Show notes
Sie fressen sich eine dicke Fettschicht an, bekommen ein dichtes Fell, verfärben sich weiß wie der Schnee, ändern ihren Speiseplan, verschlafen Schnee und Eis - oder hauen einfach ab in den Süden. Die Anpassungsmechanismen der Tiere an die kalte Jahreszeit sind so vielfältig wie überraschend. Und viele ihrer Überlebenstricks sind auch für die moderne Forschung hochinteressant. Bernhard Kastner im Gespräch mit dem Biologen Thassilo Franke. (BR 2021) CreditsAutor dieser Folge: Bernhard KastnerEs sprachen: Bernhard Kastner im Gespräch mit Dr. Thassilo FrankeRedaktion: Iska Schreglmann Linktipp: Spannende Berichte über aktuelle Forschung und Kontroversen aus allen relevanten Bereichen wie Medizin, Klima, Astronomie, Technik und Gesellschaft gibt es bei IQ - Wissenschaft und Forschung:BAYERN 2 | IQ - WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG Wir freuen uns über Feedback und Anregungen zur Sendung per Mail an radiowissen@br.de.RadioWissen finden Sie auch in der ARD Audiothek:ARD Audiothek | RadioWissenJETZT ENTDECKEN Das vollständige Manuskript gibt es HIER. Lesen Sie einen Ausschnitt aus dem Manuskript: Thassilo Franke Der Maulwurf schrumpft sein Schädel und sein Gehirn im Winter ein, Thassilo Franke Der Tannenhäher kann bis zu 30.000 Depots anlegen. Thassilo Franke Die Bartmeise hat ihren zarten Insektenfressermagen in eine Getreidemühle umgebaut. Sprecherin ‚Alles Natur – Überwintern‘ - Bernhard Kastner im Gespräch mit dem Biologen Tassilo Franke Bernhard Kastner Doktor Tassilo Franke vom Biotopia Naturkundemuseum in München und ich, wir sitzen gerade im warmen Studio, also 19 Grad warmen Studio, um über den Winter zu sprechen. Der lässt zwar gerade noch etwas auf sich warten, aber dennoch verändert sich die Natur gerade sichtbar gewaltig. Und mit diesen Veränderungen müssen Tiere und Pflanzen jetzt erstmal zurechtkommen. Thassilo Franke Ja, also sie geben schon das Stichwort vor: die Pflanzen. Da wird es ja auch ganz offensichtlich der goldene Oktober, die Bäume lassen ihre Blätter fallen. Jetzt im November hängt kaum noch ein Blatt an den Bäumen. Und das ist ein ganz wichtiger Aspekt, denn es wird kälter, ungemütlicher. Die Tage werden kürzer, es wird dunkler. Aber es ist vor allem auch Nahrungsmangel, der jetzt sehr viele Tiere trifft. Denn Pflanzen sind ja die Basis der Nahrungspyramide, auf die entweder direkt oder indirekt hier alle anderen Tiere angewiesen sind. Und wenn die Pflanzen sich schon im Winter zum Schlafen gelegt haben, dann müssen die Tiere entweder abhauen, das machen die ganzen Zugvögel, oder sie müssen es den Pflanzen gleichtun. Das machen die Winterschläfer, die ihren Stoffwechsel runterfahren. Oder eine andere Variante ist noch, dass sie im Winter dableiben und einfach ihre Lebensgewohnheiten komplett umstellen und sich den widrigen Bedingungen anpassen. Bernhard Kastner Sie haben jetzt gerade die Zugvögel erwähnt. Das sind ja in der Regel auch Singvögel, über die wir hier auch schon mal eine Folge hatten bei Alles Natur. Dieses Phänomen ist ja bekannt. Die Vögel meiden die kalten Gefilde, fliegen ihren Nahrungsquellen hinterher, also Insekten oder Pflanzen, und verlassen unser Land, ihre Heimat, und kommen dann im Frühjahr zurück. Es gibt aber auch Singvögel, die sich anpassen und bleiben. Thassilo Franke Ja, es gibt eine ganze Reihe von Vögeln, die natürlich im Winter hierbleiben. Das sind die sogenannten Standvögel. Und diese haben es natürlich ganz große Herausforderungen zu meistern. Sie müssen zum Beispiel ihren Ernährungsplan komplett umstellen und eben auf die widrigen Bedingungen im Winter anpassen. Und ein Weltmeister des Anpassens ist ein bei uns eigentlich sehr seltener Vogel, die Bartmeise. Das ist ein Vogel, der nur in Röhricht Beständen, also in großen Schilfbeständen, vorkommt, wie man sie an den großen Seen zum Beispiel findet, am Bodensee oder auch am Neusiedlersee in Österreich und Ungarn. Und dieser Vogel hat eine ganz erstaunliche Anpassungsfähigkeit. Und zwar in so einem Röhricht hat man ja im Sommer vielfältigste Insekten. Die ganzen Wasserinsekten zum Beispiel die schlüpfen, die Mücken, die Zuckmücken, die dort herumschwärmen, das heißt die Bartmeise ernährt sich die ganze Vegetationsperiode, die ganze wärmere Jahreszeit, eigentlich ausschließlich von Insekten, also von tierischer Kost. Und jetzt kommt der Winter, und dann ist in so einem Röhricht natürlich, was Insekten betrifft, eigentlich nichts mehr los. Das heißt jetzt hat die Bartmeise ein großes Problem, also entweder zieht sie nach Süden den Insekten hinterher, oder sie bleibt da. Und bei der Bartmeise ist es so die bleibt im Winter da. Die Bartmeise ist ein Standvogel, und Sie ändert ihr Verhalten extrem. Das heißt, man sieht plötzlich Bartmeisen, die das Röhricht verlassen und an Stellen, wo kleine Steinchen rumliegen, anfangen ganz viele Steinchen aufzupicken und füllen ihren Muskelmagen mit bis zu 600 kleinen Steinchen, die alle ungefähr die gleiche Größe haben. Gleichzeitig verdickt sich auch die Magenwand, die Muskulatur im Magen wird stärker, dann die Innenauskleidung des Magens, wird verhornt, richtig hart. Und was geschehen ist, die Bartmeise hat ihren zarten Insektenfressermagen in eine Getreidemühle umgebaut, wirklich eine Mühle. Und ab jetzt ernährt sie sich nämlich so gut wie ausschließlich von den steinharten Samen des Schilfs selbst. Und sie frisst also die Schilfsamen und zermörsert die in ihrem Muskelmagen und kann auf die Art und Weise die Energie aus dem Schilfsamen nutzen, um die Winter zu überleben. Im nächsten Frühjahr, wenn die Insekten dann wieder verfügbar sind und auftauchen, dann baut sich der Magen wieder um. Der Vogel, man weiß gar nicht genau, wie er es macht, also entweder würgt er die Steine aus seiner Getreidemühle wieder aus, oder scheidet die über den Kot aus. Das hat man noch nicht erforscht. Zumindest hat man festgestellt, dass im Sommer nur noch ganz wenige Steinchen im Magen übrigbleiben, um eben die harten Chininteile der Insekten zu zermahlen. Aber man hat hier also eine unglaubliche Anpassungsfähigkeit eines kleinen, ganz besonderen Vogels. Es gibt aber auch ganz große Vögel, nämlich genau genommen unser größter Waldvogel überhaupt, den wir haben. Das ist der Auerhahn. Und der Auerhahn ist auch ein Spezialist, der sich im Winter komplett umbaut. Und zwar betrifft es auch den Verdauungstrakt. Der Auerhahn hat ja, wie viele überwiegend sich von pflanzlicher Kost ernährende Vögel sehr große Blinddarmsäcke. Das sind paarige Säcke im Verdauungstrakt, oder Schläuche muss man fast sagen, die im Winter enorm wachsen. Weil nämlich der Auerhahn sich im Sommer überwiegend von frischen, saftigen Blättern und Trieben ernährt und auch von Früchten und auch ein bisschen Insekten und tierische Kost zu sich nimmt und im Winter seine Ernährung komplett auf Nadelbaumnadeln umstellt. Er frisst gerade im Gebirge fast ausschließlich Fichtennadeln, die sind derb, die sind reich an Tanninen, die sind sehr schwer zu verdauen. Und da braucht er eben dann diese großen Blinddarmsäcke, in denen ein ganz eigenes Mikrobiom sich auch entwickelt, was im Stande ist, diese schwer verdauliche Kost im Winter abzubauen und die Energie dem Auerhahn verfügbar zu machen. Aber die Veränderungen beim Auerhahn, die beschränken sich nicht nur auf den Verdauungstrakt, sondern auch auf die Füße. Die Füße spielen eine ganz besondere Rolle, weil nämlich die der Gruppe der Hühnervögel, zu dem der Auerhahn gehört, auch ihren Namen gegeben haben, nämlich die Raufußhühner. Und die Füße sind im Winter anders als im Sommer. Die sind rauer, das bezieht sich auf die Zehen, weil nämlich links und rechts an den Seiten der Zehen wachsen ihnen im Winter, bei der Winter Mauser, lange Stifte heraus, also so stiftförmige Gebilde, die Zehen sehen aus, als wären sie seitlich mit Kämmen versehen. Und auf diese Art und Weise vergrößert sich die Oberfläche der Auftrittsfläche und der Auerhahnfuß wandelt sich kurzerhand in einen Schneeschuh um. Bernhard Kastner Unglaublich also, daß finde ich faszinierend. Gibt es denn da auch das Gegenteil, also Vögel, ich sage es jetzt mal ganz salopp, die den Winter cool finden und gern bei uns bleiben. Thassilo Franke Ja, die gibt es auch bei den Vögeln. Es ist ja meistens gar nicht so sehr die niedrige Temperatur oder die Dunkelheit, die ihnen zu schaffen macht. Vögel sind Warmblüter, so wie wir auch. Bei denen ist es hauptsächlich die Verfügbarkeit von Nahrung. Es gibt also für die meisten Vogelarten im Winter kaum was zu fressen. Anders verhält es sich aber bei einer Vogelart, nämlich dem Fichtenkreuzschnabel, der sich fast ausschließlich von den Sämereien von Nadelbäumen ernährt. Und diese Samen der Fichte, die bilden auch ein Hauptteil des Futters, was er an seine Jungen verfüttert. Und deswegen ist der Fichtenkreuzschnabel einer der wenigen Vögel, die bei uns auch mitten im Winter brüten. Es hängt immer ganz davon ab, wie die Zapfen, also die Verfügbarkeit von Fichtenzapfen aussieht, Fichtenzapfen, die reifen ja sehr spät im Jahr, also erst im Spätsommer, Frühherbst, und entlassen ihre Samen immer nur bei günstiger Witterung, wenn die Zapfen Schuppen aufgehen und die Samen rausfallen können. Und da ist es so, dass viele Zapfen dann häufig mitten im Winter aber noch nicht entleert sind, noch viele Samen enthalten, vor allem in den Hochlagen. Und dann ist die Zeit gekommen, dass der Fichtenkreuzschnabel sein Nest baut und seine Jungen, seine Eier legt. Und wenn die Jungen dann schlüpfen, es ist wirklich so massiv, dass die teilweise auch richtig mitten im Schnee diese kleinen, nackten Jungvögel haben, die Küken und die Nestlinge. Und wenn die Eltern dann auf Futtersuche sind, dann gehen die in einen Ruhezustand über, also in ein Torpor, eine Art Kältestarre. Und wenn dann der Altvogel mit Fichtensamen gefülltem Kropf zum Nest zurückkommt, dann muss er seine Jungen erst mal wieder auf Betriebstemperatur bringen. Er rudert die dann an, und es dauert nicht lange, und dann kann er die mit den Fichtennadeln füttern. Es gibt aber auch einen anderen Winterfreund unter unseren heimischen Vögeln, wobei wenn man heimisch sagt, muss man vorsichtig sein, weil der Vogel war ja ausgerottet. Die Rede ist vom Bartgeier. Sie kennen sicher noch diese Diskussion über den Bartgeier Wally. Es ist einer von diesen im Nationalpark Berchtesgaden ausgesetzten Bartgeiern, der leider nicht überlebt hat. Aber beim Bartgeier ist es so, dass er auch mitten im Winter anfängt zu brüten. Und zwar legt er schon Ende Dezember, Anfang Januar schon seine beiden Eier ins Nest. Er stellt es genauso ein, dass die Jungen dann so ungefähr im März aus den Eiern schlüpfen, also ganz früh im Jahr schon. Das ist die Periode der Schneeschmelze in den Bergen. Und wenn der Schnee schmilzt, dann kommen die ganzen Leichen zum Vorschein von abgestürzten Gämsen, Steinböcken, alles, was den Winter in den Bergen nicht überlebt hat. Da ist der Tisch für den Bartgeier besonders reich gedeckt. Und dann ist eben auch die Verfügbarkeit der Nahrung optimal, ähnlich wie beim Fichtenkreuzschnabel, und der Bartgeier hat beste Voraussetzungen, um seine Brut durchzubringen. Bernhard Kastner Also bei all dem, was sie da erzählen, ich sehe schon, ich wäre eher so der Ab-in-den-Süden Zugvogel, aber da ist ja bekanntlich jeder anders. Jetzt haben aber nicht alle Tiere die Möglichkeit, wie ein Vogel abzuhauen. Die größeren Tiere zum Beispiel, die Amphibien, oder die Wildtiere wie die Rehe oder die Hirsche, die müssen ja hierbleiben. Thassilo Franke Ja, da gibt es eine unglaubliche Vielzahl von Überwinterungstricks die diese Tiere beherrschen. Einer dieser Tricks ist zum Beispiel auch weit bekannt, dass ist die Veränderungen der Fellfarbe, es gibt also viele Tiere, wie zum Beispiel das Schneehuhn, oder auch bei den Säugetieren, den Schneehasen oder der Hermelin oder das Mauswiesel in unseren Breiten, die im Sommer eine braune Fellfarbe haben und die einen Fellwechsel durchmachen. Und dann ist das Winterfell oder das Wintergefieder weiß, was ja auch Sinn macht, wenn wir eine geschlossene Schneedecke haben, weil natürlich so ein weißer Hase oder ein weißes Schneehuhn weniger auffällig ist und von seinen Feinden nicht gesehen werden kann. Oder wie bei zum Beispiel beim Hermelin, der auch von seiner Beute nicht so leicht erkannt wird wenn er dort im Schnee sitzt. Jetzt ist es aber so, dass durch den Klimawandel natürlich eine geschlossene Schneedecke in weiten Gebieten eben eher eine Seltenheit darstellt. Und das wird zu einem großen Problem für diese Tiere, weil sie nämlich dann plötzlich mit ihrem weißen Fell eigentlich richtig wie so ein Signal herausleuchten aus dieser braunen, verwelkten Grasdecke und von Beutegreifer leicht entdeckt werden können. Und das ist wirklich ein Problem, da gibt es auch eine Studie dazu. Und es gibt Gebiete wie zum Beispiel in Irland, wo der Schneehase zwei Morphen hat, man nennt es polymorph, es gibt Schneehasen, die im Winter weiß werden, und im gleichen Gebiet kommen Schneehasen vor, die im Winter braun bleiben. Da wurde entschieden, dass solche Gebiete, wo man beide Formen hat, besonders schützenswert sind, weil von diesen Gebieten sich eine Population entwickeln kann von Tieren, die anpassungsfähig ist. Das heißt wenn es dann wirklich keinen Schnee mehr gibt, in Irland zum Beispiel, dann kann der Braune, die braune Form des Schneehasen, einfach dominant werden. Und die Population bleibt erhalten. Oder wenn es, was sehr unwahrscheinlich ist, kälter werden sollte, würde dann eben die weiße Form dominant werden und erhalten bleiben. Solche Mischpopulationen gibt es relativ wenige. Da ist der Appell der, dass man genau die Gebiete, in denen diese Mischpopulationen vorkommen, besonders schützen muss. Bernhard Kastner Dann würden sich quasi diese Tiere dem Klimawandel anpassen und würden quasi wieder zu ihrer natürlichen, braunen oder wie auch immer gefärbten Fellformen zurückkehren. Thassilo Franke Ja, genau so ist es. Bernhard Kastner Also dieses Phänomen mit dem Fellwechsel, dass kennt jeder, der auch ein Haustier besitzt, wie zum Beispiel einen Hund oder eine Katze. Die verändern zwar nicht die Farbe, aber die bekommen ja auch, wenn der Herbst beginnt, verlieren sie ihr Sommerfell, bekommen ein Winterfell, bekommen mehr Unterwolle. Dann finden wir noch mehr Haare in der Wohnung zur Freude Aller. Aber diese Tiere, die müssen sich jetzt wärmen für den Winter. Die müssen sich nicht von der Ernährung groß umstellen, dafür ist der Mensch zuständig. Was machen denn die großen Säugetiere wie zum Beispiel das Reh? Die kriegen zwar auch bestimmt ein dickeres Fell, aber wie gehen die mit der Ernährung um? Thassilo Franke Ja, genau für die großen Wildtiere bedeutet es natürlich auch, dass sie einen Fellwechsel durchmachen müssen, weil sie ja auch eine bessere Isolierung brauchen, wenn es draußen kalt ist. Aber ähnlich wie bei den Vögeln, über die wir vorher gesprochen haben, ist auch so, dass viele unserer heimischen Wildtiere ihre Verdauung komplett umstellen müssen. Und das betrifft auch das heimische Reh. Das Reh ist ein sogenannter Konzentratselektierer. Es ist ein Äser, das in erster Linie saftiges Laub äst, und saftiges Laub ist im Winter eher Mangelware. Und das Reh reagiert eben auf diesen Nahrungsmangel, indem es seinen Pansen, also seinen Gärmagen, vom Volumen her deutlich verkleinert. Und auch die Oberfläche des Magens wird stark verkleinert, der ist vor allem am Dach mit einem Pelz aus Zotten ausgestattet, um die Oberfläche zu vergrößern. Und diese Zotten, die werden auch kleiner, und so ein Rehpansen, der verkleinert seine Oberfläche um 30 bis 40 Prozent im Winter. Das Reh ist dadurch angehalten, sich möglichst wenig zu bewegen, ruhig zu sein, möglichst wenig Energie zu verbrauchen und gerade Rehe, die in Wäldern vorkommen, indem es viel Brombeergestrüpp gibt, die auch im Winter noch ihre Blätter dran haben, die finden dort genug Nahrung, um einigermaßen gut über den Winter zu kommen. Bei Förstern ist es häufig so oder auch bei…
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