchte. SPRECHERIN: Bestätigte der Schriftsteller Diderot. Restaurant hieß ursprünglich eine warme Kraftbrühe. Sie sollte Kraft geben, wiederherstellen, lateinisch - restaurare. ZITATOR: Kommt zu mir, ihr, die euer Magen leidet, und ich werde euch restaurieren. SPRECHER: … stand 1762 auf dem Türschild des ersten Restaurants in Paris. Boulanger, der Besitzer, hatte sich etwas Neues ausgedacht. Jörg Zipprick: O-Ton Jörg Zipprick: Die Tavernen boten nur ein Tagesgericht an, das Restaurant hatte eine Speiseauswahl. Eine Speisekarte, auf der verschiedene Gerichte stehen mit einem klaren Preis. Und Monsieur Bou…

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    Beruf: Hausfrau - Die Geschichte einer Arbeiterin Dec 27, 2023
    Show notes

    Die klassische "Hausfrau" ist tot. Oder doch nicht? Wer kocht, putzt und wäscht, wenn alle arbeiten? Und wann entstand das Bild der "Hausfrau"? Von Julia Fritzsche (BR 2019)

    Credits

    Autorin dieser Folge: Julia Fritzsche
    Regie: Eva Demmelhuber
    Es sprachen: Beate himmelstoß, Rahel Comtesse, Frank Manhold
    Technik: Michael Krogmann, Christine Frey
    Redaktion: Nicole Ruchlak

    Im Interview:
    Barbara Duden (Professorin; emeritiert; Historikerin Universität Hannover);
    Gabriele Winkler (Professorin; Arbeitswissenschaftlerin der Universität Hamburg)

    Wir empfehlen außerdem diese spannenden Folgen von ALLES GESCHICHTE - HISTORY VON RADIOWISSEN:

    FRAUENARBEIT: Heimatfront im Ersten Weltkrieg
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    FRAUENARBEIT: Näherinnen
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    FRAUENARBEIT: Die Waschfrauen

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    Das vollständige Manuskript gibt es HIER.


    Jesus Christus - Ein Held? Dec 24, 2023
    Show notes

    Jesus von Nazareth ist vieles: Religionsstifter, Sohn Gottes, Wunderheiler, charismatischer Lehrer, Messias und Erlöser. Aber war er auch ein Held? Dieser Frage nachzugehen lässt ein interessantes Bild von Jesus Christus entstehen. Oder von dem, der aus ihm gemacht wurde. (BR 2022) Autor: Andreas Hauber

    Credits
    Autor/in dieser Folge: Andreas Hauber
    Regie: Irene Schuck
    Es sprachen: Beate Himmelstoß, Christian Baumann
    Technik: Helge Schwarz
    Redaktion: Bernhard Kastner

    Das Manuskript zur Folge gibt es HIER.

    Im Interview:
    Hans Reinhard Seeliger (em. Professor; Düsseldorf);
    Lukas Gasser (Filmemacher, Autor, Musiker)

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    Die Heldenreise - Typologie einer Erzählung
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    Literaturtipps

    Hyginus, Gaius Julius, Fabulae: Eine Reise durch die wundersame Welt der griechischen Mythologie (Lateinische Klassiker – Zweisprachig) über. v. Lucius Annaeus Senecio, ad fontes Klassikerverlag, 2017.

    Zilling, Henrike Maria, Jesus als Held – Odysseus und Herakles als Vorbilder christlicher Heldentypologie, Paderborn-München-Wien-Zürich, 2011.

    Gasser, Luke, Das Jericho Prinzip – Abschied von der Last der Schuld, S. 32-44, Wangen bei Olten, 2019.

    Dembowski, Hermann, Einführung in die Christologie, Darmstadt 1993 (3. Auflage)

    Die Bibel – Altes und Neues Testament – Einheitsübersetzung, Freiburg-Basel-Wien 1980.

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    Der Dackel - Auf kurzen Beinen zur Kultfigur Dec 21, 2023
    Show notes

    Dackelartige Hunde gibt es seit dem Mittelalter. Kurzbeinige Hunde wurden zur Jagd in unterirdischen Fuchs- und Dachsbauten eingesetzt. Mutig mussten sie sein und zur Not auch ohne den Jäger klarkommen. (BR 2017) Autorin: Christiane Seiler CreditsAutor/in dieser Folge: Christiane SeilerRegie: Eva DemmelhuberEs sprachen: Axel Wostry, Irina Wanka, Paul HerwigTechnik: Christine FreyRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Cyprienne Geilen, Tierärztin und Züchterin;Arno Blin, Rentner und Jäger Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Mensch und Hund - Eine ErfolgsgeschichteJETZT ANHÖREN Hunde und ihr Geruchssinn - Die Supernasen im TierreichJETZT ANHÖREN Die Jagd - Von der Trophäenjagd zur ÖkojagdJETZT ANHÖREN Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Atmo Dackelschau MUSIKAKZENT Kleiner Dackel vor dem Laden MUSIK Ein kleiner Hund OT1 Geilen Im süddeutschen Raum heißen sie eher Dackel, im norddeutschen Raum heißen sie eher Teckel, manche sagen auch Dachshunde. Im Ausland sagt man auch eher „Dachshund“ oder dashhound, also nicht badger dog, was man erwarten würde, oder halt basotti auf Italienisch, das ist alles der gleiche Hund … Musik aus Atmo: Tür auf, Dackelgekläff, Atmo weiter unter Sprecherin Sprecherin Wir sind bei einer Zuchtschau des Deutschen Teckel Klubs im Land Brandenburg, südlich von Berlin. Inmitten der rustikalen Scheune am Dorfrand befindet sich ein mit grauem Nadelfilz ausgelegter Führring. Dackelbesitzer heben ihre vierbeinigen Lieblinge behutsam auf einen Tisch, um sie vom Richter und seinem Helfer begutachten zu lassen. Die Dackel sind mal winzig, mal groß, mal haben sie kurzes, mal raues, mal seidig langes Fell. Die Richter schauen in spitze Mäuler, vermessen Rückenlänge und Brustumfang, lassen die Hunde dann wieder zu Boden und im Ring an dünnen Leinen im Kreis marschieren. Am anderen Leinenende einer schwarz-braunen Zwergdackeldame geht stolz und besorgt ein großer junger Mann in grüner Jägerstrickjacke und mit Samurai-Zopf, seine Hündin schmeißt eifrig die Stummelbeinchen, so schnell, dass die Konturen ineinanderfließen. MUSIK Jagdquartett 4. Satz: Allegro assai Sprecher Die Bewegung des Hundes sieht aus wie auf dem berühmten Ölgemälde des italienischen Futuristen Giacomo Balla. "Dinamismo di un cane al guinzaglio", auf deutsch "Bewegungsrhythmus eines Hundes an der Leine" heißt das Werk aus dem Jahre 1912. Zu dieser Zeit versuchen sich viele Künstler an der Darstellung von Bewegung, angeregt durch die neuen Möglichkeiten der Fotografie, die einzelne Bewegungsphasen im Bild festhalten kann. Auf Ballas Bild schwingt die Leine, das Schwänzchen wedelt, die Beine fliegen, die Darstellung erinnert an eine Comiczeichnung. Neben den vom Kleid umwehten Beinen einer möglicherweise älteren Dame in bequemem Schuhwerk, läuft ausgerechnet ein schwarzroter, sehr kleiner kurzhaariger Dackel. Musik aus OT2 Geilen Der Ursprungsdackel … ist ... schwarzrot Kurzhaar tatsächlich. Und der Förster von Daacke hat sich darauf spezialisiert, diese hirschrote Farbe, was man heute halt rot nennt, in diese Zucht zu bringen. Und dann haben sich aus diesem Kurzhaar mit Einzüchtung von Terrier der Rauhaar entwickelt, und mit Einzüchtung von Cockerspanielarten der Langhaar. Und dann wurden die verschiedenen Größenschläge gezüchtet, also immer kleiner, und das hat was mit der Funktion zu tun, die größeren Hunde sind für Dachs- und Fuchsbau, also für Raubwild gedacht, und die kleineren dann Kaninchenteckel und Zwergdackel. ATMO Gekläff Sprecherin Cyprienne Geilen, 30 Jahre alt, ist Tierärztin und züchtet kurzhaarige Zwergteckel. Ob der Name "Dackel" sich von dem erwähnten ersten Dackelzüchter namens von Daacke herleite, sei heute nicht mehr zu klären, meint sie. Atmo aus Das Grimmsche Wörterbuch, dessen den Dackel betreffender Band Mitte des 19. Jahrhunderts erschien, kennt noch keinen "Dackel", allerdings findet sich dort der "Dachshund". Auch in Adelungs "Grammatisch Kritisches Wörterbuch der hochdeutschen Mundart" von 1793 gibt es den Eintrag: ATMO Dachshund Zitat Adelung Der Dachshund, des Dachshundes, Plural: Die Dachshunde; eine Art kleiner starker Hunde, mit einem langen, schmalen Leibe und kurzen, eingebogenen Füßen, welche zur Dachsjagd gebraucht werden, dieses Tier in seinem Baue aufzusuchen. Atmo aus MUSIK Back on the Bounce Sprecherin Als 1888 der Deutsche Teckel-Klub gegründet wurde, gab es also bereits Dackel, aber erst jetzt wurde einheitlicher, auch heute noch fast weltweit gültiger, Rassestandard festgelegt. Der Dackel ist also ursprünglich ein durch und durch deutscher Hund. Und nach diesem Rassestandard wird das einzelne Exemplar bei einer solchen Zuchtschau beurteilt: Musik aus Atmo Dackelschau OT3 Geilen Da wird auf die Gesundheit des Hundes geachtet, es wird kontrolliert, ob das Gebiss in Ordnung ist, ob die Zähne in der richtigen Anzahl vorhanden sind, das zeigt schnell, wenn genetisch was nicht in Ordnung ist. … Dann wird geschaut, was beim Dackel sehr wichtig ist, nach der Rute, ob alle Wirbel gegeneinander beweglich sind, weil der Dackel mit seinem Körperbau auch ein bisschen anfällig isst, was die Wirbelsäule angeht, ... Dann wird die Anatomie bewertet, auch der Geschlechtstyp, ob man gleich sieht, dass es sich um einen Rüden oder ne Hündin handelt, dann wird ... der Kopf bewertet, die Augen sollten mandelförmig beim Teckel sein, die Ohren sollten anliegen auf Höhe der Augen, (( nicht zu hoch nicht zu niedrig angesetzt sein, … das hat auch alles ne Funktion, also die langen Ohren beim Deckel sind dazu da, dass z.B. unter der Erde die Ohren geschützt sind und keine Erde in die Ohren fallen kann.)) Dann sollte der Deckel einen mittellangen, starken Hals haben, der in einen guten Widerrist übergeht und ((dann ist genau vorgeschrieben, wie die Schulterwinkelung sein sollte, wie die Hinterhandwinklung sein sollte, dass die Vorderpfoten parallel sind, …)) Früher war es so, der typische Dackel hatte diese fürchterlich ausdrehenden Beine, die aussahen wie Rokokostühle oder Chippendale Möbel, das ist nicht gewünscht, der Teckel soll ne parallele Vorhand haben, weil sonst die Arthrose im Alter nicht weit ist. Atmo aus Sprecher Ein Dackel soll also keine krummen, sondern kurze Beine haben. Kurzbeinige Jagdhunde gab es schon im Mittelalter, was auf zeitgenössischen Darstellungen gut belegt ist. "Niederläufig" nennt sie die Fachsprache. Diese Kurzbeinigkeit beruht auf einer Genmutation, die zu der sogenannten Chondrodysplasie führt und auch bei Menschen auftritt. Bei Hunden wurde diese Form der Kleinwüchsigkeit schon vor Jahrhunderten züchterisch genutzt. Atmo Dackelschau OT4 Geilen Es gibt zwei unterschiedliche Formen von Zwergwuchs, so kann man es eigentlich gut erklären. Es gibt den proportionalen und den nichtproportionalen Zwergwuchs. Proportional heißt, die Tiere sind einfach nur kleiner, aber das Verhältnis aller Gliedmaßen bleibt. Z.B haben wir diesen Zwergwuchs beim Chihuahua oder beim Zwergpinscher, der sieht eigentlich aus wie so ein Bonsai-Dobermann, sage ich jetzt mal. Ja, der Teckel ist ja zwar klein, aber unheimlich knochenstark. Und diese Knochenstärke rührt daher, dass die Knochen sich nur verkürzen, die werden so ein bisschen schaufelförmig und haben aber die gleiche Stärke wie von einem großen Hund. Atmo aus Sprecherin Die Verkürzung der Knochen betrifft also nur die Gliedmaßen, während der Leib des Hundes normal groß bleibt. Nicht nur Dackel haben kurze Beine, es gibt noch andere Rassen mit diesem Merkmal. Man denke nur an den aus dem Disneyfilm "Aristocats" bekannten Basset namens Lafayette oder die bei der englischen Queen besonders beliebten "Welsh Corgies". Englische Basset Hounds sind wesentlich massiger als Dackel und dienten in einer Meute als Jagdhunde, Welsh Corgies gehören zur Gruppe der Hütehunde. ATMO Jagdhunde Sprecher Kurzbeinigkeit vererbt sich dominant und führt, jetzt wieder im Fall des Dackels, zu kräftigen, aber niedrigen Hunden mit schmalem Brustkorb, die in früheren Zeiten äußerst nützlich für die sogenannte Baujagd waren. Deshalb gelten Dackel, ähnlich wie manche Terrierrassen, als Erdhunde. Die Vierbeiner sollten in die engen Röhren der Fuchs- oder Dachsbaue eindringen, sich unter der Erde an die Verfolgung der Bewohner machen, den Dachs oder Fuchs stellen und so laut bellen, dass man ihn draußen hören und orten konnte. Daraufhin gruben die Jäger an der richtigen Stelle, befreiten den Dackel und erschossen Dachs oder Fuchs. Sprecherin Die Jagdliteratur des 19. Jahrhunderts geizt nicht mit der Beschreibung heroischer Szenen bei der Konfrontation eines Dackels mit einem Dachs. MUSIK Luminosity (privat) ATMO Jagd und Dackelgeheul Das folgende Zitat stammt aus dem Buch "Niederjagd" des fränkischen Försters und Jägers Karl Emil Dietzel. Mehrere Jäger umstehen einen Dachsbau, im dem bereits ein Hund namens "Bergmann" unterwegs ist. Sie haben begonnen, Dackel und Dachs auszugraben und lauschen bang auf einen Laut des Hundes. Zitat Dietzel Da hört man auf einmal ganz deutlich und näher, als man zu hoffen gewagt, den tapferen "Bergmann". Und triumphierend, ja, fast die Furcht der Zweifler ein wenig verhöhnend, blickt der Jäger um sich und kann es sich nicht versagen, unter die Befehle, die er erteilt, Worte des Lobes für seinen Hund zu mischen. … Immer deutlicher wird "Bergmann" gehört, und öftere Schmerzenslaute des Angreifers lassen schließen, dass der Kampf sehr heiß sei. Kann auch der Jäger in diesem Augenblick keine tätige Hilfe leisten, so ist er doch bemüht, durch Zuruf den Gegner seines Schützlings zu schrecken und den Mut des Hundes aufs Höchste anzuspornen. Sprecherin Diese Baujagd war also gefährlich für den Hund, denn gerade Dachse sind wehrhafte Tiere, die den sie verfolgenden Dackel sogar eingraben können, in der Jägersprache heißt es "verklüften", sodass der Hund sich nicht aus eigener Kraft befreien kann. Ein Dackel muss im Dachsbau sehr selbstständig handeln und Entscheidungen treffen, Herrchen oder Frauchen können ihm nicht beistehen. Daher rühren auch heute noch die berühmte Eigensinnigkeit und das Selbstbewusstsein des Dackels. Musik aus Sprecher Die Baujagd wird in Deutschland praktisch nicht mehr betrieben. Aber immer noch gilt der Dackel als Jagdhund und wird nach wie vor auf seine Jagdtauglichkeit hin gezüchtet. So auch Antek. Atmo: Antek quietscht Sprecher … dieser schwarz-braune normalgroße Rauhaardackel mit dem hellen Bart. Sprecherin Er hat die Besucherin freudig schwanzwedelnd begrüßt und sitzt jetzt neben seinem Besitzer Arno Blin auf dem Ledersofa. Der Rentner ist Jäger und ehemaliger Dorfschullehrer in der Niederlausitz. Antek ist sein vierter Dackel und jetzt acht Jahre alt. OT5 Blin Als Jagdhund würden ihn viele ablehnen, weil er keine Schärfe hat … er geht ja immer hin und freut sich und macht, aber dafür wo ich ihn brauche, nachsuchen, das macht er. Hier werden ja häufig Schweine gejagt, und wir sagen der Hund, wenn er nachsuchen soll, wird am Anschuss angesetzt. Der Anschuss ist die Stelle, wo das Wild beschossen wurde und im Normalfall ist auch irgendwas zu sehen, entweder Schweiß, also Blutspritzer, oder Haare von der Schwarte … Dann findet er mit seiner Nase raus, wo das kranke Stück hin ist, das kriegt er mit und er findet das auch … Er bellt nur, er gibt nur Laut am lebenden Stück. Am toten nicht. Aber ich lasse ihn suchen, und dann rufe ich ihn zurück, und wenn er zurückkommt, mache ich ihn an die Leine, und dann führt er uns hin. Sprecherin Antek hat nie einen Dachs- oder Fuchsbau von innen gesehen. Dafür fehlt ihm die Schärfe, sagt Herr Blin, sprich, Antek ist kein Angreifer und legt keinen Wert auf gefährliche Zweikämpfe. Aber er hat eine sehr gute Spürnase. Generell sind Dackel für alle Aufgaben gut zu brauchen, bei denen ein feiner Geruchssinn nötig ist, meint die Züchterin Cyprienne Geilen: OT6 Geilen Der Dackel ist ein ein spurlauter Jäger, das heißt, das, was man dem Dackel nachsagt, dass er sehr gerne bellt, das ist auch gewünscht. … er sieht nichts, er riecht es, und er gibt daraufhin Laut. Und dann weiß der Jäger, aha, er hat eine Spur. … Das ist ein ganz spezieller Laut, also die Jäger sagen dazu „Jiffen“, das unterscheidet sich vom Bellen. Man merkt ob der Hund auf ner Fährte oder ner Spur ist, oder ob er einfach so bellt. Sprecher Nur eine Minderheit aller Dackel ist aktuell noch als Jagdhund im Einsatz, die meisten leben, wie ihre Besitzer, in Großstädten und viele in Etagenwohnungen. Deshalb suchen Hundefreunde nach neuen Herausforderungen für ihren Vierbeiner. Schlägt man einen modernen Dackel-Ratgeber gleich welchen Verlages auf, finden sich vielfältige Tipps, wie man seinem Dackel zu einem abwechslungsreichen Leben verhelfen kann. Der Deutsche Teckel Klub bietet eine Begleithundeausbildung mit anschließender Prüfung an, ferner gibt es Hindernisläufe, Dog Dancing, sowie Denk- und Geschicklichkeitsspiele. Was empfiehlt die Züchterin Cyprienne Geilen? OT7 Geilen An Tagen, wo der Besitzer nicht so viel Zeit hat, ist der Teckel auch ein ganz ruhiger Hausgenosse, aber natürlich muss man ihm viel Auslastung anbieten. ((Im Wald, oder mit Spiel oder mit viel Kopfarbeit, ich sage mal, er verträgt sehr viel,)) ich kann drei Stunden mit meinen Hunden laufen, da sind die kein Stück müde. Aber … wenn mal ein Tag dabei ist, wo es nur die Runde um den Block ist, verträgt es der Deckel auch, aber er möchte am Wochenende durch den Grunewald oder irgendwo anders durch den Wald und mal ein zwei Stunden ausgelastet sein. MUSIK Cloak and Dagger ATMO Hundelaufen Sprecherin Abgeraten wird von allen Aktivitäten, bei denen der Dackel hochspringen oder sich lange auf den Hinterbeinen aufrichten muss. Denn weil diese Hunderasse einen verhältnismäßig langen Rücken hat, sollte alles vermieden werden, was zu Wirbelsäulenschäden führen kann. Auch Treppensteigen bekommt dem Dackel nicht gut. Deshalb sollte man ihn besser tragen, auf dem Arm oder in einer Tasche. Und auch zu dick sollte er nicht werden – kein Dackel sollte aussehen wie eine dralle Wurst auf Beinen. Musik aus Atmo aus Dieses leider allzu verbreitete Übergewicht hat ihm übrigens im Englischen den Spottnamen "sausage dog" eingetragen. Im schlimmsten Fall kann es durch einen Bandscheibenvorfall zur sogenannten Dackellähme kommen. An dieser Krankheit, die übrigens nicht nur Dackel, sondern auch Pekinesen und Zwergpudel befällt, litt auch "Lump", wohl einer der berühmtesten Dackel der Welt. Sprecher Lump, ein hirschroter Kurzhaardackel, kam 1956 in Stuttgart zur Welt. Dort erwarb ihn der amerikanische Fotograf David Douglas Duncan, der vor allem als Kriegsfotograf berühmt wurde. Lump sollte seiner Afghanen-Hündin Gesellschaft leisten, aber die beiden vertrugen sich ganz und gar nicht. Ein Jahr später nahm Duncan den Dackel mit auf Besuch zu seinem Freund Pablo Picasso nach Südfrankreich. Der Maler lebte in dem verwunschenen Landsitz "La Californie" mit seiner Frau Jaqueline, einer Ziege, einem Boxerhund und mehreren Vögeln. Bei Lumps Ankunft dort geschah etwas Erstaunliches. Auf der Stelle entschied der Hund, so beschreibt es jedenfalls Duncan in seinem Buch "Picasso und Lump", dass er bei Picasso einziehen wollte, und der Maler verliebte sich in den kurzbeinigen, lustigen Dackel. David Douglas Duncan hat das Zusammenleben der beiden auf vielen Fotos dokumentiert. Lump saß auf Picassos Schoß, leckte seinen Teller ab, warf ihm ein Steinchen vor die Füße und animierte ihn zum Spiel, sah ihm stundenlang beim Malen zu. Und Picasso verewigte den Dackel auf Zeichnungen und Gemälden. Sechs Jahre lang lebte Lump in dem geheimnisvollen und chaotische…

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    Der kleine Liebling der Elite - Schoßhunde im Wandel der Zeit Dec 21, 2023
    Show notes

    'Schoßhunde‘, heute auch Gesellschaftshunde genannt, haben eine lange Geschichte. Sie wurden rein zur Freude und Unterhaltung des Adels und der Königshäuser gezüchtet und waren nicht selten kostbare Statussymbole. Heute sind sie beliebte Begleithunde, ideal geeignet für ein Leben in der Stadt. Autorin: Fiona Rachel Fischer CreditsAutorin dieser Folge: Fiona Rachel FischerRegie: Sabine KienhöferEs sprachen: Rahel Comtesse, Thomas Birnstiel, Katja SchildTechnik: Klemens KampRedaktion: Bernhard Kastner Im Interview:Dr. Seán Williams (historischer Berater dieser Folge), School of Languages and Cultures an der University of Sheffield;Dr. phil. Kelsey Granger, Sinologin, Gastwissenschaftlerin an der Ludwig-Maximilians-Universität Diese hörenswerten Folgen von radioWissen könnten Sie auch interessieren: Als das Tier zum Freund wurde - Geschichte des HaustieresJETZT ANHÖREN Qualzucht - Tierleid für menschliche BedürfnisseJETZT ANHÖREN Tiere verstehen? - Zwischen Deutung und ForschungJETZT ANHÖREN Literaturtipps: Seán Williams: „Dogged by controversy – our relationship with canines through the ages“, in: The Guardian (2. April 2023):EXTERNER LINK | https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2023/apr/02/dogged-by-controversy-our-relationship-with-canines-through-the-ages (zuletzt abgerufen am 17.10.2023). Kelsey Granger: „The History of (Lap)dogs in China“, in: www.royalasiaticsociety.org (veröffentlicht 2023):EXTERNER LINK | https://royalasiaticsociety.org/the-history-of-lapdogs-in-china-post-by-2023-staunton-prize-winner-dr-kelsey-granger/ (zuletzt abgerufen am 17.10.2023). Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Atmo: Hund SPRECHER: Manchmal passen sie in Handtaschen. SPRECHERIN: Manchmal schieben wir sie in kinderwagenähnlichen Gefährten herum. SPRECHER: Manchmal schmücken wir sie mit Schleifchen und Mäntelchen. SPRECHERIN: Man mische eine Mini-Prise Wolf mit ganz viel Niedlichkeit und … herauskommt: SPRECHER: Der Schoßhund! SPRECHERIN: Der kleine Liebling der Elite. Atmo: freudiges Bellen hecheln, Pfiff, Jagdgeräusche … SPRECHERIN: Moment mal! Zuallererst einmal sind Hunde wehrhafte Jäger! SPRECHER: Stimmt! Und genau an diesem Punkt beginnt die Jahrtausende alte Beziehung zwischen dem Menschen und dem Vorfahren des Hundes, dem Wolf. Es gibt verschiedene Hypothesen dazu, wie die ersten Annäherungen aussahen. Vielleicht überließ der omnivore Homo Sapiens in einer kalten Eiszeitnacht dem karnivoren Wolf das für ihn schlecht verdauliche proteinreiche, magere Fleisch und band ihn so an sich. Vielleicht zog er bewusst kleine Wolfsjunge auf oder rettete verletzte Tiere, um sie für die Jagd trainieren zu können. SPRECHERIN: Fest steht: Der Kontakt wurde immer enger. Schon vor 19.000 bis 32.000 Jahren haben im prähistorischen Europa Menschen mit den angehenden Hunden zusammengearbeitet, wie eine Forschungsgruppe an der Universität Turku in Finnland per Genanalyse festgestellt hat. Die Tiere unterstützten die Jäger und warnten vor Gefahren. Dafür bekamen sie ihren Anteil von der erlegten Beute. Die Annäherung des Wolfes an den Menschen, seine Zähmung und die Entwicklung zum Hund – das ist eine Geschichte der Urzeit. SPRECHER: Im Laufe der jahrhundertelangen Nähe zum Hund, fängt der Mensch an, den Hund nach seinen Bedürfnissen zu formen und gewisse Eigenschaften in ihm zu fördern, die ihm nützlich erscheinen. Größe, Fellbeschaffenheit, Farbe und Charakter. Der Mensch macht sich die Instinkte und Fähigkeiten des Hundes zu Nutze und setzt ihn bei der Jagd, zum Bewachen und zum Beschützen ein. SPRECHERIN: Mit der Weiterentwicklung der menschlichen Gesellschaft kommt jedoch noch ein anderer Aspekt hinzu: Eine wohlhabende Oberschicht mit viel Prestigebedürfnis und Zeit kann Hunde nun auch rein zum Vergnügen halten. Solche Hunde haben keine andere Aufgabe, als nett auszusehen und ihre Besitzerin oder ihren Besitzer zu begleiten. O-TON 1 - Kesley Granger [There´s has been a lot of theories raised] OV weiblich Es gibt viele Theorien darüber, warum Menschen Schoßhunde und andere Haustiere halten, denn es existieren widersprüchliche Vorstellungen darüber, ob der Grund dafür beim Tier oder beim Menschen liegt. Ob es sich also um das angeborene Verlangen des Menschen handelt, ein soziales Wesen zu sein, und ob wir als Ausdruck dessen Haustiere halten oder ob es an der Art und Weise liegt, wie das Tier aussieht. Eine bekannte Theorie besagt, dass viele Haustiere oft sehr große Augen, sehr große Ohren und sehr große Köpfe haben – wie ein Baby. Und dieses Aussehen der Tiere, diese Ähnlichkeit mit menschlichen Babys, weckt in uns den Wunsch, das Tier als Haustier zu halten. SPRECHER: Dr. Kelsey Granger, Sinologin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München mit Forschungsschwerpunkt auf Haustierhaltung in China, insbesondere von Schoßhunden. SPRECHERIN: Der Begriff Schoßhund umfasst alle Hunderassen, die klein und dem Menschen gegenüber freundlich sind. SPRECHER: …. die der Mensch nur zu seinem eigenen Amüsement gezüchtet hat. SPRECHERIN: Wie Malteser, Pekingese, Mops. … und einige mehr … O-TON 2 - Seán Williams Als Tiere sind Schoßhunde natürlich sehr interaktiv. Das heißt, wir behandeln sie immer mehr eigentlich als Menschen. Wir betrachten Sie auch als unsere Freunde. Andererseits sehen sie nicht wie Menschen aus, das heißt, es liegt dann in diesem Tier, vor allem in diesem Haustier, eine Ambiguität. SPRECHERIN: Der Historiker Seán Williams von der School of Languages and Cultures an der Universität in Sheffield. Williams hat sich im Rahmen seiner Forschungen zur deutschen und europäischen Kulturgeschichte mit dem Schoßhund in der Moderne beschäftigt. SPRECHER: Bereits im Alten Rom sind kleine Schoßhunde bekannt und äußerst beliebt. Sie werden verwöhnt, liebkost und manchmal neben ihren Besitzern bestattet, wie Skelettfunde belegen. SPRECHERIN: Im Jahr 2021 untersuchten Wissenschaftler die Überreste eines Hundes aus dem Jahr 169 vor Christus, die im Grab seines Besitzers gefunden wurden, und fanden heraus: das Tier war klein, die Zähne nicht von der Jagd abgenutzt und es muss dem Grabritus nach eine enge Verbindung zu seinem Besitzer gehabt haben. Doch nicht nur das. Es handelt sich auch um eine sehr frühe Züchtung mit sehr kurzer Schnauze, wie wir es später von Möpsen und Bulldoggen kennen. SPRECHER: Offensichtlich gab es also bereits im antiken Rom Züchtungen, die rein auf das Vergnügen der wohlhabenderen Menschen abzielten. SPRECHERIN: In China, einem Land das später für seine Schoßhunde bekannt sein wird, finden sich erst einige hundert Jahre später die ersten Hinweise auf eine solche Hundehaltung. O-TON 3 – Kelsey Granger [The first discernible lapdogs we see entered] OV weiblich Die ersten erkennbaren Schoßhunde kamen im Jahr 624 nach Christus als politisches Geschenk ins Land. Und sie wurden von dem Seidenstraßenstaat Turfan geschickt. […] Wir wissen also, dass sie von weit her kamen und recht plötzlich in China ankamen. Vor diesem politischen Geschenk gab es keine Beispiele für Schoßhündchen. SPRECHERIN: Zur Zeit der Tang-Kaiserdynastie, die vom 7. bis zum 10. Jahrhundert an der Macht ist, reißt sich alles, was Geld und Namen hat, um die neuen Haustiere. Zuvor dienten Hunde nie zur reinen Unterhaltung, jetzt sind sie plötzlich die neuen Lieblinge der Elite. SPRECHER: Reguliert wird die Haltung dieser speziellen Hunde nicht und auch über jegliche Sicherheitsbefürchtungen sind sie erhaben. Denn während die normalen ‚Arbeitshunde‘ bei den Zeitgenossen der Tang-Dynastie immer wieder Sorge über Tollwut auslösen und Warnschilder vor beißenden Hunden aufgestellt werden müssen, leben Schoßhunde in einem goldenen Käfig - sozusagen in Quarantäne. Denn sie sind vor allem die Haustiere einer spezifischen Gruppe: SPRECHERIN: Den besser gestellten Frauen, die in einem ganz eigenen, abgeschotteten Reich leben. O-TON 4 (vorher 5) – Kelsey Granger [We know elite women were keeping the lapdogs] OV weiblich Wir wissen, dass Frauen der Elite Schoßhunde hielten. Ob andere Frauen ebenfalls solche Hunde hielten, ist nicht klar, aber es steht fest, dass es grundsätzlich überwiegend Frauen waren, die Schoßhunde hielten, was schon ungewöhnlich ist. Wir haben viele verschiedene Kulturgüter, die sich mit Schoßhunden befassen, wir haben Gedichte, wir haben Gemälde, wir haben Geschichten. Es wurden zuvor noch nie Hunde mit Frauen oder Kindern dargestellt. SPRECHER: Die Frauen der chinesischen Elite entwickeln eine enge emotionale Verbindung zu ihren Hündchen. Die Damen putzen ihre Lieblinge genauso heraus wie sich selbst – mit Parfüm und Schleifchen. SPRECHERIN: Diese Verbindung zwischen der adeligen Frau und ihrem Schoßhund geht sogar über den Tod hinaus, wie die bewegende Geschichte von Madame Lu und ihrem geliebten Schoßhund Huazi – Fleckchen – zeigt. Eines Tages verschwindet das Hündchen und verunglückt tödlich - kurz darauf stirbt auch Madame Lu. SPRECHER: Möglicherweise aus Trauer. SPRECHERIN: Als sie in die Unterwelt kommt, wird ihr offenbart: Sie sei zu früh gestorben und darf für weitere 12 Jahre in ihr Leben zurückkehren. Auf dem Weg zum Land der Lebenden begegnet sie einer wunderschönen jungen Frau. „Erkennst du mich denn nicht?“, fragt diese. „Ich bin Huazi, dein Hündchen.“ Zum Dank für Madame Lus Güte habe sie ihrer ehemaligen Herrin geholfen, dem verfrühten Tod zu entkommen. Mit einem magischen Zahlendreher macht Huazi aus den 12 noch verbleibenden Lebensjahren nun sogar 21 – im Gegenzug soll ihre ehemalige Herrin die Leiche ihres Hundes suchen und begraben. Madame Lu tut, wie ihr geheißen - und bestattet Huazis Gebeine mit den Grabriten eines Kindes. SPRECHER: So will es eine Erzählung aus der Taiping guangji-Sammlung, die halb wahre und halb erfundene Geschichten beinhaltet und Ende des 10. Jahrhunderts fertiggestellt wurde. Sowohl Madame Lu als auch der Ort, an dem Huazis Leiche gefunden wird, sind real. Der Teil mit der Unterwelt, … nun ja. SPRECHERIN: Was diese Geschichte zeigt, ist jedoch unbestreitbar: Die adeligen Frauen des frühen Chinas hatten eine intime, geradezu freundschaftliche Beziehung zu ihren Schoßhunden. Eine Verbindung, die Anlass zu Fantasien gibt. O-TON 5 (vorher 6) – Kelsey Granger [For men, lapdogs and women went together as one image] OV weiblich Für Männer bildeten Schoßhündchen und Frauen ein Bild. Es gibt viele Gedichte über Frauen, in denen es oft um Frauen geht, aber eben nicht direkt. In diesen Gedichten sprechen Männer über die weiblichen Bereiche des Hauses, die für sie unzugänglich waren, es sei denn, sie gingen dorthin, um eine Frau zu verführen. So bellen Schoßhündchen, wenn ein Liebhaber am Tor ankommt, ein Schoßhündchen schläft am Fußende eines Bettes, wenn Frischvermählte ihre Hochzeit vollziehen, ein Schoßhündchen ist als Begleiter für einsame Palastfrauen da, die nicht die Gunst des Kaisers hatten. Die Schoßhündchen dienen den Männern sehr wohl als Symbol für alle weiblichen Räume, aber auch als eine Art Parallele zur Frau. SPRECHER: Lange Zeit bleiben Schoßhunde eine Sache der Elite, des Adels, der Königshäuser – auch im mittelalterlichen und neuzeitlichen Europa. Die Schönen und Reichen lieben ihre Haustiere. Hunde auf Gemälden in goldenen Galerien sind keine Seltenheit. SPRECHERIN: Ende des 18. Jahrhunderts wird die romantische Idee eines Haustiers jedoch langsam zum Massenphänomen. Atmo Maschinen Es ist die Zeit der Industrialisierung, die Zeit von Fabriken und Urbanisierung. SPRECHERIN: Für viele Bürger sind Haustiere eine letzte Bastion der Natur in der Großstadt. Und zugleich schick, denn immerhin war das Haustierhalten bisher eine Sache des Adels. Ein Statussymbol. SPRECHER: In Großbritannien, in Frankreich und im deutschsprachigen Raum werden Schoßhunde immer mehr zu Familienmitgliedern, über alle sozialen Klassen hinweg. SPRECHERIN: Schoßhunde kommen immer mehr in Mode. Es beginnt ein wahrer Hype um die Haltung - und um die verschiedenen Rassen, denen bestimmte Charakteristika zugeschrieben werden. SPRECHER: Mit den Schoßhund-Rassen jedoch ist das so eine Sache. Manche ursprünglichen Jagdhunde, wie der Pudel, werden auch als nicht arbeitende Haushunde gehalten. Und bei den richtigen Schoßhunden, die ohne eine bestimmte Funktionsfähigkeit gezüchtet worden sind, sind die Rassen oft nur schwer auf ihren Zuchtursprung zurückzuverfolgen. Wie zum Beispiel beim Mops, der chinesische Vorfahren hat. Doch die frühe chinesische Hundezucht ist in den historischen Quellen nur schwer zu greifen: OV weiblich: Das ist also das wirklich Schwierige an Rassen, denn heute sprechen wir natürlich von Rassen, sprechen wir vom Mops und vom Pekingesen. Das Problem ist, dass in den Quellen nicht von Möpsen und Pekingesen die Rede ist, sondern nur von Hunden, sodass es wirklich schwierig ist, bestimmte Arten zu unterscheiden. Ich glaube nicht, dass es eine sehr klare Abgrenzung zwischen Möpsen und Pekingesen sowie Shih Tzus und all diesen anderen Hunderassen gab. Sie sahen wahrscheinlich nicht einmal so verschieden aus, wie sie es heute tun. Heute unterscheiden sie sich aufgrund der Rassestandards und der Differenzierung der Rassen, das ist eine moderne Erfindung. SPRECHERIN: Im Europa des 19. Jahrhunderts aber ist gerade die Rasse der Hunde zu einem Statussymbol geworden. Der Mops beispielsweise steht beinahe sinnbildlich für die schicken Gesellschaften aus vergangenen Zeiten: Im 18. Jahrhundert gibt es Mops-Gesellschaften, dekorative Mopsfigürchen, Mops-Mythen … SPRECHERIN: … Sogar eine freimaurerische Gesellschaft namens ‚Mopsorden‘ soll ab 1740 für ein paar Jahre in Frankreich existieren, mit Logen im deutschsprachigen Raum und Großmöpsen an der Spitze der Vereinigung. Hier kommt dann wieder eine Mopsfigur ins Spiel, die als Initialisierungsritus auf den Allerwertesten geküsst werden muss. SPRECHER: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts werden Hunde - und vor allem auch Schoßhunde - als Haustiere in Europa immer beliebter. Das schafft zunehmend auch Probleme, da gerade bei ausgesetzten Straßenhunden die damals grassierende Tollwut zur Bedrohung für den Menschen wird. Das damals gängige Erschießen der streunenden Hunde ist eine Herangehensweise, die mit einem großen Aufschrei aus der hundeliebenden Bevölkerung beantwortet wird. SPRECHERIN: Nach der Französischen Revolution kommt im deutschsprachigen Raum außerdem die Sorge auf, dass mit den Immigranten auch ihre Hunde in Massen aus dem Nachbargebiet übersiedeln. In Frankreich sind die Schoßhunde ein Symbol des alten aristokratischen Regimes und wecken Erinnerungen an Marie Antoinettes Luxushündchen. Den vielen Schoßhunden, die dieser Trend mit sich gebracht hat, muss man nun Herr werden und sucht nach Möglichkeiten, die Haltung zu regulieren. Aus Großbritannien kommt schließlich die Idee der Hundesteuer, die sich schnell weiterverbreitet. Auch Krankenhäuser zur Pflege von erkrankten Haustieren entstehen, um den Lieblingen ein langes und gesundes Leben zu ermöglichen. Ein Produkt des aufklärerischen Feingefühls. SPRECHER: Doch zurück in das Land, das in dieser Zeit in Europa berühmt werden wird für seine Schoßhündchen - nach China! 1860, während des zweiten Opiumkrieges, wird der Sommerpalast in China von britischen und französischen Truppen geplündert und zerstört. Dort finden die Soldaten etwas, was zu einem wichtigen Raubgut wird: Schoßhunde. O-TON 8 (vorher 10) – KELSEY GRANGER [And captain John Hartdone discovers a small dog] OV weiblich Kapitän John Hartdone entdeckt im französischen Lager einen kleinen Hund, der aus diesem Palast gestohlen wurde, und schmuggelt ihn den ganzen Weg zurück nach England. Anscheinend hat er in seinem Hut geschlafen. Und der Kapitän präsentiert diesen kleinen Hund Königin Victoria, die ihn „Looty“ nennt, wörtlich „Beute“ oder „Diebesgut“. Sie behält diesen kleinen Hund. Und das ist der Beginn d…

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